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William Shakespeare: Coriolanus - Kapitel 17
Quellenangabe
typetragedy
booktitleJulius Cäsar ? Antonius und Cleopatra ? Coriolanus
authorWilliam Shakespeare
translatorDorothea Tieck
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20633-X
titleCoriolanus
pages201-203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Szene

Das Forum

Sicinius und Brutus treten auf

Brutus.
Das muß der Hauptpunkt sein: daß er erstrebt
Tyrannische Gewalt; entschlüpft er da,
Treibt ihn mit seinem Volkshaß in die Enge,
Und daß er nie verteilen ließ die Beute,
Die den Antiaten abgenommen ward.
Ein Ädil tritt auf.
Nun, kommt er?

Ädil.
Er kommt.

Brutus.
Und wer begleitet ihn?

Ädil.
Der alte
Menenius und die Senatoren, die
Ihn stets begünstigt.

Brutus.
Habt Ihr ein Verzeichnis
Von allen Stimmen, die wir uns verschafft,
Geschrieben nach der Ordnung?

Ädil.
Ja, hier ist's.

Brutus.
Habt Ihr nach Tribus sie gesammelt?

Ädil.
Ja.

Sicinius.
So ruft nun ungesäumt das Volk hieher,
Und hören sie mich sagen: «So soll's sein,
Nach der Gemeinen Fug und Recht», sei's nun
Tod, Geldbuß oder Bann: so laß sie schnell
«Tod» rufen, sag ich: «Tod!», «Geldbuße», sag ich: «Buße»,
Auf ihrem alten Vorrecht so bestehn
Und auf der Kraft in der gerechten Sache.

Ädil.
Ich will sie unterweisen.

Brutus.
Und haben sie zu schreien erst begonnen,
Nicht aufgehört, nein, dieser wilde Lärm
Muß die Vollstreckung Augenblicks erzwingen
Der Strafe, die wir rufen.

Ädil.
Wohl, ich gehe.

Sicinius.
Und mach sie stark und unserm Wink bereit,
Wann wir ihn immer geben.

Brutus.
Macht Euch dran!
(Der Ädil geht ab.)
Reizt ihn sogleich zum Zorn; er ist gewohnt
Zu siegen, und ihm gilt als höchster Ruhm
Der Widerspruch. Einmal in Wut, nie lenkt er
Zur Mäßigung zurück; dann spricht er aus,
Was er im Herzen hat; genug ist dort,
Was uns von selbst hilft, ihm den Hals zu brechen.

Es treten auf Coriolanus, Menenius, Cominius, Senatoren und Patrizier.

Sicinius.
Nun seht, hier kommt er.

Menenius.
Sanft, das bitt ich dich.

Coriolanus.
Ja, wie ein Stallknecht, der für lumpgen Heuer
Den Schurken zehnfach einsteckt. – Hohe Götter!
Gebt Rom den Frieden und den Richterstühlen
Biderbe Männer! Pflanzet Lieb uns ein!
Füllt dicht mit Friedensprunk die Tempelhallen,
Und nicht mit Krieg die Straßen.

Erster Senator.
Amen! Amen!

Menenius.
Ein edler Wunsch.

Sicinius.
Ihr Bürger, tretet näher.

Der Ädil kommt mit den Bürgern.

Ädil.
Auf die Tribunen merkt! Gebt acht! Still! still!

Coriolanus.
Erst hört mich reden.

Beide Tribunen.
Gut, sprecht – ruhig denn.

Coriolanus.
Werd ich nicht weiter angeklagt als hier?
Wird alles jetzt gleich ausgemacht?

Sicinius.
Ich frage:
Ob Ihr des Volkes Stimm Euch unterwerft,
Die Sprecher anerkennt und willig tragt
Die Strafe des Gesetzes für die Fehler,
Die man Euch dartun wird?

Coriolanus.
Ich trage sie.

Menenius.
O, Bürger, seht! er sagt, er will sie tragen:
Der Kriegesdienste, die er tat, gedenkt;
Seht an die Wunden, die sein Körper hat,
Sie gleichen Gräbern auf geweihtem Boden.

Coriolanus.
Geritzt von Dornen, Schrammen, nur zum Lachen.

Menenius.
Erwägt noch ferner:
Daß, hört ihr ihn nicht gleich dem Bürger sprechen,
Den Krieger findet ihr in ihm. Nehmt nicht
Den rauhen Klang für bös gemeintes Wort;
Nein, wie gesagt, so wie's dem Krieger ziemt,
Nicht feindlich euch.

Cominius.
Gut, gut, nichts mehr.

Coriolanus.
Wie kommt's,
Daß ich, einstimmig anerkannt als Konsul,
Nun so entehrt bin, daß zur selben Stunde
Ihr mir die Würde nehmt?

Sicinius.
Antwortet uns.

Coriolanus.
Sprecht denn, 's ist wahr, so sollt ich ja.

Sicinius.
Wir zeihn dich, daß du hast gestrebt, zu stürzen
Recht und Verfassung Roms und so dich selbst
Tyrannisch aller Herrschaft anzumaßen,
Und darum stehst du hier als Volksverräter.

Coriolanus.
Verräter! –

Menenius.
Still nur, mäßig! – Dein Versprechen.

Coriolanus.
Der tiefsten Hölle Glut verschling das Volk!
Verräter ich! du lästernder Tribun!
Und säßen tausend Tod' in deinem Auge,
Und packten Millionen deine Fäuste,
Wärn doppelt die auf deiner Lügnerzunge:
Ich, ich sag' dennoch dir, du lügst! – die Brust
So frei, als wenn ich zu den Göttern bete.

Sicinius.
Hörst du dies, Volk?

Die Bürger.
Zum Fels mit ihm! Zum Fels mit ihm!

Sicinius.
Seid ruhig!
Wir brauchen neuer Fehl' ihn nicht zu zeihn;
Was ihr ihn tun saht, reden hörtet,
Wie er euch fluchte, eure Diener schlug,
Streiche dem Recht erwidernd, denen trotzte,
Die, machtbegabt, ihn richten sollten: dies
So frevelhaft, so hochverräterisch,
Verdient den härtsten Tod.

Brutus.
Doch, da er Dienste
Dem Staat getan –

Coriolanus.
Was schwatzt Ihr noch von Diensten?

Brutus.
Ich sag es, der ich's weiß.

Coriolanus.
Ihr?

Menenius.
Ist es dies,
Was Eurer Mutter Ihr verspracht?

Cominius.
O hört.
Ich bitt Euch.

Coriolanus.
Nein, ich will nichts weiter hören.
Laß sie ausrufen: Tod vom steilen Fels,
Landflüchtges Elend, Schinden, eingekerkert
Zu schmachten, tags mit einem Korn – doch kauft ich
Nicht für ein gutes Wort mir ihre Gnade,
Nicht zähmt ich mich, für was sie schenken können,
Bekäm ich's für 'nen «Guten Morgen» schon.

Sicinius.
Weil er, soviel er konnt, von Zeit zu Zeit,
Aus Haß zum Volke Mittel hat gesucht,
Ihm seine Macht zu rauben, und auch jetzt
Als Feind sich wehrt, nicht nur in Gegenwart
Erhabnen Rechts, nein, gegen die Beamten,
Die es verwalten: in des Volkes Namen
Und unsrer, der Tribunen, Macht verbannen
Wir augenblicklich ihn aus unsrer Stadt.
Bei Strafe, vom Tarpejschen Fels gestürzt
Zu sein, betret er nie die Tore Roms.
In 's Volkes Namen sag ich: So soll's sein.

Die Bürger.
So soll es sein! So soll's sein! Fort mit ihm!
Er ist verbannt, und also soll es sein.

Cominius.
Hört mich, ihr Männer, Freunde hier im Volk.

Sicinius.
Er ist verurteilt. Nichts mehr.

Cominius.
Laßt mich sprechen.
Ich war eur Konsul, und Rom kann an mir
Die Spuren seiner Feinde sehn. Ich liebe
Des Vaterlandes Wohl mit zartrer Ehrfurcht,
Heiliger und tiefer als mein eignes Leben,
Mehr als mein Weib und ihres Leibes Kinder,
Die Schätze meines Bluts. Wollt ich nun sagen – –

Sicinius.
Wir wissen, was Ihr wollt. Was könnt Ihr sagen?

Brutus.
Zu sagen ist nichts mehr. Er ist verbannt
Als Feind des Volks und seines Vaterlands.
So soll's sein.

Die Bürger.
So soll's sein! So soll es sein!

Coriolanus.
Du schlechtes Hundepack! des Hauch ich hasse
Wie fauler Sümpfe Dunst; des Gunst mir teuer
Wie unbegrabner Männer totes Aas,
Das mir die Luft vergift't. – Ich banne dich!
Bleibt hier zurück mit eurem Unbestand,
Der schwächste Lärm mach euer Herz erbeben,
Eur Feind mit seines Helmbuschs Nicken fächle
Euch in Verzweiflung; die Gewalt habt immer,
Zu bannen eure Schützer – bis zuletzt
Eur stumpfer Sinn, der glaubt, erst wenn er fühlt,
Der nicht einmal euch selbst erhalten kann,
Stets Feind euch selbst, euch endlich unterwerfe
Als höchst verworfne Sklaven einem Volk
Das ohne Schwertstreich euch gewann. Verachtend
Um euch die Stadt – wend ich so meinen Rücken –
Noch anderswo gibt's eine Welt.

(Coriolanus, Cominius, Menenius, Senatoren und Patrizier gehn ab.)

Ädilen.
Des Volkes Feind ist fort! ist fort! ist fort!

Die Bürger.
Verbannt ist unser Feind! ist fort! Ho! Ho!

(Sie jauchzen und werfen ihre Mützen.)

Sicinius.
Geht, seht ihm nach zum Tor hinaus und folgt ihm,
Wie er euch sonst mit bitterm Schmähn verfolgte,
Kränkt ihn, wie er's verdient. – Laßt eine Wache
Uns durch die Stadt begleiten.

Die Bürger.
Kommt, kommt! ihm nach! zum Tor hinaus, so kommt!
Edle Tribunen, euch der Götter Schutz!

(Alle ab.)

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