Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Kahane >

Clemens und seine Mädchen

Arthur Kahane: Clemens und seine Mädchen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens und seine Mädchen
authorArthur Kahane
year1918
firstpub1918
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
titleClemens und seine Mädchen
pages129
created20120131
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

14.

Er stand am Fenster und sah verloren hinaus. In der Hand hielt er noch immer dieses Telegramm. Das Leben trieb in der Gasse, er starrte, ohne sie zu sehen, in die fremden Gesichter, in die fremden, nichtssagenden Fenster. Seine Gedanken, auf der Flucht vor sich selbst, klammerten sich umsonst an Äußerliches, Gleichgültiges.

Wieviel Uhr mochte es sein? Er wußte es nicht. Seine Energie lag in Fesseln, er riß sich nicht einmal auf, sich umzudrehen und ans Bett zu gehen, um auf die Uhr zu schauen. Da draußen lag heller Vormittag, Bewegung und Arbeit der Gasse schlugen ihr Höchstes. Er hatte sein Glück 96 in tiefem und, wie er meinte, traumlosem Schlafe hinübergetragen, länger als sonst in den Tag, bis ihn ein Pochen aufgeweckt hatte und eine Stimme, diese seltsame, heisere, nur ans Flüstern gewöhnte Stimme der Frau Quadderbacke, die er heute zum erstenmal laut hörte, durch die Türe: »Ein Telegramm!« rief. Er war aufgesprungen, mit einem Ruck in Hose und Rock geschlüpft und hatte sie hereingelassen. Und dann hatte er das Telegramm in der Hand, aufgerissen und mit diesen merkwürdigen drei Worten, die wie drei spitze Lanzen in sein Gewissen stachen.

Drei Worte, geheimnisvolle, aufregende, aufrüttelnde, bohrende, waren über ihn hergefallen, hatten ihm alles zerstört, und stocherten nun grausam, quälerisch, unerbittlich in seinem Innern herum. Der Schleier, den Erinnerung des gestrigen Tages und der gestrigen Nacht um sein Bewußtsein gewoben hatte, dieses elfenfeine, zarte, dämmerungleise Ding, war zerrissen, lag in Fetzen da. Auf traumhaft selige Glücksnacht war allzuschnell katzenjämmerliches Erwachen, das allzu grell Andere des nächsten Tages gekommen. Auch für ihn, den Einsamen, Freien, nur sich selbst Verantwortlichen gab es eine Welt, die Rechnungen präsentierte, die sein Glück in Vorwürfe verkehrte. Wie ein Gläubiger stand sie vor ihm, auf Rechte pochend, mit großer Gebärde, pathetisch, und schrie ihm drei freche, rätselhaft tuende Worte zu, und er las wiederum: »Brutus! du schläfst!« Sonst nichts, ohne Unterschrift: »Brutus! du schläfst!«

Eigentlich war es nur komisch. Dieser veraltete Verschwörerjargon mit klassischen Zitaten, der Antike spielen 97 wollte, aber nur an die Operette erinnerte, und wenn er an das kleine Studentengrüppchen dachte, hätte er lachen können, wenn er sich nicht gar so sehr hätte ärgern müssen. Nein, nicht wie ein mahnender Gläubiger war die Welt in sein Glück eingebrochen, sondern wie eine böse, alte Hexe, und es war ihm, als sähe er die boshaft Grinsende, als hörte er sie aus den Winkeln des Zimmers ihm die drei frechen, lächerlichen Worte entgegenschreien, entgegenraunen, entgegenkrächzen.

Er sah sich um und fuhr zurück. Da saß immer noch die kümmerliche, unscheinbare, verwelkte, dürftige, schattenhafte ältliche Frau auf einem Stuhl an der Wand, eingefallen, die knochigen Hände ausgestreckt auf ihren Knien, unbeweglich, regungslos, und starrte ihn an mit trüben, glanzlosen Blicken.

