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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Zurück ins Hotel St. Helena. Er erinnerte sich, dort im Hausflur eine Tafel mit der Inschrift: »Eingang ins Restaurant« gesehen zu haben. Nun, dort würde man ihm wohl keinen Schimpf antun. Aber er kannte sich nicht aus, wußte nicht, welche der einander kreuzenden Straßenbahnen er benützen sollte, fühlte, wie ihn die Kräfte verließen und warf sich schließlich in ein Mietautomobil, obwohl er wußte, daß er wieder einen, in Kronen ausgedrückt, phantastisch hohen Betrag würde zahlen müssen.

Nun, anmutend sah das Restaurant des Hotels St. Helena eben nicht aus. Hinter einer großen Bar, von der das Bier auf den Fußboden tropfte, stand ein in Hemdärmeln gekleideter Bursch und mischte allerlei Getränke, vor der Bar standen fünf, sechs Gäste und würfelten ihren Whisky aus, im Vordergrund befanden sich etliche ungedeckte Tische, an deren einen Carlo Platz nahm. Ein kauender Kellner mit einer Schürze, die vor Wochen weiß gewesen sein mochte, erschien und fragte in einem Gemisch von Italienisch und Englisch nach seinen Wünschen. Nein, fertige Speisen waren nicht vorhanden, aber ein Steak mit Kartoffeln würde in wenigen Minuten bereit sein. Carlo nickte, stürzte sich auf das weiße Brot und die Butterschüssel, spülte auf einen Schluck ein Glas eiskalten Bieres hinunter und kam wieder zu einigem Menschenbewußtsein.

Am Nebentisch saß ein älterer, wohlbeleibter Herr. Aus dem fast rosigen Gesicht strahlten kleine blaue Äuglein, die um so komischer wirkten, als die dünnen Augenbrauen weiß oder weißblond wie das Haupthaar waren. Carlo fing einen freundlichen Blick auf und lächelte unwillkürlich, unangenehm berührt. Dann vertiefte er sich in das mächtige Steak und es dünkte ihm, seit Jahren schon keine köstlichere Mahlzeit genossen zu haben. Als er fertig war und befriedigt um sich blickte, stand der gemütliche Weißblonde auf und setzte sich, ohne um Erlaubnis zu fragen, zu ihm.

»Fremd hier, junger Mann?« Und als ihn Carlo nickend, aber fragend ansah:

»Erkenne ich am europäischen Schnitt Ihres Anzuges. Amerikaner haben wattierte Schultern, Ihnen paßt aber der Sakko wie angegossen. Ja, wer so viel in der Welt umhergekommen, wie ich, der kennt sich aus. Übrigens, ganz Europäer sind Sie nicht, was? Scheint mir, daß da eine fremde Rasse in gutes deutsches Blut hineingespielt hat.«

Carlo konnte die Worte, die von einem breiten behaglichen Lachen begleitet waren, nicht übelnehmen, und so bejahte er.

»Mein Vater war ein Deutscher, meine Mutter ein Mischling!«

»Hm,« meinte der Dicke bedächtig, »daraus entstehen hierzulande nicht immer ganz angenehme Situationen.« Musternd glitt sein Blick über Carlo, blieb an dem tadellosen Schuhzeug, der schweren seidenen Krawatte, der goldenen Armbanduhr haften. Dann sagte er:

»Nehmen Sie mir meine Neugierde nicht übel, Herr. Aber es wäre interessant zu wissen, wie Sie in diese Spelunke geraten sind. Gentleman wie Sie pflegen sonst nicht im St. Helena abzusteigen. Viel lichtscheues Gesindel hier, Menschen, die aus dem Hafen von Marseille mit knapper Not der Justiz entronnen sind und sich hier solange versteckt halten, bis man sie doch erwischt oder es sich herausstellt, daß gar kein Steckbrief erlassen wurde. Dann tauchen sie im großen New York unter, amerikanisieren sich oder gondeln mit erster Gelegenheit wieder zurück.«

Wut, Schmerz, Trotz zerschmolzen in Carlo, er fühlte ein geradezu zwingendes Bedürfnis, sich mitzuteilen, und so erzählte er denn dem wohlmeinenden Herrn, der sich indessen als Däne namens Andersen vorgestellt und zwei Cocktails bestellt hatte, mit fliegenden, aufgeregten Worten, was er heute ahnungslos nach achttägiger Seekrankheit erlebt. Und brach schließlich fast schluchzend in die Worte aus:

