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Das Bildnis des Dorian Gray

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorOscar Wilde
titleDas Bildnis des Dorian Gray
senderMichael Neuffer
created19990410
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Achtzehntes Kapitel

Am nächsten Tag verließ er das Haus nicht und blieb fast immer in seinem Zimmer. Eine wilde Angst vor dem Tod hatte ihn erfaßt, und dabei war ihm das Leben gleichgültig geworden. Das Gefühl, aufgespürt, gehetzt und umstellt zu sein, verließ ihn nicht mehr. Wenn nur der Wandteppich im Wind zitterte, fuhr er zusammen. Das tote Laub, das gegen die Scheiben geweht wurde, schien ihm seinen eigenen vergeblichen Vorsätzen, seiner wilden Reue zu gleichen. Wenn er die Augen schloß, sah er wieder das Gesicht des Matrosen und die Augen, die sich durch das feucht beschlagene Glas bohren wollten, und das Entsetzen schien ihm wieder ans Herz zu fassen.

Aber vielleicht war es nur seine Phantasie gewesen, die die Rache aus der Nacht hervorgerufen und ihm die gräßliche Gestalt der Strafe vorgespiegelt hatte. Das wirkliche Leben war Chaos, aber es lag eine schreckliche Logik in der Phantasie. Die Phantasie hetzte den Gewissensbiß gegen die flüchtigen Füße der Sünde. Die Phantasie ließ jedes Verbrechen Entsetzen im Schoße tragen. In der gemeinen Welt der Tatsachen wurden die Bösen nicht bestraft und die Guten nicht belohnt. Der Erfolg gehörte den Starken, die Schwachen mußten unterliegen, und weiter geschah nichts. Überdies wäre jeder Fremde, der um das Haus gestreift wäre, von den Dienern oder den Pförtnern gesehn worden. Wären irgendwelche Fußspuren auf den Beeten bemerkt worden, so hätten es die Gärtner berichtet. Ja, es war bloße Phantasie gewesen. Sibyl Vanes Bruder war nicht zurückgekommen, um ihn zu töten. Er war mit seinem Schiff fortgefahren, um in irgendeinem stürmischen Meer unterzugehn. Vor ihm war er jedenfalls sicher. Der Mann wußte ja nicht, wer er war, und konnte es nicht erfahren. Die Maske der Jugend hatte ihn gerettet.

Und doch, wenn es nur eine Gestalt der Phantasie gewesen war, wie furchtbar war der Gedanke, daß das Gewissen so schreckliche Hirngespinste erzeugen, ihnen sichtbare Form und Bewegung geben konnte! Was für ein Leben war ihm beschieden, wenn Tag und Nacht die Schatten seines Verbrechens in dunklen Ecken auf ihn lauerten, ihn an stillen Orten narrten, ihm ins Ohr flüsterten, wenn er beim Mahle saß, ihn mit eisigen Fingern weckten, wenn er im Schlafe lag! Als der Gedanke sich ihm ins Gehirn schlich, wurde er blaß vor Angst, und die Luft schien ihm auf einmal kälter geworden. Oh! in was für einer wilden Stunde des Wahnsinns hatte er seinen Freund getötet! Wie grauenhaft war schon die Erinnerung an die Szene. Er sah alles wieder vor sich; jede gräßliche Einzelheit kam mit verstärktem Grausen wieder zu ihm. Aus dem schwarzen Grab der Zeit stieg furchtbar und in Scharlach gehüllt das Bildnis seiner Sünde auf. Als Lord Henry um sechs Uhr hereinkam, fand er ihn weinend. Er weinte wie einer, dem das Herz brechen will.

