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Julie Van Rensselaer Cruger: Daphne - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJulien Gordon
titleDaphne
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1891
translatorFriedrich Spielhagen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectidce0e3134
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30. Dezember.

Wollte Gott, ich hätte niemals die Prinzeß Flavie oder Madame Harnay gesehen, diese elende Sykophantin, die ihre fürstliche Herrin so grausam und schlimm beraten hat, wie sie mir und andern eine falsche Freundin gewesen ist! Wurde jemals eine Ratte in solchem Loche gefangen! Was! Ich bin in Mißkredit bei Hofe und bei der Kaiserin; muß für nichts und wieder nichts das Feld räumen, weil ein thörichtes Mädchen und ein schlechtes Weib –

Wohl! Glaubten sie wirklich, sie könnten so mit mir spielen? glaubten, sie könnten mich in einem so durchlöcherten Netz fangen, weil ich ein gerader, ehrlicher Kerl und meinem Herrn treu und ergeben bin? Nein, meine Damen, Sie vergaßen, daß für einen ergrauten Diplomaten dergleichen Manöver wirklich ein wenig zu fadenscheinig und durchsichtig sind.

Gott im Himmel! Da bin ich mitten in einem Winter, der sich echt sibirisch anzulassen scheint, auf diese Narrenfahrt geschickt, damit ein gebrochenes Herz sich ausheilen und ein albernes Geschwätz zur Ruhe kommen kann. Es ist wirklich zu dumm! Das Zwinkern in des alten Mannes Augen, als er mich verabschiedete! »Diese Mission ist delikat,« sagte er; »aber ein Mann, der wie Sie, seinen Feinden bei S. das Nachsehen ließ, kann auch den Zar in seiner Höhle aufsuchen und die Narischkine und Compagnie. Ich möchte niemand als Sie mit dieser geheimen Botschaft betrauen.« Geliebter, alter Mann! Und wie warm er meine Hand drückte!

» Va, tu es un brave garçon!« sagte er. Brav? Nun ja, in Anbetracht der Welt, wie sie einmal ist. Schlimm genug, daß man brav heißt, was der simpelste Anstand gebietet; ich meine: seinen eigenen Namen und sein bescheidenes Vermögen und die selbstgewonnenen Ehren der Sklaverei einer verhaßten Verbindung und dem traurigen Gewinn eines Reichtums vorzuziehen, den uns die lächerliche Neigung eines hysterischen Mädchens eingebracht hätte!

Pah! Und zu sagen, daß ich einen Augenblick geschwankt habe!

That ich's? Auch nur für einen Moment? Ehrlich, alter Freund, ehrlich! Du bist hier mit dir allein in dem engen, schmutzigen Wagen, kannst dir selbst nicht entrinnen. Ja, du thatest es. Weshalb? Des Mädchens willen? Und die illustre Verbindung? Und die Jagdgründe im Harz? Und das dolce far niente im Schoße des Reichtums? Und – und – nein! Zehntausendmal nein! Das war es nicht! Nur daß ich müde war, so müde!

Irgend ein alter Weiser hat einmal gesagt: »Suche dein Schicksal nicht aus; es weiß dich schon zu finden.« Und ich meinte: die Prinzessin Flavie ist dein Schicksal. – Das war es!

Gut! Der Zug hält. Der Russe mir gegenüber, der so laut wie die Lokomotive geschnarcht hat, wacht auf und bittet mich um Feuer für seine Cigarette. Auch ich zünde mir eine an und blicke durch den trüben Rauch nach der kleinen Station. Die Leute stürzen aus den Coupés: umsteigen nach Breslau! Ein prächtiges Paar geht auf und ab: beide ungewöhnlich groß, in Pelze gehüllt. Die Dame hat müde, blaue, eindrucksvolle Augen. Stattliche Diener folgen ihnen. Ich denke, es sind Engländer. Vielleicht Russen. Die Dame ist chic im großen Stil. Keine Pariserin. Der Mann sieht wie ein Offizier aus. Da verschwinden sie in dem Wartesaal. Ich werde sie nicht wiedersehen. Mein Nachbar, der Russe, wünscht zu sprechen. Meine Gedanken sind unerfreulich; so habe ich nichts dagegen. Er sagte mir: er heißt Paul Pantchoulitzew. Gibt mir seine Karte: gentilhomme de la chambre de S. M. l'Empereur de Russie. Ein etwas vager Titel und der, glaube ich, ich weiß nicht an wen und nicht aus welchem Grunde gegeben wird.

Er sieht meinem Bruder Marc ähnlich. Ein eleganter Mensch. Natürlich, da er an ein Mitglied meiner Familie erinnert.

»Marc« sagt mir, daß er vierzig ist und nach Riga geht, um zu heiraten. Ich sage ihm nicht, daß ich zweiundvierzig bin und nach Petersburg und einer Heirat aus dem Wege gehe. Es würde banal herauskommen.

Ich beobachtete ihn heimlich und habe ein schiefes Bild von mir in einem brüchigen Spiegel mir gegenüber. Der Vergleich ist günstig für mich. Ich sehe jünger aus als er. Es ist kein Zweifel. Das tröstet mich über die letzthin erlittenen Aergernisse und die nächsten sechs Monate, die ich in einem Lande zubringen soll, das ich verabscheue. Hübsche Sache, jünger auszusehen, als man wirklich ist! Antonius und auch Kleopatra würden nichts dagegen gehabt haben.

Stellen wir uns so mutig, wie wir wollen: das Alter ist tragisch. Es bedeutet: »Macht, daß ihr fortkommt! Faites place aux jeunes

 

31. Dezember.

Da sind wir an der russischen Grenze. Ein Barbarenhaufe stürzt auf uns. Sonderbar aussehende Wachen in weiten, hellen Anzügen, Bärenmützen auf den Köpfen, stehen umher. Sie wollen unsre Pässe. Ich rufe Gustav. Er taucht auf mit verwirrtem Haar und zerknitterter Uniform, seine Nase röter und verdrehter als sonst. Er sagt: vom Kriege her; Schuß durch die Nase! Es mag auch andre Ursachen haben. Schön ist jedenfalls anders.

Verzweifeltes Suchen nach meinem Paß in den Tiefen einer geheimnisvollen Reisetasche, von der er sich niemals trennt. Er murmelt etwas von dem Esel August, der das Papier verlegt hat. August erscheint auf der Bildfläche, frais et dispos, mit seinem gekrausten blonden Schnurrbart und den weißen Händen. Er findet mit verblüffender Sicherheit den Paß oben in meinem Toilettekasten, und Gustavs höhnisches Grinsen läßt ihn kalt. Dabei lächelt er fortwährend das schlanke Mädchen an, das nichts Unschuldigeres als » chay« und kleine Kuchen anbietet und mit dem hübschen Burschen kokettiert. Augenscheinlich sind »Marc« und ich für sie ausgezeichnete, respektable Männer mittleren Alters von zweifelhaftem Reiz. Ach, Jugend! schöne, unbeständige Jugend, wie bald entfaltest du deine Schwingen!

Meine Papiere erfordern nur einen Blick. Freilich! Wenn man von Seiner Majestät an Seine Majestät persönlich empfohlen wird! Stiefellecken! Kriechende Höflichkeit! Meine Koffer sind heilig, während die andern Passagiere mit gerungenen Händen über ihr von amtlichen Fingern durchwühltes Gepäck wehklagen.

Eine Dame in einem langen café au lait, mit weißem Pelz besetzten Mantel und einer weißen Pelzmütze auf dem blondroten Haar geht eben durch den Wartesaal. Es ist eine pittoreske Gestalt, obgleich ihr Kostüm zu prahlerisch ist. Wie wenig Frauen haben anziehende Rücken! Der Rücken einer Frau ist so beredt. Die Schultern dieser hier befriedigen nicht; sie sind künstlich. Ich erinnere mich des Rückens einer griechischen Göttin in der Skulpturenabteilung der Eremitage – vor einigen Jahren, als ich auf jener stürmischen Reise nach Bukarest durch Petersburg kam. Wie deutlich ich ihn sehe in seiner mächtigen ruhevollen Schönheit! Ich muß mich einen Nachmittag von meinen Staatssorgen frei machen und der Göttlichen mit dem schönen Rücken meinen Besuch abstatten. Glücklicherweise gehen mir die Geschäfte leicht von der Hand. So werde ich die Nachmittage für meine Kunststudien frei haben.

Ich erinnere mich, wie glücklich ich vor sieben Jahren in Venedig war; wie ich in seinen Wundern schwelgte. Die Menschen, politische und soziale Intriguen, die Künste des Krieges und des Friedens, persönlicher Ehrgeiz – alles war für mich verschwunden, und selbst Sie, meine Damen, spielten in meinen Träumereien keine Rolle. Ich möchte in Venedig sterben. Sterben, wenn – ach, die Frauen, die Frauen! Sie verderben unsre besten Intentionen. Immer. Und jetzt – schlafe, lieber Freund, schlafe!

 

1. Januar.

Ich blicke hinaus auf die einsamen Steppen. Nicht die wirklichen Steppen sagt man mir; aber für den Fremden sind sie wirklich genug. Es ist kalt. Ich zünde meine Cigarette an und blase den Rauch gegen das Fenster, um den leichten Reif auf der Scheibe abzutauen. Eine trübe weiße Welt. Hier und da in den Senkungen Dörfchen. Hütten, in dem Morgengrauen zusammengedrückt, als suchten sie hinüber und herüber Schutz und Wärme. Die lohfarbenen Dächer das einzige bißchen Farbe gegen den dunklen Himmel. Selten, sehr selten bewegen sich von Pferden gezogene, von den Moujiks oder ihren Weibern gelenkte Schlitten langsam über die Wüste. Die Männer tragen Schafpelze, die rauhe Seite nach innen, und Stiefel aus demselben wetterfesten Material. Die Weiber sind geschlechtslose Bündel, angezogen wie die Männer, nur daß sie schmutzige Tücher anstatt der schafledernen Mützen auf dem ungekämmten Haar haben. Sie blicken dumpf und stumpf, aber freundlich, wenn sie gelegentlich so nahe kommen, daß wir sie deutlich sehen können.

Monsieur Pantchoulitzew hat keine Lust hinauszublicken. Er hat seine Schlafmütze aufbehalten und scheint rastlos. Er sieht auf seine Uhr, sagt: »Katorichas?« zum Schaffner und findet, daß wir uns verspätet haben. Augenscheinlich ist er verliebt, oder glaubt es doch zu sein. Er zeigt mir eine Photographie seiner » fiancée«. Sie sieht doch wem gleich ähnlich? Richtig: der kleinen Jeanne Overbeck. Wie seltsam in dieser Welt, daß jeder uns an irgend einen andern erinnert!

Nun, wie sie nun ist: die junge Dame in Riga mit ihrem runden Gesicht ist in den Augen des Herrn Pantchoulitzew die Vollkommenheit selbst. Er ist kindisch begierig nach Fragen, die ich an ihn richten soll. Gutmütig, wie ich bin, komme ich seinem Wunsche nach, und so mit Plaudern, » chay«, Bier und Cigarren wandelt sich der Tag in dunkle Nacht und nun verschlingt uns eine große Halle: Petierbouck! Petierbouck! Petierbouck!

Sofort finde ich mich in den Armen von Berg. Er hat alles für mich besorgt. Da ist der Schlitten des Gesandten. Ossip, der Jäger, gewandt und stattlich, bemächtigt sich meiner Diener und meines Gepäcks. Berg zieht mich mit sich fort. Wir springen in das pelzverbrämte Fahrzeug; Ivan, der Kutscher, grinst; sein Bart starrt von silbernen Eistropfen. Die kleinen schwarzen Pferde wiehern und schnauben mit einem Schleier von Rauhreif um ihre flatternden Mähnen. Wir ziehen die großen weichen Pelze bis an das Kinn herauf, und schnell, wie der Wirbelwind, schießen wir, Nachtgnomen gleich, durch die schweigenden Straßen.

 

4. Januar.

Graf Berg hat wirklich gut für mich gesorgt. Ich habe ein großes, freundliches Quartier am Quai de la Cour, nahe bei der Gesandtschaft; wieder ganz nahe einen eigenen Stall mit vier schönen Pferden nebst obligatem Wagen. Gustav und August haben meine Sachen ausgepackt. Das Arrangement einiger Photographieen, Bücher und Bibelots habe ich selber überwacht.

Nach dem Frühstück hatte ich eine lange, ernste Unterredung mit Narischkine. Er – aber dieses Tagebuch soll nicht der Vertraute meiner Staatsgeheimnisse werden. – –

Ich bin überrascht und ein wenig verstimmt, indem ich finde, daß man mich hier zum Löwen machen will. Ich hatte gehofft, unbemerkt zu bleiben und allen, außer den nötigen offiziellen Besuchen, zu entgehen. Es scheint nicht so. Mein Tisch ist bereits mit Einladungen bergehoch bedeckt. Nun ist, höflich zu sein, für mich de rigueur, und ich muß mich in das Unvermeidliche fügen. –

 

5. Januar.

Heute um elf Uhr beim Zar im Anitchkoff-Palais. Seit seiner Erbauung durch die große Katharina ist es, äußerlich und im Inneren, sehr verschönert. Ein prächtiger Palast: die privaten Gemächer ausgestattet mit einem behaglichen modernen Komfort. Die hinteren Fenster blicken auf den »Prospekt« und die inneren Höfe.

Der Zar drückte mir warm die Hand und sprach über allgemeine Dinge. Offenbar will er Zeit gewinnen. Er erkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden der königlichen Familie und nach meinem eigenen. Die Kaiserin würde mich nachmittags empfangen. Er entließ mich mit einem: » Adieu, mon cher!« – Wir werden sehen.

Nachmittags zur Kaiserin in Begleitung Bergs. Er erzählte mir die Neuigkeiten, den Klatsch und die Skandalgeschichten dieser bösen Stadt. Am Sonntag sei ein Benefiz für die Cornalba; der Hof würde zugegen sein. Im »Mariensky« sei eine ausnahmsweise gute Truppe; an den Montagen müsse ich einen Fauteuil bei den »Italienern« haben. Dann, selbstverständlich, habe ich auf dem ersten Ball im Winterpalast zu erscheinen, dito bei einem der Prinzeß Soltikoff. Dann die Staatsdiners, zu denen ich eingeladen sei oder eingeladen werden würde.

Während er sprach, sah ich ihn an. Er ist unverändert, nur daß sein Haar grau geworden. Viel mehr als meines, das noch kaum gestreift ist. Er trägt es kurz, und es steht wie eine Bürste auf seinem runden Kopfe. Er kann kaum viel über fünfunddreißig sein. Sein Ausdruck ist der von früher: rusé und klug. In seinem Pelzrock und der Sealskinmütze sieht er aus wie ein junger Jesuitenpriester; in der Uniform mit Degen, Sporen und Helm wie ein sehr flotter Offizier.

Berg ist schwer zu ergründen. Ich traue ihm nicht ganz. Er ist zu neugierig und zu prosaisch, um ein Kamerad nach meinem Geschmack zu sein. Aber er kennt seine Stellung und hält sich innerhalb der Grenzen derselben.

Die Kaiserin blickte auf mich mit sanften, kalten Augen. Sie gab sich offenbar Mühe, nicht oberflächlich zu erscheinen, und ich ebenso, sie nicht merken zu lassen, daß ich sie dafür hielt. Vielleicht dachte sie von mir dasselbe, was mein Kaiser einmal von einem jungen Attaché sagte, der ihm zum erstenmal vorgestellt wurde: »Er hat mich mit großer Nachsicht behandelt.«

In ihrer leisen, ein wenig verschleierten Stimme sagte sie mir ein paar freundlich schmeichelhafte Worte; gratulierte mir zu dem Vertrauen, das ich – ein so junger Mann – meinem Herrn eingeflößt habe. »Das heißt, ich befasse mich nicht mit Politik, wie Sie wissen, halte mich indessen auf dem Laufenden.«

Die kaiserliche Dame, glaube ich, mag mich nicht, denn sie haßt meine Nation und sieht heute in mir einen Feind. Nun, meine schöne Feindin, ich will mit Ihnen und den Ihren keinen Krieg führen, so Sie nur ein Lächeln für mich haben. Ich habe den Krieg sehr nahe gesehen; der Gott der Schlachten hat in mein Ohr gehaucht, und das Wort, das er sagte, war: Friede! Ich küßte ihre Finger »nachsichtig«: der Prinz D. führte uns hinaus, und wir gingen von Hand zu Hand, bis uns am Palastthor die Schildwachen salutierten.

Hier trafen wir Strogonoff und blieben stehen, mit ihm zu schwatzen. Ich schickte dann meinen Schlitten fort und ging allein nach Hause. Im Zwielicht ist diese Stadt mit den rosenrot abgeputzten Häusern von eigentümlicher Lieblichkeit. Ich schlenderte den Newski-Prospekt hinab mit seinem Gedränge seltsamer Spaziergänger – ein bunter Haufen sonderbaren Volkes, hierhin und dorthin eilend, unwirklich wie Schatten im Traumland. Türken, Armenier, adleräugige jüdische Händler, russische Generäle, halb in ihre »Shubas« begraben, Fischverkäufer in ihren niedrigen Schlitten, die ihre unappetitlichen gefrorenen Fische anbieten, während die Tauben gurrend umherflattern, einen Brocken für ihre hungrigen Schnäbel zu erwischen.

Weiß und still erschienen die nebligen Quais, als ich nun, den lärmenden Newski hinter mir, zu ihnen gelangte. Ich dämmerte weiter, hinabblickend zu den schmutzigen Eskimozelten auf der Newa und hinauf zu den Modedamen, die mich anlächelten, während sie wie der Wind in ihren prachtvollen Schlitten vorüberglitten.

Die Prinzeß Soltikoff hielt an, um mit mir zu sprechen. Sie wollte zu Madame de Walkensteins Empfangsabend. Ich dürfe auf ihrem Maskenball am 22. nicht fehlen. »Sie müssen en bourgeois kommen,« sagte sie; »nur die Damen werden Masken tragen.«

»Thun sie das nicht immer?« erwiderte ich.

»Und Sie!« sagte sie lachend; »suchen Sie es ihnen nicht darin gleich zu thun? Man nennt Sie den Unnahbaren; ich nenne Sie den Unergründlichen. O, wir haben gehört ...!«

Und sie wehte mit der Hand, als ob sie weite Horizonte umschreiben wollte.

Nun zum Diner bei meinem Gesandten. Während ich mich ankleide, denke ich über die Verwüstung nach, die Mißtrauen und Enttäuschung mit der Eitelkeit eines Mannes von Zweiundvierzig gemacht haben. In dem Lächeln dieser Damen argwöhne ich eine Falle.

 

18. Januar.

Am Abend war ich zu einem Souper geladen, das Baron Strogonoff, ein junger Gardeoffizier, in seiner Wohnung gab. Er ist entfernt mit den Scheremetiefs verwandt, ein flotter Kavalier und Günstling des Hofes. Man sagt, er stecke bis über die Ohren in Schulden. Grund genug, um flott zu leben. Es ging sehr lustig her: Gesänge, Geschichten, ausgezeichnete Weine. Ich selbst war in bester Stimmung und einigermaßen überrascht, als Berg mir plötzlich sagte, daß eine Dame erwartet werde. Sie kam um ungefähr halb zwei Uhr: Madame Nathalie! Direkt vom Ballett, ohne sich Zeit gelassen zu haben, Toilette zu machen. Die Entfaltung ihrer Reize war außerordentlich generös.

Ich bedaure, sagen zu müssen, daß diese jungen Offiziere stark getrunken hatten, und ihr Betragen zu dieser Stunde der Haltung ermangelte, welche die Sitte fordert. Der Scherz wurde sehr übermütig: Madame Nathalie heimste eine größere Bewunderung ein, als auf die sie gerechnet hatte. Sie wurde in hohem Grade unwillig und eine halbe Stunde nach ihrer entrée hüllte sie sich in ihre »Shuba« und nahm schnellen Abschied. Ich bot ihr den Arm bis zu ihrem Wagen.

» Ce sont des grossiers animaux, monsieur,« sagte sie zu mir. » Mais vous, vous êtes un grand seigneur.«

Sie blickte mich kühn mit ihren vulgären sanften Augen an; aber schließlich war sie ein Weib, und ich bemerkte, daß ihr Mund zitterte.

»Ich gehörte zur Gesellschaft, Madame,« sagte ich, »und, obgleich ein Ausländer, bitte ich im Namen derselben um Verzeihung.«

Sie lächelte schwach, drückte warm meine Hand und fuhr davon. Ich würde dieses unbedeutenden Vorfalls keine Erwähnung gethan haben, hätte er nicht eine Folge gehabt.

Als ich in das Speisezimmer zurückkam, war alles in größter Aufregung. Strogonoff war die Treppe hinabgelaufen, nur um Nathalies Wagen um die Ecke biegen zu sehen.

Er war verstimmt und ärgerlich und beschuldigte einen der Gäste, einen gewissen d'Aubilly – französischer Attaché und sehr kindisch – die Tänzerin beleidigt zu haben. D'Aubilly, halb trunken, protestierte, leistete Abbitte. Ich für mein Teil habe den Geschmack an solchen Vergnügungen verloren und schlich mich unbemerkt davon.

Die Nacht war bitter kalt. Unter ihrer stillen Hoheit wurde es auch in mir still. Die Geschichten, die wir erzählt, denen wir zugehört, wie leer und witzlos! Die Gesänge, wie lasciv und des Sinnes bar! Das Betragen gegen die Tänzerin, wie gemein! Der Dunst des Weines, den ich getrunken, hatte ein Fieber in meinen Adern erregt; meinen Geist hatte er nicht fröhlich gemacht. Ich gestehe, ich bin für gewöhnlich kein Grübler, obgleich mich meine Karriere wohl zu einem hätte machen können. Ich nehme mich und andre einfach genug; denn, wenn man das nicht thut, kommt man nicht zum Handeln, und ich liebe thatkräftiges Handeln, Blut, Bewegung. Einfachheit ist mir immer als die Quintessenz des Genies erschienen.

Nathalies letzter Händedruck gab mir zu denken. Er war anziehend gewesen, – die Natur ist das immer – und dankbar und treu, trotz der » Mima«; aber ich empfand eher einen Widerwillen. Die Finger hatten so lange gezögert, als wollten sie mir sagen: »Wir werden uns sehen, treffen.« Offen gestanden, ich habe von Madame Nathalie genug gesehen; sie dürfte bei näherer Betrachtung nur verlieren. Jedenfalls glaube ich mich wie ein Gentleman betragen zu haben.

Nach Hause gekommen badete ich mein Zimmer in den kalten monddurchglänzten Windwellen und schlug mir die Erinnerung des Abends aus dem Kopf. Dann kam Gustav und hing mir einen Mantel um, während ich am Klavier saß und die Tonart eines Refrain suchte, den ich einst gehört: » Perdus tous deux dans la steppe infinie.« Ich sang ihn wieder und wieder, in dieser und jener Tonart: » Perdus tous deux dans la steppe infinie.«

Ich dachte an die arme tote Marie und die leeren Jahre seitdem, die herzensleeren ... Ich vergaß, daß sie schwach gewesen war und mich aufgegeben hatte, und erinnerte mich nur, daß sie mich einst geliebt. Aber irgendwie paßte der Refrain doch nicht auf sie. Ich konnte mir nicht denken, daß ich allein mit Marie in der Steppe sehr glücklich sein würde, und ein seltsames, fremdes Vorgefühl überkam mich. Hoch und still winkte diese neue Vision zu mir herüber durch die Nacht; und da war nichts von Schwäche, alles stark und machtvoll.

Meine Cigarette rauchend, immer noch die Melodie vor mich hinsummend, entledigte ich mich meines kriegerischen Schmuckes und suchte mein Bett. Ich hatte einen Schlacht-, keinen Liebestraum. Ich lag in meinen Mantel gehüllt auf einem Hügel, von dem man Plewna übersah. Ich sprach mit Stronkoff, dem Mann des langen, goldnen Schnurrbartes, und Genghis. Auch Levitzky war da, und wir alle sprachen im Flüsterton von Skobeleff, der sich auf der andern Seite des Hügels mit dem Feinde herumschlug. Wir konnten den Rauch am fernen Horizont sehen. Es war stürmisch und wir waren kalt und naß. Ein Wagenpark kam in Sicht; wir wußten, es war des Großfürsten Kommissariat. »Ich bin in diesem Kriege nur ein Zuschauer,« sagte ich, und als ihre großen bronzenen Samowars gebracht wurden, wollte ich von ihrem heißen Thee nicht kosten. Plötzlich wandte sich einer zu mir und nannte mich einen Verräter. Vergebens, daß ich ihm erklärte, ich sei hier durch seines Kaisers Gnade, und daß ich seinem Volke nicht übelwolle.

»Sehen Sie da den Rauch nahe an der Redoute aufsteigen?« schrie er. »Skobeleffs Position geht durch eure Verräterei verloren. Unsre Verluste sind ungeheuer. Fluch euch!«

»Skobeleff,« schrie ich entgegen, »ist die schlimmste canaille, die jemals eine Muskete schulterte oder einen Säbel schwang.«

Nun fielen sie über mich her. Ich rang mit ihnen, hielt sie mir vom Leibe und erwachte. Ich rang mit Gustav.

»Der Herr Graf hat das Alpdrücken,« sagte er. »Na, gnädiger Herr, diese Abendessen, das ist eine üble Sache.«

Meine einzige Genugthuung war, daß ich meiner Meinung über ihren General vor dem Erwachen die nötigen Worte geliehen. Hinterher würde es indiskret gewesen sein. Ich schlief wieder ein und träumte nicht mehr.

 

19. Januar.

Nach einer Stunde Konferenz von einiger Wichtigkeit über militärische Angelegenheiten mit einem russischen Offizier, saß ich beim Frühstück, den Mund voll Kompott, als die Thür, welche von meinem Studierzimmer zu dem bescheidenen Speisezimmer führt, heftig aufgerissen wurde und August, den lockigen Schnurrbart wirbelnd, mit der Ankündigung: »Eine Dame wünscht den gnädigen Herrn zu sprechen,« – eine Frau hereinführte. Ich hatte nicht Zeit, ihn wegen dieses unvorhergesehenen Ueberfalles auszuschelten. – Madame Nathalie war bereits im Zimmer. Sie warf sich atemlos in einen Stuhl, während ich meine Lippen mit der Serviette trocknete.

»Haben Sie gehört,« rief sie, die Hände mit dramatischer Geberde zusammenschlagend, »haben Sie gehört, daß es ein Duell geben wird?«

Ich schüttelte den Kopf; sie fuhr fort: »Der thörichte Junge ist an allem schuld. Er hat mich diese ganze letzte Zeit verfolgt; aber, wenn er mich auch nicht insultiert hätte, wie er es diese Nacht gethan – ich kann Ihnen im Vertrauen sagen: er hatte nicht die geringste Hoffnung – nicht die Spur.« Hier lächelte sie. »Der einzige Mann, der den Mut gehabt hätte, mich zu heiraten, wurde von einem Franzosen erschossen, und ich habe geschworen, keiner von der verhaßten Nation soll mich jemals besitzen. Indessen, recht bedacht, dieser – er ist wirklich nur un enfant, und Strogonoff führt eine furchtbare Klinge. Der arme Junge ist tot, wenn sie auf Säbel losgehen.«

Sie sagte das alles rasch und erregt; aber durch die Wonne der Comédienne, deren Eitelkeit geschmeichelt war, und der Praktikerin, die eine gute Reklame witterte, blickte doch aufrichtige Besorgnis.

Ich hatte mein Kompott heruntergeschluckt, die Serviette aus der Hand gelegt und fragte, mich gegen den Kaminsims lehnend: in welcher Weise ich ihr dienen könne. Ob sie mir vielleicht bei meinem Frühstück Gesellschaft leisten wolle? wir könnten ja dabei die Sache mit mehr Muße durchsprechen.

Mit einer raschen Bewegung hatte sie die lästigen Pelzsachen abgeschüttelt, die Sealskinmütze vom kurzen schwarzen Haar genommen und sich mir gegenüber an den Tisch gesetzt, indem sie zugleich die langen, lohfarbenen Handschuhe auszog.

»Was haben Sie zu essen?« fragte sie und sah mich mit ihren großen Augen durch die dicken Wimpern an. »Wie nett Sie eingerichtet sind! und wie behaglich für einen Schwatz! Aber nun im Ernst, mon cher, Sie müssen dem Dinge ein Ende machen.«

In Anbetracht, daß wir über eine Sache sprachen, bei der es sich um Tod und Leben handelte, mußte ich – nebenbei gesagt – den ausgezeichneten Appetit bewundern und die erstaunliche Schnelligkeit, mit der mein schöner Besuch, während sie sprach, marinierten Lachs, Omelette aux truffes, geröstete Champignons, Hammelkotelett, zwei Gläser Bier, ein Glas Vodka, Kaffee und eine » chasse« verschwinden ließ.

»Ich kam,« sagte sie, und dabei zeigte sie ihre weißen, regelmäßigen, grausamen Zähne, über denen sich die schmalen Lippen niemals vollständig schließen, »weil Sie ein Mann von Welt sind und, wie ich Ihnen heute nacht sagte: un grand seigneur. Kein Franzose würde sich wie Sie betragen haben.«

»Ich bin überrascht, Madame, Sie so geringschätzig von einer großen Nation sprechen zu hören, der Sie, wie ich glaubte, selbst angehören. Sind Sie nicht eine Pariserin?«

»Ich konnte es nie herausbringen,« erwiderte sie, augenscheinlich erfreut, »zu welcher Nation ich gehöre, und das hat seine Vorteile. Ich kann mit Unparteilichkeit faire de la politique. Mama sagte, sie sei eine – Steiermärkerin; und was Papa betrifft,« – fügte sie lachend hinzu – »so schien das immer einigermaßen zweifelhaft. A propos der Franzosen – wissen Sie, daß ich heute nacht angefangen habe, für ihre Feinde zu schwärmen?«

Ich verbeugte mich, aber diese ungewünschten Bekenntnisse fingen an, mir bedenklich unangenehm zu werden. Wobei ich mir doch gestehen mußte, daß Madame Nathalie in ihrem einfachen dunklen Tuchkleide, das ihr ausgezeichnet saß und die prachtvollen Formen ihres Busens und ihrer Hüften in kühnen und doch gemilderten Umrissen zeigte, viel anziehender aussah, als heute nacht in Tüll und Flitter. Sie hatte heute morgen von kosmetischen Mitteln nur spärlichen Gebrauch gemacht und in allen ihren Posen war die Kraft des Gymnasten in Ruhe.

Ich konnte mir wohl denken, daß diese blendenden weiblichen Reize zusammen mit diesen Gesten und diesem Mienenspiel eines verlodderten gamin für manche Männer sehr pikant sein möchten.

Das Gesicht auf ihre knochenlosen, weichen Hände stützend – die richtigen Hände einer Frau, die nur dem Vergnügen lebt –, blickte sie mich über den Tisch an.

»Ja, man sagt, daß die Weltdamen à la légère behandelt sein wollen, aber wir – Künstlerinnen« – sie hatte einen Moment gezögert, um das rechte Wort zu finden – »wir Künstlerinnen wissen den distinguierten Mann zu schätzen, der uns versteht und mit Achtung behandelt.«

»Und wie steht es mit dem Duell?« fragte ich ungeduldig, indem ich that, als ob ich ihre herausfordernden Blicke nicht bemerkte. Es lag in dem Blick des Weibes etwas Magnetisches für mich, aber der abstoßende Pol wirkte doch. Ich war ein Mann, und ihre augenscheinliche Bewunderung meiner bescheidenen Person erregte in mir eine gewisse brutale Befriedigung: aber ich wollte sie auf alle Fälle los sein und mit ihr eine mögliche Thorheit, die sehr unbequem werden konnte, wie eine Krankheit, der man gern aus dem Wege geht.

»Ah, ja! – das Duell! Ich sagte – ja, was sagte ich doch gleich!« Und sie lachte. Ich kann mir Erfreulicheres vorstellen als Nathalies Lachen.

»Sie sagten,« fuhr ich ernst fort, »daß der junge d'Aubilly ein verlorener Mann ist, wenn es stattfände, und daß wir lieber keine Zeit verlieren sollten. Ich will sofort zu seinem Gesandten gehen und sehen, was zu thun ist, dem Unsinn ein Ende zu machen. Der Junge war betrunken, und Sie möchten ihn gewiß nicht bestraft sehen. Und dann,« fügte ich mit mehr Galanterie hinzu, »schließlich tragen Sie doch die Schuld. Er ist nicht der erste, dessen Blut Sie in Flammen gesetzt haben.« Ich erhob mich und begann mir den Degen umzuschnallen.

»Wollen Sie mich so verlassen?« sagte sie kläglich. »Fordern Sie mich nicht auf ... wiederzukommen? Wie stark und kräftig Sie sind!« fügte sie hinzu, indem sie, wie bezaubert, jede meiner Bewegungen beobachtete.

»Ich bin sehr stark, Madame,« sagte ich, »aber es gibt einige Prüfungen, denen mich auszusetzen ich nicht wagen würde.« Und indem ich meine Mütze vom Ständer nahm, schob ich sie beinahe zur Thür.

Ich sah wohl, daß ich sie tief verletzt hatte. Sie setzte ihre Sealskinkappe auf, während sie bereits halb die Treppe hinab war.

»Das nächste Mal bleibe ich länger,« rief sie über die Schulter trotzig und ihre schwarze Mähne schüttelnd.

Als die Thür hinter ihr ins Schloß gefallen, ging ich in mein Schlafzimmer und begrub mein Gesicht in einer großen Waschschüssel voll frischen, kalten Wassers. Dann wusch ich meine Hände, glättete meine Nägel sorgfältig, goß mir ein Glas Tsarkoe Selo-Wasser aus seiner braunen Kruke ein und trank es gierig aus. Sie hatte einen wunderlichen Duft von Chypre, den ich verabscheue, zurückgelassen.

»Geh, August,« rief ich, »und besorge Blumen für die Vasen in meinem Arbeitszimmer! Und daß sie ein starkes Parfüm haben.«

August grinste. Er hielt mich offenbar für einen glücklichen Kerl für meine Jahre. Auf der Straße traf ich Berg, der mir erzählte, daß eine Herausforderung stattgefunden habe und angenommen sei, aber die französische Botschaft sei dazwischen getreten und die Sache würde mit einer Bitte um Entschuldigung abgethan werden.

»Spaß!« sagte er, »für die canaille zu fechten! Aber sie ist, meiner Treu, ein süperbes Geschöpf au physique. Nun, Strogonoff ist ganz toll in sie verschossen. Sie sollten sie kultivieren, wenn Sie hinter gewisse Dinge kommen wollen. Man sagt, sie kenne eine Unzahl Staatsgeheimnisse.«

»Ich will es mit einer weniger kostspieligen Methode versuchen,« antwortete ich lachend, während wir Arm in Arm weiter schlenderten und mit vielen Bekannten Grüße wechselten. »Hüte dich vor Weiberschlingen, war mein letztes bißchen guter Rat von zu Hause.«

» Tiens! Hielt man das für nötig? Ich dachte, man nenne Sie den Unnahbaren!« sagte Berg und schüttelte sich heimlich vor Lachen. »Ihr Ruf ist Ihnen vorausgegangen.«

Ich wechselte das Thema. Berg wird zu vertraulich. Wir riefen einen vorüberfahrenden » çani« an, und fort ging's im Galopp über den Fontankakanal mit seinen großen Granitmauern. Alle Welt war auf der Straße. Der russische » isvoztchik« ist zweifellos sehr pittoresk in seinem langen, blauen Rock, dem breiten Gürtel, dem niedrigen Hut, der aussieht wie jene wunderlichen samtenen Nadelkissen auf Wohlthätigkeitsbazaren.

