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Das blaue Mal

Hugo Bettauer: Das blaue Mal - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorHugo Bettauer
titleDas blaue Mal
publisherR. Löwit Verlag, Wien und Leipzig
printrunZweite Auflage, 7. bis 11. Tausend
year1925
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Drei Monate lang bewarb sich Carlo nun bereits emsig um eine Stellung. Noch immer nichts. Weder die Interventionen seiner Freunde, die freilich sehr lässige gewesen sein dürften, noch eigene Wege, noch Inserate, noch Offerte hatten geholfen. Wenn er der Hoffnung gewesen war, sein Verkehr in den besten Kreisen Wiens könnte ihm diesmal bei seinem Fortkommen nützen, so sah er sich jetzt bitter enttäuscht. Man hatte ihn als jungen, hübschen Menschen aus guter Familie, von angenehmen Manieren und als flotten Tänzer gern gesehen, doch seine sonstigen Qualitäten schätzte man nicht allzu hoch ein. Und irgend eine Persönlichkeit, auf die man etwas geben mußte, stand weder als Protektor noch als Verwandter oder Freund hinter ihm. Man vertröstete ihn, schweifte vom Thema ab, sprach mit ihm von gesellschaftlichen oder sportlichen Veranstaltungen und entließ ihn mit einem echt wienerisch unverbindlichen: »Wir werden schon sehen, lieber Herr Zeller!«

Seine Stimmung wurde immer verzweifelter. Er mußte untätig sein, verdienstlos und dabei mit ansehen, wie sein Vermögen dahinschmolz. Wohl hatte er sich gewisse Einschränkungen auferlegt, aber darin so weit zu gehen, um mit den Zinsen seines Besitzes das Auslangen zu finden, wäre nur durch einschneidende Änderung seiner Lebensführung notwendig gewesen, durch Auflassen der Wohnung, Austritt aus dem Klub, Zurückziehen von seinem bisherigen Verkehr, – er wäre sich dann geradezu als deklassiert vorgekommen, und seine Chancen, eine Stellung von einigem Ansehen zu erlangen, als Privatsekretär oder Sekretär in einer Bank oder in einem großen, industriellen Unternehmen, kurz, eine Stellung, die einen repräsentativen, fähigen, eleganten Menschen erforderte, wären noch ungünstiger gewesen.

Damals meinte Carlo in seiner jugendlichen Ahnungslosigkeit, bitterere Tage werde er nie mehr durchzumachen haben, wenn diese Krise einmal überwunden sein werde. –

Aber auch über das Haus Ortner waren unfrohe und traurig bewegte Wochen hereingebrochen.

Schon längere Zeit war Lisl, die früher so frische und muntere, beim Zusammensein mit Carlo still und beklommen, ohne ihm auf sein Drängen Aufklärung über diese Veränderung ihres Wesens zu geben. Und wenn er im Hause oben erschien, bemerkte er auch in Mienen und Gebaren von Frau Ortner und Elly Bangen und Sorge. An einem Sonntag nachmittag nun, es war anfangs Februar, platzte Carlo mitten in eine Familienszene hinein: er fand Lisl tränenüberströmt, die Hände vors Gesicht geschlagen, in einer Sofaecke kauernd. Frau Ortner stand hochrot und sehr erregt vor ihr, Elly drückte sich verschüchtert in eine Ecke.

»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« entfuhr es dem erschrockenen Carlo.

»Sehr gut, daß Sie gerade jetzt kommen, Herr Zeller, sehr gut,« wandte sich Frau Ortner an ihn: »Sie sind ja ein Freund unserer Familie, Sie sollen alles erfahren und sollen uns raten.« Sie hieß ihn, sich an den runden Mitteltisch niedersetzen, und während vom Sofa her von Zeit zu Zeit ein Aufschluchzen Lisls herüberkam, erzählte sie:

»Sehen Sie, Herr Zeller, wir können einfach nicht mehr weiter. Es ist ja wahr, der Artur ist heute schon Leutnant in Josefstadt und die Elly hat ihren Posten bei der Staatsbahndirektion. Aber der arme Bursch kann von seiner Gage halt doch nicht leben, und das kleine Salär der Elly hilft auch nicht viel, denn alles, Sie wissen ja, wird von Tag zu Tag teurer, die Lebensmittel, die Schuhe, die Kleider, jetzt sind wir auch im Zins gesteigert worden. Ich weiß wirklich nicht mehr, wo ein und aus. Nun ist vor einiger Zeit wieder ein Brief meines Schwagers aus New York gekommen, wir haben Ihnen ja von ihm erzählt, und er schreibt mir wieder, ich soll mir doch das Leben erleichtern und Lisl hinüberschicken. Mein Gott, leicht gibt man ja sein Kind nicht aus dem Haus, leichten Herzens, das dürfen Sie nicht glauben, schickt man sein Mädel nicht übers Meer – aber wenn's nicht anders geht! Uns allen wäre es eine große Erleichterung. Lisl könnte sorglos, ja in Luxus leben, ich hier würde das eine Zimmer vermieten, und für Elly und mich langt es zur Not gerade noch. Aber nun denken Sie sich: Während die Lisl früher immer sagte, sie möchte ganz gern zum Onkel, jetzt auf einmal will sie nichts davon wissen, unverständlicherweise. Sie sträubt sich mit Händen und Füßen! Grund für ihre Weigerung gibt sie mir keinen an. Vielleicht können Sie mehr aus ihr herausbekommen oder ihr gar den Kopf zurechtsetzen. – Was nur in das Mädel gefahren ist!«

Blutübergossen und sehr betreten saß Carlo da. Es wollte ihm scheinen, als hätte am Schlusse der aufgeregten Erklärung der Frau Ortner dort, wo sie von der unverständlichen Weigerung Lisls sprach, ein ziemlich scharfer, gegen ihn gerichteter Vorwurf herausgeklungen.

