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Conrad der Leutnant

Carl Spitteler: Conrad der Leutnant - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleConrad der Leutnant
pages157-164
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1898
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Carl Spitteler

Conrad der Leutnant

Vorbemerkung des Verfassers

Unter «Darstellung» verstehe ich eine besondere Kunstform der Prosa-Erzählung mit eigentümlichem Ziel und mit besondern Stilgesetzen, welche diesem Ziel als Mittel dienen. Das Ziel heißt: denkbar innigstes Miterleben der Handlung. Die Mittel dazu lauten: Einheit der Person, Einheit der Perspektive, Stetigkeit des zeitlichen Fortschrittes. Also diejenigen Gesetze, unter welchen wir in der Wirklichkeit leben.

Mit erläuternden Worten: Die Hauptperson wird gleich mit dem ersten Satz eingeführt und hinfort nie mehr verlassen. Es wird ferner nur mitgeteilt, was jene wahrnimmt, und das so mitgeteilt, wie es sich in ihrer Wahrnehmung spiegelt. Endlich wird die Handlung lebensgetreu Stunde für Stunde begleitet, so daß der Erzähler sich nicht gestattet, irgendeinen Zeitabschnitt als angeblich unwichtig zu überspringen. Aus dem letzten Gesetz ergibt sich wiederum die Notwendigkeit, die Handlung binnen wenigen Stunden verlaufen zu lassen.

Selbstverständlich eignet sich nicht jeder Stoff zur «Darstellung», im Gegenteil, von Fragmenten abgesehen und Irrtum vorbehalten, bloß eine einzige Gattung von Stoffen, nämlich die gedrängten und geschlossenen («dramatischen»). Ja sogar unter ihnen nur solche, die es erlauben, auf ungezwungene Weise sämtliche wichtigen Motive unmittelbar vor der Entscheidung vorzuführen. Der Faden wird dann kurz vor der Entscheidung angefaßt und nach dem Willen der Wahrheit gesponnen. Erweist sich bei dunklen («tragischen») Stoffen mit großer Personenzahl nach dem Tode der Hauptperson noch ein abschließender Anhang als notwendig, um die Handlung von allen Seiten ausklingen zu lassen, so wird der abschließende Anhang aus der Perspektive einer überlebenden zweiten Hauptperson nach den nämlichen Gesetzen gearbeitet.

 

Der junge Conrad Reber aus dem «Pfauen» in Herrlisdorf, der Leutnant, strich durch den Stall, hinter den Gäulen vorbei, welche bei seiner Ankunft den Hals emporschleuderten und sich polternd zurechtstellten. Aber die rote Lissi, zuhinterst in der Ecke, schaute sich zutraulich um, hob den Schweif und spreizte die Schenkel.

«Was ist, Lissi?» machte der Leutnant. «Sag's, was möchtest mir klagen? Gelt, möchtest auch lieber auf dem Frauenfelder Exerzierplatz galoppieren, morgens früh um fünf, wenn die Trompeten schmettern, und Fensterparade am Sonntag vormittag und am Abend schöne Fräulein, die dir die Mähne streicheln, dir ein Zückerchen und mir ein Küßchen, als daheim Mist auf den Acker fahren und Zank und Schelten und saure Gesichter den langen Tag! Kehr dich links, kehr dich rechts, bück dich, streck dich, geschimpft wird auf jeden Fall. Hört das Schimpfen auf, so fängt das Seufzen an. Allein was meinst, Lissi? meinst nicht auch selber: wenn's zuviel ist, so ist's zuviel, und wenn's zu lange währt, so muß es ein Ende nehmen. So oder so, hinter sich oder für sich, in Güte oder in Krieg.»

Hiermit klatschte er dem Rößlein mit der Flachhand aufs Kreuz, daß es vor Mut strampelte.

Und da eben der Scheck und der Bläß einander futterneidisch anfletschten, jauchzend vor Haß, raffte er die Geißel vom Fenster und zog ihnen ein paar sausende Streiche unter dem Bauch durch, daß sie aufjuckten wie die Forellen beim Gewitter.

«Friede in des heiligen Dreiteufels Namen!» herrschte er. «Muß denn in diesem zänkischen Hause sogar das vierfüßige Vieh hadern?»