Wir begegneten dem Schlitten des amerikanischen Botschafters mit den schwarzen Orlofftrabern, blauen Zeugzügeln, fettem Kutscher, Bärenpelzen und Jäger – eine stattliche Equipage. Eine Dame mittleren Alters saß neben ihm, wahrscheinlich seine Frau. Ich erinnere mich jetzt, daß die Leute morgen Empfangstag haben und daß ich mich vorstellen muß.

Anstandsvisiten bei uninteressanten Leuten sind der Dorn meines Berufes. Man sagt mir, daß diese Amerikaner sehr respektable, korrekte, wohlerzogene Leute sind. Aber ich interessiere mich herzlich wenig für die Nation, die sie repräsentieren. Ihre Traditionen sind › nil‹ und ihre Institutionen mir gründlich antipathisch. Sie sind ein merkwürdiges Volk, aber haben nichts Sympathisches. Ich habe niemals das geringste Verlangen gehabt, sie in ihren vier Wänden aufzusuchen und noch weniger in ihrem eigenen Lande. Doch will ich morgen auf fünfzehn Minuten hingehen. Höflichkeit ist so billig. Falsch! Höflichkeit kostet manchmal sehr viel. Zum Beispiel meine zu Madame Nathalie. Das kann mir, wenn sie ihrem Geschlechte treu bleibt, noch teuer zu stehen kommen.

Ich werde nicht das Spiel der Laune einer verderbten Frau sein, denn jetzt habe ich ihre Einbildungskraft in Bewegung gesetzt. Sie denkt an mich zu dieser Stunde und sinnt über meine Niederlage. Ihre Liebhaber, die sie heute nacht mit Juwelen und Blumen überschütten, werden mit allen ihren Gaben rostige Schlacke in ihren Augen sein. Räumen Sie mir das Feld, meine Herren, wenn auch nur für ein paar Stunden! Ich bin der Unnahbare. Ach, wenn die Männer wüßten – und nun gar die Weiber –

Ich trete in einen der glänzend erleuchteten französischen Juwelierläden auf dem Newski und kaufe ein paar Kleinigkeiten, die ich nach Hause schicken will. Ich wähle ein wunderliches, mit kleinen Edelsteinen besetztes Bücherzeichen für die Prinzessin. Tragen kann sie's nicht, und das ist gut. Nur eine Frau, die ich liebe, soll etwas tragen, das sie von mir hat. Ich habe dem einsamen Mädchen versprochen, ihr Freund zu sein, und werde mein Wort halten. Sie ist wirklich zu bedauern mit ihrem frivolen, unfreundlichen Vater, der gar keine Rücksicht auf sie nimmt, ohne Mutter und Schwester, an denen sie einen Halt finden könnte.

Wie ist die ganze Episode so voller Aergernisse! Zu denken, daß ein paar Tänze auf dem alten Schloß, ein paar Gesellschaftsspiele, ein bißchen Freundlichkeit so falsch ausgelegt werden konnten. Ich bin so wenig eitel wie irgend einer; aber hier –

 

20. Januar.

Eine lange Sitzung mit Narischkine – ein ernster, schwieriger, mühevoller Morgen. Der Nachmittag hat mich entschädigt. Er hat mir eine wohlige Empfindung hinterlassen und ein zartes, flüchtiges Arom, wie der Geschmack eines edelsten Weines. Ich lächle, während ich es niederschreibe. Alles infolge einer Stunde, die ich bei den Amerikanern zubrachte. Nachdem ich bei ein paar Damen, die ich nicht zu Hause traf, Karten abgegeben, ließ ich mich nach Sergiewskaja Nr. 81 fahren. Der Botschafter der Vereinigten Staaten ist, wie die meisten seiner Landsleute, reich und lebt behaglich. Sie haben das kleine Palais des Grafen Vlassow gemietet und mit beobachtenswerter Eleganz möbliert und arrangiert. Bei meinem Eintreten fand ich Madame North umgeben von einer Schar Besucher. Sie machte die Honneurs ihres Salons mit höflicher Einfachheit. Nachdem ich ein paar Momente mit ihr konversiert, ging ich durch den Saal nach dem Theetisch, wo ich mich bald zwischen Lady Xavier und ihrer Tochter eingekeilt fand.

Die letztere hatte ein grünes Kleid an mit etwas Rot hier und da, das genau mit der Farbe ihres Haars und ihrer Augenbrauen stimmte – ein peinlicher Effekt. Der Theetisch steht an einem Ende des Salons unter ein paar hohen Palmen; dort scheint sich das junge Volk zu sammeln, während Madame North die älteren in der Nähe der Thür hält, wo sie empfängt. Der Raum ist freundlich und wohnlich mit tiefen, niedrigen Ruhesitzen, ein paar schönen Bildern, einem » encombrement« von bric-à-brac auf den Etagèren und Tischen, verhängten Lampen und einem hellen Holzfeuer. Die erhitzten Wände machen die russischen Häuser unerträglich warm und wir armen, in unsre Uniformen geknöpften Offiziere leiden am meisten darunter. Diese Räume waren kühler als hier die Gewohnheit, und die Atmosphäre äußerst angenehm.

Ich wechselte einige Nichtigkeiten mit Miß Xavier, die nicht mein Schwarm ist, und deren Haar röter und deren Wangen breiter als gewöhnlich waren, und sann über einen schleunigen Rückzug nach. Plötzlich an der Thür eine kleine Bewegung. In demselben Augenblick berührte Lady Xavier mit ihrer langen goldenen Lorgnette meine Schulter.

»Wer ist die distinguiert aussehende Dame in violett Samt?« fragte sie in scharfem Flüsterton.

Sich von der Gruppe, mit der sie eingetreten war, losmachend und von allen um sie her durch eine undefinierbare Unähnlichkeit geschieden, kam die betreffende Dame mit einer etwas trainant Bewegung auf den Tisch zu, an dem wir saßen. Bemerkend, daß wir ihr alle unbekannt waren und sie zu gleicher Zeit beobachteten, hielt sie, für den Moment unentschlossen, ihre Bewegung an und warf einen hilfesuchenden Blick rückwärts nach der Dame des Hauses. Mrs. North verließ denn auch sogleich die Gruppe ihrer Freunde, und ihren Arm leicht um die Gestalt der jüngeren Dame legend, drängte sie dieselbe sanft in der Richtung nach uns. Ich erhob mich.

»Lady Xavier, erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Nichte vorstelle. Meine Nichte – Mrs. Xavier. Monsieur, darf ich Sie meiner Nichte vorstellen?«

Der Name wurde zweimal genannt; aber diese ausländischen Silben blieben zwischen den Zähnen des Betreffenden hängen und ihre Geheimnisse mir leicht verschlossen. So stand ich denn etwas verlegen vor der »distinguierten Dame in violett Samt.«

Sie machte mir eine unbestimmte Verbeugung, ohne mich dabei besonders anzusehen, und ließ sich unmittelbar neben Lady Xavier in einen Armstuhl sinken.

»Ich bin müde,« sagte sie.

»Sind Sie bei unsern Sehenswürdigkeiten gewesen?« fragte Lady Xavier in jenem patronisierenden Ton, mit dem ältere bedeutende Damen jüngere unbedeutende anzureden pflegen. Ich bemerkte, wie eifrig sie die elegante Gestalt der eben Angekommenen studierte und fragte mich, wie lange wohl ihre beständige Böswilligkeit brauchen würde, bis sie ihre Pfeile und Schleudern auf dieses einladende Ziel zugespitzt und abgeschnellt hätte. Ich war Lady Xavier manches Jahr durch die verschiedenen Wechselfälle weniger glänzender Tage gefolgt und kannte ihre Schwächen.

»Ja, ein wenig. Ich habe ein paar von den Kirchen abgethan. Mein Onkel führte mich.«

»Sie sind eben erst angekommen?« fragte Gladys Xavier.

»Laß sehen: ja, es ist noch keine Woche. Mir ist, als wären's Jahre;« und sie seufzte.

»Wie so? Gefällt Ihnen Petersburg nicht?« fragte Miß Xavier mit großen Augen.

»Meine Tochter genießt hier jede Minute; es gibt hier viel Amüsement für die jungen Leute,« sagte die Mutter.

»Wenn die Hofbälle angefangen haben und Sie vorgestellt sind, werden Sie sich königlich unterhalten. Sie können an der ›Tauride‹ Schlittschuh laufen und so vieles,« sagte Gladys.

»Oh, Bälle! ich bin auf so vielen Bällen gewesen,« sagte die Dame in violett, offenbar unberührt.

Es war nebenbei eine reizende Toilette. Sie hatte ihre äußeren Umhüllungen draußen gelassen und trug ein eng anschließendes violettfarbenes Kleid, das ihre schlanke Gestalt zu wundervoller Geltung brachte. Ich verstehe nicht viel von dem Detail eines Damenkostüms; doch dies war jedenfalls sehr fein abgestimmt. Es floß in gerader schöner Linie bis zu ihren Füßen hinab und glänzend schwarzes Jet war darüber verstreut. Auf dem Kopf trug sie ein sehr kleidsames Toque in denselben dunklen Farben. Einen dünnen weißen Schleier hatte sie straff über ihr Gesicht gezogen; aber er kam nicht bis zum Munde herab. Es war der Blumenmund eines Mädchens von zwanzig Jahren. Die verschleierten Augen waren weiser.

Sie lehnte sich tief in der niedrigen Causeuse zurück, aber in dieser nachlässigen Haltung war etwas, das ein wenig nach Herausforderung schmeckte. Lavater weist auf das Charakteristische des Ganges und der Haltung hin; unter der Ruhe dieser Frau lauert augenscheinlich eine Fülle von Kraft und Energie. Die wilden Geschöpfe der Wälder und Wüsten haben, wenn sie in Ruhe sind, solch stille Kraft.

Da sie mich keiner Aufmerksamkeit gewürdigt hatte, konnte ich in Ruhe diese Beobachtungen anstellen. Auch Lady Xavier studierte sie. Resultat: Mißbilligung – selbstverständlich!

Der alte Prinz Bodisko sprach zu einigen jungen Damen nahe am Theetisch über Madame Skobeleff mère. Er sprach laut; alle wandten sich um und hörten zu.

»Ich kannte sie,« sagte er; »eine schöne kluge Frau. Sie kam mit ihren hübschen Töchtern nach Petersburg, voll von Ehrgeiz, Projekten aller Art; aber wir sind hier nicht liebenswürdig und man empfing sie nicht. Die Gräfin S., die damals Sonnenschein und Regen für uns machte, wollte einen Ball geben. Man bat sie um eine Einladung für die Skobeleff-Damen. ›Was! ich soll die Kanaille in mein Haus laden?‹ sagte sie. Die grausame Antwort wurde Madame Skobeleff hinterbracht. ›Sagte sie so?‹ fragte die Mutter. ›Ihr Sohn soll meine Tochter heiraten.‹ Und,« fügte der Prinz hinzu, »er that es.«

»Und hat seitdem den Affront, den seine Mutter seiner Schwiegermutter anthat, teuer bezahlen müssen,« sagte eine junge Frau unter allgemeinem, schnell unterdrücktem Lachen.

Die Dame in Violett hatte Bodiskos Anekdote eifrig zugehört. Ich bemerkte, daß ein leichtes Rot in ihren Wangen aufstieg und ein triumphierender Blick aus ihren Augen schoß.

»Das war ganz in der Ordnung,« sagten ein paar.

»Meine Liebe, ich möchte dich mit der Gräfin Barythine bekannt machen,« sagte Mrs. North zu ihrer Nichte.

Die alte Gräfin – eine in der Petersburger Gesellschaft so bekannte Figur, daß ich mir ihre Beschreibung ersparen kann – kam mit ausgestreckten Fingern herangerauscht. Sie hatte ihre reichsten Pelze an und ihre gnädigsten Manieren.

»Erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte sie; und dann nach einigen Gemeinplätzen: »Wenn der bunte Trubel Sie langweilt, kommen Sie dann und wann zu mir. Ich liebe junge Leute. Ich will Sie meiner Nichte Wasia vorstellen. Wasia ist sehr hübsch und à la mode. Sie werden sie bei Hofe sehen. Sie wird einen entzückenden Kranz von weißen Chrysantemums tragen, mit einem großen Oblenskydiamant in dem Kelch jeder Blume. Es ist ein großes Risiko, aber junge Leute heutzutage haben keinen Respekt vor Erbstücken. Ich werde nicht auf den Ball gehen, ich habe nichts anzuziehen; ich bin sehr verarmt. Die Ausgaben für meines Gatten Mausoleum, dazu der Fall der Rubel – das hat mein halbes Vermögen aufgezehrt. Ich hoffe nur, seine Familie wird anerkennen, was ich für sein Gedächtnis gethan habe. Seit seinem Tode lebe ich ganz zurückgezogen. Ich bin ein alter Junggesell. Ich verabscheue die Welt. Ich sitze des Abends ruhig zu Hause und lese und lese, bis meine armen Augen nicht mehr können. Ich habe meinen Hund, meine Cigarette, meinen ›Figaro‹. Ich kann ohne meinen ›Figaro‹ nicht leben. Er wiegt alle russischen Zeitungen zusammen auf. Sie sind nur dazu da, uns von der Fährte abzulenken, wie man hier zu Lande sagt.«

Sie winkte und lächelte, als ob ihr eine amüsante Erinnerung durch den Kopf gehe. »Und so sind Sie also auch eine Amerikanerin? Seiner Excellenz Nichte – Cousine? wie sagten Sie doch? Dann müssen Sie einen berühmten Amerikaner gekannt haben, den ich längst gern getroffen hätte. Sie sind wahrscheinlich genau bekannt mit Dom Pedro?«

»Nein,« sagte die Dame in Violett; »ich habe nicht die Ehre.«

»Ja so! Wie stumpf und dumm ich Ihnen erscheinen muß! Sie sind aus dem Norden von Amerika, New York, glaube ich. Ich erinnere mich jetzt, daß ihr mit den Brasilianern nicht au mieux seid, einen schrecklichen, blutigen Krieg mit ihnen geführt und sie noch dazu bös geschlagen habt. Ich hatte es vergessen. Aber dann,« fügte sie artig hinzu, »es ist so lange her, Sie sind zu jung, sich dieser Dinge zu erinnern. Ich dachte, mittlerweile sei alles überbrückt; aber die Südländer sind immer rachsüchtig. Und die Natur selbst trennt Euch von den Südstaaten. Euer Isthmus von Panama!«

»Sie, mein Herr,« sagte die angeredete Dame mit ruhigem Ernst, indem sie sich zum erstenmal aus freien Stücken wandte und das Wort an mich richtete, »haben wahrscheinlich besser Gelegenheit als Madame gehabt, unsre Konflikte zu studieren, da ich glaube, daß Sie Soldat und Diplomat zugleich sind. Wundern Sie sich nicht über die fortgesetzte Animosität der Brasilianer?«

Die Gräfin blickte, meine Antwort erwartend, unbewußt von ihr zu mir. Unsre Blicke waren sich begegnet und hatten sich für einen Moment in der Freimaurerei gemeinschaftlichen Amüsements gemischt. Die meinen mochten zu kühn gewesen sein; sie errötete.

»Ich habe meinen jungen Offizieren Vorlesungen über den Krieg gehalten; beide Teile haben sich vortrefflich geschlagen.«

»Sie machen einem Mut,« sagte sie – ein wenig sarkastisch, wie mir schien – und wandte sich, um sich einem ausländischen Würdenträger vorstellen zu lassen.

Ich war von ihrer vollkommenen Ruhe betroffen und der absoluten Gleichgültigkeit gegen mich. Das reizte mich, die Unterhaltung fortzusetzen.

»Weshalb kamen Sie nach Rußland?« wagte ich später zu fragen, indem ich ihr eine Tasse Thee auf ihren Wunsch reichte.

»Mich zu amüsieren.«

»Und thun Sie das?«

»Nein.«

»Vielleicht sind Sie anspruchsvoll?«

»Vielleicht! Ich selbst glaube, daß ich sehr schnell befriedigt bin.«

»Und Sie verlassen Amerika leichten Herzens? Keine Pflichten ... nichts, das Sie zurückhält?«

»Ich thue niemals meine Pflicht.«

»Oh, Madame!«

»Und Sie?«

»Ich versuche, die meine zu thun.«

»Warum wollen Sie dann nicht eine neue Pflicht auf sich nehmen?« Und sie blickte mich schräg durch ihren kleinen Schleier an mit einem seltsam suchenden Ausdruck.

»Und die wäre?«

»Helfen, mich zu amüsieren. Ich meine, Sie sind nicht stupid. Beinahe jeder ist es.«

»Wie können Sie sagen, daß ich nicht stupid bin? Sie haben mich noch nicht eines Blickes gewürdigt. Ich bin beklagenswert dumm.«

»Wirklich?«

»Ja; denn obgleich ich, seitdem Sie eingetreten, meine Augen noch nicht von Ihrem Gesicht abgewandt habe, weiß ich Ihren Namen nicht, ja nicht einmal, ob ich mit einer verheirateten Frau oder einem Fräulein rede.«

»Ah! Das macht keinen Unterschied.«

»Doch!«

»Welchen?«

»Ich glaube, daß Sie verheiratet sind.«

»Weshalb?«

»Weil Sie einen so diabolischen aplomb haben.«

»Und Sie meinen, die Ehe führt zu diabolischen dénouements

»Ich weiß nichts von der Ehe, außer was ich von anderen höre. Ich gestehe, es ist nicht ermutigend.«

»Sie sind nicht verheiratet?«

»Sehe ich aus wie ein Verheirateter?«

»Ich habe Sie nicht daraufhin geprüft.«

»Doch! Sie sagten, ich sehe nicht stupid aus.«

»Man muß etwas sagen.«

»Danke.«

Mrs. North kam wieder von der Thür; ihre Nichte erhob sich.

»Ich bin wirklich müde, ma tante. Ich muß dich bitten, mich zu entschuldigen und mir zu erlauben, zu gehen und mich auszuruhen.« Und mit einer leichten Neigung des Kopfes nach mir hin glitt sie aus dem Salon, ihr Violettkleid hinter sich über den parkettierten Fußboden schlängelnd.

»Meine Nichte ist erst kürzlich in Petersburg angekommen,« sagte meine Wirtin entschuldigend. »Sie schwärmt für Kunst, das liebe Kind, und all' diese neuen Sehenswürdigkeiten. Sie ist den ganzen Tag in den Galerieen gewesen und müde von der langen Fahrt.«

Ich verbeugte mich. »Wir Diplomaten, Madame, sind sprüchwörtlich neugierig. Vor allem müssen wir die Namen kennen und behalten. Dürfte ich Sie bitten, mir den Namen der Dame recht deutlich zu sagen?«

»Mrs. Acton, Mrs. Lucien Acton.«

»Und ist Mr. Acton ebenfalls bei Ihnen und werde ich seine Bekanntschaft machen?«

»Meine Nichte ist Witwe.« Mrs. North seufzte – der oberflächliche Seufzer, mit dem die tugendhafte Matrone das Unglück andrer ankündigen zu müssen glaubt.

»Madame, Ihr ergebenster Diener,« sagte ich; weiß der Himmel, weshalb vor weiteren Enthüllungen zurückschreckend und mich verabschiedend. Mr. North versuchte, mich aufzuhalten, als ich auf den Vorplatz kam. Er ist ein angenehmer Mann, aber ich entschlüpfte ihm, sprang in meinen Schlitten und fuhr zu den Kosseckis. Ich fand eine große Gesellschaft. Es war zum Verzweifeln embêtant.

Mr. und Mrs. North sind fraglos sehr angenehme Leute. Ich muß die Bekanntschaft kultivieren.

 

22. Januar.

Der Ausdruck des Gesichts, sagt man, der Augen und des Mundes lassen in die Seele eines Menschen blicken; aber man lernt schnell, die natürlichen Empfindungen unter der Gesichtsmaske verbergen. Es gibt Zeichen, die man nicht so kontrollieren kann, und die deshalb sicherer sind. Die Bewegung der Hüften beim Gehen, die Haltung eines Armes, einer Hand sind eine Offenbarung. Ich beurteile das Temperament der Menschen nach dem Gang. Reiz, jenes »gewisse Etwas«, scheint mir immer seine Quelle in einem Herzen voll Leidenschaft zu haben, sei es, daß sie überfließt, oder zusammengehalten, vielleicht unterdrückt ist. In jedem Falle, und besonders in dem letzteren, kann sie nicht verheimlicht werden; ihr Atem geht von dem Körper, sogar von den Kleidern, sich selbst verratend, aus.

Dunkle Augen sagen zu viel. Ich kenne große, halbgeschlossene, lichte Augen, die ihre Geheimnisse nie ausplaudern. Die Bewegungen anmutiger Glieder verraten viel mehr. Ich meine, Mrs. Lucien Acton hat solche Augen. Welch merkwürdige junge Frau!

Ich muß der Taufe Seiner kaiserlichen Hoheit, des kleinen Großfürsten, in der Kapelle des Winterpalastes beiwohnen. Die Straßen schwärmen von Menschen. Das Kind fährt in einer von sechs weißen Pferden gezogenen Kutsche, hinterher der Oberhofmarschall. Kosaken rings um die Wagen. Ein prächtiger Anblick. Jeder Mann in Gala, die Hofdamen tragen den » Kakochnik«.

Das Kind wird von der Prinzeß Nikitenkow auf einem seidenen, mit Gold durchwirkten Kissen getragen; die Paten folgen. Der kaiserliche Knabenchor singt in süßer Harmonie, während der Pope das Kind eintaucht. Dann umschreitet der Zar, das Kind in den Armen, dreimal den Altar, und die Sache endet mit allgemeinem Küssen, währenddessen ich mich sehr überflüssig fühlte: es bot mir keiner einen Kuß an.

Dann das große Frühstück im Palast mit seinem ausgesuchten Menü, bei dem jedermanns Gesundheit getrunken wurde und alle Welt in bestem Humor schien.

Das hübsche, unschuldige Kind ist bereits Ehren-Oberst von einem halben Dutzend Regimenter. Glückauf, armer kleiner Sterblicher! Du brauchst freundliches Gedenken und Wünschen. Welche Wechselfälle des Geschicks mögen dir bevorstehen!

 

23. Januar.

Fünfhundert Herren und Damen, die letzteren im Gefunkel ihrer Diamanten, die ersteren im Glanz ihrer Uniformen und Dekorationen, die crème der Petersburger Gesellschaft, versammelt im Winterpalast unter dem Strahlenlicht von hundert Kronleuchtern. Hinter seinem vergoldeten Gitter hervor ergötzt uns das Orchester mit süßen Weisen. In der Rotunde und an der Längsseite der Galerie militaire ein Büffett, an dem frappierter Champagner, Früchte, Eis, Bonbons und Thee aus rauchenden Samovars gereicht wird – alles in Georgiensilber oder auf massiven goldnen Schüsseln.

Spieltische im arabischen Saal. Um Zehn die allerhöchsten Herrschaften. Der Kaiser in der Uniform der Gardekosaken; der Großfürst-Thronfolger in der der Gardehusaren. Die Kaiserin und die Damen der kaiserlichen Familie wetteifern in der Pracht ihrer Toiletten. Sie sehen wie ein Schwarm tropischer Vögel aus.

Das Souper wird um ein Uhr in den großen Bankettsälen serviert, die, wie durch Zauberei, in Gärten von seltenen Palmen und exotischen Gewächsen verwandelt sind. Der Kaiser, von Prinz D. begleitet, bewegt sich zwischen den Tafeln hin, sich zu überzeugen, daß seine Gäste gut bedient sind; die Kaiserin präsidiert an ihrem Tisch, umgeben von den Großfürstinnen, den Gesandten und den Ehrendamen.

Ein brillanter Ball in der That mit vielen schönen Frauen, distinguierten Männern, Licht, Juwelen, Musik, Lachen, magischen Effekten und vollendeter Eleganz. Dies der Rahmen. Nun das Gemälde und meine eigenen persönlichen Erfahrungen. Während ich mit einer Schar Adjutanten und Höflingen den Eintritt Ihrer Majestäten erwartete, wurden meine Blicke von einem Paar Schultern angezogen, die gerade vor mir aus ihren weißen Spitzen auftauchten in einem Haufen von Damen, den Frauen und Töchtern von Würdenträgern – auch sie bereit, den sich nähernden Herrschaften ihre Verbeugungen zu machen.

Ich hatte diese Schultern nie gesehen und doch das Gefühl, als ob ich ein Anrecht an ihnen hätte. Sie erschienen mir nicht fremd, und ihr Anblick bereitete mir jenes innige Entzücken, welches wir empfinden, wenn wir für einen Augenblick einen verlorenen Traum von Jugend und Romantik in uns erwachen fühlen. Sie waren durch keinen Schmuck irgend welcher Art behindert und das – in einem Lande der Juwelen, wo die Köpfe und Hälse der Damen unter der Last der Edelsteine förmlich gebeugt werden – schien den Zauber und die Kraft ihres Konturs noch zu erhöhen. Ich kann mir nichts Poetischeres denken, als ihre Neigung, nichts Reineres, als die Linie des Nackens, von dem kleinen rosigen Ohr bis zum Arm. Es füllte mein Künstlerherz mit Wonne. Es sind Jahre her, daß ich das Modellierholz aus der Hand legte – den lieben Gefährten meiner Knabenmußestunden; aber die Liebe zur Form ist stark in mir und ich fand sie hier in ihrer höchsten Entfaltung.

Dazu trug sie den Kopf stolz mit seiner mignonne nuque und dem Haar, das, hinauffrisiert, in einem Lichtschein oben erglänzte. Die Stirnlocken sind dunkler. Ich trat näher, den Duft der Schönheit einzuziehen, der von der glatten rosigen Haut auszustrahlen schien; denn der Teint war nicht elfenbeinern, sondern marmorn, von einer reichen, herrlichen Lebenskraft zeugend.

Erregte mein Hauch ihre Sensitivität, als ich so hinter ihr stand: eng eingeknöpft in meine Galauniform, meine siebenundzwanzig Dekorationen auf der Brust, der Busch meines Helmes dicht an ihren Füßen den Fußboden streifend? Auf jeden Fall wandte sich Mrs. Acton um.

»Ah,« sagte sie; »ich wußte, daß Sie es waren.«

»Ich stehe hier bereits zwanzig Minuten oder mehr hinter Ihnen.«

»Und, bitte, womit füllten Sie die Zeit aus?«

»Mit der Betrachtung Ihres Rückens, und schließlich überzeugt, daß Sie nicht ohne Grund sich so ruhig hielten.«

»Wieso?«

»Wieso? Weil Sie heute so unaussprechlich frisch und strahlend aussehen.«

»Das alles offenbarte mein Rücken? Wie reizend! Ich amüsiere mich, das ist der Grund. Glück macht unschön: mager und hohläugig. Aber Amüsement, Vergnügen ist die Atmosphäre für eine Frau. Es stimmt zu meiner Gesundheit und meiner Haut.«

Ein unangenehmer Gedanke schoß mir durch die Seele. Ich dachte, welches wohl die Erfahrungen sein möchten, auf die Mrs. Acton so im Vorübergehen angespielt hatte.

»Ich habe niemals Glück gekannt,« sagte ich, nicht ganz ehrlich (und auch nicht ganz unehrlich, denn wie bleich wird schon die Erinnerung!), »und ich habe das Vergnügen satt.«

»Ich glaube von dem, was Sie sagen, kein Wort. Sie haben das Glück gekostet und haben das Vergnügen nicht satt. Sie schwärmen für Vergnügen.« Sie hatte das Wort »schwärmen« mit einem allerliebsten Schmollen hervorgehoben. Das machte mich lachen.

»Sie haben heute abend das Lachen eines jungen Tigers,« sagte sie.

»Wenn es nur ›jung‹ ist, Madame, so kommen Männer wie ich über die weniger schmeichelhafte Vergleichung leicht weg.«

»Weshalb nicht schmeichelhaft? Mir gefällt der Vergleich. Ihr Lächeln ist für gewöhnlich freundlich und nachsichtig. Heute abend ist es militärisch und streng. Sie sind auf Parade. Das imponiert mir, auch Ihre Epauletten und der Federbusch an Ihrem Helm.«

»Nehmen Sie sich in acht, Madame, oder Sie werden es zu verantworten haben, wenn ich mir ein beständiges Grinsen angewöhne; und wenn ich Sie richtig beurteile, werden Sie die erste sein, die das abscheulich findet. Sicherlich langweilen Sie stereotype Menschen und Dinge und treiben Sie schnell in die Flucht. Nebenbei amüsieren Sie sich jetzt himmlisch – auf meine Kosten.«

»Oh, nein, wenn Männer langweilig werden, treibe ich sie nicht fort. Ich stehe einfach auf und überlasse sie sich selbst.«

»So war ich also neulich auf der Gesandtschaft sehr langweilig?«

»Sehr.«

Ich fühlte mich verletzt wie ein blöder Schuljunge. Sie bemerkte meine finstere Miene und machte ihren Spott sofort durch das liebliche Lächeln, mit dem sie zu mir aufblickte, wieder gut.

»Da,« sagte sie, »ist gerade der Typ, den Sie, bin ich überzeugt, bewundern. Die große Dame dort am Arm des Offiziers: große schwarze Augen, eine Adlernase, hohe Stirn und einen – Schnurrbart.«

»In der That, Madame Löwenstein ist sehr schön. Der Herr ist ihr Gatte.«

»Sie scheinen einander sehr viel zu sagen zu haben. Sie sieht gelangweilt und doch wie abbittend aus.«

»Natürlich. Sie spricht zu ihm mit der Mischung von Gereiztheit und Zerknirschung, mit welcher Frauen die Männer traktieren, die sie gewohnheitsmäßig täuschen. Da ist ihr Liebhaber. Nun beobachten Sie die kleinen Manöver!«

»Ah, mein Herr, Sie machen mich vor Ihnen bange.«

»Ich möchte, ich könnte es. So lieben Sie weibliche Schnurrbärte nicht?«

»Etwa Sie?«

»Außerordentlich. So ein wenig Flaum auf einer roten Oberlippe ist sehr anziehend.«

»In Amerika würde man es einen Fehler nennen.«

»O, Ihr seid ein junges Volk. Wir brauchen schärfere Gewürze, unseren verderbten Geschmack zu reizen.«

»Ich mag nicht, wenn man mich auslacht.«

»Im Leben war ich nicht ernsthafter.«

Dann traten die Herrschaften ein, und Lady Xavier entführte mir Mrs. Acton, sie den Majestäten vorzustellen.

Ich stand an einen Pfeiler gelehnt und sah dem Gepränge zu. Ein gut Teil Verstimmung, fürchte ich, drückte sich in meiner Miene aus, als Prinz D. mir auf die Schulter klopfte und mir den Befehl übermittelte, die Prinzeß Nikitenkow für die Mazurka zu engagieren – jenen wilden, koketten Tanz, der sich für die reiferen Proportionen meiner Partnerin so wenig eignet. Aber dagegen ließ sich nichts machen.

Auf beinahe eine Stunde verlor ich Madame Acton aus dem Gesicht, während ich meine korpulente Partnerin durch die schwierigen Figuren lotste. Indessen hörte ich unbestimmte Gerüchte von ihren Erfolgen. Einige Damen fragten mich, ob ich die Américaine gesehen habe, und verschiedene Herren baten mich im Vorübergehen, sie vorzustellen.

Als die Mazurka zu Ende war, verbeugte ich mich in unschicklicher Hast vor meiner Prinzessin und wanderte durch die Säle, sie zu suchen. Endlich fand ich sie im Wintergarten, in einem Walde von Pflanzen und Büschen halb versteckt. Berg lehnte sich über sie, und ein cirkassischer Prinz meiner Bekanntschaft, prächtig in seinem purpursamtenen, mit Pelz besetzten Dolman, seinem Säbel und mit Edelsteinen ausgelegten Dolch, hielt ihr die Tasse gelben chay. Sah sie ein wenig gelangweilt aus, oder war es nur meine Eitelkeit, die mich glauben machte, daß ihr Gesicht sich bei meiner Annäherung aufhellte?

»Nun, mon cher,« sagte ich zu Prinz Savfet, »ist wieder einmal eine schöne Frau das Opfer Ihres Dolches und Ihrer Pelze geworden? Und er hat die Thorheit, Madame, zu glauben, daß alles pour ses beaux yeux geschieht.«

»Wie denn? Diese Dame hat mich schlecht behandelt, mich einen Wilden genannt, sich geweigert, meinen Arm zum Souper zu nehmen,« erwiderte Savfet und blickte auf Mrs. Acton herab mit den träumerischen, in die Ferne schweifenden Augen seiner Rasse.

Berg hat jedenfalls einen ganz unverschämten Ton gegen die Frauen. Ich hätte ihn für diese Weise, in welcher er Mrs. Acton mit den Augen verschlang, von Herzen gern geohrfeigt. Der Teufel hole seine Unverschämtheit! Und sie natürlich, sorglos, lässig, gleichgültig, – wer weiß, vielleicht geschmeichelt. Ich mache die Beobachtung, daß, je vornehmer und feiner die Dame ist, desto weniger nimmt sie sich dergleichen freche Blicke zu Herzen. Ist es möglich, daß sie in solcher Huldigung nicht die Beleidigung herausfinden, die darunter lauert?

Jede Frau scheint eine Huldigung ihrer Schönheit einer ihres Verstandes, ihres Zaubers einer ihrer moralischen Eigenschaften vorzuziehen. Ich bin überzeugt, die Kaiserin ist nicht anders. Sie wollen es durchaus so haben, und in dem Cynismus der armen Nathalie steckt ein gutes Korn Wahrheit.

Nach einigem weiteren Geschwätz bot ich ihr meinen Arm. »Kommen Sie!« sagte ich im Tone der Autorität, und sie kam. Fort von den andern schwebte die anmutige Gestalt dahin, während die Hand in dem langen Handschuh sich leicht auf meinen Arm stützte und das kurze Gelock ihres Haares eben das Gold meiner Epauletten streifte. So schritten wir, in hundert Spiegeln reflektiert, durch die prächtigen Säle. Die Leute fragten, wer diese hohe Fremde in den mattfarbenen Gewanden sei, die wie das peplum einer griechischen Gottheit an der anmutigen Gestalt herabflossen.

Sie war sehr ruhig; nicht im mindesten durch irgend etwas, das sie sah, geblendet; viel mehr eine Prinzessin als die wirklichen, meinte ich, in ihrer eleganten insouciance; eine amerikanische Prinzessin von feinerer Substanz. Ich dachte an die arme Flavie, mit ihrem schlecht arrangierten Haar und ihrer kleinlichen Sparsamkeit.

Selbstverständlich kann dies nichts Ernsthaftes sein, nur ... Ich möchte wissen, wer und was sie ist. Ich weiß kaum, worüber wir sprachen. Ich weiß nur, daß ihr Herz dicht an dem meinen schlug und seine Pulse wärmer machte. Ich sprach zu ihr von dem bevorstehenden Maskenball.

