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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
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Rüstig schritt Carlo aus; tagsüber, wenn die Sonnenhitze am ärgsten war, schlief er in schattigen Gehölzen, abends bis Mitternacht und von drei Uhr morgens bis acht Uhr ließ es sich leicht gehen, war der Marsch wohltuend und stählend. Am dritten Tage zeitig morgens kam er in Birmingham mit seinen hunderttausend Einwohnern, tausend Kirchen, einem erbärmlichen Theatergebäude und einem Fingerhut voll erborgter Kultur an: ein Farbiger unter zehntausend anderen, schmutzig, verstaubt, mit zerrissenen Kleidern und Stiefeln, mit Schweiß und Staub bedeckt und wohlweislich niemals den Blick zu einem hübschen Mädel erhebend, da er keine Lust hatte, die Brutalitäten der Südstaatenamerikaner am eigenen Leibe kennen zu lernen.

Immerhin – es gab auch in Birmingham ein großes Warenhaus, und innerhalb einer Stunde hatte dort Carlo alles zusammengekauft, um einen neuen oder eigentlich den alten Menschen aus sich zu machen. Die gekauften Kleidungsstücke wurden in einem Kabinenkoffer aus braunem Leder verstaut, und mit diesem zog Carlo nun durch die gleichförmigen und uninteressanten Straßen von Birmingham, bis er auf einen Barbierladen stieß, der, wie eine Tafel besagte, auch Badekabinen zu Verfügung hatte. Und da vor der Türe ein Neger stand, konnte er es ruhig wagen, hier einzutreten. Auf seinen Wunsch nach einem Bad machte der Neger zwar ein bedenkliches Gesicht, aber schließlich sagte er:

»Ich habe nur weiße Kundschaft, also dürftest du hier nicht baden. Aber es ist noch so früh am Tage, daß niemand kommt und es keine Gefahr hat.«

Gleich darauf saß Carlo in der mit heißem Wasser gefüllten Wanne, kostete die Köstlichkeit eines Bades nach vielen, vielen Monaten mit vollem Behagen aus, ließ sich in der Wanne rasieren und die Haare schneiden, sog mit Wonne den Duft des Bay-Rums ein, der ihm über Gesicht und Kopf gegossen wurde, zog die neuen Kleider, Schuhe und Wäschestücke an, ließ die alten Fetzen zurück und besah sich mit Freude den schlanken, hübschen, von der Sonne mehr noch als sonst gebräunten Herrn Carletto Zeller aus Wien im Spiegel.

Der dunkelblaue Anzug, die eleganten Schuhe, das weiche, zart gemusterte Hemd, die perlengraue Seidenkrawatte, dazu der hellgraue weiche Filzhut und der neue Koffer – so könnte ich ohne weiteres im Auto vor dem Hotel Bristol oder Imperial in Wien anfahren!

Nun aber empfand er heftigen Hunger. Da er wußte, daß hier im Süden ein Farbiger nur dann ein gewöhnliches Restaurant betreten darf, wenn er dort als Kellner bedienstet ist, so entschloß er sich – wieder von einem leisen Gefühl der Abwehr beschlichen – ein für Neger bestimmtes Lokal aufzusuchen. Er fand ein solches in Lincoln Square, das nett aussah und die Aufschrift trug: »Eldorado für farbige Leute.« Tatsächlich speiste er dort sehr gut, erstaunlich billig, und es war nicht unsauberer als in anderen zweitklassigen Restaurants.

Der nächste Tag führte ihn in ein Reisebureau, in dem er die Möglichkeiten der Europafahrt erkunden wollte. Er wurde an einen schwarzen Kommis gewiesen, der ihm auch bereitwilligst Auskunft gab. Heute, Donnerstag, um ein Uhr, also knapp in einer Stunde, ging ein Personenzug nach Atlanta, der größten Stadt von Georgia.

Der Kommis rollte ehrfurchtsvoll die Augen nach aufwärts, daß man nur das Weiße sah.

»Atlanta ist eine herrliche, große Stadt, Sir! Es leben dort viele Farbige, darunter feine, gebildete Gentlemans, es gibt ein Theater für uns, mehrere Hochschulen und eine Universität, die der von Yale und Columbia nicht nachsteht. Sie werden sich dort herrlich unter Ihresgleichen unterhalten können. Sie kommen so gegen sechs Uhr in Atlanta an, steigen am besten in Montgomery Hotel ab, das einem ehrenwerten Moses Broocker gehört und für uns Farbige bestimmt ist, und lassen sich morgen telephonisch mit der Office der Reederei Lefevre Brothers in Charleston an der Küste verbinden. Samstag geht nämlich von Charleston ein Frachtdampfer dieser Firma nach Havre ab, den ich Ihnen sehr gut empfehlen kann. Ein großes, schönes, französisches Schiff, das nur wenige Kabinen ohne Klasseneinteilung enthält. Und wenn die Reise mit der ›La Gloire‹ auch zwanzig Tage andauert, so ist andererseits das Gute daran, daß nur selten Yankees an Bord sind, sondern fast ausschließlich Franzosen und Farbige, so daß niemand Sie kränken wird und Sie leicht Anschluß finden. Außerdem sind die Passagierraten kaum halb so groß, wie auf den regulären Passagierdampfern, die von New Orleans abfahren.«

Carlo, der mit gemischten Empfindungen, halb belustigt und doch auch irgendwie verletzt, den ausführlichen Erklärungen gelauscht hatte, bedankte sich, kaufte seine Karte nach Atlanta und ließ sich den Weg nach dem Bahnhof zeigen.

*

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