Und nachdem er ihnen nachträglich noch ein paar feine Zwicker um die Knie verabreicht, zum Vorrat für später, verblieb er mit ausholendem Arm, bis die Aufregung sich gelegt hatte und ein gleichmäßiges Mampfen aus sämtlichen Krippen knusperte. Hierauf schob er sich mit unhörbaren Schritten nach der Fensternische und hängte die Geißel an den Nagel, behielt jedoch den Griff in der Hand, die er erst nach geraumer Zeit verstohlen an sich zog. Hernach verharrte er regungslos, an den Sims gelehnt.

Ein weißer Lichtstab zuckte in gebrochenen Winkeln durch die Stalltür, zwei Schwalben aufscheuchend, welche blitzschnell über die Türspalte flüchteten; und eine Hand nestelte schwächlich am Verschlußkettchen. «Conrad, bist du's?» heischte vertraulich eine Frauenstimme von draußen. Dann bat sie dringender: «Mach auf, Conrad, ich bin's, Anna, die Schwester.»

«Die Stalltür bleibt zu», versetzte er bestimmt. «Hingegen das Scheunenpförtchen ist offen.» Einige Sekunden später tastete, vom Stalldunkel geblendet, die Schwester behutsam zwischen Mauer und Gosse herbei, die Kleider zusammenfassend.

«Guten Tag, Anna», grüßte er ihr entgegen, um ihr den Weg zu weisen.

«Was versteckst du dich den lieben langen Vormittag, daß dich kein Mensch findet?» schmälte sie mit freundschaftlichem Ton.

«Bin ja doch überall im Wege.»

«Gleichviel. An einem Maisonntag, wo jeder Bahnzug ein halbes Hundert Gäste bringen kann, gehört der Meister ins Haus und nicht in den Stall.»

«Wer? Der Meister? Ich der Meister? Als ob es vom Keller bis zum Estrich eine Seele gäbe, die weniger zu sagen hätte als ich! Der Sündenbock, das bin ich; die Zielscheibe für jedermanns üble Laune! Meister! Ich der Meister!»

Sie lehnte sich besänftigend an ihn. «Du solltest mit dem Vater ein bißchen mehr Geduld haben, Conrad», schmeichelte sie.

Da brauste er auf. «Wenn ich nicht Geduld hätte, viel Geduld, sehr, sehr viel Geduld, meinst, ich wäre nicht längst schon dreingefahren? Und wie! Übrigens handelt es sich keineswegs bloß um Geduld oder nicht Geduld. Ich bin vierundzwanzigjährig, stimmfähig, Militär und sogar Offizier, außerdem Kommandant der Feuerwehr. Meine Kameraden haben ihre Freiheit, ihren Willen, ihre selbständige Tätigkeit, einige sogar Amt und Familie. Ich dagegen werde von meinem Alten wie ein Bube geschurigelt. Wer aber im eigenen Hause nichts gilt, der ist auch in der Gemeinde nichts wert. Das ist's, was mich wurmt, das ist's, was ich nicht verwinde.»

Sie schwieg ein Weilchen, die Augen niederschlagend, während sie zerstreut mit den Schellen eines Pferdekumts tändelte. Endlich, nach langem Zögern, warf sie halblaut hin: «Wer weiß denn, wie lange er überhaupt noch lebt.»

Conrad schaute betroffen auf, wie damals, als er in der Rekrutenschule zum ersten Male den teuflischen Pfiff einer Pikrinrakete vernommen hatte. Dann runzelte er die Stirn: «Du, Anna, hör einmal, ob ich mich schon nicht aufs Vermitteln verstehe wie du, einen solchen ruchlosen Gedanken, weißt du, hätte ich mir doch nie erlaubt, nicht einmal im Traum.»

Sie senkte den Kopf und starrte durch das Fenstergitter über die ziegelroten Dorfdächer, dorthin, von wo aus unsichtbarer Waldeshöhe der Kuckuck sang, so laut und innig, als ob er den Himmel noch blauer singen wollte; dann plötzlich warf sie sich mit elendiglichem Schluchzen über den staubigen Sims, den Kopf zwischen den Armen verbergend, auf welche die Tränen niederströmten, überjährige, reife Geburtstagstränen, in stillen Nächten gesammelt und im verschwiegenen Herzen gezeitigt.

Und abermals erstaunte er, zwischen Mitleid und Andacht, als ob er, über ein gedecktes Brunnenloch schreitend, durch die Bretterfugen tief unten im finstern Wasser etwas Lebendiges sich regen sähe. Teilnehmend bückte er sich und liebkoste tröstend ihren Scheitel. «Anna», beschwichtigte er.

