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Gutenberg > Michael Georg Conrad >

Das Beispiel

Michael Georg Conrad: Das Beispiel - Kapitel 1
Quellenangabe
typesketch
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMünchen
isbn3-927984-55-8
titleDas Beispiel
pages188-190
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1898
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Michael Georg Conrad

Das Beispiel

(1898)

An der Isar, 6. III. 98.

Wohin ist meine grüne, brausende, heimtückische Isar gekommen? Nackt liegt das Bett da, weißschimmernder Kies, breit und wie ganz entblößt hingestreckt. Hundert Stege hat man von den Ufermauern hinunter gebaut, und tausend Arbeiter wühlen und schaufeln und karren den frostigen langen Tag drin herum: aus dem Kies und Sand des Isarbettes wird das Müller'sche Millionen-Volksbad in üppigstem Barockstil erbaut – eilig, eilig, bevor mit der Frühlingssonne die große Schnee- und Gletscherschmelze im Hochgebirge beginnt und die stürmischen Wasser das Isarbett tosend erfüllen und alle Auen von Tölz bis Landshut überfluten.

Aus den Steinabfällen der Alpen formt sich die reiche Kunststadt München die Betongrundmauern ihrer Paläste. Auf Abfällen von den verwitternden und überspülten Felsenkolossen des Hochgebirges bauen sich unsere architektonischen »Wunder« auf.

Die Menschen sind einmal für große Worte, ihr komödiantischer Trieb schwelgt in übertreibender dekorativer Rhetorik. Die heroischen Gesten wie die demütigen Unterwerfungsexzesse gegenüber den Göttern und Teufeln und den Phantomen des Himmels und der Hölle beliebt jetzt der moderne Technikmensch der Natur gegenüber. Er »versetzt Berge«, er »bändigt den Blitz«, er »vernichtet den Raum«, er »bezwingt die Natur!« Großsprecherei. Er hat seine primitiven Verkehrs- und Produktionsmittel, an denen die Jahrtausende ihre erfinderische Energie geübt, verbessert.

Er fährt schneller und bequemer, er beleuchtet kräftiger, er baut rascher, er ist reicher an Schutzmaßregeln, er ist widerstandsfähiger. Das ist alles.

Im Grunde lebt der »Beherrscher« der Natur nach wie vor von der Gnade der Natur, und was er ihr ablistet und abgewinnt, sind – ihre Abfälle. In das Innere ihres Reiches und ihrer Herrlichkeit, in das Zentrum ihrer Schatzkammern dringt er nicht. Nach wie vor währt sein Leben siebzig Jahre, »und wenn es hoch kommt, sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen«.

Naturabfälle, Kulturabfälle.

Und wie gegenüber der Natur und gegenüber der vieltausendjährigen Kultur der Vergangenheit stehen die Menschen von Nation zu Nation in theatralischer Pose. Und was sie sich gegenseitig abdrücken, abgucken, abdiplomatisieren oder durch die Suggestion des Beispiels mit der bekannten »affenmäßigen Geschwindigkeit« aneignen, ist, bescheidentlich gesagt, auch nur Abfall, in jedem Sinne. Denn das Eigentlichste, Wertvollste, Einmalundnichtwieder-Genialste der National-Individualität in ihrer besonderen Wesenheit ist nicht übertragbar, ist nicht nachahmbar. Es gehört die ganze Verblödung eines im materialistischen Sumpf versunkenen Zeitalters dazu, die ganze Verrohung der brutalen Gewaltpolitik eines verheuchelten Jahrhunderts, um sich in der Schätzung des Unschätzbaren, in der Wertung der Imponderabilien alles höheren Lebens so zu vergreifen, wie es in der Gegenwart gang und gäbe ist.

In der Politik hat nichts so sehr auf das liberalisierende deutsche Untertanenvolk gewirkt, als das Beispiel Frankreichs. Mit den Abfällen der französischen Revolutionen haben wir unsere deutschen Miniaturumwälzungen und Selbstbefreiungen bis zum Jahre 1849 zusammengeklittert. Von da ab haben wir es wiederum den Fürsten und Diplomaten und Generälen überlassen, sich aus den »großen Traditionen« französischer Glanzzeiten das Nötige auszuborgen, um uns mit Herrlichkeiten zu beglücken, die unsere werten »Erbfeinde« schon in ihrer Weise unter ihren Ludwigen und Napoleoniden als blendende Schaustücke besaßen und als Nutzungsobjekte weidlich in Mißkredit brachten. Wie fällt das alles ab, betrachtet man's schlichtmenschlich. Und gäbe es noch Christen mit dem lebendigen Geiste des Evangeliums Christi, wie plunderhaft und bettelarm müßte sich in ihrem Auge diese ganze Scheingröße der materiellen Erdengötter von heute malen.

Die Deutschen schicken sich an, ihr »tolles Jahr« zu feiern. Berlin, die Reichshauptstadt und Zentrale germanischer Intelligenz, hat sich zu einem interessanten Beispiel aufgeschwungen. Es verweigert zur Halbjahrhundertfeier des Jahres 1848 den »Märzgefallenen« Denkstein und Denkinschrift. So hoch wertet man der Väter Werte, der Väter Blut. Woher dieser Abfall? Wenn man sich von Abfällen nährt –!








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