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Christoph Martin Wieland: Cyrus - Kapitel 1
Quellenangabe
typeepos
booktitleDer goldene Spiegel und andere politische Dichtungen
authorChristoph Martin Wieland
year1979
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05298-0
titleCyrus
pages525-541
created20010925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1756
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Christoph Martin Wieland

Cyrus

Ein unvollendetes Heldengedicht in fünf Gesängen

Aufgesetzt im Jahre 1756 und 57


Erster Gesang

                     

Singe mir, Muse, den Mann, der von den Bergen von Persis
Mutig stieg, dem dräuenden Stolz der Tyrannen entgegen,
Die vom furchtbaren Thron, auf Asiens Nacken getürmet,
Rings um sich her die Erdebewohner mit Fesseln bedräuten;
Bis, vom ewigen König zur heiligen Rache gerüstet
Und zum Hirten der Völker geweiht, der göttliche Cyrus
Gegen sie zog, ein kühner Beschirmer der Rechte der Menschen,
Seiner Brüder. Umsonst verband sich der Könige Stärke
Wider den Helden, vergeblich erhuben sich Babylons Mauern:
Über ihm schwebte der Ruhm von seiner Weisheit, und legte
Willige Völker zu seinen Füßen; die Weisen und Guten
Flossen ihm zu, besiegt von seiner erobernden Güte;
Denn sein zürnendes Schwert traf nur die Feinde der Menschheit.
Viel Gefahren, viel ehrenvoller unsterblicher Arbeit
Duldet' er, unüberwindlich, auf seine Tugend gestützet,
Bis er den neuen Thron, der Könige Vorbild, erhöhte,
Der vom geheimen Nil zum Rosenlager Aurorens
Welten von Menschen lockt' in seinem Schatten zu wohnen.

Dich, o Wahrheit, dich ruf ich aus deiner glänzenden Sphäre,
Mutter der schönen Natur, zu meinen Gesängen herunter!
Wenn in der Morgenröte des Lebens mein wankender Fuß schon
Einsam die Pfade bestieg, die zu deinem Tempel sich winden;
Wenn mein Gesang dir immer geweiht war, so höre mich, Göttin,
Jetzt, da mein Geist von mehr als Liebe zu flüchtigem Nachruhm,
Da er von Liebe der Tugend entbrannt, in sichtbarer Schönheit
Ihre Gestalt dem Menschengeschlecht zu entwerfen gelüstet.
Zeig o zeige sie mir, in ihrer Grazien Mitte,
Jene sittliche Venus, die einst dein Xenophon kannte,
Und dein Ashley mit ihm, die Mutter des geistigen Schönen.

Und ihr, höret mich, Freunde der unentheiligten Musen
Und der Tugend, vor andern Ihr künftigen Herrscher der Völker,
Deren jugendlich Herz die Gewalt der Wahrheit noch fühlet:
Hört mich, und lernt von Cyrus die wahre Größe der Helden!

Durch die Pforte, die zwischen den medischen Bergen sich auftut,
War der persische Held in die Ebnen von Assur gedrungen,
Wo durch Auen und Haine der schnelle Zerbis sich wälzet.
Unerschrocken erwarten mit ihm die Meder und Perser
Ihren trotzigen Feind, der die unabsehbaren Felder
Zwischen dem Strom und Arbela mit seinen Zelten bedeckte.
Zwar der persischen Schar schien jede Stunde zu träge,
Die vom Streit sie entfernt'; allein die Klugheit des Cyrus
Bändigte noch das unzeitige Feuer, und zwang sie zu warten,
Bis die Assyrer zum Angriff ihr festes Lager verließen.
Unterdes spotteten sie von den äußersten Hügeln des Zagrus,
Wo er die Täler Arbelens begrenzt, der feindlichen Mengen,
Und verkürzten mit kriegrischen Spielen die Länge der Tage.

Ihnen war die entmannende Wollust, das üppige Gastmahl,
Und der nächtliche Tanz, und das weiche Lager auf Rosen
Unbekannt; ihnen war's Lust, in schwerer eiserner Rüstung,
Müde, nicht überdrüssig der harten Arbeit des Tages,
Unter nächtlichem Himmel auf kalter Erde zu ruhen.
Ihre gehärtete Faust, der sanften lydischen Flöte
Ungewohnt, war geübt die wolkenstützende Fichte
Niederzufällen; ihr schlüpfender Fuß mit fliehenden Rehen,
Leicht wie der Zephyr, durch raschelnde Büsch in die Wette zu laufen.
Ihre Speise war Brot und bluterfrischende Kresse,
Wasser ihr Trank, mit dem blinkenden Helm aus der Quelle geschöpfet.
Ihre männliche Brust, zu Geduld und Arbeit gestählet,
Trotzte dem Schmerz, dem Hunger, dem Frost, der glühenden Sonne,
Jeder Gefahr und jeder Gestalt des blutigen Todes,
Wenn die Posaune des Ruhms in ihren Ohren ertönte;
Söhne der Freiheit, unwissend den Nacken sklavisch zu beugen,
Aber gewohnt dem Gesetz, des Vaterlands heiliger Stimme,
Und mit schneller geflügelter Eile dem Winke des Feldherrn
Freudig zu folgen. So war der kleine persische Phalanx,
Welchen du, Cyrus, den zahllosen Sklaven des Königs von Babel;
Doppelten Sklaven des Throns und der Wollust, entgegen führtest.

