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Daniel Siebenstern

Heinrich Seidel: Daniel Siebenstern - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHeinrich Seidel's erzählende Schriften Band II
authorHeinrich Seidel
year1899
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDaniel Siebenstern
pages1-16
created20030521
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Heinrich Seidel

Daniel Siebenstern

(1877)

Es war eine echte gerechte Sonnenglut. Wer es mit oder ohne Opfer hatte möglich machen können, war aus Berlin verschwunden und lag an fernen Quellen im kühlen Schatten und pumpte sich den Staub aus Brust und Herzen, oder schluckte fremden Staub und fremde Hitze und bildete sich ein, Sommerfrische zu genießen. Auf jeden Fall aber war er fort aus Berlin – und mein Verhängnis zwang mich zum Bleiben. Man könnte überhaupt viel angenehmer leben, wenn das »Verhängnis« nicht wäre.

Eines Abends schlenderte ich aufgelösten Geistes die Bellealliancestraße entlang, ohne Willen, ohne Vorsatz und ohne Lebenslust, das beklagenswerte Opfer widriger Pflichten – da leuchteten mir durch das eiserne Gitter des Kirchhofes grüne Bäume und Sträucher so verlockend entgegen, daß ich kurz entschlossen eintrat, in der Hoffnung, dort ein wenig Kühlung zu finden. Dies schlug allerdings fehl, denn die allmächtige Sonne hatte auch in dem Schatten der Bäume brütende Schwüle verbreitet: allein es zog mich doch an, dieses Gräberfeld zu durchwandern; es entsprach meiner Stimmung und erleichterte meine Seele. Gebrochene Säulen, Kreuze und Steintafeln von allen Arten, dunkle, trübselige Cypressen und rankender Epheu, der alles umspinnt – wer kennt nicht den Charakter eines solchen Ortes! Ich ging umher und las die Inschriften. Welch eine Unsumme von Tugend lag hier begraben! Mir gingen verschiedene ehrenwerte Personen durch den Sinn, die auch einmal hierherkommen werden. Und sie, die im Leben der Haß ihrer Nebenmenschen, die Qual ihrer Verwandten waren, an denen nichts vollkommen war als ihre Laster, sie werden hier ruhen als unvergeßliche Väter, als geliebte Mütter, als musterhafte Bürger, und ein Verzeichnis ihrer Tugenden wird vorhanden sein in Stein oder Erz zur Bewunderung nachfolgender Geschlechter. Es ist ein lügenhaftes Geschäft, Grabsteine zu fabrizieren.

Die Schwüle des eingeschlossenen Raumes machte mich noch müder, als ich schon war. Ich setzte mich auf eine alte gebrechliche Bank in der Nähe eines mit Epheu umsponnenen Grabhügels und versenkte meine Blicke in dieses dunkelgrüne Kraut des Vergessens. Auf dem Kirchhof waren wenig Menschen; in der Ferne saßen einige schwarzgekleidete Frauenzimmer an einem frischen Grabhügel, und die Leute des Kirchhofinspektors begossen geschäftsmäßig die ihrer Sorge anvertrauten Gräber. Das Geräusch der lebendigen Straße drang dumpf zu mir her; in der hohen Luft jagten sich die Turmschwalben schrillend und schreiend, und wo die schräge Sonne das Gras noch durchglühte, zirpte kleines emsiges Getier seinen Abendgesang. Es mochte wohl den Anschein haben, als säße ich dort versunken in trübselige Gedanken über die Vergänglichkeit alles Irdischen; allein ich will es nur gestehen: ich dachte an einen kühlen Keller und an Rheinwein auf Eis.

In diesem Augenblicke hörte ich eine dünne, fadenscheinige Stimme hinter mir sagen: »Sie sind wohl ein Verehrer von Chamisso, mein Herr?«

Ich hatte auf die leisen Schritte, die sich mir näherten, nicht geachtet; jetzt wendete ich mich und sah einen kleinen, hageren, schwarzen Herrn hinter mir stehen, der den Blick von mir erläuternd auf das epheuberankte Grab wendete und zugleich mit der Spitze seines Stockes darauf hinzeigte. Ein merkwürdiger alter Herr mit einem gelblichen scharfen Antlitz, dem ein Paar ganz unvorbereitete, plötzliche schwarze Augen einen seltsam starren Ausdruck gaben.

