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Das Anneken von Seedorf

Edmund Hoefer: Das Anneken von Seedorf - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorEdmund Hoefer
booktitleEdmund Hoefer's Erzählende Schriften ? Erster Band
titleDas Anneken von Seedorf
publisherVerlag von Adolph Krabbe
year1865
firstpub1847
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid27c674cb
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Edmund Hoefer

Das Anneken von Seedorf

1847

 

Das Dorf liegt ganz still und eng mit seinen armen niedrigen Hütten auf einer Landzunge, die sich lang und scharf geschnitten in die See hinaus streckt. Vorn dehnt sich das Meer aus unermeßlich und unergründlich, ein schmaler Strand und hohe Dünen schirmen das grüne fruchtbare Land gegen die Flut; im Hintergrund tritt ein schöner alter Wald mit kleinen davorliegenden Wiesen fast bis an die äußersten Häuser des Dorfs. Die Leute wohnen da unbeachtet und wenig bekannt; zu Lande kommt selten Jemand zu ihnen, noch seltener geht einer von ihnen in's Land hinein, denn die harten staubigen Fluren lieben sie nicht. Alle sind Seeleute und in älteren Jahren Fischer, ein rauhes, hartes, tüchtiges Geschlecht mit schwerem Körper, wettergebräunten Gesichtern. Im Sommer ist von den Männern niemand daheim als die Alten und Gebrechlichen, die übrigen sind fort zur See. In den Hafenstädten kennt man sie, und ein Seedorfer ist immer sicher, die beste Stelle an Bord eines Schiffes zu erhalten. Ihr Ruf als unerschrockene Matrosen, als ehrliche Leute ist über jeden Zweifel erhaben und wiegt auf, was man von ihrer störrigen Ungeduld und Heftigkeit Uebles zu sagen hat. Denn wie die See an ihren Küsten, brandet ein heißes Blut auch in ihren Köpfen und die Messer sitzen gar zu los in den langen Seitentaschen der groblinnenen Hosen. Darum geht man ihnen gern aus dem Wege, aber mit Unrecht. Ohne Grund treten sie keinem zu nah und können einen Spaß gar wohl verstehen und ertragen. Aber von ihrem Recht, oder von dem, was sie dafür halten, gehen sie freilich nicht ab, und nichts bringt sie davon, als der eigene Tod.

Ungebunden leben sie und frei in ihrem Dorf, eine Obrigkeit erkennen sie kaum an, mit Ausnahme der Familienhäupter, die eine patriarchalische Gewalt ausüben, von der es keine Appellation mehr gibt. Sie zinsen zwar dem Amt in der Stadt, deren Thürme man in der Ferne am andern Ende des Meerbusens erblickt, sie zehnten ihrem Pfarrer, aber das ist auch das Ganze. Gerichtsboten, Polizisten, Gensdarmen sah man noch niemals im Dorf, hin und wider nur ein Boot der Steueraufseher. Prozesse kennen sie nicht; ihre Streitigkeiten legen die Familienhäupter und im Nothfall die ultima ratio rerum, die Messer bei. Dann fließt ein wenig Blut, die Köpfe kühlen sich ab, man schüttelt sich endlich die Hände, die Wunden heilen, und man ist so gut Freund wie je.

In den letzten Jahren war das Dorf im Sommer etwas belebter geworden. Die Familie eines Kaufmanns, dessen Schiffe zumeist mit Seedorfern bemannt waren, brachte einige Monate des Seebades wegen hier zu und zog noch einige andere Familien nach sich. Indessen blieb es bei diesen; das Dörfchen ist, wie gesagt, abgelegen und fast unbekannt, und bietet den Fremden auch zu einfache und zu enge Räume und zu wenig Bequemlichkeiten, als daß sich viele hätten einfinden mögen. Die herkömmlichen Besucher kannte man im Dorf und achtete sie, da sie still lebten und freundlich im Umgang waren. Die Einsamkeit ward daher kaum unterbrochen, das einfache ruhige Leben ging immer fort.

An einem schönen Juniabend schlenderte ein Mann langsam aus dem Walde und ging auf dem Fußweg durch die Wiesen zum Dorf. Bei den ersten Gärten aber bog er links ab, stieg auf die Dünen und schritt dort weiter, bewundernde Blicke auf die Umgebung richtend. Endlich blieb er wie bezaubert stehen. Von einem kleinen Hause erstreckte sich das sorgfältig gepflegte Gärtchen die Düne herauf; eine dichte Hecke von wildem Hopfen, weißen Winden und allerlei andern Schlingpflanzen schloß es hier gegen den herandrängenden Sand. Die bunten duftigen Blüthen wurden von Schmetterlingen und Libellen umschwärmt. Eine kunstlose Bretterthür stand geöffnet und nah an der Schwelle, auf einer Art natürlicher Terrasse unter den üppigen Ranken, saß ein junges Mädchen und spann eifrig. In der Ferne weit über's Land hin war die Sonne am Untergehen und übergoß mit ihren goldigsten Strahlen die rosigen Züge der Spinnerin. Vorn hinaus dehnte sich die langsam wogende See unabsehbar bis dahin, wo ein kaum bemerkbarer mattvioletter Streifen den Horizont bezeichnete. Einige Boote lagen in einer kleinen Bucht, einige weiße und rothe Segel schimmerten in der Ferne, die Schwalben schossen durch die wundersam klare Luft, die Möven trieben wie weiße Pünktchen auf den Wellen. Nichts war zu vernehmen als das scharfe Schrillen der Vögel, das Summen des Spinnrades und das leise Rauschen und Plätschern der Wellen.

Der Fremde hätte lange so stehen können, wenn nicht ein grauzottiger Hund laut bellend aufgefahren wäre und seine Gegenwart gemeldet hätte. Das Mädchen sprang hastig auf und betrachtete verwundert die fremde Gestalt. Doch rief sie bald dem bellenden Hunde und fragte dann, was dem Herrn beliebe.

