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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Zwei Tage und zwei Nächte rollte der lange Zug mit den Holzfällern durch Pennsylvanien, über das mächtige endlose Alleghany-Massiv hinunter nach dem Süden. Bei Regenwetter waren sie abgefahren, einen ganzen Tag begleitete sie Schnee und Kälte, dann wurde es frühlingswarm, und als die tausend Männer aus New York im Städtchen Anniston ausstiegen, brodelte ihnen die heiße feuchte Luft von Alabama entgegen. In Anniston erwarteten sie große Wagen, auf denen die Leute ihre Bündel und Koffer verstauten und streckenweise, falls einer fußkrank wurde, selbst Platz nehmen konnten. Es wurde ausgiebig gegessen, Proviant verteilt, und dann ging es vorwärts, zuerst auf guter Landstraße, später auf ausgetretenen Pfaden querfeldein durch Baumwollplantagen; über blaugrüne Wiesen, auf denen Zehntausende von Pferden grasten, und schließlich über Sümpfe hinweg in den mächtigen Eichenwald, der ausgerodet werden sollte.

Schon hörte man aus der Ferne das Sterben des Waldes, das Stöhnen der Baumriesen, die sich gegen den gewaltsamen Tod wehrten, das Knacken der Äste, das Kreischen der Säge und die dumpfen Hiebe von Äxten. An Baracken kamen sie vorbei, in die sich eben Rudel von Holzfällern zur Ruhe begaben, stürmische Zurufe erschollen, Scherz- und Hohnworte flogen ihnen entgegen, bis der Führer, der an der Spitze der Kolonne schritt, sein Halt erklingen ließ. Sie waren an ihrem Lagerplatz angelangt, von dem aus sie täglich früh morgens zur Arbeit gehen würden. Rasch wurde die ganze Kolonne in Gruppen von je fünfzig Mann eingeteilt, jede Gruppe erhielt eine aus einem Schlafsaal und einem Waschraum bestehende Baracke zugewiesen, Kessel mit Suppe und Fleisch standen bereit, jeder konnte essen, so viel er mochte, und dann schlafen gehen.

Carlo hatte sich unterwegs auf der Eisenbahn fast ausschließlich mit deutschen Männern zusammengefunden. Unter ihnen glaubte er sicher zu sein, nicht als Neger behandelt zu werden, und sie waren ihm auch sympathischer als die Slawen, mit denen er sich nicht verständigen konnte, und die Irländer, die immer Streit suchten und sich als Raufbolde und Säufer erwiesen. Eingeborene Amerikaner gab es nur wenige unter den Holzfällern, denn im Laufe eines Jahrhunderts hatte es sich immer mehr so gemacht, daß der Yankee der schweren Arbeit aus dem Wege ging und sie von frischen Einwanderern besorgen ließ.

Die Gruppe, zu der nun Carlo gehörte, hauste in der Baracke Nr. 43, und die fünfzig Mann hießen kurzweg die Dreiundvierziger. Ihr Führer, der »Boß«, wie man sagte, war ein phlegmatischer Deutschamerikaner, der die englische Sprache nicht erlernt und die deutsche schon längst vergessen hatte, so daß er ein wunderliches Mischmasch sprach. Je zwanzig Gruppen standen unter der Leitung eines sogenannten Superintendenten, von dem man einfach als der »Super« sprach. Die Oberleitung über die gesamten Leute befand sich in Anniston, von wo aus die Supers und Managers und Generalmanagers allmorgendlich per Auto angefahren kamen.

