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Daphnis und Chloe

Longos von Lesbos: Daphnis und Chloe - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLongus
titleDaphnis und Chloe
publisherKurt Desch, Mnchen
yearca. 1945
firstpub1838
translatorFriedrich Jacobs
noteneu bearbeitet von Hanns Floerke
senderreuters@abc.de
created20060312
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Zweites Buch

Zweites Buch

Schon war der Herbst in voller Kraft, und die Weinlese nahte mit starken Schritten, und alles war auf den Feldern in Arbeit. Der eine richtete die Keltern zu; der andere reinigte Fässer; ein dritter flocht Körbe. Einer sorgte für eine kleine Hippe zum Schneiden der Trauben; ein anderer für einen Stein, die saftreichen Trauben zu pressen; noch einer für trockene, mürbegeklopfte Weidenschosse, um bei Licht zur Nachtzeit den Most zu tragen. Auch Daphnis und Chloe, unbekümmert um die Schafe und Ziegen, boten sich gegenseitig hilfreich die Hände. Er trug in Körben die Trauben zu, zertrat sie in den Kufen und schaffte den Wein in die Fässer; sie aber bereitete den Winzern die Kost und schenkte ihnen älteren Wein zum Tranke aus und las die Trauben von den niedrigem Stöcken ab. Denn aller Wein auf Lesbos wächst niedrig, nicht hoch hinauf, noch an Bäumen gezogen; sondern die Reben in der Tiefe ausbreitend schleicht er wie der Efeu fort; auch ein Kind könnte die Traube erreichen, wenn ihm eben die Hände aus den Windeln gelöst sind.

Bild auf Seite 63

Wie es nun bei dem Feste des Dionysos und der Erzeugung des Weines natürlich ist: die von der benachbarten Flur zum Beistand geladenen Weiber warfen die Augen auf den Daphnis und lobten ihn und sagten, daß er an Schönheit dem Bacchus gleiche. Eine der Dreisteren küßte ihn auch wohl, wodurch sie Daphnis heiß machte, Chloe aber Schmerz verursachte. Die Männer in den Keltern aber neckten Chloe mit mancherlei Reden, und wie Satyrn um eine Bacchantin, drängten sie sich hitzig um sie und wünschten Schafe zu werden, um von ihr geweidet zu sein; so daß sie sich nun freute und Daphnis Betrübnis empfand. Beide wünschten also, daß die Weinlese schnell sich ende und sie wieder die gewohnten Plätze bezögen und statt des unharmonischen Geschreis die Syrinx hörten oder die blökenden Herden. Als nach Verlauf weniger Tage die Reben abgelesen und der Most in den Fässern gefaßt war, und es nicht mehr so vieler Hände bedurfte, da trieben sie die Herden auf die Flur und verehrten freudigen Sinnes die Nymphen, indem sie ihnen als Erstlinge der Weinlese Trauben an den Reben brachten. Aber auch vorher waren sie nicht achtlos bei ihnen vorübergegangen, sondern immer beteten sie zu ihnen beim Anfang der Weide, und bei der Rückkehr von der Weide knieten sie vor ihnen, und jederzeit brachten sie etwas dar, entweder eine Blume, oder eine Frucht, oder einen grünen Zweig, oder eine Spende von Milch. Und dafür ward ihnen späterhin Vergeltung von den Göttinnen zuteil. Damals aber, wie das Sprichwort sagt, war der Hund von der Kette, und sie hüpften, flöteten und sangen und balgten sich mit den Böcken und Schafen.

Bei solcher Kurzweil trat ein Greis zu ihnen, mit einem Ziegenfell bekleidet, Sohlen von rohem Leder an den Füßen und einen Ranzen übergehängt, einen alten Ranzen. Dieser setzte sich nahe zu ihnen und sprach also: »Ich bin der alte Philetas, ihr Kinder. Viel hab' ich zu diesen Nymphen gesungen; viel auch jenem Pan geflötet und große Herden von Rindern nur durch Musik geführt. Jetzt bin ich zu euch gekommen, euch zu sagen, was ich gesehen und zu melden, was ich gehört habe, ich besitze einen Garten, meiner Hände Werk; denn seitdem ich des Alters wegen aufgehört habe zu weiden, bearbeit' ich mir ihn, und was die Jahreszeiten bringen, hab' ich alles in ihm zu jeder Zeit: im Frühling Rosen und Lilien; Hyazinthen und Veilchen beiderlei Art; im Sommer Mohn und wilde Birnen, auch alle Gattungen, Äpfel; jetzt Trauben und Feigen, Granatapfel und grüne Myrten. Zu diesem Garten kommen Scharen von Vögeln zur Morgenzeit; einige der Nahrung wegen, andere um zu singen; denn er ist von Bäumen überwölbt und schattenreich und von drei Quellen bewässert. Wenn man die Mauer hinwegnähme, würde man glauben, einen Hain zu sehen.«

»Als ich nun heute um die Mittagszeit hineintrat, werd' ich unter den Granat- und Myrtenbüschen ein Kind gewahr, mit Myrten und Granatäpfeln in den Händen, weiß wie Milch und das goldene Haar dem Feuer ähnelnd und strahlend wie eben aus dem Bade kommend. Es war nackt; es war allein; es spielte, als ob es in seinem eigenen Garten Früchte sammle. Ich lief also hinzu, den Knaben zu fangen; denn mir war bang, daß er in seinem Mutwillen die Myrten und Granatbüsche knickte; er aber entschlüpfte mir gar behend und leicht, bald unter die Rosenhecken, bald unter die Mohnstauden, wie ein junges Rebhuhn. Oftmals haben mir wohl säugende Böckchen, wenn ich sie verfolgte, zu schaffen gemacht; oftmals haben mich auch die kleinen Kälber, wenn ich ihnen nachlief, ermüdet; aber das war ein ganz listiges Wesen, das sich durchaus nicht fangen ließ. Wie ich nun ermattet war, ich alter Mann und, auf meinen Stab gestützt, Achtung zugleich gab, daß er nicht entliefe, fragte ich ihn, wem in der Nachbarschaft er angehöre und mit welchem Recht er einen fremden Garten plündere? – Er aber gab keine Antwort, sondern ganz nahe bei mir, lachte er recht zart und warf mit Myrtenbeeren nach mir und schmeichelte mir, ich weiß nicht wie, den Zorn weg. Da bat ich ihn, in meine Arme zu kommen ohne weitere Furcht und schwur bei den Myrten, ihn freizulassen und ihm noch Äpfel und Granaten dazu zu geben und gern zu gestatten, daß er zu jeder Zeit Früchte von den Bäumen nehme und Blumen pflücke, wenn ich nur einen einzigen Kuß von ihm erhielte.«