»Mein Onkel wird dagegen sein,« sagte sie.

»Dann sagen Sie ihm nichts; nur kommen Sie!«

»Welch' abscheulicher Rat! Natürlich, heimlich zu gehen, wäre sehr verführerisch. Aber ich hätte Sie für zu konservativ gehalten, um einer jungen Frau einen so üblen Rat zu geben, umsomehr, wenn ihre Natur dazu neigt, ihm zu folgen. Wie denn! Ich soll meinen guten Onkel täuschen, der so nachsichtig gegen mich ist!«

»Also halten Sie mich für konservativ?«

»Ich weiß, daß Sie es sind.«

»Halten Sie mich für was Sie wollen; nur versprechen Sie mir, auf den Maskenball zu kommen!« sagte ich leidenschaftlich.

»Es gibt Dinge, mein Herr, die man thut, aber über die man nicht spricht.«

Sie ist bezaubernd.

Das war ein guter Ball!

 

24. Januar.

Im Anitchkoff fand ich heute morgen den Zar auf dem Palasthofe, wie er sich mit seinen Söhnen schneeballte. Die Kaiserin lächelte von einem der Fenster auf sie herab; eine reizende Familiengruppe.

Am 26. soll eine Revue stattfinden, ich glaube mir zu Ehren. Heut scheint keiner in der Stimmung, Staatsprobleme zu diskutieren; alle Welt ist mehr oder weniger in Festtagslaune. Der Schnee fällt, dieser wunderliche russische Schnee, der wie Salz herab siebt. Kein Sturm, kein Wind – ganz schnell, lautlos. Er schmilzt hier niemals und sie sorgen für die Straßen, so daß man auf reinlich hartem Boden gehen kann.

Man hat mich besser, als ich erwartete, einquartiert. Ich habe mein Zimmer gern. Ich denke, ich kann meiner Regierung nützen; der Kaiser ist mit meinen Rapporten zufrieden. Meine Vormittage werden über der Arbeit verbracht und mit Aufwarten im Palais oder in einer ausländischen Botschaft. Um drei sinkt das Zwielicht herab; die Lampen werden angezündet; dann Visiten bis zum Diner. Dann ein Ball oder Theater oder Souper. Man fängt an Troikapartieen zu arrangieren. Mrs. Acton sollte die Troika versuchen. Wenn sie eine echte Amerikanerin ist, muß ihr die stürmische Bewegung gefallen. Zu denken, daß ich nicht einmal ihren petit nom kenne! Ich wette, er ist so eigen, wie sie selbst. Ich darf nicht vergessen, sie danach zu fragen.

Die Straßen wimmeln heute von Fußgängern und Equipagen. Ich freue mich dieses blitzschnellen, aufregenden Fahrens durch die scharfe Luft. Prächtiger Spaß das. Man vergißt, daß man auf einem Sumpfe lebt. Wie despotisch war doch die Gründung von Petersburg! Die That eines selbstherrlichen Mannes, der in einer hoffnungslosen, von endlosen, unkultivierten Ebenen umgebenen Wüste das Riesenwerk begann. Wer kann sagen, wie viel von der mystischen Melancholie, der Kraft und Geduld des Russen von heute auf Rechnung der Thatsache kommt, daß ihm die Kultur und Regierung von dieser vom baltischen Meere umschlossenen, in Eis starrenden Stadt gebracht wurden, aus einem grausamen Kampfe mit den Naturmächten entspringen und in ihrer Geburt selbst ein Opfer sind? Petersburg ist das Werk des Genies. Schaffen heißt leiden.

 

Später.

Es ist entschieden, daß alle Offiziere zum Maskenball en bourgeois kommen sollen. Die Frauen haben mir gesagt, ich sehe gut in Civil aus. Bin neugierig, ob Mrs. Acton, wenn sie da ist, mich wiedererkennen wird. Das waren meine Betrachtungen, als ich mich in den schwarzen Frack und die weiße Kravatte quälte. In meinen eigenen Augen sah ich wie ein lockerer, alter Dandy aus. Ohimè!

Welch' sonderbaren Eindruck ein Maskenball beim ersten Eintreten auf einen macht! Die › Tziganes‹ waren gemietet, um die Gesellschaft zu unterhalten, und sangen noch ihre wilden Weisen, als ich um ein Uhr kam. Es ging anscheinend ganz lustig her, aber ich verspürte nicht den leisesten Hauch von Erregung und entrain. Ich lehnte eine Zeitlang nachlässig an einer Säule, die bunte Scene beobachtend, als plötzlich Berg vorüberkam und im Gedränge mich streifte. Er hatte eine hochgewachsene Dame in Domino am Arm, zu der er lebhaft auf russisch sprach. Ich hatte die Empfindung, daß sie kein Wort davon verstand. Sie schien gleichgültig und distraite.

Sie trug ein reiches, graues Gewand, das rockartig geschnitten war: mit hohen Puffärmeln, sich über einem hellgelben Untergewande öffnend, um Hals und Gelenke reich gestickt. Ihr kleiner Kopf war eng in weiße Spitzen gehüllt, und sie trug eine gelbseidene Maske. Das Kostüm war hinreichend auffällig, und die Leute wandten sich, nach ihr zu blicken. Es hatte etwas Geheimnisvolles, wenn es auch die Linien ihrer Gestalt nicht verhüllen konnte.

Als sie an mir vorüber kam, schien sie einen Moment zu zögern, verließ dann plötzlich Berg, und sich von ihm wendend und schnell zu mir hingleitend, ließ sie ihre Hand durch meinen Arm schlüpfen. Die Großfürsten standen gerade in diesem Augenblick still, um mit mir zu sprechen, und wandten sich mit ein paar galanten Worten an meine Gefährtin; aber sie würdigte sie keiner Antwort und nestelte sich nur noch etwas dichter an mich.

»Wen suchen Sie?« flüsterte sie endlich in einem gemachten Tone.

»In der That,« erwiderte ich nachlässig, »ich erwarte niemand. Ich habe wenig Interessen in Petersburg. Wenn ich auf eine Stunde hierher kam, geschah es nur aus Höflichkeit gegen Madame Soltikoff, unsre Wirtin.«

Sie zog einen Bleistift aus dem Goldgürtel, der um ihre Taille geschlungen war, und ein Elfenbeintäfelchen und schrieb: »Ich bewunderte Ihren Enthusiasmus.«

»Meinen Enthusiasmus?«

»Ja. Sie blickten mit einem Ausdruck idiotischen Entzückens vor sich hin, als ich Sie aus Ihren Betrachtungen riß.«

»Im Ernst: haben Sie heute nacht hier eine Frau gesehen, deren maskierte Lieblichkeit mich anzuziehen schien? Sah ich aus, als ob ich auf jemand wartete?«

Sie zuckte die Schultern und antwortete nicht.

Während des Gesprächs waren wir aus der Menge, die sich um die Tanzsäle und Büffetts drängte, in ein kleines Boudoir gewandert, dessen anmutige Kühle bis jetzt noch unentweiht war. Meine Begleiterin zog ihren Arm aus dem meinen und ließ sich auf einen niedrigen Sitz sinken, der in einladender Nähe stand. Er war weit genug für zwei, und ich schlüpfte an ihre Seite. Mit dem ennui war es jetzt vorbei.

»Wie nett Sie so aussehen: angezogen wie ein Weltmann,« sagte sie.

»Wirklich! Finden Sie?« Ich fühlte, daß ich vor Vergnügen rot wurde, – mahagonifarben, wie mein Bruder Marc freundschaftlich bemerkt, sobald ich von einer starken Empfindung erregt werde.

»Und Sie?« sagte ich, heimlich entzückt von der Nähe ihrer Schulter und einem seltsamen köstlichen Parfüm, das mich in weichen Wellen von ihren Spitzen und ihrem Haar anwehte und ein ganz klein wenig schwindelig machte, – »und Sie, sind Sie heute nacht sehr schön?«

Statt aller Antwort streifte sie die Handschuhe von den starken weißen Händen, und ihre Maske losnestelnd, zog sie dieselbe plötzlich ab und warf sie auf einen entfernten Sitz. »Ah!« sagte sie, die Arme hebend, um ihre verwirrte Frisur wieder zu ordnen; und dann mit einem komischen kleinen Seufzer: »Ich bin halb erstickt;« und sie zog die Spitzen zurück, straff über ihre Stirn gerade über den Augenbrauen. So, wie eine Orientalin koiffiert, fiel mir die Zartheit und Feinheit ihres Profils noch besonders auf. Von der Hitze ihrer Maske waren ihre Wangen ganz in Flammen; die halb geöffneten Lippen rot wie Blut. Wie wenig die Frauen die Macht begreifen, die für uns Männer in solcher Abweichung von der strikten Ordnung liegt! Sie war ein ganz andres Wesen als die Dame vom Hofball; sie schien mir viel näher. Ein wildes Verlangen erfaßte mich, sie an mich zu drücken, zu pressen, die Flammen auf ihren Wangen noch zu vertiefen, ein Gefühl der Liebe oder des Hasses in diesen träumenden Augen zu erwecken.

»Sie sind eine hübsche Frau,« sagte ich, sie kritisch von Kopf bis Fuß musternd mit einer impertinenten Kühnheit, über die ich mich selbst wunderte; »aber Sie sind kaum schön. Nicht eine von den Frauen, von denen man sagt: sie hat etwas blendend Verführerisches.«

Sie blieb eine Weile schweigend und wandte sich dann langsam zu mir, den Kopf beinahe bis zur Höhe des meinigen erhebend. Zuletzt öffnete sie die halb geschlossenen Lider weit und blickte mich an – ein Blick, der mir in die Seele drang und dessen Blitz durch meine Sinne wie Feuer rann. Ich kann einem, der diesen Ausdruck von Mrs. Actons Gesicht nicht gesehen hat, keinen Begriff von der seltsamen Macht des Blickes geben. Freilich würde das einen Mangel an pudeur beweisen, wenn eine Frau sich oft so entschleiern könnte; und sie flößt mir ein hinreichendes Vertrauen ein, daß der wundersame Blick den vielen niemals enthüllt ist. All' die Angst, all' die Hallucinationen des wahnsinnigsten Verlangens, das ein Mannesherz durchrasen kann, erwachten plötzlich bei mir zum Leben. Im nächsten Moment hatte sich der undurchdringliche Schleier der Lider wieder gesenkt, und mir war, als wäre es dunkel geworden um mich her.

»Sind Sie dessen gewiß?« fragte sie, und ihre Stimme war nur ein Hauch.

»Nein.«

Sie hatte meine Unverschämtheit mit ihren eignen Waffen gestraft. Sie war gerächt. In diesem Moment brachen Salven von lautem Lachen in unsre Einsamkeit. Lady Xavier, die ihr roter Domino nur schlecht verhüllte, gefolgt von einem halben Dutzend junger Attachés, die Prinzessin Nikitenkow, meine Partnerin vom letzten Hofball, und der alte Prinz Suvaroff schwärmten in unser Boudoir. Entfernte Musik folgte ihnen.

Unnötig zu sagen, daß ich den Rest des Abends verzaubert ihr zur Seite blieb. Bevor wir uns trennten, fragte ich sie nach ihrem Namen.

»Daphne,« sagte sie.

Als ich wieder in meinen Zimmern war, versuchte ich, Vernunft mit mir zu sprechen und über mich zu lachen. Es könnte nichts unglücklicher und ungelegener für mich sein, als ernsthaft bevorzugt zu werden. Mrs. Acton ist entweder ein sehr unschuldiges und unvorsichtiges junges Weib, oder eine diabolische Kokette, der man lieber aus dem Wege gehen sollte. Ich will nicht versuchen, das Rätsel zu lösen. Selbstverständlich bin ich kein bartloser Knabe oder ein Stock, daß ich gegen eine solche Herausforderung unempfindlich bleiben sollte. Wider Willen muß ich einräumen: sie ist in ungewöhnlicher Weise anziehend und aufregend, bedeutend, wie wenige ihres Geschlechts, keines der Weiber, mit denen man sich »amüsieren« kann, und ganz sicher eine Gefahr. Aber ich bin entschlossen, mein Herz frei zu halten, und ich meine, das Weiseste wird sein, möglichst viel Raum zwischen mir und dieser außerordentlichen Zauberin zu lassen.

 

26. Januar.

»Die Straßenfeuer sind angezündet, Herr Graf,« sagte Gustav, als er die Vorhänge meines Bettes zurückschlug, »und wir haben vierzehn Grad.«

Das sieht für die Revue morgen hoffnungsvoll aus. Erfrorene Nasen und Füße in Mars' Dienste! Aber als ich ein bißchen Sonnenschein in mein Zimmer bekam und eine Tasse Kaffee und meinen Kalatch, erschien es nicht mehr so schrecklich. Ein starker Duft von Chypre umspielte mein Frühstücksbrett und unter meiner offiziellen Post lag ein kleines rosa Billet, auf dem Couvert ein silbernes, von einem Dolche durchbohrtes Herz. Es war eine Rodomontade von Madame Nathalie – die dritte seit ihrem Besuch. Bin neugierig, wie lange dies Bombardement noch dauern wird! Sie behauptet, ich habe sie schlecht behandelt, sie nicht besucht, sei nicht im Theater gewesen; habe ihre Briefe nicht beantwortet, ihr die Bücher nicht gesandt, um die sie gebeten; – mein Gott, welche Bücher! Schließlich bewundert und verehrt sie mich. Wann sie zum Frühstück wieder kommen darf? – Dann ein kleines, furchtsames Briefchen von Flavie. Sie hat die Brillanten aus dem Bücherzeichen, das ich ihr sandte, nehmen und in einen Ring setzen lassen. Der Teufel hole sie und ihre abgeschmackte Tollheit! Ich bin ihr treuer, bester, einziger Freund, – mit Ausnahme von Madame Harnay, der alten Heuchlerin! Papa hat die Gicht und ist, oh! so ärgerlich! Und ich schreibe doch bald! Sie verbleibt verehrungsvoll meine Freundin Flavie, Prinzessin von S. V.

Bon! Ich fühle mich dumm und habe einen Schnupfen. Ich ziehe meine » shuba« an und die Galoschen und will spazieren gehen, aber ich bin träge und müde und rufe an der Straßenecke einen » isvoztchik« an. Der Kerl ist so fett, daß er meine Füße warm hält, und wie wir nun so in voller Eile durch die Fourschtatskaia jagen, habe ich ein seltsames Erlebnis: alles Blut verläßt plötzlich mein Herz, das einen tollen Satz macht. Meine Lippen werden trocken, wie versengt, Finger von Eisen scheinen sich um meine Kehle zu legen; meine Glieder werden stumpf und zittern. Eben so plötzlich verschwinden diese sonderbaren unangenehmen Empfindungen, und was von mir bleibt, ist eine hilflose Masse, die sich mit der einen Hand an dem Riemen meines »çani« hält und mit der andern an dem Gurt meines Kutschers. Er schreit: » Birigui« einem unglücklichen Passanten zu, zeigt seine Zähne und treibt das Pferd an, offenbar in der Meinung, daß der » Barin« es sehr eilig hat.

Und was war die Ursache dieses seltsamen Nervenanfalls? Einfach dies: ich hatte eine braune, mit Pelzen verbrämte »Shuba« gesehen, die eine gewisse schlanke Gestalt umhüllte ...

Ist es möglich? Nun, jeder Mann in meinen Jahren hat vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht. Sie ging mit ihrer Tante. Die Damen hatten keine Ahnung von meiner Nähe. Und zu denken, daß eine so unbedeutende Veranlassung einen Mann von meiner Gesundheit und Kraft so außer aller Fassung bringen kann! Was hat das zu bedeuten?

Wäre ich jünger, hätte ich noch Illusionen, auch nur noch den mindesten Lebenshunger, würde ich sagen ... aber nein! Auf jeden Fall ist es eine höchst merkwürdige psychologische Thatsache. Ich befahl meinem Kutscher, irgendwohin, überallhin zu fahren. Ich weiß nicht, wo wir und wie weit wir gewesen sind; meine Zähne klapperten. Endlich hält er an einem Klosterthor still und murmelt auf russisch, daß da drinnen »etwas« vorgeht, das sich der » Barin« ansehen sollte. Ich springe aus dem Schlitten in das Schneetreiben, entblöße mein Haupt und trete ein. Die Schwestern halten einen Gottesdienst ab; die Kirche ist dunkel, außer wo die Wachslichter am Altar und vor den Heiligenbildern schimmern. Ich bemerke, daß dies eine sehr aristokratische Schwesterschaft ist; ein Fräulein Oblensky ist, glaube ich, die Oberin. Manche von ihnen lassen ihre vornehme Abkunft und ihre Eleganz durch die strengen Gewänder, in denen sie sich in dem Schiffe bewegen, durchscheinen. Die Musik ist leise und klagend. Man bietet mir eine Wachskerze; ich nehme sie; in einem gegebenen Augenblick wenden wir alle sie nach unten, und sie gehen aus. Bevor ich in den Sonnenschein zurückkehre, kniee ich einen Moment hin. Ich sage kein Gebet; aber die Ruhe ist mir zurückgekehrt, das Fieber vorüber. Gott sei Dank!

Was haben sie in der Fourschtatskaia um diese Stunde zu thun gehabt? Vielleicht frühstücken bei der Prinzessin Vera, die Nr. 30 wohnt. Es ist der lächerlichste Unsinn. Ich habe von etwas der Art nie gehört. Ich meine ... ich weiß nicht, was ich meine.

Nach Hause gekommen, anstatt mich an meine Arbeit und den Graus meiner Rapporte zu setzen, fühle ich mich äußerst ruhelos und demoralisiert und schreibe endlich ein kurzes Billet, adressiert an Madame Lucien Acton, Americanscoe Posolstvo. So hat bis dahin noch keine Frau in meine Pflichten eingegriffen. Ich sage das nicht mir zum Ruhme, meine Meinung vom andern Geschlechte war eben nicht groß genug gewesen.

Mein Billet ist nichts als eine formelle Ankündigung, daß ich mir die Ehre geben werde, ihr um fünf Uhr meine Aufwartung zu machen, und die Bitte, mich wissen zu lassen, ob sie mich empfangen will. Da auf der Welt kein sichtbarer Grund ist, weshalb ich nicht auf der Botschaft vorsprechen sollte, wird es ihr sehr klar sein, daß mein Billet nur eine Finte ist, irgend etwas von ihr zu erlangen. Eine dumme, plumpe Finte, dreimal umgeschrieben, endlos korrigiert, schließlich doch im Ausdruck traurig ungeschickt. Aber meine schöne Feindin fällt nicht in die Schlinge. Ich fange an, sie unbequem klug zu finden. Ich warte und warte. Narischkine wird gemeldet, und während er spricht, beobachte ich die Thür. Gustav bringt Selterwasser –

»Schnell!« sage ich, »die Antwort auf das Billet!«

Gustav blickt starr, Narischkine blickt starr, ich blicke starr.

»Es ist nichts da; sie sagten, es sei keine Antwort.«

Es schlägt vier. N. verabschiedet sich. Ich gebe irgend einen Grund vor, ihn bis zur Portierloge begleiten zu dürfen. Ich klopfe an das Fenster.

»Ist ein Billet für mich da?«

» Nieto pismo

Ich fasse ihn derb an der Schulter und schüttle ihn.

»Schnell, Bursch!« sage ich; »heraus mit dem Billet, das du irgendwo versteckt hast!«

Er macht sich los, reibt sich den Kopf und ist augenscheinlich überzeugt, daß der › Barin‹ verrückt oder betrunken. Ich murmle eine schwache Entschuldigung, sage, es sei ein Mißverständnis, und gebe ihm drei Rubel. Er nimmt das Geld, schließt die Thür sorgfältig, sich aus meinem Bereich zu bringen, und sieht durch das Fenster, an welchem er den Weltlauf beobachtet, wie ich langsam nach meinem Zimmer zurückgehe.

Ich verbringe eine böse Viertelstunde. Habe ich sie beleidigt? War sie heute nacht ernstlich böse? und hat sie ihren Aerger nur nicht merken lassen, um später ihre Rache zu nehmen? War mein Billet unpassend? Wie kann ich wissen, wie sie über dergleichen denkt? Zu warm? Zu kalt? Es wird fünf Uhr und ich habe mich in eine Verfassung jämmerlicher Angst hineingehetzt. Ich lasse meinen Schlitten kommen und fahre zur Botschaft.

»Ist Madame Acton zu Hause?« Ich bin zu ungeduldig, Mrs. North auch nur zu nennen.

» Oui, Monsieur.« Der Jäger Alexei lächelt und geleitet mich die Treppe hinauf. »Madame ist im Boudoir.« Er schlägt die schwere Portiere zurück und geht, nachdem er mich angekündigt. Ich trete ein, aber es ist keine Gottheit in dem Tempel; nur ein Duft von Lilien und ein helles Feuer im Kamin. Ich will mich eben wenden und den Mann zurückrufen, als ich durch einen andern Vorhang über einer kleineren Seitenthür ein paar Akkorde auf dem Klavier anschlagen höre und eine volltönende Stimme ...

Ich habe das Lied später aufgetrieben und gebe es hier, wie ich es zuerst hörte:

»Bois frissonant, ciel étoilé,
Mon bien aimé s'en est allé,
Emportant mon coeur désolé.

»Le premier jour qu'il vint ici,
Mon âme fut à sa merci;
De fierté je n'eus plus souci.

»Mon regard était plein d'aveux,
Il me prit dans ses bras nerveux,
Il me baisa près des cheveux.

»J'en eus un long frémissement,
Et puis, je ne sais plus comment,
Il est devenu mon amant.

»Je lui disais, ›Tu m'aimeras
Aussi longtemps que tu pourras!‹
Je ne dormais bien qu'en ses bras.

»Mais lui, sentant son coeur éteint,
S'en est allé, l'autre matin,
Sans moi! dans un pays lointain.«

Niemand könnte die Hingabe malen, mit der diese Tochter der Puritaner sang! Das furchtsame Erwachen in der ersten Strophe, das zurückgehaltene Feuer in der zweiten, die tödliche Verzweiflung in der letzten.

Ich stand festgebannt; mein Herz klopfte vor Lust, wie eines Schulknaben, aber das Blut, das durch meine Adern floß, war nicht das eines Knaben. Während ich den berauschenden Tönen des holden Geschöpfes lauschte, das mir so nahe war und doch von meiner Gegenwart nichts wußte, malte ich mir aus, sie würde im nächsten Moment neben mir stehen und ich, wie der Liebhaber in der Ballade, sie in meine Arme nehmen und ihr Haar küssen. Es verlangte mich heiß, ihre langen, starken Finger in den meinen zu drücken, sie an mein Herz zu pressen, bis sie um Gnade flehte.

Ich bin keine wilde Natur. Auf dem Schlachtfeld blutet mein Herz für den verwundeten Feind. Ich bin freundlich und zärtlich gegen Frauen; aber ich kann das seltsame Gefühl nicht schildern, das Daphne durch ihr Singen in mir erweckt hat. Plötzlich wurde der Vorhang von einer energischen Hand zurückgeschoben.

» Tiens!« sagte sie, eintretend; »Sie sind's?«

Ich meinte, sie nie so unnahbar gesehen zu haben, und mein Herz sank. Ihre Kleidung sogar war entmutigend. Sie war ganz in Schwarz, in dunklen Falten eines schweren Samt, die mit dem blendenden Weiß ihres Halses wundersam kontrastierten. Sie deutete mir nach einem Sitz und nahm selbst in der Ecke eines nahe am Kaminfeuer gestellten Sofas in einer Haltung Platz, die mir ein wenig studiert schien. Ihre Augen waren kalt und ruhten auf mir wie Eis.

»Warum haben Sie meinen Brief nicht beantwortet?« begann ich mit einiger Bitterkeit. Konnten diese Dame und die Sängerin wirklich ein und dieselbe Person sein?

»Ihren Brief? ... Oh, – war eine Antwort nötig?«

Ich dachte an meinen schrecklichen Nachmittag und seufzte.

»Sind Sie krank?«

»Ja, sehr.«

Sie lachte. »Nun, Sie sehen wirklich zum Erschrecken blaß aus.«

»Wirklich? Ich glaubte nicht, daß ich Schrecken einflößen könnte. Ich versichere Sie, Sie dürfen völlig ruhig sein.«

Sie lehnte den Kopf gegen die Spitzen eines weichen Kissens zurück, das Kinn ein wenig in die Höhe und das Licht des Feuers auf ihrem glänzenden braunen Haar.

»Neues von – Ihrem Hofe?« fragte sie leichthin mit jener ihr eigenen Gabe, den Gegenstand der Unterhaltung zu wechseln, und als ob sie ein persönliches Gespräch zu vermeiden wünschte.

»Nichts Besonderes,« erwiderte ich mit wiedergewonnenem sang froid; »nur daß ich stets um meinen geliebten Kaiser besorgt bin.«

»Er ist sehr alt,« sagte sie lakonisch.

»Gewiß,« erwiderte ich, ein wenig ärgerlich über den Ton, in welchem sie das gesagt hatte, »ein Amerikaner kann sich unmöglich in unsre Gefühle versetzen.«

»Ja, Gott sei Dank,« sagte sie trocken und mit einer Stimme, in der ich die ihre nicht wieder erkannte; »wir sind kein exaltiertes Volk.«

»Soll das so viel heißen, daß wir eines sind?«

Sie antwortete nicht.

»Mein Kaiser ist schon seit vielen Jahren die einzige große, reine Neigung meines Herzens und des seines Volkes gewesen,« fügte ich etwas pomphaft hinzu.

»Eine sonderbare Neigung, die ihm Leid wünscht.«

»Ich ihm Leid wünschen!«

»Nun,« sagte sie ungeduldig, »denken Sie sich das Leben amüsant, wenn man beinahe hundert Jahre ist und hat keinen Zahn mehr, kein Haar und nichts? Bloß Familienstreitereien und politisches Gezänk zur Unterhaltung!«

»Sie beurteilen uns hart, Madame!«

Sie unterdrückte ein Gähnen hinter ihrer Hand.

»Ich für mein Teil liebe den Prunk und Glanz eines Hofes,« fuhr sie fort; »aber die Leute scheinen mir alle Puppen und Jahrmarktsspieler zum Zweck meiner besonderen Unterhaltung zu sein, machen also auf mich, die Republikanerin, das Gegenteil von imponierendem Eindruck. Wahrhaftig, seitdem ich Amerika verließ, habe ich nur einen Mann gesehen.«

»Ich fürchte, ich – langweile Sie,« sagte ich trocken. »Verzeihen Sie, wenn ich lästig fiel,« und ich erhob mich. Ihr Ton war so wenig verbindlich; ich konnte mit Ehren nicht länger bleiben.

»Ich vermute zum Beispiel,« fuhr sie fort, ohne meine Bewegung zu beachten, »daß, wenn man Ihnen befähle, irgend einen zu töten oder irgend eine ... zu heiraten, Sie sofortiges Gehorchen als Pflicht empfinden würden.«

Ich mußte lachen. »Wenn ich das Recht hätte, Ihnen eine frische Episode aus meinem Leben zu erzählen, würden Sie mich wenigstens von dem Vorwurf so schmählicher Knechtschaft entbinden.«

»Ich zweifle nicht, es würde sehr interessant sein,« sagte sie spöttisch.

»Aber,« fuhr ich erregt fort, »während ich nicht zu stolz bin, eine der Puppen zu sein, die zu Ihrer Unterhaltung tanzen, fürchte ich, ich bin augenblicklich selbst dieser Rolle nicht gewachsen, und will Ihnen deshalb guten Abend wünschen.«

»Sie wollen nicht zum Thee bleiben?« sagte sie mit einiger Empfindlichkeit. Während ich einen Moment zögerte, machte sie eine Gebärde, als wollte sie mich zurückhalten.

»Lassen Sie uns einen Augenblick ernsthaft sprechen, Madame,« sagte ich. »Leute aus meinen Kreisen haben mich versichert, daß es mir an Takt nicht gebreche. Die Mission, die mich in dies Land gebracht hat, ist eine, die diskret und delikat behandelt sein will. Sie konnte kaum einem Stümper anvertraut werden; aber in Ihnen finde ich ein Rätsel, das meiner Erfahrung spottet, und während es unzweifelhaft gelöst zu werden verdient, fühle ich nicht den nötigen Mut, den Versuch zu wagen. Alle Chancen würden gegen mich sein. Ich will seine Lösung dem glücklichen Mann überlassen, auf den Sie vorhin anspielten.«

»Er kümmert sich nicht darum,« murmelte sie.

»Das,« erwiderte ich, »ist kaum möglich, wenn Ihre Augen, auch nur für einen Moment, billigend auf ihm geruht haben. Von mir habe ich weiter nichts zu sagen. Als Sie es nicht der Mühe für wert hielten, mein Billet zu beantworten, hätte mir die grausame Vernachlässigung die Augen darüber öffnen sollen, daß ich nicht gewünscht und nicht willkommen bin. Ah, wenn Sie wüßten, mit welch demütiger Verehrung es geschrieben, und mit welcher ungeduldiger Sehnsucht die Antwort erwartet wurde!«

»Ich nehme keine Lektionen über mein Betragen an.« Sie blickte hochmütig auf mich, aber ich bemerkte, daß ihre Lippen zitterten.

»Ich biete Ihnen keine,« erwiderte ich. »Ich ziehe mich einfach zurück. Ich kam ungebeten, weil fern zu bleiben Tod schien, und eben jetzt, während ich Ihrer schönen Stimme lauschte, träumte ich mich im Himmel. Meine Seele war voll von Gedanken, die ich Ihnen gern ausgedrückt hätte. Mein Herz ... ach, ich wollte, Sie hätten in mein Herz blicken können. Es floß über. Ich hatte Ihnen so viel zu sagen, so viel! Aber die Enttäuschung ist vollkommen gewesen.« Ich war fürchterlich bewegt und wandte mich ab, damit sie nicht sehen sollte, wie ich all meine Mannhaftigkeit verloren hatte.

Als ich mich wieder zu ihr wandte – war es möglich! Aber ich konnte nicht zweifeln: zwei große Tropfen hatten sich von ihren Wimpern gelöst, rannen langsam ihre Wangen herab und fielen auf ihre Hände, die sie über ihre Kniee gefaltet hatte.

Ich sprang auf sie zu; mein Degen schlug gegen das Sofa. »Mein Kind,« sagte ich, »habe ich Sie verletzt?«

»Graf Berg,« meldete Alexei; und dann kamen andere: Mrs. North, die sich über die Kälte beklagte; Mr. North, gesprächig bis zur Geschwätzigkeit; Frau von Barythine, die immer noch über ihre Nichte Wasia, die Oblenskydiamanten und ihres verstorbenen Gatten Mausoleum sprach.

Ich saß angewurzelt, bescheiden meinen Thee schlürfend, kleine Kuchen dazu essend, jedermann zustimmend, schwächlich, mild, unaussprechlich dumm. Mrs. Acton dagegen glänzte in heiterer Originalität und entfaltete jene besonderen Gaben und anmutigen Eigenschaften, die sie in einem so ausgezeichneten Grade für den Salon geeignet machen. Sie besitzt zur Vollendung die Fähigkeit, von der Diskussion über ernsteste Dinge zu den reizendsten Nichtigkeiten unmerklich hinüberzugleiten.

Ich erinnere mich einiger Bemerkungen, die sie über den Unterschied der lateinischen und anglosächsischen Rassen machte. »Ich liebe die Russen,« sagte sie, »sie sind mir näher. Den Slaven kann ich verstehen; aber zwischen uns und den Lateinern öffnet sich ein unüberbrückbarer Schlund. Bedenken Sie doch: die Ehen fallen fast immer unglücklich aus, und selbst die Freundschaften sind, wenn es hoch kommt, zahm und lahm. Wir werden stets eine verschiedene Sprache sprechen und uns immer mißverstehen. So« – sie wandte sich dabei zu ihrer Tante – »waltet zwischen mir und meiner Freundin, Heloise de St. Pierre, eine aufrichtige Neigung ob, viel gegenseitige Achtung und dennoch ein geheimer Antagonismus, der, ich weiß es, eines Tages explodieren und unsere ganze Vergangenheit unter seinen Ruinen begraben wird. Sie sind klug, engherzig, berechnend. Wir sind unbedacht, wild, die Veränderung liebend. Es ist nicht bloß die Erziehung, die Sitten – das Temperament ist völlig verschieden.«

Berg, den Mund voll Kuchen, meinte, die Menschen seien sich alle gleich bis auf individuelle Empfindungen hier und da. Uebrigens freue er sich, für seine Person ein Sachse, also zweifelsohne und völlig in der Lage zu sein, Mrs. Actons brillante Sätze würdigen zu können; worauf sie »Ah!« sagte, mit einer sarkastischen Betonung, die mir wohl that.

Mit den andern ging schließlich auch ich, nachdem ich mit Mrs. Acton nur ein förmliches Lebewohl ausgetauscht. Als ich auf die Straße kam, faßte ich an meine Stirn. Eines ist gewiß: ich werde viel glücklicher sein. Der Kampf ist vorüber: ich liebe sie.

Ich hatte immer gedacht, was ich zumeist an einem Weibe liebte und bewunderte, sei Einfachheit, und – ich mußte lachen.

 

26. Januar.

Fremde treffen sich, wägen einander ab; einer ist der stärkere.

Es erfordert größeren Mut, einer Versuchung auszuweichen, als den Kampf mit ihr aufzunehmen. Liebe ist keine Krankheit, sondern die Fülle der Gesundheit des Leibes und der Seele. Weshalb sie also fliehen? Ist es nicht besser, selbst thöricht zu lieben, als – nicht? Welche Wonne, zu hoffen und zu fürchten! Frauen sind kurzsichtig in ihren gegenseitigen Urteilen. Sie denken, Schönheit oder Geist unterjochen uns. Nein, mes dames, das Geheimnis liegt tiefer. Was uns unterjocht, ist die Hoffnung, die eine und die andere in uns zu erregen scheint, die Hoffnung, sie werde den Durst nach Verzückung stillen, von dem jede phantasievolle Seele gefoltert wird. Dennoch – besitzen wir sie jemals so völlig wie solche, die weniger zu versprechen scheinen? Und werden sie nicht vor uns ein ewiges Geheimnis bewahren, – etwas, das sich nicht mehr definieren läßt? Was ist denn schließlich die nächste Nähe zweier Körper, wenn die Seele uns entwischt? Wissen wir denn nur fünf Minuten lang, worüber diese holden Geschöpfe denken und brüten?

Welche Pein für ein leidenschaftliches Herz, sich für das Herz, das es liebt, unausreichend zu wissen! Durchschnittsmenschen haben solche Befürchtungen nicht. Sie kommen zu den großen Festen des Lebens ohne Demut, ohne Mißtrauen; aber Menschen von hoher, zarter Organisation und empfindlichem Stolz scheiden von dem Bankett mit mancher Frage in der bewegten Seele.

Eines habe ich gelernt: Leidenschaft ist geduldig. Die es anders sagen, lügen.