»Allerdings, mein Herr,« antwortete ich, »aber weshalb diese Frage?«

»Nun, das ist er ja,« sagte der Alte fast unwillig, indem er mit seinem Stocke zweimal hastig auf das Grab hinstieß. Dann drückte er ihn zwischen die Kniee, zog eine goldene Dose hervor und nahm eilfertig mit zitternden Fingern eine Prise. Ich sah, daß dieser Stock als Knopf einen silbernen Totenkopf trug, und kam auf die seltsame Idee, den Mann für einen Arzt zu halten, der in seinem Garten spazieren geht. Dies sprach ich aber nicht aus, sondern begab mich an das Grab, um es näher zu betrachten. Der Alte folgte mir und schob mit seinem Stock eifrig die Epheuranken fort, die den einfachen Stein überkrochen hatten.

»Dies ist er und dies ist seine Frau,« sagte er und deutete auf die beiden Inschriften, »ich habe ihn noch gekannt; das war ein Dichter auch dem Aussehen nach. Es sind hier noch mehr aus der Zeit, zum Beispiel Hoffmann. Soll ich Ihnen Hoffmann zeigen?«

Und ohne meine Zustimmung abzuwarten, steuerte er mit der Sicherheit eines Menschen, der sich ganz zu Hause fühlt, quer über den Kirchhof auf kleinen Richtsteigen zwischen den Gräbern, und ich folgte ihm, halb verwundert, halb neugierig, wie dies wohl ablaufen würde. Endlich stand er still und deutete auf eine flache Steintafel, die aus einer ebenen, von der Sonne gedörrten Grasfläche emporragte.

»Sie haben den Hügel einsinken lassen,« sagte er, »und die Tafel ist schief geworden.« Dann las er mit einer gewissen Andacht die Inschrift:

E. T. W. Hoffmann
geb. Königsberg den 24. Januar 1776
gest. Berlin den 25. Juni 1822
Kammergerichtsrat.
Ausgezeichnet
im Amte,
als Dichter,
als Tonkünstler,
als Maler.
Gewidmet von seinen Freunden.

Hinter jedem Absatze des letzten Teiles machte er eine kleine Pause, um mir mit seinen schwarzen, starren Augen die Wirkung vom Gesichte zu lesen, die eine solche Vielseitigkeit auf mich ausüben mußte.

»Es ist genug für einen Menschen,« sagte er dann, und sah mich wieder an, meine Bestätigung erwartend.

Nun bin ich zufällig ein Verehrer von Hoffmann und kenne seine sämtlichen Schriften ziemlich genau. Als der Alte dies aus meiner Antwort merkte, schien ich sein Herz gewonnen zu haben, denn es stellte sich heraus, daß Hoffmann sein Lieblingsschriftsteller war, und wir gerieten in ein begeistertes Gespräch, wie es wohl zu entstehen pflegt, wenn zwei fremde Menschen sich in gleichem Kultus begegnen. Merkwürdigerweise schätzte aber der alte Herr die Stücke am höchsten, in denen vom Dichter jedes erlaubte Maß überschritten war, wo er seiner Lust am Grauenhaften und Phantastischen den Zügel hat schießen lassen. Aber darin war er mit mir einig, daß von dem ganzen romantischen Zauberwald, der in jener Zeit wild und üppig emporschoß, sich außer Kleist und einigen kleinen Märchen von Tieck, Fouqué und Brentano nichts so lebenskräftig erwiesen hat, wie die Arbeiten unseres Dichters, ja daß er und Kleist als die beiden bedeutendsten Kräfte der romantischen Schule von damals zu bezeichnen sind. Denn nur das hat Wert, was Dauer hat. Die Gaukelbilder, die Tieck einst in die Lüfte zauberte, hat der Wind längst verweht und nur noch der Literarhistoriker spürt ihren blassen Schatten nach.