Da lachte er nun mit gar hellem Tone und ließ mich eine Stimme hören, wie sie weder die Schwalbe hat, noch die Nachtigall, noch der Schwan, wenn er alt geworden ist wie ich. ›Mir‹sagte er, ›Philetas, würde es nichts ausmachen, dich zu küssen; denn ich wünsche mehr zu küssen als du, dich zu verjüngen. Siehe aber zu, ob diese Gabe deinem Alter gemäß ist. Denn nach dem einen Kusse wird dich das Alter nicht abhalten, mich noch mehr zu verfolgen. Aber es ist unmöglich, mich zu fangen, selbst für Falken und Adler, oder noch schnellere Vögel. Ich bin kein Kind, obschon ich ein Kind scheine, sondern älter als Kronos, ja als die ganze Zeit. Wohl weiß ich, wie du in deiner ersten Jugend in jener Niederung die weithin sich ausbreitende Rinderherde weidetest, und ich saß neben dir, wenn du bei jenen Buchen flötetest, als du die Amaryllis liebtest; aber du sahest mich nicht, so nah ich auch dem Mädchen stand. Ich gab sie dir, und schon hast du Söhne, wackere Hirten und Landleute. Jetzt aber hüte ich den Daphnis und Chloe, und wenn ich sie am Morgen zusammengeführt habe, begeb' ich mich in deinen Garten und ergötze mich an den Blumen und Pflanzen und bade mich in diesen Quellen; und darum sind die Blumen und Pflanzen so schön, weil sie von meinem Bade getränkt werden. Siehe zu, ob dir eine der Pflanzen geknickt, ob eine Frucht dir geraubt, ob die Wurzel einer Blume zertreten, ob eine Quelle getrübt ist; und freu' dich, daß du allein von den Menschen im Alter dieses Knäblein gesehen hast‹.

Nach diesen Worten erhob er sich, wie das Junge der Nachtigall, auf die Myrtensträuche, und von Zweig zu Zweig schlüpft' er durch das Laub bis zum Wipfel empor. Da sah ich auch Flügel auf seinen Schultern, und einen Bogen zwischen den Flügeln und den Schultern; bald aber sah ich weder dies, noch ihn selbst mehr. Wenn ich aber nicht umsonst diese grauen Haare trage und vor Alter kindisch geworden bin, so seid ihr Kinder dem Eros geweiht, und Eros trägt für euch Sorge.«

Mit großem Ergötzen hörten sie zu, als ob sie ein Märchen, nicht eine wahre Geschichte hörten, und fragten, was denn nur der Eros sei, ob ein Knabe, oder ein Vogel, und was er vermöge? Da erwiderte Philetas: »Ein Gott, ihr Kinder, ist Eros, jung und schön und beschwingt. Deshalb freut er sich auch der Jugend und jagt der Schönheit nach und beflügelt die Seelen. Er vermag aber mehr als Zeus selbst. Er herrscht über die Elemente; er herrscht über die Gestirne; er herrscht über die ihm ähnlichen Götter, mächtiger als ihr über die Ziegen und Schafe. Die Blumen alle sind Eros' Werk; diese Pflanzen hier sind seine Gebilde. Durch ihn ergießen sich die Flüsse, und die Winde wehen durch ihn. Ich sah den Stier, wenn er liebte; und wie von der Bremse gestochen brüllte er; auch den Bock, der die Ziege liebte: und er folgte ihr überall. Ich selbst war jung und liebte die Amaryllis; da gedacht' ich der Nahrung nicht, und nahm keinen Trunk zu mir und genoß keinen Schlaf. Meine Seele krankte, mein Herz klopfte, mein Leib schauerte. Ich schrie, als ob ich geschlagen würde; ich war stumm, als ob ich gestorben wäre; ich warf mich in die Flüsse, als ob ich brennte. Ich rief den Pan um Beistand an, weil auch er die Pitys geliebt habe; ich pries die Echo, weil sie nach mir der Amaryllis' Namen rief; ich zerbrach meine Flöten, weil sie wohl meine Rinder beruhigten, die Geliebte aber nicht zu mir führten. Denn gegen den Eros hilft kein Mittel: keine Speise, kein Trank und kein Zaubergesang, – keines als Kuß und Umarmung und Zusammenliegen mit nackten Leibern.«

Als Philetas sie auf diese Weise unterwiesen hatte, begab er sich weg, nachdem er einige Käse von ihnen und ein schön gehörntes Böckchen empfangen hatte; sie aber, die jetzt zum erstenmal des Eros' Namen gehört hatten, versanken, als sie allein gelassen waren, in tiefe Traurigkeit, und in der Nacht, nach der Rückkehr in die Ställe, hielten sie das, was sie vernommen, mit dem zusammen, was sie selbst erfahren hatten. »Die Liebenden härmen sich: auch wir härmen uns; sie achten der Nahrung nicht: auf gleiche Weise achteten auch wir ihrer nicht; sie können nicht schlafen: das widerfährt jetzt auch uns; sie glauben zu brennen: auch in uns ist die Glut; sie wünschen einander zu sehen: darum bricht auch uns der Tag immer später an, als wir wünschen. Vielleicht ist das Liebe, und wechselseitige Liebe beherrscht uns, ohne daß wir wissen, daß es Liebe ist, und ich, daß ich geliebt werde. Warum grämten wir uns denn sonst? Warum suchten wir sonst einander? Philetas hat in allem wahr gesprochen. Das Knäblein aus dem Garten erschien ja auch einst unseren Vätern in jenem Traum und hat uns die Herden zu weiden befohlen. Wie möchte man es doch fangen? Es ist klein und wird fliehen. Und wie möchte einer ihm selbst entfliehen? Es hat Flügel und wird ihn einholen. Wir müssen uns an die hilfreichen Nymphen wenden. Aber auch dem Philetas half Pan nicht, als er die Amaryllis liebte. So müssen wir also die Mittel suchen, die er nannte, den Kuß, die Umarmung und unbekleidet zusammenzuliegen. Zwar wird es schon kalt; aber wir werden das so gut wie Philetas aushalten.«