Erst am dritten Tage wagte er wieder auszugehn. Es lag etwas in der hellen, tannenwürzigen Luft dieses Wintermorgens, das ihm seine Fröhlichkeit und seine Lebenslust wiederzugeben schien. Aber nicht nur die physischen Bedingungen der Umgebung hatten die Wandlung hervorgebracht. Seine Natur selbst hatte sich gegen das Übermaß der Angst aufgelehnt, die ihre vollendete Ruhe hatte stören und verderben wollen. Mit fein und zart gebauten Naturen ist es immer so. Ihre starken Leidenschaften müssen zermalmen oder zergehn; sie bringen den Menschen entweder um oder sterben selbst. Oberflächliche Schmerzen und oberflächliche Liebesgefühle leben weiter. Die Liebesgefühle und Schmerzen, die stark und tief sind, gehn an ihrer eigenen Heftigkeit zugrunde. Außerdem hatte er die Überzeugung gewonnen, daß er das Opfer einer Schreckphantasie gewesen war, und blickte jetzt auf seine Ängste mit einer Art Mitleid und ziemlicher Verachtung zurück.

Nach dem Frühstück ging er mit der Herzogin eine Stunde im Garten spazieren und fuhr dann durch den Park, um die Jagdgesellschaft zu treffen. Der Reif lag wie Salz auf dem Gras. Der Himmel sah aus wie ein umgestülpter Becher aus blauem Metall. Eine dünne Schicht Eis war am Rande des flachen, schilfumwachsenen Teiches.

An der Ecke des Tannenwaldes gewahrte er Sir Geoffrey Clouston, den Bruder der Herzogin, der eben zwei verbrauchte Patronen aus seiner Büchse entfernte. Dorian sprang vom Wagen, sagte dem Groom, er solle mit dem Pferd nach Hause fahren, und ging durch das welke Farnkraut und das Gestrüpp des Unterholzes auf seinen Gast zu.

»Gute Jagd, Geoffrey?« fragte er.

»Nicht sehr gut, Dorian. Die meisten Vögel scheinen aufgeflogen. Ich denke, es wird nach Tisch besser sein, wenn wir einen andern Platz suchen.«

Dorian schlenderte an seiner Seite weiter. Die starke, würzige Luft, die braunen und roten Lichter, die im Walde schimmerten, das laute Geschrei der Treiber, das manchmal erschallte, und die scharfen Schüsse aus den Büchsen, die dann folgten, das alles belebte ihn und erfüllte ihn mit einem Gefühl entzückender Freiheit. Er war von sorgloser Heiterkeit durchdrungen, von der hohen Unbekümmertheit der Freude.

Plötzlich brach an einer Stelle, an der dicke Büschel alten Grases standen, kaum zwanzig Meter vor ihnen, die schwarzgestülpten Ohren steif haltend und die langen Hinterbeine nach vorn werfend, ein Hase heraus. Er jagte auf ein Erlengebüsch zu. Sir Geoffrey warf die Büchse an die Schulter, aber in der graziösen Bewegung des Tieres war etwas, was Dorian Gray seltsam entzückte, und er rief schnell: »Schieß nicht, Geoffrey! Laß ihn leben!« »Unsinn, Dorian!« lachte sein Gefährte, und wie der Hase mit langen Sätzen ins Dickicht springen wollte, feuerte er. Man hörte zwei Schreie, den Schrei eines getroffenen Hasen, der schrecklich ist, und den Schrei eines Menschen im Todeskampf, der noch furchtbarer ist.

»Gott im Himmel! ich habe einen Treiber getroffen!« rief Sir Geoffrey. »Was war das für ein Esel, vor die Büchse zu kommen! Hört auf mit Schießen!« rief er mit lauter Stimme. »Ein Mann ist getroffen worden!«

Der Wildhüter rannte mit einem Stock in der Hand herbei.

»Wo, Herr, wo?« rief er. Zur selben Zeit hörte das Feuern auf der ganzen Linie auf.

