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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 7
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Die kleine Kapelle in der Hall des Lido-Palace-Hotels spielte einen Valse lente. Es war nach der Souperstunde, die Gäste saßen plaudernd und Eisgetränke schlürfend in Korbstühlen und Klubfauteuils, die Damen in großer Toilette und schmuckbehangen, die Herren im Frack. Draußen blaute eine sternenklare Sommernacht und es rauschte leise das Meer.

In der Mitte der Hall tanzte ein einziges Paar, dem alle Blicke bewundernd folgten: Beate Salagna im Arm Carlo Zellers. Die Salagna, eine rassige und schlanke Brünette, geschmeidig wie eine Katze, und Carlo Zeller waren unstreitig das beste Tänzerpaar im Hotel. Immer wieder mußten sie sich auf allgemeines Verlangen produzieren, und wenn die beiden zum Tanze antraten, zum biegsam schwebenden Boston, zum temperamentvollen Matschitsche, zum grotesken Cakewalk, verschwanden die anderen Paare ganz von selbst von der Bildfläche.

Und während man ringsum wieder dem schönen Paare folgte, raunte man sich wie sonst die Frage zu: »Ist sie seine Geliebte?«

Nein, Beate Salagna gehörte noch immer nicht Carlo an, obzwar dieser sie täglich heißer umwarb und bestürmte. Aber eine Beate Salagna war nicht so leicht zu erobern. Sie war kokett und raffiniert, und wenn sie in der einen Stunde Carlo so bevorzugte unter allen ihren Kavalieren, daß er meinen mußte, bereits am Ziel seiner Wünsche zu sein, benahm sie sich in der nächsten wieder so kühl und abweisend, daß er an ihr irre wurde. Nach Ansicht jener jedoch, welche die Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden mit Spannung verfolgten, und dies war ungefähr das gesamte übrige Hotelpublikum, hatte Carlo Zeller wohl die meisten Chancen. Zweifellos größere als der Kapitän Alberto Alberti, der zu den hartnäckigsten und glühendsten Verehrern der Sängerin gehörte, ein häßlicher, kleiner, breitschulteriger Mann, mit einem schwarzen, gestrählten Schnurrbart, einer platten, kurzen Nase und dem starken Gebiß und vorspringenden Unterkiefer eines Raubtieres. Er war von jenem Typus brutaler Männlichkeit, dem sonst bei Frauen ein leichter Triumph beschieden ist, und er haßte den jungen, hübschen Wiener, der ihm diesmal den Sieg so erschwerte.

Der Walzer hatte geendigt. Das Paar, dem stürmisch zugeklatscht wurde, kehrte an seinen Tisch zurück. Dort saß beim Champagner eine größere Gesellschaft: der Kapitän, Clemens von Ströbl, Guido Kehlhausen, auch ein Klubfreund Carlos. Liane Lenoir, eine Pariser Schauspielerin, die sich Ströbl erobert hatte, Felix Freiherr von Rheinsperg, ein älterer, weißhaariger, distinguierter Herr, Lebemann und Rennstallbesitzer aus Hamburg, sein Neffe Walter Rheinsperg, Ulanenoberleutnant aus Bamberg. Miß Elinor Pearson, die berühmte Flammentänzerin, Fedor Obolensky, ein dicker Gutsbesitzer aus der Krim. Man besprach die gleichgültigen Ereignisse des Hotellebens, entwarf Vergnügungs- und Ausflugspläne für die nächsten Tage: »Ich schlage für morgen abend einen Ball im Freien vor,« rief Liane Lenoir, eine lebhafte, zierliche Blondine.

»Verschieben Sie doch diesen Ball auf übermorgen,« bat Kapitän Alberti. »Morgen abend findet das Souper des Turnier-Komitees im ›Danieli‹ statt, dem ich beiwohnen muß. Auch Herr Zeller dürfte kaum dabei fehlen, nicht wahr?« wandte er sich mit erzwungener liebenswürdiger Miene an Carlo.

Carlo hatte beim internationalen Fechtturnier mitgetan und einen Preis errungen: »Jawohl, auch ich bin beim Souper,« gab er Auskunft, um sodann mit dem alten Baron Rheinsperg ein Gespräch fortzusetzen.

Felix von Rheinsperg, der eine offenkundige Zuneigung zu Zeller gefaßt hatte, flüsterte diesem zu: »Man könnte erschrecken, wenn man die haßerfüllten Blicke sieht, mit denen Sie der Kerl drüben streift, wenn er sich unbeobachtet glaubt. Aber man weiß ja, daß Sie den Säbel zu führen verstehen und keine Furcht kennen.«

Carlo zuckte verächtlich lächelnd die Schulter: »Er soll kommen, wenn es ihm paßt.« Gerade erhoben sich die übrigen, um, einer Anregung von Miß Pearson folgend, noch eine Weile am Strand zu lustwandeln. Ein Blick aus den Augen der Salagna rief Carlo an ihre Seite. Zwischen ihm und dem Kapitän schritt sie zum Hoteltor hinaus, in die laue Mondnacht, an dem hünenhaften, fast gutmütig grinsenden Niggerportier vorbei, der devot die Kappe zog.