So wurde die Nacht für sie zur Schule. Und als sie am folgenden Morgen mit den Herden auf den Weideplatz kamen und sich ansichtig wurden, küßten sie einander und umfaßten sich, was sie nie vorher getan hatten, mit verschlungenen Armen; das dritte Mittel aber, das entkleidet Zusammenliegen, wußten sie nicht anzuwenden, denn es war zu dreist, nicht bloß für Jungfrauen, sondern auch für junge Ziegenhirten. Und die Nacht kam wieder, und Schlaflosigkeit mit ihr, und Sinnen über das Geschehene und Unmut über das Unterlassene. »Wir haben einander geküßt: und es hat nichts geholfen; wir haben uns umarmt: und auch ohne Nutzen. Zusammenzuliegen ist also das einzige Mittel gegen die Liebe; auch dieses muß versucht werden. Sicher wohnt ihm eine größere Kraft inne als dem Kusse.«

Bei solchen Gedanken erblickten sie denn auch, wie zu erwarten, Träume der Liebe, Küsse und Umarmungen; und was sie am Tage nicht getan hatten, das vollbrachten sie im Traum, und lagen entkleidet zusammen. Begeisterter also standen sie am folgenden Morgen auf und trieben die Herden rasch hinab; denn sie eilten den Küssen zu; und als sie einander erblickten, liefen sie sich lächelnd entgegen. Die Küsse erfolgten; das Umfangen mit den Armen kam nachher, das dritte Mittel aber zögerte. Denn weder Daphnis wagte es, zu nennen, noch wollte Chloe den Anfang machen, bis sie durch Zufall auch dieses taten.

Sie saßen unter dem Stamme einer Eiche nah zusammen, und da sie einmal die Wonne der Küsse gekostet hatten, schwelgten sie unersättlich in Lust. Auch der Arme Umschlingung übten sie, wodurch Mund fester an Mund gepreßt wurde. Als nun bei diesem Umfangen Daphnis sie gewaltsamer an sich zog, sank Chloe auf die Seite hin, und er, dem Kusse folgend, sank ihr nach. Da erkannten sie das Abbild ihrer Träume und lagen lange Zeit wie zusammengebunden. Da sie aber von dem Weiteren nichts wußten, was sie darauf zu tun hatten und dies für das Ziel des Liebesgenusses hielten, verschwendeten sie den größten Teil des Tages umsonst und trennten sich dann und trieben die Herden hinweg, der Nacht grollend. Vielleicht aber wären sie nicht unverrichteter Sache voneinander gegangen, wenn nicht ein aufregender Vorfall die ganze Nachbarschaft mit Schrecken erfüllt hätte.

Reiche Jünglinge aus Methymna, welche die Zeit der Weinlese in einer anderen Gegend feiern wollten, zogen eine kleine Barke in die See, setzten ihre Diener als Ruderer hinein und besuchten alle Fluren der Mitylenäer, die dem Meere nahe liegen. Denn die Seeküste ist an schönen Häfen reich und mit Gebäuden herrlich geschmückt. Auch zahlreiche Bäder, Lustgärten und Haine, zum Teil Werke der Natur, zum Teil der Menschen Kunst, alle zu frohem Genuß geeignet. Sie schifften also längs dem Ufer hin, legten hier und da an, taten niemandem Böses, sondern ergötzten sich auf mannigfaltige Art. Bald fingen sie mit Angeln, die durch zarte Fäden an Rohrstäben befestigt waren, von überhängenden Klippen herab die zwischen den Felsen hausenden Fische; bald erbeuteten sie mit Hunden und Netzen die durch die Unruhe in den Weinbergen verschüchterten Hasen. Dann gingen sie auch wohl dem Vogelfange nach und fingen wilde Gänse, Enten und Trappen in Schlingen, so daß sie von der Ergötzung auch Nutzen für den Tisch hatten. Wenn sie aber außerdem noch etwas bedurften, so nahmen sie es von den Landbewohnern, denen sie mehr dafür zahlten als der Wert betrug. Sie bedurften aber nur Brot und Wein und Obdach; denn in der Herbstzeit auf dem Meere zu übernachten, schien nicht ohne Gefahr; daher sie auch aus Furcht vor stürmischen Nächten die Barke an das Ufer zogen.

Da geschah es nun, daß einer der Landleute, der zum Aufziehen des Steines, womit die getretenen Trauben gepreßt werden, eines Strickes bedurfte, da der vorige zerrissen war, heimlich an das Meer und zu dem unbewachten Schiffe ging, das Tau losband und es zu Hause zu seinem Zwecke benutzte. Am Morgen stellten die methymnäischen Jünglinge Nachforschungen nach dem Taue an, und da niemand den Diebstahl eingestand, schalten sie die Wirte mit Glimpf und fuhren weiter; und nach einer Fahrt von dreißig Stadien legten sie an den Fluren an, wo Daphnis und Chloe wohnten; denn das Gefilde schien ihnen wohlgeeignet zur Jagd der Hasen. Nun hatten sie keinen Strick zur Befestigung; daher drehten sie einen langen, grünen Weidenschoß zu einem Taue zusammen und banden damit das Schiff an seinem Hinterteile am Ufer fest. Hierauf ließen sie die Hunde los, Wild aufzustöbern, und stellten Netze in den Gängen auf, wo es ihnen am geeignetsten schien. Bellend liefen nun die Hunde umher und scheuchten die Ziegen, und diese verließen die Anhöhen und eilten mehr nach dem Ufer hin. Da sie aber auf dem Sande keine Nahrung fanden, wagten sich die Dreisteren zu dem Schiffe und nagten die grünen Weiden, womit das Schiff befestigt war, ab.