Unter solchen Gesprächen wanderten wir in den Steigen des Kirchhofs und standen endlich still vor einer Grabkapelle, wie sie sich mannigfach an die Umfassungsmauer anlehnen. In unserer Unterredung war eine Pause eingetreten, und mir wurde die Absichtlichkeit auffällig, mit der der alte Herr gerade vor dieser Kapelle Halt gemacht hatte. Zwischen zwei Säulen von dunkelrotem, poliertem Granit, die ein Giebel aus gleichem Gestein krönte, lag der Eingang, verschlossen von einer schweren, kunstreich mit Bronze beschlagenen Thür. Das Ganze machte einen sehr ernsten und feierlichen Eindruck. Der alte Herr grub einen Schlüssel aus seiner Tasche hervor und machte sich mit einer seltsamen hastigen Unruhe daran, diese Thür zu öffnen. Dann, ohne ein Wort zu sagen, drängte er mich förmlich hinein und schloß hinter uns wieder zu. Es war ganz dunkel und kühl, wo wir uns jetzt befanden; ein seltsamer Schauer überlief mich. Der Alte stieß eilig eine Thür vor uns auf, und das eigentliche Innere der Kapelle, ein runder Kuppelraum von freundlicher Helle und Heiterkeit, nahm uns auf. Die Beleuchtung kam von oben durch mattgeschliffene Scheiben, und die Wände waren aus poliertem Marmor von sanften und zarten Farben hergestellt. Oben lief ein Fries herum aus Glasmosaik, dessen schöne Zeichnung und anmutige Farbengebung mich sofort anzog. Es war eine Art Totentanz, jedoch ohne den düsteren Charakter, der diesen Darstellungen sonst eigen zu sein pflegt.

In heiterem buntem Ranken- und Arabeskenwerk trieb allerlei Volk sein Wesen, tanzend, trinkend, lachend, musizierend, in das Studium alter Bücher versenkt oder schaffend in rüstiger Thätigkeit. Alle Beschäftigungen in Genuß und Arbeit waren vertreten, und nur bei näherer Betrachtung sah man, daß sämtliche Früchte und Blumen aus zierlichen kleinen Totenköpfen, Stundengläsern, gekreuzten Knochen, Särgen und ähnlichen Emblemen des Todes bestanden, daß diese Dinge überall hinein nickten und rankten in das blühende Leben, daß die Kinder fröhlich nach ihnen langten und die Liebenden sie sich zärtlich darboten. Das ganze Rankenwerk entsprang der Thür gegenüber aus dem grinsenden Munde eines mit Rosen bekränzten Totenschädels und kehrte dahin auch wieder zurück.

Ich schwieg eine ganze Weile, in die Betrachtung dieses Kunstwerkes versenkt, und der Alte stand zur Seite und beobachtete mich heimlich.

»Ein heiterer freundlicher Raum, anders als alle dieser Art, die ich bis jetzt gesehen,« sagte ich endlich.

»Nicht wahr,« antwortete der Alte hastig, »ist es nicht ein anmutiger Gedanke, hier zu ruhen auf ewig im freundlichen Tageslicht oder im stillen Schein des Mondes, statt in den dumpfen moderigen Löchern oder in finsteren unterirdischen Gewölben?«

Mein Blick fiel auf eine goldene Inschrift, die an der Wand angebracht war:

 
Hier ruht
Daniel Siebenstern,
geb.  Berlin,  den 28. Januar 1807
gest.  den

Der Tag und Ort des Todes war unausgefüllt.

»Für so alt hätten Sie mich wohl kaum gehalten?« sagte er dann, »achtundsechzig Jahre. – Das macht das schwarze Haar; es konserviert.«

Mir kam plötzlich die Erleuchtung: dies war des Alten eigene Kapelle.

»Sie selbst . . .?« fragte ich verwundert.

