Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ferdinand Gregorovius: Corsica - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleCorsica Bd. I
authorFerdinand Gregorovius
firstpub1854
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleCorsica
pages1-316
created20050801
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Die ältesten Nachrichten über Corsica finden sich bei den Geschichtschreibern und Geographen der Griechen und der Römer. Sie lassen uns nicht bestimmt erkennen, welche Volkstämme ursprünglich die Insel bevölkert haben, ob es Phönizier, Etrusker, Hispanier oder Ligurier waren. Alle diese alten Völker sind auf Corsica gewesen, ehe noch Carthager, phokäische Griechen und Römer dahin übersiedelten.

Die Lage der Inseln Corsica und Sardinien machte sie in dem großen westlichen Busen des Mittelmeers zum Kreuzungspunkt aller umwohnenden Völker, welche Handel trieben und Pflanzstädte anlegten. Nordwärts liegt, eine Tagereise weit, Gallien, westwärts, drei Tagereisen weit, Spanien, ostwärts ganz nahe die Küste Etruriens, südwärts endlich, wenig Tagereisen entfernt der Küstensaum Afrika's. Die Festlandvölker stießen also auf diesen Inseln zusammen und drückten ihnen ihr Gepräge auf. Diese Mannichfaltigkeit der von ihnen hinterlassenen Spuren in Bauten, Bildwerken, Münzen, Sprachen und Sitten, welche wie Erdschichtungen die ethnographische Gestaltung der Insel bestimmen, machen besonders Sardinien zu einem der merkwürdigsten Länder Europa's. Beide Inseln liegen auf der Grenzlinie, welche jenes Westbecken des Mittelmeers in eine spanische und eine italienische Hälfte trennt. Nachdem nun die Einflüsse orientalischer und griechischer Einwanderungen politisch hinweggetilgt waren, übten jene beiden Festländer ihre Bestimmungskraft auf die Inseln aus. In Sardinien überwog das spanische Element; in Corsica das italienische. Man erkennt das heute ganz einfach aus der Sprache. Für Corsica trat in der jüngeren Zeit noch ein drittes bestimmendes Element hinzu, das französische, aber dies ist nur politisch. Schon in den frühesten Zeiten waren wie spanische, so gallisch-celtische oder ligurische Völker auf die Insel hinübergegangen. Das spanische Wesen, welches noch dem Philosophen Seneca an den Corsen seiner Zeit so bedeutend auffiel, wurde überwunden, nur in dem schweigsam düstern, melancholisch-cholerischen Naturell hat es sich erhalten.

Der uralte Name der Insel ist Corsica, der spätere Cyrnus. Jener wird abgeleitet von Corsus, einem Sohn des Herkules und Bruder des Sardus, welche beide nach den von ihnen benannten Inseln Colonieen führten. Andere lassen den Corsus einen Trojaner sein und erzählen, daß er Sica eine Nichte der Dido entführt habe, woher denn der Name Corsica entstanden sei. Dies ist die Fabel des ältesten corsischen Chronisten Giovanni della Grossa.

Der Name Cyrnos war im Gebrauch der Griechen. Pausanias sagt in seiner phokischen Geographie: »Die nicht weit von Sardinien (Ichnusa) entfernte Insel wird von den eingebornen Lybiern Corsica, von den Griechen Cyrnos genannt.« Die Bezeichnung Libyer ist allgemein für Phönizier, und schwerlich dachte Pausanias an Ureinwohner. Sie waren ihm eingewanderte Colonisten, wie die in Sardinien. Denn in demselben Buch sagt er, daß zuerst Libyer nach Sardinien kamen, aber hier schon Einwohner fanden, und daß nach ihnen Griechen und Hispanier anlangten. Das Wort Cyrnos selbst ist aus dem phönizischen Kir (Horn, Landhorn, vorspringendes Kap) erklärt worden. Kurzum dies sind Sagen, unbestimmbare Dinge.

So viel scheint nach den alten Ueberlieferungen, aus welchen Pausanias seine Angaben schöpfte, gewiß, daß Phönizier in sehr frühen Zeiten auf beiden Inseln Colonieen gründeten, daß sie bereits eine Bevölkerung vorfanden, welche entweder ligurisch oder etruskisch-pelasgisch war, und daß später auch Hispanier hinüber kamen. Seneca, welcher acht Jahre auf Corsica im Exil lebte, schreibt von hier aus seine Trostschrift an seine Mutter Helvia, worin sich im achten Kapitel folgende Stelle findet: »Auch diese Insel hat ihre Bebauer oft gewechselt. Das Alte ins Dunkel der Urzeit gehüllte übergehend sage ich nur, daß die Griechen, welche jetzt Massilia bewohnen, nachdem sie Phokäa verlassen hatten, zuerst auf dieser Insel sich niederließen. Es ist ungewiß, was sie von hier vertrieb, vielleicht das ungünstige Clima, der Anblick von Italiens wachsender Macht, oder die hafenlose Küste; denn daß die Wildheit der Bewohner nicht schuld war, erkennt man daraus, daß sie doch unter die damals höchst rohen und uncivilisirten Völker Galliens sich begaben. Nachher kamen Ligurier auf diese Insel, und es kamen auch Hispanier, was man aus der Aehnlichkeit der Lebensweise schließen kann, denn es finden sich dieselben Kopfbedeckungen, dieselben Fußbekleidungen wie bei den Cantabrern, selbst manche Worte; aber die ganze Sprache hat durch den Umgang mit Griechen und Liguriern ihren ursprünglichen Charakter eingebüßt.« Es ist bedauernswürdig, daß Seneca es nicht der Mühe wert hielt, mehr über den Zustand der Insel zu erforschen. Auch für ihn war die älteste Geschichte der Corsen in Dunkel gehüllt.

Aber Seneca irrt wol, wenn er Ligurier und Spanier erst nach den Phokäern auf die Insel kommen läßt. Ich zweifle nicht daran, daß ihre celtischen Stämme die ersten und ältesten Bewohner Corsica's waren; selbst die Gesichtsbildung der heutigen Corsen erscheint als eine celtisch-ligurische.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.