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William Shakespeare: Coriolanus - Kapitel 14
Quellenangabe
typetragedy
booktitleJulius Cäsar ? Antonius und Cleopatra ? Coriolanus
authorWilliam Shakespeare
translatorDorothea Tieck
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20633-X
titleCoriolanus
pages201-203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Szene

Das Forum

Mehrere Bürger treten auf

Erster Bürger.
Ein und für allemal: wenn er unsre Stimmen verlangt, können wir sie ihm nicht abschlagen.

Zweiter Bürger.
Wir können, Freund, wenn wir wollen.

Dritter Bürger.
Wir haben freilich die Gewalt; aber es ist eine Gewalt, die wir nicht Gewalt haben, zu gebrauchen. Denn wenn er uns seine Wunden zeigt und seine Taten erzählt, so müssen wir unsre Zungen in diese Wunden legen und für ihn sprechen; ebenso, wenn er uns seine edlen Taten mitteilt, so müssen wir ihm unsre edle Anerkennung derselben mitteilen. Undankbarkeit ist ungeheuer; wenn die Menge nun undankbar wäre, das hieße, aus der Menge ein Ungeheuer machen; wir, die wir Glieder derselben sind, würden ja dadurch Ungeheuerglieder werden.

Erster Bürger.
Und es fehlt wenig, daß wir für nichts besser gehalten werden; denn dazumal, als wir wegen des Korns einen Aufstand machten, scheute er sich nicht, uns die vielköpfige Menge zu nennen.

Dritter Bürger.
So hat uns schon mancher genannt. Nicht, weil von unsern Köpfen einige braun, einige schwarz, einige scheckig und einige kahl sind, sondern weil unser Witz so vielfarbig ist; und das glaube ich wahrhaftig, auch wenn alle unsre Witze aus einem und demselben Schädel herausgelassen würden, so flögen sie nach Ost, West, Nord und Süd; und verständigten sie sich, einen graden Weg zu suchen, so würden sie zugleich auf allen Punkten des Kompasses sein.

Zweiter Bürger.
Glaubst du das? Wohin, denkst du, würde dann mein Witz fliegen?

Dritter Bürger.
O! dein Witz kann nicht so schnell heraus, als der von andern Leuten; denn er ist zu fest in einen Klotzkopf eingekeilt; aber wenn er seine Freiheit hätte, so würde er gewiß südwärts fliegen.

Zweiter Bürger.
Warum dahin?

Dritter Bürger.
Um sich in einem Nebel zu verlieren; wären nun drei Viertel davon in faulem Dunst weggeschmolzen, so würde der letzte Teil aus Gewissenhaftigkeit zurückkommen, um dir zu einer Frau zu verhelfen.

Zweiter Bürger.
Du hast immer deine Schwänke im Kopf. Schon gut, schon gut!

Dritter Bürger.
Seid ihr alle entschlossen, eure Stimmen zu geben? Aber das macht nichts; die größere Zahl setzt es durch. Ich bleibe dabei: wenn er dem Volke geneigter wäre, so gab es nie einen bessern Mann.
Coriolanus und Menenius treten auf.
Hier kommt er! und zwar in dem Gewand der Demut. Gebt acht auf sein Betragen. – Wir müssen nicht so beisammen bleiben, sondern zu ihm gehn, wo er steht, einzeln oder zu zweien und dreien. Er muß jedem besonders eine Bitte vortragen, dadurch erlangt der einzelne die Ehre, ihm seine eigne Stimme mit seiner eignen Zunge zu geben. Darum folgt mir, und ich will euch anweisen, wie ihr zu ihm gehn sollt.

Alle.
Recht so, recht so!

(Sie gehn ab.)

Menenius.
Nein, Freund, Ihr habt nicht recht. Wißt Ihr denn nicht,
Die größten Männer taten's.

Coriolanus.
Was nur sag ich?
Ich bitte! – Herr. – Verdammt! ich kann die Zunge
In diesen Gang nicht bringen. Seht die Wunden –
Im Dienst des Vaterlands empfing ich sie,
Als ein'ge Euer Brüder brüllend liefen
Vor unsern eignen Trommeln.

Menenius.
Nein. – Ihr Götter!
Nicht davon müßt Ihr reden. Nein, sie bitten,
An Euch zu denken.

Coriolanus.
An mich denken! Hängt sie!
Vergäßen sie mich lieber, wie die Tugend,
Umsonst von Priestern eingeschärft.

Menenius.
Ich bitte!
Verderbt nicht alles, sprecht sie an; doch, bitt ich,
Anständger Weis.