Bald gesellte sich Clemens von Ströbl zu den dreien. Er verwickelte den Kapitän in ein angeregtes Gespräch, und wenn Ströbl und Alberti schließlich einige Schritte zurückblieben, so war dies nicht bloßer Zufall. Ströbl war stets bestrebt, Zeller zum ungestörten Alleinsein mit der Sängerin zu verhelfen.

Carlo und Beate verschwanden hinter der nächsten Kabine. Arm in Arm schritten sie über den tiefen, weichen Sand, der unter ihren Füßen wie ein dicker Teppich nachgab. Eine leichte Brise kräuselte das silberglänzende Meer. Weit draußen am Horizont standen unbeweglich, als schwarze Silhouetten in die Nacht ragend, einige Fischerbarken.

Von dem Hotel her trug der Wind die Klänge des Monte-Christo-Walzers.

Immer fester preßte Carlo den Arm Beates an sich, was sie schweigend und lächelnd duldete. Sein Gemüt befand sich in heftiger Erregung, aber er sprach kein Wort. Oft und oft schon hatte er ihr seine Liebe in solchen Minuten zu Füßen gelegt und Beate um Erhörung angefleht – jedesmal hatte sie ihn mit leisem Spott schließlich zur Vernunft gemahnt. Nun war ein wilder Trotz in ihm, und die Angst, ihre Kühle könnte ihn zu törichten Reden fortreißen. Denn er kannte und fürchtete seine Natur, die, gereizt, der unbedachtesten Ausdrücke fähig war.

Nach einer Weile meinte sie: »Ich finde, daß wir uns jetzt genug ausgeschwiegen haben.«

»Mein Herz ist zu voll, als daß ich reden könnte. Warum quälen Sie mich so, Beate?«

»Quäle ich Sie?« fragte sie in einem kokett spöttischen Ton, der Carlo schon zur Verzweiflung trieb. »Vielleicht quälen Sie sich selbst, weil Sie sich Dinge in den Kopf setzen, die nicht so leicht zu erreichen sind.«

»Nicht so leicht? – Mögen sie auch schwer zu erreichen sein, ich habe nun einmal den Willen, sie zu erreichen!«

»Vielleicht sind sie überhaupt nicht zu erreichen!« sagte Beate frostig.

Er blieb stehen: »Vouloir c'est pouvoir, sagten Sie mir dies nicht selbst, als Sie von Ihrer traurigen Jugend erzählten, von Ihren Kämpfen, von den Schwierigkeiten Ihres Aufstieges? Erlauben Sie mir, daß dies auch mein Wahlspruch sei.« Und mit einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung riß er sie an sich, und ehe sie sich wehren konnte, hatte er sie umfaßt und küßte sie.

Seine Küsse aber, diese heißen, flehenden, ungestümen Jünglingsküsse, entflammten auch sie. Sie küßte ihn wieder, blieb schwach mit geschlossenen Augen und heftig wogendem Atem in seinem Arm.

Nahende Schritte rissen die beiden aus ihrer seligen Versunkenheit. Beate richtete sich auf. Sofort hatte sie ihre spöttische Haltung wieder gefunden, oder sie tat wenigstens so: »Sie sind sehr frech, mein lieber Freund. Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, daß Sie einen Augenblick der Schwäche bei mir erwischt haben.«

Carlo aber, der den falschen Ton heraushörte, lachte glücklich auf: »Doch, ich bilde mir etwas ein,« entgegnete er vergnügt, »denn das weiß ich, eine Frau, wie Sie, läßt sich nicht küssen von jemandem, der ihr gleichgültig. Eher ohrfeigt sie ihn ab.«

Kapitän Alberti mit Ströbl und Liane Lenoir standen vor ihnen.

»Sicherlich Dummheiten, Capitano!« erwiderte die Salagna. »Oder verbieten Sie mir das?« Sie hing sich dem Italiener an dem Arm und zog ihn ein Stück mit sich abseits, sich dabei nach Zeller triumphierend umsehend, um ihn wieder zu reizen und irre zu machen.

Aber dies gelang ihr jetzt nicht mehr. Er lächelte ihr ruhig nach, die Gewißheit in der Brust, bald am Ziele zu sein.

Am nächsten Abend begab sich Carlo mit dem Vaporetto nach Venedig. Die ganze Gesellschaft hatte ihm bis an den kleinen Dampfer das Geleit gegeben, unter den Witzen und Scherzen der Zurückgebliebenen fuhr er ab. Miß Pearson rief ihm noch nach: »Bringen Sie keinen zu schweren Rausch heim, vom Siegesfest!« und der dicke Obolensky gröhlte mit seiner tiefen Stimme ein russisches Abschiedslied.

Das große Souper im Prachtsaal des Hotels Danieli verlief glanzvoll. Der Graf von Turin, der Ehrenpräsident des Turnierkomitees, führte den Vorsitz, die Spitzen der zivilen und militärischen Behörden Venedigs, die alle dem Komitee angehörten, wohnten dem Feste bei, die Preisträger und die Maitres d'assaut, zu denen auch Capitano Alberti gehörte, der an diesem Abend zu Carlo von ganz besonderer Freundlichkeit war. Als Carlo, der den letzten Vaporetto erreichen wollte, um ½ 12 Uhr aufzubrechen Anstalten traf, war es nicht zuletzt der Kapitän, der ihn zurückhielt und zum Bleiben nötigte.

»Sie nehmen sich eben eine Gondel, die Nacht ist ja schön,« riet er.

