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Clown Grimaldi

Charles Dickens: Clown Grimaldi - Kapitel 20
Quellenangabe
typebiography
authorCharles Dickens
titleClown Grimaldi
publisherMagdeburger Verlags-Anstalt
seriesCharles Dickens' sämtliche Romane
translatorPaul Heichen
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel.

Neue Triumphe in der Provinz. – Bologna, und seine Knickrigkeit. – Sonderbare Manieren, Geld zu sparen.

Da Grimaldi in Liverpool kein Engagement und auch keine Zeit hatte, eins anzunehmen, hielt er sich nur zwei Tage dort auf und begab sich nach Hereford. Sein erster Gang war zu Mr. Crisp, der ihn gleich ins Theater mitnahm.

Grimaldi war außer sich, als er sah, daß dieses nur aus einer gewöhnlichen viereckigen Stube bestand, worin die kaum vier Ellen breite und hohe Bühne aufgeschlagen war. Der Kopf des Steinernen Gastes im Don Juan wurde durch die herunterhängenden Kulissen verdeckt, also für die Zuschauer vollständig unsichtbar, was um so verdrießlicher war, als von ihrem Nicken die Wirkung einer der besten Szenen beim Scaramuz abhing.

Grimaldi machte aus seinem Verdrusse kein Hehl und erklärte ohne weiteres, auf solcher Bühne unmöglich vier Abende spielen zu können, auch wenn man ihn dazu verpflichtet hätte. Mr. Crisp einigte sich nun so mit ihm, daß er zweimal nur in Hereford, die andern beiden Male aber in Worcester spielen solle, wo ja, wie ihm bekannt war, ein besser beschaffenes Theater sich befand.

Er machte in den beiden Städten wieder eine sehr beträchtliche Einnahme.

Da ihn nun in der Provinz nichts mehr fesselte, begab er sich, um seine Ruhe zu genießen, nach Cheltenham. Dort verlebte er die Zeit bis zur zweiten Septemberwoche und kam auch wieder einmal mit seinem alten Freunde, dem Seiltänzer Richer, zusammen, der sein Metier an den Nagel gehängt und die Witwe eines vermögenden Geistlichen geheiratet hatte, mit ihr auf sehr vornehmem Fuße und allem Anscheine auch sehr glücklich lebte.

Aus seinen Gastspielen in der Provinz hatte er alles in allem bare 1425 Pfund gelöst: weit mehr, als er damit zu erzielen gehofft hatte.

Als er wieder nach London zurückkehrte, war das erste, was ihm zu Ohren kam, die Kunde von der ganz miserablen Saison, die soeben das Sadlers-Wells-Theater beendigt hatte. So etwas war wirklich seit seinem Bestehen noch nicht erlebt worden. Da Grimaldi im Covent-Garden-Theater nichts mehr zu verrichten hatte, machte er Gebrauch von einer Aufforderung des Birminghamer Direktors Elliston, vier Abende bei ihm zu gastieren. Zusammen mit Mr. Brunton, Ellistons Regisseur, trat er zweimal hintereinander auf und gewann dabei 70 Pfund.

Dann spielte er zweimal hintereinander in Leicester, dann eine ganze Woche hindurch in Chester.

Als er dort im Weißen Löwen vorfuhr, traf er Bologna, der kurz vorher aus der Londoner Diligence gestiegen und expreß von London herübergeholt worden war, um zusammen mit Grimaldi in der »Mutter Gans« aufzutreten.

Über dieses völlig unvermutete Wiedersehen waren beide höchlich erfreut, ließen sich ein besonderes Zimmer anweisen und bestellten ein gemeinschaftliches Diner. Grimaldi merkte sehr bald, daß Bolognas Manier, an allen Ecken und Enden zu knickern, eher zu-, statt abgenommen hätte, denn sobald die Frau Wirtin mit dem ersten leckeren Gericht erschien, verzog sich sein Gesicht zu einer wahren Leichenbittermiene, und als die Wirtin nun gar sagte, sie wisse recht gut, was für wohlrenommierte Herren sie heute beehrt hätten, und werde es an nichts fehlen lassen, was die Bequemlichkeit und Stimmung der Herren irgend erhöhen könne, da wurde es Bologna so unheimlich zumute, daß er dem Freunde leise sagte, ihm scheine es besser, sich anderswo einzuquartieren, denn hier hätten sie doch mit Bestimmtheit darauf zu rechnen, daß sie gehörig geschnitten werden würden.

»Aber glauben Sie doch das nicht!« erwiderte Grimaldi.