»Es thut mir leid,« sagte dieser und trat näher, »daß ich Euch erschreckt habe, mein liebes Kind. Aber die Gegend da vor und um uns ist überaus reizend und sie fesselte mich, zumal ich ein Maler bin,« setzte er hinzu und deutete auf die Mappe unter dem Arm. – »Ein Maler seid Ihr?« fragte sie und betrachtete ihn etwas mißtrauisch; »aber was malt Ihr denn?« – »Nun, die Gegend da vor uns zum Beispiel,« entgegnete er lachend. – »O,« rief sie und schlug verwundert die Hände zusammen, »also das malt man, und das ist dessen wirklich werth? Von den Badegästen hab' ich wohl gehört, daß es schön sein soll, aber ich verstehe das nicht.«

»Sehr schön ist's!« versetzte er, »und ich möchte hier herum einige Tage verweilen, um diese Partien zu zeichnen, wenn ich nur eine Wohnung finden könnte.« – »Nun,« meinte sie, »das soll Euch nicht schwer werden, unten im Dorf gibt es deren wohl; die Badegäste kommen erst zum Juli.« – »Nein!« rief er lebhaft und wandte sich um und schaute weit hinaus und wieder zurück auf die behende zierliche Gestalt, welche trotz der dicken und unbehülflichen Kleidung angenehm hervortrat; »nein, hier müßt' ich wohnen, im Angesicht dieses einzigen Reizes, damit ich zu jeder Tageszeit sehen und studiren könnte! Da müßte es prächtige Bilder geben!«

Er bedachte in seiner Verzückung nicht, daß seine ihn verwundert anstarrende Zuhörerin nicht ein Wort von alle dem verstand. »Habt Ihr denn keine Kammer bei Euch frei?« fuhr er ruhiger fort; »ich bin ein Mensch, der sich leicht schickt und findet, und ich werde Euern Eltern keine Ungelegenheit machen!« – »Ja,« sagte sie und schüttelte leicht den dunkelblonden Kopf, »die Eltern sind todt alle beide, die stört Ihr nicht, und eine Kammer könntet Ihr auch haben, wenn Ihr Euch behelfen wolltet. Sie liegt dicht an der Treppe und schaut dahinaus auf die See. Und die Schwester hat drin gewohnt und ich, bevor sie heirathete und die Eltern starben. Nun bin ich herabgezogen; sie steht leer und Ihr könntet sie bekommen. Aber da muß ich erst den Vaterbruder fragen.«

In den Garten zurückspringend ließ das Mädchen laut ihre frische Stimme erschallen. Eine andere antwortete von Hause her, und bald darauf kam ein bereits bejahrter, aber noch stämmiger Mann den mit Stachelbeerbüschen eingefaßten Steig herauf. Näher tretend rückte er leicht an der runden baumwollenen Mütze, musterte den Fremden rasch und scharf mit einem schnellen Aufschlag seiner wasserblauen Augen und sagte: »Nun, Anneken, was soll's, daß du mich vom Netz abrufst? Was will der Herr?« – »Ich bin ein Maler,« wiederholte dieser, »möchte hier wohnen nah beim Strande und zeichnen, und das junge Mädchen da meint, Ihr hättet für mich eine Kammer im Hause.«

»Ja,« rief sie eifrig, »wir könnten dem Herrn die alte obere Kammer geben. Jakob, Ihr wißt, sie steht leer.« – »Freilich, bis auf die Ratten und Mäuse,« sagte der Alte, und ein launiges Lächeln zog über das rauhe braune Gesicht. »Nun, wenn der Herr mit dem Dinge zufrieden ist, nicht zu viel Lärm macht und sich manierlich führt, wie es honetten Leuten geziemt – mir recht. Also herein, Herr, und willkommen! Ihr steht da und seid wohl müde, denn Ihr seid staubig, und die Landstraße ist ein harter Pfad. Nun kommt und wohnt, wie's Euch gefällt. Das Weitere habt Ihr mit dem Kinde abzumachen, dazu hab' ich keinen Verstand.« Damit reichte er ihm die harte breite Hand und wandte sich, indem er den Hosenbund fester zog und ein Lied pfiff, zum Hause zurück.

Die Beiden folgten, traten in den engen Flur und stiegen die Treppe hinauf. Die Kammer war eng und klein genug, enthielt nur ein leeres Bettgestell und allerlei Fischergeräthe. »Es sieht hier unrüstig aus,« sagte das Mädchen, indeß der Maler zum kleinen Fenster eilte und hinaus schaute; »aber es soll bald in Ordnung sein. Ein Bett will ich Euch gleich aufmachen, einen Tisch und Stuhl sollt Ihr auch haben. Ihr müßt vorlieb nehmen, Herr, denn bei Fischersleuten ist's nicht anders, und wir sind nicht eingerichtet auf Fremde.« – »Wenn ich nur einen Platz zum Schlafen habe,« versetzte er lachend, »mehr bedarf es nicht, abgesehen davon, daß mich auch nicht wenig hungert.«

»Nun,« meinte sie, und ein munteres Lächeln glitt um den kleinen Mund und die tiefblauen hellen Augen, »unser Abendbrod wird nicht lange auf sich warten lassen, denn der Alte ist ein gewaltiger Esser, just wie auch Ihr scheint. Aber wie heiß ich Euch?« setzte sie hinzu und sah ihn an. – »Mein Name ist Joseph Wendler; Ihr könnt mich Joseph rufen. Und nun will ich Euch helfen das Hausgeräth hinausschaffen.« – »Nicht doch,« versetzte sie, »das wird die Stine (Christine) thun, die ich unten rasseln höre. Geht nur 'nab.« Er gehorchte und begab sich zu dem alten Schiffer, der auf dem grünen Vorplatz des Hauses ein Netz ausbesserte und sich bald in ein Gespräch über fremde Länder und Meere mit ihm einließ. –

Es war eine gute Zeit, dieser Juni und Juli in Seedorf. Die Tage waren alle schön und klar, die Sonne schien voll und rein in's Land und in die See. Der Wald war grün und kühl, die Wiesen frisch und weich, der Garten voll Blumen, die Herzen voll Heiterkeit, das Meer in aller Pracht.

