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Clemens und seine Mädchen

Arthur Kahane: Clemens und seine Mädchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens und seine Mädchen
authorArthur Kahane
year1918
firstpub1918
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
titleClemens und seine Mädchen
pages129
created20120131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Die nächsten Tage vergingen mit Suchen.

Die Mutlosigkeit der ersten Erschütterung war einem harten Willen gewichen, der ohne Hoffnung, aber um so entschlossener war, nichts unversucht zu lassen, was ihn auf die Spur der Verlorenen bringen konnte. Alle seine Gedanken kreisten monoman um das Eine. Ganz systematisch ging er vor. Um sich mit einemmal alles aus der Nähe des Bewußtseins zu schaffen, was ihn dabei irgendwie hätte zerstreuen oder abhalten können, legte er alle Besuche bei Landsleuten seiner engeren Heimat, die er sich vorgenommen hatte, da sie für seine nächsten Absichten von Wichtigkeit 38 waren, gleich auf den ersten Vormittag, wickelte diese Unterredungen glatt ab, halben Herzens, gleichgültig, kaum hinhörend, nur um Kopf, Zeit und Weg ganz frei zu bekommen. Dagegen schob er die ursprüngliche Absicht, das Hotelzimmer mit einer eigenen kleinen Wohnung zu vertauschen, ganz von sich. Alle Funktionen der Ausführung: die Wahl der Gegend, das Ausschmücken der Wände, das Erfüllen der Räume mit seiner Persönlichkeit, das Betonen liebgewordener Gewohnheit, der sorgfältige Aufbau der kleinen Dinge, das alles war ihm durch jenes nie entschwindende Gespräch so sehr mit dem Bilde Evelinens und den zärtlich gehegten und oft liebkosten Vorstellungen ihrer Beziehung zu allen ihren Gegebenheiten zusammengeflossen, daß er außerstande war, eines vom anderen zu trennen. Er hatte sich den Bau dieser Wohnung und in ihm den Bau seines ganzen Lebens wie eine Kulthandlung zu ihrer Glorie gedacht, in derem kleinsten Teile sie eine zärtliche Beziehung auf sich versteckt hätte finden müssen. Jetzt auch nur daran zu denken, wäre ihm als Lästerung und Verbrechen erschienen. Nein, das später. Jetzt gab es nur eins, durfte er nur eins: suchen.

Er hatte sich zu einem Virtuosen des Suchens, das Suchen zu einer Kunst entwickelt, die er mit dem Einsatz aller seiner Gaben und Spürkräfte, mit Überlegung und Plan betrieb. Jeden Morgen entwarf er die Strategie des Tages, an die er sich mit sekundengenauer Pünktlichkeit hielt. Natürlich hatte er zuerst alle die Straßen aufgespürt, die er in jener Nacht mit ihr gegangen war. Diesen 39 einen Weg wiederholte er zunächst so oft, bis er ihn, wechselweise, zu allen Stunden des Tages und des Abends gegangen war. Dann aber spann er das Netz seiner Kombinationen über die ganze Stadt weiter, indem er jede zeitliche mit jeder räumlichen Möglichkeit variierte. Er zermarterte sein Hirn um alle Gewohnheiten eines jungen Mädchendaseins. Er spürte alle Orte auf, an denen die jungen Mädchen der Stadt zu sehen waren, alle Gelegenheiten, die das tägliche oder das gesellschaftliche Leben schaffen konnte. Er durchsuchte die Warenhäuser, die eleganten Läden; er wartete stundenlang an den Eingängen der Konzerthallen und der Theater. So strich er kreuz und quer, durch die Unermeßlichkeit dieses Riesenhaufens steinerner Mauern, krampfhaft immer hinter dieser einen Vorstellung seiner Erinnerung her. Die Stadt selbst sah er nicht mehr; der phantastische Schimmer jener ersten Nacht war abgeblättert; sie war ihm kahl und gleichgültig geworden, und das einzige, was er von ihr sah, war, um der einen willen, die Gesamtheit ihrer Frauen.

Das war in diesen Wochen der gespannten Suche des jungen Mannes Tagewerk, Beruf, Aufgabe und Lebensinhalt geworden: hinter den Frauen der Stadt herzujagen, mit geschärften Sinnen, immer wachen Blicken, blitzschnell die Augen rechts und links, nach vorn und nach rückwärts, über den Fahrdamm und in die Seitenstraßen werfend, daß keine ihm entging, so weit sein Blickfeld reichte. Er sah alle, übte Beobachtung und Erfahrung, lernte allmählich alle kennen: Alte und Junge, Häßliche und Schöne, Elegante 40 und Einfache, Anständige und Lasterhafte, Damen und Weiber. Er lernte, mit sekundenschnellem Aufschlagen des Lids das Ganze einer Gestalt zu umfassen, aus kaum gesehenen Details das Wesen einer Erscheinung zu erraten, in einer flüchtig erhaschten Wendung eine Seele aufzufangen, im Vorübergehen so tief in die Tiefe eines Auges, in den Abgrund eines Lächelns zu blicken, daß nichts mehr zum Entschleiern übrig war, und das um so leichter, je gleichgültiger und kühler er selber blieb; denn sie war ja doch nicht darunter. Manchmal war es ihm einen Augenblick, als bliebe sein Herz stehen und sein Leben stockte: so sicher glaubte er, sie gesehen zu haben; aber dann sah er, daß ihn eine entfernte Ähnlichkeit geäfft, eine schlanke Jugendlichkeit getäuscht hatte. Oft gewahrte er, namentlich in der Ferne, einen Gang, der nur der ihre sein konnte: er lief und lief, und wenn er näher kam, mußte er sich überzeugen, daß ihn wieder einmal seine Sinne genarrt hatten, und nichts vorhanden war, das auch nur von ferne an sie erinnern durfte. So lief er von Enttäuschung zu Enttäuschung und gab es doch nicht auf und sank schließlich spät nachts, oft erst morgens, todmüde in sein Hotelbett, um in der nächsten Frühe dasselbe hoffnungslose Tagewerk hoffnungslos wieder aufzunehmen.

 

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