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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Es war abends nach dem Souper. Die Insassen des großen Hauses saßen mit ihren Gästen auf der Terrasse. Der Vollmond schien wieder, und die ganze Gesellschaft rüstete zu einem Ausflug, teils zu Pferd, teils zu Wagen, nach der etwa acht Meilen entfernten Besitzung eines Nachbarn, wo eine mitternächtliche Eisbowle bereitstand. Mit einem scheinbar harmlosen Lächeln wandte sich Frau Harriett, gerade als sie in den Sattel steigen wollte, zu Zeller, der ihr behilflich war:

»Eigentlich stört Sie unser Ausflug nur, Professor, denn er bringt Sie um Ihren nächtlichen Spaziergang.«

Zeller bekämpfte die Verlegenheit, die in ihm aufstieg, und er sagte leichthin:

»Oh, ist das also nicht unbekannt geblieben? Allerdings tut es mir sehr wohl, wenn ich nachts allein umherschlendere, um meine Gedanken zu sammeln. Es ist ja doch zu heiß, um früher als in den Morgenstunden einschlafen zu können.«

Grell und spitz lachte die Amerikanerin, während sie sich in den Sattel schwang:

»Ich fürchte nur, daß Ihnen in der Einsamkeit Übles widerfahren könnte. Vielleicht, daß Ihnen Neger nachschleichen.«

»Wie kommen Sie auf diese Vermutung?«

»Nun, ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich den Nigger von weitem wittere, und Sie bringen seinen Geruch mit sich. Er haftet Ihnen noch morgens nach dem Bade an.«

Achselzuckend erklärte Zeller: »Das dürfte denn doch auf Einbildung beruhen,« und gab dem ihm sehr unangenehmen Gespräch eine andere Wendung.

Es wurde nun ein scharfer Trab eingeschlagen, während sich die Pferde des Wagens in die Zügel legten. Nach wenig mehr als einer Stunde war man vor dem Hause des Friedensrichters Oberst Stoddard angelangt, das durch Lampions festlich beleuchtet war. Es gab noch einen ausgiebigen, kalten Imbiß, dann wurde eine herrliche, aus erlesenen Pfirsichen und Champagner hergestellte eiskalte Bowle serviert, und da die Mehrzahl der Gesellschaft aus jungen Leuten bestand, ging es bald sehr lebhaft und heiter zu. Bis Frau Harriett, die außergewöhnlich erregt schien, mit einem Schlage das Gespräch an sich riß und sich darüber beklagte, daß in der letzten Zeit das farbige Gesindel im Auftreten, in Blicken und Gebärden frech und herausfordernd geworden sei. Das bildete das Signal zu einer Negerhatz in Worten und zu wütenden Drohungen, die die jungen Herren ausstießen. Sie wetteiferten förmlich in Verwünschungen gegen die Schwarzen, jeder einzelne nahm sich vor, demnächst einem Neger das Fell zu gerben, vergebens warnte Oberst Stoddard und bat, den Frieden nicht zu stören. Die Studenten erklärten übereinstimmend, daß endlich etwas geschehen müsse, um den schwarzen Gesellen wieder den Herrn zu zeigen. Einer der jungen Leute, der Frau Harriett ostentativ den Hof machte, erklärte mit Emphase, die Züchtigung einiger Neger wäre unbedingt notwendig, weil sonst, wenn die Ferien vorüber und alle jungen Männer weg wären, die Damen frechen Blicken oder gar noch Schlimmerem der Neger preisgegeben wären. Diese Behauptung fand allgemeinen Beifall, sogar bei einzelnen der jungen Mädchen, während Frau Harriett dem Beschützer der weißen Unschuld die Hand entgegenstreckte.

Schweigend, aber mit bangen Empfindungen hatte Zeller dem Gespräch zugehört, und seine Gedanken flogen zu dem lieben, braunen Naturkind, das in seinem Herzen unschuldiger und reiner war, als alle diese männerbeherrschenden, flirtenden Frauen und Mädchen. Er hatte das Gefühl, daß Unheil in der Luft liege, und nahm sich vor, Karola zu warnen und die nächtlichen Begegnungen mit ihr auf das äußerste einzuschränken. Und wieder tauchte die Idee in ihm auf, Karola im Herbst mit sich nach Europa zu nehmen.