»Ich werde mit Fräulein Lisl sprechen, wenn sie ruhiger ist,« sagte er.

Langsam versiegten Lisls Tränen, man setzte sich an den Tisch und versuchte, ein gleichgültiges Gespräch zu führen, das sich allerdings nur schwer vorwärtsschleppte.

»Möchten Sie mir die Freude machen und mit mir in ein Kino kommen, Fräulein Lisl?« fragte Carlo, nachdem sie den Tee eingenommen hatten, denn ihm war darum zu tun, aus dem Haus zu kommen. »Es wird Sie zerstreuen.«

Lisl, die ihn verstand, willigte ein, und da auch Frau Ortner gegen einen gemeinsamen Kinobesuch nichts einzuwenden hatte, brachen die beiden bald auf.

Wortlos gingen sie über die Mariahilferstraße dem Ring zu. An den Kinos, die mit großen Plakaten lockten, schritten sie vorbei. In die Innere Stadt führte Carlo Lisl in ein ganz altes Viertel hinter dem Stephansdom.

»Wohin gehen wir?« fragte sie.

»Sie haben doch Vertrauen zu mir? Ich kenne eine italienische Weinstube, in der es um diese Stunde ziemlich leer sein dürfte. Wollen Sie?«

Lisl nickte.

Sie bogen in ein enges, winkeliges Gäßchen ein und betraten nach einigen Schritten den niederen, gewölbten Raum des Weinlokales. Wie Carlo es vorausgesagt hatte, war es fast leer hier. Sie setzten sich in eine offene Loge, in der sie recht abgeschlossen waren.

»Warum wollen Sie nicht nach New York, Lisl?« Und als sie ihm keine Antwort gab, fügte er mit halblauter Stimme hinzu: »Ist es meinetwegen?«

Sie senkte tief den Kopf und hauchte nur: »Ja.«

»Lisl!« schrie er beinahe auf, und riß sie an sich. Sie bog, die Augen geschlossen, den Kopf zurück, und lange lagen ihre Lippen aufeinander. In dieser Stunde verlobten sie sich, versprachen sich einander fürs ganze Leben. Und dann, ganz eng zusammengerückt, Hand in Hand, besprachen sie die Zukunft.

Lisl sollte sobald als möglich nach New York. Carlo würde seine Anstrengungen verdoppeln, damit er ehestens einen Posten erhalte. Sei er aber einmal in Stellung, dann wollten sie ihre Verlobung publik machen, und mit dem nächsten Dampfer sollte sie zurückkehren zur Hochzeit. Gelänge es ihm aber nicht, in Wien unterzukommen, nun – so würde er ihr eben nach New York folgen! Jung und arbeitslustig war er, sprachenkundig, ohne einen Heller in der Tasche würde er auch nicht die Neue Welt betreten, warum sollte ihm nicht gelingen, was so vielen anderen gelungen war, es drüben zu Ansehen und Reichtum zu bringen?

Der Ruf in die Ferne – vielleicht ist das der Wink des Schicksals, vielleicht wartet dort meine Bestimmung auf mich!

Lisl Ortner traf ihre Reisevorbereitungen. Sie nähte und flickte und hatte alle Hände voll zu tun, um rechtzeitig fertig zu werden, denn am 10. März ging schon ihr Dampfer ab. Carlo aber, der nicht wollte, daß seine kleine Braut in allzu dürftiger Ausstattung hinüber käme und vielleicht über die Achsel angesehen würde, wurde wieder vom Leichtsinnsteufel gepackt, streifte durch die Geschäfte und machte Besorgungen. Das eleganteste Reisenecessaire, das er fand, brachte er Lisl, Frau Ortner es harmlos als ein Abschiedsgeschenk an seine liebe Freundin darstellend. Im geheimen jedoch steckte er Lisl noch jeden Tag irgendein Päckchen zu: ein Dutzend Seidenstrümpfe, ein Paar seidene Abendschuhe, ein Flakon französischen Parfüms, einen Reiseschal. Auch der Verlobungsring durfte nicht fehlen, den sie sich erst anstecken durfte, sobald sie im Zuge saß, denn vor der Mutter wollten sie sich als Verlobte erst erklären, wenn für sie die Möglichkeit bestand, einander zu ehelichen. Sie fürchteten beide, Mama Ortner könnte von diesem augenblicklich etwas aussichtslos aussehenden Verlöbnis nicht sonderlich erbaut sein. Aus gelegentlichen Äußerungen von ihr wußte Lisl, daß sie sich mit der Hoffnung trug, die Tochter könnte drüben in Amerika eine gute Partie machen.

