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Clown Grimaldi

Charles Dickens: Clown Grimaldi - Kapitel 22
Quellenangabe
typebiography
authorCharles Dickens
titleClown Grimaldi
publisherMagdeburger Verlags-Anstalt
seriesCharles Dickens' sämtliche Romane
translatorPaul Heichen
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Gewinn und Verlust. – Grimaldis Sohn auf dem Covent-Garden-Theater. – Sein letztes Engagement in Sadlers-Wells. – Die Riesen im Dubliner Pavillon. – Beunruhigender Gesundheitszustand. – Sein Engagement beim Koburg-Theater. – Mr. Harris Liberalität. – Grimaldis letztes Auftreten in Covent-Garden. – Besuch in Cheltenham und Birmingham. – Oberst Berkeley, Mr. Charles Kemble und Mr. Bunn.

Durch seine sechswöchentliche Gastspielreise im Jahre 1818 gewann Grimaldi 680 Pfund, aber die schlechte Saison in Sadlers-Wells verschlang die ganze Summe wieder, und er besaß abermals weiter nichts als sein Salär; indessen hoffte er auf Ersatz in der nächstfolgenden Saison.

Die Weihnachtspantomime in Covent-Garden war »Harlekin Donquichotte«. Sie fand nicht den Beifall, den die früheren Pantomimen auf dieser Bühne gefunden hatten, obwohl Grimaldi darin zuerst als Sancho Pansa und dann als Clown auftrat. Man ließ daher im April eine andere folgen: »Harlekin und Aschenbrödel,« die aber auch keine bessere Aufnahme fand und nicht lange gegeben wurde. Im März war er einige Abende unbeschäftigt und nahm deshalb eine Einladung nach Lynn in Norfolk an, wo er viermal auftrat und eine Einnahme von 160 Pfund machte.

In Sadlers-Wells war die diesjährige Eröffnung von vielen Schwierigkeiten und Verlegenheiten begleitet. Zehn Tage vor dem Beginn der Saison legte Dibdin ganz unerwartet seinen Direktorposten nieder und ließ sich kaum bestimmen, die notwendigen Anordnungen auch nur für die erste Woche zu treffen. Es war niemand ausfindig zu machen, der für ihn hätte eintreten mögen, und so mußte sich Grimaldi dazu bequemen und deshalb seine diesmalige Gastspieltour mit all ihren Vorteilen aufgeben. Er brachte eine neue Pantomime eigener Erfindung »Die Schicksalsgöttinnen« zur Aufführung, die sich während der ganzen Saison hielt und auch immer gutbesetzte Häuser erzielte. Hierdurch besserten sich die finanziellen Verhältnisse für die Eigentümer einigermaßen.

Grimaldi merkte zu seiner nicht geringen Besorgnis in diesem Jahre zum ersten Male, daß seine Kräfte langsam abzunehmen anfingen. Zu spät sah er ein, daß ihn eine rechtzeitige Ruhe von längerer Zeit wahrscheinlich in den Stand gesetzt hätte, in seinem Berufe über die Mitte der vierziger Jahre hinaus zu wirken.

Vom September des Jahres 1819, wo Covent-Garden wieder eröffnet wurde, bis Weihnachten, wo die neue Pantomime »Harlekin und der Mönch« in Szene ging, gab er häufig den Kasrak im »Aladdin.«

In dieser Saison wurde sein Sohn auch ständig im Covent-Garden-Theater beschäftigt. Zuerst trat er als Fribble auf, dann in der Rolle des Liebhabers, die einen der lustigsten Pantomimen-Charaktere bildete. Man sah ihn in der Regel als Gigerl kostümiert; in der Handlung begünstigte ihn der Vater der Kolombine, während Kolombine selbst nichts von ihm wissen mochte. Dagegen nahm er regen Teil an der Jagd nach dem Helden und der Heldin der Pantomime, und Sache des Clowns war es, ihn in eine recht lächerliche Situation zu bringen.

Am 23. April übernahm Mr. Howard Payne das Theater auf eine Saison. Da sich kein anderer Direktor hatte finden wollen, war es ihm gelassen worden. Aber auch er büßte einen sehr bedeutenden Betrag ein, und Grimaldi fing der Spekulation langsam müde zu werden an. Da er jedoch allen Grund hatte, mit dem Ertrage seiner beiden Benefize zufrieden zu sein, reiste er im September in bester Stimmung und ohne jede Ahnung, daß er nur noch einmal, nämlich an seinem Abschiedsabend, in Sadlers-Wells auftreten sollte, nach Dublin ab.

