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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Liebe Bettine.

Ich kann für Deinen lieben Brief Dir nicht besser danken, als wenn ich Dir sage, daß ich die Woche nach Ostern bei Dir in Offenbach bin, Du kannst Dich insgeheim für Dich drauf freuen, denn Du weißt nur mit mir allein, daß ich komme. Ich habe heute einen Brief von der Großmama erhalten, sie hält viel von Dir und möchte alles auf Dich übertragen, was ihr wünschenswert scheint, sie hat mir wieder ihren Wunsch geäußert, Du möchtest Latein lernen. Du kannst es ja ihr zur Liebe eine Zeitlang lernen. Obschon die Sprache nichts enthält für Menschen und Vieh, sie ist hölzern und eingebildet, mit einer Wohlbeleibtheit, die in ihrer langen Toga sich auf den Bauch schlägt, um auf ihre Würde anzuspielen, und der Klang, der dabei herauskommt, ist ihre ganze Wohlredenheit; die Großmutter läßt von dem Gedanken nicht los, Deine Sprachfähigkeit durch Latein auszubilden, ich hab ihr vorgeschlagen, sie soll Dich lieber die Derwisch-, Fakiren-, Bonzen- und Braminensprache lassen lernen, wo soviel grillenhafte Superfeinheit drin ist, die an die mehrere hundert und zwei und neunzigsilbige Wörter grenzt und eine Rangordnung eingeführt hat der Konsonanten als Aristokraten, die den bürgerlichen Vokalen gar den Eintritt nicht gestatten nd lssn ns s ws hnn gfllt xpngrn ns brll, s dß mnchml n wrrwrr ntstht dß kn Tfl drs klg wrdn knn. Gib Dir Mühe, der Großmama das Leben soviel als möglich zu versüßen, und lieber als ein bißchen Latein gelernt, ihre Begeisterung dafür kann unmöglich lang dauern, doch ist's schön, daß ihre Seele immer nur im Gewand des Erhabnen sich wohl fühlt, und wir können beide uns drüber freuen. Denn in welcher Luft könntest Du besser atmen als da, wo der Gemeinheit Dorn und die Nessel böser verleumdrischer Zungen nicht wachsen kann. Die Großmutter schreibt mir auch von Mirabeau, gegenüber stellt sie den Grandison als Ideal eines sittlich moralischen Charakters, das grenzt ans Komische. Sie läßt sich von Dir die Abhandlung Mirabeaus über Staatsgefängnisse übersetzen und schreibt, daß es Dich sehr interessiere. Das hab ich nicht von Dir geahnt. Aber Kind, ist es nicht etwas Einbildung oder Eitelkeit von Dir? – So oft haben wir in vertrauten Gesprächen alles vom Herzen weggeplaudert, was uns lieb und leid war; – und meine Seligkeit war abends auf dem Heimweg, daß ich mich besann über Dich! – – wie auf dem Grund eines Sees die Fische mutwillig durcheinander spielen, so konnt ich Deine Gedanken spielen sehen auf dem klaren Grund Deiner Seele! und war mein einzig Glück, und nun klingt's anders. Und ich lausche in die Nacht hinein, und ich höre Mirabeau, Pétion, Mercier; das lautet ja wie die dumpfe Sturmglocke, nein das ist ja nicht das sanfte Läuten meiner Abendglocke, wo Du die Gedanken ausfliegen ließest wie Bienen nach den Feldblumen? – Bedenke liebstes Kind, daß Denken die Heimat der Seele ist, und suche nicht nach fremden Regionen, wo Dein Schutzengel Dich nicht zu finden ausging. Ein sich Daheimfühlen im innersten Dasein ist die Region, in der wir in schuldlosem Bewußtsein am Quell des Vertrauens und der Weisheit schöpfen, das heißt: Denken.

