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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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II. Teil
Carletto

Es war um die Mittagsstunde eines sonnigen Maitages, als Carlo Zeller, von seinen Freunden gerne Carletto genannt, und Clemens von Ströbl die Herrengasse hinunterschritten, dem Michaelerplatz zu. Sie kamen aus dem altertümlichen, grauen Gebäude, in dem man die juristischen Examina ablegt, und wo Carlo eben seine erste Staatsprüfung bestanden hatte. Durch ein Übermaß von Kenntnissen hatte er sich gerade nicht ausgezeichnet, aber für genügend hatten die Professoren sein Wissen immerhin gehalten.

Sein um einige Jahre älterer Freund Ströbl, ein etwa 26jähriger junger Mann, blond und untersetzt, mit englisch gestutztem Schnurrbart, vollen Backen und verschlagenen, frechen, grauen Augen, hatte es sich nicht nehmen lassen, der Prüfung beizuwohnen. Wie schon vorher verabredet war, gingen sie nun zu Sacher, damit sich Carletto dort nach den Anstrengungen der letzten Stunden kräftige und erhole.

Zeller trug über dem Frack einen schwarzen Überzieher, hatte Zylinder und weiße Glacés. Er war ein bildhübscher Junge: mittelgroß, schlank, sehr grazil gebaut, mit schmalen Hüften und abfallenden Schultern; aus dem länglichen Gesicht von olivenfarbenem Teint leuchteten nachtschwarze, schwermütige, von langen Wimpern beschattete Augen und ein weichgeschnittener, hellroter, genießerischer Mund, dessen zu kurze Oberlippe die schönen, weißen Zähne sehen ließ. Seine ganze Erscheinung wirkte anziehend, fremdartig, etwa wie die eines Spaniers oder Südamerikaners, und besonders den Frauen stach dieser interessante junge Mensch offensichtlich in die Augen, denn sie schenkten ihm sehr freundliche Blicke.

Clemens von Ströbl, der neben ihm den Typus des echten Wiener Dandys repräsentierte, schob gerade seinen Arm in den des Freundes:

»Na, du könntest schon wieder ein freundliches Gesicht machen, meine ich. Jetzt ist ja die ganze fade Geschichte vorüber!«

»Mir liegt der Klimbim noch etwas in den Gliedern, weißt du, Clemens,« erwiderte Carletto. »Wir müssen an einem Telegraphenamt vorbeigehen, ich will nach Graz depeschieren.«

»Hat das denn solche Eile?« wandte Ströbl ein. »Wird der Herr Vormund das freudige Ereignis eben um ein paar Stunden später erfahren.«

»Ich habe aber dem alten Herrn bestimmt zugesagt, daß ich sofort telegraphiere.«

»Deine Anhänglichkeit ist wirklich rührend!« lachte Ströbl Zeller aus. »Das muß man dir noch abgewöhnen, du bist doch kein Kind mehr. Jetzt wird anständig gegessen und getrunken, und dann kannst du dem Herrn Professor Wendrich nach Graz meinetwegen Liebesgedichte telegraphieren.« Mit diesen Worten zog er Carletto, der unschlüssig auf dem Michaelerplatz stehen geblieben war, energisch mit sich fort.

Der Oberkellner im Hotel Sacher, der Clemens von Ströbl kannte, führte sie in eines der kleinen, rot ausgeschlagenen Zimmer, wo nur vier Tische standen, von denen augenblicklich keiner besetzt war. »Ausgezeichnet,« rief Ströbl, »die Ruhe wird dir gut tun, Carlo!« Er machte sodann das Menü, bestellte eine Flasche Chateau Lafite und ließ auch gleich eine Flasche Veuve Cliquot einkühlen. »Der Sieg muß gebührend gefeiert werden,« meinte er. Zeller, der dagegen Einspruch erhob, bereits zu Mittag Champagner zu trinken, mußte sich fügen.

Während des Speisens wurde von den beiden jungen Leuten noch einmal die Prüfung durchgesprochen. Es war dies die erste gewesen, nun standen noch fünf in Aussicht. Carletto seufzte schwer.

