Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hugo Bettauer >

Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/bettauer/blauemal/blauemal.xml
typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111107
projectid7b6240cb
Schließen

Navigation:

Am nächsten Morgen hingen schwere dunkle Wolken am Himmel, und ein Blick auf die Dollaruhr, die er vor wenigen Tagen erst gekauft, zeigte ihm, daß es reichlich spät war. Carlo rasierte sich nicht, zog sich rasch an, trank unterwegs, stehend, einen heißen Kaffee und war knapp vor acht Uhr in der Duane Street, in der das Gebäude der International Book Company lag. Da der Aufzug gerade abfahrtbereit war, so wollte ihn Carlo entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit benützen. Der Fahrstuhl war stark besetzt, immerhin für eine Person mochte noch Raum sein. Gerade wie er sich aber hindrängen wollte, stieß ihn ein baumlanger, stiernackiger Kerl zurück, drängte an ihm vorbei und rief höhnisch:

»Ach was, ein verdammter Nigger hat vor einem weißen Gentleman zurückzustehen.«

Kein Neger läßt sich in Amerika ungestraft einen Nigger nennen. Er betrachtet dieses Wort als Schimpf, will ein »coloured man«, womöglich ein »coloured gentleman« genannt werden. Und es ereignete sich das Merkwürdige, daß auch Carlo nicht das Wort »verdammt«, sondern den »Nigger« als eine unerhörte Beschimpfung, als brennende Schmach empfand. Einen Augenblick setzte sein Herzschlag aus, er bekam jene graue Färbung im Gesicht, die beim Neger wie bei den Mulatten und Terzeronen das Rot- oder Bleichwerden ersetzt, daß Weiß seiner Augen färbte sich rötlich, er duckte sich, sprang den Mann, der schon in der Türfüllung des Aufzugs stand, wie ein Raubtier an, riß ihn heraus, zwei, drei kunstgerechte Faustschläge dröhnten durch die Halle, und der Kerl, der ihn beschimpft hatte, wälzte sich, während ihm das Blut aus Nase und Mund schoß, besinnungslos am Boden.

Die Amerikaner tragen bei solchen Zweikämpfen eine bewunderungswürdige Disziplin zur Schau. Sie mischen sich nicht ein, ergreifen keine Partei, betrachten das als eine Privatangelegenheit, die keinen Dritten angeht. So auch hier. Die hundert Männer und Frauen, die sich angesammelt, bildeten während des kaum eine Minute währenden Kampfes einen Ring um die beiden, und als nun der eine kampfunfähig auf der Erde lag und fortgetragen werden mußte, löste sich die Menschenmenge ruhig auf: nicht ohne bewundernde Blicke für Carlo, der nun schweratmend die Treppen emporging. Ein alter Herr aber meinte, zu den Umstehenden gewendet, vorwurfsvoll: »Ganz recht hat der junge Mann gehabt, wir leben hier nicht im Süden, wo man einen Farbigen Nigger schimpfen darf.«

Carlo kam um reichliche zehn Minuten zu spät in sein Arbeitszimmer, aber niemand hatte Notiz davon genommen. Er begrüßte, als wäre nichts geschehen – die drei Mitarbeiterinnen. Lilli reichte er die Hand und sah nun, daß sie vom Weinen geschwollene Augen hatte. Bestürzt sah er sie an und flüsterte: »Was ist geschehen?« Er bekam jedoch keine Antwort und konnte auch nicht weiter fragen, weil er sich von den zwei anderen Mädchen beobachtet fühlte und eben die zu bearbeitende Korrespondenz hereingebracht wurde. Später, als eine kleine Arbeitspause eintrat, schob ihm Lilli rasch und verstohlen einen mit der Schreibmaschine geschriebenen Zettel zu:

»Carlo! Es war schrecklich! Meine Brüder haben mich mit Ihnen gesehen und mich furchtbar beschimpft und eine gemeine Dirne genannt, weil ich mich mit einem, der von Schwarzen abstammt, herumgetrieben habe. Ich mußte schwören, mit Ihnen nicht mehr anders als dienstlich zu verkehren, widrigenfalls sie mich auf die Straße werfen werden! Ich verstehe das alles nicht, aber die Brüder meinen, daß ein weißes Mädchen hierzulande ärger als eine Straßendirne betrachtet werde, wenn man sie in Gesellschaft eines Farbigen sehe. Raten Sie mir, was ich tun soll, Carlo, aber nur schriftlich, denn ich traue mich nicht mehr mit Ihnen auf der Straße zu sprechen.«

Carlo schluckte Tränen und gallebitteren Speichel herunter und lachte in sich hinein.

