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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
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Jane streckte ihm beide Hände entgegen und er war beglückt, als er sah, wie das Mädchen über seinen Besuch erfreut war. Traute bürgerliche Behaglichkeit umfing ihn. Janes Mutter hätte mit ihrer schwarzen Haut und den weißen Haaren noch vor wenigen Monaten einen grotesken Eindruck auf ihn gemacht, heute, die andere Hautfarbe längst gewöhnt, sah er in ihr nur eine liebe, alte Frau, die ihn herzlich begrüßte.

Die Zimmer des kleinen einstöckigen Häuschens waren nett ausgestattet, im Parlour stand ein Pianino, Bücherregale füllten eine Wand, und diese Bibliothek hätte ebensogut einer vornehmen, gebildeten Europäerin gehören können.

Jane legte auf den peinlich sauberen Speisetisch ein drittes Gedeck, und Carlo war von den graziösen, anmutigen Bewegungen, mit denen sie bei Tisch servierte, entzückt. Es war das typische Südstaaten-Souper: In Eis gekühlte rohe Tomaten, mit geriebenem Käse gefüllt, gebackene Austern, ein mächtiger Truthahn und Preiselbeerkompott und ein Apfelkuchen mit Schlagobers.

Jane ließ kein schweres Tischgespräch aufkommen. Sie fragte Carlo nach den Eindrücken, die er von Atlanta bekommen, stimmte mit ihm darin überein, daß wahrscheinlich jede deutsche Kleinstadt von zehntausend Einwohnern mehr echte Kultur aufweise, als diese Metropole mit ihrer fast Viertelmillion, aber sie machte ihn auf verschiedene schöne Punkte der Stadt aufmerksam, besonders auf den Zentralpark von Atlanta, der durch seine reiche tropische Flora eine Sehenswürdigkeit bilde.

Und beide ahnten nicht, daß sich vor mehr als einem Vierteljahrhundert in diesem Park in heißer Sommernacht ein deutscher Professor und ein armes schutzloses Mulattenmädchen in inniger Umarmung gefunden hatten, deren Frucht Carlo war – – –

Zum schwarzen Kaffee, der auf der durch Moskitonetze geschützten Veranda genommen wurde, fanden sich drei weitere Gäste ein. Alle drei Vollblutneger. Isidor Pope, Professor für Rechtsstudien an der Negeruniversität von Atlanta, Dr. Samuel Thompson, Arzt und Leiter der chirurgischen Abteilung des Hospitals für Farbige, und Abel Crawford, Chefredakteur der Tageszeitung »The Crisis«.

Jane machte die Herren in kurzen Worten mit dem Schicksal Zellers bekannt, und nach einem Gespräch über europäische Verhältnisse und Carlos humoristischer Schilderung seiner freiwilligen Lehrtätigkeit in den Baracken der Holzfäller riefen die drei Neger fast gleichzeitig:

»Sie bleiben doch bei uns, Männer wie Sie können wir brauchen!«

Ein lebhaftes, oft erregtes Gespräch mit stürmischen Temperamentsausbrüchen entwickelte sich. Carlo fühlte sich im Kreise dieser gebildeten Leute wohl, es war ihm köstliches Bedürfnis, seinen Geist und sein Wissen ausbreiten zu können, andererseits kämpfte er mit letzter Kraft, mit äußerstem Willen gegen Jane und die drei Männer, die ihm die ausgebreiteten Arme entgegenstreckten, um ihn zu sich hinüber zu reißen.

Alle Möglichkeiten des Negerproblems wurden besprochen, alle Gefahren und Aussichten für die Zukunft, die biologische und die historische Seite, die ökonomische und soziale der Negerfrage beleuchtet. Und jeder Einwand Carlos, jedes Bedenken, das er vorbrachte, zerschellte an den Ziffern, die man ihm entgegenhielt, an den Erfolgen, auf die man hinwies. Bis Carlo tiefaufatmend sich geschlagen gab:

»Sie haben mich überzeugt! Auch ich kann nicht mehr an der inneren Möglichkeit der Ebenbürtigkeit unserer Rassen zweifeln, auch ich glaube nun, daß auf dem Wege systematischer Erziehung der amerikanische Neger in raschem Tempo alle Phasen der Entwicklung zurücklegen wird, bis er die Stufe der erwachsenen Völker der Germanen, Angelsachsen und Romanen und Slawen erreicht haben wird.«

»Wenigstens in zivilisatorischer Beziehung,« warf Jane ein, »denn ich glaube nicht, daß vor Ablauf von Jahrhunderten die schwarze Rasse der Welt Genies schenken wird.«

Und nun traten positive Vorschläge an Carlo heran. Professor Isidor Pope machte sich erbötig, Zeller ohne weiteres einen Lehrstuhl für deutsche und französische Sprache und Literatur an der Universität zu verschaffen; Abel Crawford bat ihn, in die Redaktion seines Blattes einzutreten.

