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William Shakespeare: Coriolanus - Kapitel 22
Quellenangabe
typetragedy
booktitleJulius Cäsar ? Antonius und Cleopatra ? Coriolanus
authorWilliam Shakespeare
translatorDorothea Tieck
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20633-X
titleCoriolanus
pages201-203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Szene

Halle in Aufidius' Hause

Man hört Musik von innen; es kommt ein Diener

Erster Diener.
Wein, Wein! Was ist das für Aufwartung? – Ich glaube, die Burschen sind alle im Schlaf. (Geht ab.)

Ein zweiter Diener kommt.

Zweiter Diener.
Wo ist Cotus? Der Herr ruft ihn. Cotus.

(Geht ab.)
Coriolanus tritt auf.

Coriolanus.
Ein hübsches Haus; das Mahl riecht gut. Doch ich
Seh keinem Gaste gleich.

Der erste Diener kommt wieder.

Erster Diener.
Was wollt Ihr, Freund? Woher kommt Ihr? Hier ist kein Platz für Euch. Bitte, macht Euch fort.

Coriolanus.
Ich habe bessern Willkomm nicht verdient,
Wenn Coriolan ich bin.

Der Zweite Diener kommt.

Zweiter Diener.
Wo kommst du her, Freund? Hat der Pförtner keine Augen im Kopf, daß er solche Gesellen herein läßt? Bitte, mach dich fort.

Coriolanus.
Hinweg!

Zweiter Diener.
Hinweg? Geh du hinweg.

Coriolanus.
Du bist mir lästig.

Zweiter Diener.
Bist du so trotzig? Man wird schon mit dir sprechen.

Der dritte Diener kommt.

Dritter Diener.
Was ist das für ein Mensch?

Erster Diener.
Ein so wunderlicher, wie ich noch keinen sah. Ich kann ihn nicht aus dem Hause kriegen. Ich bitte, ruf doch mal den Herrn her.

Dritter Diener.
Was habt Ihr hier zu suchen, Mensch? Bitte, scher dich aus dem Haus.

Coriolanus.
Laßt mich hier stehn, nicht schad ich euerm Herd.

Dritter Diener.
Wer seid Ihr?

Coriolanus.
Ein Mann von Stande.

Dritter Diener.
Ein verwünscht armer.

Coriolanus.
Gewiß, das bin ich.

Dritter Diener.
Ich bitte Euch, armer Mann von Stande, sucht Euch ein andres Quartier; hier ist kein Platz für Euch. – Ich bitte Euch, packt Euch fort.

Coriolanus.
Euerm Berufe folgt. Hinweg! Stopft euch mit kalten Bissen. (Stößt den Diener weg.)

Dritter Diener.
Was, Ihr wollt nicht? Bitte, sage doch meinem Herrn, was er hier für einen seltsamen Gast hat.

Zweiter Diener.
Das will ich. (Geht ab.)

Dritter Diener.
Wo wohnst du?

Coriolanus.
Unter dem Firmament.

Dritter Diener.
Unter dem Firmament?

Coriolanus.
Ja.

Dritter Diener.
Wo ist das?

Coriolanus.
In der Stadt der Geier und Krähen.

Dritter Diener.
In der Stadt der Geier und Krähen? Was das für ein Esel ist! So wohnst du auch wohl bei den Dohlen?

Coriolanus.
Nein, ich diene nicht deinem Herrn.

Erster Diener.
Kerl! was hast du mit meinem Herrn zu schaffen?

Coriolanus.
Nun, das ist doch schicklicher, als wenn ich mit deiner Frau zu schaffen hätte. Du schwatzest und schwatzest. – Trag deine Teller weg. Marsch! (Er schlägt ihn hinaus.)

Aufidius tritt auf.

Aufidius.
Wo ist der Mensch?

Zweiter Diener.
Hier, Herr. Ich hätte ihn wie einen Hund hinausgeprügelt, ich wollte nur die Herren drinnen nicht stören.