»Dies wird einmal meine Wohnung sein, wenn ich nicht mehr bin,« antwortete er. – Lebhaft fuhr er dann fort: »Alles nach eigenen Angaben, düster von außen, freundlich nach innen. Es ist lange daran gebaut worden, und es war eine heitere Zeit für mich. Es fehlt mir etwas, seit dieses Häuschen fertig ist.«

Die Dämmerung war hereingebrochen. Wir wandten uns wieder zum Gehen. Der Kirchhof war bereits verschlossen, als wir an das Thor kamen; der Alte nahm einen Schlüssel hervor und öffnete die Pforte. »Ich bin hier zu Hause,« sagte er. Als wir uns trennten, meinte er: »Also über Hoffmann sind wir im allgemeinen einig? Ich habe alte Ausgaben seiner Bücher von ihm selbst illustriert, Federzeichnungen und sonstige Seltsamkeiten, auch einige Musikalien; wenn Sie mich einmal besuchen wollen, so will ich Ihnen alles gerne zeigen.« Dann beschrieb er mir den Weg zu seinem am Kreuzberg gelegenen Häuschen und verabschiedete sich.

Kurze Zeit nachher führte mich ein Geschäft in die Gegend des Kreuzberges. Als ich nach dessen Beendigung noch ein wenig dort umherwanderte, fiel mir ein, daß der alte Herr hier seine Wohnung habe, und als ich meine Augen erhob, fielen sie auf eine alte eiserne Gitterthür, die ein Messingschild trug mit der Inschrift: Daniel Siebenstern. Die Pforte war in einer Mauer angebracht, die einen ziemlich verwilderten Garten umschloß, und durch das Gitter sah man hinter dichtem Gebüsch ein Haus liegen. Ich zog kurz entschlossen die Glocke. Nach einer Weile setzte sich ein rostiger alter Drahtzug kreischend in Bewegung, und die Thür sprang auf. Ich ging den grasbewachsenen Steig entlang, um das Haus zu erreichen – da trat mir der Alte aus einem Seitenwege entgegen. Er sah mich eine Weile forschend an; plötzlich erkannte er mich und streckte mir die Hand entgegen.

»Ah, mein junger Freund, Sie halten Wort,« sagte er, »ich glaubte nicht, daß Sie kommen würden. Sie werden nicht viel Schönes bei mir sehen; mein Haus ist alt und verfallen – warum sollte ein alter einsamer Mann eine Wohnung kostbar schmücken, die er so bald verlassen wird? – Mein Garten ist seinem eigenen Willen überlassen, wie Sie sehen.« Und er bog vorsorglich einen Zweig beiseite, der mir den Weg versperrte.

Ich meinte, es sei eine Erfrischung in Berlin, nach all den wohlgezogenen Paradebeeten und mathematischen Kugelakazien und Pyramidenbäumen einmal ein wenig Natur zu sehen.

»Gewiß,« erwiderte er, »aber die Cypresse ist doch ein schöner Baum?«

Ich teilte nun allerdings diese Ansicht nicht, allein er wartete auch meine Antwort gar nicht ab, sondern sprang auf ein anderes Thema über.

