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Clemens und seine Mšdchen

Arthur Kahane: Clemens und seine Mšdchen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens und seine Mšdchen
authorArthur Kahane
year1918
firstpub1918
publisherErich ReiŖ Verlag
addressBerlin
titleClemens und seine Mšdchen
pages129
created20120131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15.

Er blieb allein zurück und rieb sich die Augen, wie man sich einen Traum aus den Augen wischt. Aus seinem Glück war er nun gründlich erwacht. Gewiß hätte es schöner sein 111 können, dieses Erwachen. Es war etwas reichlich viel Unangenehmes gewesen für einen Vormittag. Und genügte, daß ihm der Kopf schwirrte von diesem Mückentanz der Widrigkeiten.

Bloß Unangenehmes, bloß Widrigkeiten, Clemens? Sei ehrlich, Clemens, gestehe es dir ein, es war schon ein ganz ausgewachsener, richtiger, tiefer Schmerz! Oder ist das nicht Schmerz, was da unten kocht und bohrt, nagt und reißt? Und immer wieder nach oben kommt und fürwitzig den Kopf hervorsteckt und die Zunge nach ihm bleckt, wie sehr er sich auch müht, zu vergessen und es mit allem Schutt des Unterbewußtseins zuzudecken? Immerhin, was es auch war, fertig werden mußte er damit. Darum handelte es sich.

Er nahm Hut und Stock und ging. Auf die Gasse. Das war sein gutes, altes System, mit jedem Mißgeschick fertig zu werden, indem er es spazieren führte. Zuerst einmal hieß es, mit seinem Schmerz allein sein. Dann: ihm auf den Leib rücken und ihm Aug' ins Auge sehen. Es gab für ihn keine bessere Art, eine Sache zu erledigen, als sie aus dem Gefühl ins Bewußtsein hinüberzuführen.

Er ging also, sah nicht rechts und links, sondern dachte. Richtig, logisch, in Gedankengängen. Er ließ sich nicht von den Gedanken treiben, sondern trieb sie, wohin er wollte, so gut es eben ging.

Da war also zunächst der Fall Lili. Der war einfach: Es war aus. Es mußte aus sein. Daran war nichts zu ändern. Diese Tatsache war gegeben, war fest. Das lag jenseits aller Psychologie, hatte nichts mit Moral zu tun, 112 war Tatsache, das Ergebnis von Tatsachen, das letzte Resultat einer langen, unglücklichen Verkettung, notwendig, unausbleiblich, unvermeidlich, der ruhende Pol. Sehr schade, aber leider war nichts dagegen zu machen. Er konnte sich also jede weitere Untersuchung ersparen. Selbsterhaltung ist eine Notwendigkeit und ein Axiom und braucht keine Argumente. Und wenn er rein aus Liebhaberei, aus Pedanterie, aus wissenschaftlichem Trieb zur Vollständigkeit hinzusetzte: auch der Selbstachtung wegen, und weil es ein Gebot und Gesetz seiner Natur war, jedes Unreine auszuschalten, nicht aus Moral, sondern aus angeborenem Reinlichkeitsbedürfnis, das in dieser Atmosphäre von Unsauberkeit, Schande und Dreck ihn nicht hätte länger atmen lassen, und weil jedes weitere Zusammensein mit ihr, jede Stunde des Zusammenseins, jeder Kuß (o Gott!), jedes Gespräch, mit diesem Wissen befleckt, eine körperliche und geistige Folter, unerträglich, unmöglich, undenkbar wäre, so war alles gesagt, was zu sagen war, und er war fertig. Man sieht: um eine Sache aus der Welt zu schaffen, braucht man sie nur richtig zu formulieren.

Die Schuldfrage? O nein. Bitte sehr. Die nicht. Damit komme man ihm nicht. Die gab es für ihn nicht. Er fühlte sich – Gott sei Dank – nicht als Richter und fühlte sich auch nicht als Advokat. Er hatte weder zu verteidigen noch anzuklagen. Die Schuldfrage ging ihn nicht an. Und, übrigens, was ist Schuld? Wer hat sie? Was ist die Schuld der Schuld? Wo fängt sie an? War schon das Verbrechen, daß sie den hübschen Namen Lili dem gewöhnlichen 113 Namen Lotte vorgezogen hat? Das tat er auch. Und daß sie den dekorativen Namen annahm, weil er ihr interessanter und für ihre Natur passender erschienen war? Darüber sollen sich Matrikularamt und Paßbehörde aufregen, nicht er. Oder etwa, daß sie den Mechaniker in einen Ingenieur umstilisierte? Oder daß sie die Geschichte ihrer Entlobung in einem für sie günstigeren Lichte darstellte? Als ob irgendein Künstler etwas anderes täte! Sie hat eben Phantasie und Geschmack. Hätte sie ihm sagen sollen, sie sei hinausgeschmissen worden und noch obendrein von einem Mechaniker? Clemens hätte ihr das geradezu übelgenommen, und es war eher zartfühlend von ihr, ihm das zu ersparen. Und schließlich die leidige Familientragödie. Nein, er wollte es nicht beschönigen: es war schon mehr als leidig und mehr als Familientragödie: es hatte etwas vom Inzest und war Betrug und Raub an der Schwester und Einbruch in die Familie und Entweihung des Hauses. Gewiß, im ersten Augenblick hatte es fürchterlich geklungen, verbrecherisch, ungeheuerlich, und die Frau, die es getroffen hat, war zu verstehen, wenn sie es wie ein Verbrechen an allen Gesetzen der Natur und wie einen Riß durch die Schöpfung empfand. Aber nur die; sie war das Opfer; sie hat jedes Recht. Aber wer sonst darf sich unterstehen, sich zu Gericht zu setzen? Wer darf begreifen wollen, wie solch eine Tat entsteht? Was weiß ein Mensch vom andern Menschen? Ein Zweiter ist kaum imstande, das Räderwerk der äußeren Umstände zu übersehen und zu scheiden, was Wille und was Verführung, Gelegenheit, Drohung, Vergewaltigung wirkt; was ahnt er erst von den dunklen 114 Kräften und Trieben der Seele? Der Mensch erleidet doch meistens nicht bloß sein Leid, sondern auch seine Tat. Gewiß ist Quadderbacke nicht der Mann, den man wählt, aber Quadderbacke sieht ganz so aus, als ob er nicht auf das Gewähltwerden wartet, sondern selbst wählt.