Nun hatte sich von den Bergen der Wind erhoben, und das Meer warf kleine Wellen. Schnell entführte daher der Rückschlag der Wellen das losgebundene Schiff und riß es auf die hohe See hinaus. Als dies die Methymnäer bemerkten, liefen die einen zum Meere hin, die anderen riefen die Hunde zusammen; alle aber schrien laut, so daß alles von den nahen Fluren herbeieilte. Aber umsonst. Der Wind war frisch und mit unaufhaltsamer Eile schoß das Schiff mit der Flut dahin. Nun suchten also die Methymnäer, die nicht wenig dabei verloren, den Ziegenhirten auf, und als sie den Daphnis gefunden hatten, schlugen sie ihn und zogen ihn aus. Ja einer nahm das Leitseil eines Hundes und zog ihm die Hände auf den Rücken, um ihn zu binden. Er aber schrie bei den Schlägen und beschwor die Landleute und rief vor allen den Lamon und Dryas zu Hilfe. Diese, bejahrte, aber rüstige Männer, mit Händen, die durch die Landarbeit gestärkt waren, leisteten Widerstand und verlangten rechtliche Untersuchung über den Vorfall.

Bild auf Seite 81

... Nun suchten also die Methymnäer, die nicht wenig dabei verloren, den Ziegenhirten auf, und als sie den Daphnis gefunden hatten, schlugen sie ihn und zogen ihn aus ...

Illustration von Gérard

Da nun dies auch die anderen verlangten, setzten sie den Rinderhirten Philetas zum Richter; denn er war unter den Anwesenden der älteste und hatte unter den Landleuten den Ruf vorzüglicher Gerechtigkeit. Zuerst brachten die Methymnäer ihre Klage an, deutlich und kurz, da sie ja einen Hirten zum Richter hatten. »Wir kamen auf diese Flur in der Absicht, zu jagen. Nun hatten wir unser Schiff mit einem grünen Weidenschosse festgebunden und am Ufer zurückgelassen; wir selbst aber suchten mit den Hunden nach Wild. In dieser Zeit kommen die Ziegen dieses Knaben zum Meer hinab, fressen den Weidenschoß ab und machen das Schiff los. Du hast es auf dem Meere treiben sehen; aber wie viele Güter meinst du, daß es birgt? Welche Kleider sind da verloren! Wieviel Schmuck der Hunde! Wieviel Geld! Alle diese Äcker könnte einer damit kaufen. Dafür wollen wir nun diesen hier mit uns nehmen, da er ein schlechter Hirt ist und die Ziegen am Meere weidet, wie ein Schiffer.«

So lautete die Klage der Methymnäer. Daphnis aber, so arg er auch von den Schlägen gemißhandelt war, achtete doch alles gering, da er Chloen gegenwärtig sah, und sprach also: »Ich weide die Ziegen, wie es sich gebührt. Nie hat mich ein Nachbar beschuldigt, auch nicht einer, daß eine meiner Ziegen ihm den Garten beschädigt oder eine junge Rebe zertreten hätte; aber diese Männer sind schlechte Jäger und haben übel abgerichtete Hunde, die durch ihr vieles Umherlaufen und ihr rauhes Gebell die Ziegen von den Bergen und den Ebenen nach dem Meere gejagt haben, wie Wölfe. Aber sie haben das grüne Seil abgefressen. Allerdings, weil sie auf dem Sande kein Gras, keinen Klee oder Thymian fanden. Aber das Schiff ist von Wind und Wellen verlorengegangen. Das ist des Sturmes, nicht der Ziegen Schuld. Aber es lagen Kleider darin und Geld. Welcher Mensch von gesundem Verstand wird glauben, daß ein so reich beladenes Schiff zum Tau einen Weidenschoß hat?«

Bei diesen Worten weinte Daphnis und erregte großes Mitleiden bei den Landleuten, so daß Philetas, der Richter, beim Pan und den Nymphen schwur, Daphnis habe keine Schuld, sowie auch die Ziegen nicht, sondern Meer und Wind, worüber andere zu richten hätten. Hierdurch überzeugte Philetas die Methymnäer nicht, sondern sie ergriffen in ihrem Zorne den Daphnis von neuem und wollten ihn binden. Da gerieten aber die Landleute in Aufruhr und drangen auf sie ein wie Stare und Dohlen, und schnell entrissen sie ihnen den Daphnis, der auch selbst mitkämpfte; schlugen mit Stöcken drein und jagten sie in die Flucht; ließen auch nicht eher ab, als bis sie über die Grenzen hinaus in eine andere Flur getrieben waren.

Während nun jene die Methymnäer verfolgten, führte Chloe in aller Stille den Daphnis zu den Nymphen und wusch ihm das blutige Gesicht ab – denn er hatte einen Schlag auf die Nase bekommen –, nahm aus der Hirtentasche ein Stück gesäuertes Brot und eine Schnitte Käse und gab es ihm zu essen, und was ihn am meisten erquickte: sie drückte ihm einen honigsüßen Kuß mit ihren zarten Lippen auf.

So entrann also damals Daphnis einer großen Gefahr: die Sache aber war damit nicht zu Ende. Denn kaum waren die Methymnäer unter großen Schwierigkeiten in ihrer Heimat angekommen, Fußgänger statt Schiffer und statt üppigen Schmuckes mit Wunden bedeckt, als sie eine Versammlung ihrer Mitbürger beriefen, als Flehende auftraten und um Rache baten. Von dem wahren Verlaufe der Sache aber sagten sie kein Wort, um nicht noch obendrein verlacht zu werden, wenn man erführe, daß sie so große Schmach von Hirten erduldet hätten; sondern beschuldigten die Mitylenäer, ihnen ihr Schiff genommen und ihre Güter geraubt zu haben nach der Weise des Krieges. Jene glaubten ihnen wegen der Wunden, und da sie es für billig hielten, Jünglingen aus ihren ersten Häusern Genugtuung zu verschaffen, beschlossen sie gegen die Mitylenäer einen Krieg ohne Kriegserklärung und befahlen dem Feldherrn, mit zehn Schiffen in See zu gehen und die Seeküsten zu verheeren; denn da der Winter so nah war, schien es nicht sicher, dem Meere eine größere Flotte anzuvertrauen.

