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Ferdinand Gregorovius: Corsica - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleCorsica Bd. I
authorFerdinand Gregorovius
firstpub1854
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleCorsica
pages1-316
created20050801
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.

Man hatte den Canonicus Orticoni nach dem Festlande gesendet, den Schutz der fremden Mächte anzugehen, Giafferi nach Toscana, Waffen zu holen, welche fehlten. Indeß war der Stillstand abgelaufen. Genua, das in nichts willigte, forderte unbedingte Unterwerfung und Auslieferung der beiden Häupter. Wie nun der Krieg auf allen Punkten sich entzündete, die Corsen aber, nachdem sie mehre feste Orte hinweggenommen hatten, Bastia, Ajaccio und Calvi enge umschlossen hielten, erkannte die Republik die große Gefahr und wandte sich an den Kaiser Carl den Sechsten um Hülfe.

Der Kaiser bewilligte 8000 Mann deutscher Truppen, indem er wie ein Kaufherr mit Kaufherren einen Contract schloß. Es begann damals die Zeit, wo deutsche Fürsten das Blut ihrer Landeskinder um Geld verkauften. Aber es war auch die Zeit. in welcher die Völker erwachten. Ein neuer Geist ging durch die Welt. Das arme Volk der Corsen hat den bleibenden Ruhm, diese Periode eröffnet zu haben.

Der Kaiser verhandelte übrigens die 8000 Deutschen unter sehr günstigen Bedingungen. Die Republik verpflichtete sich, sie zu unterhalten, monatlich 30000 Gulden zu zahlen und für jeden Erschlagenen oder Ueberläufer hundert Gulden zu ersetzen. Daher geschah es, daß die Corsen so oft sie einen Deutschen erschlugen, ausriefen: Genua, hundert Gulden!

Die verkauften Söldner kamen am 10. August 1731 nach Corsica, erst 4000 Mann. denn die andere Hälfte hatte der genuesische Senat zurückgelegt, in der Hoffnung auszureichen. Sie standen unter dem Befehl des Generals Wachtendonk. Kaum ausgeschifft, zwangen sie die Corsen, von der Belagerung Bastia's abzustehen.

Mit Bangigkeit sahen diese den Kaiser selbst als ihren Unterdrücker einschreiten. Ihnen fehlte das Nötigste. Barhaupt und barfuß liefen sie in die Schlacht. An wen sollten sie sich wenden, ihrerseits Hülfe zu finden? Sie konnten auf Niemand rechnen, als auf ihre verbannten Landsleute. In einer Volksversammlung beschloßen sie daher diese hereinzurufen, wo sie immer auf dem Festlande seien, und sie richteten an sie folgende Aufforderung:

Landsleute! unsere Bemühungen um Abstellung unserer rechtlichen Beschwerden sind fruchtlos geblieben, wir haben uns entschlossen unsere Freiheit durch die Waffen zu erringen. Es gibt kein Schwanken mehr. Entweder kommen wir aus dem Zustand der Erniedrigung heraus, oder wir wissen zu sterben und unsere Leiden wie unsere Ketten im Blut zu ertränken. Wenn sich kein Fürst findet, welcher von der Erzählung unseres Unglücks gerührt unsere Klagen hört und uns gegen unsere Unterdrücker verteidigt, so gibt es einen allmächtigen Gott, und wir stehn bewaffnet für die Rettung des Vaterlandes. Eilt herbei, alle ihr Kinder Corsica's, welche der Zufall von unseren Küsten entfernen mochte, neben euern Brüdern zu kämpfen, zu siegen oder zu sterben. Laßt euch durch nichts zurückhalten, nehmt die Waffen und kommt. Das Vaterland ruft euch und bietet euch ein Grab und die Unsterblichkeit. –