»Hier,« antwortete Sir Geoffrey ärgerlich und eilte auf das Dickicht zu. »Warum in aller Welt halten Sie Ihre Leute nicht weiter zurück? Für heute hab ich genug vom Jagen.« Dorian sah ihnen nach, wie sie in das Erlengebüsch gingen und die Zweige zur Seite bogen. Nach ein paar Augenblicken erschienen sie wieder und zogen einen Körper ins Freie heraus. Er wandte sich entsetzt weg. Es schien, das Mißgeschick folgte ihm, wohin er ging. Er hörte, wie Sir Geoffrey fragte, ob der Mann wirklich tot sei, und die bejahende Antwort des Hüters. Der Wald schien ihm plötzlich von Gesichtern zu wimmeln. Er hörte unzählige Tritte und das leise Flüstern von Stimmen. Ein großer kupferfarbener Fasan schwirrte durch die Zweige über ihm.

Nach ein paar Augenblicken, die für ihn in seiner verstörten Verfassung wie viele qualvolle Stunden waren, spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Er fuhr zusammen und sah sich um.

»Dorian,« sagte Lord Henry, »es wäre besser, ihnen zu sagen, daß die Jagd für heute abgebrochen ist. Es würde keinen guten Eindruck machen, wenn sie fortgesetzt würde.«

»Ich wollte, sie würde für immer abgebrochen, Harry,« antwortete er bitter. »Die ganze Sache ist häßlich und grausam. Ist der Mann. . .?«

Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen.

»Leider ja,« erwiderte Lord Henry. »Er bekam die ganze Ladung in die Brust. Er muß sofort gestorben sein. Komm, gehn wir nach Hause.«

Sie gingen zusammen in der Richtung der großen Allee und sprachen ungefähr fünfzig Meter lang kein Wort. Dann blickte Dorian Lord Henry an und sagte tief aufseufzend:

»Es ist ein böses Omen, Harry, ein sehr böses Omen.«

»Was denn?« fragte Lord Henry. »Oh, dieser Zwischenfall vermutlich! Mein Lieber, da ist nichts zu ändern. Der Mann war selber schuld. Warum kam er direkt vor die Büchsen? Außerdem geht es uns nichts an. Für Geoffrey ist es natürlich recht unangenehm. Es ist nicht gut, Treiber niederzuknallen. Das bringt die Leute auf den Gedanken, man sei ein schlechter Schütze. Und das ist Geoffrey nicht; er schießt sehr gut! Aber es hat keinen Wert, über die Sache zu reden.«

Dorian schüttelte den Kopf. »Es ist ein böses Omen, Harry. Ich habe das Gefühl, als ob einem von uns etwas Schreckliches geschehen müßte. Mir selbst vielleicht,« fügte er hinzu und legte in schmerzlicher Bewegung die Hand über die Augen.

Der andere lachte. »Das einzige Schreckliche in der Welt ist Langeweile, Dorian. Das ist die einzige Sünde, für die es keine Vergebung gibt. Aber es ist nicht wahrscheinlich, daß wir darunter leiden werden, außer, wenn die Gesellschaft bei Tisch von diesem Vorfall redet. Ich muß ihnen sagen, daß dieses Thema Tabu ist. Und was du von Omen sagst, so was wie ein Omen gibt es nicht! Das Geschick sendet keine Herolde voraus; es ist dazu zu weise oder zu grausam. Überdies, was in aller Welt könnte bei dir geschehen, Dorian? Du hast alles, was ein Mensch auf Erden begehren kann. Es gibt keinen, der nicht freudig mit dir tauschte.«

»Es gibt keinen, mit dem ich nicht tauschte, Harry. Du mußt nicht lachen, ich sage die Wahrheit. Der elende Bauer, der eben gestorben ist, ist besser daran als ich. Ich habe Angst vor dem Tode. Seine ungeheuren Flügel scheinen in der bleiernen Luft um mich zu schwingen. O Gott! siehst du nicht da einen Mann hinter den Bäumen, der zu mir hersieht, der auf mich wartet?«