«Meinst du denn, einzig nur du allein habest Schweres zu tragen?» stieß sie hervor.

«Was ist? Wollen sie dir deinen Doktor nicht geben?»

«Der Vater schon, hingegen die Mutter nicht.»

«Ich habe den Vater, und du hast die Mutter», urteilte er finster.

Sie aber, da draußen Stimmen laut wurden, sprang hurtig auf und schüttelte den Jammer vom Herzen. «Sieht man mir's an?» fragte sie frisch, die Augen wischend und das Kleid glättend. Dann mahnte sie überlegen: «Komm also jetzt, es ist Essenszeit; wir speisen nämlich heute eine Stunde früher.» Und vertraulich raunte sie ihm zu: «Der Vater ißt besonders, ich habe ihm in der Wohnstube gedeckt. Auch die Mutter kommt wahrscheinlich nicht zu Tisch herunter.»

«Warum?» fragte er besorgt, «sie ist doch hoffentlich nicht krank?»

«Nein, bloß Migräne. Vor Aufregung und Angst.»

«Angst?»

«Nun ja. Vor allem, was es heute könnte zu tun geben. Du weißt ja.»

Erleichtert atmete er auf. «So kann man doch wenigstens einmal ausnahmsweise im Frieden zu Mittag essen.»

«Gewiß. – Das heißt, die Base ist zwar zur Aushilfe da.»

«Was für eine?» forschte er mißtrauisch.

Sie brachte die Antwort kaum zum Vorschein. «Beide», gestand sie endlich kleinlaut, «die Rosinenbase und die Hexenbase.»

«Warum nicht gleich ein ganzer Hühnerhof voll?» höhnte er.

«Nur auf einen halben Tag», entschuldigte sie. «Vor einer Stunde angekommen und am Abend wieder fort. Das wird, denk' ich, auszuhalten sein!» Und klugerweise, damit er den Bissen besser verdaue, goß sie drei Tröpfchen Humor nach: «Ich wollte, du hättest sie sehen können, wie sie miteinander anrückten, Arm in Arm, unter einem urweltlichen Regenschirm, wackelig wie die liebe alte Zeit und ausgelassen wie jährige Osterhäslein. Den Vater haben sie vor lauter Übermut an der Nase gezupft, stell dir das einmal vor! Gegenwärtig zanken sie sich weidlich in der Küche herum. In aller Wohlmeinenheit natürlich.»

Wirklich brachte sie ihn zum Lächeln. Nicht über den Humor des Bildes, da er als Willensmensch wenig Empfänglichkeit für Humor besaß, sondern über dessen Freundlichkeit. Denn sieben Kinderjahre grüßten ihn aus ihren Runzeln. «Wenn nur die Hexenbase nicht eine so scheußliche Zunge hätte», wandte er nachgiebig ein, halbwegs umgestimmt. «Wenn ich sie reden höre, ist mir immer, als hätte sie allen Sprachunrat des Kantons von der Landstraße aufgelesen.»

«Sie meint's ja seelengottengut. – Und kocht Nummer eins.»

«Ich sage nicht nein. Aber ein Maulkorb gehörte ihr von Rechts wegen, auf Beschluß des Regierungsrates, in feierlicher außerordentlicher Sitzung.»

Die Schwester erachtete Weiterungen für überflüssig, verzichtete auf Widerspruch, faßte die Röcke zusammen und trippelte auf den Zehen umsichtig davon. «Also du kommst jetzt zum Essen», schloß sie bestimmt, ohne sich nur nach ihm umzusehen, und ließ das Scheunenpförtchen offen. Sollte er wirklich? Mußte er's durchaus? Fort aus dem sichern Verlies in den Haß und Hader? Doch das offene Pförtchen mahnte ihn fortwährend, mit der Stimme der Schwester, und Appetit spürte er, ehrlich gestanden, auch. Zögernd, widerwillig folgte er. «Einmal Herr und Meister sein!» stöhnte er grimmig vor sich hin, «gebieten können, strafen und belohnen dürfen, Achtung erfahren, Frieden haben, keine ungerechten Vorwürfe einstecken müssen – und wäre es auch nur auf eine einzige Stunde – oder eine halbe!»

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