Ich ging letzte Nacht in ein entferntes › dwor‹, weit von den vornehmen Straßen. Ich liebe es, dieses seltsame, traurige, arbeitsame Volk aus nächster Nähe zu beobachten, mich zu mischen in den bunten Haufen dieser Menschen, die Bad und Seife nicht kennen, deren Blut von › vodka‹ verbrannt ist, umgeben von dem Mistdunst alter Schafpelze und ihrer Lederanzüge; mit ihrem wilden verfilzten Haar und Bärten, aus denen ihre melancholischen Augen suchend hervorblicken. Die breithüftigen, hochbusigen Mädchen und Frauen sind gerade, kraftvoll, mit starken Händen, thörichten Mündern und mit Zähnen, deren früher Verfall auf Rechnung der dumpfigen Schlafräume und des Moorwassers kommt, das sie trinken. Ich habe stets diesen Geschmack für unmittelbare Berührung mit der ungeschminkten Natur gehabt. Ich bin ein romantischer Realist. Ich sehe gern in verwitterte Gesichter. Der Russe hat für mich etwas Mystisches. Selbst bei den Aermsten und Unwissendsten ist noch ein etwas von Spiritualismus, von einer gewissen Geistesweite, der nur die Klarheit mangelt. Sie sind nebelhaft wie ihr Himmel. Ein kluger Mann hat einmal gesagt: »Stelle einen Lateiner und einen Slaven vor ein Fernglas: der erstere verkürzt es, daß es für sein Auge paßt, er klar und deutlich sieht; der letztere verlängert es so weit als möglich und reicht weiter, aber der Horizont ist verschwommen. So, wenn wir sie studieren, müssen wir ihre eigenen Methoden anwenden.«

Heute war die Parade zu meinen Ehren. Die Truppen formierten sich auf dem Platze vor dem Winterpalast, alle in Galauniform, glänzenden Waffen, die Hufe der Pferde blitzend wie poliertes Glas auf dem Silber des Schnees, der wie Staub unter den Hunderten von Hufen aufstob – ein prachtvoller Anblick. Dazu ein rosiger Schein auf der Kuppel der St. Isaakskirche, dem anmutigen Turm der Admiralität, den Helmen und Kürassen der Truppen: Dragoner, Chevalier gardes, Gardes à cheval, die aristokratischsten Regimenter Rußlands, Kürassiere, Ulanen, die Preobrajensky-Infanterie, das Paul-Regiment mit seinen Flachnasen und großen kupfernen Helmen – eine stolze militärische Macht, wahrlich, auf welche das westliche Europa seine Blicke gerichtet behalten mag!

Ich ritt an der Seite des Zaren, die Adjutanten folgten. Wir begrüßten die Kaiserin und ihre Damen, die in einem Fenster des Palastes stehen. »Guten Tag, meine Kinder!« ruft »Väterchen« seinen Soldaten zu. Die Musik spielt auf, wie jetzt der Zar auf seinem großen, weißen Pferde die Fronte entlang jagt. Wenn alles vorüber, geht's zum Dejeuner, bei dem unter andrem ein großer Stör auf goldener Schüssel von einem halben Dutzend Diener hereingebracht wird. Er ist mit einer Art von Haferbrei gefüllt, wie ihn die Bauern essen, und den auch die Höflinge nicht verschmähen.

Vorher, als ich nach der Kaserne gefahren war, mein Pferd zu holen, hatte ich den Jäger der amerikanischen Botschaft getroffen. Er rief meinen Diener Ivan an; mein Schlitten hielt, und er gab mir ein kleines Billet. In Romanen antizipieren die Leute dergleichen Ueberraschungen; im wirklichen Leben kommen sie immer unerwartet. Ich glaubte, es sei eine formelle Einladung von Mrs. North, mich bei einer › troika‹-Partie einzufinden, welche die Damen planten; aber die goldene Krone und die kühne, etwas unleserliche Handschrift waren mir unbekannt. Ich erbrach das Siegel; es waren nur wenige Worte:

 

»Wir sind an einem Fenster des Etatmajors und werden nach einem Gruß von Ihnen ausblicken, wenn Sie vorüberreiten.

Wenn Sie nach der Parade meinen Onkel beim Frühstück sehen, sprechen Sie mit ihm über unsre › troika‹-Fahrt. Er wird sie von allem unterrichten.

Haben Sie mir verziehen?

Daphne Acton.«

 

Ich verbarg Daphnes Brief an meiner Brust, daß er mein Herz warm halte, ach! so warm! Ich sah meine Wonne am Fenster und sandte ihr einen Gruß hinauf. Was mein Herz ihr sandte, lasse ich ungeschrieben.

 

29. Januar.

Ich traf Mr. North bei dem Palast-Frühstück nach der Parade, und während wir rauchten, zog er mich bei Seite und sagte mir, daß die Damen wünschten, ich möchte um zehn Uhr auf der Botschaft sein; die Gesellschaft solle sich da treffen und man werde in vier troikas nach den Inseln fahren, um dort zu soupieren; Zimmer seien bestellt, auch Musik, im Falle wir tanzen wollten. Wenn die Leute zeitig genug kämen, würden wir Zeit haben, beim Eispalast anzuhalten, den seine Nichte noch nicht gesehen habe u. s. w. Er scheint ein vortrefflicher Mann.

Ich war mit dem Glockenschlage zehn in der Botschaft. Mein Kommen hatte ich durch ein Bouquet Lilien für Mrs. Acton angekündigt.

»Militärische Pünktlichkeit,« rief Mrs. North, sich mit herzlichem Gruß zu mir von ihrer Beschäftigung wendend, will sagen: von dem Verteilen eines Haufens von Rosen auf die verschiedenen étagères, mit denen der reizende Raum ausgestattet ist.

Sie war allein; wie froh ich darüber war! Wenn ich ein tête-à-tête von auch nur fünfzehn Minuten mit ihr hatte, würde ich wenigstens einige Dinge von ihr erfahren, die ich zu vernehmen brannte. Ist es möglich, daß diese Dame bereits ahnte, welche Gedanken mich beschäftigten? Hat sie in meinem dunklen Gesicht das Geheimnis meiner wachsenden Leidenschaft gelesen? Man sagt, die Yankees sind eine schlaue Rasse. Sicher ist, daß sie mit bemerkenswertem Takt und in aller Wohlerzogenheit es fertig brachte, mir eine Skizze von dem Leben ihrer Nichte zu geben, während sie so zwischen ihren Blumen auf und nieder ging.

»Daphne,« begann sie, »läßt auf sich warten wie gewöhnlich. Vor zehn Minuten schrieb sie in ihrer robe de chambre Briefe, die Haare auf den Schultern. Sie ist die außerordentlichste Mischung von Lässigkeit und Energie, Ruhe und Unrast. Ich weiß nicht, wo sie ihre Sonderbarkeiten her hat. Ich sage zu Mr. North, daß seine Familie völlig prosaisch, alltäglich und kurz so ist, wie die Leute sein sollen. Mrs. Acton ist, wissen Sie, seine Nichte, nicht meine.«

Ich war in ihre Worte so versunken, daß sie lächeln mußte, als sie sich für einen Moment zu mir wandte.

»Sie sind ein guter Hörer,« sagte sie; »Sie sehen, ich nehme für ausgemacht an, daß Sie sich für sie interessieren, wie alle Welt. Soll ich Ihnen etwas aus ihrem merkwürdigen Leben erzählen?«

Ich verbeugte mich nur. Sprechen konnte ich nicht.

»Daphne ist in Europa erzogen, hauptsächlich in Frankreich, wo ihre Mutter für mehrere Jahre ihren Wohnsitz genommen hatte. Sie und ihre Schwester hatten jede Begünstigung. Daphnes Mutter hatte einen sehr reichen Mann geheiratet; er war eine Macht in unsrer Finanzwelt. Alle unsre Männer, wissen Sie, haben einen ernsthaften Lebensberuf. Dann kam eine Panik, wie wir dergleichen Krisen in Amerika nennen, und er verlor alles.

»Ich glaube, der Verlust seines Prestige war bitterer für ihn als der des Reichtums; er hatte sich auf seine große Kapazität viel zu gute gethan; alle Welt hatte zu ihm emporgesehen. Seine Frau und Töchter waren derzeit in Europa. Sie eilten heim. Daphne war ein sehr romantisches Mädchen; in der Gesellschaft war sie zur Zeit nicht aufgetreten. Sie war noch ein völliges Kind. Nur so kann ich ihre Heirat erklären und entschuldigen. Lucien Acton war ihres Vaters intimer Freund: ein reicher Mann, unverheiratet und sein Hauptgläubiger. Das war das Schlimmste. Bei dem Bankerott hatten andere stark eingebüßt.

»Mr. Acton litt damals an einer unheilbaren Krankheit; die Aerzte hatten erklärt, er könne nur noch ein paar Monate leben. Er hatte keine näheren Verwandten und wollte dem Freunde sein ganzes Vermögen hinterlassen, für den Augenblick auf seine Ansprüche verzichten, namhafte Vorschüsse machen. Mein Schwager wollte davon nichts hören. Er war ein stolzer, unabhängiger Mann. Mr. Acton hatte sie alle sehr genau jahrelang gekannt. Er hatte die Kinder immer gern gehabt, besonders Daphne. Er war viel mit ihnen auf Reisen gewesen, hatte sich für ihre Erziehung interessiert. Ich konnte ihn niemals leiden, aber er war sehr gescheit. Zuletzt sagte er: ›Gebt mir Daphne! Sie soll für die kurze Zeit mein Kind sein und dann meine Witwe. So wird sich alles zum besten ordnen.‹ Das sah Lucien Acton so gleich! Er war ein Cyniker. Es war ihm alles einerlei.

»Unglücklicherweise sagte Daphnes Mutter halb lachend zu ihr: ›Wie denkst du darüber? Mr. Acton meint ... du solltest ihn heiraten. Er könnte dann Papa helfen, so daß es vor der Welt den rechten Anschein gewinnt. Welch sonderbare Idee!‹ Ich sage ›unglücklicherweise‹, denn die Worte fielen nicht in taube Ohren. In des Mädchens Kopfe schlugen sie Wurzeln und trugen Frucht. Ich kann nicht in Einzelnheiten eingehen. Sie lief davon, in seine Wohnung, eines Abends, mit ihrer alten Amme, die ihr leider in jeder Weise Vorschub leistete, und einem andern Zeugen. Sie ließen einen Geistlichen kommen und wurden getraut. Ich halte es für ein Verbrechen, was Mr. Acton da that. Ich konnte es nie verstehen. Ich muß es dahingestellt sein lassen, ob er sie wahnsinnig liebte und entschlossen war, daß sie seinen Namen führen müsse. Wie gesagt: ich weiß es nicht. Daphne spricht niemals darüber. Manche sagen, er meinte es gut und war überzeugt, er hätte keine sechs Wochen mehr zu leben. Das Entsetzlichste ist nun, daß er besser wurde und weiter lebte ... nicht sechs Wochen, sondern zehn Jahre, obgleich stets ein Krüppel.«

Mein Herz stand in Flammen, meine Hände waren wie Eis.

»Und ihre Eltern?« fragte ich ruhig.

»Sie waren im Anfang und sogar auf lange Zeit sehr ärgerlich, aber ... was wollen Sie?«

Mrs. North brachte mit einer letzten Berührung eine Vase auf dem Kaminsims neben mir vollends in Ordnung und trat zurück, die Wirkung zu sehen.

»Die heftigsten rancunes,« fuhr sie fort, sich zu mir setzend, »müssen ein Ende nehmen. Wir sind, wenn es zum besten kommt, doch alle schwach, schwankend und – darf ich hinzufügen? – nicht unempfindlich gegen äußeren Erfolg. Als Daphne sich zu einer Leiterin des fashionablen Lebens aufschwang und die elegantesten Männer und Frauen ihres Gesellschaftskreises sich um sie bemühten, mußte man sich wohl, wie nun die Jahre dahingingen, dareinfinden. Nebenbei brachte sie auch ihre jüngere Schwester in Mode und verheiratete sie gut.

»Ich muß sagen, Lucien Acton benahm sich edel gegen sie. ›Liebes Kind,‹ pflegte er zu sagen, ›ich kann es mir niemals vergeben, daß ich nicht zur rechten Zeit gestorben bin. Nun wirst du mich schon bis zuguterletzt so hinnehmen müssen. Ich hoffe, es wird nicht für lange Zeit sein.‹ On dit, ihr ganzes Verhältnis bestand darin, daß er sich in ihr Boudoir rollen ließ, um sie in ihrer Gesellschaftstoilette zu sehen. Er kritisierte dann ruhig ihren Anzug und ihre Juwelen; sagte ihr, wenn sie zu décolletée war, gab ihr einen und den andren weltlichen Rat und ließ sich wieder von dem Diener in sein Zimmer rollen. Aber ich glaube, es war noch eine tiefere Einwirkung da, die weniger harmlos war. Er war ein sehr glänzender Geist und ich fürchte, er brachte ihr falsche Ansichten vom Leben bei. Es war alles höchst unnatürlich. Sie war zu jung, um sich von der geistigen Kost nähren zu können, die einem Mann von seinen Jahren und seinem Intellekt genehm war. Er hatte keine Religion. Seine vorzüglichste Erholung von litterarischen Studien, denen er seine meiste Zeit widmete, waren die Karten. Er hatte jeden Nachmittag seine Partie, auch Sonntags. Ich bin sehr altmodisch und finde dergleichen einfach abscheulich. Und dabei hat man mir erzählt, daß seine Verkrüppelung von einer Verletzung der Wirbelsäule herrührte, die er sich bei der Rettung von ein paar Kindern aus dem Feuer in einem Sommerbadeort zugezogen. So hatte der Mann jedenfalls edle Charakterzüge. Man darf nicht zu herb aburteilen.« Mrs. North seufzte.

»Zweifellos war er ein angenehmer Gefährte, durchaus ein Mann von Welt, poliert wie Stahl. Ich muß auch zugeben: er brachte Daphne in eine glänzende Stellung und ließ sie völlig gewähren. Sie hatte den größten Respekt vor seiner Klugheit und sah in ihm die Verkörperung der Ehre. Selbstverständlich glaubte sie eine heroische That vollbracht zu haben, als sie sich für ihre Familie opferte. Wie dem auch sei: ihr Leben war nach außen das Gegenteil von einem Fiasko.«

Ich hörte atemlos zu, immer fürchtend, wir könnten unterbrochen werden.

»Es ist nicht mehr viel zu berichten. Er starb vor zwei Jahren. Sie ist sehr reich. Ich bewundere sie außerordentlich. Ich finde sie äußerst anziehend. Sie bezaubert mich ganz. Dennoch bin ich nicht sicher, daß ich sie liebe. Ich würde eigentlich den Mann bedauern, der es thäte.«

Hier brach Mrs. North mit einem kleinen nervösen Lachen kurz ab; es entstand eine Pause. Lag darin eine Warnung für mich? Nach einer kleinen Weile fuhr sie fort: »Ich hoffe, sie wird glücklich werden. Sie hat gehabt, was die Welt Glück nennt; aber wir Frauen kennen den Unterschied. Ich hoffe, sie wird sich wieder verheiraten.«

»Wer würde es wagen?« murmelte ich.

»Nun,« erwiderte sie, »irgend ein sehr einfacher Mann, der sich über sie nicht den Kopf zerbricht, keinerlei Hintergedanken hat – er würde der beste sein. Irgend ein guter praktischer Amerikaner, hoffe ich. Schließlich verstehen sie ihre Frauen doch am besten.«

»Wenige Männer irgend einer Nation möchten sich rühmen dürfen, eine solche Natur ergründen zu können,« erwiderte ich in einer Gereiztheit, für die ich keinen Grund anzugeben gewußt hätte.

»Ja, sie ist schwer zu verstehen. Es würde für den Mann besser sein, wenn er es nicht versuchte und ihr nur Liebe gäbe, viel Liebe, und sie im übrigen sich selbst überließe. Ihr Ausländer,« fuhr sie lächelnd fort, »seid nachlässig, wenn ihr nicht liebt, und viel zu anspruchsvoll, wenn ihr liebt.«

»Ich würde sehr anspruchsvoll sein.«

»Ich bin davon überzeugt,« sagte Mrs. North.

»Ich meine, der Mann muß das Haupt sein, die Leitung haben –«

»Ah! wir würden das altmodisch nennen. Wir amerikanischen Frauen sind selbstherrlich und entêtées

Dann kam ein Schweigen über uns beide, das nicht ganz heimlich war. Es wurde durch das Eintreten von Mrs. Acton unterbrochen.

Leichten Schrittes trat sie herein, ihr einziger Schmuck die reizende Koketterie, mit der sie einen weichen, mit Stickerei und goldnen Quasten ausgeputzten baschlik tief um ihr Haar geschlungen hatte. Ihr einfaches dunkles Gewand gab ihr ein besonders mädchenhaftes Aussehen. Sie schien in ausgezeichneter Laune und viel mehr mit den praktischen Einzelheiten unsres Ausflugs als mit Gegenständen einer tieferen Empfindung beschäftigt. Ich haßte sie beinahe für diese Lustigkeit. War es möglich, fragte ich mich, daß dies alles wahr sein konnte? Mein einziger Trost war, daß sie meine Lilien am Busen trug. Aber ich war von allem, was ich gehört hatte, so erregt, und zwischen meinem augenblicklichen Gemütszustand und dem ihren schien mir ein so geringer » rapport«, daß ich nicht den Mut fühlte, mich ihr zu nähern und ihr für dieses Zeichen holder weiblicher Schmeichelei zu danken. Und nun kam Kleiderrauschen, Stimmen ließen sich hören und ein Schwarm hübscher Frauen flatterte herein, ein halbes Dutzend Herren im Gefolge. Suwaroff, Berg, die Prinzessin Soltikoff, die kleine Frau Wassilii und andre. Gerade bevor wir unsre Plätze in den troikas einnehmen wollten, nahm Mrs. North Gelegenheit, mir ein Wort zuzuflüstern: »Sie sind vielleicht überrascht, daß ich zu Ihnen, der Sie doch ein völlig Fremder sind, über diese Familienangelegenheiten gesprochen habe. Wir Amerikaner sind nicht geneigt, besonders mitteilsam zu sein, aber ich wußte nicht, was Sie zu hören bekommen würden. Mrs. Actons Heirat wurde ihrer Zeit viel besprochen. Sie hat nicht im Winkel gelebt und die Welt ist sehr klein. Ich wollte nur, daß Sie wissen möchten, was alle Welt weiß. Sie haben mir von Anfang an Vertrauen eingeflößt. Ich höre nur Bestes über Sie; bin glücklich, Sie in unserm Hause zu sehen. Ich weiß, Sie werden mich nicht falsch beurteilen.«

Ich konnte nur ihre Hand warm drücken und ihr für ihre Güte und ihr Vertrauen danken, wobei ich ihr versicherte, daß ich ihr niemals Gelegenheit geben würde, ihre Freundlichkeit zu bereuen. Vor mir selbst schien diese Versicherung plötzlich als ein heiliges Versprechen drohend aufzusteigen mit Verantwortlichkeiten, die mich ein wenig beunruhigten.

Ich hatte mich kaum von meinem Glück überzeugt, als ich Mrs. Acton an meiner Seite fand. In den engen Fahrzeugen, die noch dazu ein wenig überfüllt waren, fanden wir uns notgedrungen in nächster Nähe. Nichts kann die Wonne dieser Spazierfahrt malen. Ich weiß kaum, was vor sich ging. Wir hielten am Eispalast an, und sie und ich und die andern – waren andre da? – wanderten durch seine kalten Räume. Ich erzählte ihr die Geschichte von den leichtsinnigen Höflingen, die einen der Ihren mit seiner Braut für eine ganze Nacht in die weißen Gemächer einschlossen und am Morgen ihre Gefangenen steif und tot fanden. »Ich meinte immer,« sagte ich, »der junge Mann muß bedauerlich wenig Feuer gehabt haben.« Wie ein Kind verlangte Mrs. Acton, im Renntierschlitten das Palastterrain zu befahren, und so fuhr dann unsre Gesellschaft auf den niedrigen, mit Pelzen ausgepolsterten Schlitten rings um das Feenschloß herum. Ich erinnere mich nur, daß ich sie einmal, als sie Gefahr lief, in den Schnee hinabzugleiten, an einem ihrer schlanken Handgelenke halten mußte. Hernach, wieder in der troika, davongewirbelt, wie in ein Märchenland, in nie gefühlte Empfindungen, unentdeckte Welten, fort, immer fort zu den Inseln durch die windstille Nacht. O! niemals zu vergessende Fahrt!

Als wir nach dem Tanze, dem Souper, der Musik spät nach Hause fuhren, hielt ich sie bei dem sanften Schwanken des dahingleitenden Schlittens fast in meinen Armen. Ich meinte, ihre Herzschläge fühlen zu können. Ich hütete mich sorgsam, selbst vor dem Verdacht der Aufdringlichkeit; wie immer hielt mich die Furcht, ihr Mißfallen zu erregen, gebannt. Sie wußte wohl selbst nicht, wie nahe sie mir war. Einmal verwickelte sich mein Sporn in ihren Röcken. Ich beugte mich, mit der nicht behandschuhten Hand ihn loszumachen. Sie hatte selbst den Handschuh ausgezogen, eine widerspenstige Locke, die aus dem Schleier entweichen wollte, an ihre Stelle zu bringen. Ich reichte ihr ihren Muff, der ihr bei der Bewegung entglitten war. Unsre Finger berührten sich und nestelten sich einen Moment zusammen. Ist es möglich, daß der Stoß, der mein Herz traf, nicht zurückwirkte? was ich fühlte, keine Erwiderung fand? Ich weiß es nicht; ich weiß nur, sie nahm mich zweimal in der troika an ihre Seite. Nur einmal in dieser gesegneten Nacht fiel ein Schatten zwischen uns. Als ich auf ihr liebliches, in dem hohen Pelzkragen eingerahmtes, dem meinen so nahes Gesicht niederblickte, fragte sie mich, mit wem ich auf dem bevorstehenden Ball tanzen würde.

»Mit Mademoiselle Taillefère,« erwiderte ich, »die ich lange, bevor ich Sie kannte, zum Cotillon engagierte.«

»Ah,« sagte sie; »ich habe sie nicht gesehen. Ist sie ... sehr hübsch?«

»Sie interessiert mich nicht sonderlich,« antwortete ich.

»Weshalb wählten Sie sie denn?« fuhr sie mit kindischer Hartnäckigkeit fort.

»Ich weiß nicht,« erwiderte ich sorglos; »vermutlich weil sie eine schöne Figur hat.«

Es war ein dummes Wort. Mein Blut war in meinem Gehirn; ich wußte nicht, was ich sagte. Ich bemerkte, daß sie sich ein wenig zurückzog und sich wenigstens zwanzig Minuten lang Berg widmete, der ihr zur Rechten saß. Ich bin von Natur nicht eitel und zerbrach mir den Kopf, herauszubringen, weshalb sie gegen mich so schweigsam geworden war. Erst nachher, nach langer Ueberlegung fiel mir ein, es hätte ihr vielleicht, was ich gesagt, mißfallen. Ich verwünschte Mademoiselle Taillefère, meine schwerfällige Fassungskraft und die Plumpheit meiner Bemerkung, die mich um einen Moment dieser kostbaren Stunden gebracht hatte. Aber wäre es, daß die Worte sie wirklich verletzt hätten, – wäre es, wäre es – welches Glück, welche Wonne!

Während sie sich zu Berg bog, blickte ich sie an, und ich begriff völlig, wie ein Mann, um von ihr geliebt zu werden, dieses stolze, zarte Geschöpf mit dem Feuer der Leidenschaft zu durchglühen, alles opfern könnte und Pflicht, Leben, die Ehre selbst in alle vier Winde werfen. Ja, ich, der ich solange nur meinem Ehrgeize gelebt habe, fühlte, daß, dürfte ich sie dafür eine Stunde nur besitzen, ich meine Carriere, meine Hoffnungen, alles, alles preisgeben würde.

Nachdem sich unsre Hände berührt, wandte das geliebte Weib sich wieder zu mir, aber es war doch eine kleine Veränderung in ihrer Haltung, und ihr Benehmen, das ein und das andre Mal eine süße Koketterie verratend, hatte einen Anstrich von vornehmer Kühle bekommen. Es verlangte mich sehnlich, ihr zu sagen, wie ich sie liebte, aber etwas hielt mich zurück und lähmte mir die Zunge, und ich meinte, sie war mir schweigend für meine Zurückhaltung dankbar. Jedenfalls werde ich die erste Gelegenheit wahrnehmen, ihr zu erklären, wie sehr ich Mademoiselle Taillefère verabscheue, die grausam banal und sogar schlecht gewachsen ist. So erscheint sie mir neben meiner Göttin.

 

1. Februar.

Mein Rausch verflüchtigt sich. Heute nacht sehe ich in die Zukunft. Was birgt sie in ihrem Schoß? Sein Leben zu verbringen an der Seite eines solchen Wesens, ihrem zarten Takte die Behandlung aller gesellschaftlichen Wirren zu überlassen; zu schlafen, zu wachen und immer sich selbst so sicher zu wissen; Zeit zu haben für ernsthafte Arbeit, während sie über mir wacht, ihre Stimme, ihr Schritt, ihr Sang in meinen Ohren, – welch ein Himmel! Und doch sagt mir etwas: »sie ist nicht für dich!« Ich weiß, daß ich sie liebe; ich könnte sonst nicht so tief unglücklich sein. Zu wissen, daß sie in Petersburg ist, mir so nahe, und daß ich doch nicht allzeit bei ihr sein kann, ihr nicht zu Füßen fallen, sie in meinen Armen halten kann – welche Qual!

Ich werde sie heute nacht bei den Odoiëffskys sehen und sie aus der Ferne anbeten; sie »offiziell« sehen: umgeben von andern jüngeren, schöneren Männern, diesen glänzenden, jungen, russischen Offizieren, den verwöhnten Lieblingen der Frauen, soviel besser als ich geeignet, ihre Einbildungskraft zu rühren, zu bezaubern. Wie alt und müde und basané mein Gesicht neben ihrem frischen aussieht! Die Schlachtfelder haben ihre Spuren zurückgelassen. Hm! Weiber lieben die Jugend. Ah, Daphne, ich bin heute nur noch ein altes, müdes Chargepferd, dem man eine Gnade anthut, wenn man es von seiner Pein erlöst. Gib mir den Todesstoß, Liebste, bevor du mich verläßt – denn du wirst mich verlassen, ich fühle es. Solch ein Segen wie deine Liebe ist nicht für mich. Das Leben, der Rauch der Schlachten, das Feuer des Lebens haben ihre häßlichen Spuren nur zu deutlich an mir zurückgelassen. Deine Liebe wäre wie ein Strom reinen Wassers, die befleckten Kleider darin zu reinigen; sie würde eine unwürdige Vergangenheit erquicken, verjüngen. Ja! Bin ich dir nahe, kehrt mir die Jugend zurück, die Romantik. Ich werde wieder rein. Ich zittere. Ich könnte weinen. Weshalb hat sie diese Sehnsucht in mir erweckt, sie eng an mein Herz zu schließen, wenn sie niemals erfüllt werden soll? Ich bin von Unrast verzehrt.

Die Frauen sind eifersüchtig auf sie. Heute nachmittag schwatzten sie über sie beim Thee. Diese Weiber, die Liebhaber zu Dutzenden gehabt haben, wagten über meinen Liebling zu richten. Odoiëffsky, dies Tier, hatte über sie geschwatzt. Er sagte zu ihr: »Ich sah Sie in der Oper, Madame.«

»Ja,« hatte sie geantwortet, »ich bemerkte es.«

»Ich bin in Verzweiflung, Madame, wenn meine Bewunderung zu ausgesprochen gewesen ist, ich zu beständig zu Ihnen hinsah.«

»O, bitte, nehmen Sie es sich nicht zu Herzen,« hatte sie geantwortet. »Es ist ganz überflüssig. Eben deshalb gehe ich aus.«

Alle waren empört; die Männer winkten einander zu und zuckten die Achseln. Die Weiber riefen: » Les Américaines sont à un tel point mal élevées! Wahrhaftig! Sie kennen keine Scham!« Und in sittlicher Entrüstung verdrehten sie ihre Augen, bis das Weiße zu Tage trat.

Eine schrille Stimme kam zu ihrer Hilfe.

»Man könne doch nicht wissen! Vielleicht war es übertrieben. Vielleicht hatte sie es nicht gesagt. Hatte sie es, so war es allerdings atroce

Ich aber wußte, daß sie es gesagt hatte, weil es ihr, Engel, wie sie ist, völlig gleichsah; und eine Flut leidenschaftlicher Hingebung stieg mir zu den Lippen auf und ich fühlte, wie eine Glut mein ganzes Gesicht bedeckte, für welches letztere ich mich nebenbei innerlich verwünschte.

»Glauben Sie, daß sie es wirklich gesagt hat?« fuhr die letzte Sprecherin, sich zu mir wendend, hartnäckig fort. »Sie kennen sie doch sehr gut, glaube ich.«

»Ja,« erwiderte ich; »ich bin überzeugt, Madame, daß sie es gesagt hat; und es möchte ebenso schwer sein, sie zu verteidigen, als ihr nachzuahmen.«

Ein peinliches Schweigen folgte; im Ton meiner Stimme hatte etwas gelegen, das den Damen nicht gefiel. Dann ein Murmeln und unterschiedliche Dolchblicke.

»Die Männer bewundern dergleichen Wunderlichkeiten,« sagte Madame Wassilii mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ja, Madame, denn bei einer Zauberin wie Mrs. Acton ist es einem, als hätte man sich von dem Geflatter zahmer, kleiner, schreiender Papageien abgewandt, um den stolzen Flug eines prachtvollen wilden Seevogels zu beobachten.«

»Ah! il est pris!« riefen die Weiber in scharfem concerto. » Pincé!« Und ich wurde die Zielscheibe ihres mitleidlosen Spottes, der nicht ohne einen Beischmack von Rachegefühlen war.

Ich brachte es mit einigen Kunstgriffen der Galanterie, wie man sie in meinem Berufe mit Nutzen lernt, fertig, mit meinen Verfolgern eine Art von Frieden zu schließen und mich so aus der bösen Lage zu ziehen. Ich hatte thörichterweise zu viel Hitze gezeigt; wunderte mich selbst über die Kühnheit, mit der ich gesprochen; aber ich wäre erstickt, hätte ich es nicht gethan. Daphne ist originell, und das ist ein Verbrechen, das ihr Geschlecht niemals verzeiht.

Ein glänzender Ball bei den Odoiëffskys, für mich völlig jämmerlich, denn ... sie kam nicht. Die Leute sagten, es sei eine brillante Sache. Madame Odoiëffsky in weißem Samt und strahlend in Diamantenpracht; Odoiëffsky selbst prächtig in seiner Kosakenuniform, mit seiner Patronentasche von Niellosilber am Gürtel. Ich hätte ihn wegen seiner Redereien über Daphne erdrosseln können. Auf den Stufen, inmitten des Schwarmes dieser fröhlichen Menschen, saß der kleine paralytische Sohn des Hauses; sein reiches Samtkleid und die weißen, plissierten Spitzen stachen seltsam ab von seinem armen, entstellten Gesicht, dessen Lippen von der einen Seite der Zähne zu dem entsetzlichen stereotypen Lächeln verzogen sind. Sie haben sich daran gewöhnt und stellen sich nicht vor, wie er Fremden erscheint. Sein dicker, knochiger Kopf mit dem dünnen Haar und der bleichen Haut, der vorspringenden Nase und den schönen, glänzenden, von etwas wie rastloser Leidenschaft vollen Augen auf den ausgemergelten, schmalen Schultern erfüllte mich mit schmerzlichster Sympathie. Sie gewähren ihm alle seine Launen, und er hatte darauf bestanden, dem Ball von seinem erhöhten Sitze aus beiwohnen zu wollen. Elegante Frauen beugten sich flüchtig über ihn und lächelten ihn im Vorübergehen an, innerlich schaudernd und Gott für ihre eigenen rosigen Kleinen zu Hause dankend.

Als aber, beim Beginn der Mazurka, der Ball in Schwung kam, vergaß man den kleinen Feodor. Ich meinte, daß er und ich die unglücklichsten, verlassensten beiden im Saale seien, denn ich war halb krank vom langen, vergeblichen Harren. So brachte ich dem Kind ein paar Süßigkeiten vom Souper, zeigte ihm meinen Degen, erklärte ihm alle meine Dekorationen, indem ich ihm die obligaten Geschichten dazu erzählte. An der Seite dieses unglücklichen Knaben fand ich die einzigen friedensvollen Augenblicke. Das Mitleid, das ich mit seinem Unglück empfand, schien mir das Gefühl meines eigenen Leides zu mildern.

Im Leben folgen sich drei Perioden, – die der Hoffnung, die der Empörung, die der Resignation. Ich habe das der letzteren ziemende Alter erreicht, aber sie mir noch nicht ganz zu eigen gemacht. Warum ist sie nicht gekommen? Und was ist sie? Eine Frau, meiner Anbetung würdig, oder eine kalte Kokette, die mit mir zu ihrer Unterhaltung spielt? Ich muß es wissen, und sie selbst soll es mir sagen. Ja! Morgen! Vielleicht fühle ich mich dann nicht so weit, so weit von ihr. Wieviel lange Jahre liegen hinter uns, von denen wir beide nichts wissen. Ich halte sie für eine Frau von unbeugsamer Willenskraft. Würde es der meinen je gelingen, sie zu gewinnen? Ach! Herz, ich möchte dich um keinen Preis verletzen! Ich fühle ja, daß Liebe dein Wesen ist. Ariadne findet leicht Schritt für Schritt an ihrem Faden durch das dunkle Labyrinth, in welchem ich meinen Weg und meine Vernunft verlieren würde. Das Gefühl dieser gebrechlichen Wesen ist viel schneller als das unsre, aber ist es auch so tief? Was eines Mannes Herz knickt und bricht, geht über ein Frauenherz wie Frühlingswehen. Leicht ist's, den Tau von einer Rose zu schütteln; aber einer alten Eiche Rinde muß zerbrochen und zerrissen werden, bevor sie einen Tropfen von dem gibt, was ihr die Kraft verleiht.

 

2. Februar.

Ich habe sie allein gesehen, und wir haben eine ernsthafte Auseinandersetzung gehabt; vielmehr: ich gab mich aus und erzählte ihr meine Vergangenheit. Dann bat ich sie, mir von ihrem Leben zu berichten.

»Mein Leben,« sagte sie, »ist zu sehr mit dem andrer verflochten gewesen; ich kann davon nicht sprechen.«

»Was müssen Sie denn von mir denken, der ich Ihnen meine Seele ausgeschüttet habe?« sagte ich. »Bin ich zu freimütig gewesen?«

»Ach, das würde so reizend sein!« sagte sie scheuend; »zu finden, daß Sie indiskret oder unweise sein können! Sie sollen ja so klug und so stark sein! Ich bin ein echtes Weib; eine schwache Stelle in meines Ritters Rüstung zu finden, das wäre so Wonne für mich!«

Das war mein ganzer Trost.

»Ah!« sagte ich, »die Thränen, die neulich aus Ihren Augen fielen, waren beredter als alle Worte dieser klugen Lippen sein können.«

Dann gestand sie – scheu, wie ein junges Mädchen, – daß der einzige Mann, den sie hier getroffen habe, – ich sei. Ich fiel ihr zu Füßen. Sie hieß mich aufstehen und sagte: »Welche Thorheit!« aber sie schickte mich nicht weg. Sie ist das entzückendste Geschöpf.