»Was soll ich nun tun? Glauben Sie, daß auch gebildete, vornehme Menschen mich hier wie einen Aussätzigen behandeln werden? Wie kann ich hier mein Leben aufbauen, wie wieder zum Menschenbewußtsein kommen?«

Der Däne saugte nachdenklich an seiner Zigarre, ließ neue Cocktails aufmarschieren und meinte dann bekümmert:

»Harte Nuß, die Sie mir da aufgeben! Wären Sie ein Nigger oder ein Mulatte oder sonst ein Negerstämmling gewöhnlicher Art, wie sie im Lande zu Hunderttausenden herumlaufen, so würde es Ihnen an nichts fehlen. Sprechen Englisch, wie ein Professor von Yale, Französisch, wie Sie sagen, ebensogut, und Deutsch, könnten also morgen schon einen guten Job in einem Hotel als Aufseher über die schwarzen Kellner bekommen oder Clerk bei einem Niggerrechtsanwalt oder sonst etwas werden. Aber nun wollen Sie von den Negern nichts wissen und die Weißen nichts von Ihnen, also ist die Sache verteufelt schwierig. Und die Yankees werden Sie immer wieder von sich stoßen, mehr noch als wenn Sie ein Schwarzer wären! Dem Schwarzen verzeihen sie noch die Hautfarbe, dem Mulatten, dem ›Halfcaste‹, schon weniger, und den, der sich noch weiter von seiner Rasse entfernt, hassen sie, weil sie instinktiv in ihm einen Eindringling vermuten, der ihre Schranken durchbrechen will. Gebildete, vornehme Amerikaner? Hm, die werden Sie sicher nicht beschimpfen, aber sie werden auch nichts mit Ihnen zu tun haben wollen! Sehen Sie, ich bin Inspektor bei einer Lebensversicherungsgesellschaft, verkehre deshalb in solchen Lokalen. Nun, ich könnte Sie morgen zu unserem Superintendenten führen und ihm sagen: Hier ist ein Mann, wie wir ihn brauchen, ein Mann, der die Yankees und die Fremden bearbeiten kann. Was würde aber unser Superintendent sagen? Er würde Sie ansehen, mich beiseite nehmen und mir zuflüstern: Unmöglich, kann nicht riskieren, daß ihm jemand die Türe weist und sich bei der Generaldirektion beschwert. Wenn er die Farbigen bearbeiten will, so nehme ich ihn, sonst geht es nicht.«

Niedergeschmettert, kaum eines klaren Gedanken fähig, murmelte Carlo verstört vor sich hin:

»Oh, hätte ich nur niemals dieses Land betreten, wäre ich drüben unter meinen Freunden geblieben!«

Der Däne beugte sich vor, streichelte die Hand mit den blauen Malen.

»Also, das bleibt Ihnen ja noch immer übrig! Oder langt es nicht mehr für die Rückreise?«

»O ja, dafür und noch darüber hinaus! Ein paar tausend Dollars besitze ich ja, und wenn mir auch der morgige Tag neue Enttäuschungen bringt, nun, dann werde ich wirklich mit dem nächsten Dampfer die Heimfahrt antreten. Angenehm ist der Gedanke ja nicht; auch in Wien oder Berlin oder wohin ich sonst gehen sollte, werde ich mich mit dem Leben ordentlich raufen müssen. Aber davor ist mir nicht bange, die Hauptsache ist: Ich bin dann wieder ein Mensch, ein voller, ganzer Mensch, den niemand über die Achsel anzusehen wagt!«

Die Aufregungen des Tages, das Bier, die fünf oder sechs scharfen Schnäpse begannen Carlo mit bleierner Müdigkeit zu erfüllen, er konnte kaum noch die Augen offen halten, zahlte, streckte dem Dänen die Hand entgegen und erklärte, sich auf sein Zimmer begeben zu wollen. Auch der freundliche Herr erhob sich:

»Wenn Sie gestatten, so begleite ich Sie und erzähle Ihnen, während Sie zu Bett gehen, noch einiges, was Ihnen vielleicht dienlich sein kann. Es ist noch früh am Tage und meine Gesellschaft in der oberen Stadt habe ich unserer angeregten Unterhaltung halber nun doch mal versäumt.«

Carlo hätte es vorgezogen, jetzt allein zu bleiben, aber das freundliche Anerbieten ließ sich nicht ausschlagen, und so begab er sich mit Herrn Andersen auf sein Zimmer und kleidete sich langsam aus, während der Besucher ruhelos auf und ab schreitend aus seinem eigenen bewegten Leben erzählte, von den hundert Berufen, die er ergriffen, bevor er es nun so weit gebracht, daß er in sicherer, auskömmlicher Stellung ruhig seine Tage verbringen konnte. So leise und monoton aber sprach der Däne jetzt, daß seine Worte wie ein Gemurmel klangen und einschläfernd wirkten. Carlo hörte ihn kaum noch, schloß die Augen, empfand die Erzählungen des Dänen wie ein fernes Geplätscher und dann nur mehr an der Schwelle des tiefen Schlafes, wie sein Gast das Licht ausdrehte, das Zimmer verließ und die Türe hinter sich schloß.

