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Conrad und Siegfried von Feuchtwangen, Großmeister des deutschen Ordens. Erster Teil

Benedikte Naubert: Conrad und Siegfried von Feuchtwangen, Großmeister des deutschen Ordens. Erster Teil - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorChristiane Benedikte Naubert
titleConrad und Siegfried von Feuchtwangen, Großmeister des deutschen Ordens. Erster Teil
publisherEngelsdorfer Verlag
editorSylvia Kolbe
year2008
isbn9783869010434
firstpub1792
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Svintaroha

Jahrhunderte verfließen, und reißen in ihrem Strome das Andenken manches Heldennamens, die Spur mancher Edeltat mit sich dahin, welche würdig gewesen wäre, für die Ewigkeit aufbehalten zu werden; doch zu dem Dichter geschieht zuweilen ein Wort in nächtlicher Stunde von längst vergessenen Dingen, und ein Genius flüstert in sein Ohr den Nachhall der Sage, welche längst nicht mehr über die Lippen der spätern Nachwelt gleitete.

Taten reihen sich an Taten, Namen an Namen: das Glück wählt, wie überall, so auch hier, mit verbundenen Augen, bewahret diese als ein Heiligtum, und läßt jene, viele leicht von gleicher Würde, der Vergessenheit des Grabes: – ziemt demjenigen, welchem sich die Nacht der Vorzeit erhellt, gleiche Parteilichkeit? – Nein jeder Name, der sich an den Namen seines Helden kettete, werde genannt, jede Tat, die mit Siegfrieds und Conrads Taten wetteiferte, ans Licht gestellt; neben ihnen treten alle die glorreichen Ahnen des deutschen Ordens hervor, welche Feuchtwangens Zeitverwandte waren, und die Welt erfahre, wer Ulrich von Magdeburg, wer Heinrich Zuckeschwert, und Martin Golin waren; erfahre noch mehr, als selbst Peter von Dusburg wusste, und werde zweifelhaft, welcher dieser großen Männer, den Mann an der Spitze dieser Blätter zu verdrängen, wenigstens ihm zur Seite stehen würdig sei.

*

In einer Nacht, wie die gegenwärtige, da die Muse den Faden der Erzählung ergreift, in einer schwarzen, düstern, gestirnlosen Nacht, langten nach zehntägiger, unwegsamer, gefahrvoller Reise zwei Krieger zu Svintaroha an; ihre Stirn entstellten breite schirmende Hüte, wie sie der Landmann damals in den dasigen Gegenden zu tragen pflegte; die blanke Rüstung verhüllten raue flockige Mäntel; ihr Fußtritt war leise, leiser noch der Ton ihrer Stimme: wer ihr ganzes Alles in der Nähe musterte, hätte die Fliehenden, die Kundschafter, oder die heimlichen Werkzeuge zu großen Dingen nicht verkennen können. – Sie waren vielleicht eins, vielleicht alles, was wir eben genannt haben; welches am meisten, mag der Leser aus der Folge sehen.

Die Gegend, die sie eben betraten, war öde und einsam; so wie sie der Mond, der zuweilen aus schwarzen Wolken hervor trat, auf Augenblicke sichtbar machte, eine weite unabsehliche Fläche, seit kurzer Zeit erst das, was sie jetzt war. Die Unebenheit des Erdreichs, die Hindernisse, die der Fuß fast bei jedem Schritte im Gehen fand, zeigten, daß vor wenig Wochen hier noch die düsteren Schatten eines Hains ruheten, den die Axt hinweg räumte, und dessen an der Grenze übrig gelassene Reste den Wanderern dann und wann, so wie zuweilen die Finsternis wich, am fernen Horizont wie schwarze Gewölke empor stiegen. Sie kannten den Ort nicht, den ihre Füße berührten; sie wussten nicht einmal so viel von ihm, als unsere Leser, seinen Namen, ungeachtet auch in diesem immer noch wenig genug gelegen haben würde, sie zu belehren. – Schon lange hatten sie, bald in Gedanken, bald mit leisen Worten gefragt: »Wo sind wir, und was begab sich auf dieser Stelle?« –

Ein heimlicher Schauer weissagte ihrem furchtlosen Herzen, das sonst vor nichts zu zittern pflegte, ungemeine Dinge; aber Aufklärung ihrer dunklen Gefühle konnte ihnen niemand geben, denn – sie waren allein.

