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Dantons Tod

Georg Büchner: Dantons Tod - Kapitel 19
Quellenangabe
typedrama
booktitleDantons Tod
authorGeorg Büchner
year1995
publisherPhillip Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006060-5
titleDantons Tod
pages1-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Fünfte Szene

Das Luxembourg. Ein Kerker

Dillon. Laflotte. Ein Gefangenwärter.

Dillon. Kerl, leuchte mir mit deiner Nase nicht so ins Gesicht. Hä, hä, hä!

Laflotte. Halte den Mund zu, deine Mondsichel hat einen Hof. Hä, hä, hä!

Wärter. Hä, hä, hä! Glaubt Ihr, Herr, daß Ihr bei ihrem Schein lesen könntet? (Zeigt auf einen Zettel, den er in der Hand hält.)

Dillon. Gib her!

Wärter. Herr, meine Mondsichel hat Ebbe bei mir gemacht.

Laflotte. Deine Hosen sehen aus, als ob Flut wäre.

Wärter. Nein, sie zieht Wasser. (Zu Dillon:) Sie hat sich vor Eurer Sonne verkrochen, Herr; Ihr müßt mir was geben, das sie wieder feurig macht, wenn Ihr dabei lesen wollt.

Dillon. Da, Kerl! Pack dich! (Er gibt ihm Geld. Wärter ab. – Dillon liest:) Danton hat das Tribunal erschreckt, die Geschwornen schwankten, die Zuhörer murrten. Der Zudrang war außerordentlich. Das Volk drängte sich um den Justizpalast und stand bis zu den Brücken. Eine Handvoll Geld, ein Arm endlich – hin! hin! (Er geht auf und ab und schenkt sich von Zeit zu Zeit aus einer Flasche ein.) Hätt' ich nur den Fuß auf der Gasse! Ich werde mich nicht so schlachten lassen. Ja, nur den Fuß auf der Gasse!

Laflotte. Und auf dem Karren, das ist eins.

Dillon. Meinst du? Da lägen noch ein paar Schritte dazwischen, lange genug, um sie mit den Leichen der Dezemvirn zu messen. – Es ist endlich Zeit, daß die rechtschaffnen Leute das Haupt erheben.

Laflotte (für sich). Desto besser, um so leichter ist es zu treffen. Nur zu, Alter; noch einige Gläser, und ich werde flott.

Dillon. Die Schurken, die Narren, sie werden sich zuletzt noch selbst guillotinieren. (Er läuft auf und ab.)

Laflotte (beiseite). Man könnte das Leben ordentlich wieder liebhaben, wie sein Kind, wenn man sich's selbst gegeben. Das kommt gerade nicht oft vor, daß man so mit dem Zufall Blutschande treiben und sein eigner Vater werden kann. Vater und Kind zugleich. Ein behaglicher Ödipus!

Dillon. Man füttert das Volk nicht mit Leichen; Dantons und Camilles Weiber mögen Assignaten unter das Volk werfen, das ist besser als Köpfe.

Laflotte (beiseite). Ich würde mir hintennach die Augen nicht ausreißen; ich könnte sie nötig haben, um den guten General zu beweinen.

Dillon. Die Hand an Danton! Wer ist noch sicher? Die Furcht wird sie vereinigen.

Laflotte (beiseite). Er ist doch verloren. Was ist's denn, wenn ich auf eine Leiche trete, um aus dem Grab zu klettern?

Dillon. Nur den Fuß auf der Gasse! Ich werde Leute genug finden, alte Soldaten, Girondisten, Exadlige; wir erbrechen die Gefängnisse, wir müssen uns mit den Gefangnen verständigen.

Laflotte (beiseite). Nun freilich, es riecht ein wenig nach Schufterei. Was tut's? Ich hätte Lust, auch das zu versuchen; ich war bisher zu einseitig. Man bekommt Gewissensbisse, das ist doch eine Abwechslung; es ist nicht so unangenehm, seinen eignen Gestank zu riechen. – Die Aussicht auf die Guillotine ist mir langweilig geworden; so lang auf die Sache zu warten! Ich habe sie im Geist schon zwanzigmal durchprobiert. Es ist auch gar nichts Pikantes mehr dran; es ist ganz gemein geworden.

Dillon. Man muß Dantons Frau ein Billett zukommen lassen.

Laflotte (beiseite). Und dann – ich fürchte den Tod nicht, aber den Schmerz. Es könnte wehe tun, wer steht mir dafür? Man sagt zwar, es sei nur ein Augenblick; aber der Schmerz hat ein feineres Zeitmaß, er zerlegt eine Tertie. Nein! Der Schmerz ist die einzige Sünde, und das Leiden ist das einzige Laster; ich werde tugendhaft bleiben.

Dillon. Höre, Laflotte, wo ist der Kerl hingekommen? Ich habe Geld, das muß gehen. Wir müssen das Eisen schmieden; mein Plan ist fertig.

Laflotte. Gleich, gleich! Ich kenne den Schließer, ich werde mit ihm sprechen. Du kannst auf mich zählen, General, wir werden aus dem Loch kommen – (für sich im Hinausgehn:) um in ein anderes zu gehen: ich in das weiteste, die Welt, er in das engste, das Grab.

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