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Daphnis und Chloe

Longos von Lesbos: Daphnis und Chloe - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLongus
titleDaphnis und Chloe
publisherKurt Desch, Mnchen
yearca. 1945
firstpub1838
translatorFriedrich Jacobs
noteneu bearbeitet von Hanns Floerke
senderreuters@abc.de
created20060312
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Erstes Buch
Bild: Erstes Buch

Erstes Buch

Auf Lesbos liegt eine Stadt, Mitylene, groß und schön. Kanäle durchschneiden sie, in welche das Meer einströmt, überspannt durch schmucke Brücken von weißem und geglättetem Gestein. Du wirst glauben, nicht eine Stadt, sondern eine Gruppe von Eilanden zu sehen. Von dieser Stadt Mitylene also etwa zweihundert Stadien entfernt lag das Gut eines reichen Mannes, ein herrlicher Besitz; wildnährende Berge, saatschwere Felder, Hügel mit Reben, Weiden mit Herden bedeckt, und die Meerflut spülte an den weißen Sand der langgestreckten Küste an.

Auf dieser Flur seine Herde weidend, fand ein Ziegenhirt, Lamon genannt, ein Knäblein von einer Ziege genährt. Ein Wald war hier und ein Dickicht von Dorngebüsch, und schweifender Efeu und weiches Gras, auf dem das Knäblein lag. Hierher lief die Ziege unaufhörlich und wurde oft unsichtbar und weilte, ihres Zickleins vergessend, bei dem Kinde. Da belauerte Lamon, den das vernachlässigte Böckchen jammerte, ihre Gänge, und als die Sonne im Mittag stand, verfolgte er die Spur der Ziege und sah sie mit vorsichtig gespreizten Beinen über dem Kinde stehen, um ihm mit den Klauen keinen Schaden zu tun; das Kind aber trank, wie aus mütterlicher Brust, die zuströmende Milch. Verwundert, wie man glauben kann, tritt er näher und findet ein Knäblein, so groß als schön, mit Beigaben, die auf etwas Besseres als auf das Los der Aussetzung deuteten. Denn eine purpurne Chlamys war hier und eine goldene Spange und ein kleines Schwert mit einem schimmernden Elfenbeingriffe.

Bild auf Seite 13

... tritt er näher und findet ein Knäblein so groß als schön ...

Zuerst nun gedachte der Hirt, die Erkennungszeichen allein wegzutragen, ohne das Kind zu kümmern; dann aber Scham über ihn, daß er nicht einmal so viel Menschlichkeit zeigen sollte als eine Ziege, und er wartete die Nacht brachte alles zu seinem Weibe Myrtale, die Erkennungszeichen, das Knäblein und die Ziege selbst. Als diese nun staunte, daß Ziegen auch Kinder zur Welt brächten, erzählte er ihr alles, wie wie er es ausgesetzt gefunden, wie er es genährt gesehen, wie er sich geschämt habe, es dem Tode zur Beute zu lassen. Da gab sie nun auch ihre Zustimmung; sie verbergen, was sich bei ihm gefunden hatte, nennen das Kind das ihrige und überlassen der Ziege seine Ernährung. Damit aber auch der Name des Knäbleins hirtenmäßig schiene, beschlossen sie, es Daphnis zu nennen.

Schon waren zwei Jahre verflossen, als ein auf der angrenzenden Flur weidender Schäfer, Dryas genannt, ebenfalls zu einem gleichen Fund und Anblick kam. Eine Grotte der Nymphen war hier, ein großer Fels, inwendig hohl, von außen gerundet. Die Bilder der Nymphen selbst waren von Stein gefertigt, die Füße unbeschuht, die Arme bis zu den Schultern nackt, das Haar bis zum Nacken aufgelöst, ein gürtender Bund um die Hüfte, Lächeln um die Augenbrauen; die ganze Haltung als ob sie einen Reigentanz aufführten. Innerhalb der Grotte, in des großen Felsens Mitte, war eine Quelle. Aus dieser Quelle sprudelte Wasser auf, das sich zu einem Bache ergoß, so daß sich auch eine gar anmutige Wiese vor der Grotte hinbreitete, indem vieles und weiches Gras von dem unversieglichen Nasse genährt ward. Auch waren hier Milchgefäße und Querpfeifen und Panflöten und Rohre aufgestellt, Weihgeschenke der bejahrten Hirten.

Zu diesem Heiligtum begab sich häufig ein Schaf, das kürzlich geworfen hatte, und oft meinte man, daß es verloren sei. Um es zu züchtigen und zur früheren Ordnung zurückzubringen, bog Dryas eine grüne Weide wie eine Schlinge zusammen und begab sich zu dem Felsen hin, wo er es zu fangen meinte; als er aber hinzutrat, sah er nicht, was er zu sehen gehofft hatte, sondern das Schaf, das recht nach menschlicher Weise sein Euter darbot zum reichlichen Genusse der Milch, und das Kind, das lautlos und begierig bald die eine, bald die andere Zitze mit dem reinen, blühenden Munde faßte, denn das Schaf leckte mit liebreicher Zunge des Kindes Angesicht, wenn es der Nahrung genug hatte. Das Kind war weiblichen Geschlechts, und auch ihm waren Erkennungszeichen beigegeben, eine golddurchwirkte Mitra, übergoldete Schuhe und goldne Beinspangen.