Es war ein trüber Sommernachmittag; nachdem wir eine Weile in dem Garten umherspaziert waren, fing es an leise zu tröpfeln, und er lud mich ein, in sein Haus zu treten. Ein alter, häßlicher Rokokobau mit seltsam verschnörkelten Fensterkrönungen; allerlei Vasen- und Guirlandenwerk war daran angebracht. Ueber der Eingangsthür hielten zwei sehr aufgeregte Steinengel ein einfaches Wappenschild, das sieben Sterne zeigte. Der Alte führte mich in sein Studierzimmer, einen ziemlich großen Raum mit uralten Möbeln, deren eingelegte Arbeit durch das Dunkel der Jahre fast verschwunden war. An den Wänden zogen sich Bretter über Bretter hin, die mit einer unglaublichen Menge von Gegenständen belastet waren. Ein großes Harmonium, das einen hellen Fensterplatz einnahm, fiel durch sein modernes Aussehen besonders auf. Als ich Platz genommen hatte, ging Herr Siebenstern an einen braunen Schrank und holte eilfertig und mit zitternden Händen eine Krystallflasche mit spanischem Wein und zwei alte venetianische Spitzgläser herbei. Nachdem er eingeschenkt hatte, kehrte er an den Schrank zurück und klapperte und kramte darin eine Weile, immer mit der hastigen Unruhe eines Menschen, der nicht daran gewöhnt ist, Gäste bei sich zu sehen. Er füllte dort einen silbernen Teller mit Smyrnafeigen, arabischen Datteln, Rosinen aus Malaga, eingezuckerten Früchten und Nürnberger Lebkuchen und lud mich freundlich dazu ein. Während ich mich mit diesen Dingen, die einen eigentümlichen Duft der Fremde um sich verbreiteten, beschäftigte, war der ruhelose Alte in ein Nebenzimmer geschlüpft und kam nun mit den früher erwähnten Büchern und Zeichnungen von Hoffmann zurück. Aber auch dabei hatte er nicht lange Ausdauer. Der Regen draußen hatte nachgelassen; die Sonne glitt hinter den Wolken hervor und ließ draußen die regenblanken Blätter in funkelndem Lichte erglänzen, während sie inwendig in den dämmerigsten Ecken des großen Zimmers leuchtende Klarheit verbreitete. Dadurch wurden meine Augen auf den tausendfachen Inhalt der großen Wandbehälter gelenkt. Sie enthielten eine schöne Sammlung in Gräbern gefundener Altertümer, und Herr Siebenstern war sofort bei der Hand, auf einer kleinen Leiter so eilfertig, wie es sein Alter erlaubte, auf und nieder zu steigen und mir die besten Stücke vorzuzeigen. Diese Sammlung dehnte sich bis in sein Schlafzimmer aus. Herr Daniel Siebenstern brachte seine Nächte in Gesellschaft vieler Graburnen, mannigfacher Schädel unserer Vorfahren und einer ägyptischen Mumie zu. Am Kopfende seines Bettes stand ein sauberes, schneeweißes, menschliches Skelett; es trug ein Licht in seiner Knochenhand. Der Alte bemerkte, daß meine Blicke darauf ruhten.

»Ich lese gern des Abends im Bette,« sagte er, »da ist es sehr angenehm, wenn man die Beleuchtung hinter sich hat.« Und er schob den Arm, der das Licht hielt, in die richtige Stellung. Es war offenbar, daß ihm durch sein einsames Leben und die lange Gewöhnung der Gedanke, daß dies doch am Ende eine etwas schauerliche Art von Leuchter sei, ganz abhanden gekommen war. Ich machte eine derartige Bemerkung.

»Es ist merkwürdig,« meinte er, »viele Menschen haben am meisten Furcht vor dem, was tot ist, während doch einzig und allein Gefahr kommen kann von denen, die leben. Was hat der Tod Erschreckendes? ›In Bereitschaft sein ist alles,‹ sagt Hamlet. Sie wissen, ich bin bereit, ja mehr noch, als Sie denken. Kommen Sie!«

Er stand schon in der Thür, winkte mir, ihm zu folgen und schritt vor mir her einen langen dämmerigen Gang hinunter. An dessen Ende öffnete er eine Thür, daraus glanzvolle Helle hervorbrach, und bat mich einzutreten. Ein sonniges Blumenzimmer nahm uns auf. Die Wände waren ganz mit Epheu und rankenden Schlinggewächsen überkleidet und ringsum war der Raum erfüllt mit den seltensten und schönsten Pflanzen, die ihre Blätter und schimmernden Kelche mit Behaglichkeit dem Scheine der Sonne darboten. In der Mitte des Raumes stand ein Postament, besetzt mit den köstlichsten Blumen; darauf zeigte sich ein kostbarer Sarg, von mächtigen Wachslichtern in schön gearbeiteten Bronzeleuchtern umgeben. Der Alte nahm eine Gießkanne und begoß die Blumen. Während dieses Geschäftes sprach er in Absätzen wie für sich, kaum als wisse er, daß ich zugegen sei: »Wenn ich sterbe, ist mein Name und Geschlecht ausgelöscht – wie die Funken laufen in einem verbrannten Stück Papier: zuletzt glimmt einer noch eine Weile und dann ist alles aus. – Von meiner Art, von meinem Wesen geht nichts über auf folgende Geschlechter; mein Blut verrinnt, wie der Quell der Oase versiegt im glühenden Sande der Wüste.«

