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Das Bildnis des Dorian Gray

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorOscar Wilde
titleDas Bildnis des Dorian Gray
senderMichael Neuffer
created19990410
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Zwanzigstes Kapitel

Es war eine wundervolle Nacht und so warm, daß er den Überzieher auf dem Arm trug und nicht einmal das seidene Halstuch umnahm. Als er seine Zigarette rauchend langsam nach Hause ging, kamen zwei junge Leute im Gesellschaftsanzug an ihm vorbei. Er hörte, wie einer von ihnen dem andern zuflüsterte: »Das ist Dorian Gray.« Er dachte daran, wie es ihm immer gefallen hatte, wenn man auf ihn zeigte oder ihn ansah oder über ihn redete. Er war es jetzt müde, seinen Namen zu hören. Der halbe Reiz des kleinen Dorfes, wo er in letzter Zeit so oft gewesen war, bestand darin, daß niemand ihn kannte. Er hatte dem Mädchen, das er zur Liebe gelockt hatte, oft gesagt, er sei arm, und sie hatte es geglaubt. Er hatte ihr einmal gesagt, er sei schlecht, und sie hatte gelacht und geantwortet, schlechte Menschen seien immer sehr alt und sehr häßlich. Was sie für ein Lachen hatte ! – gerade wie der Gesang einer Drossel. Und wie hübsch sie gewesen war in ihrem Baumwollkleidchen und ihrem großen Hut! Sie wußte von nichts etwas, aber sie besaß alles, was er verloren hatte.

Zu Hause hatte sein Diener seine Rückkehr abgewartet. Er schickte ihn ins Bett und warf sich im Bücherzimmer aufs Sofa und fing an, über einiges von dem, was Lord Henry gesagt hatte, nachzudenken.

War es wirklich wahr, daß man nie anders werden konnte? Er verspürte ein wildes Verlangen nach der unbefleckten Reinheit seiner Knabenzeit – seiner lilienweißen Knabenzeit, wie Lord Henry einmal gesagt hatte. Er wußte, er hatte sie befleckt, hatte seinen Geist mit Verderbnis gefüllt und seine Phantasie in Entsetzen getaucht; er hatte einen schlechten Einfluß auf andere geübt und eine furchtbare Freude daran gehabt; und von den Menschenleben, die sein eigenes gekreuzt hatten, waren es die reinsten und verheißungsvollsten gewesen, die er in Schande gebracht hatte. Aber war das nicht wieder gut zu machen? Gab es keine Hoffnung für ihn?

Oh! in welch ungeheuerlichem Augenblick von Hochmut und Leidenschaft hatte er das Gebet gesprochen, das Bild solle die Last seiner Tage tragen und er den fleckenlosen Glanz ewiger Jugend bewahren! Sein ganzes verfehltes Leben kam daher. Es wäre besser für ihn gewesen, wenn jede Sünde ihre sichere, schnelle Buße nach sich gezogen hätte. Es lag etwas Reinigendes in der Strafe. Nicht »Vergib uns unsere Sünden«, sondern »Züchtige uns für unsere Missetaten« sollte das Gebet des Menschen zu einem allgerechten Gott sein.

Der mit seltsamem Schnitzwerk umrahmte Spiegel, den Lord Henry ihm vor so vielen Jahren geschenkt hatte, stand auf dem Tisch, und die Liebesgötter mit ihren silberweißen Gliedern lachten wie vorzeiten auf dem Rahmen. Er nahm ihn zur Hand, wie er es in der Schreckensnacht getan, als er zuerst die Veränderung an dem verhängnisvollen Bilde gewahrt hatte, und blickte mit verzweifelten, tränenumschleierten Augen in die blanke Fläche. Einst hatte ihm ein Mensch, der ihn abgöttisch geliebt hatte, einen überspannten Brief geschrieben, der mit den wahnsinnigen Worten schloß: »Die Welt ist anders geworden, weil du aus Elfenbein und Gold geschaffen wurdest. Die geschwungenen Linien deiner Lippen wandeln die Geschichte.« Die Sätze kamen ihm jetzt ins Gedächtnis, und er wiederholte sie immer und immer wieder. Dann haßte er seine Schönheit, schleuderte den Spiegel zu Boden und zertrat ihn in silberne Splitter. Gerade seine Schönheit hatte ihn zugrunde gerichtet, seine Schönheit und die Jugend, um die er gebetet hatte. Wenn die zwei nicht gewesen wären, wäre sein Leben vielleicht makellos geblieben. Seine Schönheit war ihm nur eine Maske gewesen, seine Jugend nur ein Blendwerk. Was war Jugend im besten Fall? Eine grüne, unreife Zeit, eine Zeit oberflächlicher Stimmungen und blasser Gedanken. Warum hatte er ihr Gewand getragen? Nur die Jugend hatte ihn in die Schmach gebracht.