In diesem Funde glaubte der Hirt etwas Göttliches zu erkennen, und von dem Schafe gelehrt, Mitleiden gegen das Kind und Liebe zu fühlen, nimmt er das Mägdlein auf den Arm, verwahrt die Erkennungszeichen in der Hirtentasche und betet zu den Nymphen um Segen für die Erziehung ihres Schützlings. Und da es bereits an der Zeit war, die Herde wegzutreiben, geht er in seine Hütte, erzählt seinem Weibe, was er gesehen, zeigt ihr, was er gefunden, ermahnt sie, das Kind als ihr Töchterchen zu betrachten und aufzuziehen und niemand den wahren Sachverhalt zu offenbaren. Sogleich war Nape – denn dies war ihr Name – Mutter des Kindes und liebte es nicht anders, als ob sie fürchtete, von dem Schafe übertroffen zu werden, und gab ihm, ebenfalls zur Bestätigung der Sache, den Hirtennamen Chloe.

Diese Kinder wuchsen nun schnell und kräftig heran, und es gab sich eine Schönheit an ihnen kund, die ihren bäuerlichen Stand weit übertraf. Schon hatte der Knabe fünfzehn Jahre, das Mägdlein zwei weniger, als Dryas und Lamon in einer Nacht folgenden Traum sahen. Es schien ihnen, jene Nymphen der Grotte, wo die Quelle sprudelte und Dryas das Mädchen gefunden hatte, übergäben den Daphnis und Chloe einem raschen und schönen Knaben, welcher Flügel an den Schultern hatte und kleine Pfeile und einen kleinen Bogen führte; dieser Knabe berühre beide mit einem Pfeil und geböte ihnen, von nun an auf die Weide zu treiben, Daphnis die Ziegen, Chloe die Schafe. Diesen Traum sahen die Hirten, und es betrübte sie, daß auch diese Kinder Ziegen- und Schafhirten werden sollten, denen die mitgegebenen Erkennungszeichen ein besseres Los verhießen, weshalb sie auch mit zarterer Kost genährt und im Lesen unterwiesen wurden, und was sonst auf dem Lande als etwas Besonderes galt. Doch meinten sie an den Schützlingen der Götter das Gebot der Götter vollziehen zu müssen. Und nachdem sie einander ihren Traum mitgeteilt und dem geflügelten Knaben bei den Nymphen – denn seinen Namen wußten sie nicht zu nennen – geopfert hatten, schickten sie die Kinder als Hirten mit den Herden hinaus, über alles sie belehrend, wie man weiden müsse vor der Mittagszeit, und wie beim Nachlassen der Tageshitze; wann die Zeit der Tränke, und wann die Stunde, sie in die Hürde zu treiben, sei; wo sie den Hirtenstab anzuwenden hätten, und wo die Stimme allein. Sie aber übernahmen die Herden so freudig wie eine große Herrschaft und liebten die Ziegen und die Schafe mehr, als der Hirten Gebrauch ist; sie, weil sie den Schafen ihre Erhaltung verdankte, er, weil er nicht vergaß, daß ihn als ausgesetztes Kind eine Ziege genährt hatte.

Der Lenz begann, und alle Blumen entfalteten sich in den Wäldern, auf den Wiesen und in den Bergen. Da tönte das Summen der Bienen und die Stimme gesangreicher Vögel durch die Luft, und die neugeborenen Lämmer sprangen. Die Lämmer hüpften auf den Bergen, auf den Wiesen summten die Bienen, die Vögel erfüllten das Gebüsch mit Gesang. Und während solche Frühlingslust überall herrschte, ahmte das junge und zarte Paar, was sie hörten und sahen, nach. Wenn sie die Vögel singen hörten, sangen sie; wenn sie die Lämmer springen sahen, sprangen sie leichten Fußes; auch den Bienen ahmten sie nach und sammelten Blumen, und einige steckten sie an die Brust, andere flochten sie zu Kränzen und brachten sie den Nymphen dar.

Sie taten aber alles gemeinschaftlich; denn sie hüteten nah beieinander. Oft trieb Daphnis die verirrten Schafe zusammen; oft auch jagte Chloe die dreisteren Ziegen von den Klippen herab. Auch wachte manchmal eines über beide Herden, während das andre emsig bei seinem Spielwerk war. Ihre Spielwerke aber waren hirtlich und kindlich. Sie sammelte, wenn sie das Haus verlassen, Halme und flocht ein Grillenhäuschen, und bei solcher Beschäftigung vergaß sie die Herde; er aber schnitt zarte Rohre, und nachdem er sie zwischen den Knoten durchbohrt und mit weichem Wachse zusammengefügt hatte, übt' er sich im Flöten bis in die Nacht. Oft auch genossen sie Milch und Wein gemeinschaftlich und teilten die Speisen, die sie von Hause mitgebracht hatten; und eher hätte man die Schafe und Ziegen voneinander getrennt gesehen, als Chloe und Daphnis.

Indem sie auf solche Weise spielten, verursachte ihnen Eros eine ernste Sorge. Eine Wölfin, welche Junge hatte, raubte auf den benachbarten Fluren oft von andern Herden, denn sie bedurfte viel Futter zur Nahrung ihrer Brut. Die Landleute kamen also bei Nacht zusammen und machten Gruben, einen Klafter in der Breite und vier in der Tiefe. Die ausgehobene Erde trugen sie weit weg und verstreuten sie größtenteils, legten dann lange, trockene Hölzer über die Öffnung und streuten die übrige Erde darauf, so daß die Grube dem ursprünglichen Boden glich; wenn aber nur ein Hase darüber lief, brachen die Hölzer, die schwächer als Strohhalme waren, und dann ward man inne, daß es nicht Erde war, sondern ein Schein von Erde. Solcher Gruben machten sie viele, teils auf den Bergen, teils auf den Feldern; doch glückte es ihnen nicht, die Wölfin zu fangen – denn sie merkte die List –, aber viele Ziegen und Schafe verunglückten und auch Daphnis fast auf folgende Weise.