Wie schon öfters vorher, hielt ihm Ströbl die Unsinnigkeit solcher Mühe vor:

»Vermögend bist du doch, und du weißt ja, daß dich mein Alter in eine Bank bringt – wenn du durchaus diese Karriere einschlagen willst – wenn es dir paßt, auch ohne den Doktor.«

»Wenn der Vormund aber darauf dringe, daß er seinen Doktor mache, und wenn dies nun einmal der Wunsch des seligen Vaters gewesen sei?« – entgegnete Carlo, der sich innerlich nur zu gern der Ansicht seines Freundes anschloß und lieber heute als morgen das Studium, das ihm schwer fiel und wenig Freude machte, aufgegeben hätte.

»Ach, der Herr Professor Wendrich!« meinte Clemens wegwerfend. »Den Wunsch des Vaters zu respektieren, das ist natürlich Gewissenssache. Aber konnte dein gottseliger Herr Vater voraussehen, daß das Jus gar so schwer in deinen Kopf will?«

Dem leichtfertigen Ströbl war es nämlich unbequem, daß ihm der anhängliche Schüler und Bummelkumpan durch die Stunden des Studierens entzogen wurde. Die Zukunft Carlos jedoch machte ihm so wenig Gedanken, wie seine eigene, die allerdings, da er der einzige Sohn eines reichen Fabrikanten war, eine weitaus gesichertere schien, als die des Freundes.

»Weißt du, wie ich mir den Verlauf des Nachmittags denke?« fragte er. »Nach dem Essen fahren wir zu dir, ruhen uns ein bißchen aus, und gegen halb fünf geht's hinunter in den Prater, in die Kriau. Ich habe die zwei kleinen Damen vom Ronacher dorthin bestellt, von denen ich dir unlängst erzählt habe.«

Carlo schwieg zuerst etwas verlegen. Dann sagte er: »Du mußt entschuldigen, Clemens, aber ich habe den Nachmittag schon vergeben, ich erwarte Besuch.«

»Von wem?«

»Das kannst du dir doch denken.«

Ströbl zündete sich eine Zigarette an und blies übel gelaunt den Rauch von sich. »Diese Sache fängt an, langweilig zu werden, mein Lieber. Jetzt dauert das schon seit vorigem Sommer. Wie lang soll denn das noch so fortgehen? Warum denn nicht gleich heiraten?«

»Wenn ich sie aber gern habe ...« sagte der andere ernst.

»Ach Gott, man hat jede gern, die hübsch und schick und nett ist. In deinem Alter bindet man sich doch nicht so fest. Wenn man wenigstens endlich wüßte, wer diese dämonische Frau ist, die dich schon so lange an ihrer Kette hält.«

In Carlos dunklen Augen glimmte ein zorniger Funke, und mit erhobener Stimme sagte er: »Du weißt, daß man so etwas von mir nicht erfahren kann. Warum drängst du immer in mich?«

»Ich glaube, ich hab' mir soviel Vertrauen verdient – um das große Geheimnis deines Lebens endlich erfahren zu können,« gab Ströbl gereizt zur Antwort. – »Oder muß ich dich daran erinnern: wer hat sich denn deiner am wärmsten angenommen, von dem Tage an, als du das erstemal in den Klub gekommen bist? Wer hat denn deine ersten Schritte in der Großstadt geleitet? Wenn ich daran denke, wie du ausgesehen hast, wie schüchtern du warst, der Maturant aus Graz ... Da kann einen so eine Verstocktheit schon ärgern.«

Es betrübte Carlo Zeller, als er den Freund gekränkt sah. Besänftigend legte er seine Rechte auf die Ströbls. »Ich weiß, Clemens, ich weiß, aber was nicht sein kann, kann nicht sein. Ich habe mit Ehrenwort Diskretion verbürgt, also nicht böse sein.«

»Gut, reden wir nicht mehr davon, es wird vielleicht der Augenblick kommen, wo du dich mir von selbst anvertrauen wirst. Denn so lang andauernde Geschichten gehen nicht immer glatt aus. – Prosit!«

Die Champagnerkelche klangen aneinander, und die Mißstimmung zwischen den beiden war bald wieder verflogen.

Eine halbe Stunde später verließen sie das Restaurant, schüttelten sich warm die Hände, worauf Zeller in ein Auto stieg und nach Hause fuhr, in die Reisnerstraße.

