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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dezember war gekommen. Fröhlich schwamm Carlo im alten Fahrwasser. An der Seite der Salagna, umgeben von seinen Freunden, setzte er das Leben von ehedem fort, immer flotter und ungezügelter.

Lisl Ortner, zu der seine Gedanken anfangs häufig in unbestimmter Sehnsucht zurückgekehrt waren, auch sie war vergessen oder beinahe vergessen. Nur verblaßt tauchte noch hie und da ihr Bild vor seinem inneren Auge auf, wenn er irgendwo einem hübschen, blonden Mädel begegnete, das ihr ähnelte.

Natürlich befand er sich wiederum in Geldkalamitäten. Diesmal brauchte er jedoch nicht mehr die Hilfe Ströbls: Er suchte allein Herrn Friedrich Herlinger auf, mit bedeutend sichererem Auftreten denn damals, und da er sich als pünktlicher Zahler erwiesen hatte, gelang es ihm nicht allzu schwer, neuerlich ein ziemlich beträchtliches Darlehen zu erlangen. Seine Beziehungen zur Salagna stellten an sein Portemonnaie eben große, allzu große Ansprüche. Nicht, weil die Sängerin Geschenke von ihm gefordert hatte. Doch die Bereitwilligkeit, mit der sie sie annahm, zeigte, daß sie solche erwartete. Und wenn auch seine Gefühle für Beate Salagna bereits im Abflauen begriffen waren, ihre Künstlerinnenlaunen und ihre nervöse Art bereits manche heftige Szene zwischen ihnen hervorgerufen hatte, so war er doch zu eitel, von seinem viel beneideten Platz neben der bekannten Soubrette abzutreten.

Er sah sich daher nach einer Einnahmequelle um und griff zu jenem Auskunftsmittel, das den Menschen seines Kreises sich am leichtesten darbot; er begann zu spielen. Und zwar anfangs mit Glück. Er riskierte nicht viel und begnügte sich mit dem bescheidenen Gewinn, der ihm gerade gestattete, sich über Wasser zu halten.

Just das Spiel aber war es, was ihn schließlich mit der Salagna entzweite. Er begann nämlich, sie zu vernachlässigen. An einem Redoutenabend im Februar kam es zum Bruch zwischen den beiden. Die Salagna erwartete Carlo nach der Vorstellung in ihrer Garderobe, sie wollten zusammen eine Redoute, ein Glanzfest der Saison, besuchen. Sie wartete vergebens. Längst war das Theater leer, die Kollegen und Kolleginnen hatten sich entfernt, Carlo aber ließ sich noch immer nicht blicken. Beate telephonierte in den Klub und erhielt durch den Diener den Bescheid, Herr Zeller könne im Augenblick das Spiel nicht abbrechen, da er die Bank halte, er bitte, das Fräulein möge ihn abholen. Übel gelaunt, erschien Beate im Klub, wo man sie sich einige Minuten im Empfangszimmer zu gedulden ersuchte. Es verging aber wieder eine hübsche Weile, ehe Carlo kam.

Ganz fahl war sein Gesicht, als er eintrat, was bei seinem brünetten Teint sehr häßlich, beinahe aschgrau wirkte. Die Salagna empfing ihn mit den heftigsten Vorwürfen wegen seiner Rücksichtslosigkeit. Carlo, desgleichen in großer Erregung, erwiderte, sie sei schuld daran, daß er eben eine große Summe verloren habe, denn er sei ihrethalben nervös gewesen und habe unaufmerksam gespielt.

»Ja, wer schafft dir denn überhaupt zu spielen?« fuhr sie ihn an. »Laß lieber deine Hände von den Karten.«

»Wer mir zu spielen schafft?« brauste er auf, und mit zornblitzenden, tierisch rollenden Augen schleuderte er ihr entgegen: »Für dich spiele ich!«

Die Salagna, die sich vor seinem wilden, so ganz veränderten Aussehen beinahe fürchtete, trat unwillkürlich einen Schritt zurück: »Für mich? Dann brauchst du in Zukunft keine Karte mehr anzurühren. Ich will nicht dabei die Hand im Spiel haben, wenn ein unreifer Junge sich um sein bißchen Geld und, wie mir scheint, auch Verstand bringt. Wir beide sind fertig, adieu.«

Sie rauschte hinaus und ließ Carlo verblüfft und ziemlich beschämt zurück. Im ersten Augenblick wollte er ihr nacheilen. Aber gleich besann er sich. Nun war wenigstens ein Ende da! dachte er mit Gefühlen der Erleichterung. Mancherlei Verpflichtungen, gesellschaftlicher wie auch pekuniärer, war er nun ledig. Geradezu befreit atmete er auf, und die leise Wehmut, die ihn denn doch anwandeln wollte, verscheuchte er schnell mit dem Gedanken an neues Erleben, neue Abenteuer. Nur kurz schwankte er, ob er in das Spielzimmer zurück oder auf den Ball sollte. Er entschied sich, gleich jetzt, heute abend noch, die neue Freiheit zu genießen.

*

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