Zwei hitzige Böcke waren in Kampf geraten. Bei einem gewaltsamen Stoße wird dem einen das Horn gebrochen, und blökend ergreift er in seinem Schmerze die Flucht. Der Sieger aber folgt ihm auf dem Fuße nach und läßt ihm keine Ruhe. Ärgerlich über das abgebrochene Horn und über die Keckheit des Siegers ergreift Daphnis einen Stock und den Hirtenstab und verfolgt den Verfolgenden. Während nun dieser flieht, jener ihn zornig verfolgt, achtet keiner genau auf das, was vor den Füßen war, sondern beide stürzen in eine der Gruben, der Bock voraus und Daphnis ihm nach. Dies rettete den Knaben, daß ihm der Bock beim Sturze als Träger diente. Hier harrte er nun weinend, daß jemand käme und ihn herauszöge; Chloe aber, die den Vorgang gesehen hatte, eilt zu der Grube, und da sie inne wird, daß er lebt, ruft sie einen Rinderhirten der nächsten Flur zur Hilfe herbei. Dieser kam und suchte nach einem langen Seil, um ihn daran herauszuziehen. Ein Seil war nun nicht zur Hand; Chloe aber löste die Kopfbinde ab und gab sie dem Hirten, um sie hinabzulassen. Und so standen diese am Rande und zogen, und Daphnis kam herauf, indem er dem Zuge der Binde mit den Händen folgte. Dann zogen sie auch den unglücklichen Bock herauf, dem beide Hörner zerschellt waren; denn eine solche Rache des besiegten Bockes hatte ihn getroffen! Ihn schenkten sie dem Hirten zum Lohne, um ihn zu opfern, und wenn er zu Hause vermißt würde, wollten sie einen Überfall der Wölfe vorgeben. Dann kehrten sie selbst zurück, um nach ihren Schafen und Ziegen zu schauen, und da sie alle in guter Ordnung weideten, so die Ziegen wie die Schafe, setzten sie sich an einem Eichstamm nieder und sahen sorgsam nach, ob nicht Daphnis im Fall irgendeinen Teil seines Leibes blutig verletzt hätte. Verletzt aber war nichts, auch nichts war blutig; aber mit Schmutz und Erde war sein Haar bedeckt und der übrige Leib. Daher beschloß er, sich reinzuwaschen, ehe Lamon und Myrtale den Vorfall inne würden.

Wie er nun mit Chloe zu dem Heiligtume der Nymphen kam, in dem die Quelle sprudelte, gab er ihr sein Gewand und die Hirtentasche zu halten, er selbst aber trat zur Quelle hin und wusch sich das Haar und den ganzen Körper ab. Das Haar war schwarz und stark, der Leib aber von der Sonne gedunkelt. Man hätte mutmaßen können, er sei von dem Schatten des Haares gefärbt; Chloes Augen aber schien Daphnis schön, und da ihr seine Schönheit vordem nicht zum Bewußtsein gekommen war, hielt sie das Bad für die Ursache der Schönheit. Und als sie den Rücken ihm abwusch, bemerkte sie das weiche Fleisch, so daß sie sich selbst unvermerkt öfter berührte, um zu versuchen, ob er wohl zarter sei. Und für jetzt trieben sie die Herden nach Hause, denn die Sonne neigte sich zum Untergang; und Chloe fühlte nichts Ungewöhnliches, außer daß sie wünschte, den Daphnis wiederum baden zu sehen. Am folgenden Tage aber, da sie auf die Weide gekommen waren, setzte sich Daphnis unter die gewohnte Eiche und flötete und sah zugleich auf die Ziegen hin, die gelagert waren und seinen Tönen zu horchen schienen; Chloe aber saß in seiner Nähe und sah zwar auch auf die Herde der Schafe, mehr aber noch auf Daphnis hin. Und wie sie ihn so flöten sah, schien er ihr wiederum schön, und diesmal hielt sie die Musik für die Ursache der Schönheit, daher sie nach ihm auch selbst zur Syrinx griff, ob sie wohl ebenfalls schön würde. Sie beredete ihn aber auch wiederum zu baden und sah ihm beim Baden zu und berührte ihn, indem sie ihn ansah, und als sie wieder fortging, lobte sie seine Schönheit, und dieses Lob war der Liebe Anfang. Was ihr aber widerfuhr, wußte sie nicht, denn sie war jung und in ländlicher Unwissenheit aufgewachsen, und nicht einmal von andern hatte sie den Namen der Liebe gehört. Mißmut beherrschte ihre Seele; der Augen war sie nicht Herr und oft sprach sie von Daphnis. Nahrung verabsäumte sie, bei Nacht wachte sie, die Herde verachtete sie, bald lachte, bald weinte sie, bald schlief sie, bald sprang sie auf, ihr Angesicht ward blaß und wiederum von Erröten glühend. Kein Rind, von der Bremse gestochen, hat solche Not. Einmal kam ihr auch, als sie allein war, folgende Rede in den Sinn:

»Ich bin jetzt krank; was aber meine Krankheit ist, weiß ich nicht. Ich fühle Schmerzen und habe doch keine Wunde; ich bin traurig, und doch ist mir keines meiner Schafe verlorengegangen. Ich glühe, und sitze doch in so dichtem Schatten. Wie viele Dornen haben mich oft verwundet, und ich habe nicht geweint; wie viele Bienen haben mich ihren Stachel fühlen lassen, und doch hab' ich Nahrung genossen! Das also, was mir das Herz sticht, ist bitterer als alles das. Daphnis ist schön, auch die Blumen sind es; schön tönt seine Syrinx; aber auch die Stimme der Nachtigallen: dennoch frag' ich nach jenen nichts. Möchte ich doch seine Syrinx sein, damit ich seinen Hauch aufnähme! Möchte ich eine Ziege sein, um von ihm geweidet zu werden! O schlimmes Wasser! nur ihn hast du schön gemacht; ich aber habe mich umsonst gebadet. Ich sterbe, geliebte Nymphen, und auch ihr rettet die Jungfrau nicht, die bei euch genährt worden ist. Wer wird euch kränzen, wenn ich nicht mehr bin? Wer wird die unglücklichen Lämmer füttern? Wer wird die plaudernde Grille pflegen, die ich mit so vieler Mühe gefangen habe, daß sie mich zirpend bei der Grotte einsinge? Jetzt aber flieht mich der Schlaf um Daphnis willen, und sie plaudert umsonst.«