Lord Henry blickte auf die Stelle, wo die behandschuhte Hand zitternd hinwies. »Ja,« sagte er lächelnd, »ich sehe den Gärtner, der auf dich wartet. Vermutlich will er dich fragen, was für Blumen du heute abend auf der Tafel haben willst. Wie gräßlich nervös du bist, mein Lieber! Wenn wir wieder in der Stadt sind, mußt du zu meinem Arzt gehn.«

Dorian stieß einen Seufzer der Befreiung aus, als er den Gärtner herankommen sah. Der Mann grüßte, schaute einen Augenblick zögernd auf Lord Henry und brachte dann einen Brief hervor, den er seinem Herrn übergab. »Ihre Gnaden sagten mir, ich solle auf Antwort warten,« sagte er.

Dorian steckte den Brief in die Tasche. »Bestell der Frau Herzogin, ich werde kommen,« sagte er kalt. Der Mann machte kehrt und ging schnell aufs Haus zu.

»Wie gern die Frauen gefährliche Dinge tun,« lachte Lord Henry. »Das ist eine ihrer Eigenschaften, die ich am meisten bewundere. Eine Frau wird mit jedem in der Welt flirten, solange andere Menschen zusehn.«

»Wie gern du gefährliche Dinge sagst, Harry! Aber diesmal bist du auf ganz falscher Fährte. Die Herzogin gefällt mir sehr gut, aber ich liebe sie nicht.«

»Und die Herzogin liebt dich sehr, aber du gefällst ihr nicht, so ist die Sache wieder im gleichen.«

»Du klatschest, Harry, und diesmal gibt es keine Grundlage für den geringsten Klatsch.«

»Die Grundlage jedes Klatsches ist eine unmoralische Sicherheit,« sagte Lord Henry und steckte eine Zigarette an.

»Um eines Epigramms willen opferst du jeden Menschen, Harry. «

»Die Welt geht aus freien Stücken zum Altar, wo sie geopfert wird,« war die Antwort.

»Ich wollte, ich könnte lieben,« rief Dorian Gray, und tiefes Pathos klang in seiner Stimme. »Aber es scheint, ich habe die Glut verloren und die Sehnsucht vergessen. Ich bin zu sehr in mich selbst konzentriert. Meine eigene Person ist mir zur Last geworden. Ich muß entfliehen, fortgehn, vergessen! Es war töricht von mir, überhaupt hierher zu kommen. Ich denke, ich werde an Harvey telegraphieren, die Jacht bereitzuhalten. Auf einer Jacht ist man sicher.«

»Wovor sicher, Dorian? Irgend etwas beunruhigt dich.«

»Ich kann es dir nicht sagen, Harry,« wiederholte er düster. »Und es ist wohl nur eine Anwandlung. Dieser unglückliche Zwischenfall hat mich aus der Fassung gebracht. Ich habe eine gräßliche Vorahnung, etwas Ähnliches könne mir zustoßen.«

»Was für ein Unsinn!«

»Ich hoffe, es ist Unsinn, aber ich habe die Empfindung. Ah! hier ist die Herzogin in einem Tailor made-Kostüm Wenn Artemis so eins getragen hätte, sähe sie genau so aus. – Sie sehn, wir sind zurück, Frau Herzogin.«

»Ich habe schon alles gehört, Herr Gray,« antwortete sie. »Der arme Geoffrey ist ganz außer sich. Und Sie hatten ihn gebeten, nicht auf den Hasen zu schießen. Wie seltsam!«

»Ja, es war sehr seltsam. Ich weiß nicht, was mich dazu brachte. Eine Laune vermutlich. Es war ein so reizender Kerl. Aber es tut mir leid, daß man Ihnen davon sprach. Es ist ein trauriges Thema.«

»Es ist ein langweiliges Thema,« fiel Lord Henry ein. »Es hat nicht den geringsten psychologischen Wert. Wenn nun aber Geoffrey es absichtlich getan hätte, wie interessant wäre er! Ich möchte gern jemand kennen, der einen wirklichen Mord begangen hat.«

