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Das Bildnis des Dorian Gray

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorOscar Wilde
titleDas Bildnis des Dorian Gray
senderMichael Neuffer
created19990410
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Siebzehntes Kapitel

Eine Woche später saß Dorian Gray im Gewächshause zu Selby Royal im Gespräch mit der hübschen Herzogin von Monmouth, die mit ihrem Gatten, einem erschöpft aussehenden Mann von sechzig Jahren, unter seinen Gästen war. Es war die Teestunde, und das milde Licht der großen, mit einem Spitzenschleier bedeckten Lampe, die auf dem Tische stand, fiel auf das entzückende Porzellan und das getriebene Silber des Services, das bei der Herzogin stand. Ihre weißen Hände machten sich zierlich mit den Tassen zu schaffen, und ihre vollen roten Lippen lächelten über etwas, was Dorian ihr zuflüsterte. Lord Henry lag zurückgelehnt in einem mit Silberstoff überzogenen Korbstuhl und schaute auf die beiden. Auf einem pfirsichfarbenen Diwan saß Lady Narborough und tat so, als hörte sie zu, wie ihr der Herzog einen brasiliischen Käfer schilderte, den er jüngst für seine Sammlung erworben hatte. Drei junge Leute in eleganter Gesellschaftstoilette versorgten einige der Damen mit Teegebäck. Die Gesellschaft, die Dorian auf seiner Besitzung bewirtete, bestand aus zwölf Personen, und am nächsten Tag wurden noch einige erwartet.

»Worüber redet ihr beiden?« sagte Lord Henry, der langsam an den Tisch trat und seine Tasse niedersetzte. »Ich hoffe, Dorian hat dir von meinem Plan, alles wiederzutaufen, erzählt, Gladys. Es ist eine reizende Idee.«

»Aber ich will nicht wiedergetauft werden, Harry,« erwiderte die Herzogin und sah ihn mit ihren wundervollen Augen an. »Ich bin mit meinem eigenen Namen sehr zufrieden, und ich denke, Herr Gray sollte es auch mit seinem sein.«

»Liebe Gladys, um keinen Preis der Welt möchte ich einen der beiden Namen ändern. Sie sind beide vollendet. Ich dachte hauptsächlich an Blumen. Gestern schnitt ich mir für mein Knopfloch eine Orchidee ab. Es war eine wunderbar gefleckte Blume, so wirkungsvoll wie die sieben Todsünden. In einem Anfall von Gedankenlosigkeit fragte ich einen der Gärtner, wie sie heißt. Er sagte mir, es sei ein schönes Exemplar der Robinsoniana oder etwas anderes Schreckliches der Art. Es ist eine traurige Wahrheit, aber wir haben das Talent, den Dingen schöne Namen zu geben, verloren. Der Name ist alles. Ich streite nie gegen das Tun. Mein einziger Streit geht gegen die Worte. Das ist der Grund, warum ich den gemeinen Realismus in der Literatur verabscheue. Der Mann, der einen Spaten bei seinem Namen nennen kann, sollte gezwungen werden, einen zur Hand zu nehmen. Er ist zu weiter nichts tauglich.«

»Wie sollten wir also dich nennen, Harry?« fragte sie. »Sein Name ist Prinz Paradox,« sagte Dorian.

»Jawohl!« rief die Herzogin aus, »wird sofort anerkannt.« »Ich will ihn nicht hören,« lachte Lord Henry und ließ sich in einen Stuhl sinken. »Vor einer Etikette gibt es keine Rettung. Ich lehne den Titel ab.«

»Fürsten können nicht abdanken,« warnten reizende Lippen.

»Du wünschest also, daß ich meinen Thron verteidige?« »Ja.«

»Ich sage die Wahrheiten von morgen.« »Ich lebe die Irrungen von heute.«

»Du entwaffnest mich, Gladys,« rief er, über ihre Laune entzückt.

»Deines Schildes, Harry, nicht deines Speers.«

»Ich kämpfe nie gegen die Schönheit,« sagte er mit grüßender Handbewegung.

»Das ist ein Fehler, Harry, glaube es mir. Du stellst die Schönheit viel zu hoch.«

»Wie kannst du das sagen? Ich gebe zu, daß ich meine, schön sein ist besser als gut sein. Aber anderseits ist niemand mehr als ich bereit, anzuerkennen, daß gut sein besser ist als häßlich sein.«

»Dann ist also die Häßlichkeit eine der sieben Todsünden?« rief die Herzogin. »Was wird aus deinem Orchideengleichnis?«

»Häßlichkeit ist eine der sieben Tugenden, Gladys. Die darfst du, wenn du deiner Tory-Gesinnung treu bleiben willst, nicht unterschätzen. Bier, die Bibel und die sieben tödlichen Tugenden haben unser England zu dem gemacht, was es ist.«

»Du liebst also dein Vaterland nicht?« fragte sie. »Ich lebe darin.«

»Um es besser tadeln zu können.«

»Würdest du lieber sehn, daß ich mich dem Urteil Europas über unser Land anschließe?« fragte er.