Diese zögerten noch in ihrem üppigen Lager,
Als mit barbarischem Pomp Gesandte des indischen Königs
Fern vom Ufer des palmigen Indus zum Lager der Perser
Kamen, und vor den Fürsten geführt zu werden verlangten.
Mitten im Lager vertraulich von seinen Freunden umgeben,
Fanden sie ihn. Kein fürstlicher Staat, kein Tyrischer Purpur,
Kein Diadem bezeichnete ihn vor den übrigen Persern.
Cyrus verschmähte den Stolz, der mit der Beute von Muscheln
Und von Gewürmen sich schmückt. Die majestätische Schönheit
Seiner Gestalt, in welcher die göttliche Seele sich malte,
Ließ die Fremden nicht zweifeln, wer unter den Männern der Held sei,
Den sie suchten. Doch blieben sie stumm mit staunenden Blicken
Stehen vor ihm, bis endlich der Älteste also begonnte:

»Cyrus, dein Name, der Ruf von deiner erhabenen Tugend
Ist schon lange zu uns an die Ufer des Indus gedrungen.
Unser König, das strahlende Bild des Königs der Welten,
Ehret die Tugend, obgleich in seines Thrones Umschattung
Tausend Völker, geblendet von seinem Glanze, sich hüllen.
Königlich schaut sein Geist mit edelm verachtendem Zorne
Auf die Erobrer herab, die, gleich dem Schöpfer des Übels,
Nur durch Morden und Raub und allgemeine Verwüstung
Ihre verhaßte Gewalt vor bebenden Völkern enthüllen;
Aber er ehrt den Gerechten, den Freund der Menschen, den Weisen,
Wo er ihn findt, auf dem Thron und in der niedrigsten Hütte.
Selbst allein mit den sanfteren Künsten des Friedens beschäftigt,
Zeucht er niemals das Schwert, als wenn die Stimme der Unschuld
Gegen den Unterdrücker ihn ruft. Der ist es, o Cyrus,
Der uns sendet, um dich mit der Stimme der Freundschaft zu fragen,
Welch ein Unrecht dich zwinge, die neue Ruhe zu stören,
Die nach langer Zerrüttung die Morgenländer beseligt?
Ihn berechtigt der Thron, auf dem er zum Schirme der Menschen
Und zum Wohltun nur sitzt, zu dieser billigen Frage.
Und damit er dir zeige, wie tief er die Ränke der Staatskunst
Unter sich hält, entdeckt er dir, daß der König von Babel
Lange den indischen Hof mit seinen Klagen schon füllet,
Alles versuchend den König in einen Bund zu verstricken,
Der sich dem Anwachs des medischen Reichs widersetzen sollte.
›Größter der Könige‹, sagten ihm oft die assyrischen Redner,
›Siehe, zu welcher Macht so kürzlich die Meder gestiegen!
Schon verbreiten sie sich von den Ufern des Kaspischen Meeres
Bis zu den Rosengärten von Susa; Armenien seufzet
Unter dem neuen Joch; schon fürchtet der tapfre Hyrkaner,
Selbst der unbändige Sazer in seinen beschneiten Gebirgen
Fürchtet Armeniens Fall. Zu welcher dräuenden Größe
Werden sie erst erwachsen, wenn unter dem mutigen Cyrus
Persis, die Mutter der Helden, sich mit den Medern vereinbart!
Herr, wir wissen was Cyrus zu unternehmen im Stand ist.
Seinem Ehrgeiz ist Persis zu enge. Von Ländern zu Ländern
Wird er eilen, und eher nicht ruhn, bis Menschen zum Würgen
Seinem Stolz, und Länder, sie einzunehmen, gebrechen.
Hat er sich nicht in Proben gezeigt, die den Klugen verrieten
Was für Gedanken der Stolze in seinem verschwiegenen Busen
Wälzet? Gedanken, die jetzt nur seine Schwäche noch hindert
Furchtbar hervor zu brechen. Bald wird's, o König, zu spät sein
Ihm zu begegnen! Dich selbst wird deine furchtbare Größe
(Zollen dir gleich vom Indus zum dienstbaren Ganges die Völker)
Nicht vor ihm schützen, wenn Babylon erst vor Cyrus dahin sinkt,
Und der goldne Paktol sein Joch zu tragen gelernt hat.‹
Also sprachen, o Cyrus, mit schlauen beredenden Worten
Babels Gesandte. Sie sprachen's umsonst. Den König des Indus
Schreckt kein sterblicher Feind; er ehrt den Helden in Cyrus,
Aber er fürchtet ihn nicht. Sein unbeweglicher Schluß ist,
Nur zum Schirme der Unschuld und zur Bestrafung des Unrechts
Seinen Arm zu entblößen! So bald das Gerücht uns verkündte,
Daß du gewaffnet die Grenzen des Königs von Babel betreten,
Sandt er uns, von dir selbst die wahre Ursach zu hören,
Die dich bewaffnet. Wir haben Befehl, sodann auch ins Lager
Zu den Assyrern zu gehn. Sind beide Teile gehöret,
Alsdann wird sich der König zu dem mit mächtiger Hülfe
Lenken, für den die Gerechtigkeit erst den Ausspruch getan hat.«

