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Daphnis und Chloe

Longos von Lesbos: Daphnis und Chloe - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLongus
titleDaphnis und Chloe
publisherKurt Desch, München
yearca. 1945
firstpub1838
translatorFriedrich Jacobs
noteneu bearbeitet von Hanns Floerke
senderreuters@abc.de
created20060312
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Drittes Buch

Drittes Buch

Als die Mitylenäer die Landung der zehn Schiffe erfuhren, und einige Leute, die von dem Lande kamen, ihnen die Plünderung anzeigten, meinten sie, solches Unrecht auf keine Weise von den Methymnäern dulden zu dürfen, sondern beschlossen, ebenfalls die Waffen gegen sie auf das schleunigste zu ergreifen. Sie rüsteten also dreitausend Schilde und fünfhundert Pferde aus und schickten den Feldherrn Hippasus zu Lande ab, indem sie das Meer zur Zeit des Winters bedenklich fanden.

Bild auf Seite 117

Hippasus zog also aus, verheerte aber die Fluren der Methymnäer nicht und raubte auch keine Herden noch andere Güter der Landbewohner, was ihm mehr Taten eines Räubers als eines Feldherrn schienen; sondern eilte nach der Stadt selbst, um durch die unbewachten Tore einzudringen. Als er aber etwa noch hundert Stadien entfernt war, kam ihm ein Herold mit dem Anerbieten eines Vergleiches entgegen. Denn da die Methymnäer von den Gefangenen erfahren hatten, daß die Mitylenäer gar nicht um die früheren Vorgänge wußten, sondern daß Landleute und Hirten dieses gegen frevelnde Jünglinge getan hatten, gereute es sie, sich gegen eine Nachbarstadt mehr rasch als klug gewagt zu haben, und sie beeiferten sich jetzt, durch Erstattung des ganzen Raubes den friedlichen Verkehr zu Wasser und zu Lande wieder herzustellen. Den Herold verwies nun Hippasus, obgleich mit unumschränkter Vollmacht zum Feldherrn ernannt, an die Mitylenäer; und nachdem er in einer Entfernung von etwa zehn Stadien von Methymna ein Lager aufgeschlagen hatte, erwartete er hier die Befehle der Stadt; und nach Verlauf von zwei Tagen kam der Bote mit dem Befehl, sich den Raub ausliefern zu lassen und ohne weitere Feindseligkeiten nach Hause zurückzukehren. Denn da sie die Wahl zwischen Krieg und Frieden hatten, fanden sie den Frieden vorteilhafter.

So wurde der Krieg der Methymnäer und Mitylenäer, ebenso unerwartet in seinem Anfange als in seinem Ende, beigelegt. Jetzt begann aber der Winter, der für Daphnis und Chloe herber war als der Krieg; denn ein starker Schnee, der plötzlich gefallen war, sperrte alle Wege ab und alle Landbewohner in ihren Häusern ein. Ungestüm ergossen sich die Bäche hernieder; es fror Eis, und die Bäume sahen wie gestutzt aus. Das ganze Erdreich war bedeckt, außer etwa um die Quellen und Flüsse her. Niemand trieb also die Herden auf die Weide; niemand ging selbst vor die Tür hinaus; sondern, nachdem sie beim Hahnenruf ein großes Feuer angezündet hatten, spannen einige Flachs, andere filzten Ziegenhaare, noch andere verfertigten mit Kunst Fallen für Vögel. Die Rinder wurden an den Krippen mit Kleie versorgt; Schafe und Ziegen in den Ställen mit Laub; die Schweine in den Koben mit Eicheln und Bucheckern.

Bei dieser erzwungenen Häuslichkeit freuten sich die anderen Landleute und Hirten, auf einige Zeit der Arbeit enthoben zu sein, das Morgenbrot in Ruhe zu verzehren und langen Schlaf zu genießen, so daß ihnen der Winter süßer dünkte als Sommer und Herbst, ja als der Frühling selbst; Chloe aber und Daphnis, die nur die unterbrochenen Freuden im Sinne hatten, wie sie geküßt, wie sie sich umarmt, wie sie zusammen ihr Mahl eingenommen hatten, brachten die Nächte schlaflos und traurig hin und erwarteten die Frühlingszeit, als die Wiedergeburt gleichsam vom Tode. Es betrübte sie, wenn ihnen eine Hirtentasche in die Hände fiel, aus der sie zuvor gegessen, oder ein Becher, aus dem sie zusammen getrunken; oder die Syrinx, die jetzt vernachlässigt dalag, sie, die eine Gabe der Liebe gewesen war. Da beteten sie zu den Nymphen und zum Pan, sie auch aus dieser Pein zu erlösen und ihnen und den Herden doch einmal die Sonne zu zeigen; und bei dem Gebete sannen sie auf Mittel, einander zu sehen. Chloe zwar sah nirgends Rat und Hilfe; denn immer war ihr die vermeintliche Mutter zur Seite und lehrte sie Wolle krempeln und die Spindel drehen und sprach von Heiraten; Daphnis aber, welcher Muße hatte und erfindsamer als ein Mädchen war, erfand folgende List, um Chloe zu sehen.

Vor des Dryas' Hofraum, unmittelbar an dem Hofe, standen zwei starke Myrten und Efeu. Die Myrten waren nahe beisammen, und der Efeu zwischen beiden, so daß er seine Ranken zwischen ihnen verteilte und durch die verschlungenen Blätter eine Art von Grotte bildete, und viele und große Dolden hingen wie Trauben von Reben herab. Um ihn her war eine große Menge von Wintervögeln versammelt, aus Mangel an Nahrung im Felde; viele Amseln, viele Drosseln, Waldtauben und Stare und anderes Geflügel, das den Efeu liebt. Unter dem Vorwand, diese Vögel zu fangen, machte sich Daphnis auf den Weg, nachdem er die Hirtentasche mit Honigbrot gefüllt hatte, und um sein Vorgeben zu beglaubigen, nahm er auch Vogelleim und Schlingen mit. Der Weg war nicht weiter als zehn Stadien; aber der Schnee, der noch nicht geschmolzen war, machte ihm viele Mühe; die Liebe aber findet durch alles einen Weg, durch Feuer, durch Wasser und durch skythischen Schnee.