Es kommen zwei Bürger.

Coriolanus.
Heißt ihr Gesicht sie waschen
Und ihre Zähne reinigen. Ach! da kommt so'n Paar!
Ihr wißt den Grund, weshalb ich hier bin, Freund.

Erster Bürger.
Jawohl; doch sagt, was Euch dazu gebracht?

Coriolanus.
Mein eigner Wert.

Zweiter Bürger.
Euer eigner Wert?

Coriolanus.
Ja, Nicht
Mein eigner Wunsch.

Erster Bürger.
Wie? Nicht Euer eigner Wunsch?

Coriolanus.
Nein, Freund! nie war's mein eigner Wunsch, mit Betteln
Den Armen zu belästigen.

Erster Bürger.
Ihr müßt denken,
Wenn wir Euch etwas geben, ist's in Hoffnung,
Durch Euch auch zu gewinnen.

Coriolanus.
Gut, sagt mir den Preis des Konsulats.

Erster Bürger.
Der Preis ist: freundlich drum zu bitten.

Coriolanus.
Freundlich?
Ich bitte, gönnt mir's. Wunden kann ich zeigen,
Wenn wir allein sind – Eure Stimme, Herr!
Was sagt Ihr?

Zweiter Bürger.
Würdger Mann, Ihr sollt sie haben.

Coriolanus.
Geschloßner Kauf!
Zwei edle Stimmen also schon erbettelt.
Eur Almosen hab ich! – Geht!

Erster Bürger.
Doch das ist seltsam.

Zweiter Bürger.
Müßt ich sie nochmals geben – doch – meinthalb.

(Sie gehn ab.)
Zwei andere Bürger kommen.

Coriolanus.
Ich bitt euch nun, wenn sich's zu dem Tone eurer Stimmen paßt, daß ich Konsul werde; ich habe hier den üblichen Rock an.

Dritter Bürger.
Ihr habt Euch edel um Euer Vaterland verdient gemacht und habt Euch auch nicht edel verdient gemacht.

Coriolanus.
Euer Rätsel?

Dritter Bürger.
Ihr waret eine Geißel für seine Feinde; Ihr waret eine Rute für seine Freunde. Ihr habt, die Wahrheit zu sagen, das gemeine Volk nicht geliebt.

Coriolanus.
Ihr solltet mich für um so tugendhafter halten, da ich meine Liebe nicht gemein gemacht habe. Freund, ich will meinem geschwornen Bruder, dem Volk, schmeicheln, um eine beßre Meinung von ihm zu ernten: es ist ja eine Eigenschaft, die sie hoch anrechnen. Und da der Weisheit ihrer Wahl mein Hut lieber ist als mein Herz, so will ich mich auf die einschmeichelnde Verbeugung üben und mich mit ihnen abfinden auf ganz nachäffende Art. Das heißt, Freund, ich will die Bezauberungskünste irgendeines Volksfreundes nachäffen und den Verlangenden höchst freigebig mitteilen. Deshalb bitt ich euch: laßt mich Konsul werden.

Vierter Bürger.
Wir hoffen, uns in Euch einen Freund zu erwerben, und geben Euch darum unsre Stimmen herzlich gern.

Dritter Bürger.
Ihr habt auch mehrere Wunden für das Vaterland empfangen.

Coriolanus.
Ich will eure Kenntnis nicht dadurch besiegeln, daß ich sie euch zeige. Ich will eure Stimmen sehr hoch schätzen und euch nun nicht länger zur Last fallen.

Beide Bürger.
Die Götter geben Euch Freude: das wünschen wir aufrichtig. (Die Bürger gehn ab.)

Coriolanus.
O süße Stimmen!
Lieber verhungert, lieber gleich gestorben,
Als Lohn erbetteln, den wir schon erworben.
Warum soll hier im Narrenkleid ich stehn,
Um Hinz und Kunz und jeden anzuflehn
Um nutzlos Fürwort? Weil's der Brauch verfügt.
Doch wenn sich alles vor Gebräuchen schmiegt,
Wird nie der Staub des Alters abgestreift,
Berghoher Irrtum wird so aufgehäuft,
Daß Wahrheit nie ihn überragt. Eh zahm,
Noch Narr ich bin, sei aller Ehrenkram
Dem, den's gelüstet. – Halb ist's schon geschehn,
Viel überstanden, mag's nun weitergehn.
Drei andre Bürger kommen.
Mehr Stimmen noch! –
Eure Stimmen! denn für eure Stimmen focht ich,
Für eure Stimmen wacht ich, für eure Stimmen
Hab ich zwei Dutzend Narben; achtzehn Schlachten
Hab ich gesehn, gehört; für eure Stimmen
Getan sehr vieles, minder, mehr. Eure Stimmen!
Gewiß, gern wär ich Konsul.

