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William Shakespeare: Coriolanus - Kapitel 23
Quellenangabe
typetragedy
booktitleJulius Cäsar ? Antonius und Cleopatra ? Coriolanus
authorWilliam Shakespeare
translatorDorothea Tieck
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20633-X
titleCoriolanus
pages201-203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Szene

Rom. Ein öffentlicher Platz

Sicinius und Brutus treten auf

Sicinius.
Man hört von ihm nichts, hat ihn nicht zu fürchten.
Was ihn gestärkt, ist zahm, wo Friede jetzt
Und Ruh im Volke, welches sonst empört
Und wild. Wir machen seine Freund' erröten,
Daß alles blieb im ruh'gen Gleis. Sie sähen
Viel lieber, ob sie selbst auch drunter litten,
Aufrührerhaufen unsre Straßen stürmen,
Als daß der Handwerksmann im Laden singt
Und alle freudig an die Arbeit gehn.

Menenius tritt auf.

Brutus.
Wir griffen glücklich durch. Ist das Menenius?

Sicinius.
Er ist es. O! er wurde sehr geschmeidig
Seit kurzem. – Seid gegrüßt!

Menenius.
Ich grüß euch beide.

Sicinius.
Euer Coriolanus wird nicht sehr vermißt,
Als von den Freunden nur; der Staat besteht
Und würde stehn, wenn er ihn mehr noch haßte.

Menenius.
Gut ist's und könnte noch weit besser sein,
Hätt er sich nur gefügt.

Sicinius.
Wo ist er? Wißt Ihr's –

Menenius.
Ich hörte nichts; auch seine Frau und Mutter
Vernehmen nichts von ihm.

Es kommen mehrere Bürger.

Die Bürger.
Der Himmel schütz euch!

Sicinius.
Guten Abend, Nachbarn!

Brutus.
Guten Abend allen! Allen guten Abend!

Erster Bürger.
Wir, unsre Fraun und Kinder sind verpflichtet,
Auf Knien für euch zu beten.

Sicinius.
Geh's euch wohl.

Brutus.
Lebt wohl, ihr Nachbarn. Hätte Coriolanus
Euch so geliebt wie wir!

Die Bürger.
Der Himmel segn euch.

Die Tribunen.
Lebt wohl! lebt wohl!

(Die Bürger gehn ab.)

Sicinius.
Dies ist beglücktre wohl und liebre Zeit,
Als da die Burschen durch die Straßen liefen,
Zerstörung brüllend.

Brutus.
Cajus Marcius war
Im Krieg ein würdger Held, doch unverschämt
Von Stolz gebläht, ehrgeizig übers Maß,
Selbstsüchtig –

Sicinius.
Unumschränkte Macht erstrebend
Ohn andern Beistand.

Menenius.
Nein das glaub ich nicht.

Sicinius.
Das hätten wir, so daß wir's all' beweinten,
Empfunden, wär er Konsul nur geblieben.

Brutus.
Die Götter wandten's gnädig ab, und Rom
Ist frei und sicher ohne ihn.

Ein Ädil kommt

Ädil.
Tribunen,
Da ist ein Sklave, den wir festgesetzt;
Der sagt: «Es brach mit zwei verschiednen Heeren
Der Volsker Macht ins römische Gebiet,
Und mit des Krieges fürchterlichster Wut
Verwüsten sie das Land.»

Menenius.
Das ist Aufidius,
Der, da er unsers Marcius Bann gehört,
Die Hörner wieder ausstreckt in die Welt,
Die er einzog, als Marcius stand für Rom,
Und nicht ein Blickchen wagte.

Sicinius.
Ei, was schwatzt Ihr
Vom Marcius da.

Brutus.
Peitscht diesen Lügner aus. Es kann nicht sein.
Die Volsker wagen nicht den Bruch.