Also sagte der Alte. Ein dunkles summendes Murmeln
Lief durch's ganze Gezelt, bis mit der ruhigen Hoheit,
Die Ihn aus allen erhob, der Fürst den Indern versetzte:
»Freunde, mein erster Wunsch bei allem, was ich beginne,
Ist der Beifall des innern Richters, welchen die Gottheit
In die Brust uns gesetzt, – mein zweiter, der Beifall der Guten.
Spräche mein Herz mich los, ich würd es mit lächelnder Ruhe
Sehen, wenn sich die Welt zu meiner Verdammung empörte.
Aber ich weigre mich nie, den Mann zum Richter zu nehmen,
Der den geraden Pfad der Ehre wandelt. Ihr sollet
Alles vernehmen, und Asia sei die Zeugin der Wahrheit!
Aber ehe sich euch mein Herz vertraulich enthüllet,
Sollt ihr mit uns des Gastrechts fromme Gebräuche begehen.«

Also sprach er. Da eilten, von seinem Winke beflügelt,
Persische Knaben (kein weiblicher Fuß betrat die Bezirke
Seines Lagers), mit Anstand die mäßige Tafel zu rüsten.
Unterdes führte der Fürst die Fremden, das Lager zu schauen.
Was sie sehen, erfüllt sie mit Wunder. Die Ordnung des Lagers,
Wo, wie im Schoße des Friedens, gesittete Mäßigkeit herrschte,
Unter dem Heer die gesellige Eintracht, die Stärke der Krieger,
Mut und Verachtung des Todes in jedem blitzenden Auge,
Edler Wettstreit in jeder Brust, durch rühmliche Taten
Unter dem Auge des Führers vor andern sich auszuzeichnen;
Aber vor allen die persische Schar, die Söhne der Freiheit,
Jeder ein Held, und Cyrus, wie unter den Helden ein Gott glänzt,
Dessen Anblick ihr Herz zu neuer Größe begeistert:
Alles entzückt die Fremden. Sie blicken in stummer Erstaunung
Oft auf Cyrus, und schlagen geblendet die Augen dann nieder,
Zweifelhaft, ob nicht etwa der hohen Unsterblichen einer,
Die nach dem Winke des obersten Gottes die Sphären regieren,
Sichtbar geworden, und, Cyrus genannt, die Sterblichen führe.

Jetzo rief sie die neigende Sonne zum ländlichen Gastmahl,
Wo die bescheidne Natur nichts, was sie fordert, vermißten
Zwar kein Nektar, am sonnigen Strande von Cypern gereifet,
Blinkt' in geschnittnem Kristall, kein Hirn von lyrischen Straußen,
Keine Zunge von indischen Pfauen, noch purpurne Schnecken
Reizten in künstlichem Golde die unverzärtelten Gaumen.
Aber es mangelte nicht an Assurs köstlichsten Früchten,
Noch an gewürztem Honig aus hohlen Fichten geraubet,
Noch an der lächelnden Ros um die kleinen tauenden Becher.

Als sie das Mahl geendet, da wandte Cyrus sein Auge
Gegen die Inder; das frohe gesellige Murmeln des Tisches
Schweigt, es stört kein leisestes Lispeln die Rede des Helden:

»Freunde«, spricht er, »nie kannte mein Herz ein größer Vergnügen,
Als im weitesten Umfang die Menschen glücklich zu sehen.
Ständ es bei mir, so würden noch heute von Volke zu Volke
Alle Schwerter und Speere zu friedsamen Sicheln geschmiedet.
Aber so lange die Sonne mit gleich belebendem Strahle
Bösen und Guten scheint; so lange Tyrannen den Menschen,
Seines Geburtsrechts entsetzt, zu grasenden Tieren verstoßen;
Räuber, die unersättlich nach fremdem Eigentum schnappen,
Die der steigende Flor von freien Völkern beleidigt,
Die es Empörung nennen, wenn Freigeborne sich weigern
Sklaven zu sein: so lange verbeut die Pflicht den Gerechten,
Sorglos, in träger Ruh, der unersättlichen Raubsucht
Und den Fesseln sich Preis zu geben. Der Krieg ist kein Übel,
Wenn ein feiger Friede die Güter des Lebens uns raubet,
Ohne welche der Mensch des Tieres Glück zu beneiden
Ursach hätte. Ihr kennet den Geist, der Babylons Fürsten
Seit Jahrhunderten treibt: oft haben vom Streite noch schnaubend
Ihre Rosse den Ganges getrunken. Wer nennt mir von Memphis
Bis zum skythischen Schnee das Land, das ihr trotziger Ehrgeiz
Nicht mit blühender Jünglinge Blut und Tränen der Mütter
Überschwemmte? – Das einzige Persis (beglückter als andre,
Weil die Natur es mit Alpen vor ihrer Raubsucht umzäunte)
Schützte sich, ruhmlos und arm, bei seinem Erbgut, der Freiheit.
Medien hat, ihr wißt es, vorlängst der tapfre Arbaces
Von dem schändlichen Joche des niedrigsten Sklaven der Wollust,
Sardanapalus, befreit. Seitdem unabhängig von Babel,
Hat es den Neid der Stolzen durch seine wachsende Größe
Schuldlos gereizt. Lang war die beglückende Ruhe der Meder
Nur ein Geschenk der Unmacht der Babylonischen Herrscher.
Aber seit Nebukadnezar auf Ninives goldne Ruinen
Seinen gewaltigen Thron, den Schrecken des Orients, setzte;
Seit der Araber und Syrer und Palästiner ihm dienten,
Schwoll des Eroberers Herz von grenzenlosen Entwürfen.
Jetzt beschloß er, von hohen vergötternden Träumen berauschet,
Seinen Namen den glänzenden Namen Sesostris und Ninus
Gleich zu machen. Ihm sollten, wie jenen, die Völker des Morgens
Zitternd nachsehn, wie er, an seinen Wagen gefesselt,
Ihre Könige schleppte. In solchen Gedanken vom Tode
Plötzlich hinweg gerafft, überließ er den Erben des Thrones,
Sie zu vollziehen. Dies scheint die angelegenste Sorge
Neriglissors zu sein. Man sagt, am Tage der Krönung
Hab er im Tempel Bels auf seinen Zepter geschworen,
Und von Babylons Fürsten die majestätischen Schatten
Feirlich zu Zeugen hervor aus ihren Gräbern gerufen
Seines Gelübds, nicht eher zu ruhen, bis alle Provinzen,
Welche Semiramis einst errang, den assyrischen Zepter
Wieder erkannten. Ekbatana sollte die erste von allen,
Seinen Donner empfinden. Dem Übermütigen war es
schon Verbrechen genug, daß sich die Meder und Perser
Weigerten, Ketten zu tragen, die selbst der trotzige Baktrer
Neulich von ihm zu tragen gelernt. Jetzt dürstet er Rache!
Ungesäumt eilt der Befehl zu allen Fürsten des Reiches,
Sich zu rüsten. Schon wimmeln die Ufer des Tigris, die Auen
Ninives wimmeln schon von Welten gewaffneter Sklaven,
Während daß Redner mit Trug und schmeichelnden Zungen bewaffnet
Asiens Höf umschleichen, durch Gold und goldne Versprechen
Zum Verderben der Meder die trägen Fürsten zu wecken.
Nicht vergeblich! Sie haben zu Sardes den lydischen Krösus,
Der sein Gebiet vom reichen Gestade des griechischen Meeres
Bis zum Taurus erstreckt, in ihren Ränken gefangen;
Einen gewaltigen Feind, von dem bis itzo die Perser
Kaum den Namen gekannt. Schon sind drei Jahre verflossen,
Daß sich Asien rüstet, den stolzen Entwurf des Assyrers
Auszuführen. Sie sehen nicht (wer auch der zürnende Gott ist,
Der sie verblendet), daß Mediens Macht, daß Persiens Freiheit
Ihre Sicherheit ist, und daß die fallende Zeder
Auch die kleinern Gesträuche, die unter ihr grünen, zersplittert.
Unser Geschäft ist jetzt, der Gewalt entgegen zu gehen,
Ehe die Legionen, die selbst ihr Führer nicht zählet,
Mediens Auen zertreten. Die Sache, die wir verfechten,
Ist die Sache der Völker; in uns sind alle beleidigt.
Hört die Assyrer nun auch: dann mag der König der Inder
Zwischen ihnen und uns das Urteil der Billigkeit sprechen!«

Cyrus endigte hier. Mit stillem bewunderndem Beifall
Hörten die Inder ihm zu, so lange die liebliche Rede
Wie ein nektarner Strom von seinen Lippen herab floß.
Sanfte Gespräch und Scherze, die gern um duftende Becher
Flattern, verkürzten hierauf die stillen nächtlichen Stunden,
Und betrogen den Schlaf. Der Morgen des folgenden Tages,
Und des Königs Befehl, der kein Verzögern erlaubte,
Weckte die Fremden. »O wär uns vergönnt«, so sagten sie scheidend,
»Dir auf der Bahn der Ehre von fern, o Cyrus, zu folgen!
Aber uns winkt der Befehl, von dem wir hangen, schon wieder
Weg von dir; wir werden die schönen Taten nicht sehen
Die du tun wirst; uns ist nur erlaubt, den jauchzenden Nachhall
Deines Ruhms an den Ufern des Indus erschallen zu hören.«

Also die Inder. Mit Reden antwortender Freundschaft entläßt sie
Cyrus, und geleitet sie selbst zum assyrischen Lager.