»Und Sie?« fragte Zeller.

»Ich übernachte in der Stadt. Major Idoni, ein alter Kamerad von der Kriegsschule, sehen Sie, der schlanke Herr drüben mit dem Spitzbart, er ist jetzt hier der Stadtkommandatur zugeteilt, war vor einer Stunde so liebenswürdig, mir ein Bett in seiner Wohnung zur Verfügung zu stellen.« Major Idoni und Alberti gingen den gleichen Weg.

Nach einer Weile brach Carletto endlich auf.

An den Stufen der Piazetta, die um diese Stunde schon ganz leer war, lagen einige Gondeln. Die Gondoliere schliefen fast alle. Von den zweien oder dreien, die noch wachten, drängte sich besonders der eine, ein kleines bewegliches Männchen, an Carletto heran. Wohin der Herr zu fahren wünsche, erkundigte er sich geschäftig, und als Carlo den Lido, das Palace Hotel als Ziel angab, faßte er ihn am Arm und zog ihn geschwind in seine schwarze Barke.

Die beiden Offiziere salutierten und schwenkten hinüber zum Markusplatz ab.

Durch das sanfte Gleiten und monotone Plätschern angenehm eingeschläfert, nickte der Übermüdete bald ein. Als er nach einiger Zeit, wohl durch ein stärkeres Schwanken des Kahnes, erwachte, hätte er in den ersten Augenblicken beim besten Willen nicht zu sagen vermocht, wie lange er geschlummert hatte und wo er sich befand. Verdutzt und erst allmählich zu sich kommend, schaute er um sich. Weit, weit rückwärts lagen die Türme der Stadt, rechts hinten, außerhalb der Fahrtrichtung, konnte er noch undeutlich den Lido wahrnehmen. Er befand sich auf dem freien Meere, das hier draußen gar nicht mehr ruhig war. Wolken flogen über den Himmel und verdeckten zeitweilig die Mondscheibe, daß eine unheimliche, dunkle Nacht um ihn lag.

»Wohin führen Sie mich?« drehte sich Carlo zum Gondoliere um, nicht geradezu erschreckt, aber doch einigermaßen beunruhigt. »Der Lido liegt doch dort rechts.« Er sprach fließend Italienisch, ebenso Französisch und Englisch. Er hatte ein ausgesprochenes Sprachentalent, und das Studium fremder Sprachen war seit je das einzige, dem er Interesse entgegenbrachte, vielleicht eben darum, weil er hierfür die angeborene Anlage hatte.

»Gewiß, gewiß, mein Herr,« erwiderte beflissen der Ruderer. »Aber man muß in der Nacht einen Umweg machen.«

»Einen Umweg?« Er war schon zu oft des Nachts mit einer Gondel hinausgefahren, um diese Antwort nicht verdächtig zu finden. »Biegen Sie sofort nach rechts ab,« befahl er in scharfem Ton, den Gondoliere anblitzend.

Doch dieser lachte jetzt höhnisch auf: »Ich fahre, wie es mir beliebt.«

»Nein, sondern so, wie ich Ihnen es befehle!« rief Carlo aufspringend, und schickte sich an, über die Rückenlehne seines Sitzes zu springen; denn er war sich klar, daß er aus dem Bereich des langen Ruders kommen mußte.

»Sitzen bleiben, du Hund!« schrie ihn der Gondoliere an, der richtig bereits das Ruder aus der Gabel riß. »Sitzen bleiben oder ich schlage dich jetzt schon nieder und schmeiße dich ins Meer.«

Nach diesen Worten konnte Zeller nicht mehr im Zweifel sein, was diese Fahrt für ihn bedeuten sollte – eine Todesfahrt.

Aber flink war er bereits nach vorne gesprungen und stand neben dem Ruderer auf der Bank, bevor dieser zum Schlag ausholen konnte. Obzwar er sich ohne Waffe wußte, war er entschlossen, den Kampf aufzunehmen. Er fuhr dem Gegner an die Gurgel: »Wenn du nicht augenblicklich weiter ruderst, erwürge ich dich!« Der Gondoliere war, das Ruder in die Gabel zurückgleiten lassend und sich weit zurückbeugend, dem Griff Carlos ausgewichen. Mit einem Fluch griff er in die rechte Hosentasche und gleich darauf blitzte in seiner erhobenen Hand ein Stilett.

Auf etwas Derartiges jedoch war Carlo gefaßt gewesen. Schon hielt er das Handgelenk des Gondolieres umklammert, und da er bedeutend kräftiger war als der andere, gelang es ihm nach kurzem Ringen, sich des Stiletts zu bemächtigen. Nun war er bewaffnet. Er sprang einen Schritt zurück in die Gondel hinein und rief, den Dolch schwingend: »Jetzt hinüber zum Lido oder ich ersteche dich!«

Bedroht von der Waffe, eingeschüchtert durch die Kraft und den Mut des Fahrgastes, mußte sich der Gondoliere wieder entschließen, nach dem Ruder zu greifen. Knapp vor ihm, keinen Augenblick ihn aus den Augen lassend, stand Carlo.

Erst als die Gondel bereits ganz nahe den Dünen hinfuhr, stieg Carlo mit aller gebotenen Vorsicht wieder hinüber auf seinen Sitz. Er hatte folgenden Plan: Sobald das Boot das Land anliefe, wollte er Hilfe rufend hinausspringen und es halten, bis Leute kämen, die den Gondoliere festnehmen könnten.