 

3. Februar.

Ich habe immer geglaubt, es würde für mich das höchste Glück sein, das Weib, das ich liebte, mit mir nach Italien zu nehmen; sie unter einem sonnigen, warmen Himmel an meiner Seite zu haben, meine Geliebte, meine fiancée. Wahr ist's, der Gedanke der Heirat hat mich nie sonderlich beschäftigt. Diese kalten Gegenden habe ich immer gehaßt. Wie kommt es nun, daß ihre geheimnisvolle Melancholie so innig zu meinem jetzigen Seelenzustand und der wilden Natur meiner Liebe zu stimmen scheint. Ich freue mich, sie hier kennen gelernt zu haben. Ich möchte Daphne, sie an meinem Busen schützend, davontragen zu den Seen Finnlands mit ihren Granitufern; möchte an ihrer Seite den herben Duft der Fichten trinken. Oder, noch weiter weg, mit ihr in die dunklen Steppen Orenburgs tauchen, wo der Streit der Zungen schweigt und sie allein mir Wärme und Sonnenlicht sein würde. Mit einer Frau, wie sie, ja, da bedarf es der Weite und der Einsamkeit.

» Enfin ils trouvèrent un vaste champ où on était à l'aise et en liberté!«

Ich denke an Borodino und die lange, staubige Straße nach Smolensk, durch die Napoleon, Zerstörung hinter sich lassend, zog, – jenen Schauplatz ruhmvoller blutiger Thaten. Da war ich einst: ein Reisender, der nach Sehenswürdigkeiten jagte und ein paar Tage Urlaub auf meinem Wege nach Bukarest also verthat. Ich hielt an dem Kloster Siemienoffskaia an und rastete während einer warmen Juninacht am Flusse Kolotcha. Warum denke ich heute an jene Nacht? Ich saß am Ufer und beobachtete die wie in Angst gedrängten trübgrünen Wasser. Ich war allein. Alles dahin! – das Geräusch der marschierenden Truppen, das Geschrei siegreicher Armeen! Wie still es war! Wie der Tod, ein allzufrüher Tod, auf dieser weiten Ebene, dem Grab von Tausenden. Kein Laut in dem tiefen Schweigen als des Windes durch die melancholischen Weiden und zerzausten Linden. Ein fernes Echo des großen Epos des Jahrhunderts. Weshalb jetzt diese Erinnerung? Und warum möchte ich Daphne fort mit mir tragen zu den stillen Ufern des Flusses Kolotcha, dahin uns niemand folgen könnte?

Daphne! Welch süßer Duft umschwebt den Namen! Welch entzückender Name! Als ich ein Kind war, konnte ich niemals ein D schreiben. Es ist sicher ein schwieriger Buchstabe. Bah! Ich werde kindisch.

 

9. Februar.

Wie könnte ich irgend etwas schreiben! Ich sehe sie beständig. Meine Gedanken drängen sich so stürmisch um sie, ich muß sie sammeln. Seitdem ich zuletzt schrieb, haben wir eines Nachmittags den kleinen Palast Peters des Großen besucht, Zoo und die Kirche von St. Paul, auch die St. Peter-Citadelle, das Mausoleum des Zaren. Wir waren en partie carrée. Die Prinzessin Soltikoff und Berg.

Wie anmutvoll sie aussah, wie strahlend! Wie ruhig und elegant ihre Bewegungen, wie edel die Haltung ihres kleinen Kopfes! Sie war von dem seltsamen kleinen Spielzeughaus und seinen riesigen Wachen entzückt. Ihr gegenüber in Madame Soltikoffs Equipage – es war für Schlitten zu bitterlich kalt – fühlte ich mich glücklich wie ein Schulknabe. Ich lehnte mich ein paarmal zu ihr und flüsterte ihr zu: »Ich liebe Sie!« Sie errötete und einmal erwiderte sie meinen Blick. Ich sagte schon: es wäre unmöglich, den Glanz dieses Blickes solchen zu beschreiben, auf denen er nicht geruht hat. Das Auge ist lang geschnitten, licht, halb geschlossen, nicht sehr strahlend, aber von unentschiedener Farbe. Es ist weder blau noch schwarz, noch grün noch grau; nur die innere Regung macht es glänzen oder bleich werden. Sein gewöhnlicher Ausdruck ist Gleichgültigkeit und, wenn es sein Feuer ganz verhüllt, undurchdringliche Kälte. Aber, wenn es nur einen Funken ausstrahlt, wie wäre es möglich, die Wollust des Ausdruckes zu malen, oder die Bangigkeit, die es in eines Mannes Herz gießt? Man fühlt sich gewarnt und wird doch sein Sklave. Darf ein Mann es wagen, eine Frau mit solchen Augen zu heiraten?

Ihr verführerischer, süßer Mund sagt mehr. Sie hat eine gewisse Art, sich mit halbgeöffneten Lippen zurückzulehnen. Es ist ganz unmöglich, daß sie sich der Wirkung bewußt ist. Es würde eine Grausamkeit sein.

Auf Zoo machten wir die Bekanntschaft von Monsieur und Madame und dem kleinen Hippopotamus. Trafen auch ein paar Mitglieder der chinesischen Gesandtschaft, deren Augen und Zöpfe bei dem Anblick unsrer schönen Begleiterinnen zu zittern schienen. Wir waren alle eine vergnügte Partie mit Ausnahme von Berg, der hoffnungslos épris von Madame Acton ist und mir die Ehre erweist, auf mich eifersüchtig zu sein. Auf der Heimkehr schickten wir die Equipage an der Brücke fort und gingen zusammen nach Hause über die Newa durch den Schnee, von dort, an den Quais hin, in die Lietné Sad. Eine Weile wanderten wir ziellos in den dunklen Alleen. Ich wußte nur, daß ich an ihrer Seite war.

Es ist jetzt schweigend zwischen uns angenommen, daß ich sie anbete und für den Augenblick Erklärungen zwischen uns nicht stattfinden sollen; wir uns vielmehr eine Zeit lang treiben lassen wollen, wohin die Winde des Schicksals und ihre Wünsche uns führen werden. Sie verlangt es so.

»Lassen Sie uns nicht tragisch werden,« sagte sie zu mir. »Ich verlasse mich auf Ihre Ehre, daß Sie zu mir von Ihrer Liebe nicht sprechen, – gerade jetzt nicht, gerade jetzt nicht, – später, später. Lassen Sie uns diese Stunden unschuldig und sorglos wie Kinder genießen.«

Es scheint, sie fürchtet eine Erklärung, ein Geständnis. Soll ich einräumen, daß in der Ungewißheit der Situation, die sich doch nicht wochenlang hinziehen kann, ein gewisser Zauber liegt? Es ist seltsam, aber diese Frau erfüllt mich mit einer Schüchternheit, einer solchen Furcht, sie ganz zu verlieren, daß ich gehorchen muß.

 

10. Februar.

Ihre Unterhaltung interessiert mich tief. Wir sprachen von Exkursionen in die Schweiz und sie erwähnte eines Ausflugs, den sie in die Berge ihrer Heimat gemacht hatte. »Ich hasse die Berge,« sagte sie, »außer in der Entfernung. Nicht, daß es mir an Mut gebräche, sie zu besteigen! In der That,« fügte sie hinzu, »ich habe so viel davon, daß ich mich manchmal gefragt habe, ob es nicht Tollkühnheit ist.«

Ich machte eine abwehrende Bewegung.

»O, ich weiß,« fuhr sie, mich absichtlich mißverstehend, fort. »Es ist keine Tugend, durch die man sich bei euch Herren empfiehlt. Nun, à propos der Berge, ich bin weder träg noch feige, aber ich sehe lieber zu ihnen hinauf: zu der ruhigen Majestät ihrer Gipfel, wo sie sich mit der Unendlichkeit des Himmels mischen. Ich habe immer gemeint, sie sind gerade so wie die großen Leute; ich meine: wenn man ihnen zu nahe kommt, verunschönt und entstellt von Stöcken und Stumpfen und häßlichen Steinen, über welche man stolpert und fällt und sich verletzt. Madame Rémusat war auf der Bergwanderung, als sie ihr Geschwätz über Napoleons Schwächen niederschrieb. Ach, wir sollten nur wahrhaft bedeutenden Geistern unsre Schwächen zeigen. Kleine Menschen, wie Madame de Rémusat, heften sich an Kleinigkeiten. Sie können von den Unregelmäßigkeiten und Mängeln nicht aufhören und fallen auf Schlüsse über die ungesunde Moral der Leute herein aus Prämissen, die keine Beweiskraft haben.«

Ein andermal sprach ich verächtlich vom Reichtum. »Ach, mein Freund,« sagte sie, »Geld bedeutet Freiheit, und Freiheit ist Macht.« Wieder ein andermal von der ersten Jugend sprechend, sagte sie: »Die Jugend ist die Periode der Enttäuschungen und steht in der Furcht, sich lächerlich zu machen, Qualen aus. Sie stirbt lieber in erhabenem Schweigen, als daß sie abfälliger Kritik kühn die Stirn böte. Wir,« fügte sie lachend hinzu, »wir, mein Freund, stehen im besten und glücklichsten Alter.«

»Wir?« erwiderte ich. »Sie sind sarkastisch, Madame, Ich bin alt genug, Ihr Vater sein zu können.«

»Dann müssen Sie sehr früh reif gewesen sein; ich bin wirklich eine alte Person.«

»Die sich sehr gut konserviert hat.«

»Nun ja, soweit gut aussehend; aber ich versichere Sie, unansehnliche Menschen haben darin einen unberechenbaren Vorzug, daß sie sich niemals verändern und man sie immer sicher wiederfindet, während die schönen es zu Zeiten fertig bringen, greulich auszusehen.«

Sie erhob sich, trat an den Spiegel und betrachtete sich eine Weile, wobei sie ein wenig das Haar von der Stirn lüftete – der jungen Stirn, auf die es so tief herabwächst, der stolzen Stirn, auf der man unwillkürlich nach einem Diadem ausschaut.

»Finden Sie mich schön?« sagte sie plötzlich, indem sie sich wandte und mir gegenübertrat.

»Ja.«

»Es ist da eine Menge von Dingen, die ganz falsch sind.«

»Ich habe es bemerkt. Die Natur hat sich sehr stiefmütterlich gegen Sie benommen. Ich bedaure Sie wegen Ihrer unvorteilhaften Erscheinung und mich wegen meines schlechten Geschmackes.«

»Mein Gatte, Mr. Acton, pflegte zu sagen, es sei da keine regelmäßige Schönheit, nur ein guter ... Effekt.«

Die Worte schienen ihr unwillkürlich entwischt zu sein. Es war das erste Mal, daß sie ihres Gatten Erwähnung that. Ich wurde still.

»Wie streng Ihr Gesicht manchmal wird,« sagte sie lachend. »Sie sehen aus, als hätten Sie Lust, irgend ein greuliches Verbrechen zu begehen.«

Sie kann scherzen mit dem Namen eines toten Mannes auf den Lippen, dachte ich bei mir selbst, und ein plötzlicher Schmerz durchzuckte mich. Hat sie kein Herz? Und doch sind ihre Lippen der Zauber und die Wahrhaftigkeit selbst.

 

12. Februar.

Wie wir es verabredet, ging ich heute Morgen mit Mrs. Acton in die Lietné Sad. »Führen Sie mich spazieren,« hatte sie tags zuvor gesagt. Ich entließ meinen Schlitten an der Pforte und trat zwischen den Wachen ein. Die Alleen waren verlassen; nur in der Ferne die Figur des Generals Z., der seinen alten blinden Hund hier jeden Morgen spazieren führt – der einzige Hund, der jemals in diese stillen Räume gelassen wird – eine Vergünstigung, die sich der alte Krieger als Belohnung vom Zar erbeten hat, und die von dem dankbaren Monarchen huldvoll bewilligt worden ist.

Die Kanonen vom Fort donnerten in Erinnerung selbstverständlich irgend eines festlichen Tages, von dem ich nichts wußte. Für mein Ohr hat der Kanonendonner immer etwas besonders Erheiterndes, obgleich dieser zu entfernt war, mein Blut in die nötige angenehme Wallung zu bringen. Heute ist die Parole für mich nicht die Schlacht, sondern die Frau, und die entzückende Erwartung der Geliebten erhielt mich warm in der schneidenden Kälte. Plötzlich hörte ich ihren Schritt auf dem Schnee knirschen und hell im Morgenlicht stand sie vor mir unter den kahlen, weißen Bäumen.

»Ich schickte den Schlitten und den Jäger nach den Quais,« sagte sie; »so haben wir Zeit die Fülle, diesen reizenden Ort zu durchforschen. O, monsieur, ich liebe ihn.«

Ich küßte ihre behandschuhte Hand, die sie für einen Moment aus ihrem großen Muff genommen hatte. Es ist eine kräftige Hand. Ich träumte diese Nacht, ich hielte ihre Hände an meiner Brust. Sie fühlten sich so kühl an. Die Fingerspitzen schienen über mein Herz zu wandern. Als ich erwachte, hatte ich eine eigene reizende physische Empfindung, ein bien-être, das mich seitdem nicht verlassen hat. Gott! wie schön Weiber sind!

Zurück zu Daphne. Wir hatten noch nicht viele Schritte gemacht, als Miß Xavier und ihre Bonne plötzlich vor uns auftauchten. Sie verbeugte sich, wobei sie ein wenig mit ihren kurzsichtigen Augen stierte. Etwas weiter kreuzten wir den Pfad von Prinzeß Soltikoffs junger Tochter Dina mit ihrer Gouvernante. Das Kind war rosig und glücklich; sie hüpfte und tanzte um den ungeschaufelten Schnee, der sich an den geheimnisvollen Formen der zugedeckten Statuen angesammelt hatte. Uebermütig rief sie hinter mir her: » Monsieur, monsieur, quand venez-vous patiner avec moi à la Tauride? Kommen Sie Donnerstag! kommen Sie Donnerstag! Es soll eine Quadrille auf dem Eise sein, Musik, und ich werde tanzen.«

Die Gouvernante murmelte eine hastige Entschuldigung und schalt ihren Zögling scharf für die inconvenance, wobei sie das Kind heftig an der Schulter ergriff, über die eine Masse reichen dunklen Gelocks hing.

»Was hat das arme kleine Ding denn so Schreckliches gethan?« fragte Mrs. Acton.

»Einen Mann angesprochen, bevor er zu ihr sprach,« antwortete ich.

»Seit wann ist denn das ein Verbrechen?«

»Junge Mädchen werden hier sehr streng gehalten.«

»Ein hübsches Kind. Die Prinzessin hat mir ihre Kinder nicht gezeigt.«

»Haben Sie Kinder gern?«

»Nein.«

Nach einer kleinen Weile sagte sie zu mir: »Ist es indiskret von mir, hier allein mit Ihnen zu gehen?«

»Wenn Sie eine Einheimische wären, möglicherweise. Einer Fremden und Reisenden wird viel nachgesehen.« Ich hatte noch sagen wollen: »einer Amerikanerin,« aber verschluckte es glücklich.

»Ah!« sagte Mrs. Acton von oben herab.

»Ohne Zweifel ist dies für eine Promenade ein völlig passender Ort, – der eleganteste in der That, den Petersburg bietet. Glauben Sie mir, ich würde Sie niemals zu etwas auffordern, das Sie kompromittieren könnte.«

»Kompromittieren!«

Ich muß hinzufügen, daß der Ausruf in einem nicht eben verbindlichen Tone gemacht war. »Man denke!« fügte sie hinzu, »ich sollte etwas thun, das ... kompromittierte!«

Ich fühlte, daß wir auf gefährlichen Boden gerieten, und beeilte mich, ihren Gedanken eine andre Richtung zu geben. »Sie kamen pünktlich,« sagte ich, »und ich möchte Ihnen ausdrücken, wie sehr ich Sie deshalb bewundere. Manche Frauen glauben, daß sie ihren Reizen noch etwas hinzufügen, wenn sie einen Mann in sibirischem Winterwetter eine Stunde auf sich warten lassen. Wenn sie uns doch besser kennten! Aber Sie, meine schöne amerikanische Prinzeß, bedürfen so gewöhnlicher Künste nicht. Sie kommen, wenn Sie es versprochen haben: ruhig, frisch, mit keiner Entschuldigung auf den Lippen, keiner Eile im Schritt. So mußten Göttinnen kommen, wenn sie zu Sterblichen herabstiegen. Wo haben Sie gelernt, was ein Mann am liebsten hat?«

»Ich habe immer den Mut gehabt, ... ich selbst zu sein,« erwiderte sie, augenscheinlich erfreut über meine Schmeichelei.

»Und wer und was sind Sie?«

»Ach! auch das muß mein Geheimnis bleiben. Wie ... denken Sie jemals übel von mir?«

»Manchmal.«

»Und was denken Sie?«

»Bevor ich auf diese Frage antworten kann, muß mir über das Rätsel, das Sie sind, zu grübeln, mehr Zeit gelassen werden.«

»Bin ich ein Rätsel? Das macht mir Spaß.«

»Ja; und ich muß es nicht nur lösen, sondern auch herausfinden, was das Rätsel von mir denkt.«

»Das werde ich nicht enthüllen.«

»Aber Sie sind doch zweifellos zu irgend welchen Schlüssen über mich gekommen?«

»Zu allen.«

»Ihre Ansicht steht fest?«

»Absolut.«

»Und Sie lassen mich im Dunkeln?«

»Gänzlich.«

»Ist das freundlich?«

»Vielleicht.«

»Ach,« sagte ich traurig, »Sie haben sich verraten. Ich weiß jetzt, daß Sie nicht eben groß von mir denken.«

Wir hatten uns dem kleinen Theehause des letzten Zaren genähert, wohin er zu kommen und duftigen chay zu trinken und sich auszuruhen pflegte, fern von der Staatsarbeit und lästigen Etikette. Wer weiß? Vielleicht auch mit der Frau zu plaudern, die so lange Jahre sein Geschick lenkte. Es war jetzt melancholisch und verlassen. Die kaiserlichen Diener, die den Auftrag haben, es stets in demselben Stande zu halten, in welchem es in den Tagen seines erhabenen Gebieters sich befand, schliefen entweder oder waren sehr nachlässig. Die Räume, so weit wir hier und da durch Risse in der dicken Eiskruste, welche die Fenster bedeckte, sehen konnten, waren verlassen, leer, traurig. Daphne legte ihre Lippen an eine der Scheiben und hauchte dagegen, das Eis abzutauen. »Ich möchte gern einmal ordentlich hineinblicken,« sagte sie.

Ich fürchte, ich benutzte die Gelegenheit, sehr nahe hinter ihr zu stehen, so daß unsre shubas sich berührten, mein Degen ihre Gewänder streifte. Sie that einen leisen Schrei. »O, ist das kalt!« sagte sie und zuckte schnell zurück. Ich näherte meine Lippen, mit wilder Gier einzusaugen, was vom Duft ihres Hauches auf dem eisigen Glase geblieben sein möchte. Für meine Phantasie war es noch heiß von ihrer Berührung. Ein Schwindel erfaßte mich. Ich schwankte und bedeckte für einen Moment meine Augen mit der Hand. Als ich meine Besinnung wiederfand, blickte sie mich starr an, ihr Gesicht war bleich.

»Mein Freund,« sagte sie, »Sie fragten mich eben erst, wie Sie mit mir ständen. Ich will es Ihnen eines Tages sagen; aber nicht jetzt, nicht jetzt. Ich flehe, flehe Sie an, lassen Sie uns ein paar kurze Stunden glücklich sein, ein paar kurze Stunden, und lassen Sie das – lassen Sie das« – sie stotterte einen Moment – »lassen Sie das Fleisch in Frieden! Von ihm kommt alles Weh, alle Tyrannei, herrische Zumutung und Eifersucht der Liebe. Ersticken Sie, ersticken Sie es und vergeben Sie das Böse in mir, das Sie in Versuchung führt!«

Sie streckte mir die Hand hin mit einer holden weiblichen Gebärde, so frei, so heischend, daß ich an ihrer Aufrichtigkeit nicht zweifeln konnte. Ich drückte sie warm in der meinen.

»Engel oder Zauberin,« sagte ich, »so sind also Sie es nicht; die ich zu besiegen versuchen soll; ich selbst bin es. Sie sagen mir nichts; Sie deuten dunkel auf eine Schranke zwischen uns; wenn sie, wie ich glaube, von Ihnen selbst herrührt, können auch Sie allein sie beseitigen. Ich will Ihre Zeit abwarten; ich will geduldig sein; aber muten Sie mir auch nicht zuviel zu; ich bin eben schließlich auch nur ein Mensch.«

Sie blickte mich dankbar an. »So ist das also ein Vertrag,« sagte sie in freierem Ton.

Ich versuche danach mich in den Schranken der strengsten Reserve zu halten, aber ich gestehe, die Aufgabe übersteigt fast meine Kraft. An den Quais trafen wir den Schlitten und Alexei, aber es war noch früh, und Madame Acton erklärte, daß ihr die Bewegung Freude mache und sie vorziehen würde, nach Hause zu gehen.

Während dieses Heimweges ereignete sich etwas, das mich unangenehm berührte. Ehe ich es völlig inne wurde, hatten wir uns dem famosen Jachtklub genähert. Ich deutete Mrs. Acton an, daß es schicklicher sein würde, eine andre Straße einzuschlagen oder umzukehren.

»Ich sehe nicht ein, weshalb,« sagte sie.

»Es ist ein Areopag, den eine Dame nicht zu ihrem Vorteil passiert. Sämtliche diplomatische Corps und junge Gardeoffiziere sind des Morgens hier, und Sie werden das Kreuzfeuer ihrer albernen und oft unfeinen Scherzreden nicht gern auf sich ziehen.«

»Unfein!« Sie sagte das so ziemlich in demselben Ton, in welchem sie das Wort »kompromittieren« ausgesprochen hatte, und eine gewisse Härte legte sich auf ihr schönes Gesicht. »Ich denke, ich kann es mit diesen Herren aufnehmen,« fuhr sie fort; »meine Handlungen können das Licht vertragen. Kommen Sie, mon ami, wir wollen uns nicht vor dem Feinde zurückziehen.«

»Wie Sie wollen,« erwiderte ich ein wenig kühl; denn ich war heimlich verletzt von etwas, das mir ein Stück kindischen Eigensinns zu sein schien. Die Worte waren kaum gesprochen, als eine Gesellschaft junger Leute, laut sprechend und ihre Cigaretten rauchend, aus dem Klub herauskamen. Das Trottoir war von ein paar Kisten eingeengt, über die sich eine Handvoll Handelsleute mit russischer Zungenfertigkeit stritt; die jungen Offiziere mußten auseinandergehen, mich und meine Begleiterin durchzulassen. In der That waren wir für einen Moment von ihnen umringt. Modeherren unsrer Zeit zeichnen sich weder durch Zaghaftigkeit noch Ritterlichkeit aus. Die, welche ich kannte, grüßten mich militärisch. Ein oder zwei waren Mrs. Acton sonst begegnet und verbeugten sich tief, als sie mit ihrer leichten Anmut an ihnen vorüberschritt. Ein gut Teil kecken Anstierens lief dann doch mit unter und ich hörte: » Tiens! a-t-il de la chance avec sa jolie Américaine, 1e malin!«

» Il nous dévance, mon cher

Aeußerst ärgerlich beeilte ich mich, wieder an Mrs. Actons Seite zu kommen in der Erwartung, den Ausdruck des Mißvergnügens auf ihrem Gesicht zu finden. Man denke sich mein Erstaunen, als ich nur den großer Befriedigung fand. »Ich sagte, ich wollte es thun!« rief sie triumphierend. »War es nicht amüsant?«

»Ich gestehe, daß es eine Art Amüsement ist, Madame, die sich meinem Geschmack nicht empfiehlt,« erwiderte ich mit Haltung.

»Sie waren so überrascht, Sie mit mir zu sehen,« fuhr sie fort, ohne meinen Aerger im mindesten zu beachten. »Was glauben Sie, daß sie dachten? Was sagten Sie? Ich konnte es nicht hören.«

Der Teufel soll mich holen, wenn ich es ihr sage, murmelte ich bei mir selbst. »Sie sagten, es sei heute sehr kalt: vierzehn Grad,« erwiderte ich lakonisch.

»Weshalb sind Sie so bös zu mir? Ich fing gerade an lustig zu sein,« und ich bemerkte, daß auf Daphnes Lippen und Wangen die Farbe zurückgekehrt war und in ihren gewöhnlich halbgeschlossenen, träumerischen Augen eine fieberhafte Erregung flackerte. Soll ich eingestehen, daß ich zu dem Schluß gezwungen war: dieser Engel, zu dessen Füßen ich mich selbst mit Hintansetzung meiner ganzen Würde und Mannhaftigkeit zu werfen bereit war, habe ein diabolisches Vergnügen darin gefunden, mich, den »Undurchdringlichen«, sichtbar vorzuführen und mit mir, dem mit Händen und Füßen an ihre Schleppe Gebundenen, vorüber an einem Klub zu paradieren, der das Treibhaus alles Skandals in Petersburg ist? und das nur ein paar Momente nach einer Scene so voller feinster Zartheit und süßer Romantik, wie die, welche zwischen uns stattgefunden im Schnee von Lietné Sad?

Während ich noch diesen Gedanken nachhing, entließ sie mich plötzlich: »Sie scheinen verstimmt. Ich lasse Sie allein. Ich möchte den Rest des Weges allein machen.« Und da stand ich allein auf dem Trottoir. Ich seufzte, als ich, in tiefster Seele unglücklich über dies plötzliche Lebewohl, nach Hause stolperte. Nach der Klubepisode schien Daphne keine Verwendung mehr für mich zu haben und meiner Gesellschaft schnell überdrüssig geworden zu sein. Es ist gewiß und entschieden, daß sie kein Herz hat. Hat sie mir nicht gestanden, daß sie die Kinder hasse? Es ist ebenso gewiß, daß sie keine Diskretion hat; daß es ihr sogar an Geschmack und Delikatesse mangelt, und daß ... ich sie anbete.

 

13. Februar.

Wie konnte ich sie so verlästern? Sie ist ganz Herz, ganz Geschmack, ganz Delikatesse, ganz Diskretion, nur ist, sie très femme, das heißt, voller Widersprüche, die kein tappender Mann verstehen kann. Es ist sicher, daß es ihr Spaß machte, an dem Klub vorüberzugehen. Es war mir völlig evident. Aber warum? War es Eitelkeit? Ein wenig vielleicht, und die Reinheit, welche nicht weiß, wie abscheulich die Zungen dieser Leute sein können, dieser Narren – könnte ich ihnen nur die Zungen ausschneiden! Aber ich habe kein Recht, Mrs. Actons Namen in einen Skandal zu mischen, und der würde die einzige und sichere Folge sein. Ich darf meiner natürlichen Reserve und Würde vertrauen, daß ich der leisesten weiteren Anspielung auf unsern gemeinschaftlichen Spaziergang Halt gebieten kann, nur – sie muß vorsichtiger sein. Die Leute hier haben kein Verständnis für dergleichen. Ich habe gehört, daß die Amerikaner ihren Frauen unbedingt vertrauen und ihnen eine außerordentliche Freiheit gestatten; für mein Teil gestehe ich, daß mir des Sultans Schloß- und Riegelmethode besser gefällt, denn ich will meinem Tagebuch, und nur meinem Tagebuch anvertrauen, daß ich von äußerst eifersüchtiger Neigung bin und des Glaubens ermangle, welcher das Leben so anmutig macht. Nennt's Vertrauen, wenn ihr wollt; ich nenne es Eitelkeit und Selbstgefälligkeit.

 

15. Februar.

Wohl einer der traurigsten Tage, die ich erlebt habe. Ich bemerkte, daß die außerordentliche Zuvorkommenheit und gekennzeichnete Höflichkeit, welche für die Haltung der hohen Würdenträger dieser Regierung gegen meine geringe Person charakteristisch gewesen waren, einen plötzlichen Stoß erhalten hatten. Der Zar freilich bot mir freundliche Fingerspitzen, aber die Damen im entourage der Kaiserin und die anmutige hohe Dame selbst waren nur einfach höflich, während am Auswärtigen Amt sozusagen Pulvergeruch in der Luft lag. Später hörte ich von dem heftigen politischen und persönlichen Angriff auf mich in der Moscow Gazette, die ich früher am Tage nicht gesehen hatte. Noch vor Abend hatte ich die nötigen Schritte zur Verfolgung des Herausgebers gethan. Wie unangenehm mir auch ein procès und seine Oeffentlichkeit gerade in diesem Augenblicke ist, die Welt soll mich rechtfertigen und dieses stolze Volk in seine Schranken gewiesen werden. Ich schulde das meiner Regierung ebenso wie meiner Selbstachtung. Was! Man behandelt mich als Spion! Mich, dessen innere Natur sich gegen krumme und gewundene Wege sträubt! Mein Fehler ist zu große Offenheit, Ehrlichkeit gewesen – niemals das Gegenteil. Einigermaßen zu meinem Amüsement fand ich mich mit Telegrammen von Freunden überschwemmt, die mir selbstverständlich gütigst ihren Rat und ihre Hilfe anboten.

Ich schnitt den Angriff aus und sandte ihn Mrs. Acton mit einem Wort: ob sie so widerwärtige Geschichten von einem glaube, den sie mit ihrer Freundschaft beehre. August brachte mir ihre Antwort zurück: »Ich will Sie morgen an der Tauride treffen und über die Sache mit Ihnen konferieren. Ich bin zu sehr Amerikanerin, wissen Sie, als daß ich über Angriffe der Presse, die bei uns nicht Freiheit, sondern unbeschränkte Willkür hat, anders als lachen könnte. Indessen ich weiß, hier muß man dergleichen ernsthafter nehmen, besonders in Ihrer delikaten Stellung. Aber, mon ami, ich glaube an Sie.« Das war alles. O, Engel!

Ermüdet von dem langweiligen Umherlaufen nach Rat und den nötigen Vorbereitungen zu einem procès ging ich nach Hause, einige notwendige Papiere zu holen. Gustav, der mir die Thür öffnete, zog mich beim Eintreten auf die Seite mit höchst geheimnisvollem Ausdruck seines Gesichts. »Excellenz,« sagte er, »ich habe wirklich gesagt, Sie seien nicht zu Hause; ich log sogar und sagte: il découche, aber sie kam herein, und da wollte sie bleiben. Sie forderte ein Glas Vodka, Excellenz, und goß es herunter, so – wie ein Kind seine Milch,« und Gustav leerte einen imaginären Becher und schmatzte geräuschvoll.

» Va à tous les diables!« schrie ich ihn an. Wütend betrat ich mein Zimmer, um Madame Nathalie in vollem Besitz desselben zu finden. »Ich glaubte, Sie wären fort,« sagte ich ungastfreundschaftlich, wenn ich auch zur Begrüßung an sie herantrat; »Ihr Engagement an der › Marie‹ ist doch sicher beendet?«

» Mon cher,« sagte sie, »Sie sehen, ich bin nicht fort, da ich zu einem Schwatz mit Ihnen gekommen bin.«

»Ich werde sehr kurz sein müssen,« antwortete ich, »ich bin stark beschäftigt.«

»O ja, ich wußte, daß Sie Unannehmlichkeiten gehabt haben, aber es gibt schlimmere Dinge als eine falsche Anklage.«

Ich hatte keine Lust, meine Angelegenheit mit der lästigen Tänzerin zu durchsprechen; aber etwas in ihrer Stimme war so triste und ernst, daß ich unwillkürlich ein wenig nachgab. Die Runzeln auf meiner Nase glättend – dem Organ, auf welches sich nach Aussage meines Bruders aller Aerger bei mir konzentriert –, reichte ich ihr eine Cigarette, steckte meine Pfeife an und fragte sie etwas freundlicher, um was es sich handle.

»Es ist eben dies,« sagte sie, sich in dem niedrigen Stuhl zurücklehnend und ein Paar enganschließender Strümpfe präsentierend. In meinem neuerdings angenommenen Josephscharakter blinzelte ich und wandte mich seitwärts, nicht ohne gleichzeitig ein wenig über mich ins Fäustchen zu lachen.

Weshalb müssen Actricen immer Komödie spielen? können nicht drei Minuten hintereinander ernsthaft sein? Als die mima sah, daß ich höflicher sein wollte, war sie wieder ganz Leben.

»Sie können einen ... Mord verhindern!« rief sie in tragischem Tone.

»Es ist so schwer, schöne Dame, zu wissen, ob Sie die Wahrheit sagen, oder einfach etwas zu Ihrem eigenen Vergnügen fabrizieren, oder –«

Sie unterbrach mich mit heftiger Gebärde.

»Hören Sie mich an,« sagte sie, »nur für einen Moment,« und diesmal klang in ihrer Stimme wieder etwas wie Wahrhaftigkeit durch. »Ich mag eine Närrin sein; aber Sie sind mir einigermaßen verpflichtet.«

»Ich will Sie nicht wieder unterbrechen.«

»Sie erinnern sich der Nacht, als Sie mich gegen die Insolenz des kleinen Franzosen in Schutz nahmen – bei dem Souper der Gardeoffiziere. Sie wußten, ganz Petersburg wußte, welches meine Beziehungen zu S. gewesen waren, und daß ich beinahe zwei Jahre lang unter seinem Schutz gestanden hatte. Lassen Sie mich sehen!« Sie rechnete schnell an den Fingern. »Ich nehme davon drei Monate in Italien aus,« murmelte sie, als ob nicht ganz sicher, wer sie während derselben beschützt habe. »Gut. Lange vor jener Nacht war alles zwischen uns aus. Wir waren bons camerades. Seine Liebe zu mir war völlig tot, völlig; Sie selbst haben gesehen, wie ruhig er dabeistand und mich von dem grünen Jungen insultieren ließ. Nun, wollen Sie es glauben: seit jener Nacht, als Sie, – als er sah, wie gerne ich Sie hatte, und die Burschen Sie meinen Beschützer nannten, – seitdem scheint sein Gefühl für mich wieder erwacht zu sein. Er scherte sich niemals um d'Aubilly; er lachte bloß darüber, denn, ich sage Ihnen, es war alles aus zwischen uns. Aber jetzt schwört er, sich zu töten, wenn ich nicht zu ihm zurückkomme. Er ist halb toll; er trinkt fürchterlich. Er macht mir bange. Er sagt, er wolle Sie, sobald Sie wieder in die Michelreitschule kommen, totschießen, oder bei dem ersten Karussell der Gardeoffiziere, als ob Sie ein kirgisischer Steppenhund wären. Ich glaube nicht, daß er Sie töten wird; er würde es nicht wagen. Er weiß, was ich ihm dann anthun würde. Aber ich glaube, er wird sich selbst umbringen.« – Sie hielt atemlos inne. – »Und was soll ich dabei thun?«

»Zu ihm gehen und ihm sagen, daß zwischen uns beiden nichts ist. Seine Eifersucht beschwichtigen. Er ist wie ein unsinniges Kind.«

»Weshalb soll ich mich diesen Narrenweg schicken lassen? Haben Sie selbst ihm das nicht gesagt?«

»Ja, aber er verflucht mich nur und sagt, es sei eine Lüge; sagt, er wisse, daß ich Sie liebe, und sehen Sie, mon cher,« fügte sie hinzu, und dabei rann eine Thräne, ja, eine wirkliche Thräne ihre Backe herab und nahm einen schmalen Streifen Rot mit, »die Sache ist ... ich glaube, ich bin amoureuse pour de bon diesmal.«

»Wir sind nicht hier, Ihre Gefühle zu diskutieren, Madame,« sagte ich, die Asche aus meiner Pfeife schnellend. »Aber Sie selbst haben zugegeben, daß der Mann aufgehört hat, Sie zu lieben; weshalb denn in Himmels Namen sollte er für ein Kopek Wert darauflegen, wem Sie sich eignen oder wem Sie die Ehre Ihrer ... Neigung zuwenden?«

»Leidenschaft lebt länger als Liebe,« sagte Nathalie.