Bild auf Seite 124

... Daphnis eilte also schnell dem Hofe zu, und nachdem er den Schnee von den Füßen abgeschüttelt hatte, stellte er die Dohnen auf und strich den Vogelleim auf lange Stäbe; setzte sich dann nieder und sann zugleich auf die Vögel und auf Chloe ...

Illustration von Gérard

Daphnis eilte also schnell dem Hofe zu, und nachdem er den Schnee von den Füßen abgeschüttelt hatte, stellte er die Dohnen auf und strich den Vogelleim auf lange Stäbe; setzte sich dann nieder und sann zugleich auf die Vögel und auf Chloe. Vögel kamen nun wohl in Menge und wurden reichlich gefangen, so daß er tausend Mühe hatte, sie zu sammeln, zu töten und zu rupfen; aus dem Hofe aber kam niemand, kein Mann, kein Weib, nicht einmal ein Haushuhn, sondern alles weilte drin beim Feuer eingesperrt; so daß ihm bange war, er möchte mit »ungünstigen Vögeln«. i. nicht zur günstigen Zeit, mit einem guten Gestirne. Der Ausdruck, dessen sich Longus hier bedient, ist mit sophistischem Witze als Anspielung auf das Geschäft des Daphnis gewählt. gekommen sein, und schon wagen wollte, unter irgendeinem Vorwande einzudringen und bei sich sann, was er wohl am wahrscheinlichsten vorbringen könnte. »Ich wollte hier Feuer holen. – Gab es denn keine näheren Nachbarn? – Ich wollte mir Brot hier ausbitten. – Aber du hast ja die Tasche voll Lebensmittel. – Ich brauche Wein. – Ihr habt ja kaum gestern oder vorgestern selbst gekeltert. – Ein Wolf verfolgte mich. – Und wo sind die Spuren des Wolfes? – Ich wollte hier Vögel fangen. – Und warum gehst du nicht fort, wenn du welche gefangen hast? – Ich will Chloe sehen? – Wer aber gesteht dies den Eltern einer Jungfrau? – Soll ich niesen? es ist überall so still. – Aber nichts von dem allen ist unverdächtig. – Besser also ist's, mich still zu verhalten. Chloe werd' ich im Frühling sehen, da es mir, wie es scheint, nicht beschieden ist, sie im Winter zu schauen.« Nachdem er so bei sich hin und her gedacht hätte, nahm er seine Beute zusammen und war im Begriff zu gehen. Da geschah, als ob Eros Mitleiden mit ihm gehabt hätte, folgendes:

Dryas war mit den Seinigen beim Essen. Das Fleisch war ausgeteilt, die Brote aufgesetzt, der Mischkrug gefüllt. Da ersah einer der Schafhunde die Zeit, wo niemand Achtung gab, raubte ein Stück Fleisch und entfloh durch die Tür. Ärgerlich darüber, ergriff Dryas – denn es war sein Anteil – einen Stock und verfolgte ihn auf dem Fuße, wie ein zweiter Hund; und als er dabei zu dem Efeu kam, erblickt er den Daphnis, der seinen Fang eben aufgeladen hatte und fortgehen wollte. Sogleich hatte er Fleisch und Hund vergessen und rief mit lauter Stimme: »Sei gegrüßt, mein Sohn!« umarmte und küßte ihn, und führte ihn an der Hand hinein. Fast wären Daphnis und Chloe jetzt, als sie einander sahen, zur Erde gesunken; sie umarmten sich aber und hielten sich aufrecht und grüßten und küßten sich; und das war ihnen wie eine Stütze, daß sie nicht niederfielen. So war Daphnis unverhofft zu einem Kusse und zu Chloe gelangt und setzte sich nun an das Feuer und lud von seinen Schultern die Waldtauben und die Amseln ab auf den Tisch und erzählte, wie er, verdrießlich über das Daheimsitzen, sich aufgemacht zur Jagd, und wie er einige mit Schlingen, andere mit Leimruten fange, wenn sie Myrten und Efeu naschten. Sie lobten nun seine Emsigkeit und luden ihn ein zu essen, was der Hund übrig gelassen habe; Chloe aber befahlen sie einzuschenken. Vergnügt hierüber, reichte sie den anderen und dem Daphnis nach den anderen; denn sie stellte sich ungehalten, weil er habe weggehen wollen, ohne sie zu sehen. Doch nippte sie erst, ehe sie ihm den Becher reichte; dann gab sie ihn so hin. Er aber trank, so durstig er auch war, doch langsam und verschaffte sich durch das Zögern einen längeren Genuß.

Schnell war der Tisch von Brot und Fleisch geleert; doch blieben sie sitzen und frugen nach Lamon und Myrtale und priesen ihr Glück, eine solche Stütze ihres Alters zu haben. Und Daphnis freute sich des Lobes, weil Chloe es hörte; als sie ihn aber gar bei sich zurückhielten, weil sie am folgenden Tage dem Dionysos opfern wollten, so fehlte nicht viel, daß er nicht sie statt des Dionysos angebetet hätte. Sogleich zog er aus seiner Hirtentasche viele Honigkuchen und die gefangenen Vögel; und diese bereiteten sie zum Nachtessen zu. Ein zweiter Mischkrug wurde nun aufgestellt, und zum zweitenmal Feuer angezündet; und da die Nacht früh einfiel, genossen sie ein zweites Mahl, und nachdem sie hierauf bald Geschichten erzählt, bald gesungen hatten, legten sie sich zu schlafen nieder, Chloe mit ihrer Mutter, Dryas mit dem Daphnis. Chloe hatte davon keinen Gewinn, außer der Hoffnung am folgenden Morgen den Daphnis zu sehen; Daphnis aber erfreute sich mit einem Wahne der Lust; denn es schien ihm ergötzlich, wenigstens mit Chloes Vater zusammenzuschlafen; daher er diesen umarmte und oftmals küßte, nicht anders wähnend, als daß er dieses alles Chloe täte.

