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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Nach Tagen voller Apathie und wüsten Whiskytrinkens hatte der zähe, ranke Wille des jungen Einwanderers auch Liesl überwunden. Er nahm seine besten Anzüge über den Arm, verkaufte sie, übersiedelte im Hotel St. Helena in ein kleines Hofzimmerchen im obersten Stockwerk, für das er nur einen Dollar zu bezahlen hatte, und ging daran, eine Existenz zu suchen. Schließlich – in einer Stadt mit sechs Millionen Menschen – mußte sich auch für ihn eine Erwerbsmöglichkeit finden, ohne daß er sich zu den Negern stoßen ließ.

Frühmorgens um fünf Uhr stand er auf, ging hinunter nach Park Row, wo ein Zeitungsgebäude neben dem anderen liegt, und kaufte die noch von der Druckerpresse warme und feuchte ›World‹, die die meisten Stellenangebote enthielt.

Und er wartete in den immer kühler werdenden Morgenstunden mit hundert anderen vor Bureaus, Fabriken, Wolkenkratzern, Privatwohnungen, bis er an die Reihe kam und sein Sprüchlein hersagen konnte. Und diese Enttäuschungen! Kränkungen, Hiebe prasselten auf ihn nieder, bis er schier unempfindlich wurde.

Eine große Schule suchte einen Lehrer der französischen und deutschen Sprache. Kaum zwanzig Bewerber konnten sich melden, und der schlanke, noch immer elegante Carlo hätte die meisten Chancen gehabt.

»Unmöglich – meine Schülerinnen sind junge Damen aus ersten Häusern – Sie werden verstehen – – –«

Ein Reklamebureau suchte intelligente Kräfte mit gutem Stil. Der Manager erkannte sofort die überlegene Intelligenz und Bildung Carlos, zögerte, sagte dann: »Hol's der Teufel, ich nehm' Sie!«

Mit Feuereifer stürzte sich Carlo in die Arbeit, skizzierte Reklameideen, entzückte den Manager, der in ihm endlich die Kraft gefunden hatte, nach der er monatelang vergeblich unter den jungen, wenig gebildeten, ideenlosen Leuten gesucht. Am zweiten Tag aber schon fühlte sich Carlo von feindlichen Blicken verfolgt, hörte tuscheln und wispern im großen Saal um sich her, bemerkte, wie in der Lunchpause die dreißig Mädchen und Männer nach dem Zimmer des Managers drängten, statt die kurze halbe Stunde zum Essen auszunützen. Und nachmittags schüttelte ihm der Manager die Hand, bedauerte lebhaft und hieß ihn gehen.

»Meine Leute wollen mit einem Farbigen nicht arbeiten, sie drohen, mir die Union der Bureauangestellten auf den Hals zu hetzen, ich muß nachgeben, ob ich will oder nicht – –«

Im größten Buch- und Zeitschriftenversandgeschäft der Vereinigten Staaten war eine Stelle für einen gebildeten Herrn frei, der Englisch, Französisch, Deutsch und womöglich auch Italienisch sprach. Carlo reichte eine schriftliche Offerte in allen Sprachen ein und wurde zum Generaldirektor bestellt. Dieser, ein Deutscher, der selbst erst einige Jahre im Land weilte, sah im Halbdunkel des kleinen Bureaus das blaue Mal nicht, erkannte auch am Gesicht Carlos die Mischrasse nicht, freute sich, mit ihm über Wien sprechen zu können, war überzeugt, die wertvollste Kraft gefunden zu haben, und engagierte Carlo mit einem Gehalt von zwanzig Dollar wöchentlich. Schließlich war es Carlo selbst, der den Deutschen auf seine Abstammung aufmerksam machte und auf die Möglichkeit von Konflikten, die daraus entstehen konnten.

Der Generaldirektor lächelte abwehrend.

»Hier werden Sie auf keinen Widerstand stoßen! Die Hälfte der tausend Angestellten, die ich habe, sind Grünhörner, die froh und glücklich sind, ihr Brot zu verdienen. Und die anderen, die Amerikaner, werden sich hüten, aufzumucksen, weil ich sie sonst eben hinauswerfe. Vorsichtshalber aber werde ich Sie in der deutschen Abteilung in einem kleinen Raum mit drei oder vier jungen Mädchen zusammen arbeiten lassen.«

Carlo jauchzte auf, Glücksempfinden durchrieselte seit langer Zeit zum erstenmal wieder seinen Körper und auf der Straße ging er so aufrecht, sich in der Taille biegend, wie einst in Wien, wenn er, gut ausgeschlafen, nach einem feudalen Frühstück den Graben entlang gebummelt war.

Als er die Treppe der Hochbahn erklommen hatte, stieß er mit einem jungen Mädchen zusammen, das wie er sich rasch an dem Beamten, der die Billetts entgegennahm, vorbeidrängen wollte, um noch in den Zug zu springen. Höflich ließ er der Dame den Vortritt und beide saßen dann einander gegenüber. Das Mädchen lächelte freundlich und strich sich die wirren kohlschwarzen Haare zurecht. Carlo gab es einen Ruck. Ein Mädchen, das ihn anlächelte, Donnerwetter, seit Hamburg war ihm das nicht geschehen! Doch folgte dem innerlichen Ruck bald eine leichte Ernüchterung. Das Mädchen mit dem olivefarbenen Teint, den großen, von langen Wimpern umschatteten Augen, den blendend weißen Zähnen und allzu üppigen Lippen war eine Mulattin! Nicht wie er ein Mischprodukt des dritten Grades, sondern das Kind einer Negerin und eines Weißen. Widerstreitende, seltsame Empfindungen durchtobten ihn. Irgendwie fühlte er sich zu dem kaum noch erblühten Ding, das einen durchaus anständigen, braven Eindruck machte, hingezogen. Und sie lächelte noch immer so freundlich, daß er sicher sein durfte, keine brüske Abweisung zu erfahren, wenn er sie etwa ansprach. Und Carlo überlegte:

Wenn mir all dies Furchtbare nicht widerfahren wäre, wenn mich die Weißen nicht hinüber in das Lager der Farbigen stoßen würden, dann würde ich nicht zögern und dieses hübsche, reizvolle, kleine Mädchen ansprechen und vielleicht heute noch meine Glut an ihrem schlanken braunen Leibe löschen. Aber es darf nicht sein, denn diese Mulattin würde in mir nicht den verehrten, angebeteten weißen Mann sehen, zu dem ja, wie man mir sagt, die Sehnsucht aller schwarzen Frauen drängt, sondern ihren Rassegenossen, den Mann aus ihrem Volke, und sie würde mich hinabziehen wollen in jene schwarzen Tiefen, vor denen mir graut.

Das Gesicht des Mannes verzerrte sich und wurde so kalt und abweisend, daß das Mädchen zu lächeln aufhörte und ihn mit großen erschreckten Augen ansah.

Zeller stieg an der dreiundzwanzigsten Straße aus und verscheuchte die widerwärtigen Gedanken. Er zählte seine Barschaft. Drei Dollar waren ihm noch aus dem Erlös seiner Kleider geblieben und zwei davon wollte er heute behaglich ausgeben. Denn morgen war er ja in Amt und Würden, morgen war Mittwoch, Samstag die Auszahlung des Wochenlohnes und bis dahin würde es irgendwie schon gehen. Er lachte vergnügt vor sich hin, freute sich des eigenen Leichtsinns, lächelte seinem Spiegelbilde zu, das ihn schlanker und blasser, aber durchaus nicht weniger hübsch erscheinen ließ, und bummelte durch das Tenderloin mit seinen schönen Frauen, eleganten Männern und herrlichen Karossen. Berauschte sich an den Auslagen, an den knisternden Toiletten, an dem feinen Parfüm, das diese oder jene Schöne zurückließ, an dem Funkeln von Gold und Diamanten, spürte Eroberergelüste, dehnte die Glieder.

Und doch ist dies und nur dies meine Welt! Und ich werde die Banausen zwingen, mich anzuerkennen, werde in Jahr und Tag emporgekommen sein und ihnen beweisen, daß die treibenden Kräfte in mir aus edlem, germanischem Blut stammen und ich mit denen, zu denen sie mich werfen wollen, nichts gemeinsam habe, als eben das blaue Mal, dieses tückische Geschenk einer nie gekannten Mutter!

Und er spann seine Gedanken weiter. Rächen will ich mich aber doch für alles Leid, daß sie mir angetan. Ihre Frauen und Töchter will ich verführen, in meinen Armen sollen sie jeden Rassendünkel verlieren, stöhnen sollen sie vor Lust, wenn ich sie umklammere und sie Kinder von mir in die Welt setzen, die das blaue Mal untilgbar in ihre Kreise tragen. – – –

Gier nach Leben, nach Frauen, nach Luxus ließ seine Muskeln schwellen, führte ihn ins Traumland des Phantasten, gab seinen dunklen Augen so Kühnes und Träumerisches, daß hier und da ihn sogar ein Blick aus weißem Frauenantlitz nicht ohne Wohlwollen streifte. Sekundenlang nur, um sich dann in die Würde der durch den Anblick eines coloured man beleidigten Frau zurückzuziehen.

Es wurde Abend und Carlo ging bis zur vierzehnten Straße und bog seitwärts ab, um nach der zweiten Avenue zu gelangen. Dort lagen nebeneinander die Wiener und ungarischen Cafés und Restaurants, eins neben dem anderen, so daß dieser Teil der zweiten Avenue im Volksmund die Gulasch-Avenue hieß.

Carlo wußte, daß in diesen, von den naiven, nie zu amerikanisierenden Kindern Wiens und Budapests frequentierten Lokalen kein Verständnis für die Negerfrage herrschte und er dort ein ebenso willkommener Gast sein würde, wie jeder, der in der Lage war, dem Kellner statt ihm mit der Zeche durchzubrennen fünf Cent Trinkgeld zu geben.

Im Café Vindobona umgab sich Carlo mit einem Berg von Wiener und Berliner Zeitungen, aß sich an Nudelsuppe, Rindsgulasch und Apfelstrudel satt, alles zusammen für vierzig Cents, ließ sich einen Mokka servieren, zündete sich eine importierte österreichische Zigarette an und fühlte sich fast wie zu Hause in Wien. Ringsumher hörte man nur Deutsch sprechen, echt wienerisches, mit tschechischem Anklang, mit Budapester Betonung, meistens mit unverkennbar jüdischem Akzent. Es wurde Billard und Tarock gespielt, auf Amerika geschimpft, die neuesten Nachrichten der ›Neuen Freien Presse‹ besprochen, kurzum, hier schlug sich ein Völkchen mehr schlecht als recht durchs Leben, das mitten in Amerika eine mitteleuropäische Insel geschaffen hatte, und hier verdarb und starb, ohne je Englisch zu erlernen und sich im guten und bösen Sinne zu amerikanisieren.

Carlo lächelte ironisch vor sich hin. Eigentlich wurden diese braunhäutigen und dunkelhaarigen Juden in Wien von den weißen Ariern ebenfalls beiseite geschoben, und die Negerfrage hat mit der Judenfrage eine verdammte Ähnlichkeit. Nun, die Juden in Europa haben sich nicht hinunterstoßen lassen, und ich, der ich kein Jude und kein Neger bin, werde es erst recht nicht tun.

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