Carlo schwankte noch immer, und Jane selbst war es, die ihn bat, in aller Ruhe zu überlegen, nichts zu tun, was ihn später reuen könnte. Schließlich vereinbarte Carlo mit dem Redakteur, eine Serie von Artikeln zu schreiben, in denen er als in Europa großgewordener Farbiger seine amerikanischen Eindrücke und seine Erlebnisse unter den schwarzen Holzfällern schildern sollte. Das Honorar, das Abel Crawford ihm dafür bot, war so groß, daß Carlo daraufhin allein ruhig noch zwei Wochen in Atlanta bleiben konnte.

Es war Mitternacht, als Carlo mit den drei anderen Gästen gemeinsam aufbrach. Im Dunkel des Vorgartens verabschiedete er sich von Jane, er küßte wieder ihre Hand, seine Lippen zitterten, als sie sich auf die schlanke, warme Hand Janes preßten, er fühlte aber auch das Zittern, das durch ihren Körper ging.

Carlo war zu erregt und aufgeregt, um an Schlafen denken zu können. Er holte sich aus dem Schreibzimmer Papier und begann die Artikel, die er versprochen, zu schreiben. Fließend, ohne die geringste sprachliche Schwierigkeit, füllte er Seite auf Seite, bis die Strahlen der Morgensonne das elektrische Licht verdunkelten und er todmüde und erschöpft zu Bett ging, um nach traumlosem Schlaf erst am Nachmittag zu erwachen.

Es war zum Ersticken schwül, ein feuchter Ostwind brodelte vom Meer her, als Carlo sich wusch und anzog. Ein eigenartiges Angstgefühl schnürte ihm fast die Brust zu, dumpfe Empfindungen nahen Unheils verursachten ihm Beklemmung. Plötzlich vernahm er deutlich den knatternden Lärm von Gewehrsalven, dazwischen das Klatschen von Pistolenkugeln und ein dumpfes Gemurmel, wie es angesammelte Menschenmassen zu verursachen pflegen.

Verblüfft eilte er zum Fenster und beugte sich auf die Straße hinab. Unten wimmelte es von gestikulierenden, dahinstürmenden Menschen, in der Luft aber schwebten zwei, drei Aeroplane, die einem Punkt zustrebten, sich zusammenballten, wieder auseinanderflogen. Von dem einen Flugzeug löste sich jetzt ein kleiner punktartiger Gegenstand, gleich darauf pfiff es durch die Luft, wie wenn ein mächtiger Peitschenschlag gefallen wäre.

Verwirrt, erschreckt beendete Carlo seine Toilette. Und während er die drei Treppen hinabstürmte, dachte er an Revolution, Krieg, Riesenstreiks.

In der Hotelhalle standen schreiend, gestikulierend etwa hundert Menschen zusammen. Das Tor war versperrt. Er drängte sich durch die Neger, um das Tor zu öffnen.

Aufgeregte Hände zogen ihn zurück.

»Halt! Wollen Sie sich draußen niederknallen lassen?«

»Was ist geschehen? Ich weiß von nichts, bin eben erst erwacht!«

Nun war er von Menschen umringt, und von allen Seiten wurde auf ihn eingeschrien, bis er sich endlich losmachte und von einem Farbigen, der seine Ruhe bewahrt zu haben schien, Aufklärung erhielt.