Ja das Meer, das Meer! Kennt ihr's in seiner Lieblichkeit, habt ihr's bewundert in der prachtvollen Majestät der stolzen starken Wogen, habt ihr gezagt vor seinem wilden, tieffinstern Zürnen? Saht ihr's in der tiefen einsamen Stille eines dämmernden Abends, wenn der Tag so recht müd' und süß zur Ruhe geht, wenn alles rings in Schweigen träumt, und nur ein leises Lüftchen hinbebt durch das Dünengras? Und dann kommt der Mond: so glorreich klar und sanft senkt er seine Strahlen immer tiefer in die ruhigen Wellen, als wollte er seine Liebste suchen, die Nixe, die gebannt und verzaubert auf immer in kristallenen Grotten schlummert.

Ihr wißt es nicht, die ihr fern wohnt im trockenen Lande, wie lockend, wie gewaltig dieser Reiz ist! Die dort geboren sind an den rollenden kühlen Wellen und groß geworden an der Brust der wogenden blauen Tiefe – sie können nicht lassen davon oder es bricht ihnen das Herz vor Sehnsucht und Heimweh. Und die ihm nahten, diesem Reiz, die da träumten und lauschten über dem geheimnißvollen, sehnsüchtig lockenden Blau, die läßt es auch nimmermehr. Das Rauschen der See ist wie das Klingen jener wundersamen Waldblume, von der uns alte Jägersagen berichten: der es vernommen hat, kann niemals ruhen und niemals vergessen.

So erging es auch dem Maler. Immer tiefer, immer fester versank er in das magische Netz dieses unsäglichen Zaubers, wußte sich nicht daraus zu lösen und mochte es auch nicht. Woche auf Woche verging und er wohnte noch immer in dem kleinen Hause an der Düne. Die Familien kamen von der Stadt herüber, aber sie kümmerten ihn nicht. Die Fischer waren seine Leute, nur mit ihnen verkehrte er und setzte sich bald fest in all diesen einfachen Herzen. Mit ihnen zog er zum Fischen hinaus und lauschte ihren wunderbaren Erzählungen von der Fremde, lernte ein Ruder führen und das Boot handhaben, schier wie einer von ihnen, freute sich mit ihnen über einen reichen Fang und fluchte wie sie, wo er ging und stand. Oder er schweifte mit seiner Mappe einsam tagelang umher, bald im Wald, bald am Strand; oft ruderte er sich im leichten Boot in die See hinaus, zog, wenn er einen günstigen Punkt erreicht, die Riemen ein und zeichnete oder träumte. Denn er war ein träumerischer Bursch.

Nur einmal, gleich im Anfang seines Aufenthalts, war der Maler mit den Fischern zur Stadt hinüber gesegelt, um nach Briefen zu fragen und Farben zu kaufen. Allein mit Ungeduld harrte er der Rückkehr zum stillen Dorf, denn die Luft drückte ihn dort, er meinte, die Häuser müßten ihm auf den Kopf fallen, die Leute waren so lärmend, so roh, so überbildet steif, und weiß der Himmel was noch. Wenn ihn später der alte Jakob Neels fragte: »Morgen geht's in die Stadt, wollt Ihr mit, Herr Joseph?« da sagte er: »Gott behüte, ich bleibe hier, habe dort nichts zu suchen. Wenn Ihr Zeit habt, fragt auf der Post an, ob Briefe für mich da sind, und gebt diesen da ab.«

»Es ist 'n kreuzbraver Bursch,« sagte Jakob zu den andern Fischern, wenn die Rede auf den Maler kam; »aber hier,« und er deutete auf die Stirn, »muß es wohl nicht ganz richtig sein. Was ist das für 'n Gesitz' und Geträum' und Herumgelunger! Er arbeitet, sagt er. Aber die paar bunten Fratzen und das Gekritzel und das andere Bilderwerk, das ist mir 'n sauberes Stück Arbeit.« – »Aber es soll nicht schlecht sein,« meinte ein anderer. – »Nein, das ist's nicht,« versetzte Jakob: »hat er doch das Dorf und die See abgezeichnet zum Greifen, und das Anneken sitzt auch dabei und spinnt, wie das Kind Abends thut, akkurat als ob es lebte.« – »Wenn er nur nichts Dummes treibt mit dem Kinde,« bemerkte wieder einer und schüttelte den Kopf. –»Der? bah!« sagte Jakob lachend, »denkt nicht dran!« – »Ja, die Stadtleute sind unsaubere Gesellen,« warf der erste ein, »die heucheln und schwatzen.« – »Nein,« meinte Jakob, »der nicht. Und das Kind ist auch klug: es weiß, daß der nicht zu ihm paßt.«

Und »das Kind« stand sich mit dem Maler auch gar gut, schwatzte und neckte sich mit ihm und war lustig und guter Dinge. Sie war auch bald sein Liebling wie der des ganzen Dorfes. Als ihr Vater und Bruder geblieben »Bleiben,« Schifferausdruck für: zur See verunglücken und umkommen. waren und fast zu gleicher Zeit auch die Mutter der hübschen zwölfjährigen Kleinen entrissen wurde, hatte das ganze Dorf sie gewissermaßen adoptirt, und nicht gelitten, daß sie der armen Schwester zur Last fiel, bis ihr alter Oheim müde und zerschlagen von der See zurückkam und in das kleine Haus zog. Auch dann blieb sie überall geliebt und überall willkommen; die Alten nannten sie »das Kind,« die Jungen, wenn sie Winters von den Schiffen zurückkehrten, brachten ihr allerlei Merkwürdigkeiten aus fremden Ländern mit und begannen allmälig ihr den Hof zu machen, und die Mädchen waren ihr dennoch gut, denn sie wollte keinen von all den Burschen, lachte die Dränger aus und kehrte sich nicht an sie.