Er schwieg einen Augenblick. »Es ist ein trauriges Gefühl,« sagte er dann, »das Ende einer Reihe zu sein. Sie denken, ich hätte mich verheiraten können. – Sie denken, daß ich einsam stehe, weil ich es selber so gewollt habe?« – Dabei zog er eine Rose von seltener Schönheit zu sich her und versenkte sich eine Weile in deren Duft. Dann ließ er sie zurückschnellen. »Und nun ist es vorbei,« sprach er wieder wie mit sich selbst, und dann lauter: »Heiraten Sie, heiraten Sie, junger Mann, sobald Sie es vermögen, damit Ihr Blut nicht hinweggelöscht wird von dieser Erde! Dann werden Sie noch leben und wirken, wenn alles, was von mir als Rest blieb mit jenem bunten Häuschen von Stein, das Sie kürzlich sahen, längst vertilgt ist und vernichtet.«

Ich vermochte nichts zu antworten – was sollte ich auch sagen? Er schien auch keine Antwort zu erwarten, sondern verrichtete seine Arbeit schweigend und ohne mich anzusehen.

Wir kehrten in das Studierzimmer zurück, und nach einer kleinen Weile verabschiedete ich mich. Als ich das kleine Gartenthor geschlossen hatte, tönten aus dem Hause die eindringlichen Klänge des Harmoniums zu mir her. Ich stand noch eine Weile und lauschte der Weise des alten Chorals: »Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen.«

Ich habe Daniel Siebenstern nicht wieder gesehen. Bald nach dieser Zeit verließ ich Berlin, und als ich bei meiner Rückkehr den Alten wieder aufsuchen wollte, war er gestorben. Von seiner alten Haushälterin erfuhr ich die näheren Umstände seines Todes. Er war in eine schwere Fieberkrankheit gefallen, und die Alte hatte sich einen Krankenwärter zur Hilfe genommen. In der Nacht des Todes war nach einem starken Anfalle eine Ruhepause eingetreten, und der Wärter war eingeschlafen. Als er plötzlich in jähem Schrecke aufwachte, war das Bett leer und der Kranke fort. Den Mann überfiel die Angst; er suchte und fand, daß die Thür nach dem Gange zu offen war. Er blickte hinaus und sah am Ende des Ganges einen hellen Lichtschein. Da er sich fürchtete, weckte er die Wirtschafterin, und sie gingen beide in das Blumenzimmer. Dort brannten alle Lichter, und Herr Daniel Siebenstern lag in seinem Sarge und war tot.

Er hatte seiner Wirtschafterin ein Legat ausgesetzt und sein ganzes Vermögen für eine Stiftung zur Ausstattung armer Brautpaare bestimmt.

Im Winter war er gestorben; es war Frühling, als ich dies erfuhr. An einem der nächsten Tage ließ ich mir die Kapelle aufschließen und stattete dem Alten den letzten Besuch ab. Jetzt war der Tag des Todes ausgefüllt:

gest. Berlin, den 15. Januar 1876.

Er hatte genaue Bestimmungen über sein Begräbnis getroffen. Seine Leiche war einbalsamiert worden. Blumen sollten nicht auf seinen Sarg gelegt werden, weil das die Luft dumpfig macht. Ich stand eine ganze Weile in dem stillen friedlichen Raume. Es war dort nichts als das große ewige Schweigen und das Licht der freundlichen Sonne. Von draußen kamen einzelne ferne Töne von spielenden Kindern, und auf einem Baumaste, der sich über die Kuppel hinstreckte, sang unermüdlich eine kleine Grasmücke.

So wird er nun liegen, wie er es sich gewünscht hat, im Scheine der Sonne oder im Lichte des Mondes einsam und friedlich, bis der große Sturmwind kommt, der auch ihn und sein kleines Haus hinwegkehrt.








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