Morgens um sechs Uhr begann die Arbeit. Von zwei Seiten aus wurde in gleicher Höhe von zwei Männern mit mächtigen Hieben der langen amerikanischen Axt eingeschlagen, bis nur eine kaum noch zollbreite Holzschicht die beiden einander entgegenarbeitenden Äxte trennte. Dann wurde rasch ein Seil in beträchtlicher Höhe über den Baum geworfen und dieser niedergelegt. Sofort hatten sich die Holzfäller an den nächsten Baum zu machen, während ein anderer Mann die Aufgabe erhielt, die Äste des gefällten Stammes abzuhacken. Bestand ein ganzes Gebiet derart nur mehr aus Baumleichen, so wurden diese auf ein niedriges Räderwerk verstaut, das dann Pferde hinunter nach dem Coosa River, einem Nebenfluß des Alabama, brachten. Auf mächtigen Flößen ging es tagelang stromabwärts, bis der Alabama die Bucht von New Orleans erreichte, wo dann die Flöße im Bauch mächtiger Segelschiffe verschwanden, um die Reise nach England anzutreten.

Am ersten und zweiten Abend waren fast alle Neuangekommenen von der ungewohnten und schweren Arbeit so erschöpft, daß sie kaum ihre Mahlzeit einnehmen konnten und schon auf ihre Pritschen wie halbtot sanken, um zwölf Stunden zu schlafen. Nach zwei Tagen des Holzfällens hatte man einen Tag lang nur die Äste abzuhacken und die Stämme zu verladen, was beides wesentlich leichter war. So kam es, daß am dritten Abend die Dreiundvierziger nach dem Speisen nicht gleich schlafen gingen, sondern zuerst in der lauen Nacht vor der Baracke saßen, dann, als die Moskitos ihnen zu sehr zusetzten, drinnen im Schlafsaal beim Schein der von der Decke herabhängenden Petroleumlampe wohlgemut plauderten und ihre Erfahrungen austauschten. Fast alle hatten dicke Blasen an den Händen, sie spürten die Knochen im Leibe, schimpften über die Rackerei mächtig, waren aber dabei mit ihrem Schicksal zufrieden. Denn – und das war allen die Hauptsache – die Kost war gut und mehr als reichlich, niemand schimpfte mit ihnen herum, und die drei Dollar trösteten über die zehn Arbeitsstunden. Unangenehm wurde es nur empfunden, daß die Kantineure – zu je zwanzig Baracken gehörte eine Kantine – die ganze Woche hindurch nur Obst, Naschwerk, Sodawasser, Limonaden und Tabakwaren verkauften, nicht aber Alkohol. Erst am Samstag nachmittag durften Bier in Flaschen, Whisky, Kümmel und andere Liköre verkauft werden, auch am Sonntag vormittag bis zwölf Uhr, dann war wieder Schluß damit.

Carlo erkannte sofort das Kluge, aber auch das Infame dieses Systems. Die Kantineure mußten alle ihre Ware von der Generaldirektion in Anniston beziehen. Während der Woche wurde also den »Händen« das mühsam verdiente Geld in Gestalt von unnützen Leckereien abgenommen und am Samstag abend und Sonntag vormittag, wenn der Alkohol nicht mehr ungünstig auf die Arbeitsleistung einwirken konnte, in Schnaps und Bier. Carlo berechnete, daß die Gesellschaft an allem, was die Kantineure führten, durchschnittlich fünfzig vom Hundert verdiente. Da nun gut jeder zweite Mann allwöchentlich seinen ganzen Arbeitslohn in der Kantine aufbrauchte, so hatte die Gesellschaft einen ungeheuren Überverdienst, um den sie mancher New Yorker Warenhausbesitzer beneiden durfte.