Als es nun Tag wurde, war die Kälte außerordentlich, und alles erstarrte bei der Nordluft. Sie aber standen auf und opferten dem Dionysos einen jährigen Widder, zündeten dann ein großes Feuer an und bereiteten das Mahl. Während nun Nape Brot buk und Dryas das Fleisch kochte, benutzten Daphnis und Chloe die müßige Zeit und gingen vor den Hof, wo der Efeu stand; hier stellten sie wieder Schlingen auf und bestrichen Ruten mit Vogelleim und fingen keine kleine Menge Vögel; und dabei hatten sie den ungestörten Genuß der Küsse und der Worte erfreulichen Austausch.

Um deinetwillen bin ich gekommen, Chloe.

Ich weiß es, Daphnis.

Um deinetwillen mord' ich die armen Vögel. Wie steh' ich nun bei dir? Warst du auch meiner eingedenk?

Ich bin deiner eingedenk, bei den Nymphen, zu denen ich einst in jener Grotte geschworen habe, in die wir sogleich zurückkehren wollen, wenn der Schnee geschmolzen ist.

Ach! des Schnees ist viel, Chloe, und ich fürchte, daß ich früher schmelze als er.

Fasse Mut, Daphnis; die Sonne scheint so warm.

Wäre sie doch so warm wie das Feuer, das mein Herz durchglüht!

Du scherzest und täuschest mich.

Nein, bei den Ziegen, bei denen du mir befohlen hast zu schwören!

Indem Chloe auf diese Weise dem Daphnis wie ein Echo entgegnete, rief Nape sie herein, und sie brachten eine noch weit reichlichere Beute als die gestrige mit. Dann spendeten sie dem Dionysos aus dem Mischkrug und aßen, mit Efeukränzen um das Haupt. Und als es Zeit war, und nachdem sie jubelnd Jakchos gerufen hatten, entließen sie den Daphnis, dem sie die Hirtentasche mit Fleisch und Brot reichlich gefüllt hatten. Auch gaben sie ihm die Waldtauben und die Drosseln, um sie dem Lamon und der Myrtale mitzubringen, weil sie andere zu fangen hofften, so lange der Winter dauerte und es nicht an Efeu fehlte. Er nahm nun Abschied und küßte sie, die Alten aber früher als Chloe, um ihren Kuß unvermischt zu bewahren. Und nun kam er noch einmal unter anderen Vorwänden, so daß auch der Winter ihnen nicht ganz ohne Liebeslust schnell verging.

Als nun aber der Lenz begann, und der Schnee verfloß, und die Erde ihre Hülle abwarf, und das Gras sprießte, da führten die anderen Hirten die Herden auf die Weide, und vor den anderen Chloe und Daphnis, als Sklaven eines mächtigen Hirten. Sogleich ging jetzt ihr Lauf zu den Nymphen und in die Grotte; von da zum Pan und zu der Pinie; dann zu der Eiche, unter die sie sich setzten und die Herden weideten und sich küßten. Auch Blumen suchten sie, um die Götter zu kränzen; und eben erst lockte diese der nährende Zephir und die wärmende Sonne hervor; doch fanden sie Veilchen und Narzissen und Anagallis und andere Erstlinge der Frühlingszeit. Auch hatten sie schon von einigen Schafen und von den Ziegen frische Milch, und von dieser gossen sie Trankopfer aus, indem sie die Bilder kränzten. Auch weihten sie die Syrinx wieder ein, gleichsam um die Nachtigallen zum Gesang zu reizen; und diese antworteten aus den Sträuchern und übten allmählich ihren ItysSophocl. Electra v. 147 von der Nachtigall: α στονοεσσα – α Ιτυν, αιεν  Ιτυν ολοφυρεται  Ορνισ. – Horat. Od. IV, 12,5: Nidum ponit Ityn flebiliter gemens, Infelix avis. ein, als erinnerten sie sich des Gesanges nach langem Schweigen wieder.

Es blökte jetzt die Herde; es hüpften jetzt die Lämmer, und unter die Mutter sich beugend, sogen sie an ihrem Euter; die Widder aber verfolgten die, so noch nicht geworfen hatten, stellten sie unter sich und besprengten sie, einer diese, ein anderer jene. So trieben es auch die Böcke und verfolgten die Ziegen mit brünstigen Sprüngen und kämpften um sie untereinander, und jeder hatte die seinigen und hütete sie, damit kein anderer mit ihnen heimlich buhle. Auch Greise hätte wohl ein Anblick solcher Art zur Liebeslust gereizt. Sie aber, jung und in lebendiger Fülle und schon seit langer Zeit die Liebe suchend, erglühten bei dem, was sie hörten, und schmolzen dahin bei dem, was sie sahen, und strebten ebenfalls nach etwas mehr als nach Umarmung und Kuß; am meisten Daphnis. Denn als ob er während des Winters durch die Einsamkeit und Muße gereift wäre, strebte er jetzt heftiger nach den Küssen und schmachtete nach den Umarmungen und war zu jedem Werke unternehmender und kühner.

