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Clemens und seine Mädchen

Arthur Kahane: Clemens und seine Mädchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens und seine Mädchen
authorArthur Kahane
year1918
firstpub1918
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
titleClemens und seine Mädchen
pages129
created20120131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1.

Der junge Mann blieb vor dem Bahnhofsgebäude stehen und wartete auf das Abenteuer.

Vor ihm lag die fremde Stadt. Ein Ungeheures, Riesengroßes stieg himmelan, Menschenmassen fluteten, eine strahlenweiße Helligkeit blendete, chaotisches Tosen und Lärmen unbestimmbarer Geräusche schlug die Luft. Seine willigen, bereiten Sinne, durch das Wünschen langer Knabenjahre auf diesen einen Augenblick der ersten Erfüllung gestellt, stiegen und fluteten mit, glänzten und lärmten mit, fingen sich in dem Netz der Eindrücke, wurden eins mit einem Ganzen. Jeder bisherige Begriff potenzierte sich ins Tausendfache, nichts blieb unter der Vorstellung, nichts enttäuschte. Nicht Angst, auch nicht die leiseste Spur davon regte sich: nur grenzenlose Erwartung, Zuversicht, Ungeduld spannte ihn.

Er kannte keinen Menschen in dieser Stadt. Ein paar Adressen von Landsleuten, denen er empfohlen war, trug er wohlverwahrt bei sich, und die Namen zweier Straßen wußte er, sonst nichts von ihr. Ein erster Blick auf das nächste Straßenschild zeigte ihm, daß die eine der beiden vor ihm lag: der Blutstrom dieser Stadt, in dem sich ihr Leben zur wüsten 10 Sinnlosigkeit eines Orkans verdickt, der alle ihre Tiefen und Höllen umspannt. Der Name dieser Straße schlug an sein Blut wie ein Knabentraum von Sünde. Aber auch er ängstete ihn nicht, sondern spielte freudig, lachend fast mit seiner neugierigen Erwartung.

Nun öffneten sich seine Augen, die der erste, das Allgemeine umfangende Blick geblendet und beinahe geschlossen hatte, weit für das einzelne. Der junge Mann sah, noch immer in der inneren Spannung des ersten Moments an seinem Platze festgewurzelt, in jedes einzelne Gesicht. Er spürte es kaum, daß man von rechts und links in ihn hineinprellte, daß jeder Ellenbogen ihn weiterzutreiben suchte, daß jeder Blick, der ihn traf, ihn mit Unfreundlichkeit sengte, daß rohe Fluchworte einer harten, groben, spitzigen Sprache nach ihm schlugen. Es kümmerte ihn nicht, daß keiner, aber auch nicht einer etwa auswich, sondern alle, wie Glieder einer von einer ungeheuren geschäftigen Eile bewegten Gemeinschaft, ihn, den einzig Ruhenden, den einzigen Fremden wie einen Spielball einander zustießen: seine Begierde, sich in diese fremde Welt hineinzutasten, panzerte ihn gegen jeden Angriff mit einer freundlichen Gelassenheit, und Verlangen, dieser geschlossenen Ganzheit, der er heute noch allein gegenüberstand, ihr Geheimnis, ihr inneres und ihr äußeres, abzulisten, hielt ihn unempfindlich und aufrecht. Mit der Neugierde des persönlich Beteiligten sah er den Leuten in die kalten, feindseligen Augen; lauschte er Bruchstücke heftiger, um Zahlen und Geschäfte aufgeregter Gespräche auf; sein Blick prüfte die Anzüge der Männer, die hellen 11 Sommergewänder der Frauen, fing sich in der absichtlichen Gefälligkeit ihrer Schuhe und Strümpfe, umspannte die ganze Skala von letzter Verwahrlosung der Armut bis zur zielbewußten Unauffälligkeit der Eleganz. Ihn störte die Häßlichkeit der Gesichter nicht, die Gleichgültigkeit des Ausdrucks, die Brutalität des Ganges, die von Zweck und Selbstbesessenheit entstellte Schnelligkeit aller Bewegungen; denn dies alles schloß sich ihm, rund und fest, zu einer Einheit zusammen, gewissermaßen zu einer Kugel, in deren Bauche irgendwo, versteckt und verborgen, sein Abenteuer saß und auf ihn wartete: das mit allen heißen Fiebern seiner Jugend herbeigebetete.

So stand er, wohin ihn die strömende Welle geworfen hatte, noch immer da in der Helle des sinkenden Abends, unbewegt, ganz Glut, ganz Auge, und wartete, wartete auf das Abenteuer.

 

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