In der Gruppe 43 befanden sich außer Carlo Deutsche jeder Art. Gemütliche Schwaben, Berliner, Hannoveraner, Pommern und Mecklenburger. Bayern mit dem Messer im Stiefelschaft, ja sogar zwei Siebenbürger Sachsen waren da. Im allgemeinen Leute, die harte Arbeit gewohnt waren: Bauern, Tischler, Schlosser. Allerdings auch ein paar Leute, denen man unschwer ansah, daß sie einst bessere Tage gesehen. So ein ehemaliger Schullehrer, ein total verbummelter und versoffener Student, der angeblich Borusse gewesen war, ein Buchhalter, der ungeniert erzählte, daß er aus Frankfurt bei Nacht und Nebel geflohen sei, weil er seinen Chef beschummelt hatte, und ein Buchhandlungsgehilfe aus Dresden. Alle diese, die aus sogenannten gebildeten Berufen kamen, wollten, so wie Carlo, nach Europa zurück, hatten den Vorsatz, jeden Dollar zu sparen, um nach vier Monaten genug Reisegeld zu besitzen. Aber der Student und der Buchhalter vertranken ihren Arbeitslohn, der Buchhändler verspielte ihn regelmäßig, und nur der Schullehrer sparte ihn wirklich ebenso wie Carlo, der sich vorläufig nicht einen Cent für Extraausgaben gestattete. Er mußte sich oft über sich selbst wundern. Er, der für den Wert des Geldes nie Verständnis gehabt, der leichtsinnigste Verschwender unter allen seinen Freunden gewesen war, entwickelte sich jetzt zum Geizkragen, der sich nicht einmal eine Zigarette gönnte. Aber er empfand eben dieses ganze Leben als ein Abenteuer, eine sportliche Leistung, als eine Art Wette mit sich selbst, dahingehend, ob er wirklich vier Monate durchhalten würde.

Vergebens versuchte Carlo, in innigere Fühlung mit seinen Gefährten zu kommen. Die meisten waren primitive, ungebildete Leute, mit denen ihn nichts verband, die einen heimatlichen Dialekt sprachen, den er kaum verstand, der Schullehrer war gedrückt, scheu, hämisch und verschlossen, und die anderen, die allenfalls in Betracht gekommen wären, logen, schnitten auf, bramarbasierten und erzählten immer wieder Weibergeschichten, bei denen natürlich immer Damen der besten Gesellschaft, wenn nicht gar Gräfinnen und Komtessen die Hauptrolle spielten.

Gerade solche Gespräche stießen aber Carlo, der viel zu sehr Erotiker und Frauenanbeter war, um von Frauen häßlich zu sprechen, heftig ab, und so zog er es vor, sich auf den Austausch der üblichen Redensarten zu beschränken. Gerne hätte er in den späten Abendstunden draußen am Waldesrand auf einem Baumstumpf gesessen, aber dies erwies sich als kaum möglich, weil die Moskitos mit der sinkenden Sonne in ungeheueren Schwärmen auftauchten, bis bald der ganze Körper zerfressen und wund war. So mußte Carlo wie die anderen auf seinem Feldbett oder um den langen, rechteckigen, ungehobelten Tisch herum im Schlafsaal sitzen. Ein paar Bücher, die der ehemalige Schullehrer besaß, unter ihnen eine russische Grammatik, bildeten so seine Zerstreuung, da er nach Ablauf einer Woche es endgültig aufgegeben hatte, den öden Gesprächen seiner Kameraden zu lauschen.

Um so mehr begannen die anderen sich mit ihm zu befassen. Bald hatten die Gebildeten sowohl wie die Primitiven die besondere Art, die feinere Lebenskultur an ihm herausbekommen. – Mit Ausnahme des Schullehrers, der immer mehr apathisch wurde, fanden sie sich als Widersacher gegen ihn zusammen, nicht, daß sie ihm feindselig waren, aber sie gewöhnten sich, ihrer eigenen monotonen Gespräche und Münchhauseniaden müde, ihn als Zielscheibe ihres Spottes zu betrachten. Es begann damit, daß sie ihn einen verkappten Prinzen nannten, ihn per Herr Aristokrat ansprachen, bis sie irgendwie herausbekommen hatten, daß er dunkles Blut in den Adern hatte. Von da an erhielt er den Spitznamen Zulukönig. Anfangs ließ sich Carlo die Hänseleien ruhig gefallen, bis ihm eines Tages die Sache zu dumm wurde und er den Studenten, der ihn fragte, ob seine Mutter eine Menschenfresserin gewesen sei, so ohrfeigte, daß er zwei Tage mit geschwollenem Gesicht umherlief. Von da an hatte er halbwegs Ruhe.