Er hatte eine hübsche dreizimmerige Wohnung inne, mit dem Möblement der väterlichen Wohnung gemütlich und komfortabel eingerichtet. Ein alter Diener, Franz, hielt den kleinen Haushalt in Ordnung. Die Mahlzeiten, die Carletto zu Hause einnahm, holte er ihm aus einem nahen Restaurant. Jetzt beglückwünschte Franz den gnädigen Herrn zur bestandenen Prüfung und half ihm beim Umkleiden. Ströbl war es gewesen, der den alten, glatzköpfigen Franz seinerzeit Carletto ins Haus gebracht hatte. Ströbl hatte ja für alles gesorgt. Er hatte die Garçonwohnung, die in den großen Park eines aristokratischen Palais hinausging, ausfindig gemacht, hatte die Tapeten ausgesucht und die Möbel gestellt, durch sein Zureden erst hatte sich Carlo vor einem Jahr bewegen lassen, das Leben in einer Pension aufzugeben und sich ein eigenes Heim einzurichten! Ja Ströbl! Wahrhaftig, der hatte ihn erst leben gelehrt, dachte Carletto, während er in Erwartung Hellas behaglich in seinem Arbeitszimmer auf einer Ottomane lag und rauchte.

Als Carlo die sechste Gymnasialklasse besuchte, war Professor Rudolf Zeller nach kurzer Krankheit an einem schweren Magenübel gestorben und hatte sein einziges Kind ganz allein zurückgelassen. Zum Vormund hatte Rudolf Zeller seinen ehemaligen Kollegen von der Universität und intimsten Freund, den Zoologen Professor Wendrich, eingesetzt, der seit seiner Pensionierung in Graz lebte. Wendrich, ein alter Junggeselle, war damals sofort nach Wien geeilt, hatte den Rest des Schuljahres mit dem Knaben in Wien verbracht und ihn hierauf, den Zellerschen Haushalt auflösend, nach Graz mitgenommen. Dort hatte Carlo die beiden letzten Gymnasialklassen absolviert. Es war Wendrichs Plan gewesen, daß Carlo auch seinen Hochschulstudien in Graz obliege. Dagegen hatte sich der junge Zeller jedoch entschieden gewehrt. Denn in den Verhältnissen der Kleinstadt fühlte er sich nicht wohl, und das Leben an der Seite des zwar gütigen und klugen, aber schrullenhaften und verschlossenen Greises bedrückte ihn schwer. Carlo war kein ganz einfacher Charakter; nachgiebig und leicht lenkbar für gewöhnlich, wurde er beharrlich und energisch, wenn er sich einmal ein Ziel fest in den Kopf gesetzt hatte. Professor Wendrich, der die Gemütsart seines Mündels bereits kannte und über allzuviel Willenskraft nicht mehr verfügte, gab daher nach und ließ Carletto nach Wien.

Zuerst hatte der junge Zeller in einer einfachen Pension Quartier genommen. Dort hatte er zurückgezogen und ziemlich einsam das erste Semester verbracht. Für alle sportlichen Betätigungen begabt und eingenommen, hatte er sich dann eines Tages in den Residenz-Fechtklub einschreiben lassen. Mit dem Eintritt in den Klub aber trat in seine Lebensführung eine gründliche Änderung ein. Die jungen Leute, die er jetzt kennen lernte, nahmen ihn in ihr Schlepptau und machten aus dem etwas scheuen Provinzler bald einen flotten Lebejüngling. Besonders Clemens von Ströbl, der unter den Mitgliedern des Vereines eine ungeheure Rolle spielte, bemächtigte sich Carlettos. Er führte ihn in die Gesellschaft ein, zog ihn in lustige Kreise, brachte ihn mit allerlei leichten Damen zusammen und schleppte ihn gar manche Nacht von Nachtlokal zu Nachtlokal.

Professor Wendrich konnte die Wandlung Carlos nicht verborgen bleiben; vor allem darum nicht, weil der junge Mann bei einer solchen Lebensweise mit seiner bescheidenen Rente nicht mehr das Auslangen fand und wiederholt um eine Erhöhung bat. Aber da die Vermögensverhältnisse des jungen Zeller recht günstige waren und Carlettos Forderungen sich in erfüllbaren Grenzen hielten, lag für Wendrich kein Anlaß zum Einschreiten vor.

*

Ermüdet von den Aufregungen der Prüfung und etwas betäubt von dem Weingenuß, war Carlo auf dem Kanapee eingeschlafen. In so tiefem Schlaf hatte er gelegen, daß ihn selbst ein Klopfen an der Tür nicht zu sich gebracht und erst ein Kuß auf seine Stirne aufgeweckt hatte.

»Hella!« rief er aufspringend und umarmte stürmisch die hochgewachsene Rotblondine, die vor ihm stand.