»Wie gräßlich von dir, Harry!« rief die Herzogin. »Nicht wahr, Herr Gray? Harry, Herr Gray ist wieder unwohl. Er will ohnmächtig werden!«

Dorian hielt sich mit Anstrengung aufrecht und lächelte. »Es ist nichts, Frau Herzogin,« murmelte er, »meine Nerven sind schrecklich durcheinander. Es ist nichts weiter. Ich fürchte, ich bin heute morgen zuviel gegangen. Ich hörte nicht, was Harry sagte. War es sehr schlimm? Sie müssen es mir ein andermal sagen. Ich denke, ich tue am besten, mich hinzulegen. Sie entschuldigen mich, nicht wahr?«

Sie hatten die große Treppe erreicht, die vom Gewächshaus zur Terrasse emporführte. Als die Glastür sich hinter Dorian geschlossen hatte, wandte sich Lord Henry der Herzogin zu und sah sie mit seinen schläfrigen Augen an. »Bist du sehr in ihn verliebt?« fragte er.

Sie gab eine Weile keine Antwort, sondern stand da und blickte auf die Landschaft. »Ich wollte, ich wüßte es,« sagte sie schließlich.

Er schüttelte den Kopf. »Wissen wäre verhängnisvoll. Die Ungewißheit reizt einen. Ein Nebel macht die Dinge wundervoll .«

»Man kann seinen Weg verlieren.«

»Alle Wege enden am selben Punkt, liebe Gladys.« »Was für ein Punkt ist das?«

Enttäuschung.«

»Das war mein Debüt im Leben,« seufzte sie.

»Sie kam mit einer Krone zu dir.« »Ich bin der Herzogskrone müde.« »Sie steht dir gut.«

»Nur in der Öffentlichkeit.« »Monmouth hat Ohren.«

»Alte Leute sind schwerhörig.«

»Ist er nie eifersüchtig gewesen?« »Ich wollte, er wäre es.«

Oben in seinem Zimmer lag inzwischen Dorian Gray auf einem Sofa. Jede Fiber seines Körpers erbebte. Das Leben war für ihn auf einmal eine gräßliche Bürde geworden, die nicht mehr zu tragen war. Der schreckliche Tod des unglücklichen Treibers, der im Dickicht wie ein wildes Tier erschossen worden, war ihm eine Vorbedeutung seines eigenen Todes. Er war fast in Ohnmacht gesunken, als Lord Henry in einer zufälligen Laune seinen zynischen Scherz gemacht hatte.

Um fünf Uhr klingelte er seinem Diener und hieß ihn seine Sachen für den Nachtschnellzug, der nach der Stadt fuhr, packen und den Wagen zu halb neun Uhr vor die Tür bestellen. Er war entschlossen, keine Nacht mehr in Selby Royal zuzubringen. Der Ort hatte nichts Gutes für ihn; der Tod ging da am hellen Tage um. Das Gras des Waldes war mit Blut befleckt worden.

Dann schrieb er einen Brief an Lord Henry, in dem er ihm sagte, er fahre in die Stadt, um seinen Arzt zu konsultieren, und bitte ihn, in seiner Abwesenheit die Gäste zu unterhalten. Als er das Briefchen eben in den Umschlag steckte, klopfte es an die Tür, und sein Diener kam, ihm mitzuteilen, der Wildhüter wünsche ihn zu sprechen. Er runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippen. »Schick ihn herein!« murmelte er, nachdem er ein paar Augenblicke gezögert hatte. Während der Mann eintrat, holte Dorian sein Scheckbuch aus einer Schublade und legte es vor sich hin.

»Sie kommen vermutlich wegen des Unglücksfalles von heute morgen, Thornton,« sagte er und nahm die Feder zur Hand.

»Ja, Herr,« antwortete der Wildhüter.