Eines Abends, als es besonders heiß war, hielt Carlo die stickige, vom Rauch der Petroleumlampen und Tabakpfeifen erfüllte Luft seiner Baracke nicht aus und er begab sich ins Freie, wo er zur Abwehr der Moskitos einen feuchten Eichenzweig zum Glimmen brachte und in der Hand schwenkte. Aus einer ferngelegenen Baracke hörte er Mandolinenklänge und leisen, schwermütigen Gesang. Er ging näher und kam zu einer Baracke, die von Negern bewohnt war. Die Insassen lagerten im Freien vor der Baracke, erhielten aus dürren Zweigen und feuchtem Moos ein mächtiges Lagerfeuer, das die Moskiten vertrieb. Sie kauerten um den Scheiterhaufen herum und sangen im Chor mit dem Banjospieler, einem bildhübschen, schlanken, fast pechschwarzen Burschen.

Unendliche Schwermut liegt in den Negerliedern, von denen niemand weiß, wie sie entstanden sind, wer sie zum erstenmal auf das Notenpapier gebracht. Es ist, als würde aus diesen monotonen, klagenden Weisen die unbewußte Sehnsucht des Negers nach seiner afrikanischen Heimat, das Leid der Fremde klingen, die Sklavenketten klirren, Wildheit sich mit tiefen Träumen mischen.

Seltsam ergriffen setzte sich auch Carlo auf den Erdboden. Erinnerungen an seine Knabenjahre tauchten in ihm auf, da sein Vater mitunter an stillen, friedlichen Sonntagsnachmittagen diese Lieder am Klavier gespielt und dazu leise in tiefem Baß gesungen hatte. Einmal hatte sein Vater plötzlich den Klavierdeckel zugeschlagen und sich Tränen aus den Augen gewischt. Da war Carlo an ihn herangetreten und hatte ängstlich und bestürzt gefragt, warum der Vater weine. Und Professor Zeller hatte ihn auf die Knie genommen, ihn zärtlich gestreichelt und gesagt:

»Diese Lieder erinnern mich immer an deine Mutter, die bei deiner Geburt sterben mußte, und die ich sehr geliebt habe.«

»Erzähle mir von meiner Mutter,« hatte der Knabe gebeten. Und Professor Zeller hatte mit leiser, tonloser Stimme gesagt:

»Deine Mutter war schön und jung. Sie hatte braune Wangen und große schwarze Augen, in denen ihre ganze kindliche Seele lag. Eine noch nicht erblühte Knospe war sie, die der Tod geknickt, da andere Frauen erst zu leben beginnen. Später einmal, mein Junge, werde ich dir die ganze Geschichte deiner lieben kleinen Mama erzählen, eine Geschichte, die so rührend wie ein Märchen klingt. Aber heute bist du noch zu klein dazu und würdest die Geschichte nicht verstehen.«

Die Jahre waren vergangen, Professor Zeller kam nie mehr auf die Geschichte von Carlos kleiner Mama zurück; dieser vergaß zu fragen, und heute, bewegt von den Klängen der Lieder, hätte er vor Schmerz darüber heulen können, daß er von seiner Mutter fast nichts wußte, nichts, als daß sie ihm ein Erbteil hinterlassen, das ihn in diesem Lande von der Gemeinschaft weißer Menschen ausschloß. – – –

Und doch plagte ihn jetzt, in diesem Augenblick, ein unbezähmbarer Drang, diesen dunkelhäutigen Leuten näher zu kommen, zu erfahren, wie sie dachten und fühlten, was sie vom Leben wollten und erhofften.

Blut von ihnen rollt auch durch meine Adern, dachte er, irgend etwas von ihrer Wesensart muß auch in mir vorhanden sein. Blut ist dicker als Wasser, und das Blut dieser Neger schwerer als das Blut der Weißen.