»Hm! Sie haben da eine Nuß geknackt, in welcher ein Körnchen Wahrheit. Ich sehe, Sie studieren Physiologie nicht minder als schwindlige entrechats

Entzückt, mein Interesse für einen Moment gefesselt zu haben, nahm mein Quälgeist seinen Vorteil schleunigst wahr. »Aber ich würde lieber sterben auf dem Stroh, als zu ihm zurückkehren. Es war ein Hundeleben, das ich bei ihm führte. Wenn er eifersüchtig war, riß er mir die Haare aus, ja! bei den Wurzeln.« Sie erhob zur besseren Illustration dieses pittoresken Bekenntnisses beide Hände und riß kräftig an einer Handvoll ihres krausen, schwarzen Haares, das diesem Appell an seine Widerstandskraft durchaus gewachsen zu sein schien. »Aber Sie, Sie, wie freundlich würden Sie zu einer Frau sein, wie gut, wie zart! Sagen Sie mir, Monsieur le Comte, weshalb bin ich Ihnen so widerwärtig?«

Sie erhob sich und kam dicht an mich heran. Madame Nathalie ist jedenfalls ein hübsches Weib. Ihre reifen Reize sind süperb und ich fühlte ihren Atem dicht an meinem Gesicht und sah die kleinen grausamen Zähne durch die geöffneten trockenen Lippen schimmern; aber Gott ist mein Zeuge, daß von ihrem klopfenden Busen kein Funken in den meinen übersprang und ich diesem prachtvollen Geschöpf gegenüber, das sich angesichts der Gefahr, die ihrem früheren Liebhaber drohte und die sie für ernst zu nehmen schien, mir so schamlos anbot, kalt wie Marmor blieb.

»Weshalb kamen Sie hierher?« fragte ich wild. »Einen Selbstmord zu verhindern, oder einen Cyniker in Versuchung zu führen?«

Sie sah mich einen Moment seltsam an. Ihre Augen wurden groß und schwarz, ihr Gesicht erbleichte unter der Schminke.

»Wer ist Sie? Ich will es wissen, will es wissen,« rief sie keuchend. »Ist sie eine femme du monde, soll sie den Staub essen.«

Dergleichen karikierte Tragik pflegt bei mir ein nervöses Lachen hervorzurufen und ich brach nun in ein lautes Gelächter aus, das, wie Donner, die elektrische Atmosphäre reinigen sollte. Sie zuckte zurück und schien zu fühlen, daß sie sich lächerlich gemacht habe, was dann wieder ihre Eitelkeit als Frau von Welt stachelte.

»Sie lachen,« murmelte sie ein wenig beschämt. »Sagen Sie mir nur, ob die Frau, für die Sie sich interessieren, eine femme du monde ist, dann will ich Sie verlassen, Sie niemals wieder belästigen.«

»Ja,« sagte ich, »und nun gehen Sie!«

»Ist sie Rußkaia?« fragte sie hartnäckig weiter.

»Ich bestehe darauf, daß diese Scene ein Ende nimmt.«

»Was raten Sie mir, Strogonoff gegenüber zu thun?«

»Gehen Sie zu ihm zurück!«

»Wie? Sie, den ich anbete, wollen mich zurücktreiben in die Arme des Mannes, den ich hasse?«

»Geht zum Teufel alle beide! nur lassen Sie mich jetzt und für immer in Frieden!« rief ich.

»Sie werden dies bereuen!« sagte sie in ersticktem Ton.

So oder so, die Person hatte gemacht, daß mir nicht gut zu Mute war, und ich suchte es in etwas wieder auszugleichen, indem ich ihr in ihre shuba half und sie bis zur Thür begleitete.

Als das Vorzimmer von ihrer Gegenwart und ihren Parfüms frei war, packte ich Gustav am Kragen und schüttelte ihn, wie er es in seiner Kammerdienerlaufbahn schwerlich vorher erfahren hatte.

»Nimm das als Denkzettel!« schrie ich, »und die Knochen brech' ich dir entzwei und bezahle den Doktor nicht, der sie dir wieder heil macht, wenn du das Roß noch einmal in meine Zimmer läßt! Hast du ihr Geld genommen, du Hund?«

»Nein, gnädiger Herr, das Geld der Dame würde ich nicht anfassen, und Sie sind wirklich zu hart,« murmelte Gustav und rief dann hinter mir her: »Na, gnädiger Herr, sie ist trotzdem eine schöne Person, aber wenn die Damen bei Hofe einen Mann anlächeln, verliert er den Kopf und weiß nicht mehr seine Freunde von seinen Feinden zu unterscheiden, die ihn in Unehre bringen werden.«

Den eigentlichen Sinn von meines ärgerlichen Dieners Tirade zu ergründen, ließ ich mir nicht Zeit, aber ich fühlte mich sehr unbehaglich. Ich war gegen eine Frau brutal gewesen, hatte einen treuen Diener mißhandelt und hatte die unangenehme Empfindung, daß Daphne durch dieses Weibes Ränke irgendwie ein Leid geschehen könnte. Woher kommen einem solche Ahnungen? Gewiß ist, daß das Unglück, welches meiner Unthätigkeit auf dem Fuße folgte, und die Reue darüber mich noch lange nicht verlassen werden.

Zwei Stunden später schlenderte ich auf dem Quai, hoffend, daß der Schlitten der North mit einer gewissen, in seinen Pelzen begrabenen Dame, nach der mein Herz sich sehnte, mir begegnen sollte, als ein Mann in wilder Bestürzung aus einem Hause gerannt kam und beinahe auf mich fiel. »Ah, Monsieur,« sagte er auf französisch, »Sie hat Gott gesandt. Mein armer Herr! Mein armer Herr! Er ist tot. Kommen Sie herein! Kommen Sie herein! Um Gottes willen kommen Sie und helfen Sie uns!« Sein Gebaren war so heftig, daß ein Haufe sich um uns zu sammeln begann. Ich ergriff ihn beim Arm und zog ihn in das Haus.

Ich hatte ihn sofort als Strogonoffs Diener erkannt, da ich ihn beim Abendessen an seines Herrn Tisch aufwarten und dann auch in der Oper gesehen hatte, wo er seines Herrn harrte.

»Was ist geschehen?« fragte ich dumpf, indem ich durch die große Thür schritt, die zu Strogonoffs Gemächern führte. Auf dem Flur fand ich die andern Diener, alle voller Trübsal und Bestürzung.

»Schnell, Piotre, lauf zum Doktor!« schrie der eine, und dann: »– Warte! Wir müssen sofort an Varinka Nicolaevna in Nizza telegraphieren.«

Die Prinzeß Varinka war Strogonoffs verheiratete Schwester und einzige nahe Verwandte.

In der allgemeinen Verwirrung sah ich mich in des unglücklichen jungen Mannes Zimmer geführt, die sich zu ebener Erde befanden. »Hierher! Hierher! Und um Himmels willen helfen Sie uns!« wimmerte der unglückliche Diener.

Ich schickte zwei Leute fort, einen nach dem Arzt, den andern mit dem Telegramm, und trat selbst mit dem Kammerdiener Léon, einem Franzosen, der mich auf der Straße getroffen hatte, in Strogonoffs Schlafzimmer. Er lag, wie sie ihn gefunden hatten, mit dem Gesicht nach unten. Seine mächtige Gestalt war noch in seine Galauniform gekleidet; der goldgestickte weiße Dolman hing schlapp von der einen Schulter herab; er hatte noch die Stiefel an. Das frühe russische Zwielicht war schon angebrochen, aber das Gemach würde auf alle Fälle dunkel gewesen sein, denn die Vorhänge waren sorgsam zugezogen und nur zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische. Zwischen ihnen und nahe an dem Sofa, wo der Sterbende lag, war eine Photographie in einem diamantenen Rahmen. Die Lichter schienen hell auf ihre glatte Oberfläche, während der übrige Teil des großen, hohen Gemaches sich fast völlig in Dunkelheit verlor. Selbst in diesem schrecklichen Augenblicke bemerkte ich mit jener Eindringlichkeit eines aufgeregten Gemütes, der auch die Einzelheiten nicht entgehen, daß es ein Porträt Nathalies in ihrer Rolle als Sieba war. Es war eine schöne Photographie: eine geschmeichelte Aehnlichkeit mit einem kecken, wollüstigen Blick in den glänzenden Augen.

Als ich den armen Burschen in meinen Armen umwandte, seufzte ich über die Tiefe menschlicher Thorheit. Noch atmete er. Ein roter Streifen tropfte zwischen den Lippen heraus. »Blut! Blut!« stöhnte Léon mit gerungenen Händen. »Mein armer Herr!« Ich drückte mein Taschentuch auf seinen Mund und hieß Léon das Licht näher bringen. »Es ist kein Blut,« sagte ich. »Es ist Rotwein. Die Kugel ist ihm in die Seite gegangen; die Lungen sind heil.«

»Ach, Wein, Wein und Karten und das Weib,« sagte Léon. »Er ist ein thörichter Junge gewesen, Herr, und es hat ihn nun dahin gebracht.« Der Mann schien seinen Herrn lieb zu haben; er weinte.

Wir kleideten ihn aus, als die Aerzte kamen. Thérémin hält die Wunde nicht für unbedingt tödlich. Später kam ein Telegramm von der Prinzessin:

 

»Nehme Nachtzug. Wenn er noch lebt, sagen Sie ihm, daß ich alle seine Schulden bezahlen will.

Varinka Z.«

 

Aber Strogonoff blieb bewußtlos, und keine solche tröstende Versicherung konnte sein taubes Ohr erreichen. Ich ging ermüdet, gebrochen nach Hause. Ich habe kaum einen Augenblick Zeit gehabt, über die außerordentlichen Erlebnisse des Tages und der Nacht nachzudenken.

 

17. Februar.

Die Kugel war in den Magen gedrungen; sie konnte nicht herausgezogen werden. Er starb in der folgenden Nacht. Ich bin durch seinen Tod sehr erschüttert; aber was hätte ich thun können?

 

20. Februar.

Bezdany, Litauen. – Ich habe hierher reisen müssen, einen wichtigen Zeugen für meinen Prozeß heranzuziehen. Ich begrüßte freudig eine Gelegenheit, ein paar Tage von Petersburg fortzukommen und die peinlichen Eindrücke abzuschütteln, die zu überwinden mir unmöglich war. Ich bin mit der kurzen Abwesenheit um so mehr ausgesöhnt, als meine amerikanischen Freunde für ein paar Tage nach Finnland gegangen sind. Hier hat mir mein alter Freund Serge Oussoff, den ich vor vier Jahren in Paris kennen lernte, die Gastfreundschaft seines Landsitzes angeboten, und da bin ich nun behaglich auf zwei oder drei Tage installiert. Er sagte mir, ich müßte mich mit Büchse, Jagdmesser, Pelzstiefel und -weste ausrüsten, da er den Wunsch hätte, mich während meines Aufenthaltes an einer Bärenjagd teilnehmen zu lassen. Diese Herren der russischen Wälder sind nicht selten in den großen Fichtenwildnissen der Umgegend von Wilna.

Oussoff selbst empfing mich auf der Station, und während wir in dem dumpfig-unsauberen Restaurant ein Glas Bier tranken, mußte sein Knecht Lachewitch auf sein Geheiß zu meinem Besten eine Bärengeschichte erzählen. Seine schmierige Mütze abnehmend und vorweg einmal hustend und spuckend, wie alle Moujiks bei wichtigen Gelegenheiten thun, begann Lachewitch von seinen letzten Erfahrungen in den Wäldern zu berichten. Ich verstand sehr wohl, daß dies meinen Appetit nach einem persönlichen Mitthun schärfen sollte, und die Geschichte war hinreichend stark gefärbt und unglaublich, um den Eifer des lässigsten Jägers anzuschüren. Jedenfalls war der Mann selbst, abgesehen von seiner Jägerprahlerei, köstlich pittoresk. Als er endlich seinen Bär getötet und aufgeschnitten hatte, schneuzte er sich zwischen Daumen und Zeigefinger und benutzte den touloup zu weiterer Reinigung. »Die meisten Leute,« sagte er, sich zu der unbeschreiblichen Corona wendend, die seine Erzählung um uns versammelt hatte, »ziehen Kaninchenfangen dem Bärenjagen vor, es ist behaglicher,« worauf alle Welt unmäßig lachte.

Wir fuhren im Schlitten zehn Werst bis Serges Haus, dem eine alte Gouvernante, Madame Krioukoff, vorsteht. Sie gab uns gleich nach der Ankunft zu frühstücken. Während sie uns aus dem großen silbernen Samowar den Thee bereitete, erging sie sich über die schrecklichen Gefahren der Bärenjagd. Sie sagte, die Tiere hätten eine dicke Haut, und wenn man vorbeischösse oder schlimmer sie nur verwundete, so legten sie unweigerlich den Schädel des unglücklichen Jägers bloß und spielten mit seinen Kinnbacken. Dabei schüttelte sie kläglich den Kopf von einer auf die andre Seite, bis die kleinen Locken ihrer gelben Perücke wackelten. Sie für ihr Teil hielt »Rebhühner für weit besseres Wildbret, besser zu essen und leichter nach Hause zu schaffen«.

Serge erwiderte nur: »Sie schwatzen zuviel, viel zuviel, Mascha Yakovlena,« – ein Vorwurf, den die alte Dame gutmütig entgegennahm, als sähe sie ihn mehr im Licht einer Schmeichelei. Nach dem Frühstück wurde mein besonderer Führer hereingebracht und mir vorgestellt, vielmehr: ich wurde seiner Sorge anvertraut. Sie nannten ihn Nico. Ein Heiligenbild war in dem Wohnzimmer, wo wir uns nach dem Frühstück versammelten, aufgehängt. Ein Licht brannte davor. Vor diesem Bilde brachte Nico, ehe er seine neuen Pflichten auf sich nahm, zehn Minuten im Gebet zu, wobei er unzähligemal sich bekreuzte und seinen Körper auf den Hacken nach vorwärts und rückwärts wiegte. Er war ein kurzer Mann mit schweren Schultern, ältlich, mit einem langen weißen Barte. Er trug einen touloup, der aussah, als ob er zu gleicher Zeit als Rock, Matratze, Handtuch und Taschentuch gedient habe, und von dem ich doch überzeugt bin, daß er noch einen Teil von seines ältesten Sohnes Erbschaft bilden wird.

Nachdem er sich mit dem Himmel auseinandergesetzt, grüßte er mich achtungsvoll und ließ sich herab, ein Interesse an mir zu nehmen. Ich sagte ihm, daß ich nie den Bär gejagt habe, und die einzigen lebenden, die ich je gesehen, Bewohner der zoologischen Gärten in den großen Städten gewesen seien oder solche, die von italienischen Orgelspielern herumgeführt wurden. »Das,« sagte er, ernst und höflich, »dürfte kaum genügen.« Der Moujik ist immer höflich. Er hat sogar gelegentlich Takt, und dieser verhüllte die Mißachtung, die er zweifellos gegen mich empfand, mit einem savoir faire, das einem Höfling Ehre gemacht haben würde.

Es war beschlossen, daß wir am nächsten Tage sehr früh aufbrechen sollten, da mein Aufenthalt nur so kurz war. Wir brachen in der That um drei Uhr auf. Ousoff selbst kam auf den Fußspitzen mit einer Lampe in der Hand in mein Zimmer und hieß mich, mich beeilen, da die troika in zwanzig Minuten vor der Thür sein würde. Ich hatte schlecht geschlafen und empfand so ziemlich wie einer, der zu seiner Hinrichtung aufgeweckt wird. Es schneite und wehte; glücklicherweise waren in der troika unterschiedliche Flaschen Wein und Branntwein beigestaut. Der Kutscher schüttelte die Zügel, that einen leisen Pfiff, und fort ging's – hinter uns her zwei tiefe Geleise in der Oberfläche des Weges.

»Geht zu, meine kleinen Lieblinge!« schrie er seine Pferde an, und wir »gingen« in der That »zu«. Nach einer Zeit hielten wir an einer elenden Hütte still, die plötzlich aus dem Nebel aufgetaucht zu sein schien.

»Da sind wir,« rief Serge. Es war Nicos Wohnung. Beim Eintreten wurde ich von einer unbeschreiblichen Atmosphäre fast erstickt – einem aus Fett, Rauch, alten Schafsfellen und ungewaschener Menschheit zusammengesetzten Geruch. Die Familie war noch nicht aufgestanden. Ihre Lagerstätten schienen überall auf dem Fußboden zu sein. »Kommt, steht auf!« befahl ihr Herr. Im nächsten Augenblick war alles auf den Beinen. Die Weiber begannen ihr Haar aufzubinden, die Kinder zu wimmern und die Männer vor den Heiligenbildern zu beten. Es war eine höchst sonderbare Scene. Alle diese Leute schienen in ihren Kleidern geschlafen zu haben. Ich drückte Serge meine Verwunderung aus, er zuckte die Achseln. »Was wollen Sie? Es ist ein Wunder, daß die Kuh und das Schwein nicht von der Gesellschaft sind.« Das war seine ganze Erklärung. Nico zog seine Stiefel an und prüfte sein altes, verrostetes Gewehr. Er behandelte es zärtlich und mit einer Art von Ehrfurcht und ließ das Bajonett langsam an seinem Daumen auf und ab gleiten.

Zwei Männer tauchten an der Thür auf. Der eine wurde Joseph genannt, der andre schien namenlos zu sein. Ich konnte ihre bäurischen Gesichter kaum unterscheiden. Sie schienen jünger als Nico, aber nicht behender. Sie flüsterten ihm etwas zu, worauf er »sogleich« antwortete. Er hielt uns dann noch einen Augenblick auf, während er sein Morgengebet verrichtete, worauf er jeden sehr höflich grüßte.

»Es ist ein Bär da, zwei Werst von hier,« sagte er, als wir in den Schnee hinaustraten, »und ich denke, wir halten ihn.« Eine Schar Moujiks erwartete uns draußen. Serge sagte mir, daß es zumeist Söhne und Schwiegersöhne von Nico seien. Es schneite noch immer leise; aber der Wind hatte aufgehört.

Unsre troika hielt am Rande des Waldes, und wir stiegen aus. Eine Weile gingen wir alle schweigend. Es war ein mühseliger Marsch, denn der Schnee lag knietief. Plötzlich stand Nico still. »Sehen Sie den Schneewall da, über den eine Art von Dunst aufsteigt?« flüsterte er. Wir standen und blickten.

»Still! Da ist er.« Auf ein Wort ihres Führers bildeten die Moujiks, Ellbogen an Ellbogen, einen Kreis um die Stelle herum, wo »Michel«, wie die Russen Braun nennen, schlafend vermutet wurde. Nico hieß uns dicht zusammenzuhalten, der Bär würde auf uns zu kommen. »Lassen Sie ihn ganz nahe heran,« sagte er, »und dann halten Sie zwischen die Augen. Wenn er springt, haben wir noch immer das Messer. Mut!«

Nico selbst war sehr ruhig, nachdem er sich schnell ein paarmal bekreuzt. Dann fingen die Bauern alle auf einmal an, einen so entsetzlichen Lärm zu machen, wie ich ihn nie im Leben gehört habe. Sie schlugen an die Tannen, stießen sonderbar wilde Schreie aus und brüllten sich heiser. Ein paar Minuten später mischte sich ein andrer Laut in diese menschlichen.

»Er erhebt sich,« sagte Nico grimmig. Dann erschien das Tier. Es war sehr groß, ja kolossal und von einer höchst anmutigen hellgrauen Farbe. Es schüttelte sich lässig und kam auf uns zu. Wir legten an. »Jetzt!« schrie Nico. Serge drückte ab; ich that nichts. Eine Rauchwolke; durch die Rauchwolke zwei ungeheuere Tatzen, die in der Luft herumfuchteln. Bevor ich schießen konnte, hatte Nico einen Sprung vorwärts gemacht, und sein Bajonett verschwand in Michels Brust. Mit einem grauenhaften Gebrüll fiel das Tier vornüber auf den Schnee. In meiner Erregung gab ich dann zwei Freudenschüsse ab auf die Gefahr, einen und den andern Moujik totzuschießen, worauf ich die Empfindung hatte, als risse ich aus. Der Bär wand sich in seinen letzten Zuckungen.

»Ich habe ihn getroffen, wie?« rief Serge, hinzulaufend.

»Sehr wahrscheinlich, Barin,« erwiderte der Bauer, die Hand an der Mütze. Er war zu unterwürfig, den Ruhm für sich selbst zu beanspruchen, obgleich wir alle sehr genau wußten, daß Serges Kugel das Tier nur gestreift hatte. Die Sache ist, es hatte uns allen an Ruhe und Uebung gebrochen. Joseph lief, eine Schleife zu holen, während Nico das Opfer reinigte. Wir verteilten Rubel unter die Leute, und da Nico uns versichert hatte, daß der Bär von unsern Kugeln völlig durchlöchert sei, machten wir ihm ein schönes Geschenk. Dann nahmen wir alle etwas Branntwein. Keiner ließ sich täuschen; aber wir hatten unsre Bärenjagd gehabt und eine große Menge Geld ausgegeben.

 

22. Februar.

Ich fand in Bezdany den Zeugen, den ich suchte; er wird nächste Woche in Petersburg sein. Madame Krioukoff nahm beinahe zärtlichen Abschied von mir. »Sie müssen im Sommer zum Pilzesammeln zurückkommen,« sagte sie; »es ist sehr amüsant und erfordert keine Feuerwaffen. Wir werden für ein feines Picknick sorgen, und Sterletsuppe sollen Sie auch haben.«

Serge sagte ihr, daß sie eine alte Gans sei, worauf sie freundlich lächelte, als wollte sie sagen: »Kinder sind Kinder«, womit sie ja denn auch ganz recht hat. Gott mag wissen, wie kindisch Männer sein können.

 

25. Februar.

Petersburg. – Ich bin beinahe den ganzen Tag mit ihr zusammengewesen. Die Kinderquadrille fand auf dem Eis an der Tauride statt. Die ganze feine Damenwelt war zuhauf, die jungen Stutzer, die diplomatischen Corps. Man schnallt seine Schlittschuhe innerhalb des alten Palastes an, den seine kaiserliche Geliebte Potemkin schenkte, und wo er ihr zu Ehren jene Feste gab, deren Glanz den der Feste in Tausend und eine Nacht übertraf.

Die kleine Gräfin Wasia de Barythine kokettierte mit Berg im großen Salon. Sie hatte ihre Stiefel ausgezogen und wärmte ihre kleinen Füße in den roten Strümpfen vor dem Feuer. Berg schien verdrießlich und nur halb aufmerksam. Gegen mich ist er sehr kühl. Auch er ist von der Zauberrute berührt worden, die gefährlicher ist, als irgend eine, welche die hübsche kleine Gräfin schwingt.

Die Musik spielte am Ufer des verlassenen Sees. Droben der Himmel grau und traurig. Krähen schwingten dicht über unsre Häupter vorüber. Während der Pausen der Musik sangen die Zigeuner ihre Gesänge, deren seltsame Melodieen eine eigene Begleitung dieser Skala von Liebe, Pein und Resignation in meiner Brust war. Die Bahn wimmelte von munteren Kavalieren, die mit Blitzesschnelligkeit ihre lieblichen Lasten auf Schlitten hinauf und hinab fuhren. Ich trat an Lady Xavier heran, die auf einer Bank verzweifelt ihre Tochter erwartete und auf ihre Fingerspitzen blies, um sich warm zu halten, während die Schlittschuhläufer, ihre Cigaretten rauchend, schwätzend, den Hof machend, mit roten Backen und röteren Nasen hinüber und herüber glitten. Sie sprach zu mir von Mrs. Acton.

»Ist sie so – so – so excentrisch, wie man sagt?« fragte sie. »Ich höre, Sie kennen sie sehr gut.«

»Mrs. Acton,« erwiderte ich, beides, froh und traurig, von ihr sprechen zu dürfen; »ist nicht so leicht zu ergründen.«

»O!« sagte die englische Matrone, »sie posiert für eine Sphinx?«

»Ich denke, sie ist eine ohne Pose,« erwiderte ich lachend.

»Halten Sie sie für klug?«

»Sehr.«

»Und schön?«

»Ja.«

»Diese Amerikanerinnen,« sagte sie, offenbar in dem Wunsche, huldvoll nachsichtig zu erscheinen, »ziehen sich gut an; sie machen gute Wirkung, aber die Züge sind zu klein, zu unbedeutend, und Figuren, von denen man sprechen könnte, haben sie nun schon gar nicht.«

»Ah!« Ich fand keine passendere Antwort.

Die Soltikoffschen Kinder und ihre kleinen Gefährten traten zur Quadrille an. Auf den Stößen des eisigen Windes drang ihr fröhliches Geschrei zu uns, und ich blickte über die Schulter, ob sie noch immer nicht kommen wollte.

»Es ist kein Zweifel,« fuhr Lady Xavier fort, als ob sie sich in irgend einer gewonnenen Ueberzeugung bestärken wollte, »wenn heutzutage eine Frau Erfolg haben will, muß sie näher an den Wind segeln als sonst.«

In diesem Augenblick kam Miß Xavier an uns vorüber, in der That am Arm von Kalisch, dem dunklen türkischen Attaché, sehr nahe an den Wind segelnd. Der Mutter Auge folgte ihr mit zärtlicher Sorgsamkeit. Kalisch ist ein besonderer Günstling der jungen Dame. Er besitzt jede Eigenschaft, eine Einbildungskraft von zwanzig anzufeuern. Er ist schön, träumerisch, melancholisch, liederlich und bankerott.

»Ihre Tochter läuft gut,« bemerkte ich in dem Wunsche, liebenswürdig zu sein, und nebenbei wünschend, daß die Geliebte kommen möge; und nun eben kam sie, anbetungswürdig, reich gekleidet. Die Frauen stierten sie an, als sie vorüberschritt, und die Männer umschwärmten sie wie Bienen. Mit einer hastigen Entschuldigung verließ ich die Gesandtin, während Berg sofort die Gräfin Wasia im Stich ließ.

Als ich mich ihr näherte, umfloß mich jener süße, kaum merkliche Duft, der mich sofort meiner Sinne beraubt. Sie war entzückend gnädig zu mir. Sie wandte sich von den andern ab und zeichnete mich heute sichtlich aus. Sie gab mir für einen Moment ihre Hände, und ich drückte und wärmte sie zwischen den meinen, und sie erlaubte mir, sie auf einem Schlitten fern, fern von den Leuten bis unter die kleine Brücke zu fahren, wo wir anhielten inmitten des Schnees, der uns in großen glänzenden Haufen umgab; und den Kopf ein wenig gebeugt, die schönen Lippen halb geöffnet, horchte sie auf meine Worte wilder, leidenschaftlicher Verehrung.

Am Abend war ich wieder in dem Teppichboudoir der Botschaft an ihrer Seite, und es ereignete sich zwischen uns eine seltsame Scene, die ich berichten will.

Als ich ankam, waren Mrs. North und ihre Nichte in dem Gemach. Nach einem Austausch von gleichgültigen Redensarten fragte Mrs. North: »Was ist das für ein Schmuck, den Sie da an der Uhrkette tragen? Sie sollten es mir schon immer sagen. Ist es eine Dekoration, oder eine religiöse Medaille?«

Nun ist der fragliche Schmuck ein kleines Edelweiß, das von einem Häufchen unbedeutender Diamanten hergestellt ist, und das mir die Prinzessin Flavie beim Abschied an die Kette heftete. »Es ist kein Liebeszeichen, mein Freund,« sagte sie traurig. »Es ist nur ein Band der Freundschaft. Und möge es Sie in der Schlacht beschützen, denn sie sagen ja, daß Krieg in der Luft ist.«

Es würde unfreundlich gewesen sein, ihre kleine Gabe zurückzuweisen, und ich nahm sie leichtsinnig genug entgegen und that, als ob ich die Thräne an den Wimpern der Prinzessin nicht sähe. Das Spielzeug ist seitdem immer bei mir geblieben; ich habe es kaum jemals beachtet, und doch nicht ganz ungern getragen, und gewiß durfte ich es als Erinnerung an das glückliche Entrinnen aus einer Lage betrachten, in der meine Diskretion eine größere Rolle gespielt hatte als meine Tapferkeit. Wer weiß? Vielleicht sind des armen romantischen Mädchens Gebete die aufrichtigsten und wärmsten, die für mich zum Himmel steigen. So erwiderte ich auf Mrs. Norths Frage: »Es wurde mir als Talisman gegeben, und ich trage es cynischerweise als Schmuck.«

»Ah,« sagte Mrs. North, »erzählen Sie uns das!«

»Nun,« sagte ich, »es knüpft sich keine interessante Geschichte an das Ding. Eine der königlichen Prinzessinnen gab es mir, daß es mich in der Schlacht schützen sollte. Das Edelweiß ist, glaube ich, ihre Lieblingsblume und soll, sagt man, Glück bringen.«

Kurz darauf erhob sich Mrs. North, indem sie sagte, ihr Gatte habe sich arg erkältet, und sie müsse selbst danach sehen, daß er seine Medizin und sein Bad zur rechten Zeit nehme.

So war ich mit Daphne allein gelassen. Ich saß an einem Tisch, auf dem eine Lampe stand, deren Schein auf ihr Gesicht fiel; denn das Sofa, auf welchem sie lehnte, war dicht unter das Licht gezogen, das, sozusagen, eine Schranke zwischen uns bildete. Völlig achtlos des Gewichtes, welches meine eben zu Mrs. North gesprochenen Worte etwa haben könnten, bog ich mich zu ihr.

»Und wann werden Sie Ihr mir gegebenes Versprechen halten?« fragte ich eifrig. »Soll ich morgen die große Freude haben, Sie in die Eremitage begleiten zu dürfen?«

Im Tauricheskom Sad hatte sie mir in einer der ersten Stunden versprochen, eines Vormittags mit mir in der Kunstwelt zusammenzusein, und ich war, wie gewöhnlich, krank vor Sehnsucht nach der Versicherung, daß es morgen geschehe. Doch sie antwortete nicht auf meine Frage, sondern sah mich nur mit einem zurückweisenden Ausdruck an.

»Ich habe die Amerikaner eines Mangels an Distinktion und gesellschaftlicher Grazie anklagen hören,« sagte sie trocken, »und der Eleganz und des Taktes, die im Salon entzücken. Ich freue mich, daß auch die Höflinge einer älteren Civilisation in Sachen des guten Geschmackes noch zu lernen haben.«

Ihre Weise war so unfreundlich, daß ich die Röte des Aergers in meine Stirn steigen fühlte. Diese Anspielung auf ihre Landsleute erfüllte mich mit Unruhe und unbestimmter Eifersucht. »Wenn Ihre Landsleute uns so sehr übertreffen,« sagte ich keck, »so wundre ich mich, woher Sie den Mut nahmen, sie jemals zu verlassen.«

Ich bereute die unwürdig kindischen Worte, sobald sie heraus waren, aber es war zu spät. Sie lachte ein wenig gezwungen. »Nun,« sagte sie, »ich werde sie nicht auf lange verlassen; sie wollen mich zurückhaben;« und dabei legte sie ihre Hand auf ein Paket ausländischer Briefe, das unter der Lampe neben ihr lag. »Hier,« fuhr sie fort, »dieser hier« – und dabei hob sie einen auf – »dieser hier sagt, daß, bleibe ich noch einen Monat fort, er sich eine Kugel durch den Kopf jagt.«

»Mag er!« rief ich wild.

»Ah! Aber ich kann ihn nicht entbehren.«

»Weshalb quälen Sie mich so?« rief ich. »Um Gottes willen machen Sie mir oder meinen Qualen ein Ende! Sie sind ungerecht, ungroßmütig und grausam. Ich verstehe Sie nicht. Was verlangen Sie von mir? Was habe ich gethan? Worin habe ich gefehlt?«

Wie ein Kind bog sie sich plötzlich zu mir und berührte das Edelweiß mit den Fingern. Ihre Stimme wurde unsicher, wie von Leidenschaft gedämpft. Sie blickte lange in meine Augen, als ob sie deren Geheimnisse ergründen wollte.

»Was ist es? Was ist es?« sagte sie, »das Ding, das Sie da tragen? War es nicht vulgär, vor meiner Tante mit Ihren Eroberungen Parade zu machen? mit Ihren gages d'amour in meiner Gegenwart zu prahlen? Und das nach ... nach ... nach heute morgen?«

»Vulgär?« sagte ich. »O, Geliebte! Jenes Mädchen ist mir weniger als eine Schwester. Ein Hauch Ihrer Schönheit ist mir mehr, als mir ihr Tod oder ihr Leben jemals sein könnte! Hier! Ich will's beweisen!« Und ich erhob mich rasch und zog meinen Degen. Das Edelweiß war nur mit einem schwachen Kettchen befestigt. Ein scharfer Schnitt mit der stählernen Schneide, ein schneller Ruck, und es fiel zu ihren Füßen nieder und rollte nach dem Kamin.

Ich werde bis zu meiner Sterbestunde die Schönheit ihres Gesichtes in diesem Momente nicht vergessen. Sie war völlig weiß, mit Ausnahme von zwei roten Flecken hoch auf den Wangen, während ihre Augen groß und düster wurden und dabei glühten wie die eines Panthers der Wüste. Ihr Busen schwoll in wonnigem Triumph, und ich wußte, daß sie für einen Moment in das Paradies des Weibes erhoben war; sie hatte die Tiefe meiner Leidenschaft für sie ergründet, und ihr Feuer hatte für einen Augenblick auch ihre Seele in Flammen gesetzt. Diese sonderbare Erregung verschwand sofort wieder; die Flecken wurden bleich; die Lider fielen wieder schattend über die Augen. Der fliegende Atem kam weniger schnell. Die Hände sanken herab und lagen matt auf ihren Knieen. Sie stand auf, und auf den Kamin zugehend, hob sie den Saum ihres Kleides ein wenig und – darf ich's sagen? – gab mit der Spitze ihres kleinen, hochhackigen Schuhes dem unglücklichen Geschenk der armen Flavie einen sehr energischen Stoß. Es verschwand in der Asche. Sie wandte sich zu mir mit solchem, ah! solchem Lächeln, dem Lächeln eines eigensinnigen, aber reuevollen Kindes.