»War der arme Kerl verheiratet? Hatte er Angehörige zu versorgen?« fragte Dorian, müde dreinsehend. »Wenn es an dem ist, wünsche ich nicht, daß sie in Not zurückbleiben. Ich werde ihnen die Summe schicken, die Sie für richtig halten.«

»Wir wissen nicht, wer es ist, Herr. Deswegen nahm ich mir die Freiheit, vorzusprechen.«

»Sie wissen nicht, wer es ist?« fragte Dorian, ohne recht hinzuhören. »Was meinen Sie damit? War es nicht einer von Ihren Leuten?«

»Nein, Herr. Hab ihn nie im Leben gesehn. Sieht aus wie ein Matrose, Herr.«

Die Feder fiel Dorian Gray aus der Hand. Ihm war, als hörte sein Herz auf einmal auf zu schlagen.

»Ein Matrose!« rief er aus. »Sagten Sie ein Matrose?«

»Ja, Herr. Er sieht aus, als wäre er eine Art Matrose gewesen; auf beiden Armen tätowiert und so in der Art.«

»Hat man irgend etwas bei ihm gefunden?« fragte Dorian, beugte sich vor und sah den Mann mit starren Augen an. »Etwas, woraus man seinen Namen erfährt?«

»Einiges Geld, Herr – nicht viel, und einen Revolver. Nichts von einem Namen. Sieht anständig aus, der Mann, aber etwas struppig. Eine Art Matrose, denken wir.«

Dorian sprang auf. Eine wilde Hoffnung blitzte in ihm auf. Er klammerte sich leidenschaftlich an sie an. »Wo liegt der Leichnam?« rief er. »Schnell! Ich muß ihn sofort sehn.«

»Er liegt in einem leeren Stall in der Home Farm, Herr. Die Leute mögen so was nicht in ihrem Haus. Sie sagen, eine Leiche bringt Unglück!«

»Home Farm! Gehn Sie sofort hin und warten Sie auf mich! Ein Stallknecht soll mein Pferd bringen! Nein, ist nicht nötig. Ich gehe selbst zum Stall, es geht schneller.«

Nach kaum einer Viertelstunde galoppierte Dorian Gray, so schnell er konnte, die lange Allee hinab. Die Bäume schienen in gespenstigem Zuge an ihm vorbeizufliegen und wilde Schatten sich ihm in den Weg zu werfen. Einmal scheute das Pferd vor einem weißen Pfosten und warf seinen Reiter fast ab. Er schlug dem Tier die Peitsche über den Nacken. Das Pferd teilte die dämmernde Luft wie ein Pfeil, die Steine stoben von seinen Hufen.

Endlich hielt er an der Home Farm. Zwei Männer standen im Hof. Er sprang aus dem Sattel und warf einem die Zügel hin. Im letzten Stall schimmerte ein Licht. Ihm war es, als ob da die Leiche liegen müsse; er eilte zur Tür und legte die Hand auf die Klinke.

Da hielt er einen Augenblick inne. Er fühlte, daß er vor einer Entdeckung stand, die sein Leben entweder rettete oder zerstörte. Dann warf er die Tür zurück und trat ein.

Auf einem Haufen Sackleinwand am Ende des Stalles lag die Leiche eines Mannes in einer groben Bluse und blauen Hosen. Ein schmutziges Taschentuch war ihm übers Gesicht gelegt worden. Eine schlechte Kerze hatte man in eine Flasche gesteckt, sie brannte düster.

Dorian Gray schauderte. Er fühlte, daß seine Hand das Tuch nicht fortnehmen konnte, und rief einen der Knechte herein.

»Nehmen Sie das hier vom Gesicht! Ich will ihn sehn,« sagte er und hielt sich am Türpfosten fest.

Als der Knecht es getan hatte, trat Dorian vor. Ein Schrei der Freude entfuhr ihm. Der Mann, der im Dickicht erschossen worden war, war James Vane.

Er stand ein paar Minuten da und sah den Leichnam an. Als er nach Hause ritt, standen seine Augen voller Tränen, denn er wußte, er war gerettet.

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