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Clemens und seine Mädchen

Arthur Kahane: Clemens und seine Mädchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens und seine Mädchen
authorArthur Kahane
year1918
firstpub1918
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
titleClemens und seine Mädchen
pages129
created20120131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8.

Am Morgen des zweiten Tages, als er vom Frühstück heimkehrte, begegnete er ihr im Vorzimmer. Sie war zum Weggehen gekleidet. Er blieb stehen und grüßte. Sie tat fremd. »Sie sind wohl der neue Mieter? Mein Schwager hat mir, glaube ich, erzählt. Ich bin nämlich die Schwester von Frau Quadderbacke.« Er nannte seinen Namen. »Und ich heiße Lili Apfelbaum.« Sie sagte es lachend, wie einen guten Witz, und erwartete eine Antwort. Aber er grüßte bloß und ging auf sein Zimmer. Verdutzt sah sie ihm nach.

Abends – das Fenster stand weit auf, ein tagheller Sommerabend hing ins Zimmer, er lag auf seinem Sofa und las – klopfte es an seiner Türe. »Ich bin es, Fräulein Lili!« rief es. »Darf ich hinein?« Und stand schon in der Mitte des Zimmers. Er erhob sich und fragte: »Womit kann ich Ihnen dienen?« »Ich muß Sie etwas fragen.« »Bitte.« »Aber Sie werden mir nicht böse sein?« »Gewiß nicht.« »Was haben Sie gegen mich?« Sie ging aufs Ganze. »Ich? – Nichts. Was sollte ich gegen Sie haben?« Es klang sehr höflich, aber sehr kühl: Was wollte sie von ihm; sie sollte ihn in Ruhe lassen. Aber sie gab nicht nach. »Doch. Das spürt man. Ich spüre so etwas sofort.« »Sie reden sich das ein.« »Nein. Ich weiß es seit dem ersten Moment. Oder eigentlich seit dem zweiten.« Letzteres mit dem koketten Augenaufschlag. Hübsche Augen hatte sie übrigens. Und talentvolle: aber bei ihm vergeblich. »Wenn Sie das glauben, tut es mir leid. Ich wüßte nicht, warum 47 ich etwas gegen Sie haben sollte. Es wird wohl so meine Art im allgemeinen sein.« »Eigentlich sehen Sie nicht so aus.« Das Kompliment fing nicht, und er ging auch nicht darauf ein, wie er eigentlich aussah, sondern zuckte die Achseln. »Sind Ihre Landsleute alle so?« »Ich weiß nicht, wie meine Landsleute sind. Ich bin so.« »Wir hatten einmal einen Herrn hier wohnen, der war ganz anders. Ganz schwarz und melancholisch und auch ein bißchen verrückt. Aber riesig interessant. Und spielte der schön Klavier. Meistens Chopin, und man konnte manchmal stundenlang zuhören und wurde nicht müde. Im Nebenzimmer natürlich.« Fräulein Lili wurde sentimental. Überhaupt Musik: da kenne sie sich nicht und möchte am liebsten weinen. Der Versuch, Tränen in der Stimme anzudeuten, glückte nicht vollständig, stand ihr aber ganz nett, im Gefühl der Ungeschicklichkeit sogar rührend. Sie sah übrigens gar nicht so unfein aus, mit dem schmalen Köpfchen, nichts weniger als gemein, was allerdings durch das ng im Namen Chopin aufgehoben wurde: wäre ihr nur der Chopin nicht eingefallen! Ihm hatte sie es zu danken, wenn Clemens trocken meinte, er sei eben ganz anders, sei nichts weniger als riesig interessant, spiele nur gebrochen Klavier und mache sich aus Mädchen und Liebe nicht viel, was sie ja eigentlich mit melancholisch hätte ausdrücken wollen. Aber das war das Stichwort! Sie jubelte auf: »Sehen Sie! Ich auch nicht. Gar nichts. Ich bin darin ganz anders als andere Mädchen. Ich bin nur für das Höhere und die Bildung. Ich könnte den ganzen Tag nur lesen. Ich habe zwar einen Bräutigam, übrigens ein sehr 48 feiner und gebildeter Herr, ein Ingenieur (mit sch), aber dafür hat er gar keinen Sinn. Und das macht mich ganz unglücklich. Übrigens merkwürdig, daß ich Ihnen das alles sage!« Die Erinnerung an den gebildeten Bräutigam ließ ihr Gesicht gleich weniger rührend und fein erscheinen, das Wort »Herr« gab ihm sogar einen plebejischen Zug. Clemens heuchelte Verständnis für den unliterarischen Ingenieur. Er verstehe das: Menschen, die arbeiten, sprächen nie gern über Bücher; er zum Beispiel tue es prinzipiell nicht; Bücher seien zum Lesen da, nicht zum Reden. Das war nicht bloß Künftigem klug vorgebeugt, sondern auch deutlich (»fast allzu deutlich«, fühlte Clemens) für den Moment. Sie verstand auch, unterdrückte, was sie über das Bedürfnis einer Ansprache, das jeder Mensch habe, äußern wollte, und sagte nur pikiert: »Ich will Sie auch nicht stören. Guten Abend. Und das mit meinem Bräutigam habe ich nur erwähnt, um jedes Mißverständnis von vornherein zu beseitigen.« Mit diesem vieldeutig unverständlichen Ausspruche ging sie. Die Schlacht hatte sie verloren.

Clemens blieb, sehr befriedigt. Er hatte seine Seelenruhe, seine Einsamkeit, Evelinens Bild verteidigt. Der Ton, den er gefunden hatte, war der richtige. Dieses Mädchen war ihm nicht gefährlich.

 

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