Dieser brach gleich am folgenden Tage mit seinen Kriegern, die ihm auch als Ruderer dienten, auf und überfiel die am Meer gelegenen Fluren der Mitylenäer. Hier raubte er viele Herden, auch vieles Getreide und Wein, da die Weinlese eben zu Ende war, und nicht wenige Menschen, die dort auf dem Lande arbeiteten. Auch Chloes und Daphnis' Flur überfiel er, unternahm eine schnelle Landung und trieb, was ihm in die Hände kam, als Beute weg. Daphnis war nicht bei den Ziegen, sondern hieb oben im Wald grünes Laub ab, um im Winter Futter für die jungen Ziegen zu haben, und da er von der Höhe herab den feindlichen Überfall sah, verbarg er sich in dem hohlen Stamme einer abgestorbenen Buche. Chloe aber war bei den Herden, und da sie verfolgt wurde, floh sie zu den Nymphen und bat die Verfolgenden, ihre Herde zu schonen und sie selbst, um der Göttinnen willen. Umsonst. Die Methymnäer verhöhnten die Bilder mit vielem Spott und trieben die Herden weg und zogen auch Chloe fort, wie eine Ziege oder ein Schaf und schlugen mit Ruten auf sie ein.

Als sie nun die Schiffe mit mannigfachem Raube angefüllt hatten, beschlossen sie, nicht weiterzusegeln, sondern nahmen den Weg nach Hause, indem sie Winterstürme und Feinde fürchteten. Sie fuhren also unter mühsamster Ruderarbeit von dannen, denn es regte sich kein Wind; Daphnis aber kehrte, als es ruhig geworden, auf die Ebene nach dem Weideplatz zurück; und da er hier weder die Ziegen sah, noch die Schafe antraf, noch Chloe fand, sondern überall die tiefste Einsamkeit, und auch die Syrinx, Chloes gewohnte Freude, auf die Erde geworfen, lief er mit lautem Geschrei und kläglichem Jammer erst zu der Eiche, wo sie zu sitzen pflegten, dann zum Meere in der Hoffnung, sie hier zu sehen; dann zu den Nymphen, zu denen sie geflohen war. Hier warf er sich zur Erde und klagte die Nymphen des Verrates an:

»Von euch ward Chloe weggerissen; und ihr habt dies mit anzusehen vermocht? Sie, die euch Kränze flocht; die euch die erste Milch spendete; deren Gabe diese Syrinx ist! Keine Ziege hat mir der Wolf geraubt, und nun rauben die Feinde die Herde und die Gefährtin! Ach! sie werden die Ziegen abhäuten und die Schafe schlachten, und Chloe wird künftig die Stadt bewohnen. Wie soll ich, da ich meine Obliegenheiten in Stich gelassen, nun vor Vater und Mutter treten ohne die Ziegen, ohne Chloe? Ich habe ja nichts mehr zu hüten. Hier will ich liegenbleiben und den Tod erwarten oder einen zweiten Überfall. Fühlst du; Chloe, Gleiches mit mir? Denkst du an diese Gefilde, an diese Nymphen und an mich? Oder geben dir die Schafe und Ziegen, deine Mitgefangenen, Trost?«

Indem er so sprach, überfiel ihn unter Tränen und Schmerz ein tiefer Schlaf, und die drei Nymphen traten zu ihm hin als große und schöne Weiber, halb entblößt und unbeschuht, die Haare aufgelöst und ihren Bildern gleich. Zuerst, wie es ihm vorkam, bezeugten sie sich mitleidig gegen ihn; dann nahm die älteste das Wort und sprach ihm Mut zu: »Schilt uns nicht, Daphnis! Mehr noch als dir liegt uns Chloe nahe. Wir erbarmten uns ihrer, da sie ein Kind war; und als sie in dieser Grotte lag, verliehen wir ihr Nahrung. Sie hat nichts mit diesen Fluren, nichts mit Dryas' SchafenIm Original Λαμωνοσ, ohne Zweifel ein Irrtum des Abschreibers. gemein. Und auch jetzt ist von uns für sie gesorgt, daß sie nicht, Sklavendienste zu tun, nach Methymna entführt, noch ein Teil der Kriegsbeute werde. Auch den Pan dort, der unter dieser Pinie sein Bild hat, und den ihr nie, nicht einmal mit Blumen, geehrt habt, den haben wir gebeten, Chloes Retter zu werden. Er ist des Krieges mehr gewohnt als wir und hat schon oft die Flur verlassen, um im Kriege mitzukämpfen. So wird er auch jetzt weggehen, den Methymnäern kein erfreulicher Gegner. Überlaß dich also nicht der Traurigkeit, sondern steh auf und zeige dich dem Lamon und der Myrtale, die ebenfalls auf der Erde liegen, weil sie glauben, auch du seiest ein Teil des Raubes geworden. Am morgenden Tage wird Chloe dir zurückkehren mit den Ziegen und mit den Schafen, und ihr werdet zusammen weiden und zusammen flöten; für das übrige wird Eros bei euch sorgen.«

Als nun Daphnis solches gesehen und vernommen hatte, sprang er auf aus dem Schlafe, und weinend vor Lust und Kummer, kniete er vor den Bildern der Nymphen nieder und gelobte, wenn Chloe gerettet wäre, die beste seiner Ziegen zu opfern. Dann lief er auch zu der Pinie hin, wo das Bildnis des Pan aufgestellt war, bockfüßig und gehörnt, in der einen Hand die Syrinx, in der andern einen springenden Bock; und kniete auch vor diesem nieder und betete für Chloe, und gelobte, ihm einen Bock zu opfern. Und schon neigte sich die Sonne zum Untergang, als er endlich von Beten und Weinen rastete. Da nahm er das Laub, das er gehauen hatte, zusammen, und kehrte zu den Ställen zurück und wandelte Lamons und seines Weibes Trauer in Freudigkeit um; dann genoß er einige Nahrung und überließ sich dem Schlafe, der aber auch nicht ohne Tränen war. Denn er wünschte die Nymphen wiederum im Traume zu sehen; auch daß schnell der Tag kommen möchte, wünschte er, wo sie ihm Chloe verheißen hatten. Nie hatte ihm eine Nacht länger geschienen. Während dieser Nacht aber trug sich folgendes zu.