Die Gegend war, bei allem unheimlichen Grauen, das sie umwehte, nicht unlieblich; weiches Moos kleidete den Boden an den Stellen, wo er nicht Überbleibsel ausgerotteter Bäume zeigte; zwei klare Ströme Die Vilna und Vilia. rauschten neben einander in hohen Ufern daher, bis an eine Stelle, da sie sich brüderlich vereinten, um den Weg zum Meere gemeinschaftlich fortzusetzen. Diese Stelle war die heimlichste und ahndungsvollste auf der ganzen Fläche. Das Rauschen der Flüsse war stärker, so wie sie zusammen strömten; fünf hohe Fichten, dem Anscheine nach so alt, wie der Boden, aus dem sie sich himmelan streckten, beschatteten den Winkel zwischen den Wasser: ein weißer Marmorstein, durch seinen blendenden Glanz selbst in der Nacht sichtbar, ruhete im Kreise der riesenförmigen Bäume; Charaktere waren ihm eingegraben, welche vermutlich Nachricht von dem enthielten, was hier geschah, Befriedigung für die Neugier der beiden Pilger; aber zum Unglück wurden diese durch Mangel an hinlänglichem Lichte gehindert, sich zu belehren.

»Bruder«, sagte der eine zum andern, »der Weg war lang und beschwerlich, den wir gingen; ich schmachte nach Ruhe; ist's ratsam, sie an dieser Stelle zu nehmen?«

»Lass uns weiter gehen, Ulrich! schwerlich ward dieser Stein zur Ruhe für müde Wanderer bestimmt.«

»Die Gegend rund um ist heilig und schauervoll; vielleicht ein Schlachtgefilde, wo Heldenblut die Erde düngte.«

»Vielleicht Blut unserer Brüder, oder Blut der Ritter vom Schwerte; Gelegenheit, für den Glauben zu bluten, fehlt in diesen Gegenden nimmer.«

»Gott gebe, daß die, welche hier fielen, des süßen Todes mit dem Schwerte in der Faust starben, nicht des scheußlichen wehrlosen Todes unter der Wut ergrimmter Heiden!« Die Wut, die heidnische Völker dieser Gegenden zu bekehren, reizte die ihrige, angeerbte Meinungen zu verteidigen. Ihre Rache gegen die Christen, besonders gegen die geistlichen Ordensleute, ihre Verfolger und Bekehrer, war grausam. Hirzhols und der andere hier genannte starben unter ihren Händen des schrecklichen Feuertodes, andere auf noch fürchterlichere Art. Grausamkeit reizte zu grausamer Rache; auch die deutschen Ritter waren nicht ganz rein von unschuldig vergossenem Blute der Liefen, Preußen usw., und endlose Widervergeltung kostete von beiden Seiten manchem edlen Manne sein Heldenleben.

Conrad hörte, was Ulrich sagte, und verstand seine Meinung; denn er sah, was dieser im Weitergehen gewahr ward, Spuren eines großen Brandes unter seinen Füßen. Ein hervor blickender Mondstrahl zeigte ihm, daß vor wenig Tagen hier ein Scheiterhaufen geflammt hatte. Weiß gebrannte Überbleibseln von Menschen- oder Tiergebeinen, die hier und da unter Asche und Kohlen zerstreut lagen, machten, daß ein Schauer durch seine Glieder bebte, kein Schauer der Angst, sondern des innerlichen Grimmes; er dachte an Hirzholzens und Heinrich Ulenbuschs gräulichen Märtyrertod, und knirschte mit den Zähnen. – Ulrichs und Conrads Empfindungen waren sich gleich: ihre Gedanken behielten, so wie beide den Weg fortsetzten, lange Zeit einerlei Richtung; aber sie ließen dieselbe durch kein Wort laut werden; die Gefühle, unter welchen ihre Seele arbeitete, waren zu mächtig, um Äußerung zu verstatten.

Der Weg über die große Ebene war jetzt zurück gelegt; sie sahen sich am Eingange eines dichten Fichtenwaldes, den sie schon längst am Horizonte wie ein düsteres Gewölk hatten ruhen sehen. Eine kurze Berechnung des Wege, den sie zu nehmen hatten, und dann der Schluß, daß weder die Finsternis noch die Gefahren dieses Hains gescheuet werden dürften, um an Ort und Stelle zu gelangen, wohin sie von ihren Obern bestimmt waren.