»Sehen Sie bloß diesen Luxus mit der Tischwäsche und dem Service! Und die gesamte Zimmereinrichtung! Ich sage Ihnen, dafür werden wir böse berappen müssen! Nein, nein, Joe! Ich, mache, daß ich weiter komme!«

»Sie können natürlich machen, was Ihnen beliebt, Bologna«, erwiderte Grimaldi, »wenn Sie aber meinen Rat hören wollen, dann bleiben wir, wo wir sind, denn ich weiß aus Erfahrung, daß man in den besten Gasthäusern immer am billigsten wohnt. In den gewöhnlichen Gasthäusern bekommt man alles bloß schlecht, und hat schließlich genau dieselben Kosten.«

Bologna ließ sich zum Bleiben bestimmen, nahm sich aber vor, sich nur auf die allernotwendigsten Ausgaben zu beschränken, und betätigte diesen Entschluß, sobald der Kellner eintrat und Nachfrage hielt, ob die beiden Herren ein Nachtmahl wünschten.

»Nachtmahl!« rief Bologna; »na, weiter fehlte nichts. Ich speise nie zur Nacht, weil dies das ungesündeste ist, was der Mensch tun kann.«

»Für mich«, befahl Grimaldi dem Kellner, »wollen Sie ein Nachtmahl herrichten lassen.«

»Und was wünschen der Herr?« fragte der Kellner.

»Sagen Sie der Wirtin, daß ich ihr anheimstelle, was sie mir herrichten will, sie soll nur etwas recht gutes heraussuchen.«

»Na, Sie werden einen feinen Groschen Geld bezahlen können«, meinte Bologna, als der Kellner die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Hierauf gingen sie aus, um in der elften Stunde ins Gasthaus zurückzukommen. Bald standen ein paar feiste Rebhühner vor Grimaldi. Bologna schielte mit hungrigem Magen, wie Grimaldi es sich schmecken ließ, fand aber seinen Trost in dem Bewußtsein, sein schönes Geld behalten zu können. Während Grimaldi es sich gut schmecken ließ, ging er in der Stube auf und ab, trat endlich an den Tisch und fragte, ob die Rebhühner auch gut seien. Grimaldi antwortete, er besinne sich kaum, welche von solchem Wohlgeschmack je vorher gegessen zu haben.

Bologna schritt von neuem auf und ab und riß endlich an der Klingel.

Als der Kellner kam, verlangte er eine Portion gerösteten Käse. Als er sie bekommen hatte, fragte er Grimaldi, ob er hier jeden Abend so fein zu speisen vorhabe?«

»Warum denn nicht?« versetzte Grimaldi.

»Nun, Kellner, dann bringen Sie mir alle Abend meinen gerösteten Käse, bloß weil es so dumm aussieht, nichts zu bestellen, wenn ein anderer Gast so tüchtig auffahren läßt.«

Als sie wieder allein waren, stimmte Grimaldi ein fröhliches Gelächter an; Bologna wurde ärgerlich und sprach von sinnloser Verschwendung, daß man sich das Geld doch zu schwer verdiene, um es für solche Leckereien auszugeben, und daß man sich auch mit einfacheren Gerichten sättigen könne usw., Grimaldi dagegen sprach von schlecht angebrachter Knickerei, daß jeder Mensch das Recht habe, sich damit satt zu essen, was ihm schmecke und worauf er Appetit habe, sobald er nur das Geld habe, alles bezahlen zu können, was er auffahren lasse usw. Es wollte keiner von beiden sich in den andern schicken, und so blieb alles, wie es gewesen war: Grimaldi aß einen Abend um den andern vom besten, was es im Wirtshause gab, und Bologna verzehrte einen wie alle Abend seinen gerösteten Käse.

Neun Tage hielten sie sich in Chester auf, und als sie die Rechnung bekamen, stellte sich heraus, daß sie, wie Grimaldi prophezeit hatte, recht billig wegkamen.

»Nun, was sagen Sie nun?« fragte Grimaldi mit selbstbewußtem Lächeln.

»Ich muß zugeben,« antwortete Bologna, »daß es sich hier nicht so teuer lebt, wie ich dachte. Auf meiner Rechnung findet sich aber ein sehr unangenehmer Irrtum. Sehen Sie doch! Mir sind meine Käse genau so angerechnet, wie Ihnen Ihre Rebhühner und was Sie sonst feines gegessen haben.«

»So lassen Sie doch den Kellner heraufkommen«, meinte Grimaldi.

»Kellner«, fuhr Bologna den Ganymed an, als er auf sein Klingeln in der Stube erschien, »wie verhält sich das? Mir rechnen Sie für gerösteten Käse ebensoviel an wie meinem Kameraden für Rebhühner usw. Sagen Sie doch der Wirtin, daß ich um Berichtigung dieses Irrtums bitten lasse.«

»Bitte um Verzeihung, Sire, die Rechnung ist in Ordnung«, antwortete der Kellner.

