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Clemens und seine Mädchen

Arthur Kahane: Clemens und seine Mädchen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens und seine Mädchen
authorArthur Kahane
year1918
firstpub1918
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
titleClemens und seine Mädchen
pages129
created20120131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13.

Durch schnelle Zeichen verständigt, gingen sie, natürlich nicht miteinander, vom Hause fort. Er erwartete sie an der nächsten Straßenecke, wo sie pünktlich um acht Uhr erschien, sehr sonntäglich und frisch, in ihrer neuen weißen Golfjacke, über der am treuen Samtbande das elfenbeinerne Kreuz baumelte. Die Hände hatte sie flott in die Seitentaschen gestemmt und hatte sichtlich Lust, unternehmend 73 auszusehen. Er hatte bereits ein paar frische, dunkelrote Rosen besorgt, die flink an ihren Gürtel hinüber wanderten.

Die Morgenluft ging würzig und rein. Die Lerchen trillerten, der glänzende Tau hing wie Tränen des Glücks über den frischgebadeten Gräsern, die Erde duftete nach Schlaf und Sonntag, der Wind trug den Klang der Kirchenglocken von fernen Hügeln herüber, Kuhherden bimmelten vorbei, Felder lagen im Sonnenglanz, Waldfrieden lockte. Ganz genau so war es zwar nicht, aber sie hatten es so im Gemüte und eine unbändige Lust auf derartiges. Fest hing sie sich in seinen Arm, vergnügt mit den Beinen ausschlendernd, und sie waren entschlossen, es um keinen Preis zu bemerken, wenn die staubigen Mauern in den Straßen bereits zu schwitzen begannen, hemdsärmlige Kleinbürger zur Sonntagsmorgenfeier in den Fenstern lehnten und dreckige Witze hinter ihnen hersandten, morgendlich saloppe Frauen und Mädchen in den Haustüren Lili vom Kopf bis zu den Zehen mit spitzigen Blicken und tuschelnder Bosheit bespickten, lärmende Vorstadtrangen hinter der ungewohnten weißen Golfjacke herspotteten und aus den zahllosen Destillen der Gegend erster Frühschoppenlärm des hier üblichen Sonntagsgottesdienstes herauszujohlen begann. Sie überhörten geflissentlich, beschleunigten nur ein wenig den Schritt, bis sie aus dem ärgsten Fegefeuer der Nachbarschaft heraus waren, und er begann:

»Du, was fangen wir eigentlich an? So lange bin ich noch nicht hier, daß ich Bescheid wüßte, und ich möchte, daß es heute sehr schön wird.«

74 »Aber ich weiß Bescheid. Und nicht wahr, heute überläßt du dich ganz mir. Ich führe. Du bist der Fremde, ganz einfach, ein frisch aus der Provinz zugereister Herr, und ich mache den Führer. Du wirst staunen, wie gut ich das kann. Paß nur auf, wie schön das wird!«

»Also, was hast du vor?«

»Ja, so genau weiß ich das noch nicht. Zuerst, denke ich, bummeln wir in der allerfeinsten Gegend. Ich will, daß uns alle Leute miteinander sehen. Und dann essen wir Mittag in der Stadt, ganz fein, in einem Weinrestaurant, mit Austern – –«

»Du, Austern gibt es in dieser Jahreszeit nicht mehr.«

»So? Macht nichts. Dann was anderes. Und Nachmittag fahren wir in den Wald hinaus. Wald muß sein. Und den Kaffee nehmen wir draußen. Das ist das Allerschönste. Darauf freue ich mich am meisten. Ich weiß ein wunderschönes Waldrestaurant, mitten im Grünen, ganz einsam. Da gehen alle hin. Und nach dem Kaffee ist es Abend, und wir gehen im Wald spazieren, bis es dunkel wird.«

»Und dann?«

»Dann?? Was dann? Dann ist nichts. Dann fahren wir nach Hause. Sehr artig und jeder zu sich und träumen voneinander.« Sie sah ihn spitzbübisch an und drückte sich enger in seinen Arm.

Sie waren in die inneren Stadtteile gekommen. Er erkannte sie, aus der Erinnerung an jene erste Nacht, und begann zu fragen, nach alten Straßen, nach Häusern, nach 75 der Bestimmung der Paläste. Sie tat sehr wichtig, nahm einen Anlauf, ihm alles zu erklären, wußte aber nicht viel. Eigentlich weniger, als er in jenen ersten Straßenwanderungen erraten hatte. Und auf einmal hatten sie sich verlaufen, und sie wußte nicht weiter. Er lachte die blamierte Führerin aus.

»Ja, weißt du, da kommen doch nur die Provinzler hin,« verteidigte sie sich, »unsereiner doch nie. Und wenn, so merkt man sich's nicht. Wer kann sich alle die dummen Straßen und Namen merken! Wozu auch? Man kann ja fragen!«

»Um Gottes willen! Fragen? Wir werden doch nicht mit fremden Menschen sprechen? Wir brauchen doch keine Vertrauten.«

Und jetzt übernahm er die Führung, und in ein paar Minuten standen sie vor jenem Bahnhof im Mittelpunkte der Stadt, an dem er damals angekommen war.