Seine Reisegefährten waren Ellar und sein Sohn. Sie hatten zusammen Urlaub bekommen und waren zusammen von Harris, dem Direktor des Dubliner »Pavillon«-Theaters, engagiert worden. Ehedem Verhandlungssaal gewesen, war es vollkommen rund und für Theateraufführungen höchst ungeeignet, die Bühne selbst so eng, daß man, als die Vorbereitungen zum »Harlekin Gulliver« getroffen wurden, beim besten Willen nicht wußte, wohin die Leute aus Brobdignac gebracht werden sollten, denn sie nahmen soviel Raum ein, daß man sie, ehe der Vorhang aufgezogen wurde, im vollen Kostüm in einen dunklen Winkel postieren mußte, aus dem sie, sobald sie auf der Bühne zu erscheinen hatten, hervorgeholt und, wenn sie abtreten mußten, wieder zurückwandern mußten, um dann bis zum Schlusse der Pantomime dort ruhig auszuhalten.

Es blieb den unglücklichen Riesen weiter nichts übrig als sich in ihr etwas prekäres Schicksal zu schicken. Sie erregten Grimaldis Mitleid in hohem Maße, und nachdem die ersten Vorstellungen vorüber waren, fragte er sie, ob sie sich entschließen könnten, auch für die Folge das gleiche Maß von Hitze und Anstrengung zu ertragen.

»Wir haben uns die Geschichte überlegt«, antwortete der Wortführer von ihnen, »und sind für jeden Abend bereit, sofern uns Euer Gnaden einen Whisky nach Schluß der Vorstellung versprechen.«

Das geschah natürlich, und die Riesen betrugen sich fürderhin sehr artig und nett und betranken sich nicht ein einziges Mal.

Sieben Wochen verweilte die Gesellschaft in Dublin. Für Grimaldi war das Gastspiel sehr einträglich, brachte ihm doch sein Benefiz allein 200 Pfund.

Die Pantomime, die in Covent-Garden gespielt wurde, hieß: »Harlekin und Mutter Bunch« – unter welch letzterer Figur eine in Kindermärchen häufig vorkommende Hexe zu verstehen ist – und beide Grimaldis hatten darin Rollen.

Ostern wurde Sadlers-Wells auf drei Saisons an den mit Grimaldi befreundeten Mr. Egerton, einen Schauspieler vom Covent-Garden-Theater, verpachtet; Grimaldi konnte sich aber mit einigen Paragraphen des Vertrags nicht zufrieden geben, sodaß er es vorzog, seine Unterschrift zu verweigern. Dadurch kam es zu einem gespannten Verhältnis zwischen ihm und Egerton. Obgleich dasselbe anhielt, bewahrte Grimaldi dem einstigen Freunde doch immer eine hohe Achtung, die er gewiß auch verdiente.

Im Herbste begaben sich Ellar und Grimaldi Vater und Sohn wieder nach Dublin, verweilten vorher aber noch fünf Wochen in Birmingham, dessen Theater damals in dem Besitze eines Mr. Bunn war. Beide traten hier in der Pantomime »Mönch Baco« auf, die wohl über fünfzigmal gegeben wurde. Mr. Bunn war, wie von ihm bekannt war, höchst liberal und zahlte Grimaldi wöchentlich 20, seinem Sohne 9 Pfund, wozu noch für jeden ein Benefiz auf halben Gewinn an der Einnahme hinzukam.

Grimaldi wurde damals zu seinem unsäglichen Schmerz gewahr, daß es mit seiner Gesundheit immer schlechter wurde, und daß ihm ein frühes und gebrechliches Alter winkte. Am achtzehnten Spielabend wurde ihm im Theater so übel, daß er sich krank melden und einen Arzt zu Rate ziehen mußte. Nach acht Tagen war er wohl wieder so weit, daß er spielen konnte, – er fühlte aber, daß er nicht mehr der alte war, daß seine Kräfte vielmehr zusehends schwächer wurden. Die bösen Ahnungen, die ihn beschlichen, sollten sich auch bald erfüllen, und zwar so plötzlich, daß er selbst, aller früheren Anzeichen ungeachtet, davon überrascht wurde.

Am 6. Dezember reisten sie von Dublin ab nach London zurück, und schon am Tage nach ihrer Rückkehr begannen die Weihnachtsproben in Covent-Garden. Grimaldi hatte die Reise sehr angegriffen; er fühlte sich schwächer denn je vorher.