Sie kamen; von Toscana, von Rom, von Neapel, von Marseille. Es verging kein Tag, an dem nicht der eine oder der andere landete, und wer nicht kämpfen konnte, schickte was er vermochte, Geld und Waffen. Einer dieser ins Vaterland zurückeilenden Corsen, Feliciano Leoni aus der Balagna, bisher Capitän im Dienst Neapels, landete eines Tags bei San Fiorenzo in demselben Augenblick, als sein alter Vater Geronimo mit einem Trupp vorbeizog, den Turm von Nonza anzugreifen. Weinend umarmten sich Vater und Sohn. Dann sagte der Alte: mein Sohn, gut daß du gekommen bist, gehe du an meiner Statt und wirf die Genuesen aus dem Turm. Der Sohn führte den Trupp auf der Stelle weiter; der Vater blieb und wartete auf den Ausgang. Leoni nahm Nonza, aber den jungen Sieger streckte eine Kugel nieder. Ein Bote eilte die Trauerkunde dem Vater zu bringen. Der alte Mann sah ihn herankommen und fragte ihn, wie die Sachen stünden. Traurig, rief der Bote, denn dein Sohn ist gefallen. – Nonza ist genommen? – Es ist genommen. – Nun denn, rief der Greis, es lebe das Vaterland! –

Unterdeß verwüstete Camillo Doria die Insel, der General Wachtendonk aber zog in das Innere, die Provinz Balagna zu unterdrücken. Hier jedoch umzingelten ihn die Corsen bei S. Pellegrino, nachdem sie ihm viel Volk erschlagen hatten. Der kaiserliche General konnte nicht rückwärts nicht vorwärts und war verloren. Stimmen wurden laut, diese Fremden alle niederzuhauen. Aber der weise Giafferi wollte den Zorn des Kaisers nicht auf sein armes Vaterland heraufbeschwören und entließ Wachtendonk mit seinem Heer ungekränkt nach Bastia, indem er nur dies ausbedang, daß der General die Beschwerden der Corsen bei Carl dem Sechsten vermittele. Wachtendonk versprach es; er staunte über die Großmut dieser Menschen, welche er als eine wilde Horde von Rebellen zu bändigen gekommen war. Man hatte einen Waffenstillstand von zwei Monaten geschlossen. Die Beschwerden der Corsen wurden nach Wien geschickt, ehe aber die Antwort eintraf, war der Waffenstillstand abgelaufen und der Krieg begann aufs Neue.

Die zweite Hälfte der kaiserlichen Hülfsschar. neue 4000 Mann kamen herüber; mehrmals siegten die Corsen und zumal am 2. Februar 1732 vernichteten sie die Deutschen unter Doria und de Vins in der blutigen Schlacht bei Calenzana. Hierauf bat die Republik den Kaiser zum drittenmal um 4000 Mann Truppen. Die Welt aber begann lebhafte Sympathie für das kühne Volk zu offenbaren, welches in der bittersten Verlassenheit einzig aus seiner Vaterlandsliebe die Mittel nahm, zwei so furchtbaren Feinden glorreich zu widerstehen.

Das neue kaiserliche Heer führte Ludwig Prinz von Würtemberg, ein berühmter Feldherr. Sofort verkündete er Amnestie unter der Bedingung, daß das Volk die Waffen niederlege und sich Genua unterwerfe. Aber auf diese Bedingung wollten die Corsen nicht unterhandeln. Daher rückten Würtemberg, der Prinz von Culmbach, die Generale Wachtendonk, Schmettau und Waldstein nach einem gemeinsamen Plan in das Land, während die Corsen sich in die Berge zogen, den Feind durch den Guerillakrieg aufzureiben. Plötzlich kamen die Antworten des kaiserlichen Hofes auf die Beschwerden des corsischen Volks, und Befehle an den Prinzen von Würtemberg möglichst gütlich mit ihm sich zu vergleichen, weil man erkenne, daß es in seinen Rechten gekränkt sei.

Am 11. Mai 1732 wurde hierauf zu Corte Friede geschlossen, unter folgenden Bedingungen: allgemeine Amnestie; Verzicht auf jede Entschädigung der Kriegskosten; Erlaß aller schuldigen Steuern; Zulassung der Corsen zu allen weltlichen und geistlichen Aemtern; das Recht Schulen zu gründen und die Lehrfreiheit; Wiederherstellung der Zwölfmänner und der Sechsmänner mit allen Privilegien eines Oratore; das Recht der Verteidigung für Angeklagte; Errichtung einer Behörde, welche die Vergehen aller öffentlichen Beamten darzulegen habe.

Dieser für die Corsen günstige Vertrag sollte die persönliche Gewähr des Kaisers erhalten. Demnach verließen die meisten deutschen Truppen die Insel, nachdem ihrer mehr als 3000 ihr Grab auf Corsica gefunden hatten. Nur Wachtendonk blieb noch zurück, den Vollzug des Vertrages zu verwirklichen.

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