Menenius.
Es kann nicht sein?
Wohl sagt uns die Erinnrung, daß es sein kann;
Dreimal bezeugt' er uns dasselbe Beispiel
In meiner Zeit. – Sprecht doch mit dem Gesellen,
Eh ihr ihn straft, fragt ihn, wo er's gehört;
Ihr möchtet sonst wohl eure Warnung peitschen,
Den Boten schlagen, der euch wahren will
Vor dem, was zu befürchten.

Sicinius.
Sprecht nicht so!
Ich weiß, es kann nicht sein.

Brutus.
Es ist unmöglich.

Ein Bote kommt.

Bote.
In größter Eil versammelt der Senat
Sich auf dem Kapitol. – Sie hörten Botschaft,
Die ihr Gesicht entfärbt.

Sicinius.
Das macht der Sklave.
Laßt vor dem Volk ihn peitschen; sein Verhetzen –
Nichts als sein Märchen.

Bote.
Nicht doch, würdger Herr.
Des Sklaven Wort bestätigt sich, und weit,
Weit schlimmer, als er aussagt.

Sicinius.
Wie, weit schlimmer?

Bote.
Es wird von vielen Zungen frei gesprochen,
Ob glaublich, weiß ich nicht, es führe Marcius,
Aufidius zugesellt, ein Heer auf Rom;
So weite Rache schwörend, wie der Anfang
Der Dinge weit vom jetzt ist.

Sicinius.
O! höchst glaublich!

Brutus.
Nur ausgestreut, damit der schwächre Teil
Den guten Marcius heim soll wünschen.

Sicinius.
Freilich
Ist das der Kniff.

Menenius.
Nein, dies ist unwahrscheinlich.
Nicht mehr kann mit Aufidius er sich einen,
Als was am heftigsten sich widerspricht.

Es kommt ein zweiter Bote.

Bote.
Man läßt in Eil aufs Kapitol euch fordern;
Ein furchtbar Heer, geführt von Cajus Marcius,
Aufidius zugesellt, verwüstet rings
Die ganze Landschaft und betritt den Weg
Hierher, durch Feur gebahnt, zerstörend alles,
Was ihrer Wut begegnet.

Cominius tritt auf

Cominius.
Oh! ihr habt Hübsches angerichtet.

Menenius.
Nun, was gibt's?

Cominius.
Die eignen Töchter helft ihr schänden und
Der Dächer Blei auf eure Schädel schmelzen,
Vor euren Augen eure Fraun entehren.

Menenius.
Was gibt es denn? Was gibt's denn?

Cominius.
Verbrennen eure Tempel bis zum Grund,
Und eure Recht', auf die ihr pocht, verjagen
Bis in ein Mäuseloch.

Menenius.
Ich bitt Euch – sprecht!
Ich fürcht, ihr habt es schön gemacht. O sprecht!
Wenn Marcius sich verband den Volskern – –

Cominius.
Wenn?
Er ist ihr All, er führt sie als ein Wesen,
Das nicht Natur erschuf, nein, eine Gottheit,
Die höher ihn begabt. Sie folgen ihm
Her gegen uns Gezücht, so ruhig, sicher,
Wie Knaben bunte Schmetterlinge jagen
Und Schlächter Fliegen töten.

Menenius.
Ihr habt's schön gemacht.
Ihr, eure Schürzfellmänner, die so fest
Auf ihre Handwerksstimmen hielten, und
Der Knoblauchfresser Atem.

Cominius.
Schütteln wird er
Euch um die Ohren Rom.

Menenius.
Wie Herkules
Die reife Frucht abschüttelt'. Schöne Arbeit!

Brutus.
So ist es wahr?

Cominius.
Ja, und ihr sollt erbleichen,
Bevor ihr's anders findet. Jede Stadt
Fällt lachend ab, und wer sich widersetzt,
Den höhnt man ob der tapfern Dummheit aus,
Der stirbt als treuer Narr. Wer kann ihn tadeln?
Die Feind' ihm sind, sehn jetzo, was er ist.