Die Pantomime, in der er wieder mit seinem Sohne zusammen auftrat, war: »Der gelbe Zwerg«. Sie wurde 44mal gegeben, Grimaldi wollte aber trotzdem nicht daran glauben, daß sie beim Publikum in sonderlich großer Gunst stände. Er spielte die Titelrolle, während sein Sohn als Midshipman auftrat.

Sein Gesundheitszustand wurde im Verlauf des Sommers zusehends schlechter. Auf ein paar Tage wurde es wohl dann und wann besser; vielleicht hätte er sich auch jetzt noch, da er in Sadlers-Wells nicht mehr aufzutreten brauchte, den Rest seiner Kräfte erhalten können, wenn er sich hätte entschließen können, während seiner Ferien sich völliger Ruhe hinzugeben. Aber der Pächter des damaligen Koburg- und heutigen Viktoria-Theaters, Mr. Glossop, machte ihm ein so vorteilhaftes Angebot, daß er nicht widerstehen konnte. Er verpflichtete sich zu einem sechswöchentlichen Gastspiele, das ihm eine so bedeutende Summe brachte, daß er es sicher verlängert hätte, wäre ihm nicht so unwohl geworden, daß er der Bühne gänzlich Valet sagen mußte.

Man riet ihm zu einer Brunnenkur in Cheltenham. Im August reiste er dorthin ab, ließ sich aber, als er sich halbwegs besser fühlte, von seinem alten Kollegen Farley, der das dortige Theater gepachtet hatte, zu einem zwölfmaligen Gastspiele bewegen. Er machte eine Einnahme von 150 Pfund und kehrte merkwürdigerweise gesunder und heiterer nach London zurück, als er gerechnet hatte, sodaß er bei Eröffnung der Saison im Covent-Garden-Theater mitwirken konnte.

»Harlekin und Werwolf« mit dem Untertitel »Die schlummernde Schönheit« hieß die Pantomime dieser Saison. Sie fand wiederum die beifälligste Aufnahme. Freilich hatte Mr. Harris es an Fleiß und Kosten nicht fehlen lassen und verstand es auch, seinen Eifer auf die Mitglieder seiner Truppe zu übertragen, für deren Winke und Ratschläge er immer ein williges Ohr hatte. Sämtliche Kostüme wurden auf Direktionskosten angeschafft. Von den Darstellern erhielt jeder ein Maß Wein so oft die Pantomime gegeben wurde, am Tage der ersten Aufführung sogar eine Einladung zu einem splendiden Diner im Piazza-Kaffeehause, wohin sie sich nach beendigter Probe begaben. Farley führte hierbei den Vorsitz, während Brandon sein Stellvertreter war.

In dem Stücke wirkte sowohl Grimaldi als sein Sohn. Es hielt sich bis Ostern 1823. Dann wurde das von Farley verfaßte Melodrama »Das Sonnen-Gesicht oder die Peruanische Waise« gegeben. Grimaldi hatte darin eine Hauptrolle, die er aber schon an den ersten Abenden nur mit äußerster Anstrengung durchzuführen vermochte. Es fing ihm an Kraft zu fehlen an; seine Gelenke waren steif, seine Muskeln erschlafften, und heftige Krämpfe waren die stetige Folge der Anstrengungen, die er sich auferlegte. Wenn er von der Bühne abtrat, mußte er von Männern aufgefangen, mußten ihm die Glieder gerieben werden, und zwar so lange, bis sein Stichwort fiel.

Die Zuschauer, die sich vor Lachen ausschütten wollten, solange er spielte, hatten keine Ahnung von den gräßlichen Schmerzen, die er zu leiden hatte, während ihm von allen Seiten Beifall geklatscht wurde.

So ging es bis zum vierundzwanzigsten Abend. Da war er nicht mehr imstande, seine Rolle zu Ende zu spielen, und auf den Tod erschöpft, außerstande, ein Glied zu rühren, wurde er in die Garderobe getragen.

Jetzt erinnerte er sich der Entstehung und allmählichen Entwickelung seines Leidens; jetzt fiel ihm wieder ein, daß sich alle Doktoren, die er im Verlaufe der Jahre deshalb konsultiert hatte, vergeblich bemüht hatten, ihm Heilung zu bringen, und die schreckliche Gewißheit, daß er sein Spiel werde einstellen müssen, drängte sich ihm auf. Er schlug die Hände vor das Gesicht und weinte wie ein Kind. Am andern Morgen zeigte er der Direktion an, daß er, schwerer Erkrankung zufolge, seine Rolle aufgeben müsse.