Von da an brodelte Irvington und Umgebung in Unruhe. Täglich wurden von den jungen Amerikanern unter irgendeinem Vorwande Neger ergriffen und gepeitscht, täglich aber wurde die Haltung der jungen Neger, die auf den Baumwollpflanzungen arbeiteten, trotziger und drohender. Und immer war es Frau Harriett, die abends die Männer durch Beifall und durch die Erzählungen, daß dieser oder jener Neger sie frech angegrinst habe, aufreizte und zu neuen Negerhatzen anspornte. Zur gleichen Zeit wurde sie gegen ihren Gast kälter, längst hatte sie weiteres Flirten mit ihm aufgegeben, und Zeller empfand, daß nur ihre gute Erziehung sie abhielt, gegen ihn schroff zu werden. So sehr er den stillen, liebenswürdigen Oberst Whilcox schätzte, so wenig lag ihm an der schönen koketten Frau; immerhin begann er sich aber unbehaglich zu fühlen, und er war entschlossen, noch früher als er beabsichtigt hatte, seinen Aufenthalt im Staate Georgia abzubrechen und schon im September nach New York und von dort nach Europa zurückzufahren.

Bis ein Ereignis eintrat, das alle seine Vorsätze und Pläne über den Haufen warf.

Eines Tages, zu Ende August, erschien Frau Harriett im Reitkostüm mit allen Zeichen der Erregung spät nachmittags in der Halle des Georgiaklubs, wo sich um diese Zeit die ganze Jeunesse dorée von Irvington beim Poker und Bridge unterhielt, und ließ einige bekannte Herren herausrufen. Auch ihren Gatten und Doktor Zeller, die sich im Bibliothekszimmer aufgehalten hatten. Fliegenden Atems teilte sie mit, daß ihr soeben furchtbarer Schimpf widerfahren sei. Gerade vor dem Hause des Niggers Sampson sei der Sattelgurt ihres Gaules gerissen, und Sampson, der vor dem Hause herumgelungert, habe den Schaden rasch repariert. Als sie wieder aufgesessen sei, da habe die schwarze Bestie, unter dem Vorwande, den Steigbügel zurecht zu rücken, sich einen schamlosen Handgriff gegen sie erlaubt. Und als sie vor Empörung einen Hieb mit der Reitgerte gegen ihn richtete, habe das Mulattenmädel, das nicht nur seine Stieftochter, sondern auch seine Dirne sei und den Vorfall beobachtet hatte, händeklatschend gerufen: »Pack sie nur, Pa, und zwick sie tüchtig.« Sie, Frau Harriett, sei einer Ohnmacht vor Kränkung nahe gewesen, im Galopp hergeritten, und nun frage sie die Männer von Irvington, was geschehen müsse, um Sampson und seine Tochter entsprechend zu züchtigen.

Während Zeller, der seine Hand dafür ins Feuer gelegt hätte, daß die Geschichte, wenigstens soweit sie Karola betraf, erlogen war, fassungslos dastand und entgeistert war, entstand ein furchtbarer Tumult. Die Herren schrien erregt durcheinander, Pistolen wurden gezogen, selbst Oberst Whilcox ballte die Fäuste und schrie: »Die Brut muß ausgerottet werden!« Der junge Kurmacher der Frau Harriett aber trat, als sich die Aufregung ein wenig gelegt hatte, vor, und bat Mrs. Whilcox, sich jetzt ruhig nach Hause zu begeben, da ihre Ehre in guten Händen sei. Sofort werde ein Tribunal gebildet werden, um die notwendigen Schritte zu beschließen.

Zeller war über alles das so fassungslos, daß er die ruhige Überlegung verlor. Statt unverzüglich zum Blockhaus des Sampson zu fahren, versuchte er zu beschwichtigen, und er wandte sich, da sich die jungen Leute sofort in einem Raum eingeschlossen hatten, an Mrs. Harriett, die ihn jedoch nur mit schneidender Kälte anhörte, um schließlich achselzuckend zu erklären:

»Ihre Bemühungen, als Negeranwalt aufzutreten, werden Ihnen kaum etwas nützen, da unsere Jungens in solchen Dingen sich nichts dreinreden lassen.«

Vergebens wandte sich nun Zeller an Oberst Whilcox, an Doktor Dobbs, der hinzugekommen war, an den Apotheker und andere alte Herren. Auch sie lehnten es rundweg ab, zu intervenieren. Es liege hier ein ganz krasser Fall eines Negerangriffs gegen eine Lady vor, da müsse sofort Justiz geübt werden, wie es eben Landesbrauch ist. Das war der Tenor ihrer Erwiderungen.