Unterdes schwangen sich noch drei Tage mit friedsamen Flügeln
Über Arbelas Gefilde. Die äußersten Wachen der Perser
Sandten umsonst von den Höhen des Bergs in die neblichte Ferne,
Wo sich das feindliche Lager am Ufer des Zerbis herauf zog,
Spähende Blicke, dem Anbruch des großen Tages entgegen,
Der noch zögert' ihr Schwert mit Assurs Blute zu tränken.
Aber am vierten Tag, als Cyrus, vom Morgen umdämmert,
Einsam auf einem der waldigen Hügel gedankenvoll irrte,
Kam Araspes, ein medischer Jüngling, mit fliegenden Schritten,
Und mit glänzendem Antlitz voll Freude, die Botschaft zu bringen,
Daß beim Aufgang der Sonne das feindliche Lager sich auftat
Fluten von Kriegern ins offne Gefild Arbelas zu schütten.

Lächelnd fragt ihn der ruhige Held: »Gesteh es, Araspes,
Schauderte nicht dein Blut in der pochenden Ader zurücke,
Als sie vor deinem Aug aus dem unerschöpflichen Lager,
Heer' auf Heere, sich stürzten?« – Mit scherzendem Blicke versetzt ihm
Rasch der Jüngling: »Wenn fürchtet der Löwe die Menge der Schafe?
Deine Gefährten verlernten bei dir vor Gefahren zu beben,
Sollten die Weichlinge Babels sie schrecken?« – »Der heutige Tag wird
Für uns reden«, sprach Cyrus. »Itzt eile, versammle die Häupter
Unsers Heeres zu mir.« – Araspes entweicht, und der Feldherr
Bleibt auf dem Hügel gedankenvoll stehn. Indessen durchfähret
Schnell wie ein laufender Blitz das frohe Gerüchte die Zelte,
Daß die Feinde sich nahen. Ein lautes Frohlocken erhebt sich
Aus den Gezelten, und schallt wiederholt von den Felsen zurücke.
Ungestümes Verlangen ergreift die Männer, ihr Auge
Suchet den Feind; der umlorbeerte Sieg, der ewige Nachruhm
Schwellt mit stolzer Verachtung des Todes die ahnenden Seelen.

Aber die Führer des Heers, die Häupter von hundert und tausend
Und Myriaden versammeln sich schnell, von Araspes gerufen,
Um den Fürsten. Mit scharfen, die Seele durchforschenden Blicken
Überschaut er sie alle, dann spricht er: »Wir haben die Feinde
Mutig durch unser Zögern gemacht, sie kommen nun selber
Uns zu suchen. Was ratet ihr mir, ihr Männer? Was fordert
Unser Vorteil, was fordert die Ehre? Wen sollen wir hören?«

Cyrus sagt' es und schwieg. Ein ungeduldiges Feuer
Schien aus den Augen der meisten die kühne Antwort zu blitzen,
Als Pandates, ein Meder, an Jahren der erste, das Wort nahm:

»Ist's mein Blut, das zu träg die schlaffen Adern hindurch schleicht,
Oder ist's Vorsicht, was mir das erste zu raten gebietet?
Zwar ich kenne die Seele, die deine Perser erhitzet,
Kenne die Macht, womit sie dein Name zu Taten dahin reißt,
Und das entschloßne Vertrauen, die Frucht des großen Gedankens,
Daß der Liebling der Götter sie führt. Ich weiß es, dein Beispiel
Könnte das feigeste Herz mit kühnen Entschließungen schwellen.
Aber, ach! was vermag ein kleiner Haufe von Kriegern,
Wären sie Göttersöhne, wie am Skamander einst kämpften,
Gegen unzählbare Mengen, die, gleich dem gefabelten Drachen,
Jedes sinkende Haupt mit hundert neuen ersetzen?
Sind wir gekommen, die medischen Grenzen vor feindlichem Anfall
Sicher zu stellen, so lasset uns hier ein Lager behaupten,
Das der bewaffneten Hälfte der Welt zu trotzen im Stand ist.
Sicher können wir hier die Pforte des Zagrus beschützen,
Bis Chaldäa und Persis mit neuen Scharen uns stärket,
Oder die Boten des indischen Königs den Frieden vermitteln.«

Da er so sprach, umwölkte sich jede verfinsterte Stirne,
Und ein zürnend Gemurmel, wie wenn in Wolken ein Sturmwind
Fernher brauset, verriet den edeln Unmut der Männer
Über den feigen Rat. Vor allen ergrimmte Pharnaces,
Unter den Persern der feurigsten einer. Die Seele des Jünglings
Dürstete Ruhm; ihm deuchte das Schlachtfeld ein lustiges Daphne,
Lorbeern zu sammeln; Lob durch schöne Gefahren errungen,
War für sein Ohr Sirenengesang. Mit Mühe befahl er
Seinen Zorn von der runzelnden Stirn und der Lippe zurücke,
Die sich ungestüm öffnet', als Cyrus mit mächtigem Blick ihn
An sich selber erinnert'. Errötend sprach itzt der Jüngling:

»O des unmännlichen Rats! Wie? Darf Pandates es wagen,
Ihn zu geben? Und wem? – Zwar hier beschützt dich dein Alter;
Aber nimm dich in Acht, daß unsre Krieger nicht hören,
Daß dein Rat vorm Feind sie in sichre Verschanzungen einschließt,
Wie man zu weichen Verschnittnen die weibliche Herde verschließet,
Sicher des männlichen Blicks. Wie lange lechzet das Heer schon
Ungeduldig dem Tage des Streits, des Sieges entgegen!
Oder sollen die Jünglinge Babels, die zierlich gelockten
Balsam düftenden Knaben, die, kürzlich vom üppigen Busen
Ihrer Dirnen gerissen, aus goldnen Helmen itzt lächeln,
Sollen die männlichen Weiber, geübter zu Kämpfen der Venus
Als zur blutigen Arbeit der Schlacht (o feiger Gedanke!),
Sollen uns diese den Sieg entwenden? Der persische Phalanx
Soll erzittern? Vor wem? Vor jenen weichlichen Händen,
Einzig gewöhnt zum Indischen Tanz auf silbernen Saiten
Und um den Nacken der Mädchen zu fingern? – Die zürnende Wange
Glüht mir vor Scham! – Doch nein! nicht diese sind es, Pandates,
Welche dich schrecken; die Sklaven sind es, die bebenden Sklaven,
Die Neriglissor aus hundert Provinzen zusammen getrieben,
Fremd in den Künsten des Kriegs, und besser zum Fliehen bewaffnet
Als zum Gefecht; ein nackender Haufe, den keine Belohnung,
Keine Ehre, kein Vaterland reizt, kein Cyrus, zu siegen,
Oder den schönen Tod durch rühmliche Wunden zu suchen.«

Also sagt er. Mit spottender Stimm und trotziger Miene,
Welche sein innerstes Herz nur halb vor Cyrus verlarvten,
Rüstete sich der Meder zur stolzen künstlichen Antwort;
Aber ihm kam der Feldherr zuvor: »Es ist nicht vonnöten,
Unsre Gesinnung durch Worte zu zeigen, wenn Taten uns rufen.
Eure Tugend, ihr Männer, und unsre geheiligte Sache
Sind mir Bürgen des guten Erfolgs. Ich säume nicht länger,
Euch den Feinden entgegen zu führen. Ein längeres Zögern
Würd uns in ihren Augen den Schein der Furchtsamkeit geben,
Sie vermuten wohl nicht, daß wir, die Schwächern an Anzahl,
Kühn genug sind sie selber zu suchen. Die heutige Sonne
Wird die Obergewalt der Tugend über die Menge,
Wird vorm Antlitz der Erde des Himmels Urteil entdecken!
Und was soll ich den Helden itzt sagen? Was bleibet mir übrig
Als die Sorge, mich selbst der Ehre würdig zu zeigen
Euer Führer zu sein? – Hat mir der Vater des Schicksals
Irgend ein größeres Glück im dunkeln Schoße der Zukunft
Aufbehalten, so wird es mir, Freunde, nur darum ein Glück sein,
Um es mit euch zu teilen, den würdigen, treuen Gefährten
Meiner Arbeit. Indes soll meinem spähenden Auge
Keiner entgehn, der sich durch edle Taten vor andern
Eifernd hervortut; und, tief in meinem Busen verwahret,
Soll ihr Gedächtnis mich stets der würdigen Täter erinnern.
Eilet itzt, und versammelt das Heer zum schleunigen Aufbruch.
Nähret die kriegrische Flamme, die ihre Seelen erhitzet.
Redet sie einzeln an. Zeigt jenen glänzende Ehren
Winken am Ziel der rühmlichen Bahn; verbreitet vor diesen
Alle Schätze des feindlichen Lagers, die Zelte von Purpur,
Goldne Gefäß und Waffen von Gold, und blühende Mädchen,
Willig, die müden Sieger in ihren Arm zu empfangen.
Malet mit weislich gewählten Farben den Persern und Medern
Jeden die Hoffnungen vor, die ihre Sehnsucht entzünden.
Jeden locket sein Trieb. Nur wenigen Söhnen des Himmels
Ist es gegeben, den Reiz der nackten Tugend zu fühlen.«

Da er so sprach, da stieg die göttliche Seele des Helden
Sichtbarer in sein Antlitz hervor, und haucht' in die Männer
Neue erhabnere Trieb, als welche sie sonst in sich fühlten;
Große Gedanken! sie glänzten wie Götter unter der Menge
Ihre eignen. Ein buntes Gedräng von Szenen voll Ehre,
Goldne Trophäen, und Kronen, vom Haupt der Tyrannen gerissen,
Unter der Siegenden Fuß – die Tyrannen, machtlos, entgöttert,
Tief in den Staub zu Würmern gedrückt – entfesselte Welten,
Völker, festlich geschmückt, zu beiden Seiten sich drängend
Ihre Retter zu schaun, mit Palmen den Weg zu bestreuen,
Schweben um ihr begeistertes Aug; ihr lauschendes Ohr hört,
Scharf wie Sinne der Geister, aus tiefer Ferne die Stimmen
Später Jahrhunderte tönen, und auf den Flügeln des Ruhmes
Ihre Namen, gesellt zum Namen Cyrus, erschallen.