Im ersten Hotel der Stadt, dem Lincoln-Haus, hatten die entsetzlichen Ereignisse ihren Anfang genommen. Mittags hatte die Gattin eines der reichsten Männer der Gegend, Mrs. Arabella Stockton, ihr Appartement verlassen und war mit dem Aufzug ins Parterre gefahren. Unterwegs war ihr der schwarze Liftwärter angeblich heftig auf den Fuß getreten und, statt sich gebührend zu entschuldigen, frech geworden. Als die Dame ihn mit dem Sonnenschirm über das Gesicht geschlagen, habe er, wie sie behauptete, ihr den Schirm entrissen und zerbrochen. Stockton schlug sofort Lärm, rief einen Polizisten herbei, der den Liftboy ins Gefängnis schleppte. Aber damit begnügte sich Mrs. Stockton nicht. Sie begab sich in das Bureau ihres Gatten, dieser alarmierte Mitglieder der berüchtigten Antineger-Vereinigung, und eine bewaffnete Bande von Ku-Klux-Klan-Leuten, gemischt mit dem anderen weißen Pöbel, marschierte vor das städtische Gefängnis, um die Übergabe des Negers zu erzwingen, der natürlich gelyncht werden sollte. Die Gefängnisdirektion verweigerte die Auslieferung, worauf der Pöbel das Gefängnis zu stürmen begann und einige zufällig des Weges kommende Farbige niederknallte.

Daraufhin begannen sich die jungen Neger in der ganzen Stadt zu sammeln und ihrerseits vor das Gefängnis zu marschieren. Um diese Zeit war ein grauenhafter Kampf zwischen den Weißen und Schwarzen in vollem Gange, irgendwelche Flieger hatten Flugzeuge bestiegen und begannen das Gefängnis, Kirchen und Schulen der Neger mit Bomben zu belegen. Man sprach bereits von vielen Toten, in den Negervierteln herrschte Panik, die ganze Stadt war in hellem Aufruhr.

Entsetzt, verstört hatte Carlo zugehört. Wachte er oder träumte er? Befand er sich im hochzivilisierten Amerika oder auf den Feuerlandsinseln, wo wilde Völker einander mit Krieg überzogen? Ein Liftwärter hatte eine Dame auf den Fuß getreten und deshalb Blutvergießen, Mord und Totschlag! Das war zu viel für einen europäischen Schädel. Carlo griff sich an die Schläfen, er konnte das Unfaßbare nicht begreifen.

Ein Pöbelhaufen raste an dem Hotel Montgommery vorbei, Steine flogen gegen die Fensterscheiben, die klirrend zerbrachen.

Plötzlich verbreitete sich eine neue Schreckensnachricht, die durch einen aus einer Schußwunde blutenden Neger überbracht wurde, dem es gelungen war, durch eine Hintertüre in das Hotel zu flüchten.

Dutzende von Toten bedeckten, wie er erzählte, den Platz vor dem Gerichtsgebäude, die Schwarzen hatten der Übermacht weichen müssen, das Gefängnis war gestürmt und der Liftwärter nebst einem Dutzend anderer schwarzer Häftlinge auf grausame Weise ermordet worden. Nun aber ziehe auf ein Losungswort hin der weiße Mob gegen das unweit des Parkes gelegene Heim für verlassene farbige Mädchen, um sich der jugendlichen Insassen zu bemächtigen.

Schwarze und rote Nebel stiegen vor Carlo auf, gallbitter wurde sein Speichel, der Schweiß trat ihm auf die Stirne, der Schaum vor den Mund. Und während er sich mit einem Satz durch eine der zerbrochenen Fensterscheiben auf die Straße schwang, stieg in ihm riesengroß überwältigend ein einziger Gedanke auf:

Nun gehöre ich zu ihnen! Nun bin ich Neger, nichts als Neger!

Instinktiv drückte er die Krempe seines Hutes ins Gesicht, um nicht gleich als Negerstämmling erkannt zu werden. Dann rannte er inmitten des ihn umtosenden Pöbels dahin, wohin eben die weißen Männer mit ihren Revolvern rannten.

»Jane!« rief er in sich hinein, »Jane! Die Bestien wollen das Heim stürmen, in dem du junge Seelen aus der Finsternis ins Licht führst, sie wollen arme, schutzlose Kinder schänden, damit sie entartete Mischlinge, belastet mit den tierischen Instinkten ihrer Väter, zur Welt bringen!«

Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß ja Jane sicher unter den Kindern weilen und das Schicksal der halbwüchsigen Mädchen auch das Schicksal des schönen jungen Mädchens werden würde.

Rasende Angst beflügelte seine Schritte, schußbereit hielt er die Pistole in der Hand.

Da begann das Gitter des Zentralparkes, eine Straße seitwärts, und hier lag ein schlichter Bau aus roten Ziegeln, der die Aufschrift trug:

»Heim für elternlose, farbige Mädchen.«

Eine unübersehbare Menschenmenge umwogte das Gebäude, Schüsse fielen, Pulverdampf flog auf, das gellende Schreien tobsüchtiger Menschen, die Weherufe Verwundeter erklangen.