Der Gesang hatte aufgehört, der Banjospieler kauerte jetzt neben Carlo, musterte ihn und fragte dann kurz und unvermittelt:

»Terzerone oder Quarterone?«

Carlo erwiderte auf diese Frage, die ihm noch vor wenigen Wochen das Blut in die Schläfen gejagt hätte, gemütsruhig und lächelnd:

»Terzerone, meine Mutter war Mulattin, mein Vater, bei dem ich aufgewachsen bin, ein Deutscher.«

Andere mischten sich in das Gespräch, und einer rief grinsend aus:

»Was, bei dem weißen Vater bist du aufgewachsen? Verdammt, das habe ich noch nicht gehört! Wie ist denn das zugegangen?«

Carlo erzählte nun, daß sein Vater in New York mit seiner Mutter gelebt hatte, diese bei seiner Geburt gestorben war und er dann mit dem Vater nach Europa, nach Wien, gezogen sei.

»Wien? Europa?« Die Fragen prasselten nur so auf ihn nieder.

»Wie groß ist Europa? Wo liegt es ganz genau? Ist es dort so heiß wie in Afrika? Gibt es nur Weiße in Europa? Wo ist Wien?«

Carlo begann zu erklären, und als er sah, daß er durch Worte nicht viel erreichen würde, zog er ein Blatt Papier aus der Tasche und zeichnete in Umrissen Amerika und Europa auf, zeigte, daß das europäische Westland von der atlantischen Küste Nordamerikas ungefähr so weit entfernt wie New York von San Francisco, zergliederte Europa in seine verschiedenen Staaten, zeichnete Wien ein und Berlin, kurzum, er hielt einen längeren Vortrag, wie ihn etwa ein Volksschullehrer vor kleinen Kindern gehalten hätte.

Ein älterer Mulatte von abstoßender Häßlichkeit schüttelte verwundert den Kopf.

»Du bist ein kluger Mann, gebildet, ein Professor! Wie kommt es, daß du hier Holz fällst, anstatt auf einer Universität in Virginia oder Atlanta oder wo es sonst Universitäten für Farbige gibt, zu unterrichten?«

Einen Augenblick nur zögerte Carlo mit der Antwort. Dann empfand er klar, daß er diesen großen Kindern gegenüber ganz offen und aufrichtig sein durfte, sein mußte, wollte er ihr Vertrauen erwecken.

Die Neger der ganzen Baracke hatten sich um ihn versammelt, als er ihnen von seiner Jugend, seinem glanzvollen, tollen Leben in Wien, seiner Reise nach New York und den furchtbaren, grausamen Enttäuschungen, die er dort erfahren, erzählte. Er schloß mit den Worten:

»Ihr müßt mir glauben, daß ich die Farbigen, zu denen mich die Weißen tun wollen, nicht gering achte. Aber ich bin nun einmal unter den Weißen aufgewachsen, sie sind meine Gefährten gewesen, von Jugend an, ich bin unter ihren Sitten und Gebräuchen groß geworden, und ich will mich nicht gewaltsam von dem Platz verstoßen lassen, auf den ich gehöre.«

Ein junger, hübscher Bursch beugte sich zu ihm vor und sprach erregt:

»Professor, hast du in Wien mit weißen Frauen verkehrt? Hast du am Ende gar welche besessen?«

Carlo, der von nun an nicht mehr anders von den Farbigen als Professor angeredet wurde, lachte kurz auf:

»Meine Lieben, glaubt mir, selbst wenn ganz echte, unverfälschte Neger nach Wien oder Berlin kommen, haben die weißen Frauen nichts gegen sie einzuwenden, im Gegenteil, man sagt sogar, daß sie ihnen mitunter nachrennen. Bei mir aber hat niemand an Negerabstammung gedacht, in mir sahen sie nur den dunkleren Gentleman, der interessanter aussieht als die blonden Männer.«

Aus den Fragen, mit denen er nun bestürmt wurde, erklang immer wieder die Sehnsucht des Negers nach Vermischung mit weißem Blut und die Gier nach der weißen Frau, nach der er in Amerika nicht einmal einen Blick erheben darf.