Der endlose Lärm der Straße, die warme, feuchte Luft, Ungeziefer ließen Carlo immer wieder aus bleiernem Schlaf erwachen. Und wüste Träume machten ihn stöhnen, so daß er schweißgebadet dalag. Einmal sah er sich im Traum, wie er, einen Strick um den Hals, einherlief, von einer wütenden Menschenmenge verfolgt, die hinter ihm brüllte: Hängt den Neger auf, er will sich an einem weißen Mädchen vergreifen! Dann wieder krochen tausend riesengroße schwarze Käfer über ihn hinweg, tanzten einen wilden Tanz um ihn her, streichelte ihn der schwarze Portier im Lido Palace Hotel, verhöhnten ihn seine Wiener Freunde, rief Hella Bühler: Pfui, ich ertrage den Gestank des Negers nicht!

Wie zerschlagen erwachte Carlo frühmorgens durch ein Pochen an der Türe. Auf sein erschrecktes »Herein« öffnete ein Junge und überreichte ihm einen Brief mit der Bemerkung:

»Ein Herr hat gestern nacht den Brief abgegeben und gesagt, er möge heute übergeben werden!«

Carlo sprang aus dem Bett, riß den Umschlag auf und las:

»Lieber junger Mann! Sie müssen hierzulande vorsichtiger sein! Es tut mir von Herzen leid, weil Sie mir sehr sympathisch sind, aber es ging nicht anders, ich konnte die gute Gelegenheit, zu einem Vermögen zu kommen, das mich vielleicht für immer aus dem Elend reißen wird, nicht vorübergehen lassen. Sie sind jung und stark und werden sich schon durchbringen, ich bin ein alter Knabe, für den Ihr Geld den Haupttreffer bedeutet! Mit besten Wünschen Ihr angeblicher Andersen!«

Mit einem unterdrückten Aufschrei stürzte Carlo an den Tisch, auf den er gestern abend beim Auskleiden in Gegenwart des Dänen die Uhr und die Brieftasche gelegt hatte. Die Uhr lag da, neben ihr ein Häuflein Kleingeld, die Brieftasche war verschwunden. Der freundliche, teilnahmsvolle Däne hatte sie mitgenommen, und Carlo stand mit dreiunddreißig Cents allein in fremder gehässiger Welt da!

Eine Minute lang tobte Carlo mit geballten Fäusten gegen sein Schicksal, dann fiel sein Blick auf die goldene Uhr, der ganze Leichtsinn seines Wesens brach durch, er lachte auf und sagte sich:

»Mögen meine dreitausend Dollars dem Spitzbuben irgendwie das Genick brechen! Jetzt heißt es biegen oder brechen! Lisls Onkel wird mir schon irgendwie aus der Patsche helfen, und erwerbe ich erst mein Brot, so komme ich schon wieder in die Höhe.« Und die pessimistischen Mitteilungen des Dänen erschienen ihm als das Geflunker eines Halunken, der ihn vertrauensvoll hatte machen wollen.

Im Hotelbureau, im Restaurant, erkundigte er sich vergeblich nach dem Dänen. Niemand kannte ihn, niemand wollte ihn schon gesehen haben, und Carlo, das Aussichtslose und Lächerliche seiner Lage erkennend, verzichtete auf eine polizeiliche Anzeige, die doch nie zu einem Erfolg führen würde.

Die dreiunddreißig Cents genügten für einen Tee, das Zimmer für den nächsten Tag konnte er auch später zahlen, und so schlenderte Carlo denn stadtaufwärts, sich sorgfältig umsehend, bis er zu einem Pfandleihgeschäft kam, dessen Besitzer Moe Löwenstein ankündigte, daß er die besten Preise von ganz Nordamerika zahle. Aber schließlich waren es doch nur fünfzehn Dollar, die ihm der Taxator für die Uhr bot, wobei er allerdings hinzufügte, er wäre bereit, die Uhr für zwanzig zu kaufen. Und Carlo überlegte nicht lange, sonders ließ ihm die Uhr und nahm die zwanzig Dollar.

*

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