Der Maler, wie gesagt, hatte die frische, muntere Strandblume gern, lachte, scherzte und plauderte mit ihr, half ihr gutmüthig bei manchem ländlichen Geschäft, nannte sie vor andern »das Kind« und gegen sie selbst Anneken, und fühlte ganz freundschaftlich, ganz brüderlich für die schöne Kleine. Man glaubt kaum, was oft ein Wort, ein Name für einen Einfluß auf unsere Gefühle und Empfindungen haben kann. Das Kind liebte er ganz ernstlich, an das junge Mädchen dachte er nicht, denn er war ein Träumer, dieser Joseph, und ein Naturenthusiast. Die haben selten Augen für was anderes.

Bei dem Anneken war es aber ganz anders und ein übel Ding. Sie sah den Gast mit ihren schönen achtzehnjährigen Augen, sie sprach von ihm mit keiner verkleinernden, ihn ihr ferner stellenden Bezeichnung. Er war so treuherzig, gut, gefällig, er sprach und erzählte so hübsch und verständlich, wenn er nicht gerade seine sentimentalen Augenblicke hatte, er war immerdar freundlich und gar nicht hochmüthig, selbst gegen den Geringsten nicht, und wurde daher von allen Dörflern eben so freundlich wieder behandelt. Die Schwester und der Oheim lobten ihn, wo sie gingen und standen. Der Alte nannte ihn mit seinen besten Flüchen den kreuzbravsten Kerl, und er führe seinen Riemen so prompt und akkurat wie ein Seemann, wenn er nur nicht oft so dämisch und duselig wäre. Und dann verkehrte sie selbst so vielfach mit ihm unter Lachen, Jagen, Streiten, Zanken und Vertragen. Er hatte sie auch gemalt in ihrem Alltagszeug und im Sonntagsstaat, im Garten und im Haus, mit dem Spinnrocken und mit der Katze. Da mußte man dann still sitzen und ihn gar ansehen: und er sah gut aus in der grauen Blouse mit dem zurückgeschlagenen weißen Hemdkragen, aus dem sich der sonnengebräunte Kopf mit den guten stillen und doch wieder so muntern grauen Augen und dem dunkeln Haar frei und frisch erhob.

Er dachte unter dem Zeichnen und Malen nicht mehr, als daß das Anneken doch ein hübsches Bild geben müsse, und daß es überdies ein herziges, liebes, lustiges Kind sei. Das war aber bald gedacht und dann kamen andere Gedanken, die ihn in der Nähe hielten oder zur Ferne zogen. Und sie dachte dabei auch an dies und das, was ihr just durch den jungen Kopf lief, derweil sie still sitzen sollte; aber bei ihr lief das Dies und Das und das Allerlei bald immer auf einen einzigen Punkt hinaus, von dem sie nicht abkommen konnte, und sie schweifte auch in die Näh' und Ferne, aber all ihre Näh' und Ferne war nahe bei ihr. Und jener Punkt war auch so äußerst vielseitig trotz seiner Einheit, und unerschöpflich wie das Meer. Dieses besteht auch aus tausend und abertausend Tröpfchen und Pünktchen, und du kannst sie ablösen vom Ganzen, aber sie fließen immer wieder zusammen und sind von neuem nur das Ganze, das Meer. Und der Punkt, der einige und alleinige war Er, und was sie dachte und sann und fühlte und empfand, das war eben die Liebe.

Die Kleine war wohl klug, wie Jakob sagte, und hätte vielleicht sogar recht gut gewußt, daß der Maler kein Mann für sie sei, wenn sie überall an dergleichen gedacht und überhaupt in die Zukunft geblickt hätte. Das wäre ein bemitleidenswerther Kopf, ein traurig Herz, die gleich nach dem herzigen heimlichen Geständniß: ich habe dich lieb! kühl oder begehrlich genug fragen konnten: aber wozu soll das führen? werd' ich dich erlangen und wann? So berechnend, so schrecklich klug und vernünftig ist die junge, fast noch bewußtlose Liebe nicht; und das Anneken war auch noch lange nicht so weit. Daß er ihr gefiel, daß sie ihm so überaus gut war, das wußte sie wohl und sagte es ihm sogar ganz offen und treuherzig gerade in's Gesicht; aber daß diese Empfindungen noch viel tiefer und inniger seien, daß damit noch so mancherlei Anderes verbunden sei, was sie selbst nicht kannte, wenn auch ahnete, daß dies alles die Liebe sei, davon wußte sie derzeit noch kein Wort.

Sie änderte sich äußerlich auch gar nicht. Sie war noch immer das anmuthige Mädchen, eben so munter und lustig, eben so heiter und neckisch, rührig und lebendig wie je. Oder war dies alles noch schöner und lebhafter geworden? Warf die Sonne der Liebe bereits ihren ersten Schimmer über diese zierliche Gestalt, dieses frische Gemüth, so daß es nun rosig und golden strahlte wie der Morgenhimmel? Ich meine fast. Von Träumerei oder gar Melancholie wußte sie nichts; sie war noch viel zu unbefangen und unbewußt. Sie dachte an ihn noch ganz frei und offen, denn sie hatte dabei nichts Uebles zu scheuen, und eben so verkehrte sie mit ihm und sprach mit andern über ihn.