Sein Sohn übernahm die Rolle auf der Stelle und war schon am ersten Abend imstande, sie mit Erfolg zu spielen. Das Stück erlebte 45 Aufführungen; wohl fing Grimaldi's Zustand sich in der zweiten Woche zu bessern an, zu nochmaligem Auftreten in diesem Stücke ließ er sich aber nicht bestimmen. Die schlimmsten Ahnungen erfüllten ihn; es vergingen aber noch immer ein paar Jahre, ehe er die Hoffnung, sich auf dem Theater noch einmal zu betätigen, gänzlich aufgab.

Im August begab er sich zum zweiten Male nach Cheltenham und erholte sich soweit, daß er wieder ein paarmal auftreten konnte. Das Theater stand auch hier unter Farleys Leitung. Am ersten Abend kam Bunn und erzählte ihm, daß Kemble in Birmingham gastiere und Oberst Berkeley ihm versprochen habe, zu seinem Benefiz aufzutreten – was er öfter einmal tat, schon darum in der Regel mit großem Applaus, weil er ein bildhübscher Mann war und infolgedessen um »Verhältnisse« nicht eben verlegen war – Bunn sagte Grimaldi, in welcher Rolle er zu spielen gedenke. Dann setzte er aber hinzu, daß ihn auch die Absicht hergeführt habe, mit Grimaldi zu sprechen, ob nicht auch er sich bereit finden lassen wolle, ein paarmal in Birmingham mitzuwirken.

Zuerst mochte Grimaldi nichts davon hören; schließlich willigte er aber auf die Bedingungen hin ein, daß er nur zweimal zu spielen gehalten sei und daß ihm die Hälfte der beidesmaligen Einnahme zustehe.

An dem für Kemble festgesetzten Benefiz-Abende traf er mit seinem Sohne in Birmingham ein, hatte aber, da Kemble hier wie überall als bedeutender Künstler Englands außerordentlich beliebt war, nicht unbegründete Besorgnis, daß dieser Umstand ihm selbst von großem Nachteil sein würde, und äußerte noch am selben Abend Kemble gegenüber, in Drury Lane seien seinem Sohne acht Pfund geboten worden; würden ihm die Besitzer von Covent-Garden aber auch nur sechs Pfund bewilligt haben, so hätte er sich darein gefunden, auch unter solcher Bedingung zu spielen, um nicht eine Bühne zu verlassen, wo seinem Vater während so langer Jahre so unsäglich viel Wohltaten zugeflossen seien.

Kemble erwiderte darauf: »Mein lieber Joe, Ihr Anerbieten ist so außerordentlich freundlich, daß ich mich auf der Stelle damit einverstanden erkläre. Ihrem Sohne werden die gleichen Bedingungen bei uns zugestanden, wie sie ihm das Covent-Garden-Theater gewährt hat.«

Grimaldi begab sich in die Garderobe und traf dort den Oberst Berkeley, der ihm sagte, er hätte gar zu gern einmal den Valentin gespielt mit Grimaldi zusammen als Orson. Grimaldi antwortete darauf, daß er es sich selbst zur hohen Ehre anrechne, einmal mit Oberst Berkeley zusammen zu spielen.

»Schön,« sagte der Oberst darauf, »wir wollen die Sache als abgemacht ansehen; sobald Sie hier fertig sind, erwarte ich Sie für einen Abend in Cheltenham. Mit Farley werde ich dann alles notwendige verabreden. Ihr Sohn mag den Grünen Ritter spielen. Ich gebe Ihnen hundert Pfund Renumeration. Wollen mal zusehen, Joe, was wir beide zusammen zur Unterhaltung des Publikums ausrichten können.«

Aber aus diesem Plane sollte nichts werden. Grimaldi gab an Kembles Benefiz-Abend noch eine kleine, von ihm selbst verfaßte Pantomime zum besten: »Puck und die Puddinge,« mit der er einen so stürmischen Applaus erntete, daß er sich um vieles wohler fühlte, als seit langer Zeit, und sich auch bestimmen ließ, noch ein weiteres Mal aufzutreten. Er erntete fast noch mehr Applaus, als an den beiden vorhergegangenen Abenden, und hatte eine Einnahme von 186 Pfund. Bunn gab, als er sie ihm überreichte, der Hoffnung Ausdruck, ihn recht bald, zur Freude ganz Englands, wiederhergestellt und in alter Frische wiederzusehen.

 

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