Bei diesen zeitraubenden Diskussionen hatte Zeller nicht bemerkt, daß inzwischen die jungen Leute von Irvington, zwanzig Mann hoch, mit Wagen und Pferden davongestürmt waren, um die Ehre der Mrs. Harriett an dem Neger und seiner Tochter zu rächen. Als er es erfuhr, fand er keinen Mietwagen, keinen Gaul, um ihnen nachzueilen, und es blieb ihm in seiner rasenden Angst um Karola nichts anderes übrig, als zu Fuß den langen Weg in glühender Sommerhitze zurückzulegen. Es dauerte mehr als eine Stunde, bis er, schweißbedeckt, atemlos, vollkommen erschöpft, vor der Blockhütte ankam. Schon lange vorher witterte er aber beißenden Rauch, und er ahnte, daß Schreckliches geschehen war. Nun stand er endlich vor der Hütte – nein, vor dem Platz, auf dem vor einer Stunde noch die Hütte gestanden hatte! Nur noch ein paar rauchende und schwelende Balken lagen inmitten des kleinen zertrampelten Gartens auf dem Erdboden.

Zeller sah um sich, und das Blut wollte ihm in den Adern gerinnen: da, dicht vor ihm, baumelte von dem Ast eines alten Apfelbaumes herab die Leiche des gelynchten Negers. Nicht schwarz war aber seine Gesichtsfarbe, sondern seltsam graugrün, und aus dem weitaufgerissenen breiten Mund hing die Zunge heraus, daß es schien, als würde der Gehängte eine Grimasse schneiden. Der kalte Schweiß rann Zeller über die Stirne, wie geistesabwesend starrte er die Leiche an. War das möglich? Hätten zivilisierte junge Menschen, Studenten, die dereinst Ämter und Würden bekleiden sollten, wirklich einen Menschen ermordet, der im schlimmsten Fall sich etwas zuschulden hatte kommen lassen, was mit einer Tracht Prügel genügend bestraft worden wäre? Lebte er zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts oder im Mittelalter? Unwillkürlich erinnerte sich Zeller der Judenverfolgungen in vergangenen Jahrhunderten, der Hexenprozesse, der Inquisitionsgerichte.

Pferdegetrappel riß ihn aus seinem Grauen. Querfeldein, über die Baumwollfelder, kamen die Richter aus eigener Machtvollkommenheit angeritten. Als sie den Deutschen erblickten, riefen sie ihm fröhlich, als sei nichts geschehen, ihr Hallo zu, sprangen ab und einer von ihnen sagte lachend:

»Was, Professor, so etwas gibt es in eurem alten, gemütlichen Deutschland nicht! Sie müssen uns dankbar sein, daß wir Ihnen gezeigt haben, wie man hierzulande ohne Gerichtshof gute Justiz macht.«

Mühsam beherrschte sich Zeller. Er wußte, daß er, würde er diesen Leuten seine Verachtung zeigen, sich nur lächerlich und verhaßt machen, Karola, die liebe, kleine Karola aber nicht retten würde – vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch am Leben war. Und so ersuchte er die jungen Herren denn, ihm zu erzählen, wie sich alles abgespielt habe.

Der neue Seladon der Frau Harriett tat dies.

»Nun, wir sind alle im raschesten Galopp hergeritten und fanden richtig das ganze Gesindel beisammen. Ohne lange zu fackeln, griffen wir zuerst den Sampson und banden ihn mit Stricken. Dann wollten wir das kleine Biest, seine Tochter, fassen, aber sie war leider flinker als wir, sie bückte sich blitzschnell, rannte zwischen unseren Füßen durch, und wie eine Wildkatze war sie davon. Ein paar von uns ihr nach, aber sie war nicht einzuholen, sondern verschwand im Gebüsch. Also der Hauptschuldige war ja Sampson selbst, und den hatten wir glücklicherweise. Während er heulte und seine Unschuld beteuerte und sein dickes Weib so lange auf den Knien umherrutschte, bis wir sie mit Fußtritten aus der Hütte jagten, sprachen wir dem Kerl das Urteil. Ein paar von unseren Jungen hielten die Neger, die sich indessen langsam angesammelt hatten, mit den Revolvern in Schach, wir anderen schleppten den Sampson zum Apfelbaum auf die Straße und eins, zwei, drei, hing er schon in der Schlinge. Als der Kerl keinen Ton mehr von sich gab, zündeten wir das ganze Nest an, damit von der Schandbude nichts übrig blieb. Und jetzt haben wir nochmals nach der Dirne gesucht, aber vergebens. Die Alte ist in die Stadt gelaufen, wo sie sich bei ihrer schwarzen Sippe verstecken wird. Um die ist uns auch gar nicht zu tun, denn gegen sie hat Mrs. Whilcox nichts ausgesagt. Aber das Mädel werden wir schon noch finden. Jimmy bringt abends einen Schweißhund zur Stelle, da kann sie sich verkrochen haben, wo sie will, wir werden sie schon aufstöbern.«