Der Maler aber malte, lief in's Holz, fuhr auf die See, trieb sich im Dorf und in den Häusern umher, ging mit den Leuten und Anneken um, aber von dem, was in dem jungen Herzen sich regte, wußte er nichts.

Inzwischen war bereits die Mitte des August herangekommen. Einem schönen Morgen war ein unfreundlicher Tag gefolgt und es regnete, was Gott gab; der leichte Wind hatte von Ost nach Nordwest umgesetzt, war zum wilden Sturm geworden und trieb die Wellen mit brausender Gewalt gegen die Dünen. Joseph hätte gern noch einmal des Anblicks genossen, allein das Wetter war zu ungestüm und die Nacht brach bereits herein, so daß er sich wohl oder übel in's Haus zurückziehen mußte. Das Anneken hatte die Lampe angezündet und Feuer im großen Ofen gemacht, das Abendbrod stand auf dem Tisch und harrte; inzwischen war die Kleine beschäftigt, die Kleidung des alten Oheims am Feuer zu wärmen, denn Jakob war mit einem Boot zur Stadt, um den letzten reichlichen Fischzug zu verkaufen, und noch war er nicht zurück.

Sie plauderte inzwischen mit Joseph, der träumerisch im Zimmer auf und ab ging und nur einsilbige Antworten gab. Er war traurig, ohne recht zu wissen weßhalb. Aber im Hintergrund seines Grübelns und Sinnens regte sich der Gedanke, daß er nun bald scheiden müsse von diesen wackern Leuten, von dieser traulichen Häuslichkeit, von dieser ganzen freundlichen Umgebung, wo er sich so recht heimatlich wohl gefühlt hatte. Mit Bestimmtheit erwartete er in diesen Tagen den Brief, der ihn abrief; es mußte ein guter und erfreulicher sein, aber ihm war nicht wohl dabei. Zum erstenmal kam das Gefühl der Trennung, der Gedanke des Abschieds lebhaft über ihn, des Abschieds von der See, von der See, die ihn mit all ihrem Zauber leidenschaftlich umschlungen hielt.

»Ihr seid heut einmal wieder über die Maßen duselig,« sagte Anneken schmollend und lachend. »Schwatz' ich da seit einer Viertelstunde und frage und frage, und Ihr gebt mir kein Wort dagegen. Da beguckt Ihr die Muscheln, die Uhr und das Schiff, aber für mich habt Ihr keinen Sinn.« – »Doch, Kind, doch!« versetzte er, ohne seinen Schritt anzuhalten; »dich seh' ich auch, Anneken. Du bist auch mit dabei, denn wie sollt' ich dich vom Ganzen trennen, da du ein so nothwendiges und liebes Glied desselben bist?« – »Das scheint mir sehr studirt,« meinte sie lachend und setzte sich mit einem Kleidungsstück vor dem Ofen nieder, »denn ich versteh's einmal wieder nicht. Was Glied und was Ganzes! Was quält Euch?«

»Weiß ich's denn selbst?« antwortete er; »vielleicht weil es schon Nacht ist und so ein abscheulich Wetter, daß ich den Sturm auf der See nicht sehen kann.« – »O das hat keine Noth!« lachte sie, »deren gibt es zum Herbst mehr als genug, trocken und naß, und Ihr könnt dann zusehen, wie es Euch gefällt, bei Tag und bei Nacht, Abends und Morgens.« – »Ja, zum Herbst,« sprach er nachdenklich, »dann bin ich weit von hier, denn ich muß nun bald davon.« – »Ja so, das ist freilich wahr,« sagte sie tonlos und drehte die Jacke um gegen das Feuer. Es war ihr, als ob ein Stich ihr mitten durch's Herz ginge.

Das arme Kind hatte sich allmälig so ganz heiter und gedankenlos in dieses Leben hinein gefunden, dasselbe wie ein so ganz natürliches angenommen, daß sie an das Ende desselben bisher eben so wenig gedacht hatte, wie an ihren eigenen Tod. Die Tage waren so gleichmäßig und ruhig zu Wochen, die Wochen zu Monden geworden, keine Störung weder von außen noch von innen war dazwischen gekommen, welche diese Lebensweise als eine nicht herkömmliche, als eine außergewöhnliche hätte zeigen können. Sie meinte fast, es sei immer so gewesen, so lange sie lebe und zu denken vermöge. Denn freilich, ihr Leben und ihre Gedanken schrieben sich ja eigentlich auch nur von seinem Eintritt in ihren Kreis her. Er sprach heute zum erstenmal von seiner Abreise. Nun erschien die ihr ganz natürlich; wie hatte sie nur so dumm sein können, gar nicht an dieselbe zu denken! Natürlich, er mußte ja einmal davon ziehen. Aber wie es ohne ihn werden sollte, das faßte sie nicht; wie es früher ohne ihn gegangen, das begriff sie nicht. Wie sie ohne ihn leben sollte, sie wußte, sie verstand es nicht. Alles das schoß im Nu durch den jungen Kopf, und da fühlte sie ihre Liebe.

Der Maler ging inzwischen fortwährend im Zimmer auf und ab und ließ sich allerlei träumen, aber nichts von den bittern Gefühlen des armen Anneken. Indem hörte man auch laute Stimmen vor der Thür und schwere Tritte. Der Oheim trat herein. »Uf! Guten Tag, ihr all' mit 'nander!« sagte er und schwenkte seinen nassen Hut ab. »Da sind wir wieder. Gott verdamm' mich, ist das ein Wetter! He, Kind, Anneken, hast du meine Kledagen (Kleider) gewärmt? Das ist brav von dir! Diese alten Stängen wollen's nicht mehr gut machen.« Und damit begann er die Jacke auszuziehen, während das Kind hinauseilte, um schnell die Suppe auf den Tisch zu bringen.