Jetzt bat er Chloe, ihm alles zu gewähren, was er wünsche und entkleidet sich zu ihm zu legen und auf längere Zeit, als sie vorher getan – denn nur dieses eine noch fehle an Philetas Unterrichte –, als das einzige Mittel, die Liebe zu stillen; und als sie fragte, was es denn weiter gäbe als Kuß und Umarmung und das Liegen selbst, und was er zu tun gedächte, wenn er entkleidet bei ihr läge? antwortete er: »Das, was die Widder den Schafen tun und die Böcke den Ziegen. Siehst du nicht, daß nach jenem Werke die einen nicht mehr fliehen, die anderen sich nicht mehr im Verfolgen abmühen, sondern wie im Genuß gemeinsamer Lust von nun an nebeneinander weiden. Süß ist also, wie es scheint, jenes Werk und siegt über das Bittere der Liebe ob.«

»Siehst du aber nicht, Daphnis, daß die Ziegen und die Böcke, die Schafe und die Widder aufrecht dabei stehen; die einen Aufspringen, die anderen den Rücken bieten? Und du verlangst, daß ich neben dir liegen soll, und zwar entkleidet! Wieviel umhüllter sind jene doch als ich in der Kleidung!«

Daphnis gab ihr nach und legte sich zu ihr nieder und lag so lange Zeit, und da er das, dessentwegen er so sehr von der Begierde gestachelt wurde, nicht zu vollbringen wußte, richtete er sie auf und schmiegte sich an ihren Rücken, nach der Weise der Böcke. Endlich, da er so noch weit weniger Befriedigung fand, setzte er sich nieder und weinte, daß er unwissender sei als die Widder in den Werken der Liebe.

Nun lebte dort ein Nachbar, ein Landmann, der sein eigenes Grundstück bewirtschaftete, Chromis mit Namen, der über die Jahre der Jugend hinaus war. Mit diesem lebte eine Kurtisane, die er aus der Stadt mitgebracht hatte, jung und blühend und zu zart für das Land. Sie hieß Lykänion. Da nun diese Lykänion den Daphnis Tag für Tag die Ziegen vorbeitreiben sah, früh nach der Weide hin, abends von der Weide weg, bekam sie Lust, ihn durch Geschenke an sich zu locken und zu ihrem Liebhaber zu machen. Sie lauerte ihm also einstmals auf, da er allein war, und gab ihm eine Syrinx zum Geschenk und Honig in Scheiben und eine Tasche von Hirschfell; zu sprechen aber scheute sie sich, weil sie seine Liebe zu Chloe ahnte; denn sie sah, daß er sehr mit dem Mädchen beschäftigt war. Dies mutmaßte sie zuerst aus Winken und ihrem Lachen; dann aber schlich sie einstmals, Chromis weismachend, sie ginge zu einer gebärenden Nachbarin, früh am Morgen ihnen nach, und in einem Gebüsche versteckt, um nicht gesehen zu werden, hörte sie alles, was sie sprachen, und sah alles, was sie taten; und auch daß Daphnis weinte, blieb ihr nicht unbemerkt. Da sie nun Mitleiden mit dem Armen hatte und sich hier die Gelegenheit darbot, den beiden zu helfen und ihr eigenes Verlangen zu befriedigen, ersann sie folgende List.

Am andern Tage, als sie unter dem Vorwande, jene Wöchnerin zu besuchen, von Hause weggegangen war, begab sie sich ganz offen nach der Eiche, wo Daphnis mit Chloe saß, und indem sie recht täuschend die Bestürzte spielte, sagte sie: »Hilf mir, Daphnis, hilf mir Unglücklichen. Soeben hat mir von meinen zwanzig Gänsen ein Adler die schönste geraubt; doch hat er sich mit der großen Last nicht zu dem hohen Felsen seines Horstes erheben können, sondern ist mit ihr dort in das niedrige Gesträuch eingefallen. Komm also, um der Nymphen und um des Pans dort willen, mit mir in das Gehölz – denn allein fürchte ich mich – und rette mir die Gans, und laß mir die Zahl nicht unvollständig werden. Vielleicht wirst du auch den Adler selbst erlegen, und er wird euch dann nicht mehr die vielen Lämmer und Böckchen rauben. Die Herde wird unterdessen Chloe hüten. Sie ist ja den Ziegen bekannt genug, da sie immer an deiner Seite hütet.«

Ohne Ahnung dessen, was ihn erwartete, stand Daphnis unverzüglich auf, nahm den Hirtenstab und folgte der Lykänion nach. Diese führte ihn möglichst weit von Chloe weg, und nachdem sie in das dichteste Gebüsch gekommen waren, ließ sie ihn an einer Quelle niedersitzen und sagte: »Du liebst Chloe, Daphnis; dies hab' ich nachts von den Nymphen erfahren. Im Traum haben sie mir deine gestrigen Tränen erzählt und mir geboten, dir beizustehen und dich die Werke der Liebe zu lehren. Das sind nicht Küsse und Umarmungen, und was Widder und Böcke tun; Sprünge sind es vielmehr, weit süßer als jene; denn sie gewähren einen längeren Genuß. Wünschest du also deiner Not ledig zu sein und die gesuchten Freuden zu erproben, so komm und ergib dich mir als einen Schüler der Lust. Ich aber will dich unterweisen, um den Nymphen gefällig zu sein.«

Daphnis wußte sich jetzt vor Freude nicht zu lassen, sondern unwissend und ein Ziegenhirt, verliebt und jung, fiel er Lykänion zu Füßen und beschwor sie, ihn auf das schleunigste die Kunst zu lehren, durch die er bei Chloe zu seinen Wünschen gelangen könnte; und nicht anders, als ob er etwas gar Großes und recht eigentlich Gottgesandtes lernen sollte, versprach er, ihr ein säugendes Böckchen zu geben und milde Käse von der fettesten Milch und die Ziege selbst. Da nun Lykärdon hier eine so hirtliche Bereitwilligkeit fand, wie sie nicht erwartet hatte, fing sie ihren Unterricht auf folgende Weise an. Sie hieß ihm, sich sogleich nah zu ihr auf die Erde zu setzen und ihr Küsse zu geben, wie er zu tun pflege, und so viele er wolle und sie beim Küssen zu umarmen und sich auf die Erde sinken zu lassen. Als er sich nun gesetzt und geküßt hatte und auf der Seite lag, und sie wahrnahm, daß er nicht nur zur Tat gerüstet war, sondern sich sogar vor Verlangen nicht zu lassen wußte, richtete sie ihn von seiner Lage auf der Seite auf, schob sich ihm selbst mit Geschick unter und brachte ihn auf den so lange gesuchten Pfad; weiter aber hatte sie nicht nötig, mehr zu tun; denn die Natur selbst übernahm den übrigen Unterricht.