Solcher Art war ihr Zustand, solcher Art ihre Reden, indem sie den Namen der Liebe suchte. Dorkon aber, der Rinderhirt, der den Daphnis und den Bock aus der Grube gezogen hatte, ein Jüngling mit Flaum um das Kinn, der die Werke der Liebe und auch ihren Namen kannte, hatte sogleich von jenem Tag an Liebe für Chloe gefühlt; nach mehreren Tagen aber entbrannte er noch mehr, und da er den Daphnis als einen Knaben gering schätzte, beschloß er, durch Gaben oder durch Gewalt zu seinem Ziele zu gelangen. Da bracht' er ihnen denn zuerst Geschenke, ihm eine Syrinx von neuen Rohren, mit Erz verbunden statt des Wachses; ihr aber eine Bacchische NebrisDie buntgefleckte Haut des Hirschkalbes, des Bacchus und der Bacchanten Bekleidung., die wie mit Flecken gemalt war. Wie er nun von dieser Zeit an für einen Freund galt, vernachlässigte er allmählich den Daphnis; Chloe aber brachte er Tag für Tag bald einen zarten Käse, bald einen blumenreichen Kranz, bald einen schönen Apfel; einstmals brachte er ihr auch ein Wildkalb, auf dem Gebirg geboren, und einen vergoldeten Becher und Nestlinge der Vögel des Waldes. Sie aber, unkundig der Kunst des Liebenden, freute sich des Empfangs der Gaben; mehr aber noch freute sie sich, daß sie nun selbst etwas dem Daphnis zu schenken hatte. Jetzt sollte nun auch Daphnis die Werke der Liebe kennenlernen, und es kam einst zwischen Dorkon und ihm zu einem Wettstreit über die Schönheit, und Chloe richtete, und der Preis des Siegers war Chloes Kuß. Dorkon sprach zuerst also:

»Ich, o Mädchen, bin größer als Daphnis; er ein Ziegenhirt, ich ein Rinderhirt, und so weit Rinder die Ziegen, so weit übertreff' ich ihn. Ich bin weiß wie Milch und goldgelb wie Ähren zur Erntezeit. Eine Mutter hat mich genährt, nicht ein Tier. Er aber ist klein und glattkinnig wie ein Weib und schwarz wie ein Wolf. Er weidet Böcke und riecht furchtbar nach ihnen. Auch arm ist er, so daß er nicht einmal einen Hund ernähren könnte. Wenn ihn aber, wie man sagt, eine Ziege gesäugt hat, so ist er in keinem Stück von einem Böckchen verschieden.«

Dies und ähnliches sagte Dorkon. Hierauf begann Daphnis: »Eine Ziege hat mich ernährt wie den Zeus. Ich weide allerdings Böcke, aber ich will sie größer machen als Dorkons Rinder sind; keineswegs aber rieche ich danach, so wenig als Pan, obgleich er zum größeren Teil ein Bock ist. Mir genügen der Käse und Obelusbrotαρτοσ οβελιασ, wahrscheinlich so von den spießartigen Hölzern benannt, auf denen es gebacken wurde. S. Böckh Staatshaush. I. S. 107. Anm. 442. und weißer Wein, was die Kost wohlhabender Landleute ist. Ich bin glatt um das Kinn gleich dem Dionysos; rotbraun wie auch die Hyazinthe; besser aber ist Dionysos als die Satyrn, und die Hyazinthe als Lilien. Er aber ist gelb wie der Fuchs, bärtig wie ein Bock und weiß wie ein Weib aus der Stadt. Und wenn du küssen sollst, so wirst du bei mir den Mund küssen, bei ihm die Haare am Kinn. Gedenke aber, o Jungfrau, daß dich ein Schaf gesäugt hat, und dennoch bist du schön.«

Jetzt zögerte Chloe nicht mehr, sondern erfreut durch das Lob und schon längst voll Verlangens, den Daphnis zu küssen, sprang sie auf und gab ihm einen Kuß, ungelehrt zwar und kunstlos, aber die Seele zu entflammen ganz geeignet. Dorkon aber eilte betrübt von dannen und suchte einen anderen Weg der Liebe, und Daphnis, als ob er nicht geküßt, sondern verwundet worden, ward alsbald schwermütig; er schauerte oft zusammen; das Herz klopfte ihm ungestüm, er sehnte sich Chloe zu sehen, und wenn er sie sah, bedeckte Röte sein Angesicht. Damals erst bewunderte er ihr Haar, daß es blond war, ihre Augen, daß sie groß waren, und ihr Angesicht, daß es in Wahrheit weißer war als die Milch der Ziegen, nicht anders, als habe er damals erst Augen bekommen und sei die Zeit vorher ihrer beraubt gewesen. Jetzt nahm er keine Nahrung mehr zu sich, sondern kostete nur davon; auch keinen Trank; und wenn er gezwungen wurde, netzte er nur den Mund damit. Vormals geschwätziger als die Grillen, wurde er schweigsam; sonst beweglicher als die Ziegen, ward er träge. Auch die Herde wurde verabsäumt; die Syrinx lag ungebraucht; blasser war sein Angesicht als dürres Gras im Sommer. Gegen Chloe allein war er gesprächig, und wenn er manchmal allein und getrennt von ihr war, sprach er ungefähr so zu sich selbst:

»Was tut mir nur Chloes Kuß? Ihre Lippen sind zarter als Rosen, ihr Mund süßer als Honigscheiben, ihr Kuß aber herber als der Stachel der Biene. Oftmals hab' ich Böckchen geküßt, oft auch küßt' ich junge Hunde und das Wildkalb, Dorkons Geschenk; aber dieser Kuß ist von neuer Art. Hastig drängt sich der Atem heraus, das Herz schlägt gewaltsam, meine Seele zerrinnt, und doch glühe ich danach, wieder zu küssen. O unseliger Sieg! O neue Krankheit, von der ich nicht einmal den Namen weiß. Hatte Chloe etwa Gift gekostet, ehe sie mich küßte? Warum starb sie denn also nicht? – Wie süß singen doch die Nachtigallen! aber meine Syrinx schweigt. Wie munter springen die Böckchen! und ich sitze müßig. Wie blühen die Blumen! und ich flechte keine Kränze. Das Veilchen und die Hyazinthe blühen. Daphnis aber welkt dahin. Wird es nicht einmal dahin kommen, daß Dorkon ihr wohlgestalter erscheint als ich?«

Auf solche Weise fühlte und sprach der gute Daphnis; denn zum ersten Male kostete er die Werke und Worte der Liebe. Dorkos aber, der Rinderhirt, der Liebhaber Chloes, benutzte die Zeit, als Dryas in der Nähe Weinsetzlinge legte, und trat zu ihm hin mit einigen ansehnlichen Käsen. Diese gab er ihm, mit dem ihn einst, als Dryas noch selbst hütete, Freundschaft verband, zum Geschenke, und nach diesem Eingange tat er Chloes Heirat Erwähnung und versprach, wenn er sie zum Weibe bekäme, viele und große Geschenke nach Maßgabe seines Vermögens als Rinderhirt: ein Joch Pflugochsen, vier Bienenstöcke, fünfzig junge Apfelstämme, eine Rindshaut, Schuhe daraus zu schneiden, und jährlich ein der Milch entwöhntes Kalb, so daß wenig fehlte, Dryas hätte ihm, durch die Geschenke bestochen, Chloes Ehe zugesagt. Er bedachte aber, daß das Mädchen einen bessern Gatten verdiene; und da er, wenn einst die Sache an den Tag käme, schlimme Folgen für sich fürchtete, versagte er ihm ihre Ehe, bat um Verzeihung und lehnte die verheißenen Gaben ab.

Als sich nun Dorkon in seiner zweiten Hoffnung getäuscht sah und umsonst seine guten Käse aufgeopfert hatte, beschloß er, sich Chloes mit Gewalt zu bemächtigen, wenn er sie allein fände. Und da er beobachtet hatte, daß sie einen Tag um den anderen die Herden zur Tränke führten, einmal Daphnis und einmal das Mädchen, ersann er eine List, die für einen Hirten paßte. Er nahm die Haut eines großen Wolfes, den einst ein Stier im Kampfe für seine Kühe mit den Hörnern getötet hatte, und zog sie sich über den Leib, so daß sie den Rücken bis zu den Füßen bedeckte. Die Vorderfüße breitete er über die Hände, die hinteren über seine Schenkel bis zu den Fersen aus, und der offene Rachen des Tiers bedeckte seinen Kopf wie der Helm eines Mannes in voller Rüstung; und nachdem er sich solchergestalt, so gut es möglich war, zum reißenden Tiere gemacht hatte, begab er sich an die Quelle, aus welcher die Ziegen und Schafe nach der Weide getränkt wurden. In einer tiefen Senkung der Erde war die Quelle, und um sie her war der ganze Platz mit Dornen und Busch und niedrigen Wacholdersträuchern und Disteln umwildert; leicht hätte sich dort auch ein wahrer Wolf im Hinterhalte versteckt. Hier verborgen erwartete Dorkon die Zeit der Tränke und hegte große Hoffnung, Chloe durch die Gestalt zu schrecken und dann mit seinen Händen zu greifen.

Wenige Zeit verging, und Chloe trieb die Herden zu der Quelle, während Daphnis zurückblieb, grünes Laubwerk abzuhauen als Futter den Böckchen nach der Weide. Die Hunde, der Schafe und Ziegen Wächter, folgten, und nach ihrer geschäftigen Weise umherspürend, gewahrten sie den Dorkon, als er sich zum Angriff auf das Mädchen regte, und mit furchtbarem Bellen stürzten sie auf ihn zu, wie auf einen Wolf, umringten ihn und fielen, eh' ihm die Bestürzung ganz aufzustehen erlaubte, mit ihren Zähnen in das Fell. Ein Weilchen nun und solange ihm das umhüllende Fell Schutz gewährte, blieb er, der Entdeckung sich schämend, still im Dickicht liegen; als aber Chloe im Schrecken des ersten Anblicks den Daphnis zum Beistand rief und die Hunde, nachdem sie das Fell abgerissen, ihm selbst auf den Leib rückten, fing er laut an zu jammern und beschwor das Mädchen und den Daphnis, der auch schon da war, ihm beizustehen. Die Hunde hatten sie schnell durch den gewohnten Zuruf besänftigt, den Dorkon aber, der in die Lenden und Schultern gebissen war, führten sie zur Quelle, wuschen ihm die Wunden aus, wo die Zähne gefaßt hatten, und breiteten grünen, weichgekauten Splint von Ulmen darauf. Unerfahren in Wagnissen der Liebenden, hielten sie die Umhüllung der Wolfshaut für einen Hirtenscherz, und ohne Zorn, ja mit tröstenden Worten führten sie ihn eine Strecke Weges und entließen ihn.