Itzo verteilen sie sich, von solchen Gedanken erhoben,
Schnell durchs wimmelnde Lager. Indem sie entweichen, spricht Cyrus
Zu Pandates: »Dir sei die Sorge das Lager zu schützen,
Nebst Tiridates, vertraut. Nie scheucht die blendende Hoffnung
Alle Besorgnis aus meinem Gemüt. Wir werden hier immer
Sicherheit finden, wenn irgend ein Wechsel des flüchtigen Glückes
Unsre Beständigkeit prüft.« Er sprach's, und verließ den Meder,
Der in sich selbst triumphiert, daß seiner brütenden Seele
Schwarzes Geheimnis dem schärfsten Blicke des Helden zu tief lag.

Schon war alles bereit, als Cyrus ins Lager zurück kam.
Froh, voll glückweissagender Ahnung im heitern Gesichte,
Geht er mit munterm Schritt durch lange glänzende Reihen,
Die ihn zu beiden Seiten mit lautem Jauchzen empfangen;
Lobt mit belohnenden Worten den Mut des Volkes, die Ordnung
Ihrer geflügelten Eil, und die Schönheit der spiegelnden Waffen;
Lobt auch die Weisheit der Edeln, die ihre gehorchenden Scharen
So zu bilden vermocht. Jetzt breitet der persische Phalanx
Seine Flügel um ihn, ein würdiger Haufe von Cyrus
Selber geführt zu werden. Mit Beifall winkenden Blicken
Schaut er die Reihen hindurch, und nimmt die Stelle des Feldherrn
An der Stirne des Heers. Sie sehn ihn mit stiller Entzückung
Unverwandt an, wie er, furchtbar in seiner spiegelnden Rüstung,
Unter den Helden an hoher Gestalt und Schönheit hervorragt.
Wie auf Libanons Rücken die Zeder unter den Tannen
Ihren gekrönten Wipfel erhebt, und hoch aus den Wolken
Über die Wälder umher den Riesenschatten verbreitet;
Also stand er. Itzt schallt der silberne Klang der Trompete.
Schnell mit eilendem Fuß und gleichen harmonischen Schritten
Geht der gewaltige Zug. Das Jauchzen der Männer, das Klingen
Ihrer Waffen, vermengt mit dem Schall der kriegrischen Flöten,
Schlägt die bebende Luft. Die Nymphen des felsigen Zagrus
Jauchzen von fern den Eilenden nach. Nie sahe der Erdkreis
Einen glorreicheren Zug. So herrlich war nicht die Reise,
Welche Sesostris tat, vor Cyrus der Könige größter,
Als er mit seinen Trophäen die blutende Erde zu decken
Auszog, und vom Ganges bis an den dacischen Ister
Über bezwungne Völker einher fuhr, und Sklaven in Purpur
Durch die Tore von Memphis den Wagen des Schrecklichen zogen.
Cyrus ging nicht, vom Geist des unmenschlichen Stolzes getrieben,
Freie Völker in Bande zu werfen, nicht blühende Städte,
Goldne Tempel der Künste des Friedens, in Asche zu legen,
Nicht die Erde zum einsamen Grabe, zur Urne des Staubes
Ihrer Erwürgten zu machen. Dich rief des Vaterlands Stimme,
Göttlicher! auf, dich rief das Wimmern des zärtlichen Säuglings
An der bebenden Brust, die Unschuld der Jungfrau, der Mütter
Heilige Keuschheit, der Knabe, der schon zur Tugend des Vaters
Seinem Vaterland wuchs, die zitternde Stimme des Greises,
Rief dich, o Held, ins eiserne Feld! Vor schnöder Entehrung
Und vor sklavischen Fesseln die Freigebornen zu schützen,
Eilst du getrost den Tyrannen entgegen, ein schützender Engel!

Heilige Tugend, nur Du erfüllst die Brust des Gerechten,
Deinen Himmel, mit göttlicher Kraft. Nichts schrecket ihn, sicher
Schaut er dem blassen Verbrecher ins Aug, und fürchtet den Arm nicht,
Der zum tödlichen Streich sich erhebt; mit freudigen Schritten
Folgt er der winkenden Pflicht, in Gefahren und Wunden und Tode.