Nach Vollendung dieser erotischen Schule wollte Daphnis, noch immer in seinem kindlichen Sinne, sogleich zu Chloe laufen, um, was er gelernt hatte, auf der Stelle auszuführen, als wäre ihm bange, es zu vergessen, wenn er zögerte; Lykänion aber hielt ihn zurück und sagte: »Auch das mußt du noch lernen, Daphnis. Ich habe jetzt keinen Schmerz gehabt, weil ich Frau bin; denn längst hat mir ein anderer Mann diesen Unterricht gegeben und meine Jungfrauschaft dafür zum Lohne erhalten. Wenn aber Chloe diesen Ringkampf mit dir kämpft, wird sie jammern und weinen und wie ermordet im Blute schwimmen. Scheue du indes das Blut nicht; sondern wenn du sie beredet hast, dir zu willfahren, so führe sie an diesen Platz; damit, wenn sie schreit, niemand es höre, und wenn sie weint, niemand es sehe, und wenn sie blutet, sie in der Quelle sich bade. Vergiß endlich auch nicht, daß ich dich vor Chloe zum Manne gemacht habe.«

Nach diesem Rate ging Lykänion nach einer anderen Seite des Waldes ab, als suche sie noch die Gans; Daphnis aber überdachte noch einmal, was sie gesagt hatte, und da schwand sein früheres Ungestüm und er trug Bedenken, mehr als Küsse und Umarmung von Chloe zu fordern; denn sie sollte seinetwegen weder schreien, wie über einen Feind, noch weinen vor Schmerz, noch wie verwundet bluten; denn als ein Neuling fürchtete er das Blut, weil er meinte, daß Blut nur aus Wunden käme. Entschlossen also, sich mit ihr nach gewohnter Weise zu freuen, verließ er den Wald und kehrte dahin zurück, wo sie saß und einen Kranz von Veilchen flocht. Hier gab er vor, die Gans den Klauen des Adlers entrissen zu haben, umarmte sie dann und küßte sie, wie er mit Lykänion in jenem süßen Spiel getan hatte; denn das gestattete er sich als gefahrlos. Sie aber schlang den Kranz um sein Haupt und küßte seine Locken, die ihr weit schöner dünkten als die Veilchen. Dann zog sie aus ihrer Hirtentasche ein Stück von einem Feigenkuchen und einige Brote und gab sie ihm zu essen; und indem er aß, nahm sie ihm die Bissen vom Munde weg und aß auf diese Weise wie der Nestling eines Vogels.

Während sie nun so aßen und mehr noch küßten als aßen, zeigte sich ihren Blicken eine vorüberfahrende Barke von Fischern. Kein Wind wehte; das Meer lag ruhig; sie mußten rudern. Und kräftig ruderten sie; denn sie eilten, neugefangene Fische lebendig einem der Reichen in der Stadt zu bringen. Wie nun Schiffer zu tun pflegen, um die Mühe der Arbeit zu vergessen, so taten diese auch beim Rudern; denn einer von ihnen stimmte als Vorsänger Schifferlieder an, und die übrigen fielen wie ein Chor von Zeit zu Zeit mit ihren Stimmen ein. Solange sie dies nun auf offenem Meere taten, verloren sich die Töne, weil die Stimme in der weiten Luft zerfloß; wenn sie aber an ein Vorgebirge kamen und in eine hohle, mondförmige Bucht fuhren, da schallte die Stimme lauter, und die ermunternden Gesänge tönten vernehmlich in das Land hinein. Denn ein hohler Talgrund, der an die Ebene stieß und wie eine Flöte den Schall in sich aufnahm, gab jeden Laut mit nachahmendem Tone zurück, sowohl das Geräusch der Ruder, wie die Stimme der Schiffer. Es war ergötzlich zu hören. Denn wie die Stimme vom Meere her voraneilte, so endete die Stimme vom Lande in demselben Verhältnisse, in welchem jene begonnen hatte.

Daphnis, welcher diese Erscheinung kannte, achtete nur auf das Meer und erfreute sich an dem Schiffe, das längs der ebenen Küste hin schneller als ein Vogel vorüberglitt, und suchte sich etwas von den Weisen der Lieder zu merken, um es auf der Syrinx nachzuahmen. Chloe aber, die damals zuerst das sogenannte Echo hörte, schaute bald nach dem Meere und den taktschlagenden Schiffern hin; bald kehrte sie sich nach dem Walde und suchte die Antwortenden. Und als jene vorüber waren, und es auch in dem Talgrund still war, fragte sie den Daphnis, ob denn auch hinter dem Vorgebirge ein Meer läge, und ein anderes Schiff vorüberführe, und andere Schiffer dasselbe sängen, und alle zugleich verstummten. Da lächelte Daphnis gar anmutig und gab ihr einen noch anmutigeren Kuß, und nachdem er ihr den Veilchenkranz aufgesetzt hatte, begann er das Märchen von der Echo zu erzählen, indem er sich dafür zehn andere Küsse zur Belohnung bedang.