Fünfter Bürger.
Er hat edel gehandelt, und kein redlicher Mann kann ihm seine Stimme versagen.

Sechster Bürger.
Darum laßt ihn Konsul werden. Die Götter verleihen ihm Glück und machen ihn zum Freund des Volkes.

Alle.
Amen! Amen!
Gott schütz dich, edler Konsul!

Coriolanus.
Würdge Stimmen!

(Die Bürger gehn ab.)
Menenius, Sicinius und Brutus treten auf.

Menenius.
Ihr gnügtet jetzt der Vorschrift. Die Tribunen
Erhöhen Euch durch Volkesstimm, es bleibt nur,
Daß im Gewand der Würde Ihr alsbald
Nun den Senat besucht.

Coriolanus.
Ist dies nun aus?

Sicinius.
Genügt habt Ihr dem Brauche des Ersuchens,
Das Volk bestätigt Euch, Ihr seid geladen
Zur Sitzung, um ernannt sogleich zu werden.

Coriolanus.
Wo? Im Senat?

Sicinius.
Ja, Coriolanus, dort.

Coriolanus.
Darf ich die Kleider wechseln?

Sicinius.
Ja, Ihr dürft es.

Coriolanus.
Das will ich gleich; und kenn ich selbst mich wieder,
Mich zum Senat verfügen.

Menenius.
Ich geh mit Euch. Wollt ihr uns nicht begleiten?

Brutus.
Wir harren hier des Volks.

Sicinius.
Gehabt euch wohl!
(Coriolan und Menenius gehn ab.)
Er hat's nun, und, mich dünkt, sein Blick verriet,
Wie's ihm am Herzen liegt.

Brutus.
Mit stolzem Herzen trug er
Der Demut Kleid. Wollt Ihr das Volk entlassen?

Die Bürger kommen zurück.

Sicinius.
Nun, Freunde, habt ihr diesen Mann erwählt?

Erster Bürger.
Ja, unsre Stimmen hat er.

Brutus.
Die Götter machen wert ihn eurer Liebe.

Zweiter Bürger.
Amen! Nach meiner armen, schwachen Einsicht
Verlacht' er uns, um unsre Stimmen bittend.

Dritter Bürger.
Gewiß, er höhnt' uns gradezu.

Erster Bürger.
Nein, das ist seine Art; er höhnt' uns nicht.

Zweiter Bürger.
Du bist der einzge, welcher sagt, er habe
Uns schmählich nicht behandelt; zeigen sollt er
Die Ehrenmal', fürs Vaterland die Wunden.

Sicinius.
Nun, und das tat er doch?

Mehrere Bürger.
Nein, keiner sah sie.

Dritter Bürger.
Er habe Wunden, insgeheim zu zeigen,
Sprach er, uns so den Hut verächtlich schwenkend:
Ich möchte Konsul sein; – doch, alter Brauch
Erlaubt es nicht, als nur durch eure Stimmen.
Drum eure Stimmen! – Als wir eingewilligt,
Da hieß es: Dank für eure Stimmen, dank euch!
O süße Stimmen! nun ihr gabt die Stimmen,
Stör ich euch länger nicht. – War das kein Hohn?

Sicinius.
Ihr waret blöde, scheint's, dies nicht zu sehn;
Und, saht ihr's, allzu kindisch, freundlich doch
Die Stimmen ihm zu leihn.

Brutus.
Was? Spracht ihr nicht
Nach Anweisung? Als er noch ohne Macht
Und nur des Vaterlands geringer Diener,
Da war er euer Feind, sprach stets der Freiheit
Entgegen und den Rechten, die ihr habt
Im Körper unsers Staats; und nun erhoben
Zu mächtgem Einfluß und Regierung selbst –
Wenn er auch da mit bösem Sinn verharrt,
Feind der Plebejer, könnten eure Stimmen
Zum Fluch euch werden. Konntet ihr nicht sagen:
Gebühr auch seinem edlen Tun nichts mindres,
Als was er suche, mög er doch mit Huld,
Zum Lohn für eure Stimmen, euer denken,
Verwandelnd seinen Haß für euch in Liebe,
Euch Freund und Gönner sein?