»Wie soll ich das verstehen?«

»Es ist bei uns, wie in allen übrigen Gasthäusern auf der Straße nach London, für Nachtmahl ein Pauschalpreis angesetzt. Ob die Gäste warm oder kalt speisen, steht im Belieben. Das Nachtmahl kostet durch die Bank eine halbe Krone. Es hätte Ihnen die Wahl zwischen allem, was es bei uns gibt, freigestanden – Sie wünschten jedoch ausdrücklich für jeden Abend Röstkäse, Sire!«

Der knickerige Bologna biß sich auf die Lippen und bezahlte mit ingrimmigem Geknurr seine neun halben Kronen für neunmal Käse, während Grimaldi mit verschmitztem Lächeln auch nicht mehr für allerhand feine Delikatessen zu zahlen hatte.

Am andern Morgen reisten sie zusammen nach London, und auf dieser Tour gab Bologna abermals einen Beweis von übertriebener Sparsamkeit. Als nämlich die Postkutsche vorfuhr, flüsterte er Grimaldi zu, sie möchten doch lieber einen Außenplatz nehmen, da sie dann doch ein reichliches Pfund sparen könnten.

»Freilich«, erwiderte Grimaldi, »damit wir dann zwanzig Pfund zum Doktor schleppen müssen? Oder vielleicht gar ein böses Leiden uns für den Lebensrest holen. Nein, dafür danke ich.«

»Ich sehe nicht ein, wie man sich dazu verstehen kann, das Gewisse für etwas Ungewisses zu opfern. Jedenfalls sehe ich zu, auf billigem Wege zu einem Platz im Wagen drin zu kommen. Die Kutsche gehört unserer Wirtin. Ein Platz drin im Wagen ist noch frei. Wenn man soviel Geld in einem Wirtshause läßt, wie wir beide, kann man fordern, daß einem Platz im Wagen für die Hälfte gelassen wird.«

Grimaldi machte ihm Vorstellungen aller möglichen Art, aber umsonst. Bologna stellte der Wirtin das Ansinnen, ihm einen Platz im Wagen für den Preis eines Platzes oben auf dem Verdeck zu überlassen, und die gutmütige Frau ging darauf ein, doch mit dem Vorbehalte, daß Bologna den Platz zu räumen verpflichtet sei, sobald sich unterwegs ein Fahrgast für den Innenplatz fände.

Die Fahrt ging los, bis um vier Uhr früh konnte sich Bologna des Vorrechts, für das halbe Geld mitzufahren, erfreuen; als aber zu dieser Stunde frische Pferde genommen wurden, meldete sich ein Passagier für den Platz drinnen im Wagen.

Der Postillion riß den Schlag auf und mahnte Bologna höflich, an die von ihm eingegangene Verpflichtung; Bologna aber brummte, es solle ihm gerade einfallen, auszusteigen, und nachzuzahlen noch weniger.

Der Postillion wußte im ersten Augenblick nicht, was er sagen sollte, und unterhielt sich mit den umstehenden Knechten und Schaffnern über den Fall. Es wurde laut geschrien, gezischt und geflucht, aber Bologna hüllte sich in eisiges Schweigen und rührte kein Glied. Schließlich wurde ihm gedroht, Gewalt anzuwenden. Grimaldi war außer sich vor Entrüstung über solches Betragen seines Reisegefährten, der tatsächlich erst der rohen Gewalt wich, und erst sich dazu bequemte, auf das Verdeck in die kalte Morgenluft hinauszuklettern, als zwei stämmige Postknechte ihn an den Beinen aus dem Wagen zu zerren anfingen.

In Islington stieg Grimaldi aus, gab aber dem Schaffner und dem Postillion das doppelte Trinkgeld, weil er sich nicht mit dem knickerigen Bologna über einen Kamm scheren lassen mochte.

Nach einigen Tagen traf er sich wieder mit Bologna, und als er sich erkundigte, wie es ihm am Kassenschalter der letzten Station ergangen sei, bekam er die Antwort:

»O, ganz gut! Gebrummt und gewettert haben sie ja; aber das geht bei mir zum einen Ohre hinein und zum andern hinaus.«

»Das merkt man«, sagte Grimaldi.

»Aber ich bitte Sie! So behält man doch sein Geld in der Tasche! Wären die Leutchen höflich und manierlich gewesen, so hätte ich doch ein Trinkgeld geben müssen. Solch unmanierlichem Gesindel gibt man doch aber keinen Heller. Ich bin dabei ganz gut gefahren.«

Bologna hatte manche recht löbliche Eigenschaft, und Grimaldi ist ihm immer ein guter Freund geblieben; aber auf eine gemeinschaftliche Reise mit ihm hat er sich nicht wieder eingelassen.

 

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