Aufidius.
Woher kommst du? Was willst du? Dein Name? Weshalb antwortest du nicht? Sprich, Mensch, wie heißest du?

Coriolanus (schlägt den Mantel auseinander).
Wenn, Tullus,
Du noch nicht mich erkennst, und, mich beschauend,
Nicht findest, wer ich bin, zwingt mich die Not,
Mich selbst zu nennen.

Aufidius.
Und wie ist dein Name?

Coriolanus.
Ein Name, schneidend für der Volsker Ohr,
Und rauhen Klangs für dich.

Aufidius.
Wie ist dein Name?
Du hast ein grimmig Aussehn, deine Mien ist
Gebieterisch. Ist auch zerfetzt dein Tauwerk,
Zeigst du als wackres Schiff dich. Wie dein Name?

Coriolanus.
Zieh deine Stirn in Falten. Kennst mich jetzt?

Aufidius.
Nicht kenn ich dich. Dein Name?

Coriolanus.
Mein Nam ist Cajus Marcius, der dich selbst
Vorerst und alle deine Landsgenossen
Sehr schwer verletzt' und elend machte; Zeuge:
Mein dritter Name Coriolan. Die Kriegsmühn,
Die Todsgefahr und all die Tropfen Bluts,
Vergossen für das undankbare Rom,
Das alles wird bezahlt mit diesem Namen,
Er, starkes Mahnwort und Anreiz zu Haß
Und Feindschaft, die du mir mußt hegen. Nur
Der Name bleibt. Die Grausamkeit des Volks,
Ihr Neid, gestattet von dem feigen Adel,
Die alle mich verließen, schlang das andre.
Sie duldeten's, mich durch der Sklaven Stimmen
Aus Rom gezischt zu sehn. – Diese Verruchtheit
Bringt mich an deinen Herd; die Hoffnung nicht,
Versteh mich recht, mein Leben zu erhalten;
Denn fürchtet ich den Tod, so mied' ich wohl
Von allen Menschen dich zumeist; – nein, Haß,
Ganz meinen Neidern alles wettzumachen,
Bringt mich hierher. – Wenn du nun in dir trägst
Ein Herz des Grimms, das Rache heischt für alles,
Was dich als Mann gekränkt, und die Verstümmlung
Und Schmach in deinem ganzen Land will strafen,
Mach dich gleich dran, daß dir mein Elend nütze,
Daß dir mein Rachedienst zur Wohltat werde;
Denn ich bekämpfe
Mein gifterfülltes Land mit aller Wut
Der Höllengeister. Doch fügt es sich so:
Du wagst es nicht und bist ermüdet, höher
Dein Glück zu steigern, dann, mit einem Wort,
Bin ich des Lebens auch höchst überdrüssig;
Dann biet ich dir und deinem alten Haß
Hier meine Gurgel. – Schneidest du sie nicht,
So würdest du nur als ein Tor dich zeigen;
Denn immer hab ich dich mit Grimm verfolgt
Und Tonnen Blutes deinem Land entzapft.
Ich kann nur leben dir zum Hohn, es sei denn,
Um Dienste dir zu tun.