»Und was wird mit ihr geschehen?« fragte Zeller, scheinbar ganz ruhig, während er sein Herz schlagen fühlte.

Die jungen Leute sahen einander schmunzelnd an, dann erwiderte der, der als Jimmy bezeichnet worden war:

»Na, sie ist ja ein verflucht hübsches Luder und jung! Und da wir auch jung sind, werden wir nach dem Los unseren Spaß mit ihr haben und sie nachher auspeitschen und mitten in der Stadt an den Pranger binden.«

Zeller nickte und ging. Er hätte sich nicht einen Augenblick länger beherrschen können, im nächsten Augenblick würde er die Pistole, die auch er nach Landesbrauch immer bei sich hatte, gezogen und den erstbesten von den Lynchern niedergeknallt haben; er war schon einige Schritte gegangen, als er sich wieder umwandte:

»Well, meine Herren, ich werde vielleicht an der Jagd nach dem Mädchen wenigstens von der Ferne teilnehmen. Wann geht es los?«

Die Burschen berichteten kurz:

»Wir reiten jetzt zurück nach der Stadt, machen dem Scherif Meldung, begießen ein gutes Abendessen mit einem tüchtigen Schluck Claret und gehen von hier so gegen neun Uhr mit dem Hund los. In der Nacht nimmt ›Tiger‹ am besten die Spur auf.«

Zeller ging und legte den kurzen Weg zum »großen Haus« zurück.

Er begann wieder ruhig, klar, nüchtern und methodisch zu denken, als würde es sich um ein wissenschaftliches Problem handeln. Karola mußte gerettet werden; um jeden Preis, auch um den seines eigenen Lebens. Er fühlte, wie es warm und liebevoll in ihm aufstieg. Sein Denken an Karola war voll Zärtlichkeit und Sehnsucht. »Das liebe Mädel,« sagte er in sich hinein, »eher stirbt sie durch meine Hand, als daß ich sie diesen brutalen Bestien überlasse.«

Im Hause angelangt, sah er auf seine Uhr. Fünf – also Zeit genug. Rasch wusch er sich kalt, ließ den schwarzen Diener kommen, der einen verstörten, haßerfüllten Eindruck machte, befahl ihm, so schnell als möglich den Koffer zu packen. Seine in Georgia angelegten Herbarien schloß er selbst sorgfältig ein. Dann begab er sich hinunter auf die Terrasse, wo der Oberst ihn aufgeregt und irgendwie verlegen begrüßte.

»Oberst Whilcox, ich war fast vier Monate Ihr Gast und werde die Freundschaft und vornehme Gastlichkeit, die Sie mir bewiesen haben, nie im Leben vergessen. Aber nun ist meines Bleibens nicht länger. Was ich heute hier miterlebt habe, ist für meine deutschen Nerven zu viel, es müßte bei nächster Gelegenheit zwischen mir und den jungen Leuten, die es unternahmen, ein Geschöpf Gottes zu vertilgen, zu bitteren Worten kommen, und das muß ich vermeiden. Wenn Sie die Güte haben wollten, mein Gepäck jetzt nach dem Bahnhof zu schicken, so würde ich noch mit dem Nachtzug nach Macon und von dort nach Atlanta fahren. Dort bleibe ich einen Tag und fahre dann mit dem Expreß nach New York, um mit dem nächsten Dampfer nach meiner altmodischen Heimat zurückzukehren.«

Betroffen, aber mit vollendeter Würde schüttelte Oberst Whilcox dem deutschen Gelehrten die Hand und versicherte ihm, daß er den vorzeitigen Abschied tief bedauere, doch die Beweggründe des Professors vollkommen zu würdigen verstehe. Es galt nun, nur noch Abschied von Frau Harriett zu nehmen, aber dazu kam es nicht. Die schöne Frau ließ sich entschuldigen, denn sie fühlte sich infolge der Aufregungen dieses Tages nicht wohl und habe sich zu Bett begeben. So fuhr denn Zeller eine Stunde später, als die Sonne glühend rot untergegangen war, allein nach Irvington, da er die Begleitung des Obersten Whilcox freundschaftlich, aber entschieden abgelehnt hatte.