Carlo empfand diese Flucht aus der eigenen Rasse fast schmerzhaft. Dann besann er sich. Hatten nicht alle Kinder die Sehnsucht, erwachsen zu sein? Hatten sie nicht das Verlangen, endlich die Kleider der Erwachsenen zu tragen, wie sie rauchen und trinken zu dürfen? Und waren diese Schwarzen da nicht einfach Kinder mit der tiefen Ehrfurcht vor den Weißen, die ihnen die Höheren, die Erwachsenen sind?

»Warum wollt ihr alle euch mit weißen Frauen mischen,« meinte er schließlich, »gibt es nicht genug schöne, schwarze Mädchen, die euch lieben wollen? Und was hätte diese Mischung für einen Zweck, wenn eure Kinder und Kindeskinder doch immer wieder mit dem blauen Mal zur Welt kommen, das sie zu Farbigen stempelt?«

Ein ganz junger, wollhaariger Kerl von etwa siebzehn Jahren lachte verschmitzt.

»Professor, man will doch immer haben, was man nicht bekommen kann. Und da wir weiße Frauen nicht anrühren dürfen, so ist eben die Lust nach ihnen groß. Vielleicht, daß sich ein Farbiger, der in Wien lebt, am Ende gar nach unseren schwarzen Mädeln sehnt.«

Die anderen nickten grinsend und lachend im Kreise.

Carlo aber sagte sich: »Da hat dieser Bursch eine so kluge, vernünftige Äußerung getan, wie sie nur irgend ein junger Yankee oder Deutscher hätte tun können. Und überhaupt – wenn ich dieses Volk in seiner Gesamtheit als Kind betrachte, so handelt es sich doch ersichtlicherweise um entwicklungsfähige Kinder, die zu Erwachsenen werden können, wenn man sie erzieht, statt prügelt.«

Er lenkte das ihm ohnehin peinliche Gespräch in andere Bahnen und begann die Leute nach ihrem Schicksal zu befragen. Die meisten stammten aus dem Norden der Staaten, da die Südneger gewöhnlich bei den Baumwollplantagen bleiben, und waren dort in Armut und Elend aufgewachsen, die Jungen konnten zum größeren Teile lesen und schreiben, die Älteren, die über dreißig alten, waren fast durchweg Analphabeten. Der Mulatte seufzte bei dieser Erwähnung tief auf.

»Ich bin aus Philadelphia, meine Mutter war noch in der Sklaverei geboren worden, sie weiß selbst nicht, wie sie später nach dem Norden kam. Mein Vater? Sie weiß nicht einmal, welcher der besoffenen Matrosen es gewesen ist, mit dem sie verkehrte, um ein paar Cents oder ein buntes Tuch zu bekommen, oder weil sie es als Ehre empfand, von einem weißen Mann umarmt zu werden. Nun, ich wuchs auf der Straße auf, schlief im Freien oder unter Haustoren, habe niemals eine Schule von innen gesehen, hätte auch, wenn ich mir nicht mein Stück Brot schon als Fünfjähriger hätte verdienen können, gar nicht in die Schule gehen können, weil das die Eltern der weißen Kinder nicht geduldet haben würden. Negerschulen gab es damals aber noch nicht. Heute muß ich mich schämen, weil ich kaum meinen Namen schreiben kann. Wollte, ich hätte es gelernt, könnte dann besser mein Leben machen!«

In Carlo krampfte sich das Herz zusammen. Welches abscheuliche Verbrechen haben da Menschen begangen, die sich für überlegen und hochkultiviert halten! Ganze Völker mit roher Gewalt aus ihrem primitiven Urzustand gerissen, verschachert wie ein Stück Vieh, in der Sklaverei gepeinigt und ausgenützt, dann unter dem Zwang süßlicher, sentimentaler Schlagworte sie »freigemacht«, das heißt, ihnen die Freiheit gegeben, zu verhungern; Tiere zu bleiben oder zu werden, um sie dafür noch mit Verachtung zu bestrafen. Dem Mulatten aber, der Sidney Houston hieß, sagte er:

»Lieber Freund, Lesen und Schreiben ist weniger Kunst, als du glaubst. Wenn es dir recht ist, so will ich dir das gerne in den Feierstunden am Abend und am Sonntag beibringen. Ich bin sicher, daß du es in drei, vier Wochen perfekt kannst.«

Kaum hatte der Mulatte freudestrahlend eingewilligt, als auch schon von allen Seiten sich andere an ihn herandrängten.