Er ertrug den Blick nicht und mußte sich zur Seite wenden. Er wollte sprechen, aber er spürte, wie seine Stimme ihm nicht gehorchte. Erregt ging er im Zimmer auf und ab. Sie sprach kein Wort, rührte sich nicht, aber er fühlte, wie ihre Blicke ihm folgten. Er ging auf und ab, auf und ab, sie rührte sich nicht. Er blieb wieder am Fenster stehen, fühlte ihren Blick im Rücken, sie rührte sich nicht, sprach nicht. Er versuchte hinauszuschauen, um ruhig zu werden, Fassung zu gewinnen. Er konnte nicht, mußte sich wieder umdrehen. Reglos saß sie da, dunkel, unheimlich, wie ein grauer Schatten, der wuchs und wuchs. Das Zimmer füllte sich mit ihr, mehr und mehr, ein Grauen ging von ihr aus, das ihm das Herzblut stocken machte. Endlich 98 konnte er nicht mehr, nahm alle seine Kräfte zusammen, ging festen Schrittes auf sie zu und fragte sie mit einer Stimme, die ihm selbst ganz fremd vorkam, so rauh und heiser klang sie:

»Was wollen Sie denn noch?«

Sie schwieg und sah ihn nur ganz erschrocken und hilflos an. Eine fast blöde Willenlosigkeit ließ sie nur noch unheimlicher wirken.

»So reden Sie doch endlich! Was wollen Sie von mir?« brüllte er sie fast an.

Er sah, wie sie zum Reden ansetzte, mühsam nach Atem rang und nicht konnte.

»Was haben Sie denn?« sagte er etwas weicher. »Ich sehe, Sie haben mir etwas zu sagen. So sprechen Sie doch, wenn Sie etwas auf dem Herzen haben! Ich tue Ihnen doch nichts.«

Klobenschwer keuchten die Worte aus ihr heraus: »Ich möchte Ihnen etwas sagen.« Dann stockte sie wieder.

»Was denn?« sagte er, so sanft und begütigend er nur konnte, »sprechen Sie doch ungeniert! Ich helfe Ihnen ja gern.«

»Ich habe solche Angst. Ich kann nicht.«

»Angst? Vor wem?«

»Vor ihr. Vor ihm. Vor allen. Und doch muß ich. Ich muß Sie warnen.«

»Mich warnen? Vor wem?«

»Vor ihr. Vor – Lotte.«

99 »Vor wem?«

»Vor Lotte. Vor meiner Schwester.«

»Sie meinen Fräulein Lili?«

»Ja, so nennt sie sich, wenn sie Bekanntschaften anknüpft. Hat sie sich Ihnen auch so vorgestellt? Aber sie heißt Lotte. Der Name ist ihr nicht nobel genug. Sie schämt sich ihres eigentlichen Namens, gerade so wie sie sich meiner schämt. Am liebsten möchte sie mich auch verleugnen. O, sie ist ja so verlogen! Jedes Wort, das sie spricht, ist Lüge.«

Noch immer tropften die Worte stoßweise, ruckweise, ächzend aus ihr heraus. Ihre Stimme war heiser, grau, tonlos und ihre innere Erregung malte sich nicht in ihr, sondern in einem Zucken, das fortwährend über ihr Gesicht lief.

»Ich verbiete Ihnen, von Fräulein Lili in diesem Tone zu mir zu sprechen.«

»Hat sie Sie auch schon so weit? Das versteht sie! Dieser Schwindlerin ist noch jeder Herr auf den Leim gegangen.«

Und plötzlich brach ein wilder Haß aus der tonlosen Stimme, den glanzlosen Augen hervor, lange zurückgedämmt, aber um so heftiger, und versetzte das arme schwächliche Wesen in eine so fieberhafte Aufregung, daß es an allen Gliedern des Leibes, wie von einem Krampf geschüttelt, zu zittern begann.