»Es ist ein teuflischer Sturm,« bemerkte Joseph und reichte dem Alten die gewärmte Jacke hin. – »Schönen Dank, Herr! Einen Sturm nennt Ihr das? Bah, eine stramme Kühlte ist's allerdings, aber von 'nem Sturm noch ein gut Stück ab. Bei dem wären wir in der Nußschale nicht über das Wasser da herüber gekommen. Schätz' so, habt noch keinen Sturm gesehen. – Nun, da wäre man trocken? Das bischen Wind ist's nicht, aber den sakermentschen Regen verdamm' ich; der hätte dahinten bleiben können.«

Mittlerweile kam das Anneken mit Knecht und Magd wieder herein, und man setzte sich zu Tisch. Das Kind war fast wieder so munter, wie vorher, denn in der Geschäftigkeit hatte sie nicht Zeit und Gelegenheit zum Grübeln und Träumen, und ihr Sinn war auch viel zu elastisch, um sich so leicht zu beugen. Nur wenn ihr Auge zufällig auf Joseph fiel, schien ihr ein leichter Schleier vorüberzuhuschen.

Als man gegessen und der Alte die kurze holländische Thonpfeife angezündet hatte, kramte er aus der Seitentasche der nassen Jacke den ledernen Geldbeutel und zwei Briefe hervor, die unter dem dicken Fries nur wenig von der Feuchtigkeit gelitten hatten. Das Geld gab er der Kleinen, die Briefe dem Maler. »Weiß der Henker,« sagte er, »was die vornehmen Leute so viel mit einander zu korrespondiren haben. Schätz' so, habt ein halbes Schock Briefe erhalten in den paar Wochen. Bin doch auch außen gewesen, und mehr als einmal drei Jahr' und drüber in einem Zug. Aber von Haus hab' ich nichts gesehen. Die konnten freilich auch nicht schreiben.«

Joseph lachte. »Ihr habt keine Braut gehabt,« meinte er, »da schreibt man sich schon.« – Anneken fuhr zusammen, aber so leise, daß es keiner merkte. – »Ja, ich hab' eine Braut gehabt,« sagte Jakob kopfschüttelnd und mit so ernsthaftem Ton, daß der Maler vom Papier aufsah, »und Gott weiß, daß ich sie ehrlich lieb hatte. Aber das ist lange vorbei und sie liegt in der See, wo sie am tiefsten ist. Sie kommen von der Stadt zurück und da faßt sie ein plötzlicher Windstoß; hatten das Segel nicht eingeholt, die Narren, und also segeln sie sich um und um mit Mann und Maus. – Laßt Euch nicht stören, Herr! Genug davon.«

Der Alte schwieg und rauchte, Anneken rührte im Ofen, Joseph las nach einer Pause still weiter. Draußen sauste der Wind in der Akazie, die am Hause stand. Nach einiger Zeit legte der Maler die Briefe zusammen, Heiterkeit und Trauer schienen sich in seinem Gesichte zu streiten. »Gute Nachrichten?« fragte Jakob. – »Wie Ihr's nehmt,« versetzte der andere; »da hab' ich nun endlich einen festen Platz erhalten, daß ich leben kann, und meine Braut schreibt mir, sie sei in D. und ich möge nun auch bald dahin kommen.« – »D.?« fragte der Alte, »kenn's nicht. Ist's ein Seehafen?« – »Nein,« erwiderte Joseph lachend, »es liegt mitten im Lande, und das ist's, was mir bei all' dem Guten nicht recht zu Sinn will. Ich habe mich an die See gar zu sehr gewöhnt.«

»Ihr wollt also fort?« fragte Jakob. – »Gewiß, je eher je lieber,« erwiderte der Maler. »Ihr könnt wohl denken, daß man nicht viel säumt, wenn Haus und Hof und die Frau daneben winkt. Aber sauer wird mir's doch werden,« fuhr er fort und faßte des Alten Hand mit festem Druck, »denn ich hab' mich gar zu sehr an euch gewöhnt.« Jakob schüttelte die Hand kräftig, stand auf und ging schweigend im Zimmer auf und ab, beide Hände tief in die Seitentaschen der Hosen versenkend und gewaltige Rauchwolken aus seiner Pfeife stoßend.

Anneken konnt's nicht länger ertragen, sie meinte schier, das Herz gehe ihr entzwei, da sie dazu so still sein sollte. Sie schlüpfte hinaus, aber vor der Thüre blieb sie unwillkürlich stehen. Sie ahnete, was nun kommen werde, und um ihrer Seelen Seligkeit hätte sie das nicht überhören mögen. So lehnte sie den gesenkten Kopf gegen die Thüre und horchte, und Thräne auf Thräne stahl sich langsam und heimlich über die blühenden Wangen.

Der Oheim blieb stehen. »Wann?« fragte er. – »Lieber heut als morgen,« sagte Joseph. – »Nun, ich will Euch sagen, Herr, bleibt bis übermorgen. Morgen klärt sich's ab und dann haben wir guten Wind und schön Wetter. Da bring' ich Euch selbst zur Stadt, denn einmal sollt Ihr noch in meinem Boot fahren, weil Ihr ein so braver Bursch seid.« Ein herzlicher Handschlag schallte. – »Dank' euch, Jakob, nehm's gern an, alter Freund. Niemals kann ich's vergessen –«

Da lief Anneken weg in ihre stille Kammer. Es war also aus und zu End'. Er ging fort auf immer und hatte eine Braut daheim, und sie hatte einen verlobten Mann lieb! Er war schuldlos, er hatte ihr nichts Liebes und Schönes vorgeschwatzt, wie die Burschen sonst thun. Er war freundlich gegen sie und munter und zuthulich, aber jetzt erkannte sie recht gut, was für eine Freundlichkeit das gewesen, ohne geheime Gedanken, ohne verborgene Gefühle. Er war ganz unschuldig an all der Noth, – aber sie! – sie, verliebt in einen Verlobten! Die Sünde war fast zu schwer für das arme Kind. Sie hatte eine böse Nacht und am Morgen erhob sie sich, ohne daß sie ein Auge geschlossen, und zum erstenmal war ihr Kissen feucht von Thränen.