»Was sagen sie von uns?«

»Sie sagen, Tartüff sei nach England ausgewandert und habe da einen Laden aufgemacht.«

»Ist das von dir, Harry?« »Ich schenke es dir.«

»Ich kann es nicht brauchen. Es ist zu wahr.«

»Du brauchst nicht zu erschrecken. Unsere Landsleute fühlen sich nie getroffen, wenn man sie schildert.«

»Sie sind zu praktisch.«

»Sie sind mehr schlau als praktisch. Wenn sie die Bilanz ziehen, gleichen sie die Dummheit durch Reichtum und das Laster durch Heuchelei aus.«

»Und doch haben wir große Dinge getan.«

»Große Dinge sind uns auferlegt worden, Gladys.« »Wir haben ihre Last getragen.«

»Nur bis zur Börse.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube an unser Volk,« rief sie.

»Es repräsentiert das Überleben der Rücksichtslosigkeit.« »Es hat Entwicklung.«

»Verfall reizt mich mehr.« »Wie stehts mit der Kunst?« »Eine Krankheit.« »Liebe?«

»Eine Illusion.« »Religion?«

»Modernes Surrogat für den Glauben.« »Du bist ein Skeptiker.« »Niemals! Skepsis ist der Anfang alles Glaubens.« »Was bist du?«

»Definieren heißt beschränken.« »Gib mir einen Faden.«

»Fäden zerreißen. Du verlörest deinen Weg im Labyrinth.« »Du machst mich wirblig. Reden wir von sonst jemandem. «

»Unser Wirt ist ein reizendes Thema. Vor vielen Jahren wurde er Prinz Wunderhold getauft.«

»Ah! erinnere mich nicht daran!« rief Dorian Gray. »Unser Wirt ist heute abend recht greulich!« antwortete die Herzogin und errötete. »Ich glaube, er denkt, Monmouth habe mich aus rein wissenschaftlichen Gründen geheiratet, als bestes Musterstück eines modernen Schmetterlings.«

»Ich hoffe aber, er steckt keine Stecknadeln in Sie, Frau Herzogin,« lachte Dorian.

»Oh, das tut schon meine Jungfer, Herr Gray, wenn sie sich über mich ärgert.«

»Und worüber ärgert sie sich denn, Frau Herzogin?« »Wegen lauter Kleinigkeiten, Herr Gray, glauben Sie nur. Gewöhnlich, weil ich zehn Minuten vor neun hereinkomme und ihr sage, bis halb neun müsse ich angezogen sein.« »Wie unvernünftig von ihr! Sie sollten ihr kündigen!«

»Ich wage es nicht, Herr Gray. Sie erfindet nämlich meine Hüte. Sie erinnern sich an den Hut, den ich auf dem Gartenfest bei Lady Hilstone trug? Natürlich nein; aber es ist hübsch von Ihnen, daß Sie so tun. Sehn Sie, den hat sie aus nichts gemacht. Jeder gute Hut ist aus nichts gemacht.«

»Wie jeder gute Ruf, Gladys,« fiel Lord Henry ein. »Jede Wirkung, die man ausübt, verschafft einem einen Feind. Um populär zu sein, muß man ein Durchschnittsmensch sein.«

»Bei Frauen nicht,« sagte die Herzogin und schüttelte den Kopf, »und Frauen regieren die Welt. Ich versichere Sie, wir können Durchschnittsmenschen nicht ausstehn. Wir Frauen, hat einmal einer gesagt, lieben mit den Ohren, wie ihr Männer mit den Augen liebt, wenn ihr überhaupt liebt.«

»Mir scheint, wir tun nie etwas anderes,« murmelte Dorian.

»Ah! dann lieben Sie nie in Wirklichkeit,« antwortete die Herzogin und legte etwas Schmerzliches in ihren Ton.

»Liebe Gladys!« rief Lord Henry. »Wie kannst du das sagen? Die Gefühle leben von der Wiederholung, und die Wiederholung verwandelt einen Trieb in eine Kunst. Überdies, jedesmal, wenn man liebt, ist es das erste Mal, daß man je geliebt hat. Die Verschiedenheit des Gegenstandes ändert die Einzigkeit der Leidenschaft nicht. Sie macht sie nur intensiver. Wir können im Leben im besten Fall nur ein einziges großes Erlebnis haben, und die geheime Kunst des Lebens ist, dieses Erlebnis so oft wie möglich zu reproduzieren.«

»Selbst wenn es einen verwundet hat, Harry?« fragte die Herzogin nach einer Pause.

»Besonders wenn es einen verwundet hat,« antwortete Lord Henry.