Nachdem er also mit genauer Not der Gefahr entgangen und, wie das Sprichwort sagt, aus dem Rachen, nicht des Wolfes, sondern des Hundes,Das Sprichwort εχ λυχου  στοματοσ, spielt auf die bekannte Fabel von dem Kranich und dem Wolfe an. gerettet war, pflegte Dorkon seine Wunden; Daphnis und Chloe aber hatten viele Mühe bis in die Nacht, die Ziegen und Schafe zu sammeln. Denn durch die Wolfshaut geschreckt und durch das Bellen der Hunde verschüchtert, waren die einen die Felsen hinauf, die anderen bis an das Meer hinabgelaufen. Zwar waren sie gewöhnt, der Stimme zu folgen und sich durch die Syrinx beruhigen zu lassen und auf das Klatschen der Hände zu sammeln; heute aber hatte sie die Furcht alles vergessen lassen. Nach genauer Not also fanden sie sie endlich, wie Hasen nach der Fährte, auf und führten sie nach den Ställen. Nur in dieser einen Nacht genossen sie tiefen Schlaf, und die Ermüdung der Arbeit linderte ihre Liebeskrankheit. Als aber der Tag wieder anbrach, kehrte der vorige Zustand zurück. Sie freuten sich, wenn sie einander sahen, trauerten, wenn sie getrennt waren, litten Schmerzen, wünschten etwas und wußten nicht, was sie wünschten. Nur das wußten sie, daß ihn der Kuß, sie das Bad um die Ruhe gebracht hatte.

Aber auch die Jahreszeit entflammte sie. Schon war das Ende des Frühlings da und der Anfang des Sommers, und alles stand im Flor; die Bäume mit Früchten, die Flur mit Saaten geschmückt. Süß war der Zikaden Gezirp, lieblich der Duft des Obstes, ergötzlich der Herden Geblök. Man hätte gemeint, daß auch die Flüsse sängen, wenn sie leise dahinglitten, und daß die Winde flöteten, wenn sie in die Pinien hauchten, und daß die Äpfel in Liebeslust zur Erde fielen und die Sonne, der Schönheit Freundin, alles entkleide. Da stieg nun Daphnis, von all dem durchglüht, in die Flüsse, und bald wusch er sich ab, bald erhaschte er die darin herumschießenden und wirbelnden Fische beim Schwanze, oftmals trank er auch, den inneren Brand zu löschen. Chloe aber, wenn sie die Schafe und viele von den Ziegen gemolken hatte, hatte bei dem Gerinnen der Milch viele Not; denn die Fliegen fielen ihr lästig, indem sie ihr zu schaffen machten und sie stachen, wenn sie gescheucht wurdenAnspielung auf das Gleichnis in der Ilias II, 469 ff. XVI, 641 ff., womit Ilias XVII, 570 f. zusammen zu nehmen ist.; wenn sie aber hierauf das Gesicht gewaschen hatte, bekränzte sie sich mit Zweigen der Pinie, gürtete die Nebris um, füllte die Schale mit Wein und MilchEine noch jetzt im Orient gewöhnliche Mischung, Oenogala genannt. und hielt mit Daphnis ein gemeinsames Mahl.

Wenn nun aber der Mittag kam, da drohte beider Augen neue Gefahr. Denn wenn Chloe den Daphnis entkleidet sah, da fielen ihre Blicke auf seine blühende Schönheit, und sie härmte sichGleichsam mißgünstig über so untadelhafte Schönheit des Knaben, dem das Bad, wie sie meinte, allein eine so große Vollkommenheit verlieh., daß sie keinen Teil an ihm zu tadeln fand; er aber wähnte, wenn er sie in der Nebris und dem Kranze sah, wie sie ihm die Schale bot, eine der Nymphen aus der Grotte zu sehen. Dann riß er ihr den Pinienkranz vom Haupte und kränzte sich selbst damit, nachdem er vorher den Kranz geküßt hatte; sie aber zog, wenn er sich entblößt hatte und badete, sein Kleid an, nachdem sie es auch vorher geküßt hatte. Bisweilen warfen sie sich auch gegenseitig mit Äpfeln und schmückten einer des andern Haupt, indem sie die Haare voneinander schieden, und sie verglich sein Haar, weil es schwarz war, den Myrten, und er ihr Angesicht mit einem Apfel, weil es weiß mit zartrotem Anflug war. Auch unterwies er sie im Flöten, und wenn sie anfing, in das Rohr zu hauchen, riß er ihr die Syrinx weg und durchlief selbst mit den Lippen das Geröhr, und während es schien, daß er die Irrende belehrte, gab er ihr recht schicklich Küsse durch der Syrinx Hilfe.

Bild auf Seite 43

... Auch unterwies er sie im Flöten, und wenn sie anfing, in das Rohr zu hauchen, riß er ihr die Syrinx weg ...