Lisl, Lilli, das reiche Mädchen und das arme! Es ist immer dasselbe! Ich weiß, so lange ich in diesem grauenhaften Land bleiben muß, daß ich ganz allein, von allen Menschen abgeschlossen, leben und froh sein muß, wenn man mir das Stück Brot verdienen läßt!

Quer über die Rückseite des Briefes aber schrieb er:

»Was Sie tun sollen? Höchst einfach! Nicht mehr mit mir sprechen und ein braves amerikanisches Mädchen sein!«

Er schob Lilli den Zettel hinüber, setzte sich an den Schreibtisch, schrieb französische und italienische Briefe und arbeitete in so fieberhaftem Tempo, daß ihm die Stunden wie Minuten vergingen. Um fünf Uhr kam ein Officeboy und bat ihn, zum Generaldirektor zu kommen. Der Direktor saß ersichtlich erregt im Drehstuhl, fuhr sich wütend durch das dünne Haar und sagte nach kurzer Pause:

»Leider haben Sie, lieber Zeller, die Verhältnisse richtiger beurteilt als ich! Wirklich haben ein paar elende Schweine, die ich nicht fassen kann, weil ich sie nicht kenne, gegen Sie gehetzt, und nun bekomme ich von der Gewerkschaft der im Buch- und Musikhandel Angestellten diesen Wisch da.«

Er reichte Zeller einen Brief, in dem es hieß:

»Das Sekretariat der Union Nr. 23 wurde verständigt, daß die International Book Company seit kurzer Zeit in ihrem Betrieb einen Mann namens Carlo Zeller beschäftigt, der unter die Kategorie der farbigen Leute einzureihen ist. Dies widerspricht dem Paragraphen 19 unseres mit dem Unternehmen geschlossenen Kollektivvertrages, und wir müssen Sie ersuchen, unverzüglich die Erfüllung dieses Punktes zu bewerkstelligen. Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß gemäß den Statuten der Trade Unions eine Weigerung Ihrerseits die Verhängung der Verrufserklärung und des Boykottes über die International Book Company zur Folge hätte.«

Carlo hatte es schweigend gelesen, ruhig, beherrscht gab er dem Direktor den Brief zurück und sagte mit tonloser, müder Stimme:

»Also kann ich wohl gehen, Herr Generaldirektor!«

Dieser sah ihn aus den Brillengläsern verzweifelt an, begann in urwüchsigem Deutschamerikanisch alle Amerikaner zur Hölle zu wünschen, erklärte aber schließlich achselzuckend:

»Ich kann natürlich nichts machen, lieber Freund! Ein Trotzen meinerseits würde nicht nur mich meine Stellung kosten, sondern das ganze Unternehmen gefährden, Ihnen aber sicher nicht nützen. Ich kann Ihnen nur sagen, daß Sie mir lieber sind als die ganze Bande und ich die Absicht hatte, Sie demnächst zu meinem Privatsekretär zu machen. Nun müssen wir allerdings scheiden. Das Einzige, was ich für Sie tun konnte, ist, daß ich Ihnen das Salär für die ganze Woche angewiesen habe. Damit Sie sich nicht noch den hämischen Blicken irgendwelcher Hunde aussetzen müssen, habe ich den leider so geringen Betrag gleich von der Kasse holen lassen.«

Carlo nahm die zwanzig Dollar, quittierte, reichte dem ersichtlich erleichterten Direktor die Hand, die dieser herzlich schüttelte, und ging ruhig, apathisch die Treppen hinunter. Unten, vor dem Fahrstuhl, klebten dunkelbraune Flecken auf der Diele. Das Blut seines niedergeboxten Gegners. Ein leises, dünnes Lächeln huschte über die zusammengepreßten Lippen Carlos.

»Diese eine Satisfaktion hätte ich mir ja geholt, aber schließlich sind sie doch stärker als ich, und ich kann nicht ganz Amerika niederboxen.«

Langsam, ein wenig unsicher und schwankend, ging Zeller seines Weges. Bis er zu einem »Saloon« kam, einer Kneipe größten Stiles. Einen Augenblick nur zögerte er, dann trat er ein, setzte sich in einen Winkel und begann einen Whisky nach dem anderen zu trinken. Erst als er fühlte, daß noch ein Tropfen ihn zum sinnlos Betrunkenen machen würde, ging er in die feuchte, kühle und unfreundliche Nacht hinaus, zum Hafen hinunter und blickte mit brennenden Augen einem Schiffe nach, das ostwärts gegen Europa zog.

*

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.