»Vor allem gratuliere ich dir zur bestandenen Prüfung, mein Bub,« sagte sie, ihn auf die frischleuchtenden Knabenlippen küssend. »Ich weiß bereits alles von Franz.«

Sie hatte graugrüne, feuchtschimmernde Augen, eine feingeschnittene Nase und einen ganz kleinen Puppenmund. Carlo wollte ihr den Hut abnehmen. »Nein, nein,« mahnte sie ihn ab, »ich kann leider nicht lang bei dir bleiben.«

Erst jetzt bemerkte er eine gewisse Bedrücktheit und Verstörtheit in ihrem Wesen. »Was hast du, mein Schatz,« fragte er sie besorgt, während er sie an seine Seite niederzog.

»Nichts, Carlo, nichts von Bedeutung, ich habe nur noch einen Weg zu machen.« Und mit einem Lächeln, das ihn beruhigen sollte, fügte sie hinzu: »Solange, um einen Tee mit dir zu trinken, kann ich bleiben, inzwischen erzählst du mir, wie du die letzten vierundzwanzig Stunden verbracht hast und wie es bei der Prüfung ging.«

Er hatte sich durch Hellas harmlos und heiter scheinende Worte täuschen lassen. Er schellte Franz, damit dieser den Tee serviere, und während sie eng aneinandergeschmiegt tranken und naschten, plauderte er frisch drauf los. Doch plötzlich brach er ab. Er hatte bemerkt, daß Hella nur mit halbem Ohr ihm zuhörte und ihr verdüsterter Blick sinnend irgendwo in der Ferne weilte.

»Wo sind deine Gedanken, Hella?« fragte er sie eindringlich. »Irgend etwas ist geschehen, willst du es mir nicht sagen?«

Sie schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln.

»Du siehst Gespenster, Bubi, ich bin vielleicht etwas nervös heute, das ist alles.«

Doch jetzt glaubte er ihr nicht mehr. Unruhig sprang er auf, faßte ihre Hände und zwang sie, ihm in die Augen zu schauen. »Ich will die Wahrheit wissen, die Wahrheit, hörst du!«

Ihr Blick wich dem seinen aus. »Du quälst mich ... so laß doch meine Hand los, du tust mir ja weh!«

Aber jähzornig, wie Carlo war, preßte er noch fester ihre Rechte, und mit zornfunkelnden Augen rief er: »Du mußt sprechen!«

»Du zwingst mich. Ich wollte es dir nicht sagen, um dich nicht zu beunruhigen. Thomas hat heute früh einen anonymen Brief bekommen –«

Er fühlte, wie er sich verfärbte. In jähem Schreck trat er einen Schritt zurück: »Dein Mann?...«

»Man hat ihn auf unsere Beziehungen aufmerksam gemacht. Es hat eine furchtbare Szene gegeben. Ich habe selbstverständlich alles in Abrede gestellt. Aber ich fürchte sehr, daß er uns jetzt beobachten lassen wird. Ja, mein Junge,« sagte sie traurig, »wir werden vorsichtig sein müssen. Wir werden uns nicht mehr so oft treffen können.« Sie fuhr ihm liebkosend durch das seidenweiche, schwarze, leicht gewellte Haar.

Carlo, der sich wieder an ihrer Seite niedergelassen hatte, hielt den Kopf tiefgesenkt: »Furchtbar, jetzt wird er dich quälen und ich muß stumm bleiben und kann dir nicht beistehen.« Dann dehnte und streckte er sich, und aus seinen Augen leuchtete Kampffreude und Verwegenheit. »Ah, wenn ich ihm gegenübertreten könnte!«

»Du wirst vernünftig sein, Carletto, du mußt vernünftig sein, um meiner Ehre willen. Vor allem muß ich alles vermeiden, was ihn mißtrauisch machen könnte. Denn Thomas wird natürlich jetzt sehr achtsam sein. Nicht, weil er mich lieb hat,« sagte sie bitter lächelnd, »sondern aus Eitelkeit. Darum halt ich es für das Klügste, wir sehen uns jetzt einige Wochen gar nicht.« Nur zögernd hatte sie die letzten Worte hervorgebracht, in der Angst, Carlo in allzu große Verzweiflung zu stürzen.

In der Tat schrie dieser jetzt beinahe auf: »Was, dich nicht mehr wiedersehen? – Das kann ich nicht, Hella, das kann ich nicht.« Tiefes, echtes Weh zitterte in seiner Stimme.