Die Flotte der Methymnäer hatte sich etwa zehn Stadien weit entfernt, als der Führer beschloß, den von ihrem Feldzug ermüdeten Kriegern eine Erholung zu gönnen. Daher ließ er bei einem Vorgebirge, das sich mondförmig in das Meer erstreckte und eine Bucht bildete, in welcher das Meer ruhiger als in einem Hafen lag, die Schiffe auf der Reede Anker werfen, so daß die Landleute keines vom Ufer aus beschädigen konnten und verstattete seinen Methymnäern den Genuß einer friedlichen Ergötzlichkeit. Da sie nun durch den Raub Überfluß an allem hatten, begingen sie trinkend und scherzend eine Art von Siegesfest. Als aber der Tag zu Ende ging, und die Lust in anbrechender Nacht erlosch, da schien plötzlich das ganze Land in Feuer zu stehen, und ein Geräusch ward vernommen wie heftiges Ruderschlagen, als ob ein gewaltiges Geschwader nahte. Da schrie einer dem Feldherrn zu, die Waffen zu ergreifen; einer rief dem andern; einer glaubte auch verwundet zu sein, und einer lag wie tot auf dem Boden. Man hätte meinen sollen, es werde eine nächtliche Schlacht geliefert, ohne daß Feinde zugegen waren.

Auf eine solche Nacht folgte ihnen ein Tag, der noch furchtbarer war als die Nacht. Die Böcke von der Herde des Daphnis und die Ziegen hatten traubigen Efeu um die Hörner; Chloes Widder und Schafe aber heulten den Wölfen gleich. Sie selbst erschien mit einem Fichtenzweig bekränzt. Auch auf dem Meere begaben sich seltsame Zeichen. Die Anker blieben in der Tiefe, wenn man sie aufzuwinden versuchte; die Ruder zerbrachen, wenn man sie in das Wasser senkte; und Delphine sprangen auf aus dem Meer, schlugen mit den Schwänzen gegen die Schiffe und lösten ihre Fugen auf. Auch wurde von dem schroffen Felsen herüber, der über dem Vorgebirge lag, der Ton der Syrinx vernommen; aber nicht erfreulich klang er wie die Syrinx, sondern schreckte die Hörenden, wie die Trompete. Bestürzung ergriff sie, und sie eilten zu den Waffen und riefen die Feinde an, die nicht sichtbar waren, so daß sie die Nacht zurückwünschten, von der sie Frieden erwarteten. Soviel erkannten nun bei diesen Vorfällen alle, die gesunden Sinnes waren, daß diese Trugbilder und Stimmen ein Werk des Pan wären, der den Schiffern zürne. Die Ursache aber konnten sie nicht erraten; denn kein Heiligtum des Pan war beraubt worden; bis um die Mittagszeit, nicht ohne göttliche Schickung, der Feldherr in Schlaf fiel, den Pan erblickte und folgendes von ihm vernahm:

»O ihr aller Menschen Ruchloseste und Gottvergessenste, wie habt ihr rasenden Sinnes solchen Frevel begangen? Ihr habt über Fluren, die ich liebe, den Krieg zu verbreiten gewagt, ihr habt Herden von Rindern und Ziegen und Schafen, die unter meiner Obhut stehen, hinweggetrieben, ihr habt von den Altären eine Jungfrau weggerissen, aus welcher Eros eine Geschichte der Liebe machen will; und weder die Blicke der Nymphen habt ihr gescheut, noch mich, den Pan. Ihr werdet Methymna nicht wieder sehen, wenn ihr mit solcher Beute schifft, noch werdet ihr dieser Syrinx entrinnen, die euch mit Schrecken erfüllt hat; sondern ich werde euch in die Fluten versenken und den Fischen zum Futter geben, wenn du nicht auf das schleunigste Chloe den Nymphen zurückgibst und Chloes Herden, die Ziegen wie die Schafe. Auf denn, und schiffe das Mädchen aus mit dem, was ich gesagt habe. Dann werd' ich dich geleiten auf deiner Fahrt und jene auf ihrem Wege.«

In großer Bestürzung sprang Bryaxis – dies war des Feldherrn Name – auf, rief die Befehlshaber der Schiffe zusammen und befahl ihnen, auf das schleunigste unter den Gefangenen Chloe aufzusuchen. Sie fanden sie schnell und führten sie zu ihm; denn sie saß mit dem Fichtenzweige bekränzt; und da er auch hierin eine Bestätigung seines Traumgesichtes sah, brachte er sie auf seinem eigenen Schiffe an das Land. Und kaum war sie ausgestiegen, als wiederum der Ton der Syrinx von dem Felsen her vernommen wurde, aber nicht mehr kriegerisch und furchtbar, sondern hirtlich, wie der Ton, der die Herden zur Weide führt. Auch eilten die Schafe die Schiffstreppe hinab, ohne auf dem Horne ihrer Klauen auszugleiten, und noch weit kecker die Ziegen, weil sie auf Felsen zu klettern gewohnt sind.

Diese umringten nun Chloe wie ein Chor, hüpfend und blökend, wie von Freude belebt; die Ziegen der andern Hirten aber, und die Schafe und die Rinderherden blieben an ihrer Stelle im Schiffsraum, als ob die Gesangweise sie nichts anginge. Indem nun alle voll Staunens waren und den Pan mit lauter Stimme priesen, zeigte sich auf beiden Elementen noch Wunderbareres. Die Schiffe der Methymnäer begannen ihren Lauf, ehe die Anker aufgewunden waren, und ein Delphin tauchte aus dem Wasser auf und zog vor dem Schiffe des Feldherrn her; die Ziegen und Schafe aber führte der süßeste Flötenton, den Flötenden aber sah niemand, und die Schafe und Ziegen bewegten sich vorwärts und weideten zugleich, durch die Töne erfreut.

