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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Das Haus des Mister Ortner, dem Onkel Lisbeths, lag in der West 75. Straße. Carlo orientierte sich nach dem Taschenplan und sauste gleich darauf mit der Untergrundbahn stadtaufwärts. Vor seinem Duell mit Thomas Bühler und damals in Venedig auf der Gondelfahrt von Piazetta nach dem Lido hatte Carlo genugsam jedes Klopfen des Herzens kennen gelernt, das Furcht, fieberhafte Erwartung, stürmische Erregung hervorrufen könnte. Aber was war das alles gegen die Gefühle gewesen, die sein Herz wie mit Hämmern schlagen ließ, als er nun vor dem schönen vornehmen Braunsteinhaus stand, das seine Liebe, sein Schicksal, vielleicht sein Leben barg! Ein paarmal wischte er sich den Schweiß aus der Stirne, atmete tief auf, bevor er sich endlich entschloß, den rechten Zeigefinger auf den weißen Elfenbeinknopf des Läutewerkes zu drücken. Und wie er dies tat, leuchtete ihm der blaue Halbmond auf dem Fingernagel entgegen, blauer noch als sonst, eindringlicher, wie eine Warnung.

Schon öffnete ein nettes Mädchen mit weißem Häubchen die Türe und fragte nach seinem Begehr.

»Ist Miß Elsbeth Ortner zu Hause?«

Es surrte in seinen Ohren, wie im Traum vernahm er die Antwort:

»Jawohl, wen darf ich melden?«

Er stand nun in der dunklen, mit gediegener Vornehmheit ausgestatteten Diele des Einfamilienhauses und griff nach der Brusttasche: Richtig, die Brusttasche war mitsamt den Visitenkarten die Beute des Dänen geworden. Also riß er aus seinem Notizbuch eine Seite und schrieb mit zitternden Fingern: »Carletto Zeller.«

Carletto – wie lange war es her, daß ihn Lisbeth, daß ihn gute Freunde und zärtliche Frauen so genannt hatten.

Das Mädchen ließ ihn nun in den rechts von der Diele liegenden Parlor eintreten und bat ihn, Platz zu nehmen.

Carlo schritt aber in dem großen Salon, in dessen Hintergrund ein Steinway-Flügel stand, auf und ab. Schwere dunkle Eichenmöbel im Missionsstil, an den Wänden gute Bilder, auf Konsols und Etageren Photographien.

In diesem Gesicht fand Carlo eine starke Ähnlichkeit zu Elsbeth, also war es wohl die Photographie des Herrn Ortners. Und dieses junge schlanke Mädchen mochte ihre Cousine sein. Auch sie sah Elsbeth ähnlich, aber um die Lippen lag jener abweisende, hochmütige Zug, den Carlo schon gestern mehrfach bei Frauen gesehen. In silberner Schale Lichtbilder von Lisbeth selbst. Zum großen Teil Wiener Bilder, darunter Amateuraufnahmen, die er kannte.

Carlo fand ein Bild neuesten Datums, bei einem Photographen in dem amerikanischen Badeort Newport aufgenommen. Erregt drückte er das Bild an seine Lippen; ja, das war sein liebes, gutes Lisl mit den blanken, großen Augen! Nur schien ihm das Lächeln um den vollen Mund weniger kindhaft, etwas herber geworden zu sein und die Augen blickten kühler in die Welt.

Warum Lisl auch nicht hereingestürmt kam? Es waren nun wohl schon zehn Minuten vergangen, und selbst wenn Lisl noch nicht ganz angekleidet gewesen wäre, so hätte sie doch wenigstens eine Hand zur Türe hereinstrecken können.

Ein banges Gefühl schnürte ihm die Kehle zu. Gespannt lauschte er gegen die Türe. Stimmengewirr von oben, Frauenstimmen, erregte, aber unverständliche Worte, und jetzt war es ihm, als würde er ein Schluchzen wahrnehmen. Und er drückte die Nägel in die Handballen, biß die Lippen zusammen, fühlte, wie sein Blut in rasendem Tempo durch die Adern schoß.

Minute auf Minute verging. Oben war es ruhig geworden, man hörte nichts als das Ticken der großen Uhr über dem Kamin. Wie Blei lag es ihm in den Knien; er setzte sich nun wirklich und begann zu zählen! Bis hundert und dann nochmals bis hundert.

Geräuschlos ging die Türe auf, und Carlo sprang in die Höhe und streckte die Arme aus. Aber in der Türfüllung stand nur das Stubenmädchen, das ihn verwundert, neugierig ansah, ihm einen Brief reichte und dabei sagte:

»Das gnädige Fräulein läßt entschuldigen, es hat Migräne und kann den Herrn nicht empfangen.«

Carlo wußte nicht, wie er aus dem Haus gekommen war, entsann sich späterhin nur undeutlich, daß ihm das Mädchen zweimal den Hut, der ihm aus der Hand gefallen, aufgehoben und er dann die vier Stufen von der Haustüre nach der Straße gestolpert war, so daß ihn ein Briefträger lachend aufgefangen hatte. Dann rannte er, eng an die Hausmauer gedrückt, damit man ihm nicht etwa aus einem der Fenster nachblicken konnte, die Straße entlang wie ein Dieb, solange, bis er die breite Columbusavenue erreichte. Und nun stand er still und las:

»Carlo, Sie müssen mich vergessen! Es kann nicht sein, daß wir hier miteinander verkehren. Alles ist ja hier anders, als es drüben in Wien gewesen war. Seien Sie mir nicht böse, denken Sie von mir nicht schlecht. Carlo, aber es darf wirklich nicht sein. Und bedenken Sie, daß ich drüben ein dummes kleines Mädel war, hier aber eine Amerikanerin geworden bin. Sie werden dann alles selbst verstehen. Es grüßt Sie Elise Ortner.«

Carlo brüllte auf wie ein Tier. Urinstinkte überwältigten ihn. Mit den Fäusten schlug er sich gegen die Brust, mit blutunterlaufenen Augen stierte er die Leute, die erschreckt stehen blieben, so wütend an, daß sie eilig entwichen. Und als eine Frau mit den Worten: »Der Nigger ist verrückt geworden,« davonlief, da lachte Carlo gellend auf, während ihm der weiße Schaum über die Lippen troff. Gleich darauf stand er in einem Barraum, stürzte ein volles Glas Whisky hinunter und noch eines und noch eines, bis sich alles um ihn her drehte und er schwankend in der Ecke auf einen Stuhl fiel. Und dann kam die Reaktion, und er fühlte, wie ihn ein weher Schmerz schüttelte und hatte nur einen Gedanken: Jetzt nicht weinen müssen, nicht heulen wie ein Kind vor diesen weißen Tieren um sich her. Und blitzartig übermannte ihn zum erstenmal das Gefühl, daß zwischen den weißen Menschen und ihm sich eine Kluft auftat und er diesseits der Kluft bei den Schwarzen stand.

*

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