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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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In der Offizierreitschule fand zu früher, dämmeriger Morgenstunde das Duell statt. Schwerste Bedingungen waren vereinbart worden. Kavalleriesäbel, Hieb und Stich, ohne jede Bandage, bis zur Kampfunfähigkeit.

Auf der Fahrt zur Reitschule war Carlo so nervös, daß Ströbl und der lange Husarenoberleutnant besorgte Blicke tauschten. Aber mit dem Eintritt in den großen, hallenden Raum kam Ruhe und Geschlossenheit über ihn. Fest schloß sich seine Hand um den Säbelkorb, und in seinen dunklen Augen blitzte Draufgängerfreude und Zuversicht.

Thomas Bühler, ein ehemaliger Couleurstudent, griff mit Elan an. Ruhig und kunstgemäß parierte Carlo die wütenden, schweren Schläge. Es war ein schöner Anblick, seinen entblößten, glatten, sehnigen Oberkörper im beherrschenden Muskelspiel sich biegen und beugen, spannen und straffen zu sehen. Der erste Gang verlief ergebnislos. Herrn Bühler lief der Schweiß über Wangen und Brust, der korpulente Mann war bereits ziemlich erschöpft und atmete schwer. Carlos Atem hingegen ging leicht und gleichmäßig, und auf seiner Haut war kein Schweißtropfen zu sehen. Als man zum zweiten Gang antrat, raunte Baron Rakossy ihm zu: »Jetzt los!« Um Zellers Lippen flog ein leises Lächeln und er nickte. Er befolgte Rakossys Rat, verließ die Verteidigungsstellung, ging zum schneidigen Angriff über und setzte mit einem Tiefquart quer über die Brust Bühler nach einigen Augenblicken bereits außer Kampf.

Thomas Bühler war schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Als Ströbl diesen Befund des Arztes dem in einer Ecke des Saales wartenden Carlo mitteilte, atmete dieser befreit auf. Denn bei allem Haß, den er gegen den Mann empfand, hätte sein Gewissen an einem Totschlag doch schwer getragen.

Das Duell Zeller-Bühler blieb in der Wiener Gesellschaft nicht unbeachtet. Es erregte sogar beträchtliches Aufsehen und bildete den Gesprächsstoff in gewissen Kreisen. Wie es so geht, stand die Sympathie fast überall auf seiten des Jüngeren, des Siegers. Die jungen Herren der Lebewelt, die Backfische und die Halbweltdamen und die jungen, unverstandenen Frauen, sie alle bewunderten Carlo Zeller und machten ihn zum Helden des Tages. Diese Bewunderung aber fand bald den direkten Weg zu Carlo. Blumen wurden ihm gesandt, Glückwunschschreiben von Damen, an deren Bekanntschaft er sich nur noch ganz flüchtig erinnerte, es regnete parfümierte Briefchen, das Telephon bimmelte den ganzen Tag. Der immer hilfsbereite Ströbl ordnete und sichtete die Korrespondenz und bestimmte, wo eine Antwort am Platze sei und wo nicht. Denn Carlo hatte für all diese Beweise plötzlich erwachten Interesses vorerst wenig übrig. Er fühlte sich sehr unglücklich in diesen Tagen. Hella war aus Wien verschwunden, es war ihm von ihrem Schicksal nichts bekannt. Bald hieß es, sie hätte sich zu ihren Eltern nach Böhmen begeben, dann wieder, sie wäre auf Reisen gegangen; die einen erzählten, die Scheidung wäre eingeleitet, andere wieder, eine Aussöhnung zwischen den Gatten wäre angebahnt. Zeller bekam keinerlei Lebenszeichen von ihr.

Aber der Freundeskreis, allen anderen voran Clemens von Ströbl, duldete nicht, daß Carlo sich zurückgezogen hielt, was er am liebsten getan hätte. Denn all diese jungen Leute waren jetzt stolz, sich Zellers Freunde nennen zu können, jeder wollte sich mit ihm zeigen, wollte mit seinen vertrauten Beziehungen zu ihm renommieren. Am stolzesten war natürlich Ströbl, der sich ja mit voller Berechtigung rühmen durfte, Carlo für die Lebewelt entdeckt und ausgebildet zu haben.

So geschah es, daß Carlo anfangs, beinahe gegen seinen Willen, in einen Strudel des Leichtsinns hineingezogen wurde, der ihn schließlich betäubte, Hella vergessen ließ und ihm immer besser behagte. Denn er war jung und lebenshungrig, naiv und sehr eitel.

Daß er bei dem lustigen Leben, das er jetzt führte, mit der ihm ausgesetzten Rente nicht mehr sein Auslangen fand, versteht sich von selbst. Er legte noch mehr Gewicht als früher auf seine Kleidung und kontrahierte Schulden bei Schneidern, Schustern und Wäschelieferanten. Er gab kleine Gesellschaften, die Ströbl arrangierte, bei denen es hoch herging und die ziemlich viel Geld verschlangen. Viel Geld blieb auch in den Champagnerlokalen und bei Fiakern und Chauffeuren. Als Schneider und Schuster dringlich wurden, blieb ihm nichts übrig, als sich neuerlich an den Vormund um eine Erhöhung der Rente zu wenden. Professor Wendrich schrieb einen sehr bösen Brief, ließ sich aber doch bewegen, den Monatswechsel um eine Kleinigkeit zu erhöhen, dabei jedoch betonend, daß Carlo nunmehr im vollen Besitz des Fruchtgenusses seines Vermögens stünde und eine Erhöhung nicht mehr möglich sei.

Zeller war gerade imstande, die unangenehmsten Schuldner zu befriedigen. Als sich jedoch auch diejenigen meldeten, die sich bisher geduldig gezeigt hatten, geriet er neuerlich in Verlegenheit. Sich einzuschränken, wieder auf bescheidenem Fuß zu leben, brachte er nicht über sich. Er fürchtete den Spott der Freunde und Freundinnen, und es fehlte ihm auch bereits an Kraft, auf die gewohnten Genüsse zu verzichten.

In seiner Bedrängnis vertraute er sich Clemens von Ströbl an.

Ströbl wußte natürlich Rat. »So nimm doch irgendwo Geld auf. Wie lang dauert es denn noch und du bist majorenn und kannst über dein Vermögen verfügen. Einem Kerl wie dir braucht doch um die Zukunft nicht bange zu sein, für wen sollst du knausern? Reiche Partien wirst du einmal genug machen können.«

Die Argumente Ströbls leuchteten Carlo ein. Harmlos, wie er war, fragte er: »Möchtest du also so freundlich sein und mir mit 10.000 Kronen aushelfen?«

Da machte Ströbl aber gleich ein langes Gesicht. »Das ginge freilich nicht,« erklärte er beteuernd. Die ziemlich hohen Beträge, die er der Fabrik entnahm, reichten gerade, um seine eigenen Bedürfnisse zu decken. »Aber ich kenne da einen Herrn Herlinger, Friedrich Herlinger, er ist ein Cafétier in der Schönbrunnerstraße, ein hochanständiger Mensch, der sich ein Vergnügen daraus machen wird, dir unter die Arme zu greifen. Natürlich will er auch etwas verdienen. Aber ich kann dir nur versichern, er ist ein weißer Rabe unter seinesgleichen. Er hat mir und er hat dem Rakossy und dem Kehlhausen, na, er hat uns allen im Klub schon geholfen.«

Sie suchten also sofort Herrn Herlinger auf; Zeller bekam Geld und befand sich von da an in den Klauen eines Wucherers.

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