Was hatte er seitdem alles erlebt! Wie ein ferner Traum tauchte jener Augenblick aus der Vergangenheit wieder vor ihm auf. War er überhaupt jemals gewesen? Hatte es eine Eveline wirklich gegeben? Oder war die da, die neben ihm ging und die ihm vertraut war, als hätte er sie von je gekannt, nicht Eveline? Die eigentliche Eveline? Und jene andere ein Traum?

Er sah sie an. Heute schien sie ihm ganz so auszusehen, wie er Eveline in der Erinnerung trug. War nicht dieselbe schwebende Jugend in der schlanken Figur, die an seinem Arme hing?

76 Sie bemerkte den Blick und deutete ihn als Triumph über seine Führung. »Nun, ja, du bist eben gescheiter«, gab sie zu, ein wenig spöttisch. »Ihr Männer seid immer gescheiter. Wozu hättest du auch Philosophie studiert?«

»Das mußt du nicht immer sagen«, belehrte er sie. »Ein Student der Philosophie hat meistens gar nichts mit Philosophie zu tun. Philosophie, das ist so ein Name für alles mögliche. So ungefähr Mädchen für alles, womit man auch alles bezeichnen kann, von der Stütze der Hausfrau bis zum letzten Küchenmädel. Bei mir zum Beispiel bedeutet Philosophie, daß ich Sprachen studiert habe.«

»Was für Sprachen?«

»Verschiedene. Hauptsächlich Französisch.«

»Französisch? Famos. Das kann ich auch. Das haben wir auf der Schule gehabt. Ich weiß noch ganz genau: ›le canif‹ – das Federmesser.«

Und wollte sich halbtot lachen darüber, daß das Federmesser französisch »le canif« heißt.

Vor jedem Geschäft blieb sie stehen. »Nein, sieh doch nur! Wie elegant!« und fand das Sommerkleid »einfach goldig«, nannte den Sommerhut »ein Gedicht«, und den nächsten »auch ein Gedicht, aber noch duftiger«, lobte einen Crêpe de Chine-Mantel mit Chinchilla, weil er »Klasse« habe, war bereit, mit dem Reisenecessaire und »mit dir natürlich« bis ans Ende der Welt zu fahren, ließ sich von ihm schwören, daß er sie, wenn er den Haupttreffer machte, »nur so« einrichten werde (»ganz modern, versteht sich«) sah ein Porzellanservice, das »aber schon tadellos« sei, wollte 77 Spitzenwäsche: »einmal tragen und sterben!« während ihr ein Perlenhalsband nur ein lakonisches: »Du, für das . . . !« entlockte, dem sie aber schnell und taktvoll hinzufügte: »Aber mein kleines Kreuz ist mir doch noch lieber«, um mit der allgemein sozialkritischen Bemerkung philosophisch zu schließen: »Man müßte eben wahnsinnig viel Geld haben!«

Und sah ihn, wie zum Refrain, nach jedem Ausbruch immer wieder verliebt an. Er schien aber weniger entzückt zu sein. Merkwürdig, wie sich ihm diese Welt verwandelt hatte. War das die Eleganz, die ihm damals, im blitzschnellen Vorüber jener ersten Nacht, wie der Ausdruck gesteigerter Lebensfülle, die Quintessenz sublimiertesten Kulturanspruches gepackt und sein Gefühl im Taumel auf den Höhepunkt kultivierten Gegenwartlebens geführt hatte? Diese sinn- und wahllose Anhäufung von Waren, dieses Nebeneinander von nicht zusammengehörigen Gegenständen, für jeden Geschmack, für jeden Anspruch, für jede Gesellschaftsklasse? Das, was das Wesen der Eleganz ausmacht, vornehme Beschränkung auf das Erlesene, die ruhige Sicherheit, mit der Häßliches, Minderwertiges, Gemeines aus dem Gesichtsfeld ausgeschieden bleibt, fehlte. Gewiß fand sich auch einzelnes, das besser, das sogar gut und sehr gut war, aber das Gute wurde sofort durch die Nachbarschaft des Gewöhnlichen aufgehoben, es verlor sich im großen Haufen des Alltagströdels zur Befriedigung niedriger Bedürfnisse. Sie sah ihm die Enttäuschung an: »Was hast du, Bubi?« fragte sie. »Bist du traurig, daß du kein Geld hast? Ich habe dich auch ohne Geld lieb.«

78 »Nein,« erwiderte er, »aufs Geld kommt es gar nicht an. Nur müßten die Menschen besser sein. Dann wären auch die Sachen schöner, feiner, edler«, und erklärte ihr, wie ihm das Schönste durch eine schlechte Umgebung entwertet würde, und daß das Einfachste schön werden könne, wenn es ganz an seinem Platze stünde. Das leuchtete ihr gar nicht ein. »Ach was!« sagte sie. »Ein schöner Hut ist immer schön, vorausgesetzt, daß die Fasson modern ist und da kann daneben ein Kochtopf mit einem Gemüsegarten hängen. Mit dem zum Beispiel« (sie wies auf ein phantastisch-pompöses Hutgebilde) »wäre ich schon zufrieden. Billig ist er natürlich nicht. Der Preis ist eben doch das Entscheidende.«

Trotzdem hörte sie von jetzt ab auf, alles zu loben, sondern achtete auf seinen Gesichtsausdruck, und wenn sie darin ein Mißfallen zu entdecken glaubte, kam sie ihm zuvor und fing an, die Gegenstände komisch zu finden, und malte nun zu jedem Kleid und zu jedem Hut das Dienstmädchen, die Gouvernante, die alte Jungfer und die Fleischersgattin, die dazu paßte, mit so drastischen Gebärden, daß ihnen die Auslagen der Geschäftsläden aus Anlässen kritischer Meinungsverschiedenheit zu Guckkastenbühnen der menschlichen, besonders der weiblichen Narreteien und Schwächen wurden. Er fand diese Übung lustig, zumal sie sich außerordentlich geschickt dabei anstellte und der Übermut sie herzig kleidete, und er mußte des öfteren hell auflachen, wenn ihr Kindergesichtchen sich drollig verzerrte und verzog. Sein Beifall wieder machte sie sehr vergnügt, und als er ihr vollends zärtlich »Affe!« sagte, entfesselte diese Anerkennung ihrer Gaben den 79 neuerwachten Ehrgeiz derart, daß sie sich gar nicht genug tun konnte und den Kreis ihrer Tätigkeit auf alle ausdehnte, die ihr irgendwie geeignet erschienen, ja bald auf alle Vorübergehenden überhaupt. Denn sie entdeckte plötzlich zu ihrer Verwunderung, daß, wenn man näher hinsah, heute eigentlich jeder etwas merkwürdig Verzerrtes, Karikaturistisches in seinem Wesen trug, und es machte ihr diebischen Spaß, dieses mit einem schnellen Blick aufzufangen, mit einem Augenzwinkern dem verständnisvollen Partner ihres Spieles die Wahl des Objekts anzudeuten und sich dann durch eine kaum merkliche Veränderung des Gesichtes, durch Drehung und Haltung des Kopfes und des Körpers, durch Blick und Gang, durch ein Schlenkern der Arme und der Beine in das ahnungslos vorüberstelzende Opfer zu verwandeln. Ganz ungeniert und keck guckte sie die Leute von oben bis unten darauf an, welche Lächerlichkeit sich ihnen abgewinnen ließe, und mit einem Male hatte sie es heraus, daß fast in jedem die Ähnlichkeit mit irgendeinem Tiere stecke, und nun konnte sie gar nicht mehr anders, wie unter einem Zwange mußte sie in jedem sein Tier entdecken und es für Clemens darstellen. Zunächst hatte sie es auf die Frauen abgesehen und trippelte bald wie ein Hühnchen, trampelte bald breitbeinig, wie eine Kuh, hüpfte geziert wie ein Bachstelzchen, watschelte wie eine Gans, stolzierte wie ein Pfau. Dann kamen die Herren an die Reihe, unter denen sie die Nonchalanten in Affen, die geckisch Aufgeblasenen in Hähne, die Blasierten in Schafe, die Biderben in Elefanten und alle, die sie lüstern anguckten, in Schweine verwandelte. Um schließlich herauszukriegen, 80 daß den vorwiegenden Männertypus doch das Schwein darstellte, für das sie, mit gierig vorgestreckten Augen, schnüffelndem Näschen und einem zart angedeuteten Grunzen einen entzückenden und hundertfach variierten Ausdruck fand.

So kam ihr denn diese Gegend der Stadt, in der flanierende Nichtstuer galante Sitten des Südens, Korso und Straßenflirt, nachzuahmen pflegten und die ihr immer als die feinste der Welt gegolten hatte, an diesem Tage wie eine große Menagerie vor. Sie hatte gar nicht geahnt, wie lächerlich im Grunde alle diese Menschen waren, die zu nichts gut waren, als ihnen eine unerschöpfliche Fundgrube des Amüsements zu bieten. Sie wurde nicht müde, die melancholische Lüsternheit der männlichen, die komisch forcierte und ostentative Lasterhaftigkeit der weiblichen Tierchen zu verspotten. Und verriet, außer ihrer Drolerie, eine nicht geringere Bosheit und Schärfe der Beobachtung, wenn sie ihr Hütchen mit einem kühnen Ruck ganz aufs rechte Ohr schob, den Kopf tief senkte, mit den Armen weit ausholend eine imaginäre Tasche schlenkerte, den Oberkörper einfallen ließ und mit weiten, knieweichen Schritten innerhalb des Rocks ging, um »Linie« zu markieren; und dazu, ganz aus den Augenwinkeln heraus, müde Blicke warf, die zwischen unsäglich frech und unsäglich blöde wechselten.

Zwischendurch aber, immer wieder, unterbrach sie Spielen und Lachen, indem sie sich ganz fest an seinen Arm hing, sich an ihn drückte und ihm, leuchtend vor Glück und Zärtlichkeit, in die Augen sah.

Er sagte: »Und wenn dich deine Bekannten sehen?«

81 »Um so lieber.«

»Die müssen es dir doch ansehen.«

»Sollen sie!«

»Mich stört, wenn ich glücklich bin, jedes fremde Auge. Die Vorstellung, daß sich Fremde Gedanken über mein Glück machen, – und die Gedanken, die sich die Menschen machen, sind immer gemein, – beschmutzt mir mein Glück. Am liebsten möchte ich es ganz heimlich und einsam für mich haben und keine Seele soll darum wissen.«

»Und ich möchte es am liebsten in alle Welt hinausschreien. Alle Welt soll wissen, daß ich dich liebhabe.« Und rief ganz laut, daß sich die Leute umdrehten: »Ich habe den Clemens lieb, den Clemens habe ich lieb!«

Merkwürdig, dachte er sich, wie indiskret eigentlich die Frauen sind und daß sie immer alles affichieren möchten.

»Und jetzt«, dekretierte sie, »habe ich Hunger und wir fahren ins Restaurant. Straßenbahn natürlich, wir müssen sparen und speisen dafür um so besser. Gearbeitet haben wir für heute genug.«

Das Mittagessen verlief in der nur von den oberen Zehntausend, aber von diesen, wie es schien, ziemlich vollzählig besuchten Abfütterungskaserne harmonisch und angenehm. Sie war ganz Dame, unterdrückte die Neigung, sich mit dem Kellner in eine längere Konversation über die finanziellen Details der Speisekarte einzulassen und beschränkte auch die Augenunterhaltung mit den Herren an den Nebentischen auf das noch zulässige Geringste. Mit 82 Vergnügen beobachtete Clemens, welche sichtliche Lust ihr das Essen bereitete, und wenn sie fast die ganze Speisekarte abarbeitete, war es mehr aus Neugierde als aus Appetit. Und es war reizend zuzusehen, wie hübsch und sauber sie aß, mit anmutigen Manieren die flinken Händchen bewegend und die kleinen Finger in zierlicher Beuge auswärts gestreckt. Dabei lief das Mündchen unausgesetzt weiter und sie machte richtige Konversation, auf das munterste bald von den kleinen Ereignissen ihres Tages, bald von Theater und Konzerten, bald von den Sitten und den Erlebnissen ihrer Freundinnen im Geschäft plaudernd. Von eigenen Erlebnissen erzählte sie nichts.

Nach dem Essen saßen sie, ein klein wenig müde und schweigsam geworden, in der Stadtbahn, ruhten, fuhren bis zur letzten Haltestelle, stiegen aus und gingen, an Villenkolonien vorüber, in den Kiefernwald hinein.

Heiß und schwer brannte die Sonne der ersten Nachmittagsstunden herunter, lagerte eine dicke Schwüle, atemhemmend und wie greifbar, auf dem Boden, stand förmlich in der staubigen Luft, troff von den grauen Bäumen, siedete in Adern und Nerven. Clemens fühlte, wie eine unsägliche Müdigkeit ihn überraschte, Macht gewann, Herr über ihn wurde. Er suchte nach Schattenkühle, nach einer Ruhebank, fand aber keine. Unerbittlich schnitten Zäune, Gitter, Mauerwände rechts und links den Weg vom Walde, die breite staubige Straße als dürftiges Almosen an die Allgemeinheit deutlich geschieden vom ungestört privaten Waldgenuß der Besitzenden. Die Allgemeinheit aber rächte 83 sich, indem sie sich zeigte; indem sie die Einsamkeit des Waldes bis in die letzten Schlupfwinkel mit ihrer lauten Gegenwart erfüllte, singend, johlend, mit derben Scherzen und auffälligem Gehaben die Stille des Waldes überschreiend und überall, mit Bergen von Papierfetzen, die schäbigen Reste ihres armseligen Genusses aussäend. Keine Einsamkeit zeigte sich, in die man dieser Dürftigkeit entrinnen konnte: immer wieder zogen Paare, Familien, Gruppen, Trupps, Scharen vergnügt Lärmender, lärmend Vergnügter ihnen entgegen, an ihnen vorüber. Ganz arm kam er sich plötzlich vor und von zwei Seiten ausgestoßen, zu keiner der beiden Welten gehörig, zu niemandem gehörig. Und das Mädel, das da neben ihm ging, war ahnungslos. Natürlich, sie gehörte zu dieser Allgemeinheit, war eins mit ihr, fühlte sich eins mit ihr und war daher sicher, ahnungslos und zufrieden. Er fühlte, wie etwas in ihm aufstieg, und wußte nicht, ob es Ärger war oder diese schwüle Lust, sie zu packen, sie zu küssen, sie zu nehmen, irgend etwas zu tun. Wenn sie nur wenigstens allein gewesen wären; dann wäre alles gleich wieder gut geworden!

In diesem Augenblick wandte sie sich zu ihm und fragte, als ob sie die ganze Zeit nichts anderes beschäftigt hätte: »Du, Bubi, rat' mal, wer ist das?« Richtete sich auf, strich in der Luft einen imaginären Schnurrbart nach oben, kniff die Augen ganz klein und blödsinnig zusammen und schnarrte mit einer unwahrscheinlich hohen Fistelstimme, mit der man Bettfedern hätte schneiden können: »Nun aber lassen Sie mir gefälligst das Mädchen zufrieden! Hören 84 Sie? Und überhaupt: die Natur müßte man dem Pack verbieten, wenn's nach mir ginge!«

Quadderbacke war unverkennbar. Clemens hatte aber keine Lust mehr und dachte: Zu dumm! Einmal ist das ganz hübsch; aber kann sie denn gar nicht aufhören mit diesen Kindereien! und schwieg.

»Na, weißt du!« sagte sie, »das errätst du nicht? Mein geliebter Schwager natürlich. Aber jetzt das! Das mußt du erraten!« Und verfiel auf einmal mit dem ganzen Körper, die Beine schleppten sich kaum, das Gesicht wurde mager, die Augen matt und glanzlos und sandten unter schwerfällig sich hebenden Augendeckeln einen stumpfen, lauernden Blick, und zwei lange knochige Hände zitterten tastend in der Luft herum. »Also wer war das?« insistierte sie beharrlich.

Natürlich hatte er sofort erraten, sagte aber nur kurz: »Ich weiß nicht.«

»Meine Schwester natürlich. Ganz genau.«

»Die könntest du aber wirklich verschonen.«

»Schön. Ich wußte ja nicht, daß du so sentimental bist. Und jetzt nur noch eins! Bitte, bitte, laß mich! Nur das eine noch! Dann höre ich auf.« Und wurde auf einmal ganz kurz und untersetzt, stand beitspurig auf zwei kurzen, stämmigen, weit auseinandergekrätschten Beinen, schob mürrisch ein breites, wulstiges Maul vor, rückte an einer Brille und brummte mit einer tiefen und tonlosen Stimme: »Na warte, bis du erst mal meine Frau bist! Dann sollst du sehen, was ein Mann ist und was Liebe heißt!« wartete einen Moment und sagte dann: »Wer war das? Du kennst ihn 85 zwar nicht, aber das mußt du erraten!« Und als er wieder schwieg: »Aber Dummerl, mein verflossener Bräutigam. Wie du siehst, war er viel netter als du!«

»So höre schon endlich mit diesen Taktlosigkeiten und Dummheiten auf!« fuhr es ihm jetzt jäh heraus. »Kannst du denn gar nicht aufhören?«

Sie sah ihn ganz betroffen an, verstand nicht, zuckte die Achseln und ging voraus.

Eine Weile gingen sie so schweigsam hintereinander. Er spürte, wie die Gereiztheit in ihm immer höher stieg. Mit einem feindseligen Blick streifte er die Vorausgehende. Was ging ihn dieses fremde Mädel an? Was hatte das mit ihm und mit dem Frauenbilde in seinem Innern zu schaffen? Und er stellte sich vor, daß er jetzt statt mit dieser mit Eveline hier in diesem Walde ginge. Wäre bei der eine solche Stimmung jemals möglich, ja nur denkbar gewesen? Nie. Unmöglich. Undenkbar. Ausgeschlossen. Eine weiche, zärtliche Erinnerung überkam ihn, stimmte ihn milder. Auch gegen diese, gegen Lili.

Er rief sie. Sie drehte sich um und sagte schmollend:

»Du, das war nicht hübsch von dir. Ich bin das nicht gewöhnt.«

Daß sie das sagen mußte, gerade jetzt! Er war schon auf dem besten Wege gewesen.

»Was hast du denn schon wieder? Launen, weißt du, dürfen wir haben, aber nicht die Herren. Ich lasse mir von den Herren keine Launen gefallen.«

»Die Herren!« Dieses eine Wort: »die Herren!« 86 konnte ihn rasend machen. Es war, um aus der Haut zu fahren. Soziale Welten klafften in diesem Wort auseinander, tausend Jahre Hörigkeit der Frau, Prostitution, unausrottbares Proletariat, ewige Minderwertigkeit lagen darin.

Sie verrannte sich immer mehr. »Im Gegenteil. Ich bin es gewohnt, daß die Herren sich nach meinen Launen richten. Wenn ich will, müssen sie mir gehorchen. Wie kleine dressierte Schweinchen müßt ihr mir gehorchen. Du auch! Du bist auch nicht anders als die andern.«

»So schweig doch endlich einmal!« und im selben Augenblick tat es ihm auch schon leid.

Im Innersten beleidigt, wandte sie sich ab. Eine Röte stieg in ihrem Gesicht auf, um Augen und Mund zuckte es verdächtig, aber sie erwiderte kein Wort und ging raschen Schrittes weiter.

Und wieder gingen sie eine Weile schweigend hintereinander. Er folgte mit seinen Blicken jeder ihrer Bewegungen, und eine unendliche Rührung stieg in ihm auf. Er stellte sich das Gesichtchen vor, dieses zarte, bewegliche, in dem sich jeder Ausdruck sofort spiegelte, und stellte sich den Schmerz darin vor und fühlte ihn mit, wie wenn er selbst geschlagen worden wäre. Er dachte an Eveline, und es war ihm, als wenn er, indem er Lili gekränkt hatte, auch Eveline ohne seinen Willen etwas zugefügt hätte, das er nunmehr um jeden Preis an beiden gutmachen müsse.

Der Wald war einsamer geworden, die städtischen Ausflügler hatten sich allmählich, je weiter man ins Innere des 87 Waldes geriet, doch ein wenig verloren, nun kamen sie an eine Lichtung und das Ziel schien in der Nähe.

Clemens rief leise: »Lili«, sie drehte sich sofort um, blieb stehen und sah ihn mit einem unsäglich zärtlichen Ausdruck an. »Nicht wahr, Clemens, so etwas kommt nie wieder zwischen uns vor? Versprich es mir. Es war nicht. Nicht wahr, ich darf mir einbilden, daß das nicht war?«

»Ja, Lili,« sagte er und zog sie an sich, küßte und streichelte sie, »verzeih mir! Ich war sehr häßlich zu dir gewesen. Ich weiß selbst nicht, wie das gekommen ist, aber ich konnte nicht anders.«

»Du dummer Bub,« erwiderte sie, »was du auch immer machst, ich kann dir nicht böse sein.«

Und dann setzte sie fröhlich hinzu: »Und jetzt freue ich mich auf den Kaffee. Ich habe ja schon so Hunger!«

»Du, ich auch!«

»Und das war natürlich auch der Grund. Das und die dummen Leute. Die sind in allem schuld. Wenn wir allein gewesen wären, wäre nichts passiert.«

»Oder etwas anderes«, meinte Clemens. »Besseres.«

»Wirst du still sein!« drohte sie. »Ich sage es ja. Die Männer. Einer ist wie der andere. Auch der beste. Und jetzt: Kuß. So. Und hinein! Herrgott, wie viele Leute es doch auf der Welt gibt!«

»Und daß sie zufällig alle gerade da sind, wo wir unsern Kaffee nehmen wollen!« bemerkte Clemens, entdeckte einen Tisch, an dem ein anderes Liebespaar soeben zu zahlen begann, und besetzte ihn.

88 Der Kaffee war, wie Lili vorausgesagt hatte, wie immer das Schönste. Aus dem bunten Tischtuch, den Blumen auf dem Tisch, dem warmen Dufte des Napfkuchens strömte Idyll und Friedlichkeit, und das zärtlich erhöhte Glück ihrer jungen Versöhnung füllte die beiden mit Freude und guten, liebevollen Gedanken. Eng rückten sie aneinander, streiften sich zärtlich mit den Fingern, tauchten Auge in Auge, und die Gegend ringsum, die Leute ringsum störten sie auf einmal nicht mehr, sondern waren ihnen Hintergrund, Folie, Kulissen, Komparserie, Publikum ihres ungeniert sich darstellenden, ungehemmt dahinströmenden Liebesglücks. Die Welt hörte auf, ein Draußen, ein Feindliches zu sein, sondern verschwamm, verfloß, vereinigte sich, ward eins mit ihnen und ihrem Glücke, ein Ozean, in dem sie selig versanken.

Er dachte: Der Augenblick ist schön. Wie schön, daß ein Augenblick reich wie ein ganzes Leben sein kann!

Sie dachte: Der Augenblick ist schön. Wie traurig, daß vorher und nachher ein Leben so arm werden kann!

Er wünschte, diesen Augenblick ausdehnen zu können über sein ganzes Leben.

Sie wünschte, ihr ganzes Leben in diesen einen Augenblick zu pressen und ihn festhalten zu können.

Er fühlte: In diesem Mädel liebe ich mein Leben.

Sie fühlte: Was kümmert mich mein Leben, wenn ich diesen Mann liebe!

Er jauchzte: Wie reich bin ich, daß ich diese habe und mich verschwenden, hingeben, hinströmen kann!

89 Sie jauchzte: Wie arm bin ich, wenn ich den nicht habe, den ich mit beiden Händen umarmen, umklammern, festhalten muß!

Und er spürte in diesem Augenblick Eveline stärker in ihr als je vorher, während sie sich rein, unschuldig und jungfräulich empfand, als ob es nie vorher einen Mann in ihrem Leben gegeben hätte.

Aber Worte fanden sie für all das nicht, und er sagte nur innig, wie wenn er alle Schuld, gewesene und künftige, und alle Schatten mit dem allereinfachsten Ausdrucke des Bekenntnisses bannen wollte: »Nicht wahr, Lili, du bist mir nicht mehr böse? Auch nicht ein bißchen mehr?«

»Böse?« antwortete sie. »Nein, Clemens. Auch nicht ein bißchen. Ich war es ja gar nicht. Und höre zu, Clemens, ich will dir etwas gestehen, es ist vielleicht dumm von mir und ein Mädchen sollte nicht so sein und es wenigstens nicht sagen, wenn sie so ist: denn ich gebe mich damit ganz in deine Hand und du kannst dann mit mir machen, was du willst. Aber ich will ja nichts anderes, und ich bin ja so gerne ganz in deiner Hand. Also: ich kann gar nicht böse sein, überhaupt nicht und auf dich schon gar nicht. Und wenn du mir das Schlimmste antust, werde ich nicht böse, nur traurig, furchtbar traurig sein, daß so etwas überhaupt passieren kann. Und daß wieder etwas geschehen ist, was man nicht vergessen und nicht wegwischen und nicht ungeschehen machen kann. Und eigentlich nur über mich traurig, daß mir das immer wieder passieren kann und ich so gar nicht Herr über mich bin und so völlig außerstande, ein Glück 90 ungetrübt zu erleben und wirklich festzuhalten, und weil ich doch weiß, daß ich sicher irgendwie schuld bin. Denn, weißt du, Clemens, Stolz habe ich gar keinen; ich glaube ja, daß das nicht schön und richtig ist, wenn ein Mädchen so gar keinen Stolz hat, aber ich will nicht einmal einen haben, ganz demütig will ich vor dir sein und wünsche nichts, als so zu sein, wie du wünschest, daß ich bin. Nichts anderes will ich, als dir recht sein.«

Sie schwieg, und er sah sie an, weich geworden und im Innersten von der schlichten Wahrheit ihrer Worte gerührt.

Sie fuhr fort: »Und, weißt du, Clemens, weil ich dir schon alles sagen muß und nichts zurückbehalten will, sollst du auch das von mir wissen. Bei aller Demut bin ich herrschsüchtig: Nicht stolz, verstehst du mich, aber maßlos herrschsüchtig. Ich will herrschen, gebieten, befehlen. Auch über dich. Das hat nichts damit zu tun, daß ich mich ganz in deine Hand gebe und deinen Willen über mir spüren will, das ist ganz etwas anderes. Ich will – ich möchte – ja, ich weiß selbst nicht recht was: spüren will ich, daß du mir gehorchst, daß du machen mußt, was ich will, daß ich Einfluß auf dich habe und dich verwandeln kann, und wenn ich befehle, mußt du gehorchen und zu meinen Füßen liegen, und wenn ich es wünsche, mußt du ganz wild und wüst und wie ein Tier sein, aber nur, wenn ich es wünsche, hörst du? Und dann wieder ganz zart und sanft, wenn ich es wünsche. Immer so, wie ich es will. Wenn ich nur den kleinen Finger hebe, siehst du, mußt du das schon verstehen, und wenn ich dich damit berühre, mußt du genau das sein, was ich mir in dem 91 Augenblick von dir verlange. Willst du, du liebes, kleines Tierchen du?«

Er nahm ihren kleinen Finger und küßte ihn. Und hätte gern die ganze Hand und noch mehr genommen.

Sie aber zog die Hand, scheinbar schmollend, zurück. »Nun sieh einmal, wie du bist! Mich läßt du reden, und ich sage dir alles von mir, auch das Geheimste, und sage dir Dinge, bei denen ich mir sonst eher die Zunge abgebissen hätte, als daß ich sie irgendeinem Menschen anvertrauen wollte, und du erzählst mir nichts von dir, auch nicht das kleinste Geheimnis. Liebst du mich denn nicht? Oder hast du kein Geheimnis?«

»Doch«, lachte er. »Ich habe auch eins. Es gibt kein Leben, in dem nicht irgendwo Dunkles und Verschwiegenes ist. Aber ich sage es nicht. Es würde dich auch nicht interessieren. Männergeheimnisse schauen anders aus.«

»Glaubst du?« erwiderte sie. »Ich nicht. Ich glaube, es läuft doch immer auf dasselbe heraus, bei euch wie bei uns. Aber sag' mir's doch. Mich interessiert alles, was dich angeht.«

»Nein, Kind,« sagte er, »meines hat wirklich nichts mit Liebe zu tun. Im Gegenteil. Denn eigentlich bin ich nicht um der Liebe willen in diese Stadt gekommen. Sondern habe einen Auftrag von meinen Freunden zu Hause, die jung und Studenten sind wie ich, an gleichgesinnte Landsleute hier. Denn so einsam ich auch lebe, so leide ich mit meiner unterdrückten Nation, und wenn ich auch alle Politik hasse, liebe ich die Freiheit wie ein Mädchen und bin bereit, mein Leben für sie hinzugeben. 92 Aber nicht jetzt. Jetzt nicht. Was hat das alles mit dir und unserer Liebe und dem herrlichen Jetzt und dem Glück dieses Sommertages und dem leise herandämmernden Abend zu tun. Lilikind, jetzt laß uns nur glücklich sein und alles andere vergessen!«

Mit weit aufgerissenen, flammenden Augen flehte sie ihn an: »Erzähle!«

»Ich kann nicht«, wehrte er ab. »Glaubst du, ich leide nicht darunter, daß ich nicht vergessen kann. Und wenn ich es manchmal kann, leide ich erst recht. Jetzt aber will ich glücklich sein.« Mit einer plötzlichen Härte des Tons, die jede weitere Frage abschnitt.

Und dann wieder ganz weich, flüsternd, bittend, bettelnd: »Komm mit mir, Lilikind, in den Abend hinaus!«

Seite an Seite eng geschmiegt, hörten sie nichts, sahen sie nichts, spürten sie nichts als einander.

»Du, Lili,« begann er, »mir ist es, als hätte ich das schon einmal genau so erlebt. Den abendlichen Wald und dieses Gehen Hand in Hand mit dir durch die schweigende Sommernacht, und weitab von uns Stadt und Welt im ewigen Nichts versinkend. Aber tausendmal schöner heute, weil du wirklich bist und ich deine wirklichen Hände halte und deinen warmen Mund küsse und spüre, daß du mein bist, ganz wirklich mein, und leibhaft mir gehörst, mit Leib und Seele.«

»Und hast mich,« antwortete sie, »du Böser, so lange warten lassen, und ich habe dir nachlaufen und um dich werben müssen, als wenn ich der Bub wäre und du das Mädel. O, ich habe mich ja so geschämt und habe doch nicht anders 93 können und habe es auch gern getan, denn ich habe es ja gewußt, daß du mir gehören mußt und mein werden mußt, ob du dich sträubst oder nicht. Und nun lasse ich dich nicht mehr und du gehörst mir und bist mein. Sag' es: Bist du mein?«

»Ja,« jauchzte er, »und du, sag' du es auch, bist du mein?«

»Ja,« sagte sie leise, »dein!«

»Ganz?«

»Ganz dein!«

»Und du schenkst dich mir und ich darf dich nehmen?«

»Du darfst alles. Nimm mich! Was geht mich die Welt an? Ich kenne nichts als dich. Ich weiß von nichts als von dir. Mache mit mir, was du willst!«

»Und wenn dein Schwager uns hindert?«

»Der?« sagte sie und ihre Stimme wurde ganz bleich und heiser, »der soll sich's einfallen lassen! Nicht ein Wort darf der reden! Den überlaß nur mir!«

Er sank, im Dunkel des Weges, vor ihr nieder und sie legte mit einer seltsam feierlichen, nachtwandlerischen Geste den kleinen Finger ihrer rechten Hand an seinen Kopf; und er küßte ihre Füße, zog sich an ihr empor, riß sie in seine Arme und übersäte sie mit wilden Küssen. Wie leblos hing sie in seinem Arm und ließ seinen Sturm über sich ergehen. Bis sie auf einmal mit einem jähen, wilden Ruck ins Bewußtsein fuhr und mit einem seltsam fremden, kurzen Ton, der wie aus einer andern Welt zu kommen schien, sagte: »Komm jetzt! nach Hause!«

94 Er tastete nach ihrer Hand, hielt sie. Sie wiederholte: »Komm jetzt!«

In wenig Schritten waren sie am Bahnhof, fuhren, ohne es zu wissen immer noch Hand in Hand, heimwärts, lautlos, wortlos. Und gingen ebenso, hastig, fast laufend, bis sie an die ihrem Hause nächste Straßenecke kamen. Da hielten sie beide, wie von selbst.

»Darf ich kommen?« fragte er.

»Heute schon?« Und hob ihr Köpfchen und sah ihn mit einem unsäglich erschreckten, unsäglich bittenden Ausdruck an. »Um Gottes willen, nein! Liebster, ich bitte dich, mache mich nicht unglücklich! Schau, ich will ja dein sein, ich will dir gehören, ich will alles, was du willst, aber heute noch nicht, Geliebter, heute nicht. Ich verspreche dir, ich schwöre es dir, ich will so zärtlich zu dir sein und dich liebhaben und dich glücklich machen, aber heute schone mich noch, ich beschwöre dich, heute noch nicht. Nicht wahr, du weißt, daß ich dich liebhabe, so zärtlich, wie dich noch kein Mensch liebgehabt hat, und du bist mir nicht böse, nicht wahr? Aber glaub mir's, ich kann nicht, glaub mir's, wenn ich dir sage, daß ich nicht kann. Und zum Zeichen, daß du mir nicht böse bist, gib mir noch einen guten Kuß und glaube an mich! Gute Nacht, du lieber, guter Mensch!«

Er küßte die Tränenüberströmte noch einmal, zärtlich, still, vielleicht ein wenig traurig.

»Gute Nacht, Lili, schlafe süß!«

»Gute Nacht, Clemens. Du auch. Und habe Dank 95 für alles. Auch für das liebe kleine Kreuz. Es hat mir Glück gebracht. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Er wartete einige Minuten, bis er von der Gasse aus bemerkte, daß das Licht in ihrem Zimmer aufflammte. Dann ging er leise die Treppen hinauf, öffnete sein Zimmer, zog sich, ohne hell zu machen, aus und warf sich aufs Bett. Todmüde, die Erinnerung des Tages mehr im Gefühl als in den Gedanken, und bereit, sofort einzuschlafen. Auf einmal, schon halb im Traume, fühlte er einen heißen Mund an seinem Mund, zwei weiche Arme schlangen sich um seinen Hals und die Wärme eines jungen Körpers preßte sich an den seinen.

»Lili!«

»Geliebter!«

 

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