»Es war so ein häßliches kleines Ding,« sagte sie; »ein greuliches kleines Ding. Wirklich, es entstellte Ihre Uniform. Es war völlig lächerlich. Diese Prinzessin muß – muß – sehr – sehr genau sein, Ihnen solche schäbige, alberne Geschenke zu machen.«

Was bedeuteten die süßen, thörichten Worte, die uns so nahe brachten, sie für mich soviel weniger zur Göttin machten als zu dem schönen, scheuen Wesen, nach dem meine Sinne lechzten, meine trockenen Lippen schmachteten, das meine Arme zu umfangen, an mich zu pressen verlangten? Aber mit einer Willenskraft, der ich mich nicht für fähig gehalten, besiegte ich meine stürmische Erregung. Wenn die Civilisation nicht für nichts gerechnet werden soll, muß man nicht die wilden Instinkte der Natur zu bändigen wissen? »Genau?« sagte ich, »genau, meine Schöne? Nun, ja, vielleicht; und dabei schelte ich sie wegen ihrer Extravaganz.«

» Il n'y a pas de quoi,« sagte sie, und dann lachten wir beide, sie ein wenig wild, bis uns die Thränen in die Augen kamen. Es war eine so große Erquickung nach der mächtigen Spannung. Es war so süß. Wir waren so wahnsinnig glücklich. O, Daphne, Daphne, warst nicht auch du glücklich? Ich saß dicht bei ihr, und sie ließ mich ihre Hände in aller Ehrlichkeit und allem Ernst halten, während ich ihr alles erzählte. »Ich kann fürder keine Geheimnisse vor Ihnen haben,« sagte ich, und berichtete ihr die Geschichte Flaviens, wobei ich nur die Namen und die Orte im Dunkeln ließ, wie sich das für einen Mann von Ehre schickt.

Von den heftigen Erregungen des Abends war mein Kopf so eingenommen, daß ich, als ich sie verlassen hatte, weit auf dem Newski ging, meine verlorene Ruhe wieder zu gewinnen. Ich schmachtete nach Luft. Der Mond ging auf; es war nicht sehr kalt. Die Kirchenuhr schlug eins, als ich die Umfassung erreichte, in welcher die Statue der Katharina steht, der: Yekatierina. Wie liebevoll die Russen aller Klassen von dem Höfling bis zum Moujik den magischen Namen aussprechen! Ich stand still und blickte empor, wo sie von ihrer Basis von rotem Granit zu den bleichen Sternen aufragte. Die Berge des ungeschaufelten Schnees warfen ein seltsam ungewisses Reflexlicht auf den Mantel der üppigen Kaiserin, die so stolz über die Häupter ihrer kriechenden Liebhaber wegschreitet, – der Derjavin, Prinz Daschnoff e tutti quanti. Für mich ist die Statue ein besonders unangenehmes Werk der Kunst; aber, während ich so an der niedrigen Umfassungsmauer lehnte, waren meine Gedanken nicht bei Katharina und ihren Favoriten. Der Zahn einer Schlange hatte mich gebissen. Wer ist der Mann, dieser ihr Landsmann, der droht, sich zu erschießen, wenn sie nicht zu ihm zurückkehrt? Welches sind seine Rechte? Weshalb will sie niemals sagen: »Ich liebe dich!« und warum erwidert sie stets meine Geständnisse mit unsicheren Antworten, als fürchtete sie sich vor der Zukunft? Aber dann, weshalb diese Ungezogenheit, dieses Mißtrauen, diese Eifersucht, wenn ich ihr gleichgültig bin? Wer kann eines Weibes Launen berechnen? Bin ich nur das Spiel ihrer Launen, während ich ihr den ganzen Reichtum meiner tiefen Anbetung zu Füßen lege?

Diese schlimmen Fragen vergifteten das ganze süße Gedenken des Abends. Bah! Ihrer Qual zu entgehen, ging ich schnell den Weg zurück und trat für einen Moment in den Klub, wo ein Brief aus Wilna auf mich warten mußte. Kalisch, d'Aubilly und zwei Offiziere von der Garde spielten Whist, rauchend, schweigsam, nur manchmal ein gelegentlicher Ausruf des einen oder des andern über das grüne Tuch herüber, auf dem sie ihr Glück und ihren Genius herausforderten.

 

27. Februar.

Meine Dame gewährte mir heute, vielleicht als Belohnung meines bescheidenen Betragens, was eine große Freude hätte sein können. Sie traf mich in der Eremitage. Aber zwei kleine Ereignisse, das eine unbedeutend, das andre bitter ernsthaft, störten mir häßlich die mühsam errungene Zufriedenheit. Ich war pünktlich da und wartete unter dem Monolith aus finnischem Granit. Sie kam zu der großen Eingangsthür zwischen ihren prachtvollen vorgebeugten Statuen (Leo von Klenze alle Ehre!) hereingerauscht wie ein Vogel mit glänzendem Gefieder, der in einem wärmeren Klima Zuflucht vor dem eiskalten Tage sucht. Sie befahl ihrem Diener, ihre Pelze zu hüten, und wandte sich dann zu mir.

»Sie dürfen heute die Liebe Ihres Volkes für Tyrannei illustrieren,« sagte sie. »Ich gebe mich Ihnen als Führer völlig in die Hand. Wohin auch immer Sie mich in diesem Labyrinth von Wundern führen, ich werde Ihnen folgen. Sie werden mich nicht störrisch, im Gegenteil sehr gelehrig finden.«

Ich dankte ihr für das Wort, das mir ein köstliches Gefühl von Herrschaft und Fürsorge über sie, die Geliebte, einräumte. Ich fing damit an, ihr eine Lektion über griechische Kunst zu geben, und sie hörte mit jener eifrigen Aufmerksamkeit zu, die für den Sprecher so schmeichelhaft ist, und die niemand wirksamer gewähren und beibehalten kann als sie. Ich bat sie, die schlanken Glieder der bewandeten Göttin zu bewundern, die mich nun schon solange in ihrem Bann hält, und erzählte ihr, daß ich im ersten Moment ihres Erscheinens im Salon der Sergievskaia die auffallende Ähnlichkeit ihrer Figur mit der meiner Lieblingsgöttin bemerkt habe.

»Wenn eine schmale Brust und breite Taille den Schönheitsgesetzen entsprechen,« sagte sie, »muß ich in der That korrekt sein; aber was würden die Pariser Damenschneider sagen?«

»Was sagen Sie?«

»O, daß ich einen besonderen chic habe, einen eigenen Typ, der mir erlaubt, meine – Mängel zu bemänteln und die Leute glauben zu machen, daß ich gut gewachsen sei. Aber ich frage mich, was sie sagen, wenn ich den Rücken gewandt habe. Ich glaube übrigens, daß Worth mit mir zufrieden ist. Er läßt mich stundenlang stehen, während er griechische Gewandungen an mir drapiert.«

»Ihre Figur ist vollendet,« sagte ich warm. »Sehen Sie die Gestalten der modernen französischen Schule an! Betrachten Sie diese Füße und Taillen, die entstellt sind, wie die der Grisetten, die ihre Korsetts und ihre engen Schuhe ablegten, um dem Künstler für eine Venus oder Minerva Modell zu stehen. Dann drehen Sie sich um und sehen Sie die schwebende Ruhe meiner hohen Frau hier! Sie ist ein Engel.«

»Ich bin sehr eifersüchtig auf sie,« sagte Mrs. Acton lachend. »Aber gestehen Sie, sie sieht ein wenig dumm aus. Sehe ich so aus?«

So schlenderten wir weiter und ach! ich war glücklich. Ich war, wie gewöhnlich, erstaunt über die Reinheit ihres Geschmackes, die Richtigkeit ihrer Schätzung und Kritik. Als wir der Marmorbilder müde waren, interessierte es uns, die Kertch-Kollektion mit ihren scythischen, sibirischen und orientalischen Marmoren zu durchmustern. Die zu Kiew gefundenen Gegenstände interessierten meine schöne Gefährtin höchlich. Unter denselben befindet sich eine goldene Medaille, welche die slavische Inschrift: »Herr, hilf deinem Diener Basil!« trägt. Diese Amulette wurden von den russischen Fürsten und ihren Frauen um den Nacken getragen, und da Saint Wladimir in der Taufe den Namen Basil annahm, muß man diese wohl ihm zuschreiben. Eine Jaspistasse in der Galerie Piotre Veliki; eine Feder, die der Schah von Persien dem Helden Suwarow schenkte, und die dieser sich beeilte, Katharina zu Füßen zu legen; Katharinas mit Edelsteinen besetzte Spazierstöcke, – alles schien Mrs. Acton zu bezaubern, und ich konnte sie nur mit Mühe von der Betrachtung dieser Dinge abziehen. Nach und nach stiegen wir dann doch die großen Treppen hinauf, die zu den Gemäldegalerieen führen.

Während wir sie plaudernd durchschritten, zog ich aus meiner Brusttasche ein paar Verse, welche ich für sie aus dem russischen Text ins Deutsche übersetzt hatte. Es war ein hübsches, musikalisches Produkt, und nach den ersten paar Worten setzte sie es sich in ihren hübschen Kopf, daß sie jetzt und hier das Ganze hören müsse. Es paßte mir, offen gestanden, nicht recht, an einem so öffentlichen Platze mich niederzulassen und mein Madrigal zu lesen, obgleich in dieser frühen Stunde die großen Säle beinahe verlassen waren: aber ce que femme veut, Dieu le veut, und wenige Augenblicke später nahmen wir auf zwei hochlehnigen, vergoldeten Stühlen im Schatten einer großen Porphyrvase Platz, welche einen der Säle der niederländischen Abteilung schmückt.

»Ich muß es jetzt hören,« sagte sie noch einmal, als das eigensinnige Kind, das sie ist, »in dieser Minute – jedes süße kleine Wort.«

Ihre Lernbegierde, schien's, war bereits verschwunden, und ich, wie gewöhnlich, unfähig, ihr Widerstand zu leisten, begann demütig die schlechtgeschriebenen und manchmal durcheinandergewirrten Verse zu lesen. Das Gedicht hatte den Titel »Unvergossene Thränen« und war so närrisch krankhaft, wie es nur slavische Melancholie sein kann mit einem Anstrich keltischer Glut. Ich war schon fast bis zur letzten Strophe gekommen, als mich das Rauschen von Gewändern aufblicken machte, und die alte Gräfin de Barythine und Madame Soltikoff schritten heran. Sie zögerten einen Moment, als ob sie stehen bleiben und mit uns sprechen wollten, aber nach weiterer Ueberlegung, bei der sie schnelle und unbequem bedeutsame Blicke wechselten, hielten sie es für geratener, weiterzugehen, und nahmen sich nur soviel Zeit, uns eine Verbeugung zu machen. Ich muß gestehen, ich kam mir in meiner Troubadoursituation gründlich albern vor und ärgerte mich ein wenig über Mrs. Actons Gedankenlosigkeit, die so den Klatsch gegen sich selbst herausforderte. In diesen Dingen stimmen wir nicht überein. Wenn sie meinen Verdruß bemerkte, so that sie nicht desgleichen, hörte schweigend das Gedicht bis zu Ende, lobte die Empfindungen desselben und mein Uebersetzertalent, dankte mir gnädig, und indem sie das Blättchen zusammenrollte, ließ sie es in ihren Handschuh gleiten, wo es behaglich und warm an ihrer Handfläche lag. Wir waren eben so weit, uns von der leichten Befangenheit völlig los zu machen, in die uns die kleine Episode und der Gedanke, unsre Bekannten könnten noch einmal auftauchen, denn doch versetzt hatten, als ein neues und diesmal noch unerwarteteres Begebnis mir Nahrung weniger für Aerger als wirklichen Schmerz bot. Jedenfalls braucht man, ist man mit Daphne, für Erregungen nicht zu sorgen.

Als wir achtlos durch einen Saal gingen, der mit steifnackigen, hochstirnigen, in bauschige Spitzen gehüllten Damen in niederländischem Typ angefüllt war – eine Gesellschaft, in die nur hier und da Landschaften einige Abwechslung brachten, deren blaue Himmel zum Hintergrund für sehr grüne Bäume und sehr gelbe Kühe dienten – wurde unsre Aufmerksamkeit gleichzeitig auf das lebensgroße Porträt eines jungen Menschen gelenkt. In meiner poetischen Erregung hatte ich meinen Katalog auf einem der vergoldeten Stühle liegen lassen, aber ich hatte das fesselnde Bild früher bereits gesehen und meinte, daß es einen der Stuartkönige als Knaben darstellte, von der Hand eines großen niederländischen Malers, vermutlich Vandyke. Das Bild machte, wie immer, den Eindruck eines Meisterwerkes auf mich. Der Knabe, im Alter vielleicht von fünfzehn, stand nahe an einem dunklen Vorhang, dessen Schatten über ihn fiel, ohne sein Gesicht zu verdunkeln. Die Haltung ruhig, anmutvoll; die eine Hand auf dem Tisch ruhend. Er trug ein Habit von dunklem Samt in der malerischen Mode jener Tage. Das Gesicht voll, mit den leicht gerundeten Zügen und unbestimmten Linien der Kindheit, die noch nicht ganz entflohen ist. Die Lippen tauig und rot, wie einer Frau, doch nicht ohne eine gewisse Würde und Hoheit. Das in seinem Kontur herrliche Kinn zugleich gebietend und sinnlich. Ein Gesicht, von dem man sich sagte, daß es unter üblen Einflüssen brutal werden könnte, aber jetzt in diesen frühen Jahren nur zärtlich und liebevoll, und das auch bis ins Mannesalter bestrickend bleiben konnte.

Das kurz und über der Stirn quergeschnittene, nach beiden Seiten auf die Schultern herabhängende Haar war von einer reichen, braunen Farbe, dicht und lockig. Die ernste und etwas drohende Braue überschattete zwei tiefliegende Augen von einer unbestimmten blaugrauen Farbe; ihr vorherrschender Ausdruck war der von Traurigkeit. Man konnte weitergehen und sagen, daß sie den Beschauer mit einem unbestimmten Vorwurf anblickten. Es war, als ob sie in den ihnen begegnenden Augen einen Funken von Unbotmäßigkeit und Felonie entdeckten und sofort mit leidenschaftlicher Verachtung strafen wollten. Das Ganze dieser schlanken, jugendlichen, fürstlichen Gestalt war mit einem pathetischen, seltsam melancholischen und fesselnden Ausdruck überhaucht. Ich war für einen Moment in der Betrachtung seiner Schönheit so versunken gewesen, daß ich nicht nach Mrs. Acton geblickt hatte. Als ich es that, stand mein Herz still, ich wußte nicht, weshalb. Es war wie der Stoß einer schrecklich entscheidenden Ahnung. Ich hatte mich eben zu ihr gewandt, um zu sagen: »Welch distinguiertes Gesicht!« aber die Worte kamen nur noch zur Hälfte über meine Lippen. Völlig meiner Anwesenheit uneingedenk, sein kleinstes Detail einsaugend, stand Daphne mit gefalteten Händen vor dem Bilde. Ich war nicht bloß von der Geknicktheit ihrer ganzen Stellung betroffen, sondern noch mehr von dem wirklichen Entsetzen, das ihre Augen auf die des jungen Fürsten zu bannen schien. Volle zehn Minuten, die für mich eine Ewigkeit waren, blieb sie so unbeweglich, sprachlos, offenbar unter dem Einfluß einer furchtbaren, überwältigenden Bewegung. »Kommen Sie!« sagte ich mit trockenen Lippen und fast streng.

Sie wandte sich und sah mich an. Ihre Augen waren eingesunken; ihre Züge wie zusammengedrückt. Sie schüttelte meine Berührung ab und zuckte von mir zurück, in sich zusammensinkend, um sich blickend, als suche sie einen Ausweg zur Flucht.

»Ich möchte, die Erde verschlänge mich!« sagte sie.

»Was ist es?« fragte ich ärgerlich. »Was bedeutet diese neue Qual, die Sie mir anthun? Was ist dies Bild für Sie? Was in Ihrer Vergangenheit ist es, das es wachruft? Ist es ein toter Gatte, oder ein lebender Geliebter?« Die Worte waren grausam; aber die Eifersucht macht uns so.

Sie würdigte mich keiner Antwort, sondern starrte wieder, wie verzaubert, auf des Knaben liebliches Gesicht, bis große Thränen in ihren Augen aufwallten.

»O, geliebtes Herz,« sagte ich, »haben Sie Mitleid! Vergeben Sie mir! nur – kommen Sie!«

Aber sie schüttelte mich ab. »Wie können Sie es wagen?« rief sie. »Was sind Sie mir?«

Ich trat von ihr weg, ging nach einem der Fenster und blickte hinaus mit Augen, die nicht auf den Platz sahen, der von dem wirren Nebel des rasch fallenden Schnees halb verhüllt war. Ich weiß nicht, wie lange ich da stand. Dann hörte ich ihren leichten Schritt hinter mir. Sie schien wie in einem Traum zu gehen. Ein eisiger Windzug von einem offenen Fenster her, an dem ein paar Leute bei der Arbeit waren, schien sie plötzlich aus ihrer Erstarrung zu erwecken. Sie strich sich mit der Hand ein paarmal über die Stirn, als wollte sie ein Bild verwischen, das sich da eingeprägt hatte.

»Verzeihen Sie mir, Monsieur,« sagte sie sanft zu mir, »wenn ich unfreundlich gegen Sie gewesen bin. Eines Tages will ich Ihnen alles erklären und was die Augen da mir gesagt haben. Heute kann ich es nicht, kann ich es nicht.«

Ich traute mir die Kraft, ihr zu antworten, nicht zu und bot ihr nur schweigend den Arm. Sie nahm ihn und wir schritten langsam den Gang hinab, dann die Treppen. Draußen wehte ein richtiger Sturm. Mrs. Actons Kutscher stand auf dem Nebenwege und sprach mit Madame Soltikoffs Diener. Sie stampften, um sich warm zu halten, mit den Füßen und schlugen die Arme kreuzweise übereinander, während ihre Herrinnen in den Galerieen der Zeit nicht achteten.

Ich führte Mrs. Acton zu ihrem Schlitten, bat sie, ihren Hals einzuhüllen, aber blickte sie nicht an, und als sie stotterte: »Werde ich Sie heute abend sehen?« antwortete ich: »Nein, heute abend nicht.« Sie war von mir zurückgeschreckt, als ob ich ein Aussätziger, irgend ein entsetzliches Etwas wäre: ich konnte es nicht vergessen. Auf dem ganzen Wege nach Hause peitschte mich dieser Gedanke in wildem Aerger, aber als die erste Wut der Eifersucht und des Zweifels sich erschöpfte, blieb nur eine tiefe Bekümmernis zurück.

 

7. März.

Ich bin acht Tage, acht vermaledeite Tage fern von ihr geblieben. Gott allein kennt das Elend dieser entsetzlichen Stunden. Ich kann nicht länger existieren.

 

9. März.

Gestern, im Laufe des Vormittags, ging ich zu ihr. Sie hatte mir viele Aufforderungen, zu ihr zu kommen, gesandt. Ich hatte sie nicht beachtet. Was war ich in ihrem Leben? Hatte sie es mich nicht gefragt? Ich fand sie allein. Sie empfing mich, wie mir schien, kühl, und die ganze solange verhaltene Glut drängte sich aus meinem Herzen aus die Lippen. Ich glaube, ich fand die kunstlose Beredsamkeit, die wahrer Schmerz lehrt, jenen Schrei des Herzens, dessen Kraft in seiner Wahrhaftigkeit liegt.

»Ich weiß,« sagte ich, »daß in jenem Moment eine Erinnerung Ihres früheren Lebens im fernen Amerika sie gefangen hielt und Sie Ihre Gegenwart und mich haßten. Aber sehen Sie! Sie haben mich von sich gestoßen wie ein verächtliches Ding, und wie ein niedrig verächtliches Ding bin ich zu Ihren Füßen zurückgekrochen. Daphne, ich will die Wahrheit wissen. Ich habe Ihnen jede Aspiration meines Lebens gegeben, jede Hoffnung, jeden Traum. Ich kann das alles nicht mehr zurückrufen. Ich will, wenn Sie es wollen, Ihnen bis zu den Enden der Erde folgen, in den Wind schlagen alles, wofür ich alle diese Jahre gearbeitet habe, jeden Ehrgeiz der Jugend, jede Manneshoffnung auf Ruhm, oder Sie zu mir erheben und Sie stolz als meine Krone ausrufen, als meine Königin – heute, heute stehe ich hier, die Wahrheit von Ihren Lippen zu hören. Wenn Sie mir gelächelt haben, nur um einer Laune zu frönen, die Ihre Eitelkeit oder der Müßiggang geboren hat; wenn Sie mir als Entgelt für das Beste, was meine Seele Ihnen bieten konnte, nur die leeren Schalen einer launischen Frauenphantasie gegeben haben, – seien Sie edelmütig, sprechen Sie, solange ich Ihnen noch vergeben kann; sprechen Sie, solange ich Ihnen noch danken kann für eine Enttäuschung, die vollständig genug sein wird, uns beide zu retten. Erniedrigen Sie mich nicht weiter! Morgen würde ich Ihnen vielleicht meine Ehre zu Füßen legen. Wenn etwas zwischen uns steht, sei's in der Gegenwart, sei's in Ihrer Vergangenheit, – lassen Sie es wenigstens etwas Greifbares sein! Ist es Fleisch und Blut, so will ich es besiegen; aber mit Schatten kann ich nicht länger kämpfen. Daphne, ich vergehe vor Liebe zu Ihnen. Das erste Mal, daß ich Sie sah, war es dasselbe. Legen Sie mir Ihre kühle Hand aus die Stirn, Liebste! Helfen Sie mir! Ich liebe Sie! –«

Sie hatte mir in völligem Schweigen zugehört, aber als ich nun schwieg, stürzte sie, wie ein Wirbelwind, ohne eines andern zu achten, auf mich zu, breitete ihre Arme aus und rief: »Verzeihung! Verzeihung!« Dann, ganz nahe bei mir, flüsterte sie drei Worte, drei schnelle Worte auf französisch. Drei Worte! Eines Lebens Geschichte! Ich wußte, sie waren wahr; ich hatte sie von den reinen Lippen, nach denen ich so schmachtete, abgelesen. Aber jetzt, da sie endlich mein waren, gefangen; da ich endlich in vollen Zügen ihre Glut trank – welche Wonne! welche Seligkeit! Das war keines furchtsamen Mädchens Kuß, der meinen Kuß erwiderte, – das war die Liebkosung einer leidenschaftlichen Königin. Was bedurfte es der Worte noch! Ich war von meinem Glücke so berauscht, daß ich jetzt keine Versicherungen forderte, und sie, das arme Kind, schien des Kampfes so müde, so froh, endlich für einen Moment in meinen Armen ruhen zu können. Bevor wir schieden, sagte sie mir, daß das Bild sie an einen erinnert habe, der sie liebe und in ihr Leben verflochten sei. Sie schien unter der Erinnerung so fürchterlich zu leiden, daß ich beim Anblick ihres Schmerzes zurückbebte. Ich wußte, das war Schwäche; aber die Feuchtigkeit ihrer Lippen noch auf den meinen, wie konnte ich sie quälen? War ihr Kuß ein Lebewohl, so helfe mir Gott, denn ihre Lippen, nachdem sie mir ihr alles gegeben, machten mir keine Versprechungen. Sie hat im Gegenteil ausdrücklich erklärt, daß sie sofort in ihre Heimat zurück müsse, und daß ich ihr nicht folgen solle, bis sie mich kommen hieße. Ich bin kein entnervter Wollüstling; ich kann für sie sieben Jahre dienen, wenn es sein muß. Es ist da in ihrem Leben irgend eine Verwickelung, und sobald ich sie verlassen, fressen wieder hundert Zweifelsschlangen an meinem Herzen.

Ich wußte, daß ich sie am Abend in der italienischen Oper finden würde, und ging dahin. Als ich eintrat und nach meinem Platze schritt, waren sie und Mrs. North schon in ihrer Loge. Sie war ganz in Weiß. Berg, der sich über sie lehnte, blickte über ihre Schulter eifersüchtigen Auges auf mich, und sie, insouciante und zugleich angeregt, scheinbar von seinen Worten interessiert! Ich, ich sah in der That, wie sie sich einmal zurückbog und ihn anlachte! Prinz L., der bei mir saß, bestand darauf, mir die Abenteuer der La Silva in Petersburg erzählen zu müssen. Sie gab uns Carmen in der denkbar rohesten Form, aber während sie » La bas, la bas, sous la montagne« wirbelte und der alte Mann mir in die Ohren tuschelte, hielt ich mein Opernglas umklammert und blickte wie ein Blödsinniger zu Mrs. Acton hinauf, ob ich entdecken könnte, was in ihrer Seele vorging. Sie nickte mir zu und ich schwor mir, sie aus mich warten zu lassen: aber, als der Akt zu Ende war, gab ich alle meine Strategie auf und ging wie ihr Hund, der ich bin, zu ihrer Loge hinauf. Sie streckte mir zwei behandschuhte Finger hin und forderte mich mit einer Bewegung auf, hinter ihrer Tante Platz zu nehmen. Sie schien mit Berg zu kokettieren und mich mit einem zweiten Platze abzufinden, und ich fragte mich hundertmal, ob es denn wirklich diese Frau sei, oder eine andre, die ich heute an meine Brust gepreßt hatte. Als ich auf die tiefste Stufe der Entmutigung hinabgesunken war, wandte sie sich plötzlich und blickte mich mit strahlendem Lächeln an, mit zärtlichen, zitternden Lippen, und meine Seele flog ihr wieder zu, anbetungsvoll wie gewöhnlich. Die Damen versprachen mir, morgen bei mir zu frühstücken, aber, außer ganz oberflächlich, hatten wir keine Gelegenheit, einander zu sprechen, und mit dieser mageren Kost mußte ich mich zufrieden geben.

 

10. März.

Mrs. North begleitete ihre Nichte und ich hatte Serge und Prinz Safvet und die junge Madame de Barythine und ihren Anbeter Dmitri eingeladen. Ich war von dem Gedanken, daß Daphne meine Schwelle überschreiten würde, aufgeregter, als wenn ich, ein junger Offizier von zwanzig, einen angekündigten königlichen Besuch in der Kaserne erwartete. Den Morgen verbrachte ich unter grober Verletzung meines Versprechens, mit Narischkine auf dem Ministerium zu konferieren, und gänzlicher Vernachlässigung meiner offiziellen Pflichten, wofür ich denn meine Zimmer in einen Stand der Ordnung zu bringen versuchte, der sie den Augen meiner Dame empfehlen möchte. Ich überwachte persönlich Gustavs und Augusts Herrichtung des Tisches und der Blumen, des Arrangements des bric-à-brac und der Möbel, Sofas, Stühle, Kissen und der Feuer in den Kaminen. Ich ließ die unterschiedlichen Photographieen, welche das Kaminsims und die Etageren schmückten, Revue passieren und kassierte die, von denen ich meinte, sie könnten im Busen meines holden Gastes für einen Moment eine unangenehme Empfindung erregen.

Wobei ich denn in Parenthese bemerken will, daß ich mir die Mühe hätte sparen können, da sie nicht ein einziges Mal nach denen, welche zurückgeblieben waren, hinblickte. Daphne ist, ungleich andern Frauen, weder eifrig noch neugierig. Aber liebt sie? Sicher hat sie die Gewalt der Gleichgültigkeit völlig ergründet, einer Gleichgültigkeit, welche Ansprüche nicht anzuerkennen und zu gewähren scheint. Sie läßt uns völlig frei; aber diese Großherzigkeit ist bittersüß!

Unter den Photographieen, die ich ins Feuer warf, war auch ein Brustbild von Nathalie, das ich um einer gewissen Energie der Kontur, die meine Phantasie getroffen, hatte stehen lassen. Sie hatte es mir seit ihrer schleunigen Flucht aus Rußland nach Strogonoffs Selbstmord gesandt mit einem Zeitungsausschnitt, der sich über ihre venetianischen Triumphe verbreitete. An einem Abend, als sie die Kamerinskaia getanzt, wurde sie fünfzehnmal gerufen, mit Blumen bedeckt; und einer ihrer Schuhe wurde verauktioniert und erzielte zweitausend Mark. »Meine Wangen waren von Thränen naß,« schrieb sie, »denn es war Strogonoff, der mich den Tanz gelehrt hatte; und ich dachte an ihn, an Rußland, und an Sie, grausamer Mann, dessen entsetzliche Herzlosigkeit meine Liebe noch immer nicht getötet hat. In einem P. S. fügte sie hinzu: »Man sagt, sie gehe ohne Sie nach Amerika zurück.« Woher die kleine Schlange diese Nachricht hat, mag Gott wissen.

Ich ließ einige Familienporträts stehen und sämtliche fürstliche Herrschaften. Das von Flavie mit ihrem Haar in Bandeaux sah so respektabel und tugendhaft aus, daß ich ihm verstattete, auf der Etagere, der sie, seit ich auspackte, immer präsidiert hat, stehen zu bleiben. Armes Mädchen! Und doch, wie treu diese Frauen, die von keinen Künsten wissen, lieben können!

Daphne kam. Wie lieb sie war! Und sie schien glücklich; und wie dankbar war ich, daß meine Angebetete in ihrer Anmut gekommen war, meinen armen Tisch zu schmücken!

Das Frühstück, das mir einige Sorge gemacht hatte, war ausgezeichnet, und die Bouquets schienen den Damen zu gefallen. Die Unterhaltung war belebt und jeder behaglich und augenscheinlich zufrieden. Dmitri allerdings war langweilig und bestätigte die Beobachtung, daß »nichts so ermüdend ist als das Gespräch eines Liebhabers, der nichts zu hoffen und nichts zu fürchten hat«. Mrs. Acton, die sich für eine vollendete Chirosophin ausgibt, las während des Frühstücks in den Linien meiner Hand und erregte damit große Heiterkeit. »Ich sehe,« sagte sie, »vordringenden Mut, verbunden mit einer gewissen Unbeugsamkeit. Jedenfalls ist es die Hand eines thatkräftigen Mannes. Sie sind Soldat, nicht Philosoph. Die Frauen werden über Ihr Geschick nur so viel Gewalt haben, als Sie ihnen einräumen. Sie sind ehrgeizig, Herr Ihrer selbst, im eminenten Grade konservativ mit einem ungeheuren Respekt vor der Autorität.«

Einer bat sie, in ihre eigene Hand zu sehen. »Meine Hand,« sagte sie, »zeigt Liebe zur Veränderung, echte amerikanische beklagenswerte Abwesenheit des Sinnes für Verehrung und einen heftigen Widerwillen dagegen, mich langweilen zu lassen.«

»Zeigt sie nicht auch einige Grausamkeit?« fragte ich leise.

»Nein,« erwiderte sie, »Barmherzigkeit ist mein Unglück gewesen. Ich bin grausam nur gegen mich selbst.«

»Sind Sie dessen sicher?« fragte ich lachend. »Hat Sie jemals jemand gelangweilt und ist am Leben geblieben?«

»Offenbar,« sagte sie, sich zu ihrer Tante wendend, »hat Monsieur sich nie in amerikanischen Landhäusern aufgehalten. Es haben mich dort Leute stundenlang gelangweilt, und ich bedaure, sagen zu müssen, daß sie noch am Leben sind.«

»Daphne, wie kannst du so unpatriotisch sein!« rief Mrs. North.

»Die netten Leute reisen immer an dem Tage ab, an welchem man sie braucht, und die langweiligen bleiben, bis man bereit ist, Gott zu verwünschen und zu sterben.«

»Ich zweifle nicht, daß du die Leute oft nach dem Rezept behandelt hast, Daphne,« sagte Mrs. North.

»Danke, Tante, für das Kompliment. Ich wundere mich nicht, wenn du denkst, daß ich eine von denen bin, die zu lange bleiben.«

»Fische nicht nach Komplimenten! Du weißt völlig gut, daß du dich selbst zu jenen netten Leuten zählst, die immer zu früh gehen. Aber sicher ging keiner von Quimby fort, du hättest ihn denn weggeschickt. Sie ist ein verwöhntes kleines Ding,« sagte sie, sich zu mir wendend.

»Quimby ist Ihr Landhaus? Nicht wahr?«

»Ja, und ein lieber Ort.«

»Vermissen Sie ihn?« Ich saß zu ihrer Linken und konnte ihre Worte erhaschen. Es klang etwas wie Selbstverachtung aus ihrer leisen Stimme.

»Ich habe neuerdings gedacht, daß, wenn ich Amerika auslöschen könnte und alles, was ich dort besitze, und meine ganze Vergangenheit und meine wahrscheinliche Zukunft und nur so in den Tag hineinleben – diesen russischen Tag, diese russische Stunde, diesen russischen Augenblick, für immer und immer – ja, dann würde ich froh sein.«

»Und das ›froh‹ hatte wie ein Seufzer geklungen.

Ich fühlte, wie ich in der Nähe dieser furchtbaren Lieblichkeit bleich und bleicher wurde. Berg saß mit weit offenen Augen, ohne sie zu hören, aber sie anblickend, als wäre er hypnotisiert. Die junge Madame Barythine wünschte, daß Daphne in ihrer und Dmitris Hand lese. Sie ergriff über Berg herüber Mrs. Actons Hand, sie mit ihrer eigenen zu vergleichen.

»Was bedeutet diese tiefe Linie über Ihre Handfläche?«

»Ah, das ist mein Schutzgeist, der für eine Frau stärker ist als Religion oder Moralität.«

»Und das ist –«

»Die Furcht vor dem Ekel. Glauben Sie nicht,« fuhr sie, sich zu der schönen Wasia wendend, fort, »daß die Furcht vor dem Ekel für uns ein Wall ist, hinter dem wir uns decken können?«

Madame de Barythine nahm ihr Lorgnon, aber da sie den »Schutzgeist« in ihrer eigenen rosigen Handfläche nicht fand, wandte sie sich und blickte hilflos am Tisch herum. » Elle est drôle,« sagte sie, tief atmend, und dann schalt sie Dmitri, daß er so langweilig sei.

Der Vormittag ging dahin. Alles, was ich nun von ihr habe, ist der leise, liebliche Duft, den sie zurückgelassen hat, und ein kleiner, vergessener Schleier, über den ich hergefallen bin und den ich beinahe verschlungen habe.

 

11. März.

Mein Prozeß ist gewonnen. Der verleumderische Herausgeber ist auf sechs Monate eingesperrt. Er hätte sechs Jahre verdient. Der Hof ist ganz bekränzt mit Lächeln und Glückwünschen. Hm! Die Kaiserin hat mir ihr Bild gegeben und, als ich mich über ihre ausgestreckten Finger beugte, ein paar freundliche Worte gelispelt. Sogar des Zaren undurchdringliches Gesicht erhellte sich, und er lächelte sein seltenes Lächeln. Es ist ein rout im Anitchkoffpalais. Die Ehrendamen sind sehr entgegenkommend und gnädig; sie flattern mit ihren blauseidenen, von einem Diamantmonogramm auf der linken Schulter gehaltenen Schleifen umher wie kleine Schmetterlinge. Daphne ist nicht da; aber der Gedanke an sie verleiht meiner Phantasie Schwingen, und ich lasse mich verhätscheln, während meine Seele in jenem »heiteren Morgen« weilt, der von einer Kälte der Geliebten nimmer etwas weiß. Ich bin in guter Laune. Nach Hause gekommen, schließe ich zweitausend Rubel in ein Couvert und schicke sie an die ferne Adresse in den verschlafenen Provinzen, wo die Familie des Herausgebers das Ende seiner Strafe erharrt. Sie sind arm.

 

12. März.

Es scheint, daß wir, ihrem Wunsche gemäß, in unser altes Verhältnis zurückgetrieben sind. Ich will nicht lästig, nicht unzart sein. Etwas sagt mir, daß, meine Werbung jetzt zu forcieren, mein eigen Glück aufs Spiel setzen hieße. Sie will mir keine Gunst mehr gewähren, und ich muß mich notgedrungen ihrem Beschlusse fügen.