Behende kletterte Carlo auf einen Laternenpfahl, um die Situation zu überblicken, bevor er als Farbiger erkannt werden würde.

Eine Schar von etwa drei- bis vierhundert schwarzen Männern stürmte gegen die ungeheueren Massen der Weißen an, um diese vom geschlossenen Portal fortzudrängen. Die Neger schossen, die Weißen taten desgleichen, hier und dort sah Carlo einen Mann mit aufgehobenen Armen stürzen.

Plötzlich erdröhnte unter den Weißen ein Ruf:

»Platz da! Unsere Jungen stürmen!«

Carlo sah, wie etwa zwanzig weiße Männer einen Laternenpfahl trugen und mit ihm den Sturmlauf gegen das Tor begannen. Mit ungeheuerer Wucht prallte der eiserne Pfahl gegen das Tor an, noch drei oder vier solcher Stöße und das Tor mußte zerbrechen und sich den Männern öffnen, auf deren entmenschten Gesichtern viehische Gier und Mordlust geschrieben standen.

Carlo glitt von dem Laternenpfahl, von dem aus er beobachtet hatte, nieder.

Duckte sich auf den Erdboden, kroch zwischen den Beinen der fluchenden und nach ihm stoßenden, aber ihn nicht erkennenden Menschen durch, bis er mit übermenschlicher Anstrengung hinter den Pfahlträgern war, eingekeilt in die Massen des lynchlustigen Mobs.

Blitzschnell überlegte er. Würde er hier die Lyncher angreifen, so wäre er im nächsten Augenblick eine Leiche, ohne etwas verhütet zu haben. Also drückte er den Hut wieder ganz tief ins Gesicht, drängte weiter vorwärts, bis er an den wagrechten Pfahl, der eben zum zweitenmal als Sturmbock in Aktion trat, vorbei war und neben dem Tor des Gebäudes stand. Und nun gab es keine Überlegung mehr, sollte es nicht zu spät werden.

Carlo hob die eine Hand, schrie den nur von einer dünnen Schicht Weißer getrennten Negerburschen ein: »Hallo, Jungens, mir nach!« zu, warf sich gegen die Träger, schlug den einen mit einem Fausthieb nieder, streckte einen zweiten, einen dritten, einen vierten durch Schüsse aus der Pistole zu Boden.

Entsetzt, nicht wissend, was eigentlich geschehen war, wich um ihn her die Mauer der Lyncher, ließen die Träger den Pfahl fallen. Und in diesen Augenblicken der Verwirrung stürmten die Neger mit letztem Kraftaufgebot vor, Dutzende von weißen Männern fielen von Schüssen getroffen, ein Chaos entwickelte sich, und Carlo sah noch undeutlich, wie die Farbigen in kompakten Massen das Tor besetzten, während eben mit gellenden Pfiffen berittene Miliz einhersauste. Dann fühlte er einen furchtbaren Hieb gegen den Schädel, einen stechenden Schmerz in der Brust, und es wurde Nacht vor seinen Augen.

*

Carlo erwachte in einem weißen Bett, sah Blumen auf dem Fensterbrett stehen, ein Kanarienvogel zwitscherte im Messingbauer.

Wo war er, was war mit ihm geschehen? Er wollte sich aufrichten, sank aber stöhnend zurück und fühlte, daß sein Kopf und sein Oberkörper Bandagen trugen.

Langsam erwachte die Erinnerung, unklare Erkenntnisse von einem Kampf, von Schüssen und Blutvergießen dämmerten ihm. Wo war er aber jetzt?

Die Türe ging auf und ein Neger, der ihm bekannt erschien, beugte sich über ihn:

»Erkennen mich nicht, was? Doktor Thompson, mit dem Sie vorgestern bei Miß Jane Morris zusammen waren! Verflucht, das hätten wir nicht gedacht, daß wir einander so wiedersehen werden! Na, bei Ihnen ist es ja noch glücklich abgelaufen. Ein Schlag mit einem Revolverkolben gegen den Schädel, und dadurch eine kleine Gehirnerschütterung und außerdem ein Schuß unterhalb der rechten Schulter, hart an der Lunge vorbei. Die Kugel ist schon wieder draußen, die Wunde gereinigt und ganz ungefährlich. In drei, vier Tagen können Sie das Bett verlassen.«

»Wo bin ich?« fragte Carlo, während ihm schon die vom Fieber schweren Augen zufielen.

