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Dantons Tod

Georg Büchner: Dantons Tod - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
booktitleDantons Tod
authorGeorg Büchner
year1995
publisherPhillip Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006060-5
titleDantons Tod
pages1-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Zweite Szene

Eine Promenade

Spaziergänger.

Ein Bürger. Meine gute Jacqueline – ich wollte sagen Korn... wollt ich: Kor...

Simon. Kornelia, Bürger, Kornelia.

Bürger. Meine gute Kornelia hat mich mit einem Knäblein erfreut.

Simon. Hat der Republik einen Sohn geboren.

Bürger. Der Republik, das lautet zu allgemein; man könnte sagen...

Simon. Das ist's gerade, das Einzelne muß sich dem Allgemeinen...

Bürger. Ach ja, das sagt meine Frau auch.

Bänkelsänger (singt).         Was doch ist, was doch ist
        Aller Männer Freud' und Lüst'?

Bürger. Ach, mit den Namen, da komm ich gar nicht ins reine.

Simon. Tauf ihn Pike, Marat!

Bänkelsänger.         Unter Kummer, unter Sorgen
        Sich bemühn vom frühen Morgen,
        Bis der Tag vorüber ist.

Bürger. Ich hätte gern drei – es ist doch was mit der Zahl Drei – und dann was Nützliches und was Rechtliches; jetzt hab ich's: Pflug, Robespierre. Und dann das dritte?

Simon. Pike.

Bürger. Ich dank Euch, Nachbar; Pike, Pflug, Robespierre, das sind hübsche Namen, das macht sich schön.

Simon. Ich sage dir, die Brust deiner Kornelia wird wie das Euter der römischen Wölfin – nein, das geht nicht: Romulus war ein Tyrann, das geht nicht. (Gehn vorbei.)

Ein Bettler (singt). »Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos...« Liebe Herren, schöne Damen!

Erster Herr. Kerl, arbeite, du siehst ganz wohlgenährt aus!

Zweiter Herr. Da! (Er gibt ihm Geld.) Er hat eine Hand wie Sammet. Das ist unverschämt.

Bettler. Mein Herr, wo habt Ihr Euren Rock her?

Zweiter Herr. Arbeit, Arbeit! Du könntest den nämlichen haben; ich will dir Arbeit geben, komm zu mir, ich wohne...

Bettler. Herr, warum habt Ihr gearbeitet?

Zweiter Herr. Narr, um den Rock zu haben.

Bettler. Ihr habt Euch gequält, um einen Genuß zu haben; denn so ein Rock ist ein Genuß, ein Lumpen tut's auch.

Zweiter Herr. Freilich, sonst geht's nicht.

Bettler. Daß ich ein Narr wäre! Das hebt einander.
Die Sonne scheint warm an das Eck, und das geht ganz leicht. (Singt:) »Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos...«

Rosalie (zu Adelaiden). Mach fort, da kommen Soldaten! Wir haben seit gestern nichts Warmes in den Leib gekriegt.

Bettler. »Ist auf dieser Erde einst mein letztes Los!« Meine Herren, meine Damen!

Soldat. Halt! Wo hinaus, meine Kinder? (Zu Rosalie:) Wie alt bist du?

Rosalie. So alt wie mein kleiner Finger.

Soldat. Du bist sehr spitz.

Rosalie. Und du sehr stumpf.

Soldat. So will ich mich an dir wetzen. (Er singt:)
 
        Christinlein, lieb Christinlein mein,
        Tut dir der Schaden weh, Schaden weh,
        Schaden weh, Schaden weh?

Rosalie (singt).         Ach nein, ihr Herrn Soldaten,
        Ich hätt' es gerne meh, gerne meh,
        Gerne meh, gerne meh!

(Danton und Camille treten auf.)

Danton. Geht das nicht lustig? – Ich wittre was in der Atmosphäre; es ist, als brüte die Sonne Unzucht aus. – Möchte man nicht drunter springen, sich die Hosen vom Leibe reißen und sich über den Hintern begatten wie die Hunde auf der Gasse? (Gehn vorbei.)

Junger Herr. Ach, Madame, der Ton einer Glocke, das Abendlicht an den Bäumen, das Blinken eines Sterns...

Madame. Der Duft einer Blume! Diese natürlichen Freuden, dieser reine Genuß der Natur! (Zu ihrer Tochter:) Sieh, Eugenie, nur die Tugend hat Augen dafür.

Eugenie (küßt ihrer Mutter die Hand). Ach, Mama, ich sehe nur Sie.

Madame. Gutes Kind!

Junger Herr (zischelt Eugenien ins Ohr). Sehen Sie dort die hübsche Dame mit dem alten Herrn?

Eugenie. Ich kenne sie.

Junger Herr. Man sagt, ihr Friseur habe sie à l'enfant frisiert.

Eugenie (lacht). Böse Zunge!

Junger Herr. Der alte Herr geht nebenbei; er sieht das Knöspchen schwellen und führt es in die Sonne spazieren und meint, er sei der Gewitterregen, der es habe wachsen machen.

Eugenie. Wie unanständig! Ich hätte Lust, rot zu werden.

Junger Herr. Das könnte mich blaß machen. (Gehn ab.)

Danton (zu Camille). Mute mir nur nichts Ernsthaftes zu! Ich begreife nicht, warum die Leute nicht auf der Gasse stehenbleiben und einander ins Gesicht lachen. Ich meine, sie müßten zu den Fenstern und zu den Gräbern heraus lachen, und der Himmel müsse bersten, und die Erde müsse sich wälzen vor Lachen. (Gehn ab.)

Erster Herr. Ich versichre Sie, eine außerordentliche Entdeckung! Alle technischen Künste bekommen dadurch eine andere Physiognomie. Die Menschheit eilt mit Riesenschritten ihrer hohen Bestimmung entgegen.

Zweiter Herr. Haben Sie das neue Stück gesehen? Ein babylonischer Turm! Ein Gewirr von Gewölben, Treppchen, Gängen, und das alles so leicht und kühn in die Luft gesprengt. Man schwindelt bei jedem Tritt. Ein bizarrer Kopf. (Er bleibt verlegen stehn.)

Erster Herr. Was haben Sie denn?

Zweiter Herr. Ach, nichts! Ihre Hand, Herr! die Pfütze – so! Ich danke Ihnen. Kaum kam ich vorbei; das konnte gefährlich werden!

Erster Herr. Sie fürchteten doch nicht?

Zweiter Herr. Ja, die Erde ist eine dünne Kruste; ich meine immer, ich könnte durchfallen, wo so ein Loch ist. – Man muß mit Vorsicht auftreten, man könnte durchbrechen. Aber gehn Sie ins Theater, ich rat es Ihnen!

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