Es war besser, nicht ans Vergangene zu denken. Er mußte an sich und seine eigene Zukunft denken. James Vane war in einem namenlosen Grab im Kirchhof zu Selby geborgen. Alan Campbell hatte sich eines Nachts in seinem Laboratorium erschossen, hatte aber das Geheimnis nicht verraten, zu dessen Mitwisserschaft er gezwungen worden war. Die Aufregung über Basil Hallwards Verschwinden würde sich bald legen; sie war schon schwächer geworden. Dann war er ganz sicher. Auch war es in der Tat nicht der Tod Basil Hallwards, was seinen Geist am meisten bedrückte. Der lebendige Tod seiner eigenen Seele ließ ihm keine Ruhe. Basil hatte das Porträt gemalt, das sein Leben zerstört hatte. Er konnte ihm das nicht verzeihen. Das Porträt war an allem schuld. Basil hatte Dinge zu ihm gesagt, die unerträglich waren und die er doch geduldig ertragen hatte. Der Mord war nichts als der Wahnsinn eines Augenblicks gewesen. Und Alan Campbells Selbstmord war seine eigene Tat; sein freier Entschluß, der ging ihn nichts an.

Ein neues Leben! Ein neues Leben brauchte er. Darauf wartete er. Gewiß hatte er es schon angefangen. Ein unschuldiges Geschöpf hatte er jedenfalls geschont. Er wollte nie wieder die Unschuld in Versuchung führen. Er wollte gut sein.

Als er an Hetty Merton dachte, kam ihm der Gedanke, ob sich wohl das Bild in dem verschlossenen Zimmer verändert habe. Gewiß war es doch nicht mehr so gräßlich, wie es gewesen war. Vielleicht könnte er, wenn sein Leben ein reines würde, jede Spur schlechter Leidenschaft aus dem Bilde treiben. Vielleicht waren die Zeichen der Schlechtigkeit schon verschwunden. Er wollte hinaufgehn und nachsehn.

Er nahm die Lampe vom Tisch und schlich die Treppe hinauf. Als er die Tür aufschloß, flog ein frohes Lächeln über sein seltsam junges Gesicht und weilte einen Augenblick auf seinen Lippen. Ja, er wollte gut sein, und das gräßliche Ding, das er versteckt hielt, brauchte nicht länger ein Gegenstand des Schreckens für ihn zu sein. Ihm war, als sei die Last schon jetzt von ihm genommen.

Er ging ruhig hinein, schloß die Tür hinter sich, wie er gewohnt war, und zog den Purpurvorhang von dem Bilde. Ein Schrei der Qual und des Zorns kam von seinen Lippen. Er konnte keine Veränderung sehn, außer daß in den Augen ein Ausdruck wie von Schlauheit lag und um den Mund die gebogene Falte des Heuchlers. Das Bild war noch grauenhaft – grauenhafter, wenn möglich, als vorher – und der scharlachrote Fleck auf der Hand schien mehr zu glänzen und sah mehr wie frisch vergossenes Blut aus. Er zitterte. War es bloß Eitelkeit gewesen, was ihn dazu gebracht hatte, einmal etwas Gutes zu tun? Oder die Luft zu einer neuen Art Empfindung, wie Lord Henry mit seinem spöttischen Lachen angedeutet hatte? Oder der Trieb, eine Rolle zu spielen, der uns manchmal dazu bringt, etwas zu tun, was besser ist als wir selbst? Oder vielleicht all das zusammen genommen? Und warum war der rote Fleck größer als vorher? Er schien wie eine fürchterliche Krankheit weitergefressen zu haben, bis zu den faltigen Fingern. Es war Blut auf den gemalten Füßen zu sehn, als ob es von den Händen getropft wäre – Blut selbst an der Hand, die nicht das Messer geführt hatte. Gestehn? Bedeutete das, daß er gestehn sollte? Sich aufgeben und hingerichtet werden? Er lachte. Er wußte, der Gedanke war ungeheuerlich. Überdies, selbst wenn er gestünde, wer würde ihm glauben? Es war nirgends eine Spur des ermordeten Mannes. Alles, was zu ihm gehörte, war zerstört worden. Er selbst hatte verbrannt, was unten geblieben war. Die Welt würde nichts anderes sagen, als daß er verrückt sei. Man würde ihn ins Irrenhaus sperren, wenn er auf seiner Geschichte bestünde ... Aber es war seine Pflicht, zu gestehn, öffentliche Schande zu erdulden und öffentlich Buße zu tun. Es war ein Gott, der den Menschen zurief, ihre Sünden der Erde wie dem Himmel zu beichten. Nichts, was er tun konnte, würde ihn reinigen, bis er seine Sünde selber gebeichtet hatte. Seine Sünde? Der Tod Basil Hallwards schien ihm sehr unwichtig! Er dachte an Hetty Merton. Denn es war ein ungerechter Spiegel, dieser Spiegel seiner Seele, auf den er blickte. Eitelkeit? Gier nach Neuem? Heuchelei? War in seiner Entsagung nicht mehr als das gewesen? Es war noch etwas darin gewesen. Wenigstens meinte er es. Aber wer weiß? . . . Nein, es war nichts weiter darin gewesen. Aus Eitelkeit hatte er sie geschont. Als Heuchler hatte er die Maske der Güte getragen. Um der Neugier willen hatte er es mit der Selbstverleugnung versucht. Er erkannte es jetzt. Aber dieser Mord – sollte dieser Mord sein Leben lang hinter ihm her sein? Sollte er immer die Last seiner Vergangenheit tragen? Sollte er wirklich ein Geständnis ablegen? Niemals. Es gab nur ein einziges, was als Beweis gegen ihn dienen konnte. Das Bildnis selbst – das war beweiskräftig. Er wollte es zerstören. Warum hatte er es so lange behalten? Einst war es ihm ein Genuß gewesen zuzusehn, wie es sich veränderte und alt wurde. In letzter Zeit hatte er keinen solchen Genuß mehr verspürt. Es hatte ihn nachts nicht schlafen lassen. Wenn er ausgegangen war, war er voller Angst gewesen, fremde Augen könnten darauf blicken. Es hatte Schwermut in seine Lüste gebracht. Die bloße Erinnerung an das Bild hatte viele Augenblicke der Freude gestört. Es war ihm wie ein Gewissen gewesen. Ja, es war sein Gewissen gewesen. Er wollte es zerstören.