Sicinius.
Spracht ihr nun so,
Wie man euch riet, so ward sein Geist erregt,
Sein Sinn geprüft; so ward ihm abgelockt
Ein gütiges Versprechen, woran ihr,
Wenn Ursach sich ergab, ihn mahnen konntet.
Wo nicht, so ward sein trotzig Herz erbittert,
Das keinem Punkt sich leicht bequemt, der irgend
Ihn binden kann; so, wenn in Wut gebracht,
Nahmt ihr den Vorteil seines Zornes wahr,
Und er blieb unerwählt.

Brutus.
Bemerktet ihr,
Wie er euch frech verhöhnt', indem er bat,
Da eure Lieb er brauchte? Wie – und glaubt ihr,
Es wird euch nicht sein Hohn zermalmend treffen,
Wenn ihm die Macht wird? War in all den Körpern
Denn nicht ein Herz? Habt ihr nur deshalb Zungen,
Weisheit, Vernunft zu überschrein?

Sicinius.
Habt ihr
Nicht Bitten sonst versagt? und jetzo ihm,
Der euch nicht bat, nein, höhnte, wollt ihr schenken
Die Stimmen, die sonst jeder ehrt?

Dritter Bürger.
Noch ward er nicht ernannt, wir können's weigern.

Zweiter Bürger.
Und wollen's weigern.
Fünfhundert Stimmen schaff ich von dem Klang.

Erster Bürger.
Ich dopple das und ihre Freund' als Zutat.

Brutus.
So macht euch eilig fort. Sagt diesen Freunden,
Sie wählen einen Konsul, der der Freiheit
Sie wird berauben, uns so stimmlos machen
Wie Hunde, die man für ihr Kläffen schlägt
Und doch zum Kläffen hält.

Sicinius.
Versammelt sie
Und widerruft, nach reiferm Urteil, alle
Die rasche Wahl. An seinen Stolz erinnert,
An seinen alten Groll auf euch. Vergeßt nicht,
Wie er mit Hoffart trug der Demut Kleid,
Wie flehend er euch höhnt'. Nur eure Liebe,
Gedenkend seiner Dienste, hindert' euch,
Zu sehn, wie sein Benehmen jetzt erschien,
Das achtungslos und spöttisch er gestaltet
Nach eingefleischtem Haß.

Brutus.
Legt alle Schuld
Uns, den Tribunen, bei und sprecht: wir drängten
Euch, keines Einwurfs achtend, so, daß ihr
Ihn wählen mußtet.

Sicinius.
Sagt, ihr stimmtet bei
Mehr, weil wir's euch befohlen als geleitet
Von eigner, wahrer Lieb; und eur Gemüt
Erfüllt von dem mehr, was ihr solltet tun,
Als was ihr wolltet, gabt ihr eure Stimmen
Ganz gegen euern Sinn. Gebt uns die Schuld.

Brutus.
Ja, schont uns nicht; sagt, daß wir euch gepredigt,
Wie jung er schon dem Vaterland gedient,
Wie lang seitdem; aus welchem Stamm er sproßt,
Dem edlen Haus der Marcier; daher kam
Auch Ancus Marcius, Numas Tochtersohn,
Der nach Hostilius hier als König herrschte;
Das Haus gab uns auch Publius und Quintus,
Die uns durch Röhren gutes Wasser schafften;
Auch Censorinus, er, des Volkes Liebling,
Den, zweimal Censor, dieser Name schmückte,
Der war sein großer Ahn.

Sicinius.
Ein so Entsproßner,
Der außerdem durch eignen Wert verdiente
Den hohen Platz; wir schärften stets euch ein,
Sein zu gedenken; doch da ihr erwägt
(Messend sein jetzges Tun mit dem vergangnen),
Er werd euch ewig Feind sein, widerruft ihr
Den übereilten Schluß.

Brutus.
Sagt, nimmer wär's geschehn
(Darauf kommt stets zurück) ohn unsern Antrieb.
Und eilt, wenn ihr die Stimmzahl gezogen,
Aufs Kapitol.

Mehrere Bürger.
Das wolln wir. Alle fast
Bereun schon ihre Wahl. (Die Bürger gehn ab.)

Brutus.
So geh's nun fort;
Denn besser ist's, den Aufstand jetzt zu wagen,
Der später noch gefährlicher sich zeigte.
Wann er, nach seiner Art, in Wut gerät
Durch ihr Verweigern, so bemerkt und nützt
Den Vorteil seines Zorns.

Sicinius.
Zum Kapitol!
Kommt, laßt uns dort sein vor dem Strom des Volks;
Dies soll, wie's teilweis ist, ihr Wille scheinen,
Was unser Treiben war.

(Sie gehn ab.)

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