»Jeder. Von Kind auf hat sie das verstanden. Und jeder ist ihr aufgesessen. Jeder. Oder bilden Sie sich am Ende ein, daß Sie der Erste sind? Hat sie Ihnen das 100 vielleicht auch vorgeschwätzt? Und Sie sind imstande und glauben es ihr?«

»Ich bilde mir gar nichts ein und habe ihr nichts zu glauben. Und wenn ich Ihnen das Recht bestreite, in meiner Gegenwart über Fräulein Lili zu schimpfen, so habe ich damit nicht gesagt, daß ich mir irgendein Recht über sie anmaße. Ich hoffe, Sie verstehen mich. Und jetzt verlassen Sie mein Zimmer!«

»Was? Wollen Sie damit sagen, daß Sie nichts mit ihr haben? Oder ich soll wohl an eine reine Freundschaft zwischen Ihnen glauben? Die Lotte und eine reine Freundschaft! Das soll ich Ihnen wohl glauben?! Ihr haltet mich wohl alle für blind und taub? Und für stumm dazu? Das könnte euch allen so passen! Aber bildet euch das nicht ein! Ich sehe und höre alles. Viel mehr, als ihr wißt. Viel mehr als euch lieb ist. Glauben Sie denn, ich habe es nicht bemerkt, wie gestern früh die geputzte Puppe gleich hinter Ihnen her fortlief, um Sie an der nächsten Ecke zu treffen, und wie Sie nachts gleich hinter ihr her nach Hause kamen, wenn ihr auch noch so vorsichtig geschlichen seid? Und habe es nicht bemerkt, wie gleich nachher die Türe ging und sie zu Ihnen hereinschlüpfte? Und habe es nicht gehört, als heute Morgen um fünf Uhr Ihre Türe ganz leise aufgemacht wurde und die Katze auf nackten Sohlen herausgehuscht kam? Wenn ich etwas von diesen langen Jahren gehabt habe, war es das, daß ich gelernt habe, mich auf das Gehen von Türen zu verstehen. Da bekommt man höllisch feine Ohren, wenn man schlaflose Nächte lang daliegt und nichts 101 tut als warten, bis eine Tür aufgeht und zugeht, aufgeht und wieder zugeht. Und glauben Sie, daß Sie mir, und wenn Sie noch so entrüstet tun und schreien, ausreden können, was dieses zerworfene Bett, diese zerwühlten Kissen mir sagen? Ich bin eine einfache Frau, aber diese Sprache verstehe ich, darin kenne ich mich aus. Und da werden Sie, junger Mensch, mir so leicht nichts vormachen können.«

Sie hatte diese letzten Sätze wieder mit ihrer gewöhnlichen, heiseren, fast ruhigen Tonlosigkeit gesagt, ohne jede Hebung oder Senkung der Stimme, bewegungslos vor sich hinstarrend, und ihre Erregung verriet sich nur in dem Zittern der knochigen Hände. Aber eine solche Bestimmtheit und so viel Schicksal lag in ihren Worten, daß Clemens sich ganz still an den Tisch lehnte und die Augen niederschlug, weil er sich vor dem Ungeheueren fürchtete, das jetzt in diesem Gesicht zu lesen stehen mußte.

Dann fing sie wieder an, noch ruhiger, noch tonloser, und so, daß er nicht wußte, ob es Drohung und Gewalt der Stimme oder des Inhalts war, was ihm wie Grabesschauer lähmend durch Mark und Bein ging: »Sie können mich ja hinauswerfen. Sie können mich ja aus dem Zimmer jagen. Sie können mir ja den Mund knebeln. Sie können sich ja die Augen verkleben und vorn und hinten blind sein, wenn Sie wollen. Und doch werde ich's Ihnen sagen, ob Sie wollen oder nicht, werde es Ihnen zuschreien mit dieser Stimme, die längst ihr Sprechen verlernt hat, oder werde Ihnen schreiben mit diesen kranken, ungewohnten, zerarbeiteten Fingern, und wenn Sie meine Schrift nicht annehmen, werde ich es 102 Ihnen von anderen Händen schreiben lassen, so lange, bis Sie alles erfahren. Denn der Wahrheit lasse ich Sie nicht entrinnen. Ich will, daß Sie alles erfahren sollen. Diesmal mache ich nicht mehr mit. Ich habe zu lange geschwiegen. Ich kann nicht mehr. Es erdrückt mich. Es zersprengt mich. Meine Lebenskraft hat es mir ausgesogen. Das Fleisch ist mir von den Rippen gefallen. Sehen Sie mich an, wie ich ausschaue, abgezehrt, abgemagert wie ein altes Weib. Ich bin mit jungen Jahren alt geworden. Uralt. Eine Greisin mit fünfunddreißig Jahren. Fünf Jahre der entsetzlichsten Ehe, und seit nicht viel weniger weiß ich das Schlimmste und habe keinen Menschen, dem ich es sagen kann, und schleppe es mit mir herum und fresse es in mich hinein. Aber nun geht's über meine Kräfte. Nun kann ich nicht mehr. Nun muß es heraus. Alles. Und wenn alles darüber zugrunde geht, mir ist es gleich.«