Er sah sich um und erblickte das Messer, das Basil Hallward erstochen hatte. Er hatte es oft gereinigt, bis kein Fleck mehr darauf war. Es war blank und glänzte. Wie es den Maler getötet hatte, so sollte es das Werk des Malers und alles, was es bedeutete, töten. Es sollte die Vergangenheit töten, und wenn die tot wäre, würde er frei sein. Es sollte dieses ungeheuerliche Leben der Seele töten, und wenn diese gräßlichen Zeichen der Drohung nicht mehr wären, hätte er Frieden. Er ergriff das Messer und durchbohrte das Bild damit.

Man hörte einen Schrei und ein Krachen. Der Schrei war in seiner Todesnot so gräßlich, daß die Dienerschaft entsetzt aufwachte und aus ihren Zimmern stürzte. Zwei Herren, die auf dem Platz unten vorbeigingen, blieben stehn und blickten an dem stattlichen Haus empor. Sie gingen weiter, bis sie einen Schutzmann trafen, und nahmen ihn mit zurück. Der Mann läutete mehrmals, aber es meldete sich niemand. Außer einem Licht in einem der Dachfenster war das ganze Haus dunkel. Nach einer Weile ging er fort und stellte sich in einen anstoßenden Säulengang und behielt das Haus im Auge.

»Wem gehört dieses Haus, Schutzmann?« fragte der ältere der beiden Herren.

»Herrn Dorian Gray,« war die Antwort des Polizisten.

Sie blickten einander an, als sie weitergingen, und lächelten. Der eine von beiden war der Oheim Sir Henry Ashtons.

Innen, im Bedientenzimmer, sprachen die halb angezogenen Bedienten leise flüsternd miteinander. Die alte Frau Leaf weinte und rang die Hände. Francis war blaß wie der Tod.

Nach etwa einer Viertelstunde nahm er den Kutscher und einen der Lakaien mit sich und schlich die Treppe hinauf. Sie klopften an, aber es kam keine Antwort. Sie riefen. Alles war still. Schließlich stiegen sie, nachdem sie vergebens versucht hatten, die Tür zu sprengen, aufs Dach und ließen sich auf den Balkon hinunter. Die Balkontür gab leicht nach, ihre Riegel waren alt.

Als sie eingetreten waren, sahen sie ein glänzendes Porträt ihres Herrn an der Wand hängen, wie sie ihn zuletzt gesehn hatten, in all dem Wunder seiner köstlichen Jugend und Schönheit. Auf dem Boden aber lag ein toter Mann im Gesellschaftsanzug, mit einem Messer im Herzen. Er war welk, runzlig und Abscheu erregend. Erst als sie die Ringe untersuchten, erkannten sie, wer es war.

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