Unweit des Palace Hotel glitt nun die Gondel in den Sand. Der Gondoliere hatte noch die Unverfrorenheit, dabei zu sagen: »Ich bekomme fünf Lire, mein Herr.« Da war Zeller auch schon mit einem Sprung aus dem Fahrzeug draußen, und sich unterhalb des Schnabels anklammernd – in der Meinung, durch den hohen Schnabel gedeckt zu sein – schrie er aus Leibeskräften: »Hilfe, Hilfe!«

Aber er mußte sich allem Anschein nach doch nicht gut gedeckt haben. Der Gondoliere hob das schwere Ruder in die Höhe, und mit der ganzen Kraft, die ihm seine tödliche Angst jetzt eingab, ließ er es auf Carlo niedersausen. Er traf ihn auf den Kopf. Ohne noch einen Laut von sich zu geben, sank Carlo nieder. Schnell entfernte sich die Gondel, die nach einigen Sekunden bereits wieder draußen im Meere schwamm.

*

Das Hotel lag im tiefen Schlafe. Ein einziger Mensch wachte noch, der auch die Hilferufe vom Strand herauf gehört hatte. Der hünenhafte, schwarze Portier war es, der eben das Haustor zu versperren im Begriffe war. Jetzt lauschte er hinaus: kein Ruf mehr, nichts; aber es war ihm, als ob er das Knirschen des Sandes unter einem abstoßenden Boote vernehme. Furchtlos, ohne Zaudern, griff er nach einer in seiner Loge hängenden Handlampe und nach einem starken Stock und stürzte hinaus, in jene Richtung, aus der die Schreie ertönt waren. Der starke Schein der Lampe leuchtete vor ihm den Boden ab. Und da, fast hätte er vor Schreck aufgeschrien, sah er eine Gestalt vor sich auf dem Boden liegen, die Füße beinahe schon bedeckt vom Meer, denn es nahte die Flut. Er beugte sich über den Ohnmächtigen und erkannte Carlo Zeller. Über die Stirn sickerte Blut.

»Armer, armer junger Mensch,« entfuhr es Tommy, der mit ungeschickten Fingern nach dem Puls des Ohnmächtigen suchte. Als er dabei mit seiner Lampe die Hand Carlos ableuchtete, fiel sein Auge auf die blauen Monde an den Nägeln des Terzeronen. Tief erschüttert zog er die schmale Hand an seine Lippen, und in einer unwillkürlichen Regung küßte er sie, die Hand des Bruders.

Nun war sein Eifer, zu helfen und Rettung zu bringen, ein verdoppelter. Er hob mit seinen starken Armen den Jüngling in die Höhe und, die Lampe zwischen den Zähnen, trug er ihn hinauf in die Hall des Hotels, wo er ihn auf eine Lederbank bettete. Er weckte sofort einen Groom, dem er befahl, einen im Hotel wohnenden Arzt zu holen und auch Herrn von Ströbl, von dem er wußte, daß er der Reisegefährte und vertraute Freund des Verunglückten sei. Der Arzt, ein Herr aus Berlin, erschien sehr bald, etwas später erst Ströbl, der am Abend wieder ziemlich viel getrunken hatte und nicht so leicht aus seinem schweren Schlaf zu reißen gewesen war.

Gemeinsam trugen sie Zeller in sein Zimmer, wo ihn Tommy mit einer Behutsamkeit, die man dem plumpen Riesen gar nicht zugetraut hätte, entkleidete und bettete.

Darauf wusch der Arzt das Blut ab und untersuchte die Wunde. Er fand eine Rißquetschwunde, die sich links vom vorderen Schädeldach bis in die Stirn knapp über das Auge hinzog. Der Knochen war aber nirgends verletzt, und der Arzt konnte Ströbl die Versicherung geben, daß es sich, zumindest, was die blutige Verwundung anbelangte, um einen harmloseren Fall handle, als es im ersten Augenblick geschienen hatte.

Clemens von Ströbl übernachtete auf dem Sofa im Zimmer. Carlo, der bereits zu fiebern anfing, erzählte in abgerissenen Worten das Abenteuer. Ströbl machte sich bereits seine Gedanken darüber, wer der Urheber des Attentates sein könne, und wollte im Interesse Carlos einen Skandal vermieden wissen.

Zeller erwachte am Morgen noch immer mit Fieber.

»Ich würde empfehlen, eine Krankenwärterin zu nehmen, wenn es sich bisher auch nur um Erscheinungen des gewöhnlichen Wundfiebers handelt,« sagte der Arzt, der bereits um 8 Uhr wieder an dem Bette Carlos erschienen war.

Ströbl ging nun hinüber zu Kehlhausen, dem er Bericht erstattete über das, was sich in der Nacht zugetragen. Sodann suchten sie gemeinsam die Salagna auf. Als Beate von dem Unglücksfall erfuhr, erblaßte sie und begann zu zittern. Nachdem sie sich erholt hatte, erfaßte sie maßlose Empörung gegen Capitano Alberti, der, das stand bei ihnen allen fest, hinter der Untat stand.

»Wenn der Kerl es wagt, heute vor meine Augen zu treten, so ohrfeige ich ihn öffentlich ab und übergebe ihn der Polizei.« Ströbl und Kehlhausen hatten große Mühe, sie zu beruhigen.

