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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Es ging schon nahe an Mittag, durch die Jalousien fiel ein goldener Frühlingstag, als Carlo erwachte.

Spät erst im Morgengrauen war er heimgekommen. Eine neue Freundin, Germaine de Vermaingaut, und er hatten einen Ausflug nach Rodaun gemacht, fast bis Mitternacht waren sie draußen geblieben, die mondbeglänzte, linde Frühlingsnacht hatte sie berauscht. Und hier, in diesem Raum, hatte sie dann bis vier Uhr morgens noch geweilt. In allen Winkeln echote noch ihr silbernes Lachen. Dann hatte er sie nach Hause geleitet. Um diese Stunde aber saß sie wohl schon im Expreß nach Konstantinopel.

Was war diese Frau für ein herrliches Weib! Eine süße Hexe, der er rettungslos verfallen war. Er wußte es, und in den Stunden, da er frei von dem unmittelbaren Einfluß ihrer Persönlichkeit war, erschrak er oft darüber.

Die Baronin de Vermaingaut war die Gattin eines französischen Legationsrates, der dem Ministerium des Äußeren zugeteilt war und in dessen Ressort die Inspektion der osteuropäischen und kleinasiatischen Konsulate fiel. Einen großen Teil des Jahres weilte er daher fern von Paris auf Reisen und traf sich mit seiner Gattin nur zeitweilig in irgend einer großen Stadt, die auf dem Wege zwischen dem Orient und Paris lag. So hatte er mit ihr seinerzeit in den ersten Tagen des März ein Rendezvous in Wien gehabt. Über seinen Aufenthalt hinaus war Germaine noch vierzehn Tage geblieben, die sie Carlo geschenkt hatte. Mitte April war Carlo dann zu ihr nach Paris zu einem achttägigen Besuch gefahren. Und nun hatte sie wieder fast zwei Wochen in Wien geweilt.

Ja, er erschrak mitunter, wenn er an diese Liebe dachte. Denn in nüchternen Momenten bedrängte ihn die Frage: Wohin rollt mein Schicksal? Keinen anderen Gedanken hatte er mehr als den an Germaine, die ihm im Blute lag, wie keine Frau zuvor. War er mit ihr zusammen, so verschlang ihn ganz seine Leidenschaft, war er fern von ihr, verzehrte ihn die Sehnsucht. Aber es war Zeit, an eine Zukunft zu denken, eine bürgerliche Existenz sich aufzubauen. Schließlich war er auch schon übersättigt des Libertinerlebens, das er nun bereits bald vier Jahre führte. Sah er doch auch in seinem Kreise, wie einzelne, die besseren Elemente, in andere Bahnen einlenkten. Aber wie sollte ihm das gelingen, solange er in den Fesseln von Germaine schmachtete ...?

Es war ihm etwas katzenjämmerlich jetzt zumute.

Er erhob sich aus dem Bett und läutete Franz, damit ihm dieser ein erfrischendes Bad richte. Auf einem Tablett reichte ihm der Diener die Post, verschiedene Briefe und ein Telegramm.

Die Depesche war von der Wirtschafterin Wendrichs, der Professor sei schwer erkrankt und Carlo möge sofort nach Graz kommen.

Zeller war nach dem Ton des Telegramms nicht im Zweifel darüber, daß es sich um die Auflösung des alten Herrn handle.

Mit dem nächsten Schnellzug reiste er. Als Carlo im Hause Wendrichs eintraf, lag dieser bereits in Agonie. Er erkannte das Mündel nicht mehr.

Gegen Morgen hatte Adalbert Wendrich noch einige lichte Augenblicke, in denen er Carlo ermahnte, dem Namen seines Vaters keine Schande zu bereiten und ein rechter Mann zu werden. Mit Tränen in den Augen gelobte Carlo dem Alten und sich, diese Ermahnungen endlich zu beherzigen.

Zwei Tage später trugen sie Professor Wendrich zu Grabe.

Einem Grazer Advokaten übertrug Carlo die Abwicklung seiner Angelegenheiten. Da er von seinem vierundzwanzigsten Geburtstag nicht mehr weit entfernt war, wollte er es erreichen, daß er bereits für majorenn erklärt und ihm sein Vermögen ausgefolgt werde.

Nach Wien zurückgekehrt, fand Carlo zahlreiche Beileidsbriefe vor. Ein Brief von Frau Oberst Ortner und ihrer Tochter Lisl war darunter, in dem ihm Lisl zum Schlusse vorwurfsvoll fragte, warum er sein Versprechen, sie zu besuchen, nicht gehalten habe.