»In guten Händen, bei guten Freunden,« lächelte der Arzt. »Und nun trinken Sie das und schlafen Sie!«

Als Carlo zum zweitenmal erwachte, fiel die Morgensonne in sein Zimmer und an seinem Bett saß – Jane.

Erfrischt, fieberfrei, von Lebenswillen und Glücksgefühl durchströmt, haschte er nach ihrer Hand, zog sie an die Lippen.

»Jane, Sie hier! Wie glücklich bin ich, daß Ihnen nichts geschehen ist! Aber nun sagen Sie, wo bin ich, was ist geschehen, als ich niederstürzte?«

Jane beugte sich über ihn, sie zitterte am ganzen Körper, eine Träne fiel aus ihren Augen auf seine Stirne.

»Carlo, Sie Lieber, Guter, Sie! Sie wollten nicht zu uns armen Schwarzen gehen, und nun haben Sie für uns fast Ihr Leben hingegeben!«

Dann erzählte sie zwischen Schluchzen und Lachen, daß seine Tat wirklich das Heim und wahrscheinlich dadurch ihr und der Mädchen Leben gerettet habe. Als er die Sturmbockkolonne unter für sie furchtbaren Verlusten zurückgetrieben, hatten die Neger neuen Mut geschöpft, die Verwirrung benützt, die Lyncher zurückgeworfen und das Portal gehalten, bis die berittene Miliz, die auf dringende Vorstellungen des Redakteurs Crawford angeritten kam, den ganzen Platz säubern konnte. Bei den Kämpfen vor dem Gerichtsgebäude und dem Heim waren aber insgesamt siebzig Neger und fünfzig Weiße gefallen. Heute herrsche wieder Ruhe, da ein Regiment Regierungssoldaten Ordnung halte.

»Und wie bin ich von dort weggekommen?« fragte Carlo schaudernd.

»Ich habe durch eine Spalte der geschlossenen Fensterlade die ganze Szene mitangesehen. Als nun der Platz gesäubert war, stürzte ich sofort mit dem Schuldiener hinunter, und bevor die Soldaten es bemerkt hatten, zogen wir Sie herein. Zuerst hielt ich Sie für tot. Als ich aber dann sah, daß Sie lebten, da war ich so glücklich, wie ich es vielleicht in meinem ganzen Leben nicht mehr sein werde!«

Jane schluchzte und es vergingen wortlos Minuten, bevor sie weiter berichten konnte.

»Nun, zuerst verband ich notdürftig Ihre Wunde, dann wurden Sie von mir und Doktor Thompson im Schutze der Nacht mittels Autos unauffällig hierher zu mir geführt. Ins Hospital wollten wir Sie nicht bringen, weil sonst vielleicht bei einer gerichtlichen Untersuchung Ihre Teilnahme an den Kämpfen herausgekommen wäre. Und nun sind Sie mein und meiner Mutter Gast und wir werden Sie gesund pflegen. Lange wird es ja nicht dauern, meint Doktor Thompson, Und dann können Sie vielleicht gar noch die ›La Gloire‹ erreichen und dieses Land für immer verlassen.«

Fragend, verwundert, verständnislos sah Carlo sie an.

»Nun ja, Carlo, jetzt mute ich es Ihnen wahrhaftig nicht mehr zu, hier bei uns zu bleiben! Nicht im geringsten mehr kann ich es Ihnen verargen, wenn Sie diesem Lande den Rücken kehren und nach Ihrem ruhigen, friedlichen, schönen Wien zurückkehren wollen!«

Da richtete sich Carlo im Bett auf.

»Nein, Jane, jetzt gehe ich erst recht nicht, jetzt bin ich auf Gedeih und Verderb der Eurige, jetzt weiß ich, daß ich zu der Rasse meiner Mutter, zum schweren, schwarzen Blut gehöre! Ich werde hier bleiben und für dieses arme Volk leben! Und ich werde ein liebes, schwarzes Mädel nehmen und Kinder haben, die dunkler sein werden als ich, und diese Kinder werden als ganze Menschen aufwachsen und Kinder bekommen, die kaum noch wissen werden, daß auch weißes Blut durch ihre Adern strömt. Jane, wollen Sie dieses schwarze Mädel sein, wollen Sie mein treues, gutes, tapferes Weib werden?«

Da schlank Jane mit glücklichem Lächeln ihre Arme um ihn und küßte seine Augen und seine Lippen.

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