»Wir müssen uns jetzt nach einer Pflegerin umsehen,« sagte Clemens von Ströbl, mit Kehlhausen sich zum Gehen wendend.

»Warum eine Pflegerin?« hielt Beate Salagna die beiden zurück. »Ich werde ihn pflegen,« erklärte sie fest. Und als sie den Blick merkte, der zwischen den zweien jetzt getauscht wurde, fügte sie mit verächtlichem Lachen hinzu: »Denken Sie, was Sie wollen, das ist mir gleichgültig.«

Sie führten sie hinüber zu dem Verunglückten. Als dieser Beates ansichtig wurde, leuchteten seine Augen auf und er sprach die ersten Worte: »Ich freue mich, ich freue mich ...« wobei er versuchte, ihre Hand zu küssen.

Dies wehrte sie aber ab: »Lassen Sie das, ich werde Sie pflegen, bis Sie gesund sind.« Zu Ströbl und Kehlhausen gewendet, sagte sie: »Ich glaube, daß es nicht gut tut, wenn so viele im Zimmer anwesend sind. Vielleicht will Carletto wieder schlafen. Schicken Sie mir aber den Arzt gleich herauf, damit er mir Verhaltungsmaßregeln geben kann.«

Sie richtete mit sanfter Hand Carlos Polster, ließ die Jalousien wieder herab, und sich mit einem Roman, den sie auf den Tisch fand, hinaus auf den Balkon setzend, überwachte sie den Schlaf, in den Carlo, ein zufriedenes, verklärtes Lächeln auf den Lippen, bald darauf verfiel.

Die beiden Rheinsperg, empört wie sie waren, andererseits aber zu korrekt, um einen Menschen ohne Beweise eines so schweren Verbrechens zu bezichtigen, fuhren nach Venedig, um auf eigene Faust zu recherchieren. Was sie ans Licht brachten, erlaubte jedoch fast keinen Zweifel mehr daran, daß der Gondoliere, der Zeller geführt hatte, eine gedungene Kreatur gewesen war. Und Carlo Zeller hatte ja ringsum keinen anderen Widersacher als den Capitano Alberti. Die beiden Rheinsperg erfuhren nämlich durch Umfragen bei den Gondolieren der Piazetta, daß der Ruderer, der sich Carlo geradezu aufgedrängt hatte, unter ihnen völlig unbekannt sei und noch niemals an der Piazetta gelegen hatte. Er habe gegen halb zwölf Uhr nachts an den Stufen angelegt; Passagieren, die ihn angesprochen hätten, habe er unter allen möglichen Vorwänden die Fahrt verweigert. Aus der Gruppe der drei Herren, die vom Danieli her nach Mitternacht an den Halteplatz gekommen seien, hätten schon von weitem ein paar Pfiffe ertönt, die ersten Takte eines bekannten Gassenhauers. Auf diese Pfiffe hin habe sich der Gondoliere sofort erhoben, um dem Herrn in Zivil seine Dienste anzubieten.

Diese Nachrichten brachten die Barone in der Mittagsstunde mit. Vor Zeller wurden sie geheim gehalten, um ihn nicht zu erregen.

Alberto Alberti hatte die Kühnheit, zur Stunde des Tees im Terrassencafé des Hotels zu erscheinen. Der Kreis, soweit er eingeweiht war, empfing ihn mit auffallender Reserve. Als der Kapitän vom Unglücksfall Carlos hörte, gebärdete er sich überaus entrüstet und sehr teilnahmsvoll, versprach selbst eine Untersuchung bei der Polizeidirektion anzuregen und wünschte, von Fräulein Salagna Information über das Befinden des Herrn Zeller zu erhalten. Da sich niemand anschickte, ihn zu begleiten – auch die anderen der Gesellschaft, Obolensky, Liane Lenoir und Miß Pearson, wahrten Alberti gegenüber, als sie das Benehmen der übrigen bemerkten, das ihnen zu denken gab, frostige Zurückhaltung – ging er allein hinauf. Durch das Stubenmädchen ließ er die Salagna herausrufen. Eine Sturzwelle von Fragen wollte sich über sie ergießen. Aber nach den ersten Ausdrücken seiner Teilnahme fuhr sie ihm ins Wort, ihn vom Scheitel bis zur Zehe messend.

»Ich bewundere Ihre Frechheit! – Verschonen Sie mich gefälligst in Zukunft mit Ihrer Anrede.« Sie drehte ihm den Rücken zu, um ins Zimmer zurückzukehren.

Capitano Alberti verfärbte sich: »Was soll das heißen, mein Fräulein?« fragte er mit heiserer Stimme.

Aber hinter Beate war bereits die Tür ins Schloß gefallen.

Ohne der Gesellschaft im Café Adieu zu sagen, verließ der Capitano das Hotel, und zwei Tage später auch Venedig.

Langsam legte sich Carlos Fieber, er wurde wieder munter und ging seiner Genesung entgegen. Beate pflegte und betreute ihn unermüdlich und auf das sorgfältigste, nicht nur von ihrer erwachenden Liebe geleitet, sondern auch aus ihrer Reue heraus. Denn sie klagte sich selbst an, durch ihre Koketterie mit Alberti diesen in falsche Hoffnungen versetzt und auf eine törichte Weise eifersüchtig gemacht zu haben, an dem schweren Mißgeschick, das Carletto getroffen hatte, indirekt schuldig zu sein.