Unweit der Stelle, an der sich vor wenigen Stunden noch die armselige Hütte Sampsons befunden hatte, ließ Zeller den Kutscher halten, stieg aus und gab den Auftrag, den Koffer auf dem Bahnhof zur Aufbewahrung zu übergeben und hierauf zurückzufahren, da er Kopfschmerzen habe und den Weg zu Fuß zurücklegen wollte. Es schien aber, als wenn der schwarze Kutscher ahnen würde, daß Außergewöhnliches vorgehen sollte; er sah den Deutschen mit treuherzigen Augen tief an und sagte kopfschüttelnd:

»Gott möge Euer Ehren behüten und segnen, denn Ihr seid nicht so, wie die Herren hierzulande, die die Neger wie schmutziges Vieh hassen!«

In fiebernder Erwartung begab sich Professor Zeller nach dem Eichenhain, in dem er nächtlich so viele seltsam romantische Stunden mit der kleinen Karola verbracht hatte. Vergebens durchdrang sein Auge das Halbdunkel; die Naturbank, auf der Karola eng an ihn geschmiegt zu sitzen pflegte, war leer. Totenstille umfing ihn, und die Luft schien heiß wie Dampf zu brodeln. Als aber Zeller angsterfüllt laut »Karola« rief, da raschelte es, und aus dem dichtesten Gestrüpp löste sich die Gestalt des Mädchens, das im nächsten Moment schluchzend an seinem Halse hing.

Während er sie küßte und streichelte und tröstete, erzählte Karola, daß die Mutter in die Stadt zu Verwandten geflüchtet sei, sie sich aber nun schon stundenlang hier im Gestrüpp verborgen gehalten habe, fest entschlossen, sich mit den Zähnen die Pulsadern aufzubeißen, wenn ihre Verfolger sie entdecken würden. Aber eine innere Stimme habe ihr gesagt, daß ihr großer blonder Freund kommen und sie retten würde. Die kleine Mulattin versicherte und beschwor es bei ihrem Seelenheil, daß sie von einer Begegnung zwischen ihrem Stiefvater und Mrs. Whilcox überhaupt keine Ahnung habe, und sie erfuhr überhaupt erst durch Zeller, warum man Sampson auf so grauenvolle Art habe sterben lassen.

Nun galt es, keine Minute zu verlieren, Zeller hatte alles genau voraus überlegt. Das Mädchen durfte unter keinen Umständen die nach der Stadt führende Landstraße betreten, weil sie dort sofort von einem der Lynchrichter ergriffen werden könnte. Sie mußte unverzüglich quer durch die Plantagen nach der ersten Haltestelle eilen, an der der von Irvington um neun Uhr abends nach Macon abgehende Lokalzug hielt, und mit diesem Zug, in dem sich Zeller befand, in dem für das farbige Volk angehängten Wagen nach Macon fahren, wo sie auf dem Bahnsteig Zeller finden würde. Zeller gab dem Mädchen, das mit allem einverstanden war, Geld, küßte es zärtlich, dann eilte er der Landstraße entlang nach Irvington, während Karola durch Gestrüpp und Baumwollstauden sich auf den mehr als zwei Stunden weiten Weg nach der Haltestelle außerhalb der Stadt schlich.

Alles verlief glatt. In dem Städtchen Macon fanden sich Zeller und Karola, und beide bestiegen, er freilich den Pullmanwagen, sie den Negerwagen benutzend, den Schnellzug nach Atlanta; es war fast Mitternacht, als sie dort auf der Straße vor dem Bahnhof standen.

Was aber nun? Der Expreßzug nach New York ging um acht Uhr morgens ab, und Zeller hätte das junge zitternde Mädchen allein in einer schmutzigen zweifelhaften Negerherberge unter keinen Umständen absteigen lassen. In sein Hotel konnte er sie aber nicht mitnehmen, denn sie war farbig, also hatte sie kein Anrecht auf Unterkunft in einem Hause, in dem die Weißen wohnten. Doch Zeller wußte Rat.