Menenius.
Wir alle sind verloren, wenn der Edle
Nicht Gnade übt.

Cominius.
Wer soll ihn darum bitten?
Aus Schande können's die Tribunen nicht;
Das Volk verdient von ihm Erbarmen, wie
Der Wolf vom Schäfer. – Seine besten Freunde,
Sagten sie: «Schone Rom!», sie kränkten ihn
Gleich jenen, welche seinen Haß verdient,
Und zeigten sich als Feinde.

Menenius.
Das ist wahr.
Wenn er den Brand an meine Schwelle legte,
Sie zu verzehren, hätt ich nicht die Stirn,
Zu sagen: «Bitte, laß!» – – Ihr treibt es schön,
Ihr und das Handwerk. Herrlich Werk der Hand!

Cominius.
Ihr brachtet
Solch Zittern über Rom, daß sich's noch nie
So hilflos fand.

Die Tribunen.
Sagt nicht, daß wir es brachten.

Menenius.
So? Waren wir's? Wir liebten ihn, doch tierisch
Und knechtisch feig, nicht adlig, wichen wir
Dem Pack, das aus der Stadt ihn zischte.

Cominius.
Ich fürchte,
Sie brüllen wieder ihn herein. Aufidius,
Der Männer zweiter, folgt nur seinem Wink,
Als dient' er unter ihm. Verzweiflung nur
Kann Rom ihm nun statt Kriegskunst und Verteidgung
Und Macht entgegenstellen.

Es kommt ein Haufen Bürger.

Menenius.
Hier kommt das Pack.
Und ist Aufidius mit ihm? Ja, ihr seid's,
Die unsre Luft verpestet, als ihr warft
Die schweißgen Mützen in die Höh und schriet:
«Verbannt sei Coriolan.» – Nun kommt er wieder,
Und jedes Haar auf seiner Krieger Haupt
Wird euch zur Geißel. – Soviel Narrenköpfe,
Als Mützen flogen, wird er niederstrecken
Zum Lohn für eure Stimmen. – Nun, was tut's?
Und wenn er all' uns brennt in eine Kohle,
Geschieht uns recht.

Die Bürger.
Wir hörten böse Zeitung.

Erster Bürger.
Was mich betrifft, als ich gesagt: «Verbannt ihn»,
Da sagt ich: «Schade drum!»

Zweiter Bürger.
Das tat ich auch.

Dritter Bürger.
Das tat ich auch; und, die Wahrheit zu sagen, das taten viele von uns. Was wir taten, das taten wir zum allgemeinen Besten; und obgleich wir freiwillig in seine Verbannung einwilligten, so war es doch gegen unsern Willen.

Cominius.
Ihr seid ein schönes Volk, ihr Stimmen!

Menenius.
Ihr machtet's herrlich, ihr und euer Pack.
Gehn wir aufs Kapitol?

Cominius.
Jawohl. Was sonst?

(Cominius und Menenius gehn ab.)

Sicinius.
Geht, Freunde, geht nach Haus, seid nicht entmutigt.
Dies ist sein Anhang, der das wünscht bestätigt,
Was er zu fürchten vorgibt. Geht nach Haus.
Seid ohne Furcht.

Erster Bürger.
Die Götter seien uns gnädig. Kommt, Nachbarn, laßt uns nach Hause gehn. Ich sagte immer: Wir taten unrecht, als wir ihn verbannten.

Zweiter Bürger.
Das taten wir alle. Kommt, laßt uns nach Hause gehn. (Die Bürger gehn ab.)

Brutus.
Die Neuigkeit gefällt mir nicht.

Sicinius.
Mir auch nicht.

Brutus.
Aufs Kapitol! Mein halb Vermögen gäb ich,
Könnt ich als Lüge diese Nachricht kaufen.

Sicinius.
Kommt, laßt uns gehn. (Gehn ab.)

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