»Du hast geweint?« sagte Jakob, »was hast du, Anneken?« Sie gestand offen, daß sie über die Abreise des Gastes sich bitter betrübt fühle. Der Alte drehte sich kurz auf dem Absatz um und ging davon. »Ja,« murmelte er, »es ist auch 'n kreuzbraver Kerl!«

Dem Maler, der seine Sachen gepackt hatte und daher später als sonst herunter kam, wich sie aus. Als er im Hause nach ihr fragte, sagte die Magd, sie sei in den Garten gegangen; im Garten erwiderte der Knecht, sie sei zum Nachbar. Das fiel ihm auf; sie hatte ihm sonst immer ihren guten Morgen gebracht, bevor sie ihren Geschäften nachging, und beim Frühstück hatte sie niemals gefehlt. Eine leise Ahnung des Geschehenen überkam ihn. Aber als er zum letztenmal die Dünen entlang schlendernd, die ganze Zeit und sein Benehmen überdachte, wußte er sich nirgends zu tadeln und verwarf die Möglichkeit eines solchen Unheils. – Mittags beim Essen und Nachmittags sah er sie; sie war wenig verändert, nur ein wenig stiller und trüber, und nur ihren Augen sah man noch die verwachte Nacht und die Thränen an; solche Spuren verlöschen schwer in einem Auge, welches dessen nicht gewohnt ist. Er konnte sich nicht enthalten sie zu fragen: »Aber was betrübt dich denn so, lustiges Anneken?« – Und ihr Herz bebte und eine Thräne trat in das blaue Auge, als sie entgegnete: »Nun, Eure Abreise kommt mir doch gar zu schnell. Wir haben uns alle so an Euch gewöhnt und wissen nun, daß es ohne Euch schwer genug gehen wird.«

Also doch gehen wird's noch! dachte er lächelnd und beruhigt. Ich habe umsonst gesorgt! – Er überlegte nicht, der Blinde, daß keine Frau auf der Welt, und selbst dieses einfache Fischermädchen nicht, demüthig, offenherzig oder feig genug ist, um irgend Jemand, am wenigsten dem Geliebten selbst, eine vergebliche Liebe und die Angst vor der Noth und Qual einer einsamen Zukunft einzugestehen.

Am folgenden Morgen war das Wetter schön und der Wind günstig. Alle waren traurig, und selbst der alte Jakob schob nach kurzer Zeit das Frühstück mit einem derben Fluch zurück. »Es quillt mir im Halse!« sagte er. So gingen sie denn zum Strand hinab. Als nun Joseph der Kleinen die Hand reichte und die letzten freundlichen Worte sprach, konnte sie die Thränen nicht länger zurückhalten und weinte bitterlich, aber still. Die Stine dagegen schluchzte überlaut in der Gartenthür, indem sie bald ihre schmutzigen Finger, bald das blanke Geldstück, das letzte Andenken des braven Menschen, verzweiflungsvoll betrachtete.

»Fort! Gott verdamm' euch, fort!« rief der Alte und sprang in's Boot: Joseph drückte noch Annekens Schwester und einigen Nachbarn die Hände und folgte. Der Knecht schob ab, der Wind faßte das Segel, und fort ging's. Noch weithin sah man des Malers rothseidenes Tuch flattern. Die Nachbarn verliefen sich, die Schwester mußte zurück zum Kinde. Anneken saß lange auf den Dünen; nachher gab es im Hause zu schaffen, aber sie wußte nicht, was sie that, und die Thränen drängten sich langsam und unaufhörlich hervor unter den langen Wimpern.

Der Maler war tief betrübt; den Abschied konnte er nicht mehr mißdeuten, denn ein so trostloses Weinen sprach von mehr als gewöhnlichem Abschiedsweh, und doch hatte er sich nichts vorzuwerfen. Inzwischen war der Wind frisch, bald legten sie bei der Stadt an und Jakob begleitete ihn zur Post. – »Nun adjes, Herr!« sagte er und fuhr mit der Hand über die Augen; »ich bin des Abschiednehmens nicht mehr so gewohnt, wie vordem, merk' ich.« – »Lebt wohl, Jakob!« erwiderte der Maler traurig, denn die Betrübniß des rauhen Alten ging ihm zu Herzen; »niemals kann ich's vergessen, wie gut ich's bei Euch gehabt. Und grüßt mir das Kind und die andern Leute alle daheim, aber vor allen das herzige liebe Anneken tausendmal!« – »Und wenn Euer Steuer zu dieser Gegend steht –« sagte der Alte. – »So nehm' ich meinen Cours zu Euch,« vollendete Joseph mit leisem Lächeln. »Verlaßt Euch darauf. Wenn ich verheirathet bin, bring' ich Euch einmal meine Frau, die Euch schon gefallen wird. Lebt wohl, Jakob, und grüßt mir das Kind!« – »Adjes, mein Junge!« rief Jakob und drehte sich um. »Das ist doch 'n kreuzbraves Herz,« murmelte er vor sich hin, als er zum Boot zurückkehrte.