»Und warum gerade mir?« wagte er kaum zu fragen.

»Ich weiß nicht. Einer muß es doch sein. Und Sie habe ich für anständig gehalten. Für den ersten anständigen Menschen, der in die Nähe dieses Hauses tritt.«

»Und der Ingenieur?« Nun reizte es ihn, an die Wirklichkeit zu tasten.

»Welcher Ingenieur? Den Mechaniker, meinen Sie? Das war der Roheste von allen. Geprügelt hat er das Mädel, daß sie braun und blau wurde.«

»Als Bräutigam?«

»Bräutigam? Gegangen ist er mit ihr, wie man bei uns sagt. Und nicht einen Pfennig hat sie von ihm gehabt. 103 Nicht das kleinste Geschenk. Im Gegenteil: ihr weniges Geld hat er ihr abgenommen.«

»Und da hat sie ihm den Laufpaß gegeben?«

»Sie ihm? Er ihr. Weil er sie mit seinem Freund erwischt hat. Wie eine Klette hat sie sich dann an ihn gehängt und ist ihm überall nachgelaufen, aber er wollte nicht mehr. Verprügelt hat er sie nur und hinausgeschmissen.«

Er verkrampfte die Finger in den Tisch, biß die Lippen zusammen und schwieg.

»Warum sagen Sie denn auf einmal nichts?« griff sie wieder auf, und es klang zwischen Hohn und Mitleid. »Jetzt sind Sie traurig. Ich hab's ja gewußt. Sie hat's Ihnen wohl anders erzählt? Ja, lügen kann sie. Jedes Wort, das das Mädel spricht, ist eine Lüge. Hab' ich es Ihnen nicht gesagt?«