Am Nachmittag gestattete sie mir, die Kirche unsrer Mutter Gottes von Kasan mit ihr zu besuchen. Ich war, wie gewöhnlich, zeitig beim Rendezvous. Als ich die Kirche betrat, celebrierte man gerade eine Trauung. Die Sänger sangen: »Laß Israel freudig sein!« in den höchsten Jubeltönen, und die große Kathedrale schien in sympathischer Erwiderung des Freudengesanges zu erzittern. Als ich dem Kreise der Freunde und der wenigen Zuschauer, welche die Ceremonie herbeigelockt hatte, nahe trat, feuchteten Braut und Bräutigam eben ihre Lippen an dem Kelche, der der Kelch der Bitternis genannt wird. Ich beobachtete sie, wie sie dreimal um den Altar schritten, während die Pagen folgten, mit peinlich weit ausgestreckten Armen die goldnen Kronen über ihren Köpfen haltend. Die Kerze der Braut schien in gefahrvoller Nähe mit ihrem Schleier. Sie hatte eine spaßhafte, kleine Stumpfnase, war blond, gewöhnlich und kurz von Taille, während der Bräutigam, schier noch ein Knabe, zum Tode erschrocken aussah. Sie warfen sich dann vor dem Bilde der Jungfrau hin, und ich wandelte in die Tiefe der Kirche, mich wundernd, weshalb Mrs. Acton nicht kam.

Als die Hochzeitsgäste sich zerstreut hatten, kehrte ich zu der altehrwürdigen Mutter Gottes zurück, in der Hoffnung, ihre heitere Ruhe werde meine Ungeduld beschwichtigen. Sie wurde im Jahre 1579 von Kasan gebracht und ist mit Juwelen von fabelhaftem Wert bedeckt. Der Küster schien meine lange Betrachtung zu mißbilligen und streifte mich im Vorübergehen. Ich ging weiter und musterte die militärischen Trophäen, welche aus dieser Kirche eine Art von Arsenal machen. Ich verweilte mich einen Augenblick bei dem Grabe des Generals Prinz Smolenskoi, der auf dieser Stelle betete, bevor er in den Kampf zog, und hier war es, wo Mrs. Acton mich fand.

»Treu Ihrer militärischen Vorliebe,« sagte sie.

Wir schritten zusammen in der Kirche umher, ich in jener Verzückung, in die mich ihre Gegenwart stets versetzt. Später saßen wir nebeneinander unter einer schwingenden Lampe und beobachteten eine alte, gebeugte Frau, die ihre Gebete murmelte. Zuletzt traten wir unter die Kolonnade und gingen auf und ab in Erwartung der Northschen Equipage, die von dem Empfang bei den Xaviers, wohin ihre Tante gegangen war, für Mrs. Acton zurückgesandt werden sollte. Mrs. Acton sprach von der Hoffnung und dem Trost, welchen die Russen in der Religion finden. »Schließlich,« sagte sie, »hat hohes Alter nichts weiter. Was soll ich thun, wenn ich alt bin? Mein Glaube steht auf so schwachen Füßen.«

Ich unterbrach sie und begann von den Freuden des Alters und den Entschädigungen, die es hat, zu sprechen. Sie hob die Hand und machte eine Bewegung, als wollte sie sie mir auf die Lippen legen.

»Ich weiß alles, was Sie sagen werden. In Ihrer Familie haben Sie eine verehrte sanftgemute alte Dame oder einen Onkel von neunzig, der seine Vorderzähne behalten hat, und Sie selbst nehmen mit aller Sicherheit an, daß Ihr Lebensabend würdig und heiter sein wird. Kein Zweifel, kein Zweifel, wir alle finden unter den Ruinen unsres Lebens ein paar wohl konservierte Reste, wo der Leib – und sogar das Herz – vom Schicksal milde behandelt sind; aber ach! mein Freund, hohes Alter ist im besten Falle häßlich, und wie flüchtig und oberflächlich sind die Beziehungen zwischen den Jungen und den Alten! Wie wenig kommen sie uns entgegen! Haben Sie je zu den Füßen eines Veteranen gekniet und ihn beinahe mit Todesangst gebeten, Ihnen den rechten Weg zu zeigen? jemals ihm, nach seiner Leitung heiß verlangend, Ihr ganzes volles Herz auszuschütten versucht? Ich wette, die Antwort ist entweder unwillige Zurückweisung gewesen oder feige Ausflucht. Der Geist wird müde, das Herz stumpf. Ich meine, die Leidenschaften haben kein Gedächtnis oder krystallisieren sich in Böswilligkeit. Aeltere Leute haben mich mit Tadel, unzeitigen, thörichten Ratschlägen geplagt, mich ausgescholten, ausgezankt, fast toll gemacht; aber wo ist der ruhige, gerechte Geist, der, auf die Schlacht und ihren Staub, ihre beschämenden Niederlagen, mühsam gewonnenen Triumphe zurückblickend, lobt, ermutigt und sagt: ›So und so war es mit mir! Fasse Mut, Kind!‹ Nein, verlassen Sie sich darauf, alte Leute sind grauenhaft frivol, beschäftigt mit kleinlichen, die Seele erniedrigenden Kleinlichkeiten, und das ist's, weshalb ich sie so tief bemitleide. – Sind Sie jemals sehr zornig gewesen?« fragte sie plötzlich, als ob sie einem bestimmten Faden der Erinnerung folgte.

»Ja, sehr.«

»Wann?«

»Gestern abend, auf Berg, als er Sie so anstarrte.«

»Und wie war das?«

»Greulich; und Sie zürnen darüber nicht?«

»Welche Thorheit! Ich sehe den Mann nicht einmal.«

»Aber ich thu' es und könnte ihn morden.«

»Unsinn! Ich glaube Ihnen nicht. Ich meine sehr, sehr, sehr zornig?«

»Sind Sie's gewesen?«

»Ja.«

»Erzählen Sie es mir!«

»Ach, es handelte sich wieder um ältere Leute, die mir hätten beistehen sollen! Ich hatte mein Leben geopfert, meine Jugend, und dann ... ließen sie mich im Stich, ... wollten es nicht verstehen.« Sie sprach mit unterdrückter Leidenschaft, wie in Erinnerung eines tief empfundenen Unrechtes.

»Und Sie waren zornig?«

»Sprechen wir nicht weiter davon,« sagte sie schnell; »ich bin keine Natur, die leicht vergibt.«

Während sie sprach, war sie rasch aus den Arkaden heraus auf den Platz getreten, wohin ich ihr folgte, und wir erschraken, als wir fanden, daß es beinahe Nacht war. Ich blickte vergebens nach allen Seiten umher: der Schlitten und Alexei waren nirgends zu sehen. Mein eigenes Gefährt fuhr langsam auf dem Newski hin und her zwischen den gewöhnlichen Haufen der Promenierenden, mit ihren verhüllten, unwirklichen, schattenhaften Gesichtern. Die Statuen von Smolenskoi und Barclay de Tolly ragten auf gegen den sterbenden Tag an dem mit Sternen bestellten Himmel.

»Wie seltsam!« – Mrs. Acton, eben aus dem Schutz in die Kälte getreten, schauderte leicht zusammen. Mich erfüllt sie stets mit Licht und Wärme – ich weiß nicht, ob es kalt oder dunkel ist, wenn ich bei ihr bin. Ich bot ihr meinen Schlitten an, aber sah, daß sie zögerte.

»Er ist so bekannt, so auffällig,« sagte sie, etwas nervös.

»Sie können hier so nicht länger stehen bleiben,« sagte ich autoritativ und rief eine elende Droschke an, während ich mein Gefährt zurückschickte. Ich ließ meinen Diener auf den Bock steigen und hatte bald Mrs. Acton in eine Ecke des erbärmlichen Fuhrwerks gedrückt und mich an ihre Seite.

Es ist in Petersburg nicht üblich, in der Dämmerung allein mit einem Mann durch die Straßen zu fahren, am wenigsten mit einem, der mittlerweile in der Welt als ihr glühender Verehrer durchaus bekannt sein muß. Ich fühlte mich für sie verstimmt und sah wohl, daß sie selbst es übel empfand. Ihre völlige Fassung aber, nachdem der Würfel einmal geworfen war, die souveräne Ruhe, mit der sie das Unvermeidliche hinnahm und auf unsrer Fahrt der Sache nicht einmal Erwähnung that, erschienen mir als die Vornehmheit selbst. Mein stolzer Liebling!

Leichtfertige Frauen erklären, reden sich in Eifer, spielen die Prüde: denn: qu'en dira-t-on! Daphne ist ihrer sicher. Sie erklärt niemals etwas und läßt andre sich ihre Schlüsse bilden. Diese ihre Hoheit ist mir teuer; sie gibt mir die Versicherung ihrer eingeborenen Reinheit. Als sie ihre Kleider ordnete, war es mir, als ob sie sich in einen Panzer hüllte.

Diese junge Frau war sicher, daß ich ihr nichts in die Ohren flüstern würde, nicht einmal etwas zum Preise ihrer Anmut und Schönheit. Ich würde nicht gewagt haben, sie daran zu erinnern, daß ihre Lippen für einen Moment mir gehört hatten. Wie wir starke Krieger vor eines Weibes möglicher Ungnade zittern! Während unsrer Nachhausefahrt wechselten wir wenige Worte, und auch die hielten sich in den Grenzen der völligsten Reserve. Wie kommt es doch, daß bei dem ersten Mal, als ich diese Dame sah, ich die Empfindung des Schwimmers hatte, wenn er aus dem flachen Wasser in die wirklich tiefen Wasser kommt? Sie sehen wie die andern aus, sie sind still, ruhig, lockend, aber er weiß, daß er in dem Ocean schwimmt. Er hört das leise Rauschen eines Lebens, das beginnt; namenlose Geschöpfe drängen sich um ihn, unbekannte Gestalten, und er schaudert: die Tiefe, in die er jetzt geraten, hat er noch nie erforscht.

 

13. März.

Ich grüble darüber, ob es wahr ist, was sie zu mir gesagt: daß ich zu konservativ bin. Habe ich wirklich bereits in mir die Keime jener Engherzigkeit, die sie bei alten Leuten so abscheulich findet? Sie sagte einmal: völlig zufriedene Menschen könnten keine Reformatoren sein. Sie hatte recht.

 

14. März.

Lese eine von Dostoiewskys leidvollen Geschichten. Wie verschieden von der beabsichtigten Roheit der französischen Autoren heutigentags ist doch der Realismus dieser Russen! Er hat sich in Kontakt mit dem Herzensweh der Welt gehalten und hat eine Sympathie, die die Franzosen verloren haben. Niemals vernimmt man das Ricanement des Unglaubens; immer ist da eine Ahnung des Unendlichen. Ich lese ein wenig im Original. Diese knochenlose, geschmeidige Sprache entzückt mich, obgleich ich zu dumm bin, ihre Feinheiten zu fassen. Und welch seltsames Volk mit seinen ausgeprägten patriarchalischen Institutionen, Schutz suchend unter den Flügeln eines absoluten Thrones: » Pourri avant d'être mûr!« Wir werden sehen. Ich summte die Worte Tutchefs vor mich hin:

» Comme le globe terrestre
Est enveloppé de l'océan,
Ainsi la vie terrestre
Est entouré de songes

Ist meine Leidenschaft auch nur ein Traum?

 

15. März.

Wir Hoffossilien sind gewohnt, nur Mißdüfte oder Wohlgerüche zu atmen. Diese Amerikaner scheinen uns frische Luft zuzuführen. Wie das den entkräfteten Lungen wohlthut! Luft! Luft! Bei ihr fühle ich, wie der Staub der alten Vorurteile davonweht. Sie sagte mir heute plötzlich, daß sie nach Amerika zurückkehren muß. Ich versuche umsonst, ihren Entschluß zu bekämpfen. Meine Argumente schienen sie nur zu erregen, und meine Bitten waren vergeblich.

 

17. März.

Mrs. North sagte heute abend in ihrer schnellen, bizarren Weise zu mir: »Ich wünsche, daß Daphne mich nach der Riviera begleitet, wohin ich gehe, während Mr. North nach Amerika einen Ausflug von ein paar Wochen macht, um nach seinen Privatangelegenheiten zu sehen; aber sie besteht darauf, sie müsse mit ihrem Onkel zurückkehren, und wird aufgeregt, wenn ich sie zum Bleiben dränge. Sie scheint wirklich in fieberhafter Eile. Ich beanspruche nicht, sie zu verstehen, und zweifle, daß irgend einer sie je verstehen wird, es wäre denn,« fügte sie lächelnd hinzu, »Sie hätten sie ergründet. Ich wünsche, wir könnten sie noch bereden, bei uns zu bleiben. Ich gestehe, ich habe geglaubt, sie sei hier sehr glücklich. Ich fürchte,« fuhr sie, ihre Stimme senkend, fort, »sie sinnt über etwas Unbequemes – ein Selbstopfer, und ihre Selbstopfer nehmen leicht eine furchtbare Wendung.«

Ich bin tief traurig. Ich fühle jetzt deutlich, daß sie irgend eine Verwickelung vor mir verbirgt, und ebenso deutlich, daß es nichts ist, das ihr irgendwie zur Unehre gereicht. Ich will dem Adel ihrer Natur vertrauen und all mein Hoffen auf die Zukunft setzen. Wenn es gut geht, kann ich in ein paar Wochen nachkommen und mein Schicksal wissen. Ich kann sie jetzt nicht verfolgen. Sie scheint unglücklich.

 

28. März.

Sie ist fort!

Auf ihres Onkels Arm sich lehnend, in ihrem dunkelroten Kleide mit dem schwarzen Pelzbesatz, betrat sie die Bahnhofshalle. Eine große Gesellschaft war gekommen, ihr das Geleit zu geben. Ich stand im Schatten. Sie trug meine Blumen in der Hand und ein Bouquet derselben am Busen. Sie sah bleich aus unter ihrem kleinen Toque und schwarzen Schleier. Ihre Augen suchten mich. Ich kam schnell ihr zur Seite in das grelle Licht. Die hin und her eilenden Leute blieben stehen und starrten unsre Gesellschaft an, denn unsre Gruppe bildete einen seltsamen Kontrast zu dem wartenden Haufen: die Damen in hellen, von den dunklen Ueberwürfen nur halb verhüllten Dinertoiletten, die Männer in voller Abendgala. Sie läßt sie alle stehen, zieht ihre Hand aus ihres Onkels Arm und legt sie in den meinen. Die andern treten zurück, sie scheinen zu wissen warum, und sammeln sich um Mrs. North, die ihre Reise nach dem Süden mit demselben Zuge beginnt. Der erste Sekretär der Botschaft, der während der kurzen Abwesenheit des Chefs der chargé ist, geleitet Mrs. North; Mägde und Diener, mit Taschen und Pelzen beladen, kommen hinterher.

Rätselhaft bis zum letzten Augenblicke, verbietet mir Mrs. Acton ausdrücklich, ihr sofort zu folgen. »Ich muß in meine Heimat zurück,« sagte sie rasch. »Bis dahin kann ich nichts sagen. Ich werde Ihnen sofort schreiben. Ich werde schreiben, ich verspreche es. Fragen Sie mich nicht weiter, aber denken Sie daran, daß Sie frei sind.«

»Nein,« erwidere ich, »ich bin nicht frei, denn ich liebe Sie!« und sie lauscht diesen Worten, lauscht ihnen begierig mit geöffneten Lippen und träumerischen Augen. Was ist dies, wenn nicht das Zeichen erwidernder Liebe?

Die Pfeife tönt. Ein Bahnhofsbeamter fragt mich in fast grobem Tone, ob ich mitreisen wolle, und fordert unsre Gesellschaft auf, den Weg für die andern Reisenden nicht zu versperren; dann erkennt er mich, grüßt und murmelt eine hastige Entschuldigung. Eine alte russische Frau, die ein großes Bündel trägt, rennt mich an. Ich kann Daphnes Herz fast gegen das meine schlagen hören. Wir alle treten hinauf auf die Plattform. Ich ergreife Mrs. Norths Hand zum Abschied. Der ihre ist warm, fast zärtlich. Dann halte ich Daphne einen Moment und flüstere ihr ins Ohr: »Ich liebe Sie bis in den Tod.« Auf ihren Wangen brennen jetzt zwei rote Flecken, aber ihre Augen sind trocken. Sie tritt in den Wagen. Der Zug setzt sich in Bewegung; ich kann ihr Gesicht nur noch dunkel durch die angelaufene Scheibe sehen. Die andern grüßen mit Hüten und Taschentüchern; ein paar von den Frauen sind etwas weinerlich. » Dobravo putie!« rufen sie. Berg ist wie ein Leichenbitter. Sie gehen alle fort und lassen mich da. Ich salutiere noch einmal mechanisch. Der Zug ist aus der Halle. Ich bin allein.

 

2. April.

Heute abend ging ich in die Isaakskirche. Die kaiserlichen Sänger sangen zu irgend einem besonderen Dienst. Montferrand ist ein gewandter Künstler. Wie einfach und imposant ist dies Gebäude! Mir scheint es sicher zu stehen, trotzdem es auf einen Sumpf gebaut ist! Wird es eines Tages zusammenbrechen wie unsre festesten Hoffnungen? Ich blickte neugierig hinauf in das Sanctuarium mit seinen Porphyrstufen, seiner Malachitdecke und seinen Lapislazuli-Wänden. Es blendet einem die Augen. Ich saß in einer dunklen Ecke und horchte auf den seltsamen, traurigen Gesang der Chorknaben. Das eine Wort » gospode« stieg aus dem Gesang hervor und schwebte leise durch den Dom. Alle andern Worte verhallten. Es klang mehr wie eine Klage als ein Gebet. Ich kniete einen Augenblick hin; ich konnte nicht beten, aber ich blickte auf den bleichen, todesernsten Christus des großen Fensters, und seine von Menschenweh erfüllten Augen schienen den meinen zu begegnen. Später stieg ich in die Kuppel. Ich war früher nicht dagewesen. Als ich, ein wenig atemlos, die Spitze erreichte, konnte ich, nordwärts blickend, über den Fluß hinüber Basils Insel sehen und Aptekarski und Gelagin, wohin die Leute in Sommernächten gehen. Das einsame Fort – o, bittere Ironie! – sah aus wie ein Märchenschloß, und die Dvortsovy- und Troitskoibrücken wie scharfe, dunkle Geleise auf einer Schneewüste.

Die große Höhe beruhigte mich. Meine Augen schienen weit, weithin den Nebel zu durchdringen; ich meinte bis dahin sogar, wo der Atlantische Ocean seine zornigen grausamen Wasser wälzt. Ce lointain sans forme qui appelle à lui. Sie ist wirklich fort.

 

11. April.

Ich gehe beinahe täglich nach Lietné Sad. Im Anfang sahen mich die Aufseher mit dem diesen Leuten eigenen Scharfsinn ermutigend an, als wollten sie sagen: »Sie zögert, aber kommt noch.« Jetzt beachten sie mich nach dem Gruße nicht mehr. Heute blinzelten sie einander zu: »Sie wird nie mehr kommen.« Eines Tages mußte ich vor Kälte auf einer der Bänke eingeschlafen sein. Ich erwachte mit einem süßen wilden Tumult in meinem armen alten Herzen. Ich meinte, ich hätte ihren Schatten über meine Füße fallen sehen. Ich erhob mich, schüttelte mich und taumelte blindlings in die verlassenen Alleen. Ich liebe diesen Garten sehr, obgleich er mir so böse Streiche spielt. Wie große Qualen kann doch das menschliche Gehirn ertragen. Die Leute haben mir immer gesagt, ich sei sehr vernünftig. Ich weiß nicht. Laß sehen! Fünfzehn – achtzehn Tage, – sagen wir zwanzig. Gewiß, gewiß, der Brief kommt bald. Sie sagte: »Ich werde nicht schreiben, bis ich in New York bin.« Zwanzig Tage – das ist eine Ewigkeit. Da kann am Schiff eine Planke brechen oder der Zug vierundzwanzig Stunden aufgehalten werden und – Narr, der ich bin!

 

27. April.

Wieder ein Tag. Wenn der Brief morgen nicht kommt, reise ich nach Amerika ab. Was ist diese Frau, daß sie auf den Saiten meines Herzens so spielen darf? Ich hasse sie.

 

28. April.

Ich ging, die alte Madame de Barythine zu sehen. Sie empfing mich in ihrem verblaßten Salon mit seinen schönen Vorhängen und Gemälden. Es sind da drei Porträts aus ihrer Jugendzeit. Sie hat die abgetragenen Livreen der Jugend klüglich beiseite gelegt und den guten Geschmack und den Mut, sich zu kleiden, wie es sich für ihre Jahre schickt, und grauhaarig zu sein. Ein etwas schäbiger Jüngling servierte uns den Thee in goldnen Tassen. Sie schalt ihn wegen seines Anzuges und vertraute mir zum andernmal, daß nach dem Fall des Rubels und den enormen Ausgaben für ihres Gatten Mausoleum sie von ihren Besitzungen junge Moujiks kommen lasse und versuche, aus ihnen Hausdiener zu machen. »Aber,« sagte sie, »sie sind eine faule, schmutzige Bande und ich bin ganz entmutigt.« Ihre Verwandten sagen mir, daß sie enorm reich sei.

Bemüht, mich zu unterhalten, zeigte sie mir zahlreiche Photographieen des verstorbenen Grafen und auch eine der Prinzessin X., die, wie sie sagte, seine erste Liebe war. »Mein Gatte liebte zweimal in seinem Leben: die Prinzessin und mich. Er heiratete mich, als jene Liaison vorüber war. Das brach ihr beinahe das Herz. Er war ein bezaubernder Mann. Sie hatte zwei Söhne – sehr hübsche Menschen. Mein Gatte sagte mir immer, es seien nicht seine. Hoffen wir es. Würde es Ihnen Spaß machen, meine Juwelen zu sehen?«

Ich folgte ihr in einen kleineren Salon, der mit Bücherschränken ausgestattet war, über denen Spiegel hingen. Sie nahm einen kleinen Schlüssel an ihrer Uhrkette, schloß ein Fach auf, öffnete es und blendete meine Augen, als sie jetzt eine große Schüssel produzierte. Sie richtete sich auf und ließ mir so prachtvolle schwarze Perlen, Geschmeide von Diamanten und Rubinen vor den Augen tanzen! Auch Türkisen gab es da, groß wie Rotkehlcheneier. Sie streichelte sie zärtlich mit ihren fetten, weißen Händen. »Meine Nichten,« sagte sie, »wünschen, daß ich darüber disponieren soll, aber es hat wirklich keine Eile. Ich verspreche nichts. Wer weiß? Vielleicht werden sie noch alle einmal die Heiligenbilder in unsrer Dorfkirche schmücken. Entre nous, cher Comte, meine Nichten sind hartherzige Dinger und nicht viel wert. Ida würde nicht über die Straße gehen, ihrer Tante ein Vergnügen zu machen, und Wasia, – nun Wasia ist soweit ganz reizend, aber – sie wissen, was die Leute sagen. Nebenbei, wie leben Sie so weiter ohne ihre reizende Amerikanerin?« Und die alte Dame blickte mit scharfen, freundlichen Augen zu mir auf.

»Ich lebe überhaupt nicht mehr.«

»Ah! Ich wußte es, wußte es.«

Sie war sehr taktvoll und sprach rühmlich von der Geliebten. Sie goß Balsam in meine Wunden, und ich saß mit einem Gefühl des Behagens und der Zufriedenheit an ihrem Kaminfeuer, nippte an meinem Thee und horchte ihrer sanften Schwatzhaftigkeit.

»Eh! Warum nicht, warum nicht? Sie ist frei, sie ist reich; es würde ausgezeichnet sein, gerade das Rechte. Sie sind sehr reizend, diese Amerikanerinnen, und dazu klug, denke ich; ein bißchen prononciert vielleicht, aber was wollen Sie, mein Lieber? Die Welt will weiter und man muß mit ihr gehen. Mein Figaro sagt, sie haben in ihren großen Städten ordentlich eine Gesellschaft. Es ist wunderbar. Q'en dirait Bismarck? Eh!« Und sie schüttelte sich.

Und ich, der ich Visiten und häßliche alte Weiber hasse, saß und saß vor Furcht, wieder hinaus zu müssen in die Wildnis der Welt.

 

30. April.

Als Gustav heute morgen meine Läden öffnete, hatte ich die Empfindung von hereindrohendem Verhängnis. Der Portier erschien mit seiner traurigen, verwirrten, unentschlossenen Haltung, welche für beinahe alle diese Söhne der bleichen Steppen charakteristisch ist und in einem so seltsamen Kontrast mit ihren kräftigen Gestalten steht, wobei sie immer aussehen, als brüteten sie über einem verwirrenden Rätsel. Er kam, mir zu sagen, daß der Postzug einen Unfall gehabt habe und in Eydtkuhnen aufgehalten sei, die Briefe würden vor Nachmittag nicht ausgegeben werden. Ein Bote von der Gesandtschaft war dagewesen, mir diese Nachrichten zu bringen. Er ging, ein slavisches Lied summend, den volkstümlichen Gesang der Fischer an den großen Flüssen und der Kosaken der Ukräne, den er jedenfalls in seiner Kindheit gelernt hatte. Diese Lieder sind voll glühender Zärtlichkeit und Melancholie und gießen einem Wehmut ins Herz. Vielleicht war es dieser undeutlich gehörte Gesang, der mich mit so trüber Ahnung hatte erwachen lassen.

Als der Kurier endlich eintraf, wußte ich, daß meine Stunde gekommen war. Ich öffnete meinen Brief nicht sogleich; er brannte mir in der Hand. Ich zog mich eilig an und ging aus dem Hause. Ich wußte kaum, wohin ich ging, bis die alten Wächter von Lietné Sad mich grüßten. Ich war über den Platz und die Brücke gekommen wie ein Nachtwandler. Die Luft war weich und schwer. Am trüben Himmel ein fahles Licht, das im Sommer ein Gewitter verkündet. Heute waren es nur die Dünste, die ein plötzliches Tauwetter hatte aufsteigen lassen. Ich konnte das ferne Donnern des berstenden Eises auf der Newa hören; das Pochen der eingeschlossenen Wasser kam dumpf zu mir wie die Seufzer eines in Verborgenheit traurig dahinschwindenden Lebens. Bald wird nun der Fluß aufbrechen; bald werden nun die großen Eisblöcke vom Ladoga-See herabgeschwommen kommen.

Ich fand meinen Weg zu einem Sitz, wo wir oft zusammen gerastet hatten: nahe an des Zaren Theehause. Es war in einem stillen Baumgange unter den tropfenden Zweigen: ein Lieblingsplatz von uns. Ich setzte mich, öffnete mit zitternden Fingern meinen Ueberzieher, knöpfte die Uniform auf und zog meinen Brief hervor. Und noch zögerte ich, das Siegel zu erbrechen. Nein; noch nicht! noch nicht! Ich wandte ihn hin und her. Ich blickte auf die Postmarken und die Adresse. Ich brütete da über ihm, wie ein Geizhals über seinen Dukaten. Ich hatte so viel gelitten! Hier, wo ich sie so unsäglich geliebt, sie sich so dicht an mich geschmiegt, sollte ich endlich mein Schicksal erfahren. Der Platz war mild genug. Im Zimmer würde ich in dem Aufruhr meiner Empfindungen erstickt sein.

Ein Sperling kam von einem benachbarten Baume herabgeflogen in den Schneeschlamm dicht vor meinen Füßen. Er schien sehr zahm. Er hatte auch sein Verlangen, spähte nach seinen Brotkrumen aus. Ich wünschte fast, der Brief wäre kurz. Ich habe ruhig im Kugelregen gestanden; aber dieser Brief entnervte mich. Ich hatte ein kindisches Gefühl, als ob ich blind werden könnte, bevor ich ihn bis zu Ende gelesen. Ich verlangte ja nur nach dem einen Worte: »Komm!« Nun hatte ich ihn doch geöffnet und sah, daß er mehrere Seiten lang war.

Und dies war es, was ich las:

»Fluchen Sie mir nicht – das ist alles, um was ich Sie anflehe. O, edelster, bester, treuester, bravster der Menschen! Wenn Sie diesen Brief öffnen, werde ich das Weib eines andern sein. Hören Sie mich! Sie kennen meine erste Ehe. Es war nichts. Er liebte mich. Ich opferte mich für meine Familie. Er glaubte, er würde alsbald sterben und mir alles und seinen Namen hinterlassen. Ich kann das nicht rekapitulieren. Sie wissen genug. Nun, alle diese Jahre, diese Jahre verwitweter Jugend, als ich meiner Familie entfremdet war und zu meiner glänzenden Einsamkeit zurückkehrte – ein armes unglückliches Kind – war einer da, der für mich sorgte. O! wie er mich liebte und stützte! Er ist kein Held, wie Sie, aber er liebte mich. – Er ist nicht schön, wie Sie, aber er liebte mich. Mit einer Liebe so tief, so treu, so zärtlich, so stark, so einfach! Er wachte über mich alle diese Jahre. Ich traf ihn – gleichviel wo – in der Welt, sagen wir. Er stand wieder und wieder zwischen mir und der Verleumdung. Als ich mich mit meiner Familie aussöhnte, war es durch seinen Rat, mit seiner Hilfe. Zuletzt kam es so weit, daß alle meine Vergnügungen das Resultat der Opfer waren, die er brachte; und all mein Frieden war auf Kosten des seinigen. Als ich frei war, verlangte er nach mir und ich versprach mich ihm, ohne zu zögern. Aber ... ich konnte damals nicht. Ich bat ihn zu warten: er wartete. Ich sagte zu ihm: Laß mich zu meinem Onkel nach Rußland gehen; folge mir nicht; dort will ich das Ende der Trauer abwarten; und werde zurückkehren, und alles soll sein, wie du es wünschst. Ich brauchte Zeit, ich war in zu nahe Berührung mit dem Tode gekommen.

»Das erste Mal, daß ich Sie sah, war ich geblendet von Ihrer Kraft. Ich hatte jahrelang auf meinen Knieen gebetet: Führe uns nicht in Versuchung! – in Rußland betete ich zum erstenmal in Wirklichkeit. Ich haßte Sie beinahe. Erinnern Sie sich des Tages, als wir am Klub vorüberkamen, und als Sie mir in der Eremitage jene Verse vorlasen? Ich that es absichtlich, ich wollte Ihnen widerwärtig werden, Sie von mir treiben, und brachte es beides, glaube ich, für einen Moment zu stande; aber nicht auf lange genug, und ich war schwach, und wir waren schwach, waren wir es nicht ... Lieber? Aber nichts was ich hätte thun können, würde ihn von mir getrieben, ihn abgestoßen haben – auch nur für einen Augenblick. Ich hätte niemals für Sie gepaßt. Berg versuchte, Sie in meiner Schätzung herabzusetzen. Er sagte mir, Sie hätten eine liaison mit einer Frau, Namens Nathalie; daß Ihr ganzer Umgang das wisse. Ich glaubte es nicht, und doch fand ich mich seltsam eifersüchtig, denn ich weiß, daß Sie den Frauen sehr gefallen. Ich würde rasend eifersüchtig auf Sie gewesen sein; es würde mich erniedrigt, getötet haben. Es half alles nichts. Als ich Sie verließ, wußte ich nicht, was ich thun würde. Nach jenem Abend, als ich Ihre Liebkosungen entgegennahm, war meine Selbstachtung dahin. Ich war unglücklich, ach, wie unglücklich! Ich fühlte mich schlimmer, als eine, die noch so tief gefallen. O, ich litt. Sie sehen, ich liebe schöne Dinge zu sehr: das Leben drüben, die Mondscheinnächte, die troikas, die über das Eis sausen, Ihr glänzendes Gespräch, Ihre ritterliche Huldigung, Ihre herrliche Liebe! Jetzt darf ich nicht mehr an das alles denken.

»Ich erreichte den Hafen, und er kam. Ich sah ihn auf dem häßlichen schwarzen Dock unsrer großen amerikanischen Stadt in dem kalten Lichte des nassen Frühmorgens stehen. Er hatte da harrend die ganze Nacht gestanden. Nie werde ich seine Augen vergessen, als sie zuerst in meine blickten. Das Schwert seines Leidens durchbohrte mein Herz. Er wußte von nichts. Er ergriff meine Hand, und seine ersten Worte waren: ›Hätte ich nicht den vollen Glauben an deine Reinheit und Treue gehabt, ich würde mir längst eine Kugel durch den Kopf geschossen haben.‹ Ich bemerkte, wie lose die Kleider um seinen Körper hingen, und eine sonderbare Magerkeit an seinem Hals und seinen Wangen, die von Haus aus die vollen Linien der Jugend und Gesundheit hatten. Er beklagte sich nicht, er ist nicht dramatisch. Erinnern Sie sich des Gemäldes in der Eremitage? Es hatte seinen Mund und seine Augen, und ich wußte, daß, wollte ich um Ihrethalben mit ihm brechen, sie für immer in meine blicken und mich mit endloser Reue verfolgen würden. Sie haben meinen Pfad für eine Stunde gekreuzt; aber er war eins mit meiner tragischen Vergangenheit. Doch schwankte ich! Das ist vorüber. Mein Freund, leben Sie wohl! Ich werde niemals rückwärts blicken – auch nur für eine Stunde. Ich küßte einmal Ihre Lippen! Mein Gott, wie konntest du einen Verrat so süß machen! Ich presse sie jetzt auf Ihre Stirn wie eine sterbende Schwester und bete, daß die Engel, die ich so beleidigt habe, Ihnen Frieden geben mögen. Mein Freund, leben Sie wohl!«

Für einen Moment, nachdem ich diesen Brief gelesen, saß ich da wie einer, den der Schlag gerührt, blödsinnig auf den kleinen Vogel starrend, der wieder, an dem schmutzigen Schnee pickend, mich verstohlen mit seinen runden, dummen Augen anblickend, umherhüpfte. Dann packten mich urplötzlich Wut und Verzweiflung, und ich zerriß den Brief mit meinen Zähnen. Ich preßte und zerknüllte ihn, als ob es die weichen Finger gewesen wären, die mir den tödlichen Schlag versetzt; und, während ich es that, empfand ich etwas wie Erleichterung und Vergnügen. Der Duft ihrer Hände schien auf dem Papier zu weilen und schüttelte meine Sinne mit der Erinnerung entnervender Süßigkeit. Ein kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Ich sammelte die zerrissenen Fetzen, warf sie von mir und trat sie unter meinem Hacken und Sporn in den Schnee. Sie waren bald eine ununterscheidbare Masse schmutzigen Breis. Ein einziges weißes Stückchen flatterte davon, und der Vogel pickte es auf, während er mich dabei furchtsam ansah, und flog mit ihm davon, es in sein Nest zu bauen. Ich erinnere mich, daß ich dachte: »Welcher Hohn!«

Ich habe keine Erinnerung mehr davon, wie lange ich in dem Garten gesessen, wie viele Minuten oder Stunden ich in wahnsinniger Eile, während jeder Atemzug, den ich that, mich wie mit einem Messer schnitt, in den engen Gängen umhergeirrt. Ich wußte nur, daß meine Jugend gestorben war. Als die Wut sich endlich erschöpft hatte, kam ich zurück, warf mich erschöpft auf den Sitz, zog meine Mütze über die Augen und weinte, weinte wie ein Weib über eines Kindes Schande oder eines Liebsten Verrat. Gott gebe, daß ich ihr Antlitz nicht wiedersehe!

 

Ende.

 

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