Es ist Nacht geworden während dem Schreiben, da ging ich noch weit ins Feld, da liegen noch einzelne Schneedecken über der Saat, das Hessenland ist ein rauhes Land. Bei Dir ist alles wohl schon viel frühlingsmäßiger, ich freu mich doch auf Dich recht herzlich und hab auch keine Angst, daß Du nicht dieselbe sein könntest, die Du immer warst. Es ist ein so heller Morgen heute, da sitz ich am Schreibtisch, und der Hahn kräht schon zum drittenmal, das flößt mir ein recht Vertrauen ein in die Zukunft. Ich werde recht oft nach Offenbach kommen und alles tun, um die Zeit recht innig mit Dir zu verbringen. Es wird doch wohl eine Zeit kommen, wo ich selten von Dir entfernt bin und wo wir alles zusammen denken. Denken, was heißt das, es ist die einzige Vermittlung mit dem Göttlichen. Es stellt sich gleich eine Säulenreihe um Dich auf, und ein Tempel wölbt sich über Dir, und Dein Gedanke durchduftet ihn. Das ist Denkseligkeit – Gedankenlosigkeit ist Unseligkeit. Aber Du wirst gewiß noch recht glücklich werden und ich auch, aber das wird nur dann sein, wenn wir dem Bedürfnis genügen unserer Seele, das können wir alleine durch Bildung. Wenn ich was weiß und so in mir gerüstet bin, daß ich auch von jedem Punkte aus, ich mag sein, wo ich will, und vom Schicksal eine Aufgabe habe, sie zu lösen verstehe und darin mir selber genüge und der Kunst. Das ist Bildung! – Der Mensch ist auf Erden, sich zu bilden und dann wieder die Welt.

Jetzt kommt der Frühling, da sitze ich abends oft am Fenster, ich wohne in einem Garten, klimpere ein wenig auf der Gitarre und singe auch wohl das Lied »Vien qua Bettina bella« etc.; in den Garten kommen oft einige Kinder, mit denen ich spiele, die zwar ein bißchen dumm sind, aber doch gesund und treu. – Ehe ich weggehe, werde ich den Kindern ein Fest geben, auch eine Schwägerin von Rossi hat drei artige kleine Mädchen, die gegen die schwarzen Rossibuben wie Engelchen gegen Teufelchen aussehen, so schwarz sind diese kleine Italiener, besonders ist das älteste Mädchen, etwas jünger als Loulou, sehr sanft und hold; sie hat den seltsamen Namen Anonciata, Verkündigung. Namen sind oft recht einladend, der Deinige zum Beispiel. Diese Kinder nun, die in einem traurigen schmutzigen Hause wohnen und mit ebensolchen Menschen, haben doch ein kleines Fleckchen rein- und schönzumachen gewußt. In dem kleinen Hof steht ein Baum, um den herum haben sie sich ein äußerst niedliches Gärtchen gebaut, so groß wie ein großer Tisch, in diesem Garten nun stehen Butterblumen, Veilchen, Buchs und dergleichen, gleich daneben haben sie sich Tisch und Bank errichtet und sitzen beisammen, wenn die Sonne scheint unter einer Art Laube, die sie durch in die Mauer gesteckte Tannenzweige zusammengeflochten haben. Ich habe gestern lang mit ihnen gesessen, ihnen erzählt und während sie allerlei bunte Perlen und Schmelz in Schnüre fädelten, womit sie ein kleines Handelspiel treiben, ihnen Klostereier gemalt. – Das ist so mein Zeitvertreib, und sie wird mir jetzt lange, bis ich bei Dir bin. Nimm dies als eine kleine Gegenerzählung für Deinen Bericht von dem Veilchen, der ist aber schöner, und ich finde es auch ganz natürlich, daß Du gern mit dem Veilchen das Kleid fertigsticken willst, aber ich meine doch, es wird besser sein, wenn Du nicht am Morgen so früh Dich vom Haus entfernst. Hast Du nicht zufällig den Herrn Hofmeister begegnet, der Dir den Verdruß machte bei der Tante, böse über Dich zu reden? – Nun könnten doch noch andre Leute Dir begegnen, die auch darüber reden könnten.

Dein Clemens.

Weil ich die Ostern nicht komme, sondern erst acht Tage später, so erwarte ich noch einen Brief von Dir, Du wirst ja doch wohl die zwei Sonntage recht still zubringen. Die Leute werden alle spazierengehen, und Du wirst aus dem Fenster sehen und sie in ihrem Putz die Straße hinab-, dem Tor hinauswandern und dann auch wieder heimkommen sehen. Aber in der Zwischenzeit kannst Du schreiben bei Deinem Strauß, den Du doch gewiß im Glas zu stehen hast.

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