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Julie Van Rensselaer Cruger: Daphne - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJulien Gordon
titleDaphne
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1891
translatorFriedrich Spielhagen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180726
projectidce0e3134
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Vorwort

H. H. Boyesen, der treffliche amerikanische Novellist und genaue Kenner der Litteratur seines Adoptiv-Vaterlandes, macht, gelegentlich von der Legion amerikanischer Dichterinnen und Schriftstellerinnen sprechend, die etwas boshafte Bemerkung, daß in diesem Falle, wie in so vielen, die Natur sich selbst vor ihrer Ueberproduktion zu schützen wisse, indem die ersten Bücher jener Damen zwar durchaus nicht ihre einzigen blieben, wohl aber, mit seltenen Ausnahmen, die einzig lesbaren.

Zu diesen Ephemeriden gehört Julien Gordon nicht. Seitdem die Dame (ihr wahrer Name ist Mrs. Julie Van Rensselaer Cruger) vor etwa zwei Jahren mit ihrem Erstlingsroman: » A succesful Man«hervortrat, hat sie mit den folgenden: » Mademoiselle Réséda, A Diplomat's Diary, The Vampires, A Puritan Pagan«, ebensoviele Erfolge zu verzeichnen gehabt. Mit Fug und Recht. Das Publikum erkannte sofort, daß es hier mit einem echten Talent zu thun habe. Aber das echte Talent, wie selten und kostbar es ist, thut es nicht allein. Es kann wohl in die Tiefe steigen, wo das Wesen der Dinge wohnt; aber »soll sich ihm die Welt gestalten«, muß es sich »ins Breite entfalten« dürfen, und hier spielen Glück und Zufall eine große verhängnisvolle Rolle, indem sie dem einen widerwillig versagen, was sie dem andern in vollem Maße gewähren. Das letztere günstige Geschick wurde Julien Gordon zu teil. Aus einer angesehensten Familie, reich, unabhängig, durfte sie früher und später die Welt kennen lernen; und sie hat die günstige Gelegenheit mit einem Fleiß benutzt, der den glücklichen Zufall wieder in ein Verdienst zu verwandeln scheint. Sie ist in Paris und Petersburg so bequem zu Hause wie in New York. Zwar ist es überall vorzugsweise die Welt der upper ten thousand, die sich ihr erschloß, und in der sie ihre Spezialstudien machte; aber müssen wir uns nach der Seite der Erfahrung auch im besten, günstigsten Falle nicht stets mit einem Ausschnitt des Unermeßlichen begnügen, wie auch der sprachgewaltigste Genius doch immer nur einen Bruchteil seiner Muttersprache beherrscht? Und an Exkursionen in die andern Gebiete des Lebens hat dieser fleißige, scharfe, bewegliche Geist es nicht fehlen lassen, so daß sie jederzeit die Fenster ihrer vornehmen drawing-rooms öffnen und uns Ausblicke in die gesellschaftlich tiefer liegenden Sphären gewähren kann.

Dazu kommt ein Letztes, was für ihren Erfolg den Ausschlag gegeben haben mag: Julien Gordon ist völlig ein Kind ihrer Zeit, d. h. sie ist, als Dichterin, Realistin. Im besten Sinne des Wortes. Ihre Schilderungen der vornehmen Gesellschaft sind von unübertrefflicher Genauigkeit und Wahrheit; ihre verwöhnten Damen und Herren sind, sozusagen, aus den hellgeschliffenen Spiegeln der Salons gestohlen. Und so löst sie, wie spielend, das für so viele unsrer Realisten unergründliche Problem: vollkommen wahr, und doch niemals häßlich zu sein, niemals den guten Geschmack zu beleidigen trotz der Unerbittlichkeit ihrer Vivisektionen.

Ich würde es mir zur Ehre anrechnen, wenn die folgende Uebertragung – die sogenannte Bearbeitung besteht nur in gelegentlichen Auslassungen und Contractionen – dazu beitrüge, der Verfasserin einen Teil des Ruhmes und der Hochschätzung zuzuwenden, deren sie sich in ihrem Vaterlande in so reich verdientem Maße erfreut.

Berlin, im Oktober 1891.
Friedrich Spielhagen.

 

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