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Clemens und seine Mädchen

Arthur Kahane: Clemens und seine Mädchen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens und seine Mädchen
authorArthur Kahane
year1918
firstpub1918
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
titleClemens und seine Mädchen
pages129
created20120131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Draußen wurden Schritte laut. Rasche, flüchtige, zwei Kinderfüßchen, aber auf und ab, auf und ab, wie eines ungeduldig Wartenden. Schnell kleidete er sich an und ging auf den Korridor. Lili war es, die bereits vollständig angezogen sich im Korridor aufhielt. Sie erschrak, als sie ihn erblickte, und wollte in ihr Zimmer flüchten. Er bat möglichst ernsthaft: »Treten Sie doch einen Augenblick bei mir ein! Ich möchte Ihnen etwas sagen.« Es klang weniger streng, als er wollte.

Lili folgte, gehorsam. Er sagte, als sie in seinem Zimmer waren: »Nehmen Sie doch, bitte, Platz!« Sie blieb an der Türe stehen, das Köpfchen gesenkt, bis in die Schläfen hochrot und ganz verlegen vor dem Blut, das sie in ihren Wangen fühlte. Und dann sagte sie, kaum hörbar, und das Köpfchen verkroch sich immer tiefer: »Ich schäme mich so vor Ihnen.«

Am liebsten hätte er geantwortet: Ich mich auch. Für Sie. Daß Sie sich vor mir schämen müssen. Aber er sagte nichts, führte sie an den Tisch und wies auf den Stuhl. Dann saßen sie beide und schwiegen.

Innerlich aber fand er die Situation lächerlich und sein Zartgefühl deplaciert. Er war gewiß kein Richter und kein Lehrer, und ließ jeden sein und tun, wie er wollte. Aber schließlich, Gemeinheit ist Gemeinheit und Verrat ist 55 das ärgste; das einzige, das er nicht verzieh. Warum sollte er ihr das nicht sagen? Nicht um sie zu bessern, das war wohl kaum mehr möglich, sondern um sich zu entlasten: sonst fraß der Wurm weiter. Also heraus damit!

Er konnte aber nicht. Er sah sie an und fand sie eigentlich rührend. Er entdeckte, daß er ihr heute, trotz allem, was sie ihm angetan hatte, Verrat, Lüge, Verleumdung, trotz der heillosen Situation, in die sie ihn gebracht hatte, weniger böse war als gestern, da sie ihm doch eigentlich noch nichts getan hatte. Wie geprügelt sah das arme Ding aus. Es mußte wohl auch so was gewesen sein. Jedenfalls, das war keine Komödie. –

Dann sagte er irgend etwas: »Ihr Schwager ist wohl sehr strenge?«

Sie nickte lebhaft.

»Er bestraft Sie wohl? Schlägt Sie am Ende gar?«

Sie wurde noch röter, nickte noch heftiger.

»Aber wie darf er denn das? Wie darf ein Mensch einen anderen schlagen?«

»Er tut's aber doch.« Er sei so furchtbar moralisch, habe so unglaublich strenge Grundsätze. Wenn's nach ihm ginge, dürfe sie mit keinem Menschen auch nur sprechen. Am liebsten halte er sie eingesperrt, um ihr nur alle Welt fernzuhalten. Sie soll nur nichts von der Welt wissen und nichts vom Leben erfahren. Er möchte sie in völliger Unwissenheit erhalten. Dagegen freilich, daß sie mitverdiene, habe er nichts. Aber ein Mensch, der arbeite und sich sein Brot selbst verdiene, habe doch auch ein Recht auf 56 Selbständigkeit. Das wolle er nicht einsehen, und er sei so furchtbar energisch: gegen seinen Willen sei nicht anzukommen.

»Ach was! Schlagen darf er Sie nicht. Das dürfen Sie sich nicht gefallen lassen. Sich schlagen lassen ist menschenunwürdig, ist würdelos. Ein Mensch, der sich schlagen läßt, ist zu allem fähig. Dann ist es ja kein Wunder, daß Sie zu allen Waffen greifen: zur Lüge, zur Verleumdung, zum Verrat. Dann werden Sie ja förmlich hineingetrieben, zur Gemeinheit gezwungen und gezüchtet.«

Er erstaunte über sich selbst. Das ist ja mehr Plaidoyer, dachte er, als Anklage. Sie hat ja mich verraten; ich habe sie doch nicht geschlagen.

Und er fuhr fort: »Und was hätten Sie getan, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte? Wenn ich Ihrem Schwager rundheraus erklärt hätte, alles, was Sie erzählt haben, ist Verleumdung, Sie haben mich ins Zimmer hineingezogen, sich mir an den Hals geworfen, und nicht Sie haben sich meiner, sondern ich mich Ihrer erwehrt?«

Wie er das ausgesprochen hatte, schämte er sich. Wie Peitschenhiebe klang es, so roh und brutal. Aber nun war es draußen. Er sah sie an.

Sie hob den Kopf und schaute ihm ins Auge. »Ich wußte, daß Sie das nie tun würden. Jeder andere hätte es getan. Sie nicht. Das wußte ich ganz bestimmt.«

Sie sagte es ganz einfach und still.

»Also, gerade deshalb, weil Sie es wußten, haben Sie das getan? Aber gerade deshalb hätten Sie es nicht 57 tun dürfen. Wenn Sie mich also für weniger anständig gehalten hätten, hätten Sie mich geschont? Und weil Sie mich für anständig gehalten haben, haben Sie mich dafür bestraft und mir das Ärgste angetan, was Sie mir antun konnten. Denn Verrat ist das Ärgste. Nichts trifft mich so tief und reizt mich so auf wie Verrat. Eine Frau, die mich verrät, die mein Inneres ausspäht und es anderen ausliefert, tut mir tausendmal Schlimmeres, als wenn sie mich betrügt. Denn Betrug ist ein Vergehen gegen den Besitzwahn, Verrat aber Sünde gegen den heiligen Geist, gegen mein geheimstes Ich, gegen meine Seele. Warum haben Sie mir das angetan?«

»Warum? Warum ich das getan habe?« schrie sie auf. »Weil ich Sie mit Gewalt dazu bringen wollte, gegen mich anständig zu sein. Weil ich das einmal erleben wollte, ein einziges Mal, daß ein Mensch sich gegen mich anständig benimmt. Und von Ihnen wollte ich es erleben, nur von Ihnen, von keinem anderen. Sie wissen ja nicht, was ich schon für Schlechtigkeit erfahren habe. Sie sind der erste Mann, zu dem ich aufschauen, zu dem ich beten möchte. Und darum wollte ich schlecht sein, ganz schlecht, nur damit Sie um so besser und anständiger vor mir dastehen. Darum. Jetzt wissen Sie's. Und jetzt weiß ich, daß das ganz dumm von mir war, und daß Sie mir das nie verzeihen werden. Und schäme mich so, daß ich Ihnen nie mehr in die Augen werde schauen können.«

Und er schämte sich bei diesem Ausbruch mit ihr und nicht viel weniger als sie. Und so saßen sie beide da, ganz 58 still, und trauten sich nicht zu reden, und trauten sich nicht, die Augen aufzuschlagen.

Nach einer Weile stand sie auf und sagte: »Nun werde ich gehen. Und ich möchte Sie nur noch bitten, wenn Sie können, seien Sie nicht mehr ganz so böse auf mich, wie ich es verdiene. Ich werde Sie gewiß nie wieder belästigen. Aber vergessen Sie nicht, ich bin ein dummes Mädel und weiß nicht, was sich gehört, und weiß nicht, was recht ist, und darüber, was gut und was schlecht ist, habe ich mir eigentlich nie viel Gedanken gemacht. Ich habe mir eingebildet, daß Sie der einzige Mensch sind, von dem ich das erfahren werde und alles andere auch. Das ist nun aus. Und vielleicht werde ich es doch noch durch Sie erfahren, auch ohne daß Sie es mir sagen werden. Bloß, daß Sie da sind. Und vielleicht ist das die Hauptsache, und das andere ist nur gar nicht so wichtig, wie ich mir jetzt einbilde. Jedenfalls: verraten werde ich Sie nie. Und haben Sie Dank für alles!«

Sie tat ihm unendlich leid. Am liebsten hätte er ihren Kopf genommen und ihr einen Kuß gegeben. Aber er dachte in diesem Augenblick an Eveline, schämte sich und gab ihr keinen Kuß. In der Türe blieb sie stehen und grüßte ihn noch einmal mit traurigen Augen. Er ging ihr nach, gab ihr freundlich die Hand und sagte: »Auf Wiedersehen, Lili!«

Aber nachts träumte er von Herrn Polizeikommissär Quadderbacke und seinem Schnurrbart, der kräftiger hinaufgestrichen war als je. Er trug eine glänzende Galauniform, an der rückwärts zwei mächtige schwarze Flügel 59 angenäht waren, und in der ausgestreckten rechten Hand ein flammendes Schwert.

 

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