»Karola, uns beiden ist nicht nach Schlafen zumute, wir werden also etwas essen und dann den Zentralpark aufsuchen, den ich in meinem Führer verzeichnet finde, und dort den Anbruch des Tages abwarten. Weg von mir lasse ich dich nicht, du armes, kleines Ding du.« Sie erwiderte nichts. Stumm preßte sie seine Hand an ihre fiebernden Lippen, während ein stummes leises Schluchzen den jungen Körper schüttelte.

In einer zweifelhaften Kneipe erregte das Erscheinen Zellers mit der Mulattin das Grinsen des einsamen Kellners. Aber Beefsteak, Eier, frische Limonade und Obst waren bald zur Stelle, und die beiden, die seit mehr als zwölf Stunden nichts gegessen hatten, konnten sich sättigen und stärken. Hand in Hand gingen sie durch den großen, stillen Park, verließen die Wege und suchten einen verborgenen Rasenplatz, zwischen Hecken und Sträuchern, um sich auszustrecken.

Die Nacht war heiß und schweigend. Karola schmiegte sich an den weißen Mann, der ihr in ihrem verwirrten Denken wie ein Heiland erschien. Das Blut begann in seinen Adern zu kochen, und seine heißen Hände liebkosten den heißen, jungfräulichen Körper des Mädchens aus einer anderen Welt, das mit leisem, girrendem Jubelruf die Weibwerbung durch den von ihr Vergötterten empfing.

*

Professor Zeller stieg, wie vor Monaten, so auch jetzt, in New York im Waldorf-Astoria, diesem damals größten und prunkvollsten Hotel der Welt, ab, während er für Karola Zimmer und Verpflegung bei der Familie eines schwarzen Methodisten-Geistlichen fand, dessen Gattin gegen die täglichen Besuche des deutschen Professors nichts einzuwenden hatte, sondern sich dadurch sogar recht geehrt fühlte. Ein Zusammenleben im Hotel oder in einer Pension war auch in New York ausgeschlossen, denn wenn dort, wie im Norden der Neger überhaupt, auch dieselbe Straßenbahn benutzen darf, von den Wohnstätten und dem Wohlleben des Weißen bleibt er wie im Süden ausgeschlossen. Die trennende Mauer ist niedriger, aber nicht weniger fest: Schwarz und Weiß, das ist hier kein Problem, sondern eine Tatsache, an der nichts gerüttelt wird.

Zeller überlegte die nächste Zusammenkunft. Er liebte das braune Kind mit allen Nerven. Wohl wußte er, daß es ihm keine Gefährtin im höheren Sinne sein konnte, aber er wollte und konnte es nicht mehr missen. In Karolas Umarmung verlor er alle Erdenschwere, an ihrer jungen Brust fand er die restloseste Auslösung, das vollkommenste sinnliche Glück. Und er wäre kein Europäer, vor allem kein Deutscher gewesen, wenn er sich nicht auch moralisch als mit Karola vorerst untrennbar verbunden gefühlt hätte. Was aber tun? In spätestens zwei Wochen mußte er nach Europa zurück, um die Professur in Wien anzutreten. Sollte er Karola mitnehmen, sie in Wien als eine Art Wundertierchen bewundern lassen und sich selbst in eine eigentümliche schiefe Stellung bringen? Oder mußte er sich von ihr losreißen und sie der Obhut ihrer Rassegenossen zurücklassen?

Konnte er dies tun, ohne Karola, die an ihm mit einer zärtlichen Hingabe, deren eine Europäerin kaum noch fähig war, hing, tödlich zu verwunden? Alle diese Fragen fanden eine überraschende Lösung. Die Zeitungen hatten Zellers Ankunft in New York registriert, Reporter ihn über seine Beobachtungen und Studien im Süden ausgefragt, eine große wissenschaftliche Vereinigung ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied, und eines Tages, kaum zwei Wochen nach seiner Ankunft, erhielt er vom Direktorium der Columbia-Universität in New York den ehrenvollen Antrag einer hochdotierten Professur.