Die Herzogin wandte sich Dorian Gray zu und sah ihn mit einem seltsamen Ausdruck in ihren Augen an. »Was sagen Sie dazu, Herr Gray?« forschte sie.

Dorian zögerte einen Augenblick. Dann warf er den Kopf zurück und lachte. »Ich bin immer derselben Meinung wie Harry, Frau Herzogin.«

»Auch wenn er unrecht hat?« »Harry hat nie unrecht.«

»Und macht seine Philosophie Sie glücklich?« »Ich bin nie aufs Glück ausgewesen. Wer braucht Glück? Ich bin auf Genuß ausgewesen.«

»Und haben ihn gefunden, Herr Gray?« »Oft. Zu oft.«

Die Herzogin seufzte. »Ich suche den Frieden,« sagte sie, »und wenn ich jetzt nicht zum Anziehen gehe, habe ich heute abend keinen.«

»Ich werde Ihnen ein paar Orchideen holen, Frau Herzogin,« rief Dorian, stand auf und ging das Gewächshaus hinunter.

»Du flirtest schändlich mit ihm,« sagte Lord Henry zu seiner Kusine. »Sieh dich vor! Er ist gefährlich.« »Wenn er es nicht wäre, gäb's keinen Kampf.« »Griechen kämpfen denn also gegen Griechen?« »Ich bin auf der Seite der Trojaner. Sie stritten für eine Frau.«

»Sie wurden geschlagen.« »Es gibt schlimmere Dinge als Gefangenschaft.« »Du galoppierst mit losem Zügel.« »Das Tempo macht's leben,« war der schnelle Gegenstoß. »Ich schreib es heute abend in mein Tagebuch.« »Was?«

»Daß ein gebranntes Kind das Feuer liebt.«

»Ich bin nicht einmal versengt. Meine Flügel sind unberührt.«

»Du benutzt sie zu allem, nur nicht zum Fliehen.« »Der Mut ist von den Männern zu den Frauen übergegangen. Das ist ein neues Erlebnis für uns.«

»Du hast eine Nebenbuhlerin.« »Wen?«

Er lachte. »Lady Narborough,« flüsterte er. »Sie betet ihn an!«

»Du machst mir Angst. Solch graues Altertum ist uns Romantikern verhängnisvoll.«

»Romantisch! Du hast alle Methoden der Wissenschaft.« »Männer haben uns erzogen.«

»Aber nicht erklärt.«

»Gib uns eine Definition unseres Geschlechts,« forderte sie ihn heraus.

»Sphinxe ohne Geheimnisse.«

Sie sah ihn lächelnd an. »Wie lange Herr Gray ausbleibt!« sagte sie. »Wir wollen ihm helfen. Ich habe ihm noch nicht gesagt, was mein Kleid für eine Farbe hat.«

»Ah! du mußt das Kleid nach der Farbe seiner Blumen wählen, Gladys.«

»Da ergäbe ich mich zu früh.«

»Die romantische Kunst fängt mit dem Höhepunkt an.« »Ich muß für die Möglichkeit des Rückzugs sorgen.«

»Nach der Art der Parther?«

»Sie fanden in der Wüste Sicherheit, das wäre mir nicht möglich.«

»Man läßt Frauen nicht immer die Wahl,« antwortete er; aber kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, da hörte man aus der Tiefe des Treibhauses einen erstickten Schrei, dem der dumpfe Ton eines schweren Falles folgte. Alles sprang auf. Die Herzogin stand vor Schreck regungslos da. Und mit dem Ausdruck der Angst in den Augen eilte Lord Henry unter den hängenden Zweigen der Palmen hindurch und fand Dorian Gray am Boden liegen. Er lag, mit dem Gesicht auf den kalten Ziegeln, in schwerer Ohnmacht da und sah aus wie tot.

Man trug ihn schnell in den blauen Salon und legte ihn auf ein Sofa. Nach kurzer Zeit kam er wieder zu sich und sah sich verstört um.

»Was ist geschehen?« fragte er. »Oh, ich weiß! Bin ich hier sicher, Harry?« Er fing an zu zittern.

»Lieber Dorian,« antwortete Lord Henry, »du hattest nur eine Ohnmacht. Das war alles. Du scheinst übermüdet. Es wäre besser, du kämst nicht zum Diner herunter. Ich werde dich vertreten.«

»Nein, ich werde herunterkommen,« sagte er und stand mühsam auf. »Ich komme lieber herunter. Ich darf nicht allein sein.«

Er ging in sein Zimmer und kleidete sich um. Er zeigte eine unbekümmerte Fröhlichkeit, als er bei Tisch saß, aber hie und da überlief ihn ein Schauder, wenn er daran dachte, daß er gegen die Scheiben des Gewächshauses gepreßt wie ein weißes Tuch das lauernde Gesicht James Vanes gesehn hatte.

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