Der Zwischenfall hatte dem ganzen Kreis die Lust an einem weiteren Aufenthalt genommen. Man hatte nur rücksichtsvoll Zellers Gesundung abgewartet, um sodann den Lido zu verlassen und sich in alle Winde zu zerstreuen.

Carlo und Beate waren übrigens die ersten, die abreisten. Um einem umständlichen Abschied zu entgehen, stahlen sie sich eines Tages mit frühester Morgenstunde fort, den Freunden heiter gehaltene Grüße hinterlassend. Sie fuhren an den Gardasee, nach Riva. An den stillen Ufern dieses Sees von wunderbarster Bläue, unter Platanen und Zypressen und vor Reife geschwellten Trauben, genossen sie unbelauscht und ungestört die ersten Wochen ihrer jungen Liebe. Erst ein Schreiben an die Sängerin von ihrem Direktor, das sie nach Wien zum Studium einer neuen Rolle zurückrief, machte anfangs September diesen Tagen vollkommensten Glückes, hochaufwogender Leidenschaft, ein Ende.

In Wien überschüttete Carlo Beate mit kostbaren Geschenken. Er fühlte sich für so viel genossene Wonnen tief in ihrer Schuld, und es war ihm Bedürfnis des Herzens, seinem Dank auch äußeren Ausdruck zu verleihen.

Mit dem Ende des Monats brach dann allerdings eine Zeit böser Sorgen für ihn an. Vor allem war die Schuld an Herrn Herlinger zu begleichen, der nicht darnach aussah, als ob er auf eine Prolongierung eingehen würde.

»Ja, mein Lieber, – jetzt heißt es einmal nach Graz fahren und beichten,« sagte Ströbl, innerlich nicht ohne Schadenfreude, Carlo in solcher Klemme zu sehen. Denn allmählich erweckten die Erfolge des Freundes doch seinen Neid, und er spürte auch, wie Zeller der Abhängigkeit langsam entwuchs, wie der Schüler langsam über den Meister hinauswuchs. »Ich möchte dir empfehlen, lieber gleich 15.000 zu beichten, denn mit so viel, kalkuliere ich, wirst du jetzt hängen.«

»Mit mehr,« gab Zeller niedergedrückt zur Antwort. Er hatte eine Aufstellung seiner Schulden gemacht, war zu einem Betrag gekommen, der sich nicht weit unter 20.000 Kronen hielt. Im Augenblick bestritt er seine Lebensführung, die sich aber in nichts von seiner sonstigen unterschied, von dem Geld, das ihm der Diener Franz, die gute Seele, vorgestreckt hatte.

Er fuhr also nach Graz.

Professor Wendrich – im letzten Jahre stark gealtert und verfallen, war von dem Besuch ebenso überrascht als erfreut. Und Carlo, beschämt, von Wendrich als braver Junge gelobt zu werden, traute sich zwei Tage lang mit der Wahrheit nicht heraus. Es war für ihn eine wahre Qual, von dem Fortgang seines Studiums, seinem Umgang, seinem Lebenswandel, Absichten, Plänen berichten zu müssen. Schließlich aber kam der Augenblick, wo er Farbe bekennen mußte: Seine Sommerreise habe viel Geld verschlungen, sein Unglücksfall, der Sturz aus dem Boot, habe ihn auch genug gekostet, die fremden Arzte seien ja so teuer, auch sei ihm während der Reise ein Koffer mit wertvoller Garderobe, die ersetzt werden müsse, abhanden gekommen, in der Wohnung seien einige Reparaturen und Neuanschaffungen bereits sehr nötig – kurz, er brauche dringend 20.000 Kronen.

Blaß bis in die Lippen, beinahe nach Atem ringend, lehnte der Alte in seinem Armstuhl. 20.000 Kronen, das war für seine Begriffe ein kleines Vermögen. Als er sich vom ersten Schreck erholt hatte, sparte er nicht mit schweren Vorwürfen und wurde so heftig, wie ihn Carlo noch nie gesehen hatte.

»Du scheinst mir ja ein recht nettes Leben zu führen! Du bist ein Taugenichts geworden, ein Verschwender, mit dem es ein böses Ende nehmen wird. Nein, nichts da, du bekommst nichts!«

Carlo trat der Angstschweiß auf die Stirne. Er hatte nach allen Seiten sein Ehrenwort verpfändet. Herlinger würde sich prompt an Professor Wendrich wenden, und selbst wenn er sein ganzes Mobiliar verkaufte, würde er nicht imstande sein, seine Schulden zu tilgen.

»Na, was machst du jetzt, wenn ich dir die 20.000 Kronen nicht zur Verfügung stelle, he, was machst du? Revolver, wie?«

Carlo gab keine Antwort. Er fühlte die lauernde Angst aus Wendrichs Frage heraus und machte sich dies zunutze. Er nickte, den Kopf gesenkt.

»Du hast da und dort Geld aufgenommen, natürlich, jetzt rückt man dir auf den Leib!«

Carlo begann zu bitten und zu betteln, versprach Einkehr, Besserung. Nach langem, langem Bemühen gelang es ihm endlich, Wendrich zu erweichen und einen Scheck auf 20.000 Kronen zu entlocken.