– Die Schrecknisse des Pfads, den die Helden betraten, waren nicht klein; doch, eben weil sie Helden waren, fühlten sie nur wenig von denselben; bei anderen, als sie, möchte dieser Hain, in welchem Bäume sich an Bäume drängten, im Zusammenhang mit der eben zurück gelegten Ebene zitternde Todesahndung erregt haben. Diese furchtbaren Schatten waren zweifelsfrei den alten Landesgöttern geweiht: jene Ebene trug, so wähnten die Ritter, die irgend noch sichtlichen Spuren von Rachopfer, die irgend einer beleidigten Gottheit dieser Gegenden geschlachtet worden wären. Ulrich und Conrad waren sich dessen, was ihnen an einer solchen Stelle bevor stand, lebhaft bewusst; doch gingen sie weiter, und nur Behutsamkeit war es, was die Vorstellung von Gefahr ihnen einflößte Behutsamkeit, die sich weniger auf ihre eigene Person, als auf die Sache des Ordens bezog, welche ihnen anvertraut war, und welche mit ihrem Leben verunglücken musste.

Conrad von Feuchtwangen und Ulrich von Magdeburg, die beiden Helden, welche wir hier vor uns haben, gehörten so wohl, was Rang, als was Tapferkeit anbetraf, unter die ersten des deutschen Ordens. Ersterer, ein Ritter aus einem der ältesten schwäbischen Geschlechter, hatte schon zwei Mal das Landmeistertum von Samland ausgeschlagen, und Ulrich, – braucht die Sage den Mann noch erst zu rühmen, dessen Riesenarm, als der Feind die Schiffe Markgraf Ottos von Brandenburg überrumpelte, ein Fahrzeug des Mastbaums beraubte, und mit dieser seltsamen Wehre ein feindliches Schiff mit fünfzig Feinden versenkte? und gilt hier nicht Erwähnung einer einzelnen Tat für zwanzig andere? Die Taten der damaligen Helden grenzen nahe ans Unglaubliche; die Sage erzählt sie nach, und der Hörer scheuet sich, sie Lügen zu strafen. Die Fantasie findet ihre Weide im Außerordentlichen; gewöhnliche Dinge sind nicht wert, der Nachwelt wiederholt zu werden.

Der deutsche Orden, welcher vornehmlich die Schule war, wo sich solche Helden bildeten, sah damals eine bedenkliche Epoche; die glänzenden Zeiten Hermanns von Salza, des Freundes der Fürsten, des Bezwingers der Ungläubigen, des Mehrers der Besitzungen der deutschen Ritter waren vorüber; das gegenwärtige Geschlecht der geistlichen Streiter hatte die volle Tapferkeit seiner Vorfahren geerbte; aber – nicht ihr Glück. Die Fürsten neideten die wachsende Größe des Ordens, und traten seinen Wünschen immer nur mit halben Herzen an die Seite; heimliche Feinde standen wider die Ritter auf, die gar bald öffentlich das Schwert blößten; und war gleich immer der Sieg zu ihrer Rechten, so fehlte es doch auch nicht an wichtigen Niederlagen, die wenigstens für die Zukunft ernstliche Besorgnisse entstehen ließen. Der damalige Hochmeister, Hanno von Sangerhausen, war nicht lässig gegen Fälle, die er voraus sah, Vorkehrungen zu machen, und, zum Rückhalt gegen einheimische Feinde, für auswärtige Stützen zu sorgen. In Geschäften dieser Art waren die beiden Ritter, deren Namen wir bereits genannt haben, ausgesandt worden. Ihr Weg ging weit über Land und Meer, und das, was sie in Litthauen zu besorgen hatten, war, so wichtig es auch für die gegenwärtige Not des Ordens sein mochte, noch immer nur das Nebenwerk.