Illustration von Charles Eisen

Einstmals, als er um die Mittagszeit flötet und die Herde im Schatten lag, war Chloe unvermerkt eingenickt. Wie dies Daphnis bemerkte, legte er die Syrinx weg und beschaute mit unersättlichen Blicken sie über und über, da er es jetzt ohne Scheu tun konnte und sprach zugleich mit leiser Stimme zu ihr: »Wie schlummern die Augen! Wie atmet der Mund! So duften nicht die Äpfel, nicht der Blütenbusch. Aber ihn zu küssen scheu' ich mich; der Kuß verwundet das Herz und macht wie frischer Honig rasend;Von der gefährlichen Wirkung mancher Honigarten s. die Stellen der Alten in den Anm. zu Aelian. Hist. An. V, 42. auch fürcht' ich, sie küssend im Schlafe zu stören. O über die schwatzhaften Zikaden! Sie werden sie nicht schlafen lassen mit ihrem lauten Geschrill. Aber auch die Böcke klappern kämpfend mit den Hörnern. O über die Wölfe! Sind sie nicht feiger als die Füchse, daß sie diese Böcke nicht raubten?«

Indem er auf diese Weise sprach, fiel eine Zikade auf der Flucht vor einer Schwalbe, die sie fangen wollte, in Chloes Busen, und die ihr folgende Schwalbe konnte jene zwar nicht erhaschen, strich aber, beim Verfolgen sich nahend, mit ihren Schwingen an des Mädchens Wangen hin. Sie, die nicht wußte, was vorgegangen war, fuhr mit lautem Rufe aus dem Schlaf empor. Als sie aber die Schwalbe sah, die noch in der Nähe schwebte, und den Daphnis, der über ihr Erschrecken lachte, verlor sie ihre Furcht und rieb sich die Augen, die noch nicht ausgeschlafen hatten. Da schrillte die Zikade aus dem Busen herauf, einem Flehenden ähnlich, der für die Rettung seinen Dank bekennt. Von neuem schrie nun Chloe laut auf und Daphnis lachte, und den Vorwand nutzend, schob er seine Hand in den Busen des Mädchens und zog die Zikade heraus, die auch in seiner Rechten nicht schwieg. Sie aber freute sich des Anblicks und nahm und küßte sie und barg die Plaudernde wieder in ihrem Busen.

Bild auf Seite 47

... Von neuem schrie nun Chloe laut auf und Daphnis lachte, und den Vorwand nutzend, schob er seine Hand in den Busen des Mädchens und zog die Zikade heraus ...

Illustration von P. P. Prudhon

Einst ergötzte sie auch die Holztaube mit ihrer ländlichen Stimme aus dem Walde her, und da Chloe zu wissen begehrte, was sie sagte, belehrte sie Daphnis durch die Erzählung der bekannten Geschichte: »Es war einst eine Jungfrau schön wie Du und hütete viele Rinder in gleichem Alter wie Du. Sie war aber auch gesangreich, und die Rinder erfreuten sich ihrer Musik, und sie lenkte sie nicht mit Schlägen des Hirtenstocks oder des Stachels; sondern unter der Pinie sitzend und in einem Pinienkranze sang sie von Pan und Pitys. Und die Rinder weilten bei ihrem Gesang. Nicht weit davon hütete ein Knabe Rinder, auch schön und gesangreich wie die Jungfrau, und wetteiferte mit ihren Melodien, und seine Stimme, als eine männliche, tönte stärker und doch süß, weil er ein Knabe war, der ihrigen entgegen. Und so lockte er acht ihrer besten Kühe zu seiner eigenen Herde herüber. Betrübt über die Verminderung ihrer Herde und den Sieg des Gegners, flehte die Jungfrau zu den Göttern, daß sie ein Vogel würde, ehe sie nach Hause käme. Die Götter erhörten sie und machten sie zu diesem Vogel hier, der wie die Jungfrau auf den Bergen wohnt und tonreich ist wie sie. Und noch jetzt verkündigt ihre Stimme das erfahrene Mißgeschick, indem sie die verirrten Rinder sucht.«

Solche Freuden bot ihnen der Sommer dar. Als aber die Herbstzeit kam und die Traube reifte, landeten tyrische Räuber auf einer karischen Barke, um nicht als Barbaren zu erscheinen, an jenen Fluren, stiegen mit Schwertern gerüstet und in halben Panzern aus, rafften alles zusammen, was ihnen unter die Hände kam, würzigen Wein, eine Fülle von Weizen, Honig in Scheiben; auch einige Rinder von Dorkons Herde trieben sie weg. Sie ergriffen auch den Daphnis, der am Meere wandelte. Denn als Mädchen trieb Chloe des Pryas Schafe später auf die Weide, aus Furcht vor den zudringlichen und rohen Hirten. Wie aber die Räuber den großen und schönen Knaben sahen, der mehr wert war als der Raub von den Äckern, kümmerten sie sich weiter um nichts, weder um die Ziegen, noch um die andern Fluren, sondern schleppten ihn hinab in das Schiff, den weinenden, ratlosen und laut nach Chloen rufenden. Und schon hatten sie das Tau losgebunden und die Ruder zur Hand genommen und stachen in die See; Chloe aber trieb jetzt ihre Herde herbei, mit einer neuen Syrinx in der Hand, die sie dem Daphnis zum Geschenk brachte. Wie sie aber die Ziegen verschüchtert sah und Daphnis' Stimme hörte, der sie immer lauter und lauter rief, da kümmerte sie sich nicht weiter um die Schafe und warf die Syrinx hin und lief zu Dorkon, ihn um Beistand anzuflehen. Dieser aber war von den Räubern schwer verletzt worden, schwach atmend lag er da, und vieles Blut strömte aus seinen Wunden. Als er aber Chloe sah, regte sich ein schwacher Funke der alten Liebe in ihm, und er sagte: »Ich, o Chloe, werde in kurzem tot sein; denn als ich für meine Rinder kämpfte, haben mich die ruchlosen Räuber niedergeschlagen wie einen Stier. Du aber rette dir den Daphnis, und mir schaffe Rache und jenen den Untergang. Ich habe die Rinder gelehrt, dem Tone der Syrinx zu folgen und ihren Melodien nachzugehen, wenn sie auch in weiter Ferne weiden. Geh also und nimm diese Syrinx und stimme das Lied darauf an, das ich einst den Daphnis gelehrt habe und Daphnis dich; für das Übrige wird die Syrinx sorgen und die Rinder dort. Ich schenke dir auch die Syrinx selbst, mit der ich viele Hirten von Rindern und Ziegen im Wettstreit besiegt habe. Dafür aber küsse mich, weil ich noch lebe, und wenn ich tot bin, beweine mich, und wenn du einen andern diese Rinder weiden siehst, so denke an mich.«