Irgendwie warm und wohl wurde ihm bei dem Gedanken an dieses frische, blankäugige Mädel. Aber dann fiel sein Blick auf die Photographie von Germaine de Vermaingaut dort über seinem Bett im Silberrahmen und schnell waren die Farben der Erinnerung an Lisl verblaßt.

Aber auch geschäftliche Briefe hatte er vorgefunden. Herr Friedrich Herlinger, bei dem er mit einer ziemlich großen Summe hing, mahnte nun, es mahnte der Juwelier Jönig, dessen Bekanntschaft Kehlhausen vermittelt hatte, und der erst vor mehreren Wochen nicht auf die selbstloseste Weise Carlo aus der Klemme geholfen hatte, es mahnten Lieferanten und Professionisten. Carlo nahm einen Bleistift und machte eine Aufstellung aller seiner Verbindlichkeiten. Es ergab sich, daß er ein gut Teil seines Vermögens aufgebraucht hatte. Nach dieser niederschmetternden Erkenntnis stand es für Carlo nunmehr fest, daß er, wenn er ein jämmerliches Ende vermeiden wollte, mit aller Kraft schleunigst daran gehen mußte, seine Studien zu beendigen und sich nach einer Stellung umzusehen.

Er suchte einen stadtbekannten Einpauker auf, mit dem er einen Arbeitsplan für die nächsten Monate entwarf, und bei dem er die Skripten jener Vorlesungen entlehnte, die er versäumt und über die er die nächste Prüfung abzulegen hatte. Gleichzeitig ließ er sich in einen Ausbildungskurs einer Handelsschule einschreiben.

Es brach nun für ihn eine Zeit ernster Tätigkeit an. Nicht leicht fiel es ihm mehr, zu lernen. Sein Gehirn war dieser Beschäftigung entwöhnt, sein ganzes Denken undiszipliniert und fahrig, es fehlte ihm an Konzentration. Aber ein glücklicher Zufall wollte es, daß er in den nächsten Wochen so ziemlich sich selbst überlassen blieb, daß sich ihm keine Ablenkung, keine Verführung bot. Ein besonders heißer Sommer war hereingebrochen, früher als sonst hatten heuer seine Freunde die Großstadt verlassen. Carlo saß bei heruntergelassenen Jalousien im Arbeitszimmer, plagte sich mit Paragraphen und suchte das Wesen der doppelten Buchführung zu erfassen. Wie ein Asket verscheuchte er die verlockenden Gebilde, die seine Phantasie über Lehrbücher und Gesetzessammlungen hinweg vor ihm gaukeln ließ: Sommertage irgendwo am Meer oder in den Dolomiten, Sommertage in heiterer Gesellschaft, aus der die kleine zarte Gestalt der Baronin de Vermaingaut immer am deutlichsten hervorsprang.

Gegen Ende November hatte er den Handelskursus absolviert und konnte mit erträglichem Erfolg die Prüfung ablegen. Mit dem Jus jedoch wollte es gar nicht vorwärts gehen. Hier handelte es sich um eine Materie, die er nur schwer seinem Gedächtnis einverleibte und noch schwerer behielt. Immer öfter stellte er sich die Frage, ob er mit diesem qualvollen Büffeln nicht doch nur seine jetzt so überaus kostbare Zeit verliere. Und als ihm selbst sein Einpauker von der Fortsetzung der juristischen Studien abriet, gab er sie schweren Herzens endlich auf.

Sehr mißmutig, unzufrieden mit sich und der Welt, war Carlo in diesen Tagen. Es war ein Wunsch seines verstorbenen Vaters gewesen, daß der Sohn einen akademischen Grad erreiche, und auch ihm selbst, Carlo, hätte es geschmeichelt, den Doktortitel tragen zu dürfen. Fast beschämt mied er in dieser Zeit sogar das Zusammentreffen mit seinen engsten Freunden.

An einem trüben Wintertag aber hatte er eine Begegnung, die ihn wieder aufrichtete und aus seiner Apathie riß. Er traf nämlich, als er gedankenverloren in der Dämmerung über die Mariahilferstraße schlenderte, Lisl Ortner. Fast hätte er sie in ihrem braunen Winterkostüm, einem billigen Fuchs, der sie aber sehr gut kleidete, um den Hals, nicht wiedererkannt.

Sie aber trat ihm in den Weg und sprach ihn an: »Halten Sie alle Ihre Versprechungen so, Herr Zeller? – Gar nicht schön haben Sie sich gegen uns benommen, gar nicht schön.« Und sie schmollte noch ein wenig und verzog das Mäulchen, aber bald war sie versöhnt.