Am nächsten Vormittag trat Carlo die Rückreise an. Professor Wendrich hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn auf die Bahn zu begleiten. Nun schritt er, ein altes, gebücktes Männchen, mit einem schlohweißen Spitzbart, auf dem silberweißen, langen Haar einen großen, schwarzen Kalabreser, am Arm des Jungen auf und ab, ihm Ermahnungen und Belehrungen mitgebend und ihm nochmals das Versprechen einer gründlichen Besserung abnehmend. Plötzlich, mitten in seiner Rede abbrechend, blieb er stehen und zog vor zwei Damen, einer älteren, großen, ziemlich korpulenten mit grauem Haar und einer jungen, hübschen, frischen, blauäugigen Blondine, den Hut.

»Welche Überraschung! Sie wieder einmal hier in Graz, Frau Oberst? Vor der Abreise? – Und Sie haben es nicht der Mühe wert gefunden, den alten Freund Wendrich aufzusuchen?« – Er drohte mit dem Finger. »Das Fräulein Lisl sieht ja glänzend aus, immer hübscher wird das Kind, immer hübscher.«

»Sie müssen die Vernachlässigung entschuldigen, lieber Professor,« sagte Frau Oberst Ortner. »Wir haben uns nur zwei Tage aufgehalten und sind aus dem Hause meines Vaters nicht herausgekommen.«

»Ja, ja, ich hörte, der Herr Hofrat Braun fühlte sich leidend. Aber gestatten die Damen, daß ich Ihnen mein Mündel, Herrn studiosus juris Carlo Zeller vorstelle.«

Die Damen reichten Carlo, der ziemlich gelangweilt bis jetzt daneben gestanden hatte, die Hand.

»Ach, der Sohn Ihres Jugendfreundes, von Professor Rudolf Zeller?« meinte Frau Oberst wohlwollend.

»Jawohl, das ist er.«

Man promenierte nun zu viert auf dem Perron, die Einfahrt des Schnellzuges abwartend.

»Carlo, der auch nach Wien fährt, wird sich den Damen sicherlich gern zur Verfügung stellen,« meinte Professor Wendrich, der mit einer solchen Bemerkung Zeller freilich keine besondere Freude machte. Denn für sogenannten Familienanschluß, den Umgang mit ehrsamen, spießbürgerlichen Offizierswitwen und deren Töchter, hatte er wenig Vorliebe. Auch war er gewöhnt, erster Klasse zu reisen, und man sah es den beiden Damen an, daß sie sicherlich nur zweite Klasse fuhren. Doch blieb ihm nun nichts übrig, als zu sagen: »Gewiß, es wird mir eine Ehre sein!«

Carlo ging mit Fräulein Ortner jetzt voran. Sie erzählte ihm, daß sie für gewöhnlich in Wien lebten, wo der vor einigen Jahren gestorbene Vater Abteilungsvorstand im Kriegsministerium gewesen sei; ihren Bruder erwähnte sie, der den letzten Jahrgang der technischen Militärakademie frequentierte, und ihre kleine Schwester, die fünfzehnjährige Elly, die eine Handelsschule besuchte. Sie plauderte recht nett und Carlo fand sie auch äußerlich gar nicht übel. Sie hatte ein echtes Wiener Gesichtel, voll Liebreiz und Lebendigkeit, und ihre kleinen Füße und Hände wie ihre geschmeidige, knospende Gestalt konnten selbst seinen verwöhnten Ansprüchen genügen. Aber wie sie gekleidet war, wie unmodern, wie dürftig, – dieses billige, verwaschene Leinenkleidchen, dieser armselige Strohhut mit Margueriten, offensichtlich alles zu Hause verfertigt! Da er sie so genauer betrachtete, schämte er sich beinahe, in seiner tadellosen Eleganz an ihrer Seite gesehen zu werden.

Eben rollte der Zug ein. Er half den beiden Damen ins Coupé, mit einem ironischen Lächeln verstaute er ihr Gepäck, den kleinen Reisekorb, der schon ziemlich viele Jahre im Dienst zu stehen schien, die mit einem Lederriemen zusammengehaltenen Schirme und die fadenscheinigen Mäntel. Natürlich fuhren sie in einem Abteil zweiter Klasse, in dem sie gerade noch die letzten Plätze sich erobert hatten. Ringsherum saßen Reisende minderer Sorte, eine kinderreiche Frau darunter, die ihre Kleinen eben mit Eiern und Butterbrot fütterte. Diese Umgebung verstimmte Carlo recht nachhaltig und es dauerte eine geraume Weile, bis er wieder besserer Stimmung wurde und mit den beiden Damen ein Gespräch in Gang zu bringen vermochte.

Eine ganze Welt war es, die ihn bei seinen mondänen Anschauungen und Allüren von dem Daseinskreis der Ortner trennte. Aber er war doch nicht so stark in seinen Vorurteilen befangen, um nicht zu erkennen, daß die Frau Oberst eine Frau von Takt und Bildung und Herzensgüte war und Lisl ein ganz prächtiges und lustiges Geschöpf. Er lernte eine ihm bis dahin ganz unbekannte Sphäre der Gesellschaft kennen, mit all ihren großen Sorgen und Bedrängnissen und ihren bescheidenen Freuden. Doch den Kopf trug man hoch, ließ sich von den Schikanen des Tages nicht niederdrücken und hoffte auf eine bessere Zukunft. In einem Jahr wurde ja Artur als Leutnant ausgemustert, der dann schon auf eigenen Füßen stehen konnte, Elly hatte Aussicht auf eine Stellung bei der Staatsbahndirektion.