Aufidius.
O Marcius, Marcius!
Ein jedes Wort von dir hat eine Wurzel
Des alten Neids mir aus der Brust gejätet.
Wenn Jupiter
Von jener Wolk uns als Orakel riefe:
«Wahr ist's!» nicht mehr als dir würd ich ihm glauben.
Ganz edler Marcius! o! laß mich umwinden
Den Leib mit meinen Armen, gegen den
Mein fester Speer wohl hundertmal zerbrach,
Und traf den Mond mit Splittern. Hier umfang ich
Den Amboß meines Schwerts und ringe nun
So edel und so heiß mit deiner Liebe,
Als je mein eifersüchtger Mut gerungen
Mit deiner Tapferkeit. Laß mich bekennen:
Ich liebte meine Braut, nie seufzt' ein Mann
Mit treurer Seele; doch, dich hier zu sehn,
Du hoher Geist! dem springt mein Herz noch freudger,
Als da mein neuvermähltes Weib zuerst
Mein Haus betrat. Du Mars, ich sage dir,
Ganz fertig steht ein Kriegsheer, und ich wollte
Noch einmal dir den Schild vom Arme hauen,
Wo nicht, den Arm verlieren. Zwölfmal hast du
Mich ausgeklopft, und jede Nacht seitdem
Träumt ich vom Balgen zwischen dir und mir.
Wir waren beid in meinem Schlaf am Boden,
Die Helme reißend, bei der Kehl uns packend:
Halbtot vom Nichts erwacht ich. – Würdger Marcius!
Hätt ich nicht andern Streit mit Rom, als nur,
Daß du von dort verbannt, ich böte auf
Von zwölf zu siebzig alles Volk, um Krieg
Ins Herz des undankbaren Roms zu gießen
Mit überschwellnder Flut. – O komm! tritt ein
Und nimm die Freundeshand der Senatoren,
Die jetzt hier sind, mir Lebewohl zu sagen,
Der eure Länderein angreifen wollte,
Wenn auch nicht Rom selbst.

Coriolanus.
Götter, seid gepriesen!

Aufidius.
Willst du nun selbst als unumschränkter Herr
Dein eigner Rächer sein, so übernimm
Die Hälfte meiner Macht; bestimme du,
Wie dir gefällt, da du am besten kennst
Des Landes Kraft und Schwäche, deinen Weg,
Sei's, anzuklopfen an die Tore Roms,
Sei's, sie an fernen Grenzen heimzusuchen,
Erst schreckend, dann vernichtend. Doch tritt ein
Und sei empfohlen jenen, daß sie ja
Zu deinen Wünschen sprechen. – Tausend Willkomm!
Und mehr mein Freund als du je Feind gewesen,
Und, Marcius, das ist viel. Komm, deine Hand.

(Coriolanus und Aufidius gehn ab.)

Erster Diener.
Das ist eine wunderliche Verändrung.

Zweiter Diener.
Bei meiner Hand, ich dachte, ihn mit einem Prügel hinauszuschlagen, und doch ahnete mir, seine Kleider machten von ihm eine falsche Aussage.

Erster Diener.
Was hat er für einen Arm! Er schwenkte mich herum mit seinem Daum und Finger, wie man einen Kreisel tanzen läßt.

Zweiter Diener.
Nun, ich sah gleich an seinem Gesicht, daß was Besonderes in ihm steckte. Er hatte mir eine Art von Gesicht, sag ich – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.

Erster Diener.
Das hatte er. Er sah aus, gleichsam – ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht dachte, es wäre mehr in ihm, als ich denken konnte.

Zweiter Diener.
Das dachte ich auch, mein Seel. Er ist geradezu der herrlichste Mann der Welt.

Erster Diener.
Das glaube ich auch. Aber einen besseren Krieger als er kennst du doch wohl.

Zweiter Diener.
Wer? mein Herr?

Erster Diener.
Ja, das ist keine Frage.

Zweiter Diener.
Der wiegt sechs solche auf.

Erster Diener.
Nein, das nun auch nicht, doch ich halte ihn für einen bessern Krieger.

Zweiter Diener.
Mein Treu! sieh, man kann nicht sagen, was man davon denken soll; was die Verteidigung einer Stadt betrifft, da ist unser Feldherr vorzüglich.

Erster Diener.
Ja, und auch für den Angriff.

Der dritte Diener kommt zurück.

Dritter Diener.
O, Bursche, ich kann euch Neuigkeiten erzählen, Neuigkeiten, ihr Flegel!

Die beiden andern.
Was? was? was? Laß hören.

Dritter Diener.
Ich wollte kein Römer sein, lieber alles in der Welt; lieber wäre ich ein verurteilter Mensch.

Erster und zweiter Diener.
Warum? Warum?

