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Crone Stäudlin

Paul Heyse: Crone Stäudlin - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart ? Berlin-Grunewald
titleCrone Stäudlin
pages313-521
created20020910
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Paul Heyse

Crone Stäudlin

Roman

Im waldigsten Teile eines mitteldeutschen Berglandes einige hundert Meter über dem offenen Talgrunde erhöht, breitet sich eine große ebene Grashalde aus, wie eine freie Stufe, auf der der Berg vor seinem weiteren Anstieg sich ausgeruht hat.

Hier hatten vor langen Jahren die Ackerbürger, die das unten gelegene alte Städtchen bewohnten, ihr Vieh übersommert, bis der Reichste unter ihnen, der Wirt und Posthalter, den ganzen Wiesengrund, den zu umwandern man fast eine halbe Stunde brauchte, zu seinem alleinigen Eigentum erworben und an der Stelle der ehemaligen Hirtenhütte ein großes Haus hatte aufführen lassen, zwar außer dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk hoch, doch geräumig genug, um Sommergäste zu beherbergen, die hier die heißen Monate überdauern oder Ausflüge zu den höheren Punkten des Waldgebirges machen wollten. Die langgestreckte freie Hochebene, auf der jetzt nur noch die Kühe und Pferde des Eigentümers weideten, war so ausgedehnt, daß noch zwei andere Häuser von zugewanderten Fremden in ziemlichen Abständen darauf Platz gefunden hatten. Wer aus ihren Fenstern über die Wipfel des Buchenwaldes, der von unten bis zum Rande des Plateaus hinaufreichte, nach Süden schaute, konnte seine Augen an dem hellen Talgrunde weiden, wo grüne Wiesen mit buntfarbigen Kornfeldern abwechselten. Fern am Horizont streckten sich niedrige Höhenzüge, mit dunklen Fichten bestanden, wie auch das höhere Gebirge fast nur Nadelholzwälder trug. Diese hielten die rauhen Winde von Mitternacht und die scharfe Ostluft ab, so daß auf der Hochfläche beständig eine nur mäßig bewegte Luft wehte, kühler als drunten im Tal, doch wohltätig temperiert durch die von Süden breit hereinflutende Sonne.

Von dieser günstigen Lage hatte man, wie gesagt, schon in der vorigen Generation, der der erste Bergwirt angehörte, Vorteil gezogen, und das Haus war besonders von Gästen aus Norddeutschland nie leer gewesen. Als der Sohn es dann übernommen und es nach Osten hin durch einen stattlichen Anbau erweitert hatte, wozu vorn zur Rechten noch ein freistehender geräumiger Gartensaal hinzukam, nahm sich das Ganze reich und behaglich genug aus. Über der Eingangstür hing eine schwarze Tafel, auf der mit großen Goldbuchstaben zu lesen stand:

Gasthof zum Seehof
von Wenzel Harlander.

Darunter hatte man erst vor sechs Jahren mit kleinerer Schrift hinzugefügt:

Kurhaus zur Höhenluft.

Der Name Wenzel aber war mit schwarzer Farbe überstrichen und statt dessen der Name Maria eingesetzt worden.

Denn so hieß die jetzige Wirtin, die nach dem vor sieben Jahren erfolgten Tode ihres Mannes das einträgliche Geschäft rüstig fortsetzte. »Zum Seehof« aber war das Gasthaus geheißen, da etwa fünfzig Schritt hinter den Gebäuden, hart an dem steil ansteigenden Föhrenwalde, ein kleiner Bergsee lag, auch vorn an der Südseite von einem dichten Kranz niedriger Nadelholzstämmchen eingesäumt, so daß nur am Nachmittag, wo die Sonne vom Westen Zutritt hatte, die schwarze Flut von einem hellen Schimmer überglänzt wurde. Trotzdem hauchte sie keine eisige Kälte aus. Denn warme Quellen drangen aus dem tiefen Seegrunde durch eine morastige Erdschicht herauf, und die Glieder der Badenden wurden von weichen, bräunlichen Wellen umspült, die selbst an Herbst- und Frühlingstagen keine frostigen Schauer erregten.

Um diese, wie es schien, von der Natur eigens zum Luftkurort bestimmte Gegend vollends als Naturheilanstalt zu beglaubigen, hatte ein kluger Arzt der Wirtin geraten, vor dem kleinen Fichtenkranz am See eine Anzahl schmaler, offener, nur oben mit einem Dächlein versehener Hütten zu errichten, mit einer nicht gar weichen Matratze, Kopfkissen und wollener Decke für solche, die im Freien übernachten wollten. Auf einer Lichtung etwas höher im Walde waren zwei länglich runde Umzäunungen abgesteckt, die, für die Geschlechter getrennt, zu Sonnenbädern dienen sollten. Das Baden im See war Männern und Frauen im züchtigen Schutz langer Badekostüme zu gleicher Zeit freigestellt, und auf dem schmalen Uferweg längs des schilfigen Wassers stand eine Anzahl kleiner Kabinen zum Umkleiden bereit.

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