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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
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Unten am East River stand mit Kreide auf das Tor eines Gebäudes geschrieben:

Starke Hände für Alabama zum Holzfällen gesucht!

Vor dem Tor lungerten ein paar Dutzend Männer umher, solche, die eben abgeschlossen hatten und nicht recht wußten, was bis morgen beginnen, und solche, die man als zu schwächlich zurückgewiesen hatte. Drinnen in der großen Halle, die sonst Warenmagazin war und jetzt provisorisch als Werbebureau gemietet, herrschte ein Stimmengewirr seltsamster Art. Lachend stellte Zeller fest, daß es so ungefähr unmittelbar nach der Sprachenverwirrung rings um den Turm von Babel gewesen sein mochte. Englische und deutsche, polnische und ungarische, italienische und jiddische Worte flogen an sein Ohr, schon hatten sich die Angeworbenen zu Gruppen nach ihren Sprachen und Nationalitäten geordnet, und mit Unbehagen sah Carlo, daß dort ein ganzer Haufen Neger und Mulatten zusammenstand. Also würde er auch hier zu den Farbigen gedrängt und von der Gemeinschaft mit Weißen ausgeschlossen werden! Aber wie dem auch immer wäre – in der Wildnis von Alabama konnte ihm das alles gleichgültig sein! Geld zusammenzuscharren und dann nach Europa – das war ein Programm, das an Empfindlichkeiten nicht scheitern durfte.

Carlo stand nun vor einem Tisch, hinter dem ein Amerikaner Listen ausfüllte. Der Mann blickte auf, brummte: »Glaube, Sie sind zu schwach,« und wies mit dem Zeigefinger auf eine mächtige Eisenkugel von hundert Pfund, die neben ihm auf dem Boden lag. »Zeigen Sie, was Sie damit anfangen können!«

Carlo trat seitwärts, hob die Kugel am Griff, stemmte sie zehnmal mit gestrecktem Arm, bis der Mann am Tisch zufrieden lächelnd sagte:

»Genug! Könnte mehr Leute brauchen, wie Sie einer sind!«

Dann wurde rasch Kontrakt gemacht. Morgen früh um vier Uhr Abfahrt mit dem Sonderzug nach Alabama. Von da an drei gute, ausreichende Mahlzeiten und drei Dollar für den Tag. Der erste Lohn wurde aber erst nach dreißig Tagen ausgezahlt. Wer vorher aus irgend einem Grunde die Arbeit niederlegte, bekam nichts als das Geld zur Rückfahrt. Wer volle vier Monate in Arbeit blieb, bekam dann extra fünfzig Dollar und nochmals fünfzig als Rückfahrgeld. Außerdem wurden die Arbeiter in Partien zu fünfzig Mann unter je einem Aufseher eingeteilt. Jede Partie, die wöchentlich ein gewisses Arbeitsquantum überschritt, bekam Prämien, die gleichmäßig verteilt wurden.

Carlo unterschrieb, er wurde aufgefordert, sich spätestens um drei Uhr früh bis zum Abmarsch nach dem Bahnhof hier einzufinden. Er könne aber auch gleich hier bleiben oder abends kommen und sich irgendwo auf dem Fußboden der Halle niederlegen.

Carlo ging heiter und frohgelaunt weg und begann intensiv zu rechnen. Drei Dollar für den Tag macht in vier Monaten rund 360 Dollar. Dazu die Prämie von fünfzig und das Reiserückgeld. Er würde also Mitte März, wenn er den Nebenverdienst für Mehrarbeit zum Ankauf von Getränken und Tabak verwendete, im Besitz von etwa 460 Dollar sein. Die Fahrt nach dem nächsten Hafen, der Ankauf von anständiger Kleidung, die Reise in der zweiten Kajüte nach Europa würde rund 260 Dollar verschlingen, so daß er, wenn alles glatt verliefe, mit zweihundert in Wien sein könnte. Nicht viel, aber genug, um ein Zimmer zu mieten und ein paar Wochen anständig zu leben. Und dann hieß es eben arbeiten, nicht mit den Fäusten, sondern mit dem Schädel!

Mißmut beschlich ihn wieder. Clemens von Ströbl und die anderen Freunde würden ihm wahrscheinlich mehr oder weniger kühl entgegentreten. Und die Frauen? Hm, den eleganten, reichen, müßiggängerischen Carletto hatten sie verwöhnt. Wie würden sie sich zu einem ärmlichen, im Bureau schuftenden Carlo stellen? Ach was, ich bin jung und nicht der Dümmste und werde Erfahrungen hinter mir haben, wie kaum ein anderer.

Carlo dachte an die letzten Jahre zurück. War er nicht wie ein Knabe durchs Leben gegangen? Von Genuß zu Genuß, von Spielzeug zu Spielzeug! Wie dumm und erbärmlich hatte er die Erbschaft seines Vaters verschleudert, wie unbenutzt Jahr auf Jahr verstreichen lassen! Wie ein Neger, so unbewußt und leichtsinnig war ich gewesen, dachte Carlo mit lächelnder Selbstironie. Nun, vielleicht ist das eben das Erbteil der Mutter, diese Freude an Glitzerndem und Funkelndem, an Äußerlichkeiten und berauschendem Tempo!

Zeller fühlte, daß er heute milder und weicher gestimmt war, als die ganzen wüsten Wochen hindurch. Vor allem durchtobte ihn nicht mehr dieser Haß und Widerwillen gegen die Schwarzen. Diese maßlose Empörung und Wut bei dem Gedanken, selbst für einen Neger gehalten zu werden. Gestern hatte er ja zum erstenmal ihre Gemeinschaft erlebt, und – nein – er konnte es tiefinnerlich nicht leugnen – eine gewisse Sympathie war ihm von dieser Nacht zurückgeblieben, eine Art Wohlwollens, wie ihn der Erwachsene spürt, wenn er fremde Kinder um sich her spielen sieht.

Fast fröhlich warf Carlo den Silberdollar in die Luft und fing ihn auf.

Heute bin ich noch reich und frei, kann mich gar in der Gulaschavenue in einem Wiener Café von der Kultur verabschieden. Und dann – nun dann bin ich eine »starke Hand«, nichts weiter. – Werde Bäume umlegen und Dollars sammeln, Corned beef und Bohnen essen, am Sonntag in der heißen Sonne von Alabama faulenzen, bis die Zeit um ist und ich unter die Episode Amerika einen Strich machen kann!

*

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