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Clemens und seine Mšdchen

Arthur Kahane: Clemens und seine Mšdchen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens und seine Mšdchen
authorArthur Kahane
year1918
firstpub1918
publisherErich ReiŖ Verlag
addressBerlin
titleClemens und seine Mšdchen
pages129
created20120131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11.

Sie hielt Wort, mehr fast, als ihm lieb war. Kaum daß er sie zuweilen flüchtig und blicklos im Korridor vorüberhuschen sah. So wurde es in den nächsten Tagen ganz still in der Wohnung. Frau Quadderbacke war noch unsichtbarer und unhörbarer als sonst. Und nur, wenn Quadderbacke, auf die Sekunde pünktlich, zweimal täglich, nachmittags und nachts, den Ärger seiner Amtsstunden in seine Häuslichkeit verpflanzte, hörte man das Gepolter seiner Türenbehandlung, und, während seiner schnellen Mahlzeiten, den scheltenden Diskant seiner schneidend schneidigen Kommandostimme. Dann schlief er, und es wurde wieder ruhig, bis auf das Schnarchgeräusch, das seiner ganzen Persönlichkeit so unbedingt zuzutrauen war, daß man es durch alle Wände hindurch zu vernehmen vermeinte.

Clemens genoß diese Ruhe ganz behaglich. Um so mehr, als auch sein Zimmer allmählich eine gewisse Behaglichkeit anzunehmen begann. Es schien sich langsam zu verwandeln. Irgendeine kleine Veränderung war täglich zu bemerken. Ein freundliches Deckchen auf dem Tisch, eine zierlichere Anordnung der Geräte, hier und dort ein neuer Gegenstand, eine Vase, ein Aschbecher, nicht ohne Geschmack gewählt. Die schlechten Öldruckbilder waren eines Tages durch ganz annehmbare Steindruckblätter ersetzt. Eine ordnende Hand sonderte Wäsche und Anzüge, sorglich geglättet und gebügelt, 60 hielt seine Bücher in Reih und Glied, die Papiere auf dem Schreibtische vom Staube rein. Wenn er morgens nach dem Frühstück heimkehrte, grüßte ihn eine frische Blume im Blumenglase, abends fand er eine gefüllte Obstschale auf seinem Tische. Alle seine kleinen Gewohnheiten waren bemerkt worden und wurden berücksichtigt. Er pflegte, wenn er nachts nach Hause kam, für seine Arbeit, zu der er am liebsten die ersten Nachtstunden nutzte, noch einmal Kleider und Schuhe zu wechseln; jeden Abend stand ein zweites Paar Schuhe, sauber gebürstet, vor dem Bette, lag, handlich ausgebreitet, der bequemere Hausrock vorbereitet da. Der Tisch war zierlich gedeckt und auf der Silberplatte, neben der Obstschale, die Karaffe mit frischem Wasser, ein mit seinen Lieblingszigaretten reichlich gefüllter Becher nicht vergessen.

So fühlte er sich von einer mütterlichen Fürsorge eingesponnen und konnte sich nicht verhehlen, daß er sie dankbar empfand. Natürlich spürte er Lilis Hand darin: die vergrämte Frau Quadderbacke sah wahrhaftig nicht so aus, als ob unter dem Kreuz ihres Hausstands und ihrer Ehe der Sinn für die kleinen Wünsche anderer gedeihen könnte. Wenn's aber Lili war, so war das sehr nett von ihr. Aber er konnte es doch nicht so ohne weiteres einstecken. Irgendwie mußte er sich doch für ihre Aufmerksamkeiten erkenntlich erweisen. Aber wie ihr danken? Wenn sie's am Ende doch nicht war, wäre der Dank nur eine neue Beschämung für sie, und beschämt hatte er das arme Mädel nun wirklich nachgerade genug. Anfangen konnte er also 61 mit dem Dank nicht. Er mußte etwas anderes finden, einen Ausweg, einen Umweg. Und er fand ihn. Bevor er ihr dankte, mußte er das andere aus der Welt schaffen: die Kränkung, die sie erlitten hatte. Daß sie schuld daran hatte, daß er recht gehabt hatte, darauf kam es nicht mehr an. Es kommt ja überhaupt nicht darauf an, daß einer recht hat, sondern darauf, daß Menschenwürde nicht gekränkt wird. Und sein Entschluß, gutzumachen, war gefaßt.

 

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