Nunmehr hatte die Sonne des Himmels Gipfel erstiegen,
Als die persische Schar aus krummen mäandrischen Pfaden,
Durchs Gebirge sich windend, ins Feld Arbelas hervor brach.
Unabsehbar, mit Rossen und Wagen und Zelten bedecket,
Tat es vor ihren Augen sich auf. Die feigen Assyrer
Sehn das Gewölke von Staub, das unter der Kommenden Fußtritt
Dunkel, gleich dem Rauch aus brennenden Städten empor wallt;
Sehen's und beben! Die Nachricht, daß Cyrus mit Flügeln am Fersen
Gegen sie eile (sie hörten von keuchenden Spähern die Nachricht),
Hatte sie wieder zurück ins sichre Lager geschrecket,
Das sie des Morgens verlassen. So flieht die hungrige Wölfin,
Die, vom fernen Geblök der wolligen Herde gelocket,
Über die Felder mit gähnendem Rachen blutdurstend einher lief;
Knirschend flieht sie zurück, vergessend des blökenden Raubes,
Wenn sie den Löwen hört, der aus den Bergen herab steigt,
Und mit hohlem Gebrüll die bebenden Wälder erfüllet.

Als die Perser itzt sahn, daß ihre Feinde sich wieder
Hinter die Mauern des Walls zu ihren Weibern verbargen,
Hielten sie still. Ein jauchzend Geschrei, mit dem Klappern der Schwerter
Und der Schilde vermischt, zerteilt die Wolken, und hallet
Laut im geschreckten Ohr der Babylonier wieder.
Also stehn sie, den Feind erwartend, in furchtbarer Ordnung.
Aber umsonst. Schon waren drei Stunden vorüber gegangen,
Und noch hielt der Assyrer im schweigenden Lager sich stille,
Und verschlang mit geduldigem Ohre die Reden voll Spottes,
Welche die Perser, zur Wut sie zu reizen, ins Lager hinüber
Riefen. Zuletzt erlag die Geduld der Männer des Cyrus.
Glühend von heißem Verlangen und Unmut, drängen die Führer
Sich um Cyrus herum, und der unerschrockne Phraortes,
Einer der persischen Führer, erhub die geflügelte Stimme:

»Cyrus, die Männer sind müd in träger unwirksamer Ruhe
Ihren wallenden Mut zu verdunsten. Was säumen wir länger?
Laß uns, daß wir die Feigen aus ihren Höhlen, vom Schoße
Ihrer Mütter, wohin sie entflohn, ans Tageslicht schleppen!«
Also sagt er. Mit Blicken voll Lob erwidert der Feldherr:

»Edler Jüngling, du sprichst wie deine feurige Seele
Dir es gebeut! Dies Feuer gefällt mir; die Göttin des Sieges
Flicht nur Kränze für deines gleichen. Doch Klugheit befiehlt itzt
(Und des Tapfern Wege soll immer die Klugheit beleuchten!)
Unsern Mut im Zügel zu halten. Der Vorteil der Feinde
Wäre zu groß, wofern wir auf ihre feste Verschanzung
Einen Anfall versuchten. Mißlingt uns der Anfall, so sind wir
Kleiner in ihrem Aug, in unserm kleiner; ihr Herz schwillt,
Und wir lernen erzittern. Itzt sind sie, glaubt mir, nicht wenig
Wegen der Zukunft besorgt. Hat nicht das ferne Getöse
Unsrer Tritte sie heut ins Lager zurücke gescheuchet?
Aber der Stolz, der beleidigte Stolz des Tyrannen von Babel
Wird nicht lange die schimpfliche Ruhe den Feigen erlauben.
Trauet nur seinem despotischen Trotz. Dem Erdenbezwinger
Steht es nicht an, sich selbst für überwindlich zu halten.
Flohen die Sklaven, so war's, weil ihrem Mute der Anhauch
Seiner Gegenwart fehlte. Er wird nicht säumen, sie selber
Uns entgegen zu führen. Indes besänftigt die Hitze
Eurer Krieger. Wofern beim Aufgang der künftigen Sonne
Sich das Lager nicht öffnet, so will ich nicht länger euch hindern
Euerm Triebe zu folgen.« Er sagt's, und eilt mit den Edeln
Selbst durchs murrende Heer, das wilde Verlangen der Männer
Durch beredende Künst und gefällige Worte zu kühlen.

Schon entfärbt sich der Tag; die abendrötliche Sonne
Strahlt aus dem nahen Hain. Itzt lagern die Meder und Perser,
Stets noch bewaffnet, sich unter die Schatten der wirtlichen Palmen,
Oder ins offne Gefild, um lodernde Feuer, von Stoppeln
Oder zerstreuten Reisern genährt, und pflegen der Ruhe.
Allenthalben sind gegen das Lager, den Feind zu bemerken,
Wachen gestellt. Indes durchforscht der geschäftige Feldherr
(Von Tigranes und dir, Hyperanth, und Araspes begleitet)
Rings mit denkendem Auge die ganze verbreitete Gegend,
Jeden Hügel und jede Vertiefung, die Hain und die Ebnen,
Und die Mäander des Flusses; er sieht und zeichnet sie schweigend
Tief ins Gedächtnis; dann kehrt er, von dämmernden Schatten umhüllet,
Unter frohem Gespräch zurück zu seinen Gefährten.

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