Bild auf Seite 99

... Es war etwa die Zeit der andern Weide, als Daphnis von einer hohen Warte herab die Herden und Chloe erblickte und mit dem lauten Rufe »O Nymphen und Pan!« in die Ebene hinablief und Chloe umarmend leblos niedersank ...

Illustration von Gérard

Es war etwa die Zeit der andern Weide, als Daphnis von einer hohen Warte herab die Herden und Chloe erblickte und mit dem lauten Rufe »O Nymphen und Pan!« in die Ebene hinablief und Chloe umarmend leblos niedersank. Langsam kehrte er durch Chloes Küsse und Umarmungen in das Leben zurück und begab sich dann mit ihr zu der gewohnten Buche, und unter dem Stamme sitzend fragte er sie, wie sie so vielen Feinden entronnen sei? Sie aber erzählte ihm alles, von dem Efeu der Ziegen, dem Heulen der Schafe, dem Fichtenkranz, der ihrem Haupte entblüht war, dem Feuer auf dem Lande, dem Getöse auf dem Meere, der zwiefachen Weise der Flöte, der kriegerischen wie der friedlichen, der furchtbaren Nacht, und wie ihr auf unbekanntem Wege die Musik zur Führerin gedient habe. Daphnis erkannte die Träume der Nymphen und die Werke Pans und erzählte auch seinerseits, was er gesehen, was er gehört hatte, und wie die Nymphen ihn, als er habe sterben wollen, in das Leben zurückgerufen. Dann schickte er sie fort, um den Dryas und Lamon, und was zum Opfer nötig war, zu holen; er selbst aber ergriff während dieser Zeit die schönste der Ziegen, kränzte sie mit Efeu, so wie sie sich den Feinden gezeigt hatten, goß Milch auf ihre Hörner und opferte sie den Nymphen; dann hing er sie auf, häutete sie und weihte die Haut.

Bild auf Seite 103

... dann, nach gespendetem Wein und Anrufung des Gottes, opferten sie den Bock, hingen ihn auf und häuteten ihn; und nachdem sie das Fleisch geröstet und gesotten hatten, legten sie es zunächst auf die Wiese, auf Blätter; die Haut aber mit den Hörnern hefteten sie an die Pinie ...

Illustration von Gérard

Als sich jetzt Chloe mit ihren Begleitern eingefunden, zündete er Feuer an und kochte einiges von dem Fleische, anderes röstete er, weihte dann den Nymphen die Erstlinge und einen Mischkrug voll Most; häufte Laub zum Lager auf und freute sich beim Mahl, beim Trank und frohem Scherz; zugleich aber sah er nach den Herden, damit nicht der Wolf sie überfiele und Taten der Feinde verübte. Auch sangen sie Lieder auf die Nymphen, Werke alter Hirten. Als die Nacht kam, legten sie sich dort auf dem Felde nieder, und am folgenden Tage gedachten sie des Pan. Sie bekränzten einen der Böcke, den Führer der Herde, mit Fichtenzweigen und führten ihn zu der Pinie; dann, nach gespendetem Wein und Anrufung des Gottes, opferten sie den Bock, hingen ihn auf und häuteten ihn; und nachdem sie das Fleisch geröstet und gesotten hatten, legten sie es zunächst auf die Wiese, auf Blätter; die Haut aber mit den Hörnern hefteten sie an die Pinie neben dem Bilde, ein ländliches Weihgeschenk dem ländlichen Gotte. Auch schnitten sie ihm von dem Fleische ab und spendeten aus einem größern Mischkrug. Chloe sang, Daphnis flötete.

Nach vollbrachtem Opfer legten sie sich nieder und aßen; da trat zufällig der Rinderhirt Philetas zu ihnen, welcher dem Pan einige Kränze brachte und Trauben, noch an den Blättern und an den Reben fest. Ihm folgte der jüngste seiner Söhne, Tityrus, ein lichtblondes Knäblein und blauen Auges, auch weiß von Farbe und keck; leicht einherspringend, wie ein Böckchen hüpft. Sie sprangen also vom Lager auf, halfen den Pan bekränzen und hingen die Reben an dem Gezweig der Pinie auf; dann luden sie ihn an ihre Seite ein und machten ihn zum Genossen des Mahls. Und nun, nach zechender Greise Art, sprachen sie viel miteinander; wie sie in ihrer Jugend geweidet und vielen Überfällen der Räuber entronnen waren. Der eine rühmte sich, daß er einen Wolf getötet; der andere, daß er nur dem Pan im Flötenspiel nachstehe; und diesen Ruhm eignete Philetas sich zu.

Da boten nun Daphnis und Chloe alles auf, ihn zu erbitten, daß er auch ihnen etwas von seiner Kunst gönne und die Syrinx tönen lasse bei dem Feste des Gottes, der sich der Syrinx freut. Philetas sagt es zu, ob er gleich das atemlose Alter schalt, und nahm die Syrinx des Daphnis in die Hand. Diese aber war für so große Kunst zu klein; denn nur für eines Knaben Mund war sie gemacht. Er schickt also den Tityrus um die eigene Syrinx nach seinem Hause, das zehn Stadien entfernt war. Jener warf seinen Schurz ab und lief nackt dahin wie ein Reh; Lamon aber erbot sich, ihnen das Märchen von der Syrinx zu erzählen, das ihm einst ein sizilischer Ziegenhirt für einen Bock und eine Syrinx gesungen hatte.