Dritter Diener.
Nun, der ist da, der unsern Feldherrn immer zwackte, der Cajus Marcius.

Erster Diener.
Warum sagtest du, unsern Feldherrn zwacken?

Dritter Diener.
Ich sage just nicht, unsern Feldherrn zwacken; aber er war ihm doch immer gewachsen.

Zweiter Diener.
Kommt, wir sind Freunde und Kameraden. Er war ihm immer zu mächtig, das habe ich ihn selbst sagen hören.

Erster Diener.
Er war ihm, kurz und gut, zu mächtig, Vor Corioli hackte und zwackte er ihn wie eine Karbonade.

Zweiter Diener.
Und hätte er was von einem Kannibalen gehabt, so hätte er ihn wohl gebraten und aufgegessen dazu.

Erster Diener.
Aber dein andres Neues?

Dritter Diener.
Nun, da drinnen machen sie soviel Aufhebens von ihm, als wenn er der Sohn und Erbe des Mars wäre. Obenan gesetzt bei Tische, von keinem der Senatoren gefragt, der sich nicht barhäuptig vor ihn hinstellt. Unser Feldherr selbst tut, als wenn er seine Geliebte wäre, segnet sich mit Berührung seiner Hand und dreht das Weiße in den Augen heraus, wenn er spricht. Aber der Grund und Boden meiner Neuigkeit ist: unser Feldherr ist mitten durchgeschnitten und nur noch die Hälfte von dem, was er gestern war; denn der andre hat die Hälfte durch Ansuchen und Genehmigung der ganzen Tafel. Er sagt, er will gehn und den Pförtner von Rom bei den Ohren zerren, er will alles vor sich niedermähen und sich glatten Weg machen.

Zweiter Diener.
Und er ist der Mann danach, es zu tun, mehr als irgend jemand, den ich kenne.

Dritter Diener.
Es zu tun? Freilich wird er's tun! Denn versteht, Leute, er hat ebensoviel Freunde als Feinde; und diese Freunde, Leute, wagten gleichsam nicht, versteht mich, Leute, sich als seine Freunde, wie man zu sagen pflegt, zu zeigen, solange er in Mißkreditierung war.

Erster Diener.
In Mißkreditierung? Was ist das?

Dritter Diener.
Aber Leute, wenn sie seinen Kamm wieder hoch sehen werden und den Mann in seiner Kraft, so werden sie aus ihren Höhlen kriechen wie Kaninchen nach dem Regen, und ihm alle nachlaufen.

Erster Diener.
Aber wann geht das los?

Dritter Diener.
Morgen, heute, sogleich. Ihr werdet die Trommel heute nachmittag schlagen hören, es ist gleichsam noch eine Schüssel zu ihrem Fest, die verzehrt werden muß, ehe sie sich den Mund abwischen.

Zweiter Diener.
Nun, so kriegen wir doch wieder eine muntre Welt. Der Friede ist zu nichts gut als Eisen zu rosten, Schneider zu vermehren und Bänkelsänger zu schaffen.

Erster Diener.
Ich bin für den Krieg, sage ich, er übertrifft den Frieden wie der Tag die Nacht; er ist lustig, wachsam, gesprächig, immer was Neues; Friede ist Stumpfheit, Schlafsucht, dick, faul, taub, unempfindlich und bringt mehr Bastarde hervor, als der Krieg Menschen erwürgt.

Zweiter Diener.
Richtig; und wie man auf gewisse Weise den Krieg Notzucht nennen kann, so macht, ohne Widerrede, der Friede viele Hahnrei'.

Erster Diener.
Ja, und er macht, daß die Menschen einander hassen.

Dritter Diener.
Und warum? Weil sie dann einander weniger nötig haben. Der Krieg ist mein Mann. – Ich hoffe, Römer sollen noch ebenso wohlfeil werden als Volsker. Sie stehn auf, sie stehn auf!

Alle.
Hinein! hinein!

(Alle ab.)

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