»Kommen Sie doch in ein Kaffeehaus und lassen Sie uns gemütlich plaudern,« lud er sie ein.

»In ein Kaffeehaus? Wenn uns jemand miteinander sieht, ist die Tratscherei fertig. Und um acht Uhr muß ich zu Hause sein, spätestens, sonst ist Mama besorgt,« zögerte sie.

»Haben wir zwei vor den anderen etwas zu verbergen? Um acht Uhr bringe ich Sie nach Hause, und wenn Sie erlauben, sage ich Ihrer Frau Mama noch guten Abend.«

»Das ist etwas anderes!« Sie folgte ihm in ein nahes Kaffeehaus, wo sie sich in einer Fensternische niederließen.

Geradezu der liebe Himmel mußte ihm die Lisl Ortner in den Weg geschickt haben. Sein übervolles Herz eröffnete sich ihr, natürlich und frei gab er sich, und aus dem Gefühl heraus, zu einer anteilfähigen Seele zu sprechen, vertraute er ihr, als wäre sie sein bester Kamerad, seine Kümmernisse an. Aufmerksam hörte sie ihm zu, und erst als er geendigt hatte, ergriff sie das Wort, um ihn zu trösten, ihm Mut zuzusprechen, über seine Gegenwart ein freundliches Licht zu breiten. Bis er wirklich wieder von Vertrauen und Hoffnung erfaßt wurde. Er war in praktischen Dingen eigentlich recht unerfahren, sie aber hatte die Weisheit des braven Hausmütterchens. Sie gab ihm Ratschläge, wie er seinen Haushalt einrichten solle, um weiter behaglich und doch nicht so kostspielig zu leben.

»Was brauchen Sie denn einen Diener, Herr Zeller? Genügt es Ihnen nicht, wenn Ihnen die Hausbesorgerin aufräumt und die Wohnung in Ordnung hält. Und ein Zimmer sperren Sie halt ab, große Gesellschaften geben Sie jetzt ohnehin nicht. Sie müssen sich das jetzt gut einteilen mit Ihrem Geld, damit es so lange vorhält, bis Sie zu einer einträglichen Stellung gelangt sind.«

Und während sie so sprach, ihn anblickte und belehrte, schaute er sie an und freute sich an dieser Erscheinung voll Gesundheit und Anmut und Keuschheit. Als sie aber diesen Blick der Bewunderung fühlte, wurde sie etwas unsicher und errötete.

Sie blickte auf die Uhr: »Oh, jetzt heißt's aber eilen,« sagte sie und erhob sich.

Die Ortners wohnten ziemlich weit draußen, in der Mariahilfer Vorstadt, in der Stumpergasse. Eine Zeitlang ging Carlo schweigend neben Lisl her. Und plötzlich sagte er ganz aus seinen Gedanken heraus: »Wissen Sie, Fräulein Lisl, das ist doch wunderbar: verbummelt und materiell recht bedrängt und stellungslos, wie ich jetzt bin, habe ich doch manchmal das Gefühl, daß ich die Bestimmung zu irgend etwas Besonderem, zu irgendeiner – lachen Sie mich nicht aus – irgendeiner Tat habe. Ich habe gerade in den letzten Wochen, wo ich mich sozusagen zu mir zurückfand, Momente gehabt, in denen die Erkenntnis über mich kam, daß dieses Leben, das ich bis vor kurzem gelebt, gar nicht das meinige, gar nicht das mir gehörige ist, und daß ich ganz, ganz andere Bahnen zu gehen habe. Welche Bahnen freilich, das weiß ich nicht.«

»Sie müssen eben jetzt warten, bis das Schicksal Ihnen einen Wink gibt,« sagte sie.

»Und Sie, liebes Fräulein Lisl, möchten Sie auch ein bißchen aufpassen und neben mir stehen, damit ich solch einen Wink nicht übersehe?« fragte er sie impulsiv.

Sie gab ihm keine Antwort und blickte zu Boden. Aber als er jetzt nach ihrer Hand faßte und sie drückte, erwiderte sie leise diesen Druck.

Frau Oberst Ortner nahm ihn trotz der späten Stunde auf ihre ungezwungene und herzliche Art auf und nötigte ihn, zum Abendbrot zu bleiben, das sie zu viert, am unteren Ende des Tisches die kleine Elly, ein schlanker, hübscher Backfisch mit kurzgeschorenem Haare, einnahmen.

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