»Das Geschlecht der Nymphen, o Mädchen, ist groß: da sind Melische,Μελια und Μελιαδεσ, ursprünglich vielleicht dem Wesen nach nicht verschieden von den Dryaden, den Bewohnerinnen der Bäume. S. WOLF zu Hesiod. Theog. 187. Es geschieht ihrer nur selten Erwähnung. – Heleïsche sind die Bewohnerinnen der Niederungen, Landseen und Teiche. Dryaden und Heleïsche, alle schön, alle tonkundig. Tochter einer dieser Nymphen war Echo; sterblich zwar, denn ihr Vater war sterblich; aber schön, so wie ihre Mutter schön war. Sie ward erzogen von den Nymphen, von den Musen unterwiesen im Flötenspiel und auf der Syrinx, auch zur Leier zu singen und zur Zither, jede Art des Gesangs; so daß sie auch in der Blüte jungfräulichen Alters mit den Nymphen tanzte und mit den Musen sang; die Männer aber floh sie insgesamt, so Götter als Menschen, ihren Stand als Jungfrau liebend. Pan aber zürnte dem Mädchen, weil er ihr den Gesang beneidete und nicht zum Genuß ihrer Reize gelangt war und erfüllte die Schäfer und Ziegenhirten mit Wahnsinn. Diese zerrissen sie, wie Hunde oder Wölfe, und zerstreuten die noch singenden Glieder über die ganze Erde. Und die Erde bedeckte, den Nymphen zuliebe, die sämtlichen Glieder, damit sie die Kraft des Gesanges bewahrten und nach dem Willen der Musen ihre Stimme erschallen ließen und alles nachahmten, wie vormals die Jungfrau: Götter, Menschen, Tonwerkzeuge und Tiere; auch selbst den flötenden Pan. Und er, wenn er die Stimme vernimmt, springt auf und jagt ihr auf den Bergen nach, nicht um sie zu fangen, sondern um zu erfahren, wer der verborgene Lehrling sei.«

Nachdem Daphnis dieses erzählt hatte, gab ihm Chloe nicht bloß zehn, sondern unzählige Küsse; denn fast dasselbe sagte auch Echo, nicht anders, als ob sie bezeugen wollte, daß er nicht unwahr rede.

Da nun die Sonne mit jedem Tage wärmer schien (denn der Frühling ging zu Ende, und der Sommer begann), da kamen auch wieder für sie neue und sommerliche Freuden. Er schwamm in den Flüssen; sie badete in den Quellen; er flötete wetteifernd mit den Pinien; sie aber sang um die Wette mit den Nachtigallen. Sie jagten auch geschwätzigen Grillen nach und fingen schwirrende Zikaden, sammelten Blumen, schüttelten Bäume, aßen die Früchte. Auch legten sie sich endlich entkleidet zusammen nieder und zogen ein Ziegenfell zur Decke über sich. Und leicht wäre jetzt Chloe zur Frau geworden, hätte nicht der Gedanke an das Blut den Daphnis geschreckt; ja, aus Besorgnis, sein Vorsatz möchte unterliegen, hinderte er Chloe häufig, sich zu entblößen; so daß sich Chloe wunderte, nach der Ursache aber aus Scheu nicht fragen wollte.

In diesem Sommer warb auch eine Schar von Freiern um Chloe, und viele von vielen Seiten her kamen zu Dryas und verlangten sie zur Ehe. Einige brachten ein Geschenk, andere machten große Versprechungen. Nape nun, von Hoffnungen gereizt, riet sehr dazu, Chloe wegzugeben und ein so großes Mädchen nicht länger im Hause zu behalten, das vielleicht nach kurzer Frist auf der Weide um ihre Keuschheit käme und einen der Hirten für Äpfel und RosenAnspielung auf die Theokritischen Worte von dem Kyklopen (Idyll. XI, 10.) ηρατο δ' ουτι  ροδοισ ου  μαλοισzum Manne machte; sondern sie zur gebietenden Hausfrau zu machen, selbst aber die gebotenen Geschenke zu nehmen und sie für ihren eigenen echten Sohn, den sie vor nicht langer Zeit bekommen hatte, aufzuheben. Bisweilen machten nun wohl diese Reden auf Dryas Eindruck; denn jeder Freier bot größere Gaben, als für ein Hirtenmädchen zu erwarten war: zu anderen Zeiten aber, wenn er bedachte, daß das Mädchen für einen Bauern zu gut sei, und daß, wenn sie einst ihre wirklichen Eltern fände, sie ihn reich und glücklich machen würde, schob er die Entscheidung auf und setzte eine Frist nach der andern und gewann in der Zwischenzeit nicht wenige Geschenke.

Als Chloe dies erfuhr, war sie sehr betrübt, ließ aber dem Daphnis lange Zeit nichts davon merken, weil sie ihn nicht auch betrüben wollte; da er sie aber inständig bat und mit Fragen in sie drang und sich noch mehr, weil er es nicht erfuhr, betrübte, als außerdem, erzählte sie ihm alles: wieviel Freier um sie würben und wie reich sie wären; was Nape gesagt habe, um die Heirat zu betreiben; und wie Dryas es nicht gerade abgesagt, aber die Entscheidung auf die Weinlese ausgesetzt habe.

Hierüber kam Daphnis fast von Sinnen, setzte sich nieder und weinte und sagte, er werde sterben, wenn Chloe nicht mehr auf die Weide käme; und nicht er allein, sondern auch die Herden, wenn sie eine andere Hirtin bekämen. Dann ermannte er sich wieder und schöpfte Mut und gedachte den Vater für sich zu gewinnen und sich auch unter die Freier zu stellen und hoffte dann über die andern obzusiegen. Nur eins beunruhigte ihn: Lamon war nicht reich; dies allein schwächte seine Hoffnung. Dennoch beschloß er zu werben, und auch Chloe fand dies gut. Mit Lamon nun wagte er zwar nicht zu sprechen; der Myrtale aber entdeckte er seine Liebe ohne Furcht und sprach mit ihr vom Heiraten; sie aber teilte es dem Lamon in der Nacht mit. Dieser nahm jedoch den Antrag mit großem Unwillen auf und schalt seine Frau, daß sie den Knaben an ein Hirtenmädchen verkupple, dem ja den Erkennungszeichen nach ein großes Los beschieden sei, so daß er sie, wenn er die Seinigen fände, nicht allein frei, sondern sogar zu Herrn größerer Güter machen würde; daher denn Myrtale, um dem Daphnis nicht alle Hoffnung zu rauben, da sie fürchtete, daß er bei seiner Liebe einen verzweifelten Entschluß fassen möchte, ihm andere Gründe von Lamons Weigerung angab: »Wir sind arm, mein Sohn, und brauchen eine Schwiegertochter, die etwas mehr mitbringt; jene Leute aber sind reich und wollen reiche Freier. Geh also und suche Chloe zu bewegen, daß sie ihrem Vater zurede, keine große Forderung zu machen und euch zu verheiraten. Denn sie liebt dich ganz gewiß und will lieber bei einem schönen armen Manne, als bei einem reichen Affen schlafen.«