Das war Schicksalswille. Zeller raste zu dem Braunsteinhaus in der 48. Straße, in dem Karola wohnte, schwenkte sie wie eine Puppe in der Luft umher und jubelte:

»Karola, wir bleiben zusammen! Ein Jahr, zwei Jahre, viele Jahre!«

Und da sprach Karola schluchzend und lachend vor Glück die ersten deutschen Worte zu ihm:

»Ich danke dir und dem lieben Gott.«

*

New Yorker Weihnachten im Schneesturm. Frühmorgens war es noch so mild und warm gewesen, wie in Deutschland im Mai, mittags brach ein eisiger Frost herein, der zum Nachmittag einem regulären Blizzard Platz machte. In wenig mehr als einer halben Stunde war die Riesenstadt in eine nördliche Schneelandschaft verwandelt; die Straßenbahn zuerst, dann auch die Hochbahn mußte den Verkehr einstellen, ungeheure Schneemassen senkten sich vom Himmel herab und ein orkanartiger Nordsturm trieb sie den Passanten ins Gesicht, häufte sie auf der einen Straßenseite zu Bergen, daß die Haustüren nicht geöffnet werden konnten und die Einlaßbegehrenden buchstäblich bis zur Schulter im Schnee versanken.

Mühsam keuchte Professor Zeller den kurzen Weg von den weitläufigen Universitätsgebäuden bis zu dem kleinen Haus, das er beim Ende der Columbus Avenue gemietet hatte. Er war ehrlich empört über das Wetter, das er für unwissenschaftlich, deplaciert und gesetzwidrig erklärte. New York liegt auf einem Breitengrad mit Neapel, ist eine ausgesprochen südliche Stadt, außerdem gebührt dieser Gegend ozeanisches Klima – also wozu und woher im Sommer Tropenglut und im Winter sibirische Schneestürme? Aber es kamen noch andere Umstände dazu, ihn in grimmige Laune zu versetzen. Karola würde bei diesem Wetter den weiten Weg nicht zu ihm machen können, und es war nicht nur heiliger Abend, den er nach deutscher Weise im eigenen Heim unterm Tannenbaum feiern wollte, sondern auch noch Karolas sechzehnter Geburtstag! Zeller hatte den ganzen Tag an der Universitätsbibliothek verbracht, um die botanische Arbeit, auf die sein Verleger in Jena wartete, zu vollenden. Es war nun fünf geworden, und statt des erleuchteten Baumes, den Karola hätte putzen sollen, würden ihn dunkle Zimmer und das zwar gutmütige, aber reichlich dumme, alte Negerweib, das er zur Bedienung genommen hatte, erwarten.

Immer toller heulte der Sturm, wollte den Wanderer umwerfen, blendete ihn, schleuderte ihm Schneeklumpen gegen das Gesicht. Es war so finster, daß der Gelehrte nur mühsam sein Haus finden konnte, und vollends Akrobatenarbeit war es, die fünf Stufen, die zum Haustor führten, zu erklimmen. Aber schon umschlangen ihn die weichen Arme Karolas, schon stand er im warmen Salon, in dem der grüne Baum mit hundert Kerzen leuchtete. Das Mädchen hatte durch Sturm und Schnee den fünf Kilometer langen Weg erkämpft, den Baum geschmückt, die Kerzen angezündet, nebenan im Speisezimmer den Tisch festlich gedeckt, und nun stand sie in einem schwarzen schlichten Samtkleid, dessen Ausschnitt ihre schöne Büste halb enthüllte, vor ihm, und in das Braun ihrer Wangen trat leichte Röte, und sie blickte ihren Herrn und Meister aus den großen, dummen Augen bettelnd an.

Bescherung. Die alte schwarze Magd bekam Geld und Süßigkeiten und eine Kette aus bunten Steinen, die sie sich gewünscht hatte. Professor Zeller aber nahm aus Karolas Händen schöne, geschmackvolle Krawatten in sanft abgetönten Farben entgegen. Denn Karola hatte die Negerliebe zu Buntem, Grellem bald abgelegt, entwickelte einen fast spießbürgerlich einfachen Geschmack und duldete an ihren Kleidern kein Bunt.

Zeller eilte in ein anderes Zimmer und kam mit einer großen weißen Schachtel zurück, die er seiner Gefährtin reichte. Und als sie die Bänder gelöst und den Deckel gehoben hatte, da lag ein wundervoller Nerzmantel mit Muff und Kappe vor ihr. Karola jubelte, tanzte umher, schlüpfte in den Pelz, gab unartikulierte, girrende Laute, atavistische Töne aus dem dunklen Erdteile von sich, dann aber schmiegte sie sich an den Spender, küßte dem Widerstrebenden die Hände und sagte mit drolliger Aussprache und putziger Wichtigkeit:

»Rudolf, ich danke dich von ganzes Herzen, und werden dich lipp sein bis in allen Ewigkeiten!«

Zeller stand sprachlos und starr vor Staunen da.