Als der Alte Abends nach Haus kam und in das dämmernde Zimmer trat, fand er Anneken in der Ecke am Ofen sitzend, die Hände in die blaugestreifte Schürze gewickelt und den Kopf in den Schooß gelegt. Die langen goldenen Zöpfe hatten sich gelöst und hingen vorn herunter. Sie hatte ihn nicht bemerkt. Als er ihr guten Abend bot, richtete sie sich auf und nickte; ihr Gesicht glänzte von Thränen. Er blieb vor ihr stehen, wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt. »Das ist eine absonderliche Traurigkeit!« sagte er und runzelte die weißen Brauen. »Höre Kind, es ist doch nichts Ungehöriges passirt?« – Sie schüttelte unwillig den Kopf. – »Er hat dir auch nichts vorgeschwatzt, nichts eingeredet, nichts von Liebe gefaselt oder dergleichen?« – »Nie, nicht ein Wort,« stammelte sie. – »Dacht mir's,« brummte er und die Stirne glättete sich, »'s war auch ein kreuzbraver Junge. Dafür kann er nicht, wenn das Kind sich was in den Kopf setzt, ohne sein Zuthun. Aber das wird sich geben.« – –

Drei Jahre später, um dieselbe Zeit etwa, hielt am Ausgang des Fußwegs, der durch den Wald nach Seedorf führt, ein bestaubter Wagen. Ein Paar stieg aus; der Wagen fuhr weiter der Stadt zu; die Reisenden gingen durch das Holz, durchschritten die Wiesen, stiegen zu den Dünen hinauf, traten in die enge Pforte und überschauten den reinlichen Garten und das kleine Haus. »Sieh, Mathilde!« sagte der Mann, »fern von dir ist mir nirgends wohler gewesen als hier. Laß uns zum Hause gehen; sie werden daheim sein, denn das Boot dort gehört dem alten Jakob.«

Die Thüren standen auf wie gewöhnlich im Sommer. In der Küche war niemand, auch im kleinen Zimmer nicht. Neugierig sahen sie sich um; alles war noch unverändert. Noch immer standen die bunten Muscheln und Korallenzacken auf dem mächtigen Ofen und dem kleinen braunen Schrank. An dem im Schloß des letztern steckenden Schlüssel hing ein angefangenes kleines Netz, die Schiffchen in den letzten Maschen; von der Decke schwebte das saubere Modell des großen dreimastigen Schiffs herab, das Jakob mühsam und zierlich genug verfertigt; an der Thür hingen Kleidungsstücke, das Spinnrad stand in der Ecke. Von dem Fenster neben dem Myrthenstöckchen lag die Katze; an der Wand hing ein Bild von Josephs Hand, das Anneken im Sonntagsputz. Es war ganz still; die Sonnenstrahlen fielen kaum durch die dichte Akazie und die kleinen verbrannten Fensterscheiben. Am Boden zitterte auf dem saubern weißen Sande der Schatten des Laubes und eine feine Staubwolke bebte im Sonnenstrahl.

»O wie heimlich!« sagte Mathilde. – »Wo sie nur sind?« sprach der Mann beklommen. – Indem öffnete sich eine Nebenthür und eine Frau trat in's Zimmer. »Herr Jesus!« rief sie, als sie die Fremden erblickte, »seid Ihr's, Herr Joseph? Peter, Peter, komm doch herein!« fuhr sie zu einem ihr folgenden, noch jungen, aber stark hinkenden Manne fort. »Da ist der Herr, von dem ich dir so viel erzählt, der hier gewohnt hat beim Vaterbruder und den wir alle so lieb gehabt!« Es war Annekens Schwester. Sie und ihr Mann schüttelten dem Maler und der jungen Frau die Hände. Der Lehnstuhl ward hervorgezogen, abgestaubt und die Fremden zum Niedersitzen genöthigt.

»Aber wo ist Jakob Neels?« fragte Joseph endlich ungeduldig, »wo ist das Anneken?« – »Herr Jesus!« rief die Frau und schlug die Hände zusammen, »so habt Ihr noch nichts von dem Unglück gehört?« – »Nein doch, was denn?« forschte er hastig. – »Nun, du lieber Gott!« sagte sie und rang die Hände; »im Frühling vor'm Jahr kam der Peter hier so elend nach Haus, die große Raa hatte ihm's Bein zerschlagen und er konnte nun nicht länger fahren. Zwei Tage drauf, es war am sechsten April, und ich weiß es wie etwas von heut, fuhr der Vaterbruder mit dem Anneken, dem Vetter Clas, ihrem Bräutigam, und dem Knecht zur Stadt, um die Aussteuer einzukaufen: die Hochzeit sollte nächsten Freitag sein. Als sie zurückkommen, faßt sie ein Stoß und legt sie um. Sie sind alle todt. Und wir mußten's mit ansehen vom Lande! – Das Anneken und wir andern haben noch viel an Euch gedacht,« setzte die Frau nach einer Pause wie begütigend hinzu und trocknete sich die Augen. Der Peter kratzte sich betrübt am Kopf: Mathilde wischte sich eine Thräne ab, dem Maler aber war das Herz wie zugeschnürt: er stand auf und ging still in den Garten.

Als sie Abends in Peter's Boot zur Stadt hinüber fuhren, zeigte er ihnen eine Stelle, wo das Wasser sich leicht kräuselte. »Da geschah's,« sagte er. – Joseph sah schweigend in die Wellen.

»Die armen Leute!« sprach Mathilde Abends und schlang den Arm um den düstern Gatten: »nach all deinen Erzählungen von ihnen hab' ich sie so lieb gehabt, fast wie du selbst. Und nun!« – »Ja,« sagte er, »ich habe sie lieb gehabt wie meine Schwester, wie mein eigenes liebstes Kind. Und daß sie nun so gestorben sind und dahin auf ewig, der wackere Alte und das herzige – liebe – herzige Kind –!« Er schüttelte stumm den Kopf und zerdrückte eine heiße Thräne.








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