Myrtale, die durchaus nicht glaubte, daß Dryas bei der Wahl, die er unter reicheren Freiern hatte, seine Einwilligung geben würde, hoffte auf diese Weise der Sache schicklich abgeholfen zu haben. Daphnis konnte auch, was sie sagte, nicht tadeln; da er sich aber so weit von seinem Ziele entfernt sah, tat er, was arme Liebhaber gewöhnlich tun: er weinte und rief von neuem den Beistand der Nymphen an. Diese traten in der Nacht, als er schlief, zu ihm in derselben Gestalt wie auch das vorige Mal. Und wiederum sprach die Älteste: »Für Chloes Ehe sorgt ein anderer Gott; wir aber wollen dir Geschenke geben, die den Dryas erweichen können. Das Schiff der methymnäischen Jünglinge, an dem deine Ziegen einst den Weidenschoß abgenagt haben, ward zwar an jenem Tage weit vom Lande entfernt; in der Nacht aber, wo das Meer von einem starken Winde beunruhigt wurde, ist es an die Klippen des Vorgebirges geworfen worden. Das Schiff selbst und vieles, was darin war, ist zugrunde gegangen; aber einen Beutel mit dreitausend Drachmen haben die Wellen ausgespien, und dieser liegt, von Seetang bedeckt, nah bei einem toten Delphin, weshalb ihm auch bisher kein Wanderer genaht ist, da jedermann dem schlimmen Gerüche der Fäulnis ausweicht. Du aber tritt hinzu, und bist du hinzugetreten, so heb auf, was du findest und gib, was du aufgenommen hast. Dies ist genug, daß du jetzt nicht für arm geltest, mit der Zeit wirst du auch reich sein.« So sprachen die Nymphen und entschwanden mit der Nacht. Als aber der Tag angebrochen war, sprang Daphnis freudig auf und trieb mit großer Hast die Ziegen auf die Weide, und nachdem er Chloe geküßt und zu den Nymphen gebetet hatte, ging er zum Meer hinab, als ob er sich abspülen wolle, und hier wanderte er in der Nähe der Brandung auf dem Sande fort und suchte die dreitausend Drachmen. Dazu aber bedurfte es nicht vieler Mühe; denn der schlimme Geruch des Delphins, der hier am Ufer lag und faulte, wehte ihn an; und hierdurch geleitet, ging er gerade darauf los, entfernte das Seegras und fand den Beutel voll Geld. Diesen hob er auf und schob ihn in seine Hirtentasche, ging aber nicht eher von dannen, als bis er die Nymphen und selbst das Meer mit lauter Stimme gepriesen hatte. Denn obgleich ein Ziegenhirt, war ihm doch jetzt das Meer lieber als das Land, weil es ihm zu der Ehe mit Chloe Hilfe bot.

Sowie er nun die dreitausend Drachmen hatte, zauderte er nicht länger; sondern als der reichste nicht bloß von den dortigen Landleuten, sondern von allen Menschen (wie er meinte), eilt er zu Chloe hin, erzählt ihr seinen Traum, zeigt ihr den Beutel, empfiehlt ihr die Obhut der Herde bis zu seiner Rückkehr und begibt sich stracks zum Dryas, und da er diesen mit Nape auf der Tenne Früchte dreschend fand, trug er ihm ganz dreist sein Verlangen vor: »Mir gib Chloe zum Weibe. Ich weiß gut auf der Syrinx zu spielen und die Reben auszuschneiden und Bäume zu setzen. Auch pflügen kann ich und weiß gegen den Wind zu worfeln. Wie ich die Herde weide, bezeugt mir Chloe. Fünfzig Ziegen hab' ich übernommen, und jetzt sind ihrer doppelt soviel. Auch große und schöne Böcke hab' ich gezogen; und vormals legten wir fremden Böcken die Ziegen unter. Überdies bin ich jung, und ein makelloser Nachbar für euch, und eine Ziege hat mich genährt, wie Chloe ein Schaf. Wie ich nun schon so den Vorzug vor andern habe, so werd' ich an Gaben nicht nachstehen. Die andern wollen dir Ziegen und Schafe geben und ein Joch räudiger Ochsen und Korn, womit man nicht einmal die Hühner füttern kann; von mir aber erhältst du hier dreitausend Silberstücke. Nur laß es niemanden wissen, auch meinen Vater Lamon nicht.« Und zugleich gab er ihm den Beutel und umarmte und küßte ihn.

Wie sie nun gegen Erwarten so vieles Geld erblickten, sagten sie ihm Chloe auf der Stelle zu und versprachen auch den Lamon zu bereden. Nape aber blieb mit Daphnis dort zurück und trieb die Ochsen um die Tenne und drückte mit dem Dreschbrett die Ähren aus; Dryas aber verwahrte den Beutel dort, wo die Erkennungszeichen lagen und begab sich sofort zum Lamon und der Myrtale, um bei ihnen – eine ganz neue Sache! – um den Bräutigam zu freien. Da er sie nun beschäftigt fand, Gerste zu messen, die sie vor kurzem geworfelt hatten, aber mißmutig, weil es fast weniger war als die Aussaat, tröstete er sie damit, daß dieses überall die allgemeine Klage sei und hielt dann für Chloe um den Daphnis an, indem er hinzusetzte: ob ihm gleich andere viele Geschenke gäben, werde er doch von ihnen nichts nehmen, sondern ihnen vielmehr von seinem Eigenen noch hinzugeben; denn beide wären ja miteinander auferzogen und durch das gemeinsame Geschäft zu einer Freundschaft verbunden, die sich nicht leicht würde trennen lassen; auch wären sie jetzt alt genug, um zusammen zu schlafen. – Dies sagte er und noch manches andere; denn die dreitausend Drachmen waren der Preis seiner Beredsamkeit. Lamon aber, der seine Armut nicht mehr vorschützen konnte – denn jene verachteten sie ja nicht – und auch Daphnis Jugend nicht, denn er war zum Jüngling gereift –, sprach doch seine wahre Gesinnung nicht aus, daß für eine solche Ehe Daphnis zu gut wäre; sondern nach kurzem Schweigen antwortete er folgendermaßen:

»Ihr tut schon recht, daß Ihr die Nachbarn fremden Leuten vorzieht und den Reichtum nicht höher schätzt als eine rechtschaffene Armut. Dafür mögen Euch Pan und die Nymphen Liebe beweisen! Auch ich selbst wünsche diese Ehe. Denn ich müßte nicht klug sein, wenn ich in meinen Jahren, und da ich mehrere Hände zur Arbeit brauche, nicht die Freundschaft Eures Hauses als ein großes Gut annehmen sollte. Auch ist Chloe recht der Mühe, wert – ein schönes, angenehmes Mädchen und tüchtig zu allem! Aber ich bin ein Knecht und keiner Sache Herr; daher ich es meinem Herrn zu wissen tun muß, ob er es zugibt. Wohlan denn! Laß uns die Hochzeit bis zum Herbst verschieben. Denn dann soll er, wie die Leute, die aus der Stadt kommen, sagen, zu uns aufs Land kommen. Dann können sie Mann und Frau werden; jetzt aber mögen sie sich noch als Geschwister lieben. Nur wisse, Dryas, noch so viel: du wirbst um einen Jüngling, der mehr ist als wir.« Nach diesen Worten küßte er ihn und reichte ihm zu trinken – denn schon stand die Sonne im Mittag – und gab ihm endlich mit vieler Freundlichkeit eine Strecke Wegs das Geleit.

Dryas hatte Lamons letzte Worte nicht überhört und sann im Gehen bei sich nach, wer Daphnis sei. »Er ward von einer Ziege gesäugt wie ein Schützling der Götter. Er ist schön und gleicht im Geringsten nicht dem plattnasigen Alten und seinem kahlköpfigen Weibe. Er hatte auch dreitausend Silberstücke, mehr als ein Ziegenhirt Birnen besitzt. Hat ihn vielleicht auch jemand ausgesetzt wie Chloe? Hat auch ihn vielleicht Lamon gefunden, wie ich sie? Haben vielleicht auch Erkennungszeichen bei ihm gelegen, wie die, welche ich gefunden habe? Möchte doch das sein, o Herrscher Pan, und ihr, geliebte Nymphen! Vielleicht wird er, wenn er die Seinigen aufgefunden hat, etwas von Chloes Geheimnissen auffinden.«

So dachte er bei sich und träumte bis zu der Tenne hin. Hier fand er den Daphnis in großer Erwartung dessen, was er hören würde und belebte seinen Mut, indem er ihn als Eidam begrüßte und im Herbste die Hochzeit auszurichten versprach; auch gab er ihm die Hand darauf, daß Chloe keinem anderen als dem Daphnis angehören solle.

Schneller nun als ein Gedanke und ohne getrunken, ohne gegessen zu haben, lief er zu Chloe; und wie er sie beim Melken und Käsemachen fand, rief er ihr die frohe Botschaft von der Hochzeit zu und küßte sie von nun an unverhohlen wie seine Gattin und nicht mehr heimlich und nahm an ihrer Arbeit teil. Er molk die Milch in die Eimer, formte die Käse auf der Darre, legte Lämmer und Zicklein an die Mütter; und als dieses in Ordnung war, wuschen sie sich ab, aßen, tranken und gingen herum, reifes Obst zu suchen. Von diesem war auch großer Überfluß bei der Fruchtbarkeit der Jahreszeit; viele wilde, viele Gartenbirnen, viele Äpfel gab es, einige schon zur Erde gefallen, andere noch an den Bäumen. Die auf der Erde dufteten besser; die an den Zweigen strahlten blühender; die einen rochen wie Wein, die anderen leuchteten wie Gold. Ein Apfelbaum war abgelesen und hatte weder Frucht mehr noch Blatt: alle Zweige waren kahl. Nur ein Apfel, der höchste von allen, hing in dem hohen Wipfel, groß und schön und übertraf allein die Menge der anderen an Wohlgeruch. Der Gärtner hatte beim Ablesen nicht gewagt hinaufzusteigen und verabsäumt, ihn abzunehmen; vielleicht auch bewahrte er die schöne Frucht für einen liebenden Hirten auf.

Als Daphnis diesen Apfel erblickte, machte er Anstalt hinaufzusteigen und ihn zu brechen und achtete Chloes Abwehren nicht. Ärgerlich, daß er nicht auf sie hörte, lief sie zu der Herde; Daphnis aber stieg behende hinauf, brach glücklich die Frucht, brachte ihn der schmollenden Chloe zum Geschenk und begleitete es mit diesen Worten: »Diesen Apfel, o Jungfrau, haben die schönen Horen erzeugt, ein schöner Baum hat ihn ernährt, die Sonne hat ihn gereift, und das Glück ihn aufbewahrt. Ich konnte ihn nicht dort lassen, da ich Augen hatte. Er wäre zur Erde gefallen, und ein Schaf hätte ihn beim Weiden zertreten, oder ein kriechender Wurm ihn vergiftet, oder die Zeit ihn verzehrt, den daliegenden, den, als er noch oben hing, bewunderten und gepriesenen! Einen Apfel empfing Aphrodite als Preis der Schönheit; einen Apfel geb' ich dir als Siegeslohn. Auch wir, der Schönheit Zeugen, stehen einander gleich: Paris hütete Schafe, die Ziegen ich.«

Mit diesen Worten legt er ihr den Apfel in den Schoß, und als er ihr näher kam, küßte sie ihn. Darum reute ihn auch die Kühnheit nicht, in den hohen Wipfel gestiegen zu sein; denn er empfing, was besser war, als selbst ein goldener Apfel, – einen Kuß.

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