»Karola, Mädel!« rief er jetzt ebenfalls auf Deutsch, »was ist los mit dir? Du sprichst ja Deutsch wie ein alter Reichstagsabgeordneter? Wer hat dir das beigebracht?«

Gerührt und beglückt erfuhr er nun, daß das Mulattenmädchen seit drei Monaten täglich mit Hilfe einer Lehrerin Deutsch gelernt und halbe Nächte lang sich bemüht hatte, sich zu vervollkommnen. Nun war sie schon so weit, daß sie die eine oder andere Geschichte aus der Staatszeitung lesen und sich halbwegs verständlich machen konnte.

Zeller zog sie auf seinen Schoß, küßte sie und sagte zärtlich:

»Karola, du liebes, süßes Kind du, das soll dir nicht vergessen werden. Wir bleiben auch zusammen bis zum Tode, nicht wahr?«

Es war ihm ernst darum, in diesem Augenblick hatte er endgültig den Entschluß gefaßt, sich von dem schwarzen Mädchen nicht mehr zu trennen.

Karola aber begann auf diese Eröffnung hin bitterlich zu weinen und unter Schluchzen kam es heraus:

»Oh, mein Lieber, das wird nicht lange dauern, denn Karola wird sicher sterben, wenn sie das kleine Baby von dir bekommen haben wird!«

Ja, jetzt erfuhr Zeller auch das! Die sechzehnjährige Karola trug ein Kind unter ihrem heißen, liebevollen Herzen. Damals, in der glutvollen Sommernacht, im Park von Atlanta, mochte sie es empfangen haben, und im Mai, wenn New York längst wieder zur südlichen Stadt geworden, würde sie es zur Welt bringen.

Ais Karola sich unter den Liebkosungen des seltsam bewegten Mannes beruhigt hatte, sagte sie:

»Liebster, ist es möglich, daß unser Kindchen kein Neger, kein Mulatte, kein Terzerone wird, sondern ein ganz weißer Mensch wie du?«

»Möglich? Nein, das kann kaum sein! Das Kind mag viel, viel heller werden als du, aber immer würden die, die sich darin auskennen, das schwarze Blut in ihm wittern. – Aber das tut nichts, Karola! Das Kind wird nicht hier aufwachsen, sondern in meiner deutschen Heimat, wo man solche Vorurteile nicht kennt, wo es niemand seiner Abstammung halber gering achtet oder gar schmähen wird. Und nun wollen wir deiner Mutter nach Irvington schreiben und ihr sagen, sie möge herkommen und ihre Tochter pflegen und ihr beistehen, wenn das Enkelkind erwartet wird.«

Monate vergingen, Mutter Sarah Sampson wohnte längst im Hause des Predigers bei ihrer Tochter, deren junger Leib dem Ereignis entgegenreifte.

Und es kam noch ein Blizzard und noch einer, dann wurde es plötzlich über Nacht wunderbar warm, und als der Mai sich wie ein italienischer Hochsommer gebärdete, da war auch Karolas schwerste und letzte Stunde gekommen, denn der deutsche Arzt, der mit der deutschen Hebamme eben einem kleinen Knaben den Eintritt in die Welt ermöglicht hatte, sagte leise zum Vater:

»Professor, Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß das arme liebe Mütterchen Ihnen vom Tode entrissen wird.«

Und es war gerade noch Zeit genug, einen deutschen Notar aus der Nachbarschaft zu holen, der mißbilligend und verwundert zwar, aber schließlich doch das Unerhörte tat und einen blonden weißen Universitätsprofessor mit einer Mulattin traute! Dann schwanden Karola die Sinne, ihre braunen Wangen wurden grau, das Auge brach. Und der kleine Rolf Carlo Zeller, der eben wie ein junges Hähnchen zu krähen begann, hatte sein braunes Mütterchen verloren.

Professor Zellers Bleiben war nicht länger in Amerika. Die Geschichte seiner Trauung kam in die Zeitungen, und auf der Universität waren die Herren zwar sehr teilnahmsvoll, aber doch auch so gemessen und kühl, daß er gar nicht mißverstehen konnte. Rasch gab Zeller seine Demission, engagierte eine kräftige, junge, kohlschwarze Amme, nahm die Berufung als Ordinarius an der Wiener Universität an und sagte dem Lande, das zwar keine alten Schlösser, aber doch seine netten alten Vorurteile hat, Ade.

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