Frau Bühler, die sich bereits erhoben hatte, um sich zum Weggehen zu rüsten, mußte sich wieder setzen. Sie zog Carlo neben sich, lehnte seinen Kopf an ihre Schulter, streichelte und tröstete ihn:

»Nur einige Wochen, mein Liebling, so stark mußt du sein, um das zu ertragen. Nur so lange, bis er den bösen Brief vergessen hat.«

»Aber, du hast doch auch heute gewagt, zu mir zu kommen,« wandte er ein.

»Thomas ist heute mittag mit dem Auto in die Fabrik nach Mödling hinausgefahren. – Aber ich werde dich anrufen, Carlo, jeden Tag, und nicht eine Stunde länger mußt du auf mich warten, als ich es für nötig halte.«

Schweren Herzens, glitzernde Tränen in den langen, geschwungenen Wimpern, fügte er sich in das Unvermeidliche. Lang und zärtlich küßten sie einander, dann ging Hella.

Carlo lehnte am offenen Fenster, das in den in üppiger Blüte stehenden Park hinausging, und träumte vor sich hin. Hatte dieser Besuch einen Abschied bedeutet. War nun alles vorüber?

Der ganze Verlauf seiner Beziehungen zu Hella Bühler zog an ihm vorbei. In Madonna di Campiglio, wo er eine befreundete Familie besuchte, hatte er sie kennen gelernt. Zuerst war's nur ein Flirt gewesen. Sie war um sechs oder sieben Jahre älter als er, eine Dame der großen Welt, die Gattin eines stadtbekannten Großindustriellen und eine vielumworbene Schönheit. Und er, Carlo, hätte es kaum gewagt, seine Wünsche bis zu dieser Frau zu erheben. Aber Hella selbst war es gewesen, die ihm allmählich zu verstehen gab, daß er ihr ausnehmend gut gefalle, die durch ihr Entgegenkommen sein Blut erhitzt und ihn kühn gemacht hatte.

Ein schrilles Läuten riß ihn aus seinen trüben, schwermütigen Gedanken. Er hörte Stimmen im Vorzimmer; ein Besuch zu solcher Stunde, wer mochte das sein? Franz trat ein und überreichte mit scheuem Blick eine Karte: »Kommerzialrat Thomas Bühler.«

Zeller stand einen Augenblick lang das Herz still.

»Der Herr scheint sehr aufgeregt,« flüsterte Franz besorgt, »es ist vielleicht besser, der gnädige Herr empfangen ihn nicht.«

Carlo jedoch hatte seine Fassung wieder erlangt. Während er den Rücken dem Diener zugekehrt, so daß dieser sein Tun nicht bemerken konnte, aus der Schreibtischlade einen Revolver nahm und in die äußere Rocktasche steckte, sagte er mit fester Stimme. »Ich lasse den Herrn bitten!«

Aug' in Aug' standen sich wenige Sekunden später Zeller und Thomas Bühler gegenüber. Carlos Züge waren unbeweglich starr, nur seine Wangen waren geröteter als gewöhnlich. Er stand hochaufgerichtet, gestrafft an den Schreibtisch gelehnt.

Kommerzialrat Bühler war ein vierschrötiger, kaum mittelgroßer Mann in der Mitte der Vierzig, mit einer weitvorspringenden Hakennase, dichtem, braunem Schnurrbart und borstigem, kurz geschorenem, an den Schläfen schon ergrautem Haar.

Sich leicht und förmlich verbeugend, fragte Carlo: »Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Kommerzialrat?«

Bühler lächelte höhnisch und tückisch. Ganz grün schillerten seine Augen unter dichten, zusammengewachsenen Brauen: »Das können Sie gar nicht erraten, Herr Zeller?«

Dieser zuckte die Achseln: »Das vermag ich in der Tat nicht!«

Bühler sah sich um: »Hübsch haben Sie's hier, sehr hübsch. Und wie famos es bei Ihnen riecht.– Ambre antique – ja, so ein Junggeselle!« Er lachte wieder auf: »Wenn die Wände hier erzählen könnten, wie? Wahrscheinlich vor kurzer Zeit erst Damenbesuch hier gewesen?«

Die Miene Carlos begann sich zu verdüstern und steigende Ungeduld auszudrücken: »Womit kann ich Ihnen dienen? Welcherlei Besuche ich hier empfange, hat Sie doch wohl kaum zu kümmern, mein Herr?!«

Bühler machte einen Schritt vorwärts. »Meinen Sie? Auch die Besuche meiner Frau bei Ihnen haben mich wohl nicht zu kümmern?«

Carlo hielt an sich: »Ihre Frau, ich verstehe Sie nicht!«

»Was, Sie wagen noch zu leugnen, Sie feiger Schuft, wo meine Frau vor wenigen Minuten erst Sie verlassen hat?« – Wutverzerrt stürzte Bühler mit zum Schlag erhobener Faust auf Zeller los.

