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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Seit dem Beginn des neuen Jahres lebte Carlo Zeller ganz unter den Farbigen in der Baracke Nummer 55. Sein Verhältnis zu den weißen Kameraden von Nummer 43 war immer schlechter geworden. Als diese erfahren hatten, daß er seine Abende als Lehrer unter den Farbigen verbrachte, kam es zu ausgesprochenen Feindseligkeiten gegen ihn und schließlich war er es selbst, der den ›Boß‹ bat, ihn zu den Fünfundfünfzigern ziehen zu lassen. Der Boß trug die Sache dem ›Super‹ vor, dieser brummte etwas von farbigen Hunden, die ohnedies zu einander gehören, und Carlo konnte sein Bündel schnüren und wurde mit Jubel von seinen Halbbrüdern empfangen.

Schwer genug konnte sich Zeller an das Zusammenleben mit den neuen Kameraden gewöhnen. Bitter empfand er es als wahr, daß der Sinn für Reinlichkeit bei ihnen kaum entwickelt war. Gerade, daß sie am Morgen die Hände in die Waschbecken tunkten und das Gesicht befeuchteten, der Gebrauch von Seife erschien ihnen ebenso überflüssig wie der einer Zahnbürste und einer Nagelfeile. Und die nächtliche Ausdünstung im Schlafsaal war so stark, daß Carlo es kaum ertragen konnte. Wieder aber bekämpfte er seinen Ekel und Widerwillen, indem er den Vergleich mit Kindern ausspann.

Sind Kinder von Natur aus nicht auch unreinlich? Weinen nicht die meisten, wenn man ihnen mit Seife und Wasser kommt? Ist es nicht lediglich das Beispiel der Erwachsenen, das nach und nach auf sie einwirkt? Und würden nicht auch Kinder vornehmster Abstammung in Schmutz aufwachsen, wenn sie immer sich selbst überlassen blieben?

Kurz entschlossen hielt Carlo am nächsten Abend einen Vortrag über Reinlichkeit und Körperpflege.

»Das, was die Weißen uns immer wieder vorwerfen, ist unser Mangel an Reinlichkeit,« sagte er, »und leider trifft die meisten von uns dieser Vorwurf mit vollem Recht, meine Lieben. Ihr alle seid von dem Wunsch erfüllt, zu den Weißen emporzuwachsen, ihnen gleich zu werden im besten Sinne. Dazu müßt ihr aber von unten, bei den primitivsten Dingen beginnen, und zwar in erster Linie mit der Pflege des eigenen Körpers. Ihr habt mir Geld für das bißchen Unterricht angeboten, das ich euch geben kann, und ich habe es abgewiesen. Nun aber könnt ihr euch reichlich revanchieren, indem ihr von heute an wetteifert, wer der Sauberste sein wird. Der Kantineur hat Seife, Hand- und Zahnbürsten, kauft diese billigen Dinge bei ihm, und wir wollen heute noch vor dem Schlafengehen und dann allmorgendlich ein Wettwaschen veranstalten.«

Ein grauhaariger Neger brummte und protestierte mit merkwürdiger Begründung:

»Waschen muß sich nur, wer schmutzig ist, und wir sind nicht schmutzig!«

Aber der alte Benjamin wurde überstimmt, alle schrien durcheinander, daß Carlo gefolgt werden müsse, und eine halbe Stunde später plätscherte es lustig im Schlafsaal, der bald fast unter Wasser stand. Prustend und schnaufend gössen sich die Burschen gegenseitig Kübel Wasser über den nackten Rücken, Houston holte für die ganze Baracke Seife und Bürsten, es begann ein Gegurgel und Geschnaube, daß von den benachbarten Baracken Neugierige herbeigelaufen kamen, und von da an betrieben die Farbigen mit köstlichem Humor und der tollen Ausgelassenheit, die ihnen eigen ist, das Waschen als eine Art Sport.

Carlo stellte mit Befriedigung fest, daß seither auch die penetrante Hautausdünstung der Neger geringer wurde und sich in jenen eigentümlichen Geruch von Muskatnuß, Essig und Zimt verwandelte, den einst – oh, wie lange war es her – die rotblonde Hella Bühler bei ihm mit ihren feinen Nüstern eingesogen hatte.

Wochenlanger Regen setzte ein, aber kein erfrischender, kühler Regen, sondern es war, als würde schmutziges, warmes Wasser die Luft und die Erde erfüllen. Giftige Nebel entstiegen dem dampfenden Boden: die Arbeit wurde zur Höllenqual, es mehrten sich die Fälle von Typhus und Malariaerkrankungen, Hunderte von Holzfällern mußten forttransportiert werden, und Carlo hatte seine ganze Willenskraft aufzubieten, um auszuhalten.

In den meisten Baracken wurde nun an jedem Samstag fast der ganze Wochenlohn in Schnaps umgesetzt, weil man glaubte, durch diese künstliche Erwärmung von innen der schleichenden giftigen Nässe von außen entgegenwirken zu können. Mit allen Mitteln der Beredsamkeit überzeugte Carlo seine engeren Genossen von dem Unsinnigen, Selbstmörderischen solchen Vorgehens, durch das der Körper geschwächt, das mühsam erworbene Geld vergeudet und nur das Vermögen der Gesellschaft vermehrt würde. Wirklich brachte er es dahin, daß die farbigen Holzfäller zur maßlosen Überraschung der Kantineure viel weniger Geld für Alkohol ausgaben als die Weißen, die Bewohner der Baracke 55 aber fast gar keines. Dafür kauften sie Tee und Zucker und Zitronen, bereiteten sich an Holzfeuern selbst heiße Getränke, sparten ihr Geld und wurden von Krankheiten mehr verschont als die anderen.

Ende Februar hörte der Regen auf, um fast unvermittelt glühender Sommerhitze Platz zu machen. Immer größere Waldflächen schwanden dahin, während sich neue Kräfte schon daran machten, die Wurzelstöcke der gefallenen Bäume auszusprengen und den Boden umzugraben, auf daß er willig und geduldig den Baumwollsamen aufnehme.

Zur vorausberechneten Zeit, Mitte des Monates März, hatte sich der Urwald am Coosa-River in eine weite, weite Fläche verwandelt. Carlo nahm von seinen schwarzen und braunen Arbeitsgenossen, die ihm wahre Freunde geworden waren, herzlichen Abschied und trat, sein kleines Bündel mit Kleidern und Wäsche über den Rücken geschnallt, in der Brusttasche aber nahezu fünfhundert Dollar wohlverwahrt, mit einem selbstgeschnittenen Stock in der Hand, leicht und wohlgemut den langen Marsch nach der etwa fünfzig Kilometer entfernten Stadt Birmingham in Alabama an, wo er sich wieder in einen europäischen Menschen verwandeln wollte. Dort würde er neue Kleider, Wäsche und einen Handkoffer kaufen, dann mit der Eisenbahn an die Küste fahren, um so rasch und billig als möglich nach Europa zu dampfen. Drei, vier, fünf Wochen noch, dann würde er wieder in Wien sein und der vergangenen drei Vierteljahre wie eines wirren, zuerst bösen, dann versöhnlichen, aber höchst lehrreichen Traumes gedenken.

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