Im Fluge vergingen die paar Wochen bis zu Lisls Abreise.

Es war am 9. März. Carlo war eben aus dem kleinen Gasthaus in seiner Nachbarschaft, in dem er seit Entlassung seines Dieners das Mittagmahl einzunehmen pflegte, nach Hause gekommen. Er war im Begriff, sich auf dem Sofa ein wenig auszustrecken, als es draußen läutete. Erstaunt über einen Besuch zu solcher Stunde, ging er hinaus, die Türe zu öffnen. Vor ihm stand Lisl. Verschämt war sie, ganz schüchtern, und doch die blauen Augen leuchtend vor Freude.

»Vor dem Abschied, Carlo, wollte ich mir doch einmal dein Heim anschauen, damit ich mir auch das Bild von den vier Wänden mitnehmen kann, zwischen denen du lebst!«

Erregt und bewegt führte Carlo sie in sein Arbeitszimmer. Mit einem glücklichen Lächeln sank sie an seine Brust. Unter Lachen und unter Tränen saßen sie zwei Stunden lang beieinander. Nicht leicht fiel es ihm, das junge, blühende Geschöpf in den Armen, das sicherlich seinen Wünschen keinen starken Widerstand entgegengesetzt hätte, Herr seiner Sinne zu bleiben. Aber er bezwang sich, und ihre zärtlichen Blicke sagten ihm Dank für seine ehrenhafte Haltung.

Am nächsten Morgen dann, es war ein regnerischer Märztag mit fast winterlichen Schauern, standen sie alle an dem Waggon, aus dessen Fenster Lisl Ortner ihnen die letzten Abschiedsworte zurief. Sie war guter Dinge, oder sie tat wenigstens alles, die Rührung und den Trennungsschmerz sich nicht merken zu lassen.

Der Leutnant Artur Ortner, der zur Verabschiedung der Schwester nach Wien gekommen war, lächelte unsicher, aber in strammer, militärischer Haltung. Carlo Zeller stand etwas abseits, ziemlich stumm. Aber der letzte Ruf, als der Zug aus der Halle rollte, kam von ihm: »Auf Wiedersehen, Lisl!«

Carlo setzte seine Bemühungen zur Erlangung einer Stelle fort, aber mit stets geringeren Erfolgen. Wo sich ihm ein Posten bot, war's immer ein ganz niederer, der ihm nur demütigend erschien und gar nicht die Möglichkeiten geboten hätte, einen Hausstand zu gründen. Diejenigen, die sich einmal seine Freunde genannt und mit denen er auch rein äußerlich den Umgang noch aufrecht hielt, kümmerten sich gar nicht mehr um seine Privatangelegenheiten. Und er sprach mit ihnen auch nicht mehr darüber, da er schon wußte, wie wenig echter Teilnahme er dort begegnete.

Von Lisl kamen fleißig Briefe. Sie war im Hause des Onkels gut und liebevoll aufgenommen worden, befand sich wohl, und die Sehnsucht nach Carlo quälte sie und trübte ihre Tage. Solche Briefe waren natürlich nicht geeignet, Carlos Geduld zu stärken. Da kam Ende Juni die Stunde über ihn, da er sich sagte: »Genug des fruchtlosen Suchens hier, jetzt hinüber zu Lisl.« In einem von Leidenschaft durchzitterten Brief teilte er ihr diesen Entschluß mit.

Er ging an den Verkauf seiner Möbel, er machte zu Geld, was sich irgendwie verwerten ließ.

Gerade jener Brief aber, mit dem er Lisl seine baldige Ankunft angezeigt hatte, blieb unbeantwortet.

Er war vermutlich verloren gegangen. Carlo wiederholte den Inhalt in einem zweiten Schreiben, in dem er sich auch beschwerte, solange von ihr ohne Nachricht zu sein.

Der Erlös seiner Einrichtung wie sein restliches Bargeld sicherten ihm für die erste Zeit in Amerika noch immer eine gewisse Unabhängigkeit.

Den Freunden erzählte er, daß er einen nicht allzu lang währenden Besuch bei Verwandten in New York vorhabe; er wollte lästiges Fragen und Gerede vermeiden. Es belustigte ihn sehr, als er wahrnahm, wie sein Ansehen durch diese Reise wieder gehoben wurde. Man gab ihm sogar einen fidelen Abschiedsabend bei Sacher.

Von Frau Ortner verabschiedete er sich, als ob er eine Sommerreise anträte. Wie wird die gute Frau überrascht werden, wenn meine erste Nachricht aus New York kommt! – dachte er voll innerer Fröhlichkeit.

Ganz allein, ein Einsamer, in dem wehmütigen Bewußtsein, niemand zurückzulassen, dem er fehlte, aber auch in dem freudigen, glücklichen, dem einzigen Menschen entgegenzuziehen, der sich nach ihm sehnte, fuhr er an einem Augusttag vom Wiener Nordbahnhof ab.

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