»Diese Syrinx, das Instrument, war kein Werkzeug, sondern eine schöne gesangreiche Jungfrau. Sie weidete Ziegen, scherzte mit den Nymphen und sang wie jetzt. Als sie nun weidete, scherzte, sang, trat Pan zu ihr hin und wollte sie bereden zu dem, was er wünschte, und verhieß ihr, allen ihren Ziegen zwiefache Junge zu verleihen. Sie aber spottete seiner Liebe und sagte, sie begehre einen Liebhaber nicht, der weder ein Bock, noch ein ganzer Mensch sei. Da schickte er sich an zur Gewalt; und Syrinx floh den Pan und seine Gewalt; fliehend, ermüdet, verbirgt sie sich in dem Röhricht und verschwindet in einen Sumpf untertauchend. Zornig schneidet Pan das Rohr, und da er die Jungfrau nicht findet und ihr Schicksal gewahrt, ersinnt er dies Instrument und verbindet ungleiche Rohre mit Wachs, um zu bezeugen, daß ihre Liebe ungleich gewesen war; und sie, vordem eine schöne Jungfrau, ist jetzt eine tönende Syrinx.«

Eben hatte Lamon die Erzählung geendigt, und Philetas lobte ihn, daß seine Geschichten süßer tönten als Gesang, da trat Tityrus zu ihnen mit der Syrinx seines Vaters, einem großen Instrument und aus großen Rohren zusammengesetzt, und wo sie mit Erz verbunden war, wies sie bunten Schmuck auf. Man hätte mutmaßen können, es sei dieselbe, welche Pan zuerst gefügt hatte. Da erhob sich Philetas und setzte sich aufrecht auf seinem Sitze und prüfte zuerst die Rohre, ob sie leicht ansprächen: dann, als er sah, daß der Hauch sie ungehindert durchlief, blies er stark und kräftig hinein. Man hätte glauben sollen, ein Konzert mehrerer Flöten zu hören; so laut war sein Spiel. Allmählich aber milderte er die Kraft des Tones und gab ihm größere Lieblichkeit; und indem er jegliche Kunst musikalischer Hirtenart zeigte, flötete er, wie es sich für Rinderherden paßt, wie es Ziegen angemessen ist, wie es die Schafe lieben. Lieblich war der Ton für die Schafe, stark für die Rinder, durchdringend für die Ziegen, kurz, alle Syringen ahmte die eine Syrinx nach.

Die andern lagen daher in schweigendem Ergötzen; Dryas aber stand auf und verlangte eine bacchische Weise und tanzte ihnen einen Winzertanz. Bald glich er einem, der Trauben abliest, bald einem, der Körbe trägt, dann dem, der Trauben tritt, dann dem, der die Fässer füllt, dann dem, der von dem Moste trinkt. Dies alles tanzte Dryas mit solcher Geschicklichkeit, daß man die Weinstöcke sah und die Kelter und die Fässer, und Dryas in Wahrheit zu trinken schien.

Nachdem also dieser dritte Greis großes Lob durch seinen Tanz geerntet, küßte er Chloe und Daphnis; und diese erhoben sich sogleich und tanzten Lamons Geschichte nach. Daphnis stellte den Pan, Chloe die Syrinx dar. Er flehte um Erhörung; sie aber verlachte ihn mit verschmähender Gebärde. Er verfolgte sie und lief auf den Fußzehen, die Bocksklauen nachahmend; sie aber stellte sich ermüdet von der Flucht. Dann verbarg sich Chloe im Gebüsch, wie in dem Sumpf; Daphnis aber nahm des Philetas Syrinx, die große, und stimmte klagende Töne an, als sprach' er von Liebe; zärtliche, als wollt' er sie bereden; zurückrufende, als suche er sie; so daß Philetas voll Bewunderung aufsprang und ihn küßte und nach dem Kusse ihm die Syrinx schenkte, mit dem Wunsche, daß auch Daphnis sie einem ähnlichen Erben hinterlassen möchte. Dieser aber weihte die eigene Syrinx, die kleine, dem Pan, küßte Chloe, als sei sie von ihm nach einer wirklichen Flucht gefunden und trieb die Herde flötend weg.

Da es schon Nacht geworden war, rief auch Chloe die Herde mit der Syrinx zusammen und trieb sie weg; und die Ziegen gingen neben den Schafen her und Daphnis an Chloes Seite. So genossen sie einander bis in die Nacht und kamen überein, am nächsten Morgen die Herden früher auszutreiben; und so taten sie auch. Denn kaum war der Tag angebrochen, so kamen sie auf die Weide. Hier beteten sie erst zu den Nymphen; dann zum Pan, setzten sich dann unter die Eiche und flöteten; dann küßten sie sich, umarmten sich, legten sich nieder; und ohne etwas weiter getan zu haben, standen sie auf. Auch trugen sie Sorge für Speise und tranken Wein, den sie mit Milch gemischt hatten.

Durch dieses alles wärmer und dreister geworden, gerieten sie zusammen in einen Liebesstreit, und allmählich kam es zu Schwüren der Treue. Daphnis trat zu der Pinie hin und schwor beim Pan, nie allein ohne Chloe zu leben, auch nicht einen Tag; Chloe aber begab sich in die Grotte und schwur bei den Nymphen, Leben und Tod mit Daphnis zu teilen. So groß aber war Chloes mädchenhafte Einfalt, daß, als sie aus der Grotte trat, sie einen zweiten Schwur von ihm verlangte. »O Daphnis«, sagte sie, »Pan ist ein verliebter und ungetreuer Gott; er hat die Pitys geliebt, er hat die Syrinx geliebt; nie hört er auf, die Dryaden zu plagen und den Epimelischen NymphenWahrscheinlich auch eine Art der Dryaden, wie die Meliä. S. zu 111,23. Nach andern, Beschützerinnen der Herden. S. Becker, Anecdota. I. p. 17, 7. Händel zu machen. Kümmerst du dich also nicht um deinen Schwur, so wird er sich auch nicht kümmern, dich zu strafen, wenn du dich auch zu mehr Weibern hieltest, als die Syrinx Rohre hat. Schwöre du mir also bei dieser Herde und bei jener Ziege, die dich genährt hat, Chloe nicht zu verlassen, solange sie dir die Treue bewahrt; wenn sie aber gegen dich und die Nymphen sündigt, dann fliehe, hasse, töte sie wie einen Wolf.« Daphnis freute sich ihres Mißtrauens, stellte sich dann mitten in die Herde, faßte mit der einen Hand eine Ziege, mit der andern einen Bock und schwur, Chloe zu lieben, solange sie liebte, und wenn sie dem Daphnis einen andern vorzöge, statt ihrer sich selbst zu töten. Da freute sie sich und traute ihm als Mädchen und als Hirtin, weil sie Ziegen und Schafe für der Schäfer und Ziegenhirten eigentliche Götter hielt.

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