»Professor, bitte, ich möchte es auch lernen, bitte ich auch, ich zahle gerne dafür.«

Carlo wehrte lachend ab.

»Von Zahlen kann keine Rede sein. Wir sind hier Kameraden, und wenn einer dem anderen helfen kann, so muß er es tun. Also gut, von morgen an wird abends gelernt, und jeder muß sich Papier und einen Bleistift verschaffen. Der Kantineur verkauft alle diese Sachen.«

Es war fast Mitternacht, als Carlo in seine Baracke kam. Ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Nun hatte er ja außer dem Ziel, Geld zu verdienen, auch eine Mission: Dumme, unwissende Menschen aus dem tiefsten Dunkel zu führen, von den reichen Gaben, die das Schicksal ihm, dem Kind einer Mulattin, geschenkt, auch anderen etwas zukommen zu lassen. Und mit einem Gemisch von Stolz und Selbstironie empfand Carlo zum erstenmal in seinem Leben, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein. Von da an hielt Carlo allabendlich und Sonntag vormittag in und vor der Negerbaracke Nummer 55 regelmäßig Kurse ab, die einen immer größeren Zulauf bekamen. Von allen anderen Baracken, in denen Farbige lebten, kamen neue Schüler heran, unter ihnen Leute, die das fünfzigste Jahr schon hinter sich hatten, aber auch ganz junge, die in dürftigen Schulen nur wenig gelernt und dieses Wenige fast wieder vergessen hatten. Und Carlo staunte über den zähen Willen, den Fleiß und die rasche Auffassungsgabe seiner Schüler. In wenigen Stunden lernten sie, wozu Kinder Wochen brauchen; mit ihren ungelenken, von schwerer Arbeit fast unempfindlich gewordenen Fingern schrieben sie stundenlang die Buchstaben nach, die Carlo vorzeichnete, nach drei Wochen war kaum einer da, der nicht sämtliche Buchstaben des Alphabets hätte einzeln schreiben und lesen können, und noch vor Weihnachten war seine Klasse so weit, daß sie nach Diktat Worte, wenn auch nicht ganz einwandfreier Orthographie, schreiben konnte.

Aber Carlo konnte sich nicht auf diesen primitiven Unterricht beschränken. Immer wieder baten ihn die Tommies, Johannies, Washingtons und Lincolns nach Beendigung des Unterrichtes, er möge ihnen etwas von der Welt draußen erzählen, so daß er schließlich fast allabendlich kurze, leicht verständliche Vorträge über soziale Einrichtungen, Lebensgewohnheiten und Sitten der Völker Europas hielt. Und es war ihm eine unsagbare Genugtuung und Freude, zu sehen, wie die Leute an seinen Lippen hingen, ihn verehrten und zu ihm aufschauten.

Waren das wirklich die faulen, rohen, diebischen Halbtiere, für die sie der Amerikaner hielt? Bei der Arbeit und beim Unterricht waren sie ungemein emsig, in den Baracken der Weißen kamen mindestens ebensooft Kameradschaftsdiebstähle vor wie hier, zu irgend welchen Roheitsexzessen war es, wenigstens in Carlos Gegenwart, nie gekommen. Sie rochen anders, sie sprachen anders, sie waren unzweifelhaft naiver, leichtgläubiger, im Gehaben läppischer als die Weißen, aber immer wieder und bei allen Gelegenheiten kam es zum Ausdruck, daß sich unter den Farbigen genau so viele und so wenige geistige Krüppel, sicher weniger Degenerierte, genau so viel und wenig Boshafte und Gutmütige, Herrische und Demütige, Anmaßende und Bescheidene befanden, als unter den anderen Menschen aller Rassen.

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