Und wenn sie schon ein Luder ist: ist sie schuld, daß sie ein Luder ist? Und hat nicht Gott auch das Luder geschaffen? Und kann nicht auch ein Luder seinen Reiz haben, wie irgendein Werk der Schöpfung? Und ist sie nicht das reizendste, entzückendste kleine Luderchen, das je einen Menschen glücklich gemacht hat?

Ist sie nicht das, was sie ist, ganz? Und hat sie sich je als anderes geriert? Clemens hat das ja von Anfang an gewußt, daß sie ein Luderchen ist. Na also! Natürlich konnte eine Lili keine Eveline sein. Aber sie hat sich auch nie dafür gegeben. Und er hat sie nie dafür genommen.

Selbstverständlich hatte das alles nichts damit zu tun, daß es aus sein mußte. Nur dagegen wehrte er sich, dem armen Mädel als Schuld aufzubürden, was sie selbst am schwersten traf. Aber aus sein mußte es. Da gab es für ihn keinen Zweifel.

Blieb also noch das Telegramm, das ihn wurmte. Daß es ihn ärgerte, konnte er nicht bestreiten. Denn es war lächerlich mit seinem: »Brutus, du schläfst!«, allerdings aber so charakteristisch für das verschworene Grüppchen in der Provinz, daß es jedes andere Erkennungszeichen überflüssig machte, mithin also nicht einmal ungeschickt zu diesem Zweck. Aber es war auch frech, denn es stellte einen Eingriff in sein 115 privates Leben vor, das niemanden anging, und verriet, daß sie ihm nachspionierten und ihn kontrollierten. Sie mußten demnach wissen, daß er eine Liebschaft hatte, und wollten ihn, für die Sache, herausreißen. Da traf es sich also eigentlich ausgezeichnet, daß das Telegramm gerade in dem Moment eingetroffen war, der seiner Liebschaft ein Ende machte. Es konnte gar nicht besser sein: mit der Lili war es aus, und er war frei, die Wünsche seiner Freunde, seiner Nation, seines Gewissens zu erfüllen.

Was wollte er also noch? Nichts. Es war alles in Ordnung. Sein Schicksal hatte es wieder einmal gut mit ihm gemeint und alles so weise geführt, daß, ohne sein Zutun, zur rechten Zeit das Rechte geschehen war.

Es blieb ihm also nur noch übrig, zu kündigen, wegzuziehen, eine neue Wohnung zu finden und an die Arbeit zu gehen.

Lili brauchte er nie wiederzusehen. So wie er Eveline nie wiedergesehen hatte. Aber Eveline war immer bei ihm. In ihm, um ihn. Wie einen Schutzgeist spürte er ihre reine Nähe. Und auch diesmal hatte sie ihn geschützt und gerettet und für Besseres aufbewahrt. Und immer wieder wird sie da sein, wenn sein Leben an Abgründe gerät, und ihn mit ihren großen, dunklen Augen voll Schatten und Traurigkeit ansehen und mit den weißen Händen, die zum Weinen schön sind, zurückziehen.

Lili aber, die kleine, schlanke Lili, wird er nie wiedersehen. Sie kommt nicht wieder. Diese Nacht war die einzige und die letzte. Ach, was war sie süß gewesen! Welche 116 Freude, welche tiefe, reine Freude hatte ihm der liebe Körper geschenkt! Wie glücklich und stolz hatte er sich und sein junges Leben an diesem Körper gefühlt! Nun wird er dessen schlanke, bebende Weichheit nie wieder fühlen! Die zarten Glieder nie wieder fühlen! Den Mund, den köstlichen, frischen Mund, der hingegeben, hingeschmolzen an dem seinen gehangen hatte, nie wieder küssen! Nie wieder diese lieben, dummen, süßen, zärtlichen, schmeichelnden Worte der Liebe hören! Es war ja alles Lüge! Aber welche gute, liebe, liebevolle Lüge war es! Lüge, für ihn ersonnen, ihm gehörig, für ihn bestimmt, ihn einzulullen, ihn glücklich und selig zu machen! Nie wieder! Das war verloren!

Und er drehte sich um und rannte, so schnell er konnte, durch die verwunderten, stoßenden Leute durch, nach Hause, zu seiner Lili.

 

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