Da hatte Carlo auch schon seinen Arm erfaßt und den Angreifer, der auf solche Körperkraft bei dem beinahe zart gewachsenen Gegner nicht gefaßt sein mochte, ein paar Schritte weit zurückgeschleudert. »Lassen Sie jede Attacke, sonst knalle ich Sie nieder! – Ich stehe Ihnen zur Verfügung!« – Darauf wies er mit der Hand gebieterisch auf die Tür und rief: »Jetzt hinaus!«

»Sie hören von mir!« zischte Kommerzialrat Bühler und verschwand.

Carlo ließ sich in einen Fauteuil fallen. Ganz wirr war ihm im Kopf. Die Überstürzung der Ereignisse betäubte ihn. Erst allmählich kam er zu sich und war imstande, die peinliche Lage, in der er sich so plötzlich fand, zu überdenken und in allen Folgen sich vorzustellen. Doch nicht seiner Person galten seine ersten klaren Gedanken, sondern Hella, um deren Schicksal ihn großes Bangen ergriff. Er überlegte einige Augenblicke, ob er nicht verpflichtet sei, ihr seine Hand anzubieten. Aber dann meldete sich doch die Vernunft; er war zweiundzwanzig, sie nahe an dreißig, er hatte keine Stellung, stellte nichts im Leben vor, sein Vermögen war zu bescheiden, um den Ansprüchen einer so verwöhnten Frau genügen zu können.

Es hieß vor allem, sagte er sich, als er ruhiger geworden war, für das Duell sich bereit machen. Er wollte die Angelegenheit in Ströbls Hände legen, den er, da es erst halb sechs Uhr war, noch in der Kriau anzutreffen hoffte. Er griff nach Hut und Handschuhen, stürzte aus dem Haus, rief das erste Automobil, das ihm begegnete, an und raste hinunter in den Prater.

Zahlreiches Publikum nahm um diese Stunde in der Meierei Kriau seinen Kaffee, viele Bekannte Carlos darunter, die ihm zuwinkten und ihn anriefen. Er hielt sich aber bei niemandem auf, sondern ließ seine Augen nur nach Ströbl ausblicken, den er auch endlich in einer Ecke in Gesellschaft zweier aufgeputzter, geschminkter Dämchen fand. Aufs freudigste überrascht eilte Ströbl ihm entgegen und wollte ihn an den Tisch ziehen.

»Nein, ich danke, Clemens,« lehnte Carlo ab. – »Ich bitte dich, sage den zwei Mädeln dort für heute Adieu und schenk mir den Rest des Tages, ich habe ernste und dringende Dinge mit dir zu besprechen.«

Clemens von Ströbl konnte nach einem aufmerksamen Blick in Carlos Gesicht nicht mehr im Zweifel sein, daß es sich um eine wichtige Angelegenheit handeln müßte. Er entsprach daher der Bitte des Freundes, verabschiedete sich von seinen Begleiterinnen und verließ mit Carlo das Kaffeehaus. Während sie beide die Hauptallee hinabschritten, berichtete Zeller den Vorgang des heutigen Nachmittags.

»Donnerwetter noch einmal, die schöne Hella Bühler! Bist du ein Glückspilz«, war die erste Antwort, mit der Ströbl die Mitteilung, die ihm gemacht wurde, quittierte. »Aber gekommen bist du schließlich mit der Sache doch zu mir, und schneller als ich dachte,« sagte er weiter, mit offensichtlicher Genugtuung.

Zeller bestürmte ihn, Diskretion zu bewahren.

»Dazu bin ich als dein Sekundant doch verpflichtet!« beruhigte ihn Ströbl. Als zweiten Vertreter schlage ich dir den Oberleutnant Baron Rakossy vor. Überlasse alles andere getrost uns beiden.«

Geradezu frohgelaunt war Ströbl, den Freund in einer so pikanten und schicken Affäre verwickelt zu wissen. »Du machst dich, mein Junge, du machst dich!« versicherte er ein über das andere Mal.

*

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