»Nur ich, ich bin ein fauler Fratz und unnützer Esser, nicht wahr, Mama?« lachte Lisl und biß gerade mit Herzenslust in eine saftige Birne, die ihr Carlo in einer Station besorgt hatte.

»Na, es ist nicht so arg mit dir, ich bin ganz zufrieden,« meinte die Frau Oberst und tätschelte liebevoll die Wange der Tochter. »Schließlich bist du ganz brav in der Wirtschaft und machst sehr hübsch deine Holzmalereien, die uns ja auch etwas abwerfen.«

»Ja, Lisl könnte es viel besser gehen, sehr gut könnte es ihr sogar gehen.« – Frau Ortner hatte in New York einen Schwager, den Bruder ihres verstorbenen Gatten, der es zum Direktor einer großen Aktiengesellschaft gebracht hatte. Vor fünfundzwanzig Jahren, als ganz junger Ingenieur, war er hinübergegangen. Er hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter, im Alter Lisls, und oft schon hatte er sich erbötig gemacht, Lisi ganz in seine Familie aufzunehmen.

»Aber man trennt sich ja so schwer,« sagte Frau Ortner mit einem leisen Seufzer. »Vielleicht in ein paar Jahren, wenn Elly schon erwachsen ist und ich an ihr eine Stütze habe.«

»Und möchten Sie hinüber, Fräulein, hätten Sie die Courage?« fragte Carlo Zeller.

»Warum nicht? Wenn es mir nicht wegen meiner Mutter wäre, lieber heute statt morgen hinaus in die neue Welt.«

»Eigentlich sollte ich auch einmal hinüber fahren, um mir die Heimat meiner Mutter anzusehen,« meinte Carlo nachdenklich.

»Wirklich, Ihre Mutter war Amerikanerin?« erkundigte sich Lisl neugierig.

»Ich erinnere mich jetzt, Professor Wendrich hat mir einmal das Schicksal Ihres Herrn Vaters erzählt,« meinte Frau Ortner. »Ein Schicksal, das beinahe wie ein Roman klang.«

»Kann man das nicht auch erfahren?« fragte Fräulein Ortner. Sehr gespannt folgte sie seinen Worten. Ihre großen, blanken, veilchenblauen Augen hingen geradezu an seinen Lippen, mit einem Ausdruck, der mehr verriet, als bloß Neugierde: Teilnahme und aufkeimendes Gefühl.

»Vielleicht fahre ich hinüber, wenn ich meinen Doktor gemacht habe. Meine Studien will ich nicht durch eine längere Reise unterbrechen,« schloß Zeller, der es instinktiv für besser fand, in Gesellschaft der beiden Damen mehr den fleißigen und strebsamen Studenten als den Flaneur und Lebemann zu betonen.

Als man am Spätnachmittag in Wien eintraf, hatte man einander eine angenehm verbrachte Reise zu verdanken und fühlte sich schon recht vertraut. Lisl Ortner hatte Carlo immer besser gefallen, so daß er sich beinahe mit ihrer so wenig mondänen Toilette ausgesöhnt hatte. Es hatte ihm eben doch einmal wohlgetan, mit einem jungen, frischen, unverdorbenen Geschöpf zu sprechen, dem Harmlosigkeit und Reinheit aus den Augen leuchtete.

Die Ortners luden Carlo Zeller sehr warm ein, sie doch einmal zu besuchen, was dieser ihnen auch, im Augenblick vielleicht wirklich von dem besten Vorsatz erfüllt, versprach.

Noch klangen die Erlebnisse in Graz, die Ermahnungen des Vormundes und die Begegnung mit Lisl Ortner in ihm nach, während er im Wagen den Weg nach Hause zurücklegte.

Eine besinnliche Stimmung umfing ihn, und er dachte, es wäre hübsch, heute abend einmal zu Hause zu bleiben, die Bibliothek zu ordnen, Lehrbücher und juristische Schriften bereitzulegen und Arbeitspläne zu entwerfen.

»Herr von Ströbl wartet drin und das Fräulein Salagna,« begrüßte ihn Franz. »Sie haben mittag angerufen, wann der gnädige Herr kommt. Sie sind sehr lustig und ich habe eine Flasche Champagner kaltstellen müssen zur Begrüßung des gnädigen Herrn.«

»Evviva, hoch!« schallte es ihm auf der Schwelle entgegen. Die beiden Gäste standen vor ihm, die gefüllten Kelche in der Hand. Ein großer Bund Rosen prangte auf dem Tisch. Die Salagna hing sich rechts, Ströbl links an seinen Arm: »Haben wir dich wieder!« lachte sie.

»Wo ist aber der goldbeladene Esel?« rief Ströbl.

»Alles in Ordnung!« erwiderte Carlo. Er dehnte sich, als ob Ketten von ihm abfielen. Er roch den süßen Duft einer schönen Frau und den Rauch englischer Zigaretten, sah perlenden Champagner, hörte das leise Knistern seidener Dessous: »Ja, ihr habt mich wieder.«

*

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