Nachdem Dorkon diese Worte gesprochen und den letzten Kuß geküßt hatte, entwich ihm zugleich mit dem Kuß und der Stimme der Geist. Chloe aber nahm die Syrinx, setzte sie an die Lippen und blies darauf, so stark sie vermochte; und die Rinder hören es und erkennen die Weise und stürzen sich in einem Anlauf brüllend in das Meer. Indem sich nun die Gewalt des Sprunges auf die eine Seite des Schiffes warf, und bei dem Sturze der Rinder das Meer sich in die Tiefe öffnete, schlägt das Fahrzeug um und sinkt in den zusammenschlagenden Wellen unter. Die Mannschaft stürzt heraus mit ungleicher Hoffnung der Rettung. Die Räuber trugen Schwerter im Gurt und waren mit schuppigen Halbpanzern angetan und mit Stiefeln an den Füßen, welche die Hälfte des Beines bedeckten; Daphnis aber war unbeschuht, weil er damals auf der Ebene hütete, und halb entkleidet, weil die Jahreszeit noch brennend heiß war. Jene hatten nun nicht lange geschwommen, als die Waffen sie in die Tiefe zogen; Daphnis aber hatte die Kleidung leicht ausgezogen; doch machte ihm das Schwimmen Mühe, weil er vorher nur in Flüssen geschwommen hatte. Bald aber, durch die Not belehrt, was er zu tun habe, warf er sich mitten unter die Rinder, faßte ihrer zwei an den Hörnern mit beiden Händen und wurde so in ihrer Mitte ohne Arbeit und Mühe getragen, als ob er einen Wagen lenkte. Das Rind schwimmt aber wie kein Mensch; nur den Wasservögeln steht es nach und den Fischen. Auch würde nicht leicht ein Rind beim Schwimmen umkommen, wenn ihm nicht das Horn an den Klauen, wenn es durchgeweicht ist, abfiele. Dies bezeugen bis auf den heutigen Tag viele Plätze des Meeres, welche die RinderfurtBosporos heißen.

Auf diese Art also ward Daphnis gerettet, indem er gegen alles Erwarten der zwiefachen Gefahr, des Raubes und des Schiffbruchs, entkam. Als er nun ans Land gestiegen war und Chloe am Ufer lachend zugleich und weinend fand, warf er sich an ihre Brust und fragte sie, weshalb sie auf der Syrinx geblasen hätte. Da erzählte sie ihm alles: den Lauf zu Dorkon; wie er die Rinder abgerichtet; wie er ihr zu flöten befohlen habe, und daß Dorkon gestorben sei; nur den Kuß verschwieg sie aus Scham. Sie beschlossen also ihren Wohltäter zu ehren und begruben den armen Dorkon gemeinschaftlich mit seinen Verwandten. Dann häuften sie vieles Erdreich auf, pflanzten viele fruchttragende Bäume und hingen ihm die Erstlinge ihrer Arbeiten auf; aber auch Milch spendeten sie und drückten Trauben aus und zerbrachen viele Syringen.Vgl. das Epigramm des Leonidas von Talent in der Anth. Pal. VII, 657., übersetzt in JACOBS vermischten Schriften (2r Bd. 2te Abt. S. 123. Nr. 8.) Auch klägliches Brüllen der Rinder wurde vernommen, und bei dem Brüllen sah man sie unruhig hin und wieder rennen; und dies war, wie unter den Schäfern und Ziegenhirten vermutet wurde, die Totenklage der Rinder um den verstorbenen Hirten.

Nach Dorkons Beerdigung führte Chloe den Daphnis zu den Nymphen in die Felsengrotte und wusch ihn ab. Und auch sie selbst badete damals zum erstenmal in Daphnis' Gegenwart ihren Leib, der weiß und reif von Schönheit keines Bades zur Schönheit bedurfte; sammelten dann Blumen, wie sie die Jahreszeit bot, und schmückten die Bilder damit und hingen Dorkons Syrinx an der Felsenwand zum Weihgeschenk auf. Hierauf gingen sie zu dem Weideplatz und sahen nach den Ziegen und den Schafen. Diese aber waren alle gelagert und weideten nicht und blökten nicht, sondern sehnten sich, wie ich glaube, nach Daphnis und Chloe, die ihnen entschwunden waren. Denn, als sie sich zeigten und ihnen nach gewohnter Weise zuriefen und flöteten, da standen die Schafe auf und weideten; die Ziegen aber sprangen voll von reger Lust, als freuten sie sich der Rettung des gewohnten Hirten. In Daphnis' Seele aber wollte die Freude nicht aufkommen, denn seitdem er Chloen entkleidet und die zuvor verhüllte Schönheit entschleiert gesehen hatte, da krankte sein Herz wie von Gift verzehrt.

Bild auf Seite 57

... führte Chloe den Daphnis zu den Nymphen in die Felsengrotte und wusch ihn ab ...

Illustration von P. P. Prudhon

Sein Atem selbst ging bisweilen so ungestüm, als ob ihn jemand verfolgte; dann wieder setzte er aus, als ob er erschöpft sei durch den vorigen Anlauf. Das Bad kam ihm furchtbarer vor als das Meer, und es war ihm, als wäre seine Seele noch bei den Räubern geblieben; denn jung, wie er war, und unwissend, war ihm Amors Räuberart fremd.

Bild auf Seite 60
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