Conrad von Feuchtwangen und sein Gefährte Ulrich setzten die Reise, welche ihnen vom Hochmeister anvertrauet war, als halbe Flüchtlinge fort; Ihre Person, ihre Namen waren bei den Feinden bekannt genug, ihnen Gefahr bei der Entdeckung zu drohen; aus der schwer belagerten Festung Balka waren sie durch einen Strick über die Mauer entkommen; die Helden, welche niemals flohen, mußten jetzt fliehen; sich verbergen, die gebahnten Pfade vermeiden, und der Gefahr und dem Tode, welchem sie immer zu trotzen pflegten, ausweichen, damit die gemeine Sache der Brüder nicht mit ihrem Leben zu Grunde ginge; schwere Pflichten für sie, die aber nach Eid, Gehorsam und Ordenspflicht so wenig verabsäumt werden durften, als Aufopferung des Lebens bei der Fahne des Kreuzes.

Sie setzten den gefährlichen Weg durch den Götzenhain, den sie eben begonnen hatten, so gut fort, als sie konnten, und erwarteten Erleichterung desselben von dem anbrechenden Tage, dem sie nun bald entgegen sahen. Schon grenzte die Nacht an den Morgen, als sich ihnen in der Ferne, mit dem Schimmer des ersten falben Dämmerlichtes vereint, der Glanz eines Feuers zeigte, das ihnen im Näherkommen das Herz des Waldes zu verzehren schien, und ihnen das Hindurchkommen als unmöglich vorstellte.

Flammen wallten himmelan; rote Funken sprühten, und Wolken von Rauch verschleierten von Zeit zu Zeit die ganze Szene. – Die Nacht vergrößerte alle Gegenstände, bei mehrerem Herannahen erblickten die Wanderer keinen brennenden Wald, sondern nur einen Scheiterhaufen von ziemlicher Größe, der auf einer ausgeholzten Stelle des Hains flammte, und rundum weit genug von den Bäumen entfernt war, um ihnen keine Gefahr zu drohen.

Jeder mehr herzu nahende Schritt zeigte den Rittern den Gegenstand ihrer Neugier deutlicher, zeigte ihnen endlich, was sie in dieser Wildnis seit mehreren Tagen nicht gesehen hatten, die Gestalt eines Menschen; eine bedenkliche Erscheinung in ihrer Lage! Ein einziges Auge, das sie zur Unzeit erblickte, ein einziger Mund, welcher nachsagen konnte, daß das Auge sie sah, drohete Verrat, und eine Kette von Zufällen, welche das große Ganze, auf welches hier alles ankam, vernichten mußten.

Wer in Gefahr nichts zu wagen hat, als sein Leben, geht mit einigem Mute und dem Degen in der Faust meistenteils sicher: der, welcher in seiner Person wichtigere Dinge schonen muss, hat oft Ursache vor einem rauschenden Blatte zu beben: die beiden Pilger befanden sich in diesem Falle; doch sie bebten nicht, und nach einigen Zwischenreden war die Partie bald gefunden, welche sie zu ergreifen hatten.

Die Figur, welche ihnen ersten Blicks Bedenken machte, war ohnedies nicht von der Art, daß bei ihrer nähern Untersuchung weitere Besorgnisse hätten Statt finden können.

Ritter Ulrich trat, als sie die Grenze des Waldes ganz erreicht hatten, zuerst auf die von der Glut beleuchtete Gegend, und erblickte die Menschengestalt, welche sie noch vor einer Viertelstunde beim Scheiterhaufen auf- und abgehend und das Feuer schürend gesehen hatten, jetzt zur Seite im Schatten eines zur Nahrung der Flammen bestimmten Holzstoßes eingeschlummert, erblickte in ihm einen schwachen weißhaarigen Greis, noch mehr, einen Bekannten, einen Freund, der durch seine lange geprüfte Treue den Rittern noch unverdächtiger war, als durch sein schwaches Alter und seinen Schlummer.

Ulrich untersuchte das Gesicht des schlafenden Alten noch einmal, und kehrte dann mit den Namen Jeroschin zu seinen Gefährten zurück. »Jeroschin?«, wiederholte Conrad, und eilte herbei, sich durch eigene Augen zu überzeugen. »Jeroschin Samile? der edle Pomesanier, den Heinrich Ulenbuschs Märterertod zum Christen, den sein Christentum zu meinem Freunde machte? – O erwache, erwache, guter Greis! Siehe dich hier in den Armen deines Sohnes, wie du mich so oft nanntest! siehe mich hier wieder in dem Falle, in den ich so oft kam, in dem Falle, Rat und Zurechtweisung bei dir zu suchen; Dienste, die ich dir nie vergelten kann.«

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