Und fuhr weiter fort, unaufhaltsam, unerbittlich. »Und so war sie immer. Und doch haben sie immer alle gern gehabt. Trotz ihrer Verlogenheit. Laß sie doch, sagte schon der Vater, wenn's ihr Spaß macht. Schon der Vater war in sie verliebt. Der kannte nichts auf der Welt als den Balg. Mich mochte er gar nicht. Übrigens die Mutter auch nicht, denn ich war die Ursache gewesen, daß sie heiraten mußten. Sie hatten sich schon damals nicht mehr leiden können und lebten auch gar nicht richtig zusammen; immer wieder lief die Mutter weg, kam aber immer wieder, denn der Vater hatte Geld, nicht bloß was er als Beamter verdiente – er war auch bei der Polizei – sondern noch eine Menge nebenbei, und hätte noch mehr verdienen können, wenn er nicht getrunken hätte, 104 und sie hätte ohne ihn verhungern müssen. Und dann nach fünfzehn Jahren kam auf einmal ganz unerwartet die Lotte, und bald darauf lief die Mutter wieder weg, aber diesmal kam sie nicht wieder, und wir haben nie wieder etwas von ihr gehört. Und von da ab war der Vater wie verwandelt – das heißt getrunken hat er noch mehr als früher, jede Nacht durch, wenn die Lotte schlief, ganz allein saß er stumpfsinnig da und trank, aber den Tag über hieß es nur Lottchen hier und Lottchen da, und der starke rohe Mann wurde ganz weich und zärtlich, wenn er den Fratzen nur ansah. Und trug sie den ganzen Tag herum und küßte und schleckte sie und gab ihr nach und verzärtelte und verhätschelte das Ding, soviel er nur konnte. Gegen mich aber wurde er noch roher und brutaler als früher und schlug mich, und ich war zu nichts da, als Lottchen zu bedienen, und war das Dienstmädchen im Hause, und wenn Lottchen was anstellte, wurde ich bestraft, und wenn Lottchen etwas geschah oder Lottchen krank wurde, bekam ich Prügel. Anfangs hatte ich sie ja selber lieb und hatte mich über das hübsche Schwesterchen gefreut, aber als sie dann wuchs und größer wurde und mich zu tyrannisieren begann und, wie sie es vom Vater gesehen hatte, auf mich losschlug, bei jedem Anlaß und manchmal auch ohne Anlaß, und alle ihre Launen an mir ausließ und alles auf mich schob, wenn sie etwas anstellte, mir alles wegnahm, was mir gehörte, und wie ich sah, daß sich alles nur um sie drehte und nur Augen für sie hatte, daß nichts für sie zu teuer war und man sie anzog und ausstaffierte und putzte, während ich immer vernachlässigt herumlaufen mußte und immer unscheinbarer 105 und unansehnlicher wurde, so daß ich wirklich schließlich wie ein Kindermädchen hinter ihr herlief und mich alle Welt als Dienstmagd behandelte, da ist allmählich eine Verbitterung und ein Neid in mir aufgestiegen, die mich ganz vergiftet haben. Das kann kein junges Mädchen ertragen, immer nur der Schatten von einer anderen zu sein und keinen Menschen zu haben, der sich um einen kümmert. Wenn ich auch nicht so hübsch war wie Lotte, häßlich war ich nicht und mußte mit ansehen, wie alle Welt vor ihr auf den Knien lag und mich in meiner Dürftigkeit gar nicht bemerkte. Natürlich machte mich das nicht gerade schöner, und ich fühlte, wie ich häßlicher und reizloser und älter wurde und eine Jugend verging, die ich nie gespürt und nie genossen hatte. Lotte aber war über alle Maßen kokett und fing schon als Kind mit allen Buben an und auch mit Erwachsenen und begann frühzeitig, sich herumzutreiben, und zwang mich, ihr dabei Vorschub zu leisten und sie in ihren Lügen zu unterstützen. Weigerte ich mich, so lief sie zum Vater und log ihm irgend etwas gegen mich vor, und so mußte ich mich, wenn ich mich von dem immer jähzornigen Manne nicht strafen und schlagen lassen wollte, zähneknirschend ihrem Willen fügen. Und so wurde ich älter und älter und schließlich dreißig Jahre alt und hatte gar keine Jugend und ein freudloses Leben hinter mir und ein trauriges und hoffnungsloses vor mir, bis Quadderbacke, als Vaters Kollege, in unser Haus kam.«

Sie machte eine Pause. Eintönig war die graue Geschichte dieser traurigen Jugend von ihren Lippen geflossen, wie ein lang verschlossenes, aber in jeder Sekunde giftig 106 bereites Geheimnis, das sich Bahn bricht und nun alle Ufer überschwemmt. Aber auf einmal stockte sie und mußte, als sie zum erstenmal den Namen ihres Mannes nannte, innehalten. War es Scham, den fremden Mann in das Innere dieser Ehe schauen zu lassen? Oder war es ein Suchen nach Worten eines noch heißeren Hasses?

Clemens sah sie an, wie sie dasaß mit gebeugtem Rücken, gesenktem Kopf, tief in sich verkrochen, und redete, redete ohne Willen, einem Zwange gehorchend, endlich einmal alle Hüllen einer Seele abzustreifen. Der junge Mann erlebte zum erstenmal das Phänomen: Haß. An dieser verkrümmten, verkrüppelten Person, diesem Schatten eines wirklichen Menschen zum erstenmal in voller Wirklichkeit: Haß.

Sie fuhr fort: »Er war mir vollkommen gleichgültig, eher unangenehm. Aber er war der erste Mensch, der sich um mich kümmerte. Als erster nicht um Lotte, sondern nur um mich. Er sagte ›Fräulein‹ zu mir, anfangs sogar ›gnädiges Fräulein‹. Nach paar Wochen bereits war es klar, daß er mich heiraten wollte. Ich hatte natürlich sofort heraus, daß es ihm nur um Vaters Geld zu tun war. Nicht einen Augenblick lang habe ich mich einer Täuschung hingegeben. Ich habe mir nie eingebildet, daß er mich reizloses, älteres Mädchen um meiner selbst willen nehmen werde. Sein brutales, egoistisches Wesen hatte ich sofort durchschaut. Aber mir war alles gleich, wenn ich nur aus dieser Hölle herauskam, nur von Lotte fortkam. Aus Haß gegen Lotte sagte ich ohne Besinnen: ja. Wir heirateten. Kurz danach starb Vater an einem Schlaganfall. Mein Mann 107 bestand darauf, daß wir Lotte ins Haus nehmen. Ich weigerte mich, sträubte mich mit Händen und Füßen. Darauf sagte er mir roh ins Gesicht hinein, er langweile sich mit mir, er wolle Jugend und Amüsement ins Haus haben, und als ich ihm drohte: dann laufe ich davon, sagte er: dann laufe! Was blieb mir übrig? Schließlich konnte man das leichtsinnige Mädel auch nicht allein in der Welt stehenlassen. Und so fügte ich mich. Lotte zog zu uns ins Haus.

Und nun erst begann die wahre Hölle für mich, gegen die das Leben im Vaterhaus ein Kinderspiel gewesen war. Die Beiden lachten und scherzten den ganzen Tag, um mich kümmerte sich niemand. Ich war Luft für sie. Zum Dienstmädchen war ich gut genug, so wie im Vaterhaus. Nur daß im Vaterhause noch ein gewisser Wohlstand geherrscht hatte, während mein Mann so geizig ist, daß er das Hauswesen ohne Geld bestreiten will und mich benützt, um Magd und Köchin zu ersparen. Sie verwenden mich für die niedrigsten Dienste. Ich muß fegen, bürsten, kochen, waschen, die Böden aufwischen, scheuern, Geschirr putzen. Und sie sitzt drin wie eine vornehme Dame, läßt sich bedienen und plaudert mit meinem Manne. Erst in der letzten Zeit hat sie sich entschlossen, in ein Geschäft zu gehen, aber mehr, um sich zu amüsieren und Bekanntschaften zu machen, als um zu arbeiten. Um den Zins zu ersparen, hat mein Mann darauf bestanden, das eine Zimmer zu vermieten, und ich muß zu aller Hausarbeit noch die Bedienung der fremden jungen Leute übernehmen, während meine Schwester mit ihnen kokettiert. Und nie fällt ein Wort des Dankes, nie ein freundliches Wort an 108 mich, kaum daß sie das Allernötigste zu mir sprechen, wenn sie gerade essen oder trinken oder sonst etwas wollen oder unzufrieden sind. Dann schimpfen sie mit mir. Und noch ärger. Er ist so brutal und jähzornig, daß er sich sogar an mir vergriffen und mich geschlagen hat. Und als er sah, daß ich mich in meiner Erschrockenheit und Schwäche nicht wehren konnte, hat er es wiederholt und schlägt mich öfter und sie sieht zu und lacht. Wundert es Sie, wenn ich da schon auf den Gedanken geriet, sie Beide zu vergiften? Ich hätte es längst getan, wenn ich nicht zu feige wäre.

Und es kam noch ärger. Das Schlimmste hatte ich ja nicht geahnt, es mir nicht im Traume einfallen lassen, daß es nur möglich wäre. Bis ich eines Nachts aus dem Schlafe auffuhr und das Bett an meiner Seite leer fand. Ich glaubte, er sei noch einmal ausgegangen, und lief hinaus: da hing sein Rock und sein Mantel, und da hörte ich auch schon aus Lottens Zimmer leise, unterdrückte Stimmen, und da hörte ich, wie er bat und bettelte, und wie sie anfangs nein sagte und widerstand, aber nicht lange, und dann wußte ich, daß mein Mann mich mit meiner Schwester betrog. Und schlich mich zurück und wartete, bis die Türe wieder ging und mein Mann leise hereinkam, und stellte mich schlafend, um ihn nicht zu ermorden oder nicht von ihm ermordet zu werden.«

»Nein,« schrie Clemens auf, »das ist nicht möglich! Sie lügen in Ihrem blinden Hasse. Oder Ihre Eifersucht hat Sie verrückt gemacht und spielt Ihnen tolle Hirngespinste vor! Lili und Quadderbacke! Das glaube ich Ihnen nicht! Nieundnimmer!«

109 »Verrückt gemacht?« lachte sie fast lautlos in sich hinein. »Leider bin ich noch nicht verrückt, wenn ich auch schon nah daran war, es zu werden. Hirngespinste? Was ich Jahre hindurch nächtelang mit eigenen Ohren anhören mußte? Wissen Sie jetzt, was das heißt: daliegen und warten und Türen auf- und zugehen hören und seine Wut und seine Schande in sich hineinfressen und sich schlafend stellen müssen? Und bei Tage herumgehen und nicht wagen, die Augen aufzuschlagen und es ertragen müssen, daß die Beiden einem frech ins Gesicht lachen, und nicht reden dürfen, stumm, berstend vor Wut und im Innern zerfressen von Neid und Galle und Eifersucht und Scham? Denn die Beiden wissen ganz genau, daß ich es weiß. Wissen Sie jetzt, was Hölle heißt? Und begreifen Sie, daß einer, der diese Hölle auf sich genommen hat, weiter lebt?«

»Aber warum? Warum schweigen Sie? Warum reden Sie nicht? Warum wehren Sie sich nicht? Warum tun Sie nicht irgend etwas?« Und er packte sie an den Händen und riß sie in die Höhe, weil er diesen sitzenden Haufen Unglück nicht mehr ertragen konnte.

»Weil ich nicht kann. Weil ich zu schwach bin. Weil mir von Kind auf jeder Wille im Leib getötet, jede Kraft aus dem Herzen gerissen wurde. Weil ich einmal das Kreuz auf mich genommen habe und es tragen muß bis ans Ende, bis es mich erschlägt. Ich kann nicht wiederschlagen.«

Er hätte vor ihr auf die Knie sinken mögen, wie sie so dastand, arm, geschlagen, in sich gesunken, und in ihr ein Stück der leidenden Menschheit anbeten. Aber schon lag sie 110 zu seinen Füßen, ergriff seine Hand und schrie aus Innerstem zu ihm auf: »Aber Sie beschwöre ich: retten Sie sich! Versprechen Sie mir dies eine: retten Sie sich und fliehen Sie! Ich will mich nicht besser machen als ich bin. Nicht um Ihretwillen, nicht bloß um Ihretwillen bitte ich Sie darum. Sondern aus Rache. Um mich zu rächen. Denn sie liebt Sie. Und seitdem Sie da sind, hat sie Quadderbacke abgeschüttelt und würde alles abschütteln, um nur mit Ihnen glücklich zu sein. Und doch kann ich ihr dieses Glück nicht gönnen. Das darf nicht sein, um meinetwillen nicht, daß diese, die mir alles genommen hat, glücklich wird. So ungerecht darf Gott nicht sein, gegen sie nicht und gegen mich nicht. Elend muß sie werden! Und wenn Sie von ihr gehen, trifft es sie tödlich. Und Sie müssen ja gehen. Nach dem, was ich Ihnen gesagt habe, müssen Sie. Sie können ja nicht bleiben. Versprechen Sie es mir, und Sie werfen den ersten Sonnenschein in das trostloseste Leben, das je die Erde gesehen hat.«

»Ich verspreche es Ihnen. Ich gehe.«

Er gab ihr die Hand. Und sie verließ, das erstemal ihm mit einem Blicke des wortlosen Dankes voll ins Gesicht sehend, das